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Geschichten über das Sein - Teil 2

Wechselwedding


Für Ursula war es ein eher ruhiger Arbeitstag in der Bäckerei. Sie selber würde ihn als »langweilig« klassifiziert haben, war sie doch eine lebhafte, eher sogar quirlige Frau. Sie räumte und putzte hinter der Bedientheke hin und her, als Martha, die eigentlich schon pensionierte Hilfskraft, die die vorgebackenen Backlinge bestreusselte und ausbuk und gegebenenfalls bezuckerte und das Gebäck einräumte, hie und da auch verkaufte, aus dem Lager ins Geschäft kam. Die beiden Frauen machten einige kritische Bemerkungen und bissige Scherze über den Geschäftsgang, über den Geschäftsführer und über die möglichen Qualitäten und Fehler der männlichen Geschäftsbesucher (viele waren das ja nicht) sowie Passanten und Spaziergänger vor dem Einkaufszentrum.

Johann Sebastian Höllmüller, der kurz zuvor ganz schön lange im Geschäft gewesen war, wurde nicht angesprochen, so nachhaltig nicht angesprochen, als gäbe es keinen Menschen dieses Namens, so nachhaltig verschwiegen, dass dieser Umstand fast gegenwärtiger war als die Bilder der Männer, über die sie eifrig lästerten. Ich denke, die anderen Mannspersonen wurden - um hier einen Ausgleich zu schaffen - sehr malerisch und umfangreich ausstalliert. Ursula war dankbar, und jegliche Gefahr, dass das Gespräch peinlich werden könnte, schien endgültig gebannt, als Martha zum Thema »Hochzeit« wechselte. Die kleine, runde Gehilfin selbst war verheiratet mit einem noch kleineren, verdorrten, kettenrauchenden Männlein, das sie in der Öffentlichkeit ununterbrochen herumkommandierte und -hetzte. Für Ursula stand trotzdem außer Frage, dass sich die beiden gefunden hatten, zueinander passten, aneinander hingen, auch wenn die entsprechenden Mechanismen von außen nicht erkennbar waren.

»Die G´fraßter (Männer) wollen sowieso immer nur das Eine«, rezitierte Martha, »und kaum haben sie das, schwuppdiwupp, sind sie auf Nimmerwiedersehen entfleucht!«. Ursula sagte gar nichts. Für Martha konnte diese Erfahrung ja kaum zutreffen. Soweit sie wusste, war die mit ihrem Mann seit frühesten Teenagerzeiten zusammen, Kinder hatten sie allerdings keine. Für Sie selber stimmte das auch nicht. Johann Sebastian - »Tschisi« nannte sie ihn - war ihr immer mit Respekt und Liebe begegnet. Aber dann hatte er sich selber verloren, gejammert, gezweifelt, gezürnt, gestritten. Nicht mehr auszuhalten war er gewesen, und im gemeinsamen Exzess hatten sie sich gegenseitig zur Trennung aufgefordert. Sie hatten sich auch schnellstmöglich scheiden lassen, beide stolzerfüllt, und Tschisi war einfach gegangen, hatte ihr alles gelassen, hatte um nichts gestritten. Nichts hatte sie klären können damals. Verachtet hatte er sie, so hatte sie es damals gespürt. Heute war das ganz anders gewesen. Eine milde, starke Freundlichkeit, Offenheit. Naja! Was war, das war! Was ist, das ist!

»Heiraten hat seine Unschuld verloren«, konstatierte Martha wichtig, »als es um Vermögen zu gehen begann. Wahrscheinlich war es immer mehr Wirtschaftsgemeinschaft als reine Liebe. Für die Kinder war es sicher auch besser, gleichbleibende Bezugspersonen, feste Eltern zu haben. Aber ab dem Augenblick, ab dem geheiratet wurde, um Reichtümer zu gewinnen, zu vermehren, zu sichern, ab dieser Zeit ging es bergab!« Ursula stimmte ihr wohl zu, aber »diesen Augenblick«, den hätte sie nicht einzuordnen gewusst. Der lag wahrscheinlich sehr, sehr weit in der Vergangenheit, in den Ursprüngen der Einehe, gleich in welchem Kulturkreis. »Schau Dir einmal die ganzen Shakespeare-Dramen an!«, lästerte Martha weiter: »Immer geht es ums Geld, um Macht. Liebe? Ehre? Ja angeblich. Gold und Geld, ja sicher!«

Ursula sagte weiterhin nichts, Martha schimpfte weiter, ohne wesentliche neue Höhepunkte allerdings, was Ursula seltsamerweise fröhlicher und fröhlicher werden ließ. Auch Martha wurde übermütig und stieß schließlich mit einem grinsenden Glucksen heraus: »Hast Du schon einmal die Geschichte vom Hochzeitshansi gehört?« Ursula vermeinte, sich erinnern zu können, ersuchte aber, ihr die Begebenheiten nochmals zu erzählen. Und so begann Martha:


Halt! Ich weise jetzt schon darauf hin, dass ich zu dieser Geschichte einige Klarstellungen und Erklärungen machen muss. Ich schreibe da als Mann über die Kommunikation zwischen Frauen. Es war mir schon klar, wahrscheinlich aber nicht gegenwärtig genug, dass ich das als alter weißer Mann nicht können werde. Eine rücksichtsvolle Rückmeldung einer lieben Freundin, Andrea ist ihr Namen, die Tapfere, hat mir aber klar gemacht, dass ich mich da nicht irgendwie durchschummeln kann. Ich werde deswegen am Ende dieser Erzählung Erklärungen versuchen. Jetzt aber weiter zu Marthas Darbietung, und eine solche war es für Ursula, unerwartet:

»Im Seitental, Richtung Sankt Hubertus am Forst hinauf, steht in der zweiten Serpentine ein Wirtshaus mit Kegelbahn ...« »Das ist zugesperrt seit Jahren,« ergänzte Ursula. »Ja«, setzte Martha fort. »Der Wirt war selber sein bester Gast und ist dann irgendwann pleite gegangen. Wenn ein Neuer das Wirtshaus aufsperren wollte, dann müsste er sehr viel umbauen und erneuern, wegen der Vorschriften. Das trägt sich einfach nicht.

Der alte Wirt, vor ungefähr 50 Jahren, da war er auch schon alt, hat offenbar einen Sohn gezeugt mit einer Frau aus dem Dorf, nicht seiner Frau, weil verheiratet war der nicht. Den hätte keine ausgehalten, diesen groben, grauslichen, stinkenden, ungepflegten Grusel. An dem Kind ist er ganz eigenartig gehangen. Den hat er ziemlich abgeschirmt vom Rest der Welt. Niemand sonst hat seinen Sohn, Hans hieß der, das wussten wir fast als einziges Faktum, näher kennengelernt. Nicht einmal, wie sein Vater das Wirtshaus zugesperrt hat, wie er dann gestorben ist. Der Hansi war immer irgendwie weg, der war anders, wir haben uns alle ein bisserl gefürchtet vor ihm.

Für Hansi sah das wahrscheinlich etwas anders aus. Ja, er war »anders«, aber nicht in einem Ausmaß, dass man dies diagnostizieren hätte können. Vielleicht ging es ein wenig Richtung Autismus. Früher hätte man die bei Hans vorliegende spezielle Form vielleicht als Asperger-Syndrom bezeichnet: Sein Denken war nicht beeinträchtigt, auch sein Sprachvermögen war intakt, wenngleich er kaum je Gespräche suchte. Er streifte lieber durch Wald und Felder, unerkannt und unverbindlich durch Stadtlandschaften, vielleicht auch durch Fantasiewelten, in die er beim Spazierengehen, beim Lesen, beim Fernsehen, eintauchte. Uns kam er immer ein bisschen abwesend vor. Ein paar Mal hatte er Menschen, die ihm nach seinem Dafürhalten zu nahe traten, wirklich grob, mit Körperkraft sogar, von sich gewiesen. Deswegen fürchtete man ihn, obwohl er - trotz herbeigerufener Polizei und Tatbestandsaufnahme - nie wegen Gewaltanwendung verurteilt worden war. Wenn man es genauer anschaute, waren die Geschichten, die man sich über den Hansi erzählte, aber doch irgendwie immer stark übertrieben.

Hans hing - das begriffen wir erst viel, viel später - an dem, was er für die wirkliche Welt hielt. Er vertraute einem Boden, auf dem er stehen konnte, einer Luft, die er atmen konnte, auf die Sonne, die ihn wärmte, und das Essen und Trinken, die ihm Kraft gaben. Das Essen: fürchterlich! Anspruchsvoll war er da nicht. Fett, Eiweiß, Stärke, Mineralien und Spurenelemente brauchte er. Und sein Gusto würde ihm schon zeigen, was, wann und in welchem Ausmaß er diese Lebensmittel brauchte, und ob sie noch genießbar wären. Einem Ablaufdatum konnte er nichts abgewinnen. Es war wirklich ekelerregend, seine Essgewohnheiten zu beobachten. Frag mal drüben im Supermarkt. Die alte Verkäuferin kann Dir da Geschichten erzählen. Seinen Mist hat er auch immer in die Geschäfte zurückgebracht. Irgendwann haben ihn dann alle auch gewähren lassen. Es war zu mühsam, mit ihm zu streiten.

Man könnte ihn als aufmerksamen Urmenschen oder Umweltschützer sehen, der laufend sein Revier kontrollierte, sich sicherte, sich am Leben erhielt. Für einen Umweltschützer war er aber wohl zu urig. So selbstgenügsam das auch erschien: Es wurde ihm - das erfuhren wir eben später - zu wenig. Es wurde ihm irgendwie langweilig. Das war keine Langeweile, wie sie aus dem Nichtstun entsteht, sondern eine, die auf den unbestellten Feldern der Seele wächst. Vielleicht fehlte ihm Schönheit, wie sie in Bildern und Musik liegt.

Natürlich kannst Du jetzt einwenden, dass er ja gelesen habe, der Hans, und Filme geschaut. Wohl hatte er das, aber er hatte dazu seine eigene Meinung:

Eine Roman, und beinhaltet er noch so überzeugende Aussagen, eine Geschichte, und sei sie noch so gut erzählt, eine philosophische Meinung, sie alle sind nur Meinungen, solang sie nicht durch Experimente überprüft, durch Erkenntnisse erhärtet werden können. Und wenn uns die vertretenen Fakten, Ableitungen, Schlussfolgerungen, noch so gut gefallen, so ist dies Gefallen nichts anderes als ein Glauben, ein Hoffen, das Anfeuern eines Rächers der Enterbten, in Mitfiebern mit dem Protagonisten eines Films, ein Hinfiebern auf eine »Wendung zum Guten«, was letztendlich nur als Synonym für die Durchsetzung der eigenen Wünsche angesehen werden muss. Es war alles zwar irgendwie unterhaltsam, aber doch nur Schein und Trug, das den Menschen genügte. Auch er spielte mit solchen Attitüden, Verirrungen, Eitelkeiten, herum.

Hansi hatte sich im Alter von etwa 20 Jahren, so um die 40 muss er da gewesen sein, offenbar entschlossen, eine Frau zu nehmen. Nach langem Überlegen, Abwägen, eben so, wie er es machte, befand er wohl, dass er einen nahen Menschen wollte, um sich ein wenig auszutauschen. Und weil ihm offenbar die Gedanken an Berührung und Sexualität ebenfalls gefielen, weil ihm Frauen gefielen, wollte er eine Frau.
Es dürfte ihm schon klar gewesen sein, dass einer wie er schwer zu vermitteln war. Gleichzeitig hielt er aber Partnervermittlungen allesamt für Strizzis, und alle, die sich dort anmeldeten, für zwangsläufige Schwindler. Natürlich gibt es Menschen, die sich für ein Geschenk an die Welt halten, mit einem gut ausgestatteten Selbstbewusstsein. Andere wiederum schätzen sich gering, sind nicht im Stande, vielleicht auch gar nicht willens, ihre Fähigkeiten und Begabungen zu erkennen oder zu benützen. Vielleicht war das aber auch alles egal, und es ging nur darum, ob man sich riechen und leiden konnte.
Er wusste es nicht. Und er wollte es auch nicht durch Versuch und Irrtum lernen. Er wollte es ordentlich lernen, von Grund auf, worum es denn gehe bei Beziehungen, und deswegen beschloss er, sich in die Hochzeitsbranche zu begeben, als Lehrling.

Der 1970 verstorbene US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow entwickelte - nach einem Studienaufenthalt bei den Blackfoot-Indianern - ein sozio-psychologisches Modell, das auf vereinfachende Weise die Rangreihung menschlicher Bedürfnisse beschreibt. In diesem Entwurf, der als »Bedürfnispyramide« Bekanntheit erlangt hat, sind die physiologischen Notwendigkeiten - Essen, Trinken, Schlaf - grundlegend. Dann folgen Sicherheitsbedürfnisse, Wünsche nach sozialen Bindungen, individuelle Bedürfnisse und der Drang zur Selbstverwirklichung. Die simple, aber eingängige Konstruktion wurde vielfach gecovert und ausgeschmückt mit neuen Stufen, zum Beispiel im Rahmen der »Selbstverwirklichung« mit ästhetischen Bedürfnissen, dem Wunsch nach Erkenntnis und letztendlich nach Transzendenz.

Wenn man diesen Modellvorstellungen einer Bedürfnis-Hierarchie folgen will, dann haben wir es als Menschheit - wenn überhaupt, und dann auch nur in der sogenannten »Ersten Welt« - allenfalls bis zur Ästhetik gebracht. Man kann das Modell aber auch, wie es Bertolt Brecht getan hat, vereinfachen und im Bereich des »unteren Randes« auf den Punkt bringen: »Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral!«
Die Ästhetik, Maß der Werbung, der Architektur und des Kunstmarktes, wird nachfolgend durchaus eine Rolle spielen, und ich hab schon ein paarmal drüber nachgedacht: Ist das mit der Schönheit vielleicht so ähnlich wie mit dem Geschmack? Gefällt uns, wozu wir erzogen worden sind, wie uns auch schmeckt, was wir als Kinder gegessen haben? Oder gibt es da universellere Maßstäbe, solche, die zumindest das ganze Menschengeschlecht betreffen? Gibt es eine universelle Schönheit?
Aber im Großen und Ganzen bewegen wir uns auf ganz anderem Terrain: Man kann mit »Schönheit«, mit »Ästhetik« leicht den ganzen Tag füllen, so wie auch mit Arbeiten, Computerspielen, Saufen, Einkaufen, was man halt so will, auch in Kombinationen. Man kann damit ordentlich Geld verdienen. Und man kann »schön« mit »gut« gleichsetzen. Davon können zumindest die Schönen ordentlich profitieren ...

Die Hochzeitsplanerin - mit Vornamen hieß sie Adele - war in der Blüte ihrer damals ebenfalls knapp 40 Jahre in allem ein Maßstab für Stil, Anmut und Schönheit. Mehr noch: Sie war quasi der Maßstab und gleichzeitig Bewahrerin und Richterin der Schönheit.
Selber hübsch, doch nicht zu grell, gepflegt, doch nicht zu Wachs und Gips erstarrt, von anmutiger Beweglichkeit, doch kein Springinkerl, fraulich, gerade richtig, nämlich nicht zu wenig und nicht zu sehr. Sie war geistreich und schien auch zuhören zu können, und so weiter, durch alle Tugenden. Sie aß und trank, aber man konnte sich kaum vorstellen, dass sie einen Stoffwechsel hätte. Und vor allem konnte sie wunderschöne Hochzeiten, Verlobungsfeste, Renewals, sonstige Feiern, arrangieren, konnte sie mit Bedeutung aufladen, als Lebensereignisse bewerben - und verkaufen, was ja ihr Geschäft war. Eine Agenda, die sie so hingebungsvoll und aufopfernd betrieb, dass ihr selber keine Zeit für eine Partnerschaft geblieben war. Das heißt nicht, dass sie es nicht versucht hätte, mit ehrlichem Bemühen, mehrere Male schon. Aber leider hatte sie doch nie einen Partner finden können, der all ihren Ansprüchen herzeigbar entsprochen hätte.

Ich kürze es ab: Genau auf diese Adele traf unser Hans. Er traf sie ursprünglich nicht als Frau, sondern als Wissensquell. Sobald er sie aber das erste Mal gesehen hatte, gefiel sie ihm doch auch als Frau sehr gut. Natürlich ließ er sich nichts anmerken. Natürlich war er misstraurisch: So viel Schönheit? Wozu?
Und doch waren die Begegnungen mit Adele einzigartig und irgendwie zart: Sie respektierten einander, quasi als »Profis« in unterschiedlichen Metiers.
Sie konnte seine minimalisierende Weltsicht verstehen, er sah ihre Professionalität als »Zeremonienmeisterin«. Irgendwie war das aber schon erstaunlich, weil ihre Neigungen ja quasi entgegengesetzt waren. Reduktion trifft Opulenz.
War es der Reiz des Gegensätzlichen oder die Verheißung von Erlösung?

Irgendwie haben sie zueinander gepasst. Genaueres weiß man darüber nicht, außer, dass man sie oft zusammen bei Veranstaltungen, Festen gesehen hat. Sie hat geglänzt, mehr denn je, und er war ihr wie ein Kavalier alter Schule. Und plötzlich, nach wenigen Monaten schon, waren sie verheiratet. Nein: Es war keine Riesen-Zeremonie gewesen, damals, wie man es von einer Hochzeitsplanerin erwartet hätte. Eigentlich gab es gar keine Zeremonie. Zumindest ist sie an uns unbemerkt vorbeigegangen; ich nehme aber an, der engste Familienkreis wird wohl dabei gewesen sein. Aber Hans dürfte mit seiner Adele eine überaus noble Hochzeitsreise absolviert haben. Eine mehrmonatige Weltreise. Wie ich ihn einschätze, nehme ich an, dass er das finanziert hat. Möglicherweise hat er doch einiges ererbt. Bei einem Konkurs kann man ja wohl doch einiges Geld zur Seite bringen. Seinem Vater traue ich da alles zu. Und Hans: bei seiner damaligen Lebensweise muss er wohl einiges zusammengespart haben.

Jetzt kommt es aber: So schnell sie verheiratet waren, so schnell waren sie auch wieder geschieden. Adele hatte zwar auf eine Prunkhochzeit verzichtet, aber es muss ihr wohl doch sehr schwergefallen sein.
Und so vollzog sie jetzt, in einem zweiten Anlauf, was ihr so sehr gefiel: Begonnen hat es wahrscheinlich mit einem Kaffeekränzchen, dann kam ein nachgeholtes »Poltern«, ein Abschied von ihrem partnerlosen, absolut selbstbestimmten Leben. Eine Hochzeits-Nachholfeier im kleineren Rahmen, eine weitere im angemessenen Rahmen mit über 200 geladenen Gästen, und noch eine ausgedehntere, um die Umgebung wirklich nachhaltig zu informieren, was denn da Bemerkenswertes geschehen war.
Die Festivitäten dürften ziemlich ins Geld gegangen sein, ich kann mir gut vorstellen, dass es darüber Streit gegeben hat. Und so kam es, dass Adele und Hans nach etwa zwei Jahren wieder geschieden waren, genau so still und heimlich, wie sie geheiratet hatten. Das neu angeschaffte Haus wurde verkauft, und beide zogen in Nachbarstädte, in entgegengesetzten Richtungen, in Wohnungen.

Hans nahm eine Arbeit bei einer Möbelfirma an, und alle Leute waren voller Lob über seine Genauigkeit, Pünktlichkeit und Loyalität.
Adele versuchte sich wieder als Wedding-plannerin und organisierte nebenbei noch allerlei Veranstaltungen. Sie reüssierte in ihrem Geschäft, das sie erfunden zu haben schien, und mietete sich bald in einem kleinen Rothschild-Schlösschen in ihrer Stadt ein, das sie auch eifrig für Veranstaltungen nutze. Im Sommer gab es im Schlosshof »Kino unter Sternen«, das zu einem Riesenerfolg wurde: Aus Gesichtspunkten der Romantik wegen des Ambientes und der Auswahl der Filme. Finanziell weniger wegen der Lichtspielveranstaltung, als vielmehr wegen der Konsumation der Gäste bei der rundherum in schnuckeligen Ständen vertretenen Gastronomie. Und die Veranstaltungsreihe war auch eine Riesenwerbung für Adele, die in der Folge die Nachfrage nach ihren Diensten wahrscheinlich nicht mehr allein bewältigen konnte. Sie war aber eine hervorragende Netzwerkerin, und ihr Geschäft wuchs und erblühte mit Hilfe von Freunden. Vielleicht strapazierte sie diese Freundschaften manchmal ein wenig zu sehr: Sie hatte nicht immer nur gute Nachrede..

Und jetzt kommt etwas Unglaubliches: Adele und Hans gingen wieder zusammen.
Ich weiß nicht, was sie aneinander fanden, was sie zueinander zog, aber es zog sie: Hier speisten sie zusammen, dort tanzten sie auf einer Hochzeit. Beide etwas groteske Menschen, die auf besondere Weise doch zueinander passten. Etliches dürften sie ausgeräumt und ausgesprochen haben, die beiden, und plötzlich waren wir alle, ihr und sein ganzer Bekanntenkreis, zu einer neuerlichen Hochzeit eingeladen.
Eine Riesenfeier, und doch irgendwie gefasst, erwachsen, keine wilde Tollerei, sondern irgendwie heilig, begann am Vorabend der Trauungszeremonie. Wir trafen uns alle an einem Altarm des Flusses. Eine Tanzfläche war aufgebaut worden, eine Orchesterbühne, etliche Stehtische und ein Buffet mit Bar. Sehr malerisch: Rundherum beleuchtet mit Fackeln, die offenbar auch die Stechmücken fernhielten. Zum Essen gab es jetzt nichts Großartiges, das war aber schon in der Einladung angekündigt. Es erfolgten ein paar Ansprachen, launisch und elegant, Glückwünsche, contemporary Tanzmusik. Die Feier war wirklich nett, ohne jegliche Entgleisung.
Und am nächsten Tag war dann die standesamtliche Trauung im Kristallsaal des Schosses, eine Agape vor dem Ballsaal des Schlosshotels, dann eine große Tafel bis etwa 15 Uhr. Und dann wurde wieder getanzt. Zuerst rund zur örtlichen Blasmusik, später dann zu einer Band. Dieser Hochzeitstag hat sich bis in den Morgen des nächsten hineingezogen, und es gab schon ein paar Alkoholleichen. Zumindest erzählt man das.

Wie haben damals geglaubt, dass die beiden geläutert wären durch ihr erstes Auseinandergehen. Alles erschien uns möglich: sie waren ja in jeder Hinsicht besonders. Ich glaub nicht, dass Du oder ich es mit dem Hans aushalten könnten, und die Adele, die kennst Du ja auch. Geschäftlich mag sie ja eine Koryphäe sein, aber privat würde - zumindest ich - sie nicht aushalten. Und so erschien es uns wie ein Wunder, dass sich die beiden verstanden, einender sogar zum zweiten Mal heirateten. Das ist ja wirklich ungewöhnlich, selbst für weniger explizite Menschen.

Aber auch die zweite Ehe hielt nicht lang.
Man sah ihn zunehmend allein durch die Lokale ziehen: Er schimpfte voller Neid über Adele und bändelte mit jedem Rock an. Ich nehm an, er hatte auch eine, vielleicht sogar einige Geliebte. Und - zackzack - da waren die beiden wieder geschieden. Die zweite Ehe hatte keine zwei Jahre gehalten.
Das Ganze war so unübersehbar, irgendwie so »penetrant«, dass der Umgang von Hans mit seiner Adele und ihrer mit ihm, das extreme Auf und Ab in ihrer Beziehung in unserer Gegend sprichwörtlich wurden: Wenn man etwas als
wild charakterisieren wollte, sagte man gern (und süffisant): »Da geht es zu wie bei Adele und Hans«. Und man rief mit dem Hinweis auf die beiden gern schon die Jugend zur Ordnung.

Ich sag Dir, ich bin so froh, dass ich eine so harmonische und ruhige Ehe führe. Aber ich richte mich halt schon sehr nach meinem Mann«, sagte die Martha in ihrer Sicht der Dinge. Dann wandte sie sich wieder ihrer Geschichte zu und fuhr fort:

»Das mit Adele und Hans war so aufsehenerregend, dass sogar der Pfarrer darüber gepredigt hat. Natürlich ohne die Namen direkt auszusprechen. Aber jeder hat gewusst, wer gemeint war.
Mir ist damals viel durch den Kopf gegangen. Die beiden haben ja offenbar wirklich alle Todsünden ausgelebt: Adele ihre Unmäßigkeit und Habsucht, Hans seinen Neid, und seine Unkeuschheit. Im Zug ihrer Trennungen haben sie sicher gestritten, und es müsste nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn da nicht Stolz und Zorn auch eine Rolle gespielt haben.
Mit dem Stolz tu ich mich oft ein bisserl schwer. Ich kenn ja an mir den Stolz, etwas Besonderes geschafft zu haben. Den find ich ganz in Ordnung. Und dann gibt es noch den Stolz, in dem ich dann einfach unnahbar bin. Der kommt dann ins Spiel, wenn ich sonst nichts mehr habe. Ich erkenne den Unterschied sofort. Aber der Stolz - in beiden Arten - der ist meist überfallsartig da in mir. Genauso wie der Zorn. Jaja, der Zorn ist ja auch nicht ohne. Der beginnt bei mir immer mit der Frage nach Gerechtigkeit, genauer gesagt mit dem Gefühl, dass etwas Ungerechtes passiert ....«

Ursula war hin und hergerissen zwischen Marthas Sicht ihrer Ehe und der unerwarteten Darbietung und Interpretation der Geschichte. Sie wusste wirklich nicht, ob Martha jetzt kokett (gewesen) war Und wenn, dann hatte sie eine besonders schlitzohrige, als solche bewundernswerte Variante dieser Spielerei entwickelt. Mit einer solchen Schlagfertigkeit war es ja wieder verwunderlich, dass sie nur Hilfskraft geblieben war.
Vielleicht war sie ja nur jetzt als Hilfskraft tätig, vielleicht weil ihr zu Hause langweilig war, weil sie einen kleinen Zuverdienst zur Pension brauchen konnte? Was hatte sie vorher getan? Wie alt war Martha eigentlich? Ursula wusste es nicht und nahm sich vor, über Marthas Leben vorsichtige Erkundungen einzuholen über Martha und ihren Bruno. Und sie war beeindruckt über die unvermutete Tiefe ihrer Mitarbeiterin.
Oder waren ihr die lustigen Einsprengsel nur passiert. Letztendlich hatte sie ja, durchaus ernsthaft klingend, über Todsünden gesprochen. Ursula wollte es wissen: »Ja, zornig sind wir alle manchmal«, wollte sie das Thema beiseite wischen: »aber mir fallen da durchaus mehr Sachen ein, die für mich Sünde wären, als die sieben christlichen Todsünden.«

Martha: »Was denn zum Beispiel?«

Ursula: »Die Lüge zum Beispiel. Wenn man lügt, muss man gezwungenermaßen immer weiterlügen. Und wenn man ertappt wird, dann kommt alles andere von allein: Der Zorn, der Stolz ...
Aber vielleicht ist das auch ein schlechtes Beispiel: Vor der Lüge steht ja die Angst. Die Angst, erwischt zu werden, die Angst, Konsequenzen tragen zu müssen, die Angst, eigene Ziele nicht erreichen zu können.
Vielleicht ist Angst ja auch eine Sünde. Obwohl: Normalerweise erwecken ängstliche Menschen eher Mitleid. Da fallen mir aber auch gleich andere Begriffe dazu ein: »Kleinmut«. »Fehlendes Vertrauen«, und so weiter. Das müte ich aber erst alles durchdenken.« Tschisi fiel ihr ein. Wie sie mit ihm über dieses Thema gesprochen hätte. Es war ja schön, wie er sich über solche Themen ereifern konnte, wie ein Kind.

»Da haben sich gescheitere Leute als wir jahrhundertelang den Kopf darüber zerbrochen. Die Todsünden sind die ärgsten Sünden!«, beharrte Martha.
»Was steht denn den Todsünden entgegen? Wie kann man eine Todsünde tilgen? Ich mein, das mit dem beichten, das kenn ich ja schon. Und das mit dem Buße tun auch. Sieben Vaterunser und blablabla ... Aber gibt es - von der Kirche aus - auch so etwas wie Wiedergutmachung?«
»Das ist doch wohl selbstverständlich!«
»Und: Wo steht das? Ich kann mich bei meinen Beichten an so was nicht erinnern«, warf Ursula hin, wobei sie im Gedanken die Beichten ihrer Jugendsünden und ihre damaligen Verdammnisängste hervorholte und belächelte.
»Aber wesentlicher ist: Was steht den Todsünden entgegen? Was kann ich als Mensch zuir Vermeidung tun, oder bin ich immer auf einen drohenmden, strafenden, verzeihenden, mich in Abhängigkeit haltenden Gott angewiesen?«
Martha kramte in ihrem inneren Katechismus herum: »Die Kardinaltugenden!«
»Und die heißen?« Ursula wartete.
Martha konnte antworten: »Glaube, Liebe, Hoffnung ...«. Sie suchte herum. Gleichzeitig suchte Ursula auf ihrem Smartphone und fuhr fort: »... Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Auch alles ziemlich subjektiv. Und mir gefällt ja, wie sehr sich unsere Lebenswelt an diesen Tugenden orientiert ...«

Zwei Kundinnen traten ein und wollten bedient werden. Martha war in die Betriebsräume verschwunden und tauchte erst wieder auf, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass außer Ursula niemand mehr im Geschäft war. Irgendwie erwartete sie eine Fortsetzung des Disputs. Sie hatte sich schon darauf vorbereitet, hinter dem Geschäft, und eine ganze Menge Energie aufgestaut. Bevor sie aber beginnen konnte, fragte Ursula: »Und wie ging es weiter mit Hans und Adele. Eine von Deinen Todsünden ist ja wohl noch ausständig?«

»Die Faulheit ...«, setzte Martha an.
»Oh Gott, ich bin eine Todsünderin«, kreischte Ursula und wollte damit witzig sein. »Ich faulenze ganze Wochenenden lang, ganze Regentage und Sommerferien.« Sie fand es selbst nicht sehr lustig und war dankbar, als Martha ernsthaft fortsetzte:

»Wahrscheinlich im Willen, es diesmal besser zu machen, versuchten die beiden etwas Neues. Ich kann Dir jetzt gleich sagen: Es hat wieder nicht funktioniert. Sie haben sich wieder scheiden lassen. Und das sind sie jetzt momentan auch: Geschieden. Ich hab aber gehört, sie planen eine neuerliche Hochzeit.
Also: Das letzte Mal geheiratet haben die beiden vor ungefähr fünf Jahren. Und dann haben sie sich ziemlich abgekapselt. Sie machte ihre Veranstaltungen und Hochzeiten, Er war mittlerweile irgendein Chef bei einem Großeinrichtungshaus. Sie kapselten sich beide ziemlich ab, wahrscheinlich um mehr füreinander da zu sein. Ich mein´: Er redete in seiner Stellung sowieso wahrscheinlich nur mehr mit einigen wenigen engsten Mitarbeitern. Wie das bei ihr war, weiß ich nicht. Aber ich kann mir gut vorstellen: Geschäft ist Geschäft, privat ist privat.
Man kann aber alles übertreiben, und wahrscheinlich sind sie sich bald ziemlich auf die Nerven gegangen, so ohne Außenkontakte, ohne Ziele außerhalb ihres eigenen Lebens. Das führt zu Überdruss, zu einem trägen Ekel, ich kenn das auch bei mir. Ich hab aber glücklicherweise Bruno, meinen Göttergatten!«

Ursula musste schmunzeln. Ihre Vorstellungen über Marthas Ehe wurden greifbarer, weltlicher.
»Bei ihm«, fuhr Martha fort, »kann ich mir gut vorstellen, dass er das Vakuum der fehlenden Außenkontakte mit sich ständig wiederholenden Pingeligkeiten füllte. Sie wurde wahrscheinlich abweisend und kalt. Und so haben sie ihren Ehebund wieder in die Luft gesprengt. Das war etwa ein Jahr vor Corona. Und seitdem hat sich doch einiges geändert. Hochzeiten gibt es wahrscheinlich kaum zu arrangieren, sonstige Feste werden auch eher rar gesäht sein.
Er ist noch immer Möbelhändler. Was sie macht, weiß ich nicht genau, aber sie kann sich wohl ganz gut selbst erhalten. Zumindest reden die Leute lobend über sie ...«

Eine kurze Pause, in der Ursula das Leben von Adele und Hans mit Ihrem verglich: Auseinander - zusammen - auseinander - zusammen, und das - irgendwie schamlos - in aller Öffentlichkeit. Sie dachte an ihre Zeit mit, an ihre Zeit ohne Tschisi und wurde traurig. War die Trennung richtig gewesen? Wie weit hatten da doch vielleicht der Stolz, der Zorn, der Überdruss eine Rolle gespielt. Im Augenblick bedauerte sie die Trennung und beneidete das Hochzeitspärchen, weil sie sich nicht um Konventionen kümmerten, weil sie ihren Gefühlen folgten, weil sie so verrückt waren. Sie waren verrückt. Ein Verhalten, wie es die beiden an den Tag legten, war einfach nicht erwachsen.
Dass sie jetzt um Tschisi mauzte war wahrscheinlich nur eine sentimentale Regung. Natürlich kann man alles versuchen, aber wenn Tschisi auch nur Irgendetwas an ihr läge, könnte er ja wohl auch das erste Wort sprechen. Plötzlich überlegte sie, ob sie eifersüchtig werden würde, wenn er eine neue Partnerin hätte. Ein sanfter Schauder überfiel sie.

»... haben sich wieder am Standesamt angemeldet.«, hörte sie Martha. »Das ist schon irgendwie arg. In gut 15 Jahren vier Mal heiraten, immer dieselbe Frau. Und auch immer wieder eine Scheidung. Wie das wohl funktioniert bei denen? Wahrscheinlich über das Geld. Das hab ich Dir ja schon einleitend erklärt.«
Ursula hatte ihre Fassung wieder gewonnen: »Sicher nicht über die Kardinaltugenden. Die haben sie ja wohl nicht so gelebt. Das muss was anderes sein. Irgendein gleicher Lebensrhythmus. Die gleichen wichtigen Dinge. Die gleiche Moral. Die Art, das Leben sehen zu wollen. Und auf jeden Fall Sympathie und ein starkes körperliches Begehren. Das halt ich schon für wichtig, sodenn man nicht als Nonne eine platonische Gottesliebe leben möchte.«
»Jedenfalls haben die Todsünden sie auseinandergebracht.«, beharrte Martha. »Doch wie kann man den Mut fassen, es immer wieder zu probieren?«
»Ich glaube, niemand hat so viel Mut, wenn er an eine unbegrenzte Zukunft denkt. Man getraut sich ja auch kaum, einen 250-Kilometer-Marsch zu beginnen. Man kann nur mit dem ersten Schritt anfangen, indem man an diesen ersten Schritt denkt, nur an die Gegenwart, voller Liebe und Vertrauen!« Ursula hatte eine Art Erleuchtung: »Misstrauen, Streit, Angst, der ganze Mist kommt nur aus unserer persönlichen Geschichtsschreibung und Buchführung: Du hast ..., deswegen muss ich jetzt ...! Und das kann man ewig weiterspielen. Da findet man immer Gründe, dass es schlecht geht ....

Ja: Man muss in der Gegenwart leben, ganz und gar in der Gegenwart, ganz und gar voller Liebe. Und - das fällt mir jetzt auch noch ein: Man sollte sich nur um seine eigenen Sachen kümmern. Die anderen Menschen - sofern sie nicht Hilfe brauchen - können ihre Angelegenheiten ganz gut selber regeln. Und wenn Dich jemand lieben will, dann tut er es von sich aus. Man kann das nicht erzwingen ....«
Beide schwiegen einige Minuten voller heiligem Geist.
Dann fragte Martha: »Ist es nicht verantwortungslos, nur in der Gegenwart zu leben?«
Ursula dachte nach; lange, zwei Kundschaften lang. Dann erklärte sie sich Martha: »Ich habe nachgedacht. Ich kann die Antwort nicht formulieren, aber ich kann sie fühlen, ich kann Dir Beispiele geben:
Für Menschen, die auf mich angewiesen sind, meine Kinder, vielleicht irgendwann meine Eltern, muss ich berechenbar sein. Nicht ich als Ganze, aber ich, wie ich eben für sie da bin.

Die »vorwiegend gegenwärtige Existenz«, die bezieht sich auf mein höchstpersönliches Leben, mein Gefühlsleben. Ich lebe jetzt im Augenblick, freu mich auf den nächsten Augenblick. Und wenn ich gestern verletzt wurde, ist doch nicht meine ganze Zukunft zwangsläufig voller Schmerzen. Und wenn ich gestern im Lotto gewonnen habe, kann ich mir auch nicht jeden Tag einen solchen Gewinn erwarten. Aber ich kann mir jeden Tag erwarten, dass ich glücklich bin, wenn ich glücklich sein will. Ich kann mir jeden Tag erwarten, dass ich nicht überfallen, beraubt, vergewaltigt, geschlagen werde. Ich kann davon ausgehen, dass mich die meisten Menschen, die ich kenne, gern haben, und dass mich alle anderen zumindest respektieren. Ich kann mich darauf verlassen, dass die Menschen zwischen Gut und Böse unterscheiden können, und dass fast alle - im Grund ihres Herzens - gut sein wollen. Und ich kann ihnen mit dem Respekt begegnen, der sie gut sein lässt.«

Ursulas Wangen hatte sich gerötet. Martha strahlte sie an. Es war ein schöner Wintertag.


Nun die zur vorhergehenden Erzählung avisierte Endnote: Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen nach Assoziationen und nach Schlussfolgerungen, nach passenden Formulierungen gesucht. Nachdem ich aber ein Mann bin, funktionieren meine Denkprozesse eher linear-sequentiell, vektorartig, wie auch die nachfolgenden Ausführungen ausfallen, und kann deshalb auch kaum anders schreiben. Deswegen ist der Frauendialog in der Geschichte auch so »eckig« ausgefallen, hinkt dem Begreifen von Ursula und Martha hoffnungslos nach, so wie er eben geschrieben ist. Eine, meine, mannsbildnerische Begründung und Entschuldigung hierfür lautet:

In der Physik bedient man sich des Konzepts von »Feldern«, das sind - vereinfacht gesagt - räumliche Verteilungen physikalischer Größen, zum Beispiel Temperaturen über Österreich. Felder sind, wenn man sie zur Erklärung heranzieht, auch die Träger von Wechselwirkungen, zum Beispiel der Schwerkraft im Gravitationsfeld. Und man kann Felder selber wie reale Objekte behandeln und allerlei Untersuchungen und Transformationen unterwerfen, wobei mathematische Umformungen die erstaunlichsten Ergebnisse bringen, weil sich diese Ergebnisse oft doch aufs Äußerste von unseren Sinneserfahrungen unterscheiden. Mit solchen Methoden konnte Einstein Effekte vorhersagen, die erst viel später experimentell bewiesen wurden. Dies war (und ist noch immer) deswegen erstaunlich, da die Physik zuvor nahezu ausschließlich in der Realität existente Phänomene und Wahrnehmungen, die bereits zuvor an und in der Welt gemacht worden waren, mit Theorien zu untermauern versucht hatte. Prognosen waren eher Angelegenheit der Wahrsager und Schwurbler und - wie Karl Valentin richtig feststellte - schwierig, insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen.
Aufgrund der seit den 1920er-Jahren erfolgten »Vorhersagen« der modernen Physik über die Funktionen der Welt können Sie heute beispielsweise mit einem leistungsfähigen Kleincomputer, der sie laufend über ihren Standort, eventuell auch die Standorte ihrer Freundinnen und Freunde, das Wetter, das Neueste aus aller Welt und eventuell ihre persönliche Fitness informiert, in Bild und Tom telefonieren und diesen Text hier lesen. Das Ding heißt Smartphone, wiegt einige Dutzend Gramm und ist etwa 50 Jahre Jünger als der erste Computer, dem ich in der Schule begegnet bin. Der hatte etwa 400 m3 Raumbedarf, die Heizleistung einer mittleren Dampflok und das Rechenvermögen meines Elektroherdes. Ich habe ihn gehasst, allein schon wegen der Datenein- und -ausgabe über Lochkarten.

Mit welchen Hintergedanken hab ich das Konstrukt des Feldes hier ins Spiel gebracht?
Nun ja, die Eleganz der nachfolgenden Analogien werden wohl nur Physiker und Mathematiker (explizit mit maskulin orientiertem Denkapparat) als solche anerkennen (oder auch nicht).
Aber die ganze Leserschaft könnte jetzt mit mir die Männerwelt auch in der Form und Funktion eines derartigen Feldes sehen, und die Frauenwelt. Angelegenheiten zwischen Männern funktionieren eben nur zwischen Männern. Status und Hierarchie zählen nur auf dem Männerfeld. Frauen »wechselwirken« wiederum nur in der Frauenwelt, und die Interaktionen, die Berührungen mit jeweils dem anderen Feld sind nur sporadisch, erfolgen, wie wir später noch sehen werden, nur in sehr begrenzten Bereichen und jedenfalls in einer Art und Weise, wie sie innerhalb des jeweiligen Feldes eher untypisch wäre. In der vollständigen wirklichen Welt werden selbstverständlich viel mehr Aufgliederung, Felder, Teilbereiche von Feldern, Überlagerungen ähnlicher Felder, gegeben sein: Nichtbinäre Personen zum Beispiel, oder die indische Männerwelt, die Pariser Frauenwelt, die Welt der verwitweten Mitglieder des Mostviertler Highspeed-Häkelvereins (Das jetzt keinesfalls sexistisch gemeint. Ich kenne Wittibe und auch Witwer, zugegebenermaßen einige weniger, da doch die Männer früher sterben als die Frauen. Wie das zu bewerten ist, darüber lässt sich streiten. Jedenfalls gibt es sicher auch verwitwete Männer, welche häkeln. Warum nicht im Mostviertel? Warum nicht mit sportlichen Ambitionen?).
Hier geht es mir aber darum, dass die Kommunikation und Interaktion von hiesigen Frauen untereinander und hiesigen Männern untereinander so unterschiedlich verlaufen, als würden sie auf oder in verschiedenen Feldern stattfinden. Im Männerfeld gibt es immer den Status, eine gewisse Konkurrenz, Hierarchiegesichtspunkte, den Maßstab der Coolness, angeblich auch Fußball, Autos, und so weiter. Kommunikation ist spärlich, reduziert, statusorientiert. Interaktion ist zielgerichtet und erfolgt nach einfachsten Kausalitätsgesichtspunkten, Sie kennen die ganzen Geschichten, weil sie Grundlage für Dramen und Tragödien, mit Chuzpe eingesetzt auch für Komödien, sind.
Mit den Feldern von Frauen kenn ich mich nicht gut aus, auch wenn ich mich sehr anstrenge, entsprechende Empathien zu erlernen. Es geht, so kann ich nur vermuten, eher um Beziehungen, um Einbettung in gesellschaftliche Konstrukte, um Sicherheiten, durchaus auch um Konkurrenz. Auch hier gibt es genug Nährboden für tragische und lustige Geschichten. Aber das kann ich leider nur vermuten, weil ich leider nie wirklich in dieses weibliche Netzwerk hineinfinden habe können und dürfen und wollen. Wenn ich hier in Sicht der Frauen über ein Gespräch zwischen Frauen zu erzählen vorgegeben habe, dann war diese Anmaßung schon ziemlich verrückt.. Aber wer weiß schon in jedem Augenblick von und über sich selber, wenn er dumm und beschränkt denkt? Wer weiß das überhaupt?

Jedenfalls lassen sich die Felder dieser beiden Geschlechter, ich kann aber hier nur von meinem mir fühlbaren Kulturkreis sprechen, nicht zur Deckung bringen. Felddurchdringungen, Berührungslinien gibt es, auf denen Mann und Frau sich begegnen, sich kennenlernen, sich begehren, vielleicht lieben lernen, auf denen sie sich vielleicht ein ganzes Leben lang berühren, vielleicht nur einige kurze Zeit. Aber kein noch so begnadeter Mathematiker (oder Psychologe, dann aber eher nichtmathematisch) kann nach meinem Dafürhalten in der Lage sein, diese Felder so zu transformieren, dass sie spannungsfrei die selben, deckungsgleiche Positionen und Verläufe einnehmen.
Deswegen ist die Liebe zwischen Mann und Frau auch nie so spannungsfrei, so unproblematisch wie Beziehungen zwischen Freundinnen oder Freunden. Deswegen gibt es hier aber »Eros«. »Philia« bleibt den Freundschaften vorbehalten, und »Agape« ... über die will ich mich so ganz und gar nicht auslassen. Aber ich möchte zu dem bis jetzt Ausgeführten jedenfalls auch feststellen, dass sich meine bisherigen Argumentationen zwar mit Männern und Frauen beschäftigten, dass Vergleichbares aber für alle Arten von Beziehungen gelten wird, in denen Eros oder eben Philia das Zepter schwingen.
Persönlich bin ich froh, dass Frauen eben Frauen sind, insgesamt und nicht nur physisch, und nicht außerhalb jedes Sehnens wie meine Freunde, von denen ich ihre Vorzüge und Unarten bis ins kleinste Detail zu kennen glaube, mit denen ich zu jedem Streich bereit bin, die mein tiefstes Inneres aber nicht so berühren, mein Begehren nicht so erwecken können wie eine angeschmachtete Frau.

Und jetzt stellen Sie sich bitte vor, dass ich als Mann vom Feld der Männer in der vorangegangenen Geschichte der Martha und der Ursula Worte in den Mund legte, die ihre Bedeutung und Wirkung nur auf dem Feld der Frauen richtig entfalten können. Männerworte für Frauengedanken! Das kann natürlich nicht funktionieren und wirkt daher für Frauen unwirklich.
Mein Text, so hat man mich ermahnt, liest es sich, wie wenn Philosophen, ausdrücklich der männliche Typus, miteinander diskutierten (für mich wären es ja eher ein Flachwurzel-Theologe und ein Wannabe-Aufklärer auf Selbstfindungs-Trip). Aufgrund meiner Heimat im Männerfeld war und bin ich leider vollständig außerstande, diesen Dialog ins Frauenfeld zu übertragen, weil hierfür ja nicht nur Wörter oder Formulierungen getauscht werden müssten, sondern die Notwendigkeit bestünde, eine ganze Welt mit Interessenszielen und Wechselwirkungen zu entwerfen, nach den Regeln für Frauenfelder. Das kann ich als Mann einfach nicht, nicht einmal als Projektion.

Wenn ich nur Augenblicke zu beschreiben hätte, sähe mich ja durchaus im Stande, Gedankengänge einer Verkäuferin, Feuerwehrfrau, Dirigentin oder einer Giftmörderin bei der Vorbereitung des jeweiligen Auftritts halbwegs authentisch darzulegen. Da ginge es »nur« um konkrete Naheziele, nicht um Weltbild, Meinung, Wertsysteme, (un-)ausgesprochene Fragen, noch dazu in doch eher ausladenden Liebesangelegenheiten.

Bitte nehmen Sie daher meinen guten Willen als gegeben an.
Bitte versuchen Sie sich selber an der ihnen genehme Transkription. Sinninhaltlich wissen Sie ja hoffentlich, was ich meinte, dass meine beiden Damen gemeint haben sollten.
Und wenn es ihnen nicht möglich ist, die beschriebenen Gedankengänge trotz aller Bemühungen meinerseits unrettbar versumpert sein sollten, dann machen Sie sich gern darüber lustig. Vielleicht können Sie mir den Witz an der Sache auch zukommen lassen. Ich freue mich immer, lernen zu können. Offenbar bin ich hoffnungslos männlich.
Zustimmende Glückwünsche nehme ich natürlich aber auch gern an.


Ursula war hin und hergerissen zwischen Marthas Sicht ihrer Ehe und der unerwarteten Darbietung und Interpretation der Geschichte. Sie wusste wirklich nicht, ob Martha jetzt kokett (gewesen) war Und wenn, dann hatte sie eine besonders schlitzohrige, als solche bewundernswerte Variante dieser Spielerei entwickelt. Mit einer solchen Schlagfertigkeit war es ja wieder verwunderlich, dass sie nur Hilfskraft geblieben war.

Vielleicht war sie ja nur jetzt als Hilfskraft tätig, vielleicht weil ihr zu Hause langweilig war, weil sie einen kleinen Zuverdienst zur Pension brauchen konnte? Was hatte sie vorher getan? Wie alt war Martha eigentlich? Ursula wusste es nicht und nahm sich vor, über Marthas Leben vorsichtige Erkundungen einzuholen über Martha und ihren Bruno. Und sie war beeindruckt über die unvermutete Tiefe ihrer Mitarbeiterin.
Oder waren ihr die lustigen Einsprenksel nur passiert. Letztendlich hatte sie ja, durchaus ernsthaft klingend, über Todsünden gesprochen. Ursula wollte es wissen: »Ja, zornig sind wir alle manchmal«, wollte sie das Thema beiseite wischen: »aber mir fallen da durchaus mehr Sachen ein, die für mich Sünde wären, als die sieben christlichen Todsünden.«

Martha: »Was denn zum Beispiel?«

Ursula: »Die Lüge zum Beispiel. Wenn man lügt, muss man gezwungenermaßen immer weiterlügen. Und wenn man ertappt wird, dann kommt alles andere von allein: Der Zorn, der Stolz ...
Aber vielleicht ist das auch ein schlechtes Beispiel: Vor der Lüge steht ja die Angst. Die Angst, erwischt zu werden, die Angst, Konsequenzen tragen zu müssen, die Angst, eigene Ziele nicht erreichen zu können.
Vielleicht ist Angst ja auch eine Sünde. Obwohl: Normalerweise erwecken ängstliche Menschen eher Mitleid. Da fallen mir aber auch gleich andere Begriffe dazu ein: »Kleinmut«. »Fehlendes Vertrauen«, und so weiter. Das müte ich aber erst alles durchdenken.«
Tschisi fiel ihr ein. Wie sie mit ihm über dieses Thema gesprochen hätte. Es war ja schön, wie er sich über solche Themen ereifern konnte, wie ein Kind.

»Da haben sich gescheitere Leute als wir jahrhundertelang den Kopf darüber zerbrochen. Die Todsünden sind die ärgsten Sünden!«, beharrte Martha.
»Was steht denn den Todsünden entgegen? Wie kann man eine Todsünde tilgen? Ich mein, das mit dem beichten, das kenn ich ja schon. Und das mit dem Buße tun auch. Sieben Vaterunser und blablabla ... Aber gibt es - von der Kirche aus - auch so etwas wie Wiedergutmachung?«
»Das ist doch wohl selbstverständlich!«
»Und: Wo steht das? Ich kann mich bei meinen Beichten an so was nicht erinnern«, warf Ursula hin, wobei sie im Gedanken die Beichten ihrer Jugendsünden und ihre damaligen Verdammnisängste hervorholte und belächelte.
»Aber wesentlicher ist: Was steht den Todsünden entgegen? Was kann ich als Mensch zuir Vermeidung tun, oder bin ich immer auf einen drohenmden, strafenden, verzeihenden, mich in Abhängigkeit haltenden Gott angewiesen?«
Martha kramte in ihrem inneren Katechismus herum: »Die Kardinaltugenden!«
»Und die heißen?« Ursula wartete.
Martha konnte antworten: »Glaube, Liebe, Hoffnung ...«. Sie suchte herum. Gleichzeitig suchte Ursula auf ihrem Smartphone und fuhr fort: »... Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Auch alles ziemlich subjektiv. Und mir gefällt ja, wie sehr sich unsere Lebenswelt an diesen Tugenden orientiert ...«


Zwei Kundinnen traten ein und wollten bedient werden. Martha war in die Betriebsräume verschwunden und tauchte erst wieder auf, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass außer Ursula niemand mehr im Geschäft war. Irgendwie erwartete sie eine Fortsetzung des Disputs. Sie hatte sich schon darauf vorbereitet, hinter dem Geschäft, und eine ganze Menge Energie aufgestaut. Bevor sie aber beginnen konnte, fragte Ursula: »Und wie ging es weiter mit Hans und Adele. Eine von Deinen Todsünden ist ja wohl noch ausständig?«
»Die Faulheit ...«, setzte Martha an.
»Oh Gott, ich bin eine Todsünderin«, kreischte Ursula und wollte damit witzig sein. »Ich faulenze ganze Wochenenden lang, ganze Regentage und Sommerferien.« Sie fand es selbst nicht sehr lustig und war dankbar, als Martha ernsthaft fortsetzte:


»Wahrscheinlich im Willen, es diesmal besser zu machen, versuchten die beiden etwas Neues. Ich kann Dir jetzt gleich sagen: Es hat wieder nicht funktioniert. Sie haben sich wieder scheiden lassen. Und das sind sie jetzt momentan auch: Geschieden. Ich hab aber gehört, sie planen eine neuerliche Hochzeit.
Also: Das letzte Mal geheiratet haben die beiden vor ungefähr fünf Jahren. Und dann haben sie sich ziemlich abgekapselt. Sie machte ihre Veranstaltungen und Hochzeiten, Er war mittlerweile irgendein Chef bei einem Großeinrichtungshaus. Sie kapselten sich beide ziemlich ab, warscheinlich um mehr füreinander da zu sein. Ich mein´: Er redete in seiner Stellung sowieso wahrscheinlich nur mehr mit einigen wenigen engsten Mitarbeitern. Wie das bei ihr war, weiß ich nicht. Aber ich kann mir gut vorstellen: Geschäft ist Geschäft, privat ist privat.
Man kann aber alles übertreiben, und wahrscheinlich sind sie sich bald ziemlich auf die Nerven gegangen, so ohne Außenkontakte, ohne Ziele außerhalb ihres eigenen Lebens. Das führt zu Überdruss, zu einem trägen Ekel, ich kenn das auch bei mir. Ich hab aber glücklicherweise Bruno, meinen Göttergatten!«

Ursula musste schmunzeln. Ihre Vorstellungen über Marthas Ehe wurden greifbarer, weltlicher.

»Bei ihm«, fuhr Martha fort, »kann ich mir gut vorstellen, dass er das Vakuum der fehlenden Außenkontakte mit sich ständig wiederholenden Pingeligkeiten füllte. Sie wurde wahrscheinlich abweisend und kalt. Und so haben sie ihren Ehebund wieder in die Luft gesprengt. Das war etwa ein Jahr vor Corona. Und seitdem hat sich doch einiges geändert. Hochzeiten gibt es wahrscheinlich kaum zu arrangieren, sonstige Feste werden auch eher rar gesäht sein.
Er ist noch immer Möbelhändler. Was sie macht, weiß ich nicht genau, aber sie kann sich wohl ganz gut selbst erhalten. Zumindest reden die Leute lobend über sie ...«

Eine kurze Pause, in der Ursula das Leben von Adele und Hans mit Ihrem verglich: Auseinander - zusammen - auseinander - zusammen, und das - irgendwie schamlos - in aller Öffentlichkeit. Sie dachte an ihre Zeit mit, an ihre Zeit ohne Tschisi und wurde traurig. War die Trennung richtig gewesen? Wie weit hatten da doch vielleicht der Stolz, der Zorn, der Überdruss eine Rolle gespielt. Im Augenblick bedauerte sie die Trennung und beneidete das Hochzeitspärchen, weil sie sich nicht um Konventionen kümmerten, weil sie ihren Gefühlen folgten, weil sie so verrückt waren. Sie waren verrückt. Ein Verhalten, wie es die beiden an den Tag legten, war einfach nicht erwachsen.
Dass sie jetzt um Tschisi mauzte war wahrscheinlich nur eine sentimentale Regung. Natürlich kann man alles versuchen, aber wenn Tschisi auch nur Irgendetwas an ihr läge, könnte er ja wohl auch das erste Wort sprechen. Plötzlich überlegte sie, ob sie eifersüchtig werden würde, wenn er eine neue Partnerin hätte. Ein sanfter Schauder überfiel sie.


»... haben sich wieder am Standesamt angemeldet.«, hörte sie Martha. »Das ist schon irgendwie arg. In gut 15 Jahren vier Mal heiraten, immer dieselbe Frau. Und auch immer wieder eine Scheidung. Wie das wohl funktioniert bei denen? Wahrscheinlich über das Geld. Das hab ich Dir ja schon eingangs erklärt.«
Ursula hatte ihre Fassung wieder gewonnen: »Sicher nicht über die Kardinaltugenden. Die haben sie ja wohl nicht so gelebt. Das muss was anderes sein. Irgendein gleicher Lebensrhythmus. Die gleichen wichtigen Dinge. Die gleiche Moral. Die Art, das Leben sehen zu wollen. Und auf jeden Fall Sympathie und ein starkes körperliches Begehren. Das halt ich schon für wichtig, sodenn man nicht als Nonne eine platonische Gottesliebe leben möchte.«
»Jedenfalls haben die Todsünden sie auseinandergebracht.«, beharrte Martha. »Doch wie kann man den Mut fassen, es immer wieder zu probieren?«
»Ich glaube, niemand hat so viel Mut, wenn er an eine unbegrenzte Zukunft denkt. Man getraut sich ja auch kaum, einen 250-Kilometer-Marsch zu beginnen. Man kann nur mit dem ersten Schritt anfangen, indem man an diesen ersten Schritt denkt, nur an die Gegenwart, voller Liebe und Vertrauen!« Ursula hatte eine Art Erleuchtung: »Misstrauen, Streit, Angst, der ganze Mist kommt nur aus unserer persönlichen Geschichtsschreibung und Buchführung: Du hast ..., deswegen muss ich jetzt ...! Und das kann man ewig weiterspielen. Da findet man immer Gründe, dass es schlecht geht ....
Ja: Man muss in der Gegenwart leben, ganz und gar in der Gegenwart, ganz und gar voller Liebe. Und - das fällt mir jetzt auch noch ein: Man sollte sich nur um seine eigenen Sachen kümmern. Die anderen Menschen - sofern sie nicht Hilfe brauchen - können ihre Angelegenheiten ganz gut selber regeln. Und wenn Dich jemand lieben will, dann tut er es von sich aus. Man kann das nicht erzwingen ....«

Beide schwiegen einige Minuten voller heiligem Geist.

Dann fragte Martha: »Ist es nicht verantwortungslos, nur in der Gegenwart zu leben?«
Ursula dachte nach: lange, zwei Kundschaften lang. Dann erklärte sie sich Martha:
»Ich habe nachgedacht. Ich kann die Antwort nicht formulieren, aber ich kann sie fühlen, ich kann Dir Beispiele geben:
Für Menschen, die auf mich angewiesen sind, meine Kinder, vielleicht irgendwann meine Eltern, muss ich berechenbar sein. Nicht ich als Ganze, aber ich, wie ich eben für sie da bin.
Die »vorwiegend gegenwärtige Existenz«, die bezieht sich auf mein höchstpersönliches Leben, mein Gefühlsleben. Ich lebe jetzt im Augenblick, freu mich auf den nächsten Augenblick. Und wenn ich gestern verletzt wurde, ist doch nicht meine ganze Zukunft zwangsläufig voller Schmerzen. Und wenn ich gestern im Lotto gewonnen habe, kann ich mir auch nicht jeden Tag einen solchen Gewinn erwarten. Aber ich kann mir jeden Tag erwarten, dass ich glücklich bin, wenn ich glücklich sein will. Ich kann mir jeden Tag erwarten, dass ich nicht überfallen, beraubt, vergewaltigt, geschlagen werde. Ich kann davon ausgehen, dass mich die meisten Menschen, die ich kenne, gern haben, und dass micht alle anderen zumindest respektieren. Ich kann mich darauf verlassen, dass die Menschen zwischen Gut und Böse unterscheiden können, und dass fast alle - im Grund ihres Herzens - gut sein wollen. Und ich kann ihnen mit dem Respekt begegnen, der sie gut sein lässt.«

Ursulas Wangen hatte sich gerötet. Martha strahlte sie an. Es war ein schöner Wintertag.


Nun die zur vorhergehenden Erzählung avisierte Endnote: Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen nach Assoziationen und nach Schlussfolgerungen, nach passenden Formulierungen gesucht. Nachdem ich aber ein Mann bin, funktionieren meine Denkprozesse eher linear-sequentiell, vektorartig, wie auch die nachfolgenden Ausführungen ausfallen, und kann deshalb auch kaum anders schreiben. Deswegen ist der Frauendialog in der Geschichte auch so »eckig« ausgefallen, hinkt dem Begreifen von Ursula und Martha hoffnungslos nach, so wie er eben geschrieben ist. Eine, meine, mannsbildnerische Begründung und Entschuldigung hierfür lautet:

In der Physik bedient man sich des Konzepts von »Feldern«, das sind - vereinfacht gesagt - räumliche Verteilungen physikalischer Größen, zum Beispiel Temperaturen über Österreich. Felder sind, wenn man sie zur Erklärung heranzieht, auch die Träger von Wechselwirkungen, zum Beispiel der Schwerkraft im Gravitationsfeld. Und man kann Felder selber wie reale Objekte behandeln und allerlei Untersuchungen und Transformationen unterwerfen, wobei mathematische Umformungen die erstaunlichsten Ergebnisse bringen, weil sich diese Ergebnisse oft doch aufs Äußerste von unseren Sinneserfahrungen unterscheiden. Mit solchen Methoden konnte Einstein Effekte vorhersagen, die erst viel später experimentell bewiesen wurden. Dies war (und ist noch immer) deswegen erstaunlich, da die Physik zuvor nahezu ausschließlich in der Realität existente Phänomene und Wahrnehmungen, die bereits zuvor an und in der Welt gemacht worden waren, mit Theorien zu untermauern versucht hatte. Prognosen waren seinerzeit eher Angelegenheit der Wahrsager und Schwurbler und - wie karl Valentin richtig feststellte - schwierig, insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen.
Aufgrund der seit den 1920-er Jahren erfolgten "Vorhersagen" der modernen Physik über die Funktionen der Welt können Sie heute beispielsweise mit einem leistungsfähigen Kleincomputer, der sie laufend über ihren Standort, eventuell auch die Standorte ihrer Freundinnen und Freunde, das Wetter, das Neueste aus aller Welt und eventuell ihre persönliche Fitness informiert, in Bild und Tom telefonieren und diesen Text hier lesen. Das Ding heißt Smartphone, wiegt einige Dutzend Gramm und ist etwa 50 Jahre Jünger als der erste Computer, dem ich in der Schule begegnet bin. Der hatte etwa 400 m3 Raumbedarf, die Heizleistung einer mittleren Dampflokomotive und das Rechenvermögen meines Elektroherdes. Ich habe ihn gehasst, allein schon wegen der Datenein- und -ausgabe über Lochkarten.

Mit welchen Hintergedanken hab ich das Konstrukt des Feldes hier ins Spiel gebracht?
Nun ja, die Eleganz der nachfolgenden Analogien werden wohl nur Physiker und Mathematiker
(explizit mit maskulin orientiertem Denkapparat) als solche anerkennen (oder auch nicht).

Aber die ganze Leserschaft könnte jetzt mit mir die Männerwelt auch in der Form und Funktion eines derartigen Feldes sehen, und die Frauenwelt. Angelegenheiten zwischen Männern funktionieren eben nur zwischen Männern. Status und Hierarchie zählen nur auf dem Männerfeld. Frauen »wechselwirken« wiederum nur in der Frauenwelt, und die Interaktionen, die Berührungen mit jeweils dem anderen Feld sind nur sporadisch, erfolgen, wie wir später noch sehen werden, nur in sehr begrenzten Bereichen und jedenfalls in einer Art und Weise, wie sie innerhalb des jeweiligen Feldes eher untypisch wäre. In der vollständigen wirklichen Welt werden selbstverständlich viel mehr Aufgliederung, Felder, Teilbereiche von Feldern, Überlagerungen ähnlicher Felder, gegeben sein: Nichtbinäre Personen zum Beispiel, oder die indische Männerwelt, die Pariser Frauenwelt, die Welt der verwitweten Mitglieder des Mostviertler Highspeed-Häkelvereins
(Das jetzt keinesfalls sexistisch gemeint. Ich kenne Wittibe und auch Witwer, zugegebenermaßen einige weniger, da doch die Männer früher sterben als die Frauen. Wie das zu bewerten ist, darüber lässt sich streiten. Jedenfalls gibt es sicher auch verwitwete Männer, welche häkeln. Warum nicht im Mostviertel? Warum nicht mit sportlichen Ambitionen?)

Hier geht es mir aber darum, dass die Kommunikation und Interaktion von hiesigen Frauen untereinander und hiesigen Männern untereinander so unterschiedlich verlaufen, als würden sie auf oder in verschiedenen Feldern stattfinden. Im Männerfeld gibt es immer den Status, eine gewisse Konkurrenz, Hierarchiegesichtspunkte, den Maßstab der Coolness, angeblich auch Fußball, Autos, und so weiter. Kommunikation ist spärlich, reduziert, statusorientiert. Interaktion ist zielgerichtet und erfolgt nach einfachsten Kausalitätsgesichtspunkten, Sie kennen die ganzen Geschichten, weil sie Grundlage für Dramen und Tragödien, mit Chuzpe eingesetzt auch für Komödien, sind.

Mit den Feldern von Frauen kenn ich mich nicht gut aus, auch wenn ich mich sehr anstrenge, entsprechende Empathien zu erlernen. Es geht, so kann ich nur vermuten, eher um Beziehungen, um Einbettung in gesellschaftliche Konstrukte, um Sicherheiten, durchaus auch um Konkurrenz. Auch hier gibt es genug Nährboden für tragische und lustige Geschichten. Aber das kann ich leider nur vermuten, weil ich leider nie wirklich in dieses weibliche Netzwerk hineinfinden habe können und dürfen und wollen. Wenn ich hier in Sicht der Frauen über ein Gespräch zwischen Frauen zu erzählen vorgegeben habe, dann war diese Anmaßung schon ziemlich verrückt.. Aber wer weiß schon in jedem Augenblick von und über sich selber, wenn er dumm und beschränkt denkt? Wer weiß das überhaupt?


Jedenfalls lassen sich die Felder dieser beiden Geschlechter, ich kann aber hier nur von meinem mir fühlbaren Kulturkreis sprechen, nicht zur Deckung bringen. Felddurchdringungen, Berührungslinien gibt es, auf denen Mann und Frau sich begegnen, sich kennenlernen, sich begehren, vielleicht lieben lernen, auf denen sie sich vielleicht ein ganzes Leben lang berühren, vielleicht nur einige kurze Zeit. Aber kein noch so begnadeter Mathematiker (oder Psychologe, dann aber eher nichtmathematisch) kann nach meinem Dafürhalten in der Lage sein, diese Felder so zu transformieren, dass sie spannungsfrei die selben, deckungsgleiche Positionen und Verläufe einnehmen.

Deswegen ist die Liebe zwischen Mann und Frau auch nie so spannungsfrei, so unproblematisch wie Beziehungen zwischen Freundinnen oder Freunden. Deswegen gibt es hier aber »Eros«. »Philia« bleibt den Freundschaften vorbehalten, und »Agape« ... über die will ich mich so ganz und gar nicht auslassen. Aber ich möchte zu dem bis jetzt Ausgeführten jedenfalls auch feststellen, dass sich meine bisherigen Argumentationen zwar mit Männern und Frauen beschäftigten, dass Vergleichbares aber für alle Arten von Beziehungen gelten wird, in denen Eros oder eben Philia das Zepter schwingen.

Persönlich bin ich froh, dass Frauen eben Frauen sind, insgesamt und nicht nur physisch, und nicht außerhalb jedes Sehnens wie meine Freunde, von denen ich ihre Vorzüge und Unarten bis ins kleinste Detail zu kennen glaube, mit denen ich zu jedem Streich bereit bin, die mein tiefstes Inneres aber nicht so berühren, mein Begehren nicht so erwecken können wie eine angeschmachtete Frau.


Und jetzt stellen Sie sich bitte vor, dass ich als Mann vom Feld der Männer in der vorangegangenen Geschichte der Martha und der Ursula Worte in den Mund legte, die ihre Bedeutung und Wirkung nur auf dem Feld der Frauen richtig entfalten können. Männerworte für Frauengedanken! Das kann natürlich nicht funktionieren und wirkt daher für Frauen unwirklich.
Mein Text, so hat man mich ermahnt, liest es sich, wie wenn Philosophen, ausdrücklich der männliche Typus, miteinander diskutierten (für mich wären es ja eher ein Flachwurzler-Theologeund ein Wannabe-Aufklärer auf Selbstfindungs-Trip). Aufgrund meiner Heimat im Männerfeld war und bin ich leider vollständig außerstande, diesen Dialog ins Frauenfeld zu übertragen, weil hierfür ja nicht nur Wörter oder Formulierungen getauscht werden müssten, sondern die Notwendigkeit bestünde, eine ganze Welt mit Interessenszielen und Wechselwirkungen zu entwerfen, nach den Regeln für Frauenfelder. Das kann ich als Mann einfach nicht, nicht einmal als Projektion.
Wenn nur Augenblicke zu beschreiben wären, sähe mich durchaus im Stande, Gedankengänge einer Verkäuferin, Feuerwehrfrau, Dirigentin oder einer Giftmörderin bei der Vorbereitung des jeweiligen Auftritts halbwegs authentisch darzulegen. Da ginge es "nur" um konkrete Naheziele, nicht um Weltsicht, Meinung, Wertsysteme, (un-)ausgesprochene Fragen, noch dazu in doch eher ausladenden Liebesangelegenheiten.


Bitte nehmen Sie daher meinen guten Willen als gegeben an.

Bitte versuchen Sie sich selber an der ihnen genehme Transkription. Sinninhaltlich wissen Sie ja hoffentlich, was ich meinte, dass meine beiden Damen gemeint haben sollten.

Und wenn es ihnen nicht möglich ist, die beschriebenen Gedankengänge trotz aller Bemühungen meinerseits unrettbar versumpert sein sollten, dann machen Sie sich gern darüber lustig. Vielleicht können Sie mir den Witz an der Sache auch zukommen lassen. Ich freue mich immer, lernen zu können. Offenbar bin ich hoffnungslos männlich.
Zustimmende Glückwünsche nehme ich natürlich aber auch gern an.

Der Geist der Weihnacht


Vor den Auslagenscheiben der Geschäfte, im Blickfeld Ursulas, traf Johann Sebastian seine Freunde, die er warten hatte lassen. Er wollte Karl wegen seiner eventuellen Pornografie-Laufbahn fragen, aber besser doch nicht sofort. Er wusste nichts vom »Ungeheuer« aus Karls Erzählungen, er wusste noch weniger vom sonst Gesprochenen. Er war beklemmt und froh zugleich, wieder an der frischen Luft zu sein. Etwas füllte ihn vollkommen aus, drängte aus ihm heraus, und so begann er, pausenlos, pausenlos, man sagt da aber eher »nahtlos« an das Ungeheuer, von dem er ja nicht wusste, anschließend, eine, seine dringende Geschichte zu erzählen. Für Heinz gab es keine Zeit, das »Ungeheuer« wirklich zu begreifen, sich absetzen zu lassen, zu verdauen. Höllmüller erklärte auch nicht, von wem, von wessen Standpunkt aus er da fabulierte, aus wessen Sicht und Welt. Es schien ihm dringend, als hätte er was mit herausgebracht außer dem Brot, aus der Bäckerei. Und er schien auch sehr aufgeregt, der Johann Sebastian Höllmüller, als er da - aufmerksamkeits- und ehrfurchtsheischend, feierlich und fast poetisch - ansetzte:

»Er hatte gelernt, sich durchzusetzen. Gegen andere. Stärker zu sein, die besseren Finten zu kennen, flexibler zu sein. Dazu brauchte es auch Lautstärke, dazu brauchte es auch Argumente.
Mit zunehmendem Alter zweifelte er zwar manchmal am Sinn dieser Fähigkeiten, am Sinn seiner Argumente. Nicht an ihrem Sinn im Sinn von Funktion: In der Gesellschaft war es durchaus von Vorteil, sich durchsetzen zu können, seinen Platz halten zu können, der Erste zu sein.
Fraglich war ihm manchmal, wozu das gut sein sollte, wozu er das machte, weil von dem, was man zum Überleben braucht, hatte er mehr als genug. Von dem, was man wollen kann, hatte er ebenfalls alles, und manchmal war er fast ein wenig traurig, dass er so alles hatte, dass er sich nichts mehr dringend wünschte.«
Er merkte zunehmend, was ihm fehlte, und meinte, es habe ihm schon das ganze Leben gefehlt: Sich irgendwo vertrauensvoll verkriechen zu können. Sich auszuheulen und gehört zu werden.

An einem Adventsonntag ging er deswegen auf einen Weihnachtsmarkt. Das macht man so, vor Weihnacht, auch während Corona, weil es wärmt das Herz. Es wärmt jedenfalls das Herz, wenn man verliebt ist, oder in Kindheitserinnerungen oder nach dem zweiten Punsch. Komödien über Menschen, die in solchen Situationen hektisch und chaotisch sind, sind meist auch so angelegt, dass sie das Herz wärmen. Die Guten, die können die Romantik in der Situation wahrnehmen und in Liebe umwandeln, die sie dann verströmen wie ein Tischfeuerwerk. Und manche Böse werden gut. Und die ganz Verstockten sind eben dumm wie die feuchten Banditen, sodass wir alle versöhnlich und glücklich lachen können.
»Kaufen Sie unsere Kekse! Die besten Kekse hier. Fantastisch!«, sprach ihn ein dick eingepackter Mann an, der mit einen zweiten, eher größeren, dürren, nicht so dick eingepackten in einer Holzbude stand. Der dick eingepackte sah jedenfalls dick aus, die beiden wie Dick und Doof, niemals so wie Keksbäcker (oder die feuchten Banditen). Sie verkauften die Kekse von irgendjemandem, nicht ambitioniert, eher schon illuminiert von dem einen oder anderen Getränk (es gab auch anderes als Punsch). Ein Dialog entspann sich, dass es noch lang hin wäre bis Weihnachten. »Und außerdem will ich keinen Zuckerschock«, meinte er, der Wandernde.
»Weniger Naschen, mehr Trinken!«, war der grölende Rat des Dicken, und der Große lachte wie der „Weihnachtsmann: »Hoh, Hoh, Hoh!«.
»Danke!«, sagte unser Protagonist. »Ich schau einmal herum«. Und er war schon sehr froh, dass er solche Situationen mittlerweile ohne jeglichen Stress und voller Liebe erledigen konnte.

Er wandte sich zur Seite, wo an einem Stützpfosten des Vordaches des Nachbarstandes eine gar grässliche Perchtenmaske hing. Ein bleicher, knochiger schmaler Skelettschädel, weiß in weiß, mit blutumrandeten leeren Augenhöhlen, mit schwarzen, fetten Haaren, die in dünnen Strähnen bis zu den nicht vorhandenen Schultern herabhingen. Dazwischen die Nasenlöcher, auch mit einer Spur von Blutrand, grüner Schleim. Die Hörner waren lang, die Form eher gerade, in sich gedreht, länger als der ganze Schädel.
Und während er noch in den Anblick versunken war, einen Perchtenlauf herbeidachte, seine Kinderängste vor dem Krampus untersuchte, sprach ihn ein Mädchen von einem weiter links liegenden Verkaufsstand an. Sie verkaufte Schmalzbrote, Speckbrote, Schnaps in Gläsern, Schnaps in kleinen, geraden Geschenkflaschen mit langen Hälsen, in kleinen, runden, kurzen Flaschen, Alkoholika in jeglicher Art und Verpackung, und das nicht nur für Keksverkäufer.
»Das ist meine!«, sagte sie, sichtlich stolz, und dass sie aber erst am nächsten Tag verkleidet als Perchte laufen werde. Mit dem Schädel, mit Fell behangen, mit einer Riesen-Glocke, mit anderen grässlichen Perchten.

Und augenblicklich erkannte er all die Liebe, zu der gute Menschen fähig sind, und das Dilemma dieser Liebe, dieser Lieben: Sie liebten, die Menschen, so gut sie konnten, so fest sie konnten, und sie gaben in ihrer Liebe, gaben, was nicht das ihre war, was gestohlen war, was geraubt worden war, was ersatzlos weggenommen worden war, was der Zukunft vorenthalten sein würde, weswegen die Welt zerstört wurde und wird. Egal ob schönes Motorrad oder Auto oder Küche oder Heim oder Gedanke ...

Er versuchte, sich zu trösten:

Und es heißt »Liebe«, und was könnte ein Mensch anders machen, als zu lieben. Er muss lieben, seine Liebe wachsen lassen, wenn er selber wachsen will. Seine Liebe muss über sich selber, über andere Menschen, über sein Umfeld hinaus, die ganze Erde, die ganze Welt, hinauswachsen zu letztendlich allem Seienden. Er muss sich selbst relativieren, lachen, auf sich selber zu verzichten lernen, voller Liebe, wegen der Liebe.

Da sitzt man neben einem Menschen. Neben jemandem, den man schon lange kennt, in Zeiten der Nähe ziemlich intim kennen zu glaubt. Und just im gegenwärtigen Augenblick drückt das Herz vor lauter wildem Begehren nach nächster Nähe, vor lauter Sehnsucht nach Liebe, auch wenn der Kopf weiß, dass es so nie war und so nie sein wird.
Da fährt man durch ein Tal, der Küste entlang, durch die Wüste, auf einen Berg, und das Herz möchte einem schier übergehen wegen der ganzen Schönheit. Man ist glücklich, Mensch in dieser Welt zu sein, und denkt, dass man hier zu Hause ist, auch wenn der Kopf weiß, dass es kalt, heiß, nass, unbequem werden kann, wenn man hier verbliebe.
Da verzweifelt man über seine Schwäche, seinen Wankelmut. Und erst nach langem Denken und Nachfühlen erkennt man, dass wohl der einzige Weg ist, alles jeden Tag neu zu sehen, ganz zu sehen, mit offenem Herzen zu sehen. Auch sich selber zu sehen...

Dass unsere Erinnerungen und Ahnungen nicht ganz stimmen können, davon ist auszugehen, sind sie doch einseitig, werden sie doch ausgeschmückt und in neue Kontexte gestellt. Erwartungen aus Erinnerungen sind daher eher ein Wagnis: Dass man liebt und geliebt wird, nur weil es gestern so war?
Ist es nicht eher so, dass man jeden Tag lieben muss, voller Willen und Kraft und Freude?
Ist es nicht großartig, wenn man jeden Tag - so man es so will und aushält - ein Glück ist, geliebt zu werden?
Ist es nicht selbstverständlich, dass eben nichts selbverständlich ist, aber auch niemals ein Drama?«


Johann Sebastian hatte voller Inbrunst gefragt, mit reinem Herzen, dringend. Er schien sich zu fangen und führte ruhiger weiter aus:

»Zu Drama fällt mir oft das Wort »Tragödie« ein, weil ein Drama ist - zumindest zeitweise - der Weg in den Schmerz eines Verlustes. Doch wenn mir nichts gehört, so kann ich nichts verlieren.
Einssein ist auch nicht Alles und endet wahrscheinlich mit dem Tod. Man sollte es nicht überbewerten, lachen, und den Witz weitererzählen, damit die anderen auch was davon haben.
Vielleicht finden wir uns alle ja im Lachen? Wenn wir weise genug sind, zu erkennen, kraftvoll genug, es auszuhalten, und mutig genug, laut zu lachen.

Der Ozean besteht nicht aus Wassertropfen, er wird aus Wassertropfen! Das gibt Anlass, zu hoffen.

Und sie gaben sich hin, diese liebenden Menschen, mit all ihrer Möchtegernromantik, die sie für wahr hielten, mit allem Willen für Schönes, mit dem sie ihr Umfeld zwangen und knechteten, Kinder für sich nähen ließen in Bangladesch, oder allein sein, weil ihre jungen Mütter nähen mussten, weil Ihre Brüder Krieg führen mussten um seltene Erden für Mobiltelefone und Prozessoren. Jeder Mensch mit 20 Sklaven a 100 Watt, die er an Leistung für sich einforderte, die Sklaven unerkenntlich in der Stromleitung, in der Zapfsäule.

Er spürte, dass sie das Beste wollten, die Menschen, die meisten. Er spürte ihre Liebe zum Leben, zu den Menschen, zur Natur. Und trotzdem würden sie in ihrem Wollen, das Beste zu tun, die größte Liebe zu geben, Ressourcen in Anspruch nehmen, sie von anderen nehmen. Das Licht, das Feuer unter ihrem Kessel, ihre Kleidung, die kleinen, an sich unnützen Dinge, die sie verkaufen wollten. Alles war Inanspruchnahme von Ressourcen, die anderen Menschen nicht so reichlich, gar nicht zur Verfügung standen. Es war letztendlich eine Zerstörung von lebensnotwendigen Funktionen im Habitat »Erde«. Es passierte einfach, mit ihrem besten Willen, ohne dass sie es auch nur ansatzweise erahnten. Sie wollten doch nur gut sein. Die meisten Menschen wollen gut leben, und voller Liebe.
Und doch driften sie dabei in Krisen, in denen jeder sich selber der Nächste wird. Sie zerfleischen dann die Welt in einem offensichtlichen Ausmaß, sie zerfleischen sich, fallen übereinander her, töten und fressen einander und geben erst Ruhe, wenn sie keine Kraft mehr für die Wut haben, in die sie sich hineingelebt haben, keine Kraft mehr, irgendetwas allein zu können, sodass sie wieder solidarisch werden müssen, um überhaupt überleben zu können. Wir kennen das alles an uns selber: Unser Gefühlsleben, die wir stets das Gute wollen und meist das Böse nähren.
Niemand war dann schuldig, alle waren sie schuldig, und niemand allein konnte etwas gegen diese Entwicklungen machen. Niemand konnte schnell steuern, gegensteuern, und alles nicht angetrieben nur durch Bösartigkeit, die wahrscheinlich auch eine Rolle spielte (der Prozentsatz ist schwer abzuschätzen).
Alles durch Liebe. »Gehet hin, vermehret Euch, macht Euch die Welt untertan!«
Der Philanthrop als böser Dealer, der Misanthrop als lächerlicher Stänkerer.
Vielleicht sind manche solidarischer, sodass ihr Wollen andere Menschen einschließt, manche ausschließlich selbstsüchtig.
Wer ist der Gute, wer der Böse?«

Johann Sebastian Höllmüller hatte offenbar viele Fragen. Er wurde sichtlich zerrissen durch Zug und Drang nach allen Seiten. So sahen es seine beiden Freunde. Und beide - selbst Karl Spangel, der ja neu hinzugestoßen war - dachten ein wenig, dass das mit Ursula in der Bäckerei zu tun haben könnte. Und beide dachten - allerdings von verschiedenen Seiten her - darüber nach, wie ein Mann jemals den Frieden der Seele finden sollte neben einer geliebten Frau. Heinrich zwirbelte zur Unterstützung seine rechte Braue, dass es leiste knisterte.

Der Fruchtzwerg aus Weitfortistdorf


»Na Du siehst aber die Welt dramatisch«, meinte Heinz Hlawaty nach hinreichendem Brauengezwirbel zu Johann Sebastian Hollmüller hin. »Die Menschen wollen doch alle nur ein kleines bisschen Glück. Sie singen und tanzen gern. Singen und Tanzen: Da fällt mir eine Geschichte ein aus dem vergangenen Sommer. Eine wüste Geschichte, aber vielleicht halt ja nur ich sie für arg.

Ihr könnt Euch noch erinnern: Die Corona-Maßnahmen waren ein bisserl gelockert worden. Die Regierung formulierte das ein wenig verwirrend, ein bisserl ungenau, und die Menschen lebten es auch nicht so akkurat, wo sie sich privat, unter ihresgleichen, wähnten. Und privat ist man hier am Land schnell einmal. Die Vierkanthöfe stehen - zwar in Rotten - aber doch ziemlich allein in der Gegend herum, und es würde wohl keinem Polizisten einfallen, von den Straßen links und rechts in die Wirtschaftswege abzubiegen, kurvig auf die Hügel zu fahren, um dann wahrscheinlich nichts anderes zu finden, als landwirtschaftliches Hofleben, auch wenn das einige Großhaushalte samt Freunden und Nachbarn betrifft. Die Leute andererseits haben zwar ordentlich Respekt vor der Pandämie, aber die ist ja anderswo. Verwandte, Freunde, Nachbarn, die können den (oder »das«, nicht einmal das ist klar) Virus ja nicht tragen. Die kennt man ja. Da weiß man ja, wie sie leben.

Und so ergab es sich eines Tages, dass ein Bauer seinen 50. Geburtstag feiern wollte. Wir waren hier auch eingeladen. Wir hatten uns auch ziemlich aufgebrezelt, weil wir wussten, dass den Bauersleuten das gefiel. Als wir am Hof eintrafen, waren wir dann doch überrascht: Etliche Autos. Es war gar nicht mehr leicht, einen Parkplatz zu finden. In respektvollem Abstand zum Hof war ein Tisch mit gefüllten Sektgläsern, die Hälfte mit Orangensaft verdünnt, aufgestellt. Wir wurden dort wir von einer berufenen »Zeremonienmeisterin«, der Chefin vom Boogie-Club, formell begrüßt und gaben unsere Geschenke - eine Flasche Zirben-Schnaps und ein schönes Taschenmesser - ab. Overdressed waren wir keinesfalls. Vom teuersten Salon-Steirer bis zur kunstvollsten Lederhose, von der Goldhaubentracht über schönste Dirndln bis zum noblen Hosenanzug war da alles vertreten. Eine Tanzfläche, etwa 70 m2, war aus hölzernen Tafeln aufgebaut worden, am Kopfende eine Bühne, auf der, derzeit noch unbesetzt, ein Schlagzeug, ein elektronisches Tasteninstrument, E-Gitarre, Bass, eine Ziehharmonika und - mit ihrem Trichter am Boden - eine Trompete abgestellt waren. Ich erinnerte mich: Das Geburtstagskind war ein begeisterter Tänzer.

Nach einigen vielen Minuten, in denen uns in der Spätnachmittagssonne trotz einer kräftigen Brise einigermaßen heiß geworden war, hielt die Frau Zeremonienmeisterin mit dem Mikrofon der Musikgruppe eine einleitende Ansprache und holte das Geburtstagskind auf den Tanzboden. Dann meldeten sich einige Festredner zu Wort und lobten den Jubilar. Dieses Lob wurde von einer Teilmenge des örtlichen Gesangsvereines fortgesetzt. Die Sänger intonierten - wahrscheinlich passend - einige Kärntner Volkslieder. Es war sicher schön, aber ich kann dazu nichts sagen, weil die Sänger kein Mikrofon benutzten und der Wind doch ziemlich stark war. Dann wurden einige Geschenke an den Bauern übergeben, von den Schenkenden mit jeweils kleinen Glückwünschen begleitet. Es hätten auch Unartigkeiten sein können. Wir hörten nichts, weil sie kein Mikrofon benutzten. Anschließend wurde ein brutzelndes Spanferkel auf den Tanzboden gekarrt. Dazu hatte man auf eine Schienbetruhe einen Bratspieß montiert. In der Schiebetruhe warten glühende Holzkohlen, und zur Präsentation hatte man ein paar Wacholderzweige auf die Glut geworfen. Hören konnten wir noch immer nichts, aber es roch zumindest gut. Ich bekam schön langsam Hunger. Und dann kam die Frau des Geburtstagskindes, sagte ihm frontal etwas erwartet Nichtverständliches, überreichte ihm ein kleines Päckchen, fiel ihm um den Hals und gab ihm einen kräftigen Schmatz, den man auch nicht hörte, obwohl sie sich sichtbar anstrengte. Die Stille wurde von den Hubertus-Jagdhorbläsern gefüllt, die wir, hinter uns angetreten, gar nicht gemerkt hatten. Die konnten den Wind leicht übertönen, trug der doch die Töne zu uns her.

Der Bauer hatte offenbar bemerkt, wie der Wind die Worte schluckte, und machte aus der Not eine Tugend: Er sagte laut, nein, mit seinem gewaltigen Oberkörper brauchte er wirklich kein Mikro: »Dank´Euch allen. Das Buffet ist eröffnet!«

Nach vielleicht sieben Sekunden Höflichkeitsfrist machten sich nahezu alle Gäste gleichzeitig auf, um Essen zu fassen. Wir warteten vornehm noch eine knappe Minute, dann gingen auch wir. Es dauerte schon einige Zeit, den Teller voll zu bekommen an der Buffetstraße, auf die die Gäste von zwei Seiten eindrangen. Ich nahm Roastbeef, Hirschbraten, ein Stück Grillhuhn, Zander, Lachs, gebackenes Gemüse, gebratenes Gemüse, Kartoffelgratin, einige gedämpfte Frühkartoffel, vier Saucen und Salat. Beim ersten Mal halt.

Während wir dann aßen, was bei diesem Wind durchaus weitere Herausforderungen mit sich brachte, begann die Musik zu spielen. Zuerst ein paar Landler. Passend! Dann eine Rumba: »Brennend heißer Wüstensand« von Freddy Quinn. Weil wir gerade mit dem Essen fertig geworden waren, tanzten wir zur Einleitung. Sonst tanzte niemand. Die Leute dort kennen keine Rumba, und so waren wir mit ein paar Figuren und kubanischen Schmeichlern ein Renner. Unmittelbar folgend spielte die Musik die gewohnten Gassenhauer aus der Schlagerwelt und den 50er-Boogies, in erwarteter und tanzbarer Form. Alle quirlten Boogie-Woogie oder Discofox, ausschließlich, bewundernswerterweise aber mit ausgeprägten persönlichen Noten und unterschiedlicher Wildheit. Einen Samba, Cha Cha, Foxtrott würden sie nicht einmal aus dem Takt heraus hören, aber sie versuchten manchmal ehrgeizig, uns nachzutanzen. Besonders der Cha Cha Cha schien ihnen zu gefallen.

Daneben passierte noch etwas, das ich aber nur in den Tanzpausen bemerkte: An einem Tisch abseits saßen einige Kinder. Zumindest dachte ich zuerst, es seien Kinder. Ein paar Mädchen, nein, schon um die 20 herum. Ein paar Buben, drei Jahre, zwei von ihnen, wie Zwillinge, vielleicht sechs Jahre, die wild zwischen den Tänzern herumliefen. Der Dreijährige warf sich mitten auf der Tanzfläche öfters zu Boden. Seine Mutter - da bin ich erst draufgekommen, dass es die Mütter sind und nicht die großen Schwestern - spielte aber weiter mit ihrem Smartphone und rief allenfalls: »Mach das nicht,... (Namen)!«

Einer der Sechsjährigen hatte einen anderen Trick, um Aufmerksamkeit zu erregen: Er rutschte immer mit einem Unterschenkel in eine Fuge zwischen dem Tanzboden aus Holzplatten und der Außenwand des Bauernhauses. Ich hab das am Anfang gar nicht mitbekommen, weil die Frau Zeremonienmeisterin und ihr Gatte haben den Buben rasch und unversehrt gerettet. Ein paarmal hat dieser Bub das dann noch wiederholt, zur Steigerung ein wenig gegreint sogar, aber es war für alle Zuseher zunehmend ausgelutscht, sodass er schließlich aufgegeben hat und nur mehr mit den anderen Haken durch die Tanzenden geschlagen hat. So ist das auch, bei einem ländlichen Fest. Und ich halt das für sehr tolerant, dass die Kinder nicht gerügt werden.

Die Mütter blieben weitgehend ungerührt und verblieben ungestört an ihren Smartphones, Männer waren trotz des Wochenendes keine dabei, und jetzt erst, da ich wusste, dass es keine Teenager waren, fiel mir auf, auf welch »einladende« und »herausstellende« Weise die drei hergerichtet waren. Wahrscheinlich ledige Frauen, Kinder ohne Vater. Und die beiden Sechsjährigen, die waren möglicherweise sogar Brüder - oder Halbbrüder. Zu der Meinung bin ich gekommen, wie ich verstohlen - ich weiß, sowas macht man nicht - zugehört habe, wie sie gegenüber dem Dreijährigen mit ihrem Vater geprahlt haben, einem Millionär, fünf Meter groß mit 15 Autos, ein Hulk, nur schöner, der den Dreijährigen leicht bis in die Wolken hochwerfen könne.

Ich diskutierte mit meiner Begleiterin darüber. Die ist sehr stoisch und menschenliebend und meinte nur: »Lass sie doch, wenn es ihnen gefällt!«

Mich erinnerte das zu Sehende an eine Reality-Soap namens »Teenager werden Mütter«, obwohl ich solche Sendungen nur beim Zappen sehe, allenfalls wenige Minuten lang verfolgen kann. Ich versuche zwar, resistent gegenüber Fremdschämanfällen zu werden, aber die gezeigten Milieus sind mir dann doch zu arg. Warum macht man solche Sendungen? Damit die Zuseher*Innen sich noch gut fühlen können im Vergleich? Ich fürchte ja eher, das zieht das Niveau der Bevölkerung tief hinunter. Was die konkreten Beobachtungen beim Fest anbelangt, gruselte mir ein wenig wegen der Lebensumstände der Kinder, auch ihrer Mütter, und die absehbare Zukunft aller, die ich mir als unausweichlich vorgezeichnet vorstellte. »Vorgezeichnet« ist hier absolut als Euphemismus zu verstehen.

Und noch was will ich jetzt klar feststellen: Ich will mich hier nicht über Geschlechterungerechtigkeiten auslassen. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Gleicher Respekt für alle Menschen. Da braucht man nicht einmal irgendwie drüber zu diskutieren. Auch wenn wir nicht gleich sind und nie gleich werden sollen. Gleich wert sind wir jedenfalls.


Wir tanzten noch oft, holten uns dazwischen auch vom Buffet nach; die Getränke wurden mit Wägelchen an die Tische serviert. »Aperol Spritz« ist jetzt Mode, oder ein »Hugo«, zumindest bei den Frauen. Die Männer trinken Bier mit hoher Literleistung, die Philosophen und Hedonisten Rotwein. Ich tanz ja sehr gern und sehr »ausladend« (sag ich jetzt einmal dazu, das heißt in der Praxis, ich umkreise - außer bei Platztänzen - gern die Tanzfläche). Deswegen trink ich nicht allzu viel, nicht allzu zuckrig oder würzig, weil ich das alles dann umgehend herausschwitze. Aber auch ohne Trinken transpiriere ich ordentlich, und als ich einmal zur Toilette ging, in erster Linie, um mir das Gesicht kalt zu waschen und den Puls zu kühlen, verweilte ich dann kurz im Hof des Vierkanters, um in der schon frischen Zugluft abzutrocknen. Der Wind hatte zwar bereits nachgelassen, aber die Tageshitze war bereits weit weg.
Gerade in diesem Augenblick ging eine der Mütter, die Mutter eines der Sechsjährigen, wenn ich mich nicht irre, schlendernd vorbei, vielleicht auch auf dem Weg zu den Sanitärräumen. »Energiegeladene Kinder!«, verlautete ich. Das Vorhaben war, die Frau auszufragen. Die tänzelte auch sofort zu mir her und zupfte am Ausschnitt ihrer schulterfreien Rüschenbluse. Das Gespräch ging hin und her, und ich wäre bereit gewesen, alle meine Verführungskünste, all meinen Charme einzusetzen, mich als naiv hinzustellen, was-weiß ich-noch-alles zu machen, um Näheres über die Frauen selbst und Kinder zu erfahren. Das war gar nicht notwendig. Freimütig erzählte mir die junge Frau, dass ihnen sechsen, also drei Frauen mit je einem Kind, keine Väter greifbar seien. Sie seien alle untergekommen auf Gehöften im Umfeld, das wäre schon in Ordnung so.

Die Welt leuchtete doch ein wenig, obwohl ich da doch allerlei Fragen und ungeäußerte Bedenken hatte.

Sie erzählte weiter: Ihr Kind (Name) und das Kind von (Name) mit dem (Namen) wären wahrscheinlich Halbbrüder, ziemlich gleichzeitig auf die Welt gekommen, mit gewissen Ähnlichkeiten. Der eine wäre halt stiller, der andere wilder.
Wild waren sie die Kinder, insgesamt, das hatte ich schon wahrgenommen. Möglicherweise entspannten sich die jungen Frauen hier auf diesem Fest vom dauernden Drängen ihrer Kinder, das sonst ungeteilt ihnen galt. Niemand hatte hier und jetzt irgend jemanden gemaßregelt deswegen.
Die Welt leuchtete beständiger.

Warum denn der oder die Väter nicht auftreibbar wären?
Also: Das wäre wahrscheinlich der Josef aus Weitfortistdorf. Ein strammer, fescher junger Mann, nicht viel größer als sie selber, aus meiner Sicht also eher klein. Das - also die Zeugung(en) - wären passiert auf einem Fest der Blasmusik im oberen Tieftal. Ein wildes Zeltfest mit wilden Attraktionen drumherum: Ringelspiel, Schiffsschaukel, Kuhaugenweitspucken....
Sie hätten den Josef - oder Joey - ja eh gesucht, im nächsten Jahr. Ins Tieftal wären sie gefahren, nach Weifortistdorf , in die sieben Weitfortistdörfer, die es bei uns im Lande gibt, doch nirgends hätten sie den Joey gefunden. Das Jugendamt hatte ihn auch nicht finden können. Die Behörde machte ganz schöne Schwierigkeiten, weil sie den Vater nicht nennen konnten, da wäre ihre dritte Freundin besser dran. Der zahle, auch wenn er weder die Frau noch das Kind sehen wolle.

Ich fragte dann noch nach, wie sie sich überhaupt in solchem Grad sicher sein konnten, dass der Karl der Vater wäre, bei so vielen Unsicherheiten, im Rausch den Blasmusikfestes.
Die Frau meinte, ein wenig rotzig trotzig:
»Warum? Er war der Letzte!«

Da hat der Abendwind das Licht dann ausgelöscht.«


Die beiden anderen brauchten doch etliche Augenblicke, um zu begreifen. Die Intonation von Heinz rund um die Pointe ließ seinen beiden Zuhörern das Lachen im Hals stecken bleiben, war wie ein Tritt in den Bauch gewesen, von dem sie sich erst erholen mussten. Heinz lachte sowieso nicht, sah nur mit tiefen, leicht wässrigen Augen und unglaublich liebevollem Gesichtsausdruck ins Leere. In diese Stille hinein meinten die beiden anderen, eher neutral und dürr sich ausdrückend: »Unglaublich ...«
Aber irgendwie ist es doch auch eine Pointe.
Mit mehreren Aspekten, inklusive der Kraft der Lenden, wie man das so sagt, von Joey, dem »Fruchtzwerg aus Weitfortistdorf«

Es gibt kein Schicksal, .....

... aber es kann gefallen, an ein solches zu glauben.

Im Verbund des Einkaufszentrums gibt es auch einen Lebensmittelsupermarkt. Der Kundenzugang - über Schiebetüren - liegt in einem überdachten Durchgang, einer Lücke zwischen den Geschäften, die eine Verbindung zwischen der Wohnhauszeile hinter dem Gewerbeblock und der Front der Geschäftszugänge, vor denen ein Parkplatz für das Gross der Kunden ermöglichen soll, liegt. Unmittelbar neben den Schiebetüren des Supermarkts befindet sich ein »Einkaufswagerlparkplatz«, ein Ort, an dem sich ankommende und gehende Kunden zwangsläufig begegnen, es sei denn, sie fahren mit dem Einkaufswagerl zum Auto und stellen es dann in einer »Einkaufswagerlgarage« auf dem Parkplatz ab. Manche Einkaufszentrumbesucher lassen ihr Wagerl nach dem Entladen auch einfach stehen, a la longue frei rollen, bis irgendein anderes parkendes Auto angepumpst wird. Darüber kann man sich schon ärgern, auch wenn man nicht sonderlich autoverliebt ist.

Unweit des Einkaufwagerlparkplatzes beim Supermarktzugang liegt die Bäckerei, in der Johann Sebastian Höllmüller gerade zu seiner Ex-Gattin sagte: »... und warum weißt Du, dass er Karl heißt?« Die beiden in der Bäckerei sprachen noch weiter, was man aber durch die Glasfassade des Geschäfts bis zum Einkaufswagerlparkplatz nicht mehr verstehen, ja nicht einmal hören konnte, obwohl es ziemlich still war, still durch die Anti-Corona-Quarantänemaßnahmen. Es war ganz, ganz ruhig. Nicht totenstill, aber sehr gedämpft an diesem Spätwintervormittag, auch wenn die Sonne durch die Wolken blinzelte.

Im Vorbereich der Geschäfte standen zwei einander zugewendete, vermummte Männer, von denen nur wir wissen, dass es Heinrich Hlawaty und Karl Spangel waren. Gesehen hätte man ihre Gesichter nicht. Und ein Maronibrater war noch da. Mit Stirnband, dickem hellbraunen Kunstpelzmantel, überdimensionalen Fäustlingen, der ab und an hinter seinem Holzkohlen-Fassofen hervorkam und Sprünge - auf einem Bein, dann dem anderen, dann beiden gleichzeitig - aufführte, um sich zu erwärmen. Dabei rieb er sich die Ohren mit den Riesenfäustlingen, und die befäustlingten Hände. Und ein paar Restschneeflecken waren nimmer wirklich weiß, der Parkplatz feuchtfleckig, die paar parkenden Autos waren bis zur Gürtellinie und insbesondere am Heck dreckbespritzt. Es war kein strahlender Tag, es war einer dieser Tage.

Aus dem Lebensmittelsupermarkt kam eine Frau, irgendwo zwischen 45 und 60 Jahren. Ihr Namen täte nichts zur Geschichte, wir wollen sie »Herta« nennen. Sie stellte ihren Einkaufswagen in die Einkaufswagengarage ab, nachdem sie die Einkaufstasche, die sie schon drinnen im Supermarkt befüllt hatte, entnommen hatte. Die Wagerl wurden wegen der Pandämie nicht verriegelt oder versperrt (ich weiß nicht, warum das ein Infektionsrisiko senken soll. Es gibt ja Türschnallen, Bankomatentasten, die Drücker der Desinfektionsmittel-Spender, usw.), aber weil sie nicht versperrt waren, die abgestellten Einkaufswagerl, weil es deswegen kein Münzpfand zurückzuholen gab, schubsten und kickten manche Kunden die Wagerl einfach lässig aus großer Entfernung zwischen die vorgesehenen Stahlgeländer. Nicht selten, blieb ein Wagen gleich am Eingang zum Abstellplatz stecken. Die Gefahr, von hier aus ein geparktes Auto erreichen oder gar beschädigen zu können, war allerdings kaum gegeben.

So eine schlampige Schubserin war die Herta nicht. Sie stellte ihren Einkaufswagen ordentlich ab und ordnete noch ein paar andere, nicht adrett abgestellte Wägelchen, entnahm sogar hinterlassenes Verpackungsmaterial und Rechnungen und warf den Papiermüll in einen am Geländer montierten Abfallsammelbehälter.

Ich mag solche Achtsamkeit, achtsames Handeln. Ich mag nicht den Groll, den manche Menschen, die so handeln, zu entwickeln beginnen, gegen die Kategorie der »Schlampigen« (Wer sind denn die genau?), der »Schmarotzer« (Worin besteht das Schmarotzertum?). Ich mag Menschen, die Fehler haben, wenn sie ihre Fehler bemerken können.


Und wie die Herta da reinigte und rüttelte, fand sie plötzlich in einem Einkaufswagen ein Manuskript. Wir würden das »Manuskript« nennen. Für Herta waren es vielleicht zwanzig A4-Blätter, ungewohnt weiß, nur auf einer Seite mit schwarzer Schrift bedruckt, an einer Ecke mit einer Heftklammer geheftet. Herta wunderte sich, dass es so mächtige Heftklammern gab, mit denen man 20 Blätter binden konnte. Als sie nur die ersten Zeilen las: »Der Friederich, der Friederich, das war ein arger Wüterich... Ich erzähle aus den Blickwinkeln eines Mannes....«, fühlte sie sich sofort an ein Kinderbuch, den »Struwelpeter« erinnert.

Und es war ihr auch sofort klar, dass diese beschriebenen Blätter etwas Persönliches sein mussten, etwas, in das sie sich in ihrem Verständnis von Korrektheit nicht einmischen wollte. Irgendwie fürchtete sie sogar, sie könne sich anstecken. Nicht konkret, nicht mit Corona, aber vielleicht mit Anarchie? Und so trug sie den Block in den Supermarkt, von wo er ja offensichtlich auch gekommen sein musste, zu einer Kasse, wollte ihn dort der Kassierin geben.

Diese - ihr Namen tut ebenfalls nichts zur Sache, aber ich nehme an, es war einer von der Sorte, bei der das Jugendamt möglicherweise vorsorglich einen Akt anlegt, wenn die Benamsungsabsichten der Eltern bekannt werden - meinte, Herta solle die Blätter auf dem Bord ablegen, auf dem die Kunden ihre Waren von den Wägen in die Taschen umpackten. Das tat Herta auch, und beide - die Verkäuferin und Herta - ließen die Erinnerung an das Ereignis versickern in ihren Alltagen.

Nach dem »Schichtwechsel« an der Kassa ging die Verkäuferin mit dem unaussprechlichen Taufnamen, den sie selber zum Rufnamen »Siehl« umgeformt hatte, noch mistaufräumend durch ihren Kassen- und den Umpackbereich, und dabei fand sie - sie erinnerte sich an Herta - das Manuskript; ein - wie sie es fand - feines und dünnes Heftchen. Da sie doch einige Minuten Pause haben würde, allein, frisch nichtrauchend, nahm sie das Heft mit sich, um zu lesen. Sie zog sich ihre private Jacke über, ging beim, Hintereingang aus dem Geschäft, setzte sich auf eine flache Steinmauer in der Anlieferungszone und Sonne, so, dass sie vor Wind halbwegs geschützt war. Kurz dachte sie noch daran, wie brav sie aufgewachsen wäre, wie brav sie die Lehrstelle im Supermarkt angenommen hatte. Mit einem Anflug von Verzweiflunbg und Angst vor dem Riesenhaufen Aussichtslosigkeit, den sie bis zur Pension vor sich herschieben würde müssen, schaute sie einige Sekunden in ein Luftloch, das nur sie sehen konnte, strich sich über ein kleines Halstattoo, das sie auch nicht retten hatte können, und begann nichtrauchend zu lesen:

Ein Mönch mit Schmerzgrenze

(c) Disney


»Der Friederich, der Friederich, das war ein arger Wüterich...«

Ich erzähle aus den Blickwinkeln eines Mannes, weil ich ein Mann bin.
Ich versuche, Frauen gleichwert zu behandeln, doch ich bin mir dabei zumindest zweier Hindernisse bewusst:
- Ich finde Frauen anziehend, und
- ich kann mich nicht vollständig in Frauen hinein versetzen
Deswegen habe ich für mich strenge Methoden eingeführt, um möglichst objektiv und wahrhaftig zu sein. Dies betrifft nicht nur die Erkenntnis von und den Umgang mit Frauen, sondern die ganze Welt, meine ganze Welt.

In dieser Zeit rollte eine Pandämie über die Welt, eine Atemweg-Infektionskrankheit, umgangssprachlich als »Corona« bezeichnet, obwohl dieser Name doch nur darauf Bezug nimmt, dass das Virus der Kategorie der Coronaviren angehörte. Das (oder »der«, beides ist gleichwertig und wird verwendet) Virus war hochinfektiös und hatte auch eine evidente und vorhersagbare, quasi reproduzierbare ins letale reichende Wirkung, die hauptsächlich in Verbindung mit anderen organischen Schwächen zum Tragen kam. Und es war bemerkenswert, wie sehr die Menschen ihren persönlichen Tod fürchteten, den Tod durch die Erkrankung oder den Tod durch die Impfung dagegen, austauschbare Todesangst mit wechselnden Evidenzen oder Meinungen. Sie fürchteten ihren persönlichen Tod mehr als den Tod der ganzen Art, für die sie die Welt und die Zukunft zerstörten.


Mein Name ist Frollo, eigentlich Friedrich. Ich bin der Gerechte. Und es ärgerte mich schon immer, es ärgert mich noch, wie ich heiße.

»Der Friederich, der Friederich, der war ein arger Wüterich....«
Und ich wurde von den anderen Kindern deswegen verspottet, und deswegen wurde ich wütend. Gerade deswegen, wegen dieser Geringschätzung, wegen der Ungerechtigkeit, die mir diesen Namen zugedacht hatte. Mir zuliebe, mich zu ärgern, um ihres Friedens willen, wegen der Spannung, nannten mich meine Jugendfreunde dann Frollo, nach dem teuflischen Richter von Paris im »Glöckner von Notre Dame« denke ich, aber niemand hat es mir verraten.
Es traf mich, es machte mich zornig, weil es ungerecht war. Ich lernte über die psychologischen Wirkungsmechanismen. Ich sprach offen mit Freunden. Ich dämpfte meine Wut. Ich führte für mich strenge Methoden ein, um möglichst objektiv und wahrhaftig zu sein.
Ich bin Frollo und Friedrich. Ich hab mich unter Kontrolle.

»Er fing die Fliegen in dem Haus und riss ihnen die Flügel aus.«
Den Zorn meiner Jugend hatte ich überwunden. Durch Übungen, durch Beherrschung. Ich hatte mir Dinge über mich sagen lassen, die mich innerlich zum Kochen brachten, und gelernt, dabei ruhig zu bleiben. Ich hatte darauf bestanden, dass man meine verletzlichsten Persönlichkeitsbestandteile angriff, ich wollte mich perfektionieren. Und ich denke, es ist gelungen.
Man kann mich nicht mehr aufregen. Provozieren Sie, soviel sie wollen, wie Sie wollen, womit Sie wollen. Es kann schon sein, dass ich tief durchatmen muss, schlucken muss, aber explodieren werd ich nimmer.
Was mir auch sehr geholfen hat, war die Arbeit, meine Arbeit, mein Job. Ich war immer schon ordentlich. So ordentlich wie gerecht. Und so war es klar, dass ich gute Arbeit machte, mache. So gut, dass es sich bald herumsprach – in der Kollegenschaft, bei meinen Vorgesetzten. Man bestaunte fast ehrfurchtsvoll meine Leistungen, und unausweichlich machte ich Karriere. Ein bisserl ungerecht ist die Welt immer: Ich hätte schneller vorankommen müssen, aber man beförderte zuvor andere Typen, welche mit durchaus weniger Kompetenz und Leistung, die es aber verstanden hatten, sich vorzudrängen. Vermutlich hatten sie Freunde in der Chefetage, oder vielleicht gab es ja so etwas wie einen Beförderungsschlüssel, so wie bei der Frauenquote: Indem man über alle Abteilungen der Firma hinweg immer wieder jemanden beförderte, signalisierte man, dass jedermann Karriere machen könne und hielt die Mitarbeiter so bei der Stange. Ganz schön schlau.


Ich war dankbar für das Vertrauen, das man mir entgegenbrachte, und revanchierte mich bei meinem unmittelbaren Vorgesetzten durch kleine Nützlichkeiten: Vor Besprechungen bereitete ich ungefragt Unterlagen vor, arrangierte eine Präsentation. Das wurde durchaus geschätzt. Und wenn es klar war, dass Widerstände zu überwinden sein würden, dann bereitete ich das eine oder andere Special vor (Sie wissen, was ich meine!), wobei durchaus persönliche Komponenten eine Rolle spielen konnten. Irgendwie muss ich grinsen bei dieser Formulierung, weil der Eindruck entsteht, als ob hier Gemeinheiten im Spiel gewesen sein könnten. Sie waren es: pointierte, winzige, angebrachte, sitzende Nadelstiche. Und niemals ungerechtfertigt, es traf immer die Richtigen. Hochmut kommt vor den Fall!
Ich war nicht nur fachlich beschlagen, sondern hatte auch soziale Kompetenzen. Das heißt ja nicht, dass man jedermanns Freund sein muss, sondern grundsätzlich nur, dass man weiß, wie Menschen und Sozialgemeinschaften funktionieren. Und das wusste ich bald, und ich konnte mit diesem Instrument meisterhaft spielen.

»Er schlug die Stühl' und Vögel tot - die Katzen litten große Not«.
Wenn ich provoziert worden war, bis zum Blut gereizt von den Sadisten, die genau wussten, wie sie mich quälen und manipulieren konnten, dann explodierte ich. Dann zerstörte ich alles, was ich erreichen konnte, alles, was mich gequält hatte, alles, was mir lieb war. Sie haben mich dazu gebracht, mich selbst zu zerstören, indem sie mich reizten.
Ich hab ja immer gespürt, wenn sich etwas aufstaute in mir, Druck verursachte. Ich hab ja gewusst, dass ich explodieren würde, aber ich konnte nichts dagegen tun. Das Explodieren selber war ein sonderbarer Vorgang: zu Beginn ein wilder Berserker-Rausch, ein einfaches Drauf-Los-Stürmen. Kurz darauf wurde der Kopf dann doch klar, bemerkte, was alles zerstört worden war, und ich fühlte nur mehr tiefen Trotz. Ich war es nicht, niemals gewesen, der die Lunte in Brand gesteckt hatte. Ich war nicht verantwortlich für die geschehenen Zerstörungen. Und diesen Leitsatz nahm ich mit in das Aufwachen aus der Verkrampfung des Zorns und des Trotzes in die erkaltete schmutzige Welt, auch wenn ich ihn nicht glaubte. Und da ich ihn nicht glaubte, begann ich nachzuforschen, warum ich so ein Zornbinkel sein konnte.
Ich hatte ja doch immer recht gehabt. »Recht« im Sinn von Gerechtigkeit, »Recht« im Sinn von Richtigkeit. Die Situation war erst nachfolgend eskaliert. Ich hatte Schritt für Schritt beweisen können, dass ich recht gehabt hatte. Die anderen wollte mir partout nicht recht geben.
Erst später wurde mir bewusst, dass die Menschen es nicht vertragen, widerlegt zu werden, dass sie die Wahrheit nicht ertragen können. Die Konsequenz, die ich daraus zog, war einfach: Nicht mehr zu argumentieren, wenn es praktisch um nichts ging. Ich betrieb geistige Übungen, Meditationen, Exerzitien. Ich legte meinen Tagesablauf auf die Minute fest, und in der Ruhe, die sich daraus ergab, fand ich endlich auch meine Ruhe.
Ich fühlte mich wie ein Mönch, der aus der Brandung des Lebens in den ruhigen Hafen der Selbsterkenntnis gelaufen war.
Es fühlte sich gut an. Ein wenig entsagungsvoll, aber erleuchtet.

»Und höre nur, wie bös er war: Er peitschte – ach – sein Gretchen gar!«
Corona hatte Wirkungen, die ich rational nicht einstufen konnte. Es machte mich wuggi. Diese Fledermaus-Keuchhusten-Lungenfibrose verursachte ein Krankheitsbild Covid 19 mit Folgen, die von einer leichten Erkältung bis zu einer erheblichen Todesrate reichten. Aus dem Ausland wurde von tausenden Toten berichtet, im Inland gab es Sterbefälle, ich selber kannte keinen einzigen Erkrankten, ich kannte keinen Verstorbenen, weder am Virus noch an der Impfung.
Es kursierten widersprüchlichste Nachrichten, trotz ihrer Widersprüche jeweils plausibel vorstellbar. Diejenigen Inhalte, die tiefere Geheimnisse und Gründe ins Treffen führten – von der Esoterik bis zur Verschwörungstheorie – schloss ich aus. Welcher verborgene Sinn sollte in einem natürlichen Vorgang stecken, zumindest welcher menschenbezogene. Warum nicht auf Hummeln bezogen, warum nicht auf Dinosaurier, hatten diese sich seinerzeit vielleicht auch gedacht.
Die Verschwörungstheorien waren allesamt absurd: »Nichts geschieht durch Zufall!«, »Nichts ist, wie es scheint!« und »Alles hängt mit allem zusammen!« Mit anderen Worten: Es gibt einen geheimen Plan teuflischer Eliten. Nachdem er die ganze Welt und Menschheit umfassen soll, der Plan, muss er wohl sehr umfassend und komplex sein, dieser Plan. Wie kann man einen derart umfassenden und komplexen Plan verwirklichen ohne viele eingeweihte Helfer. Haben Sie schon einmal einen Kindergeburtstag organisiert, eine Hochzeit? Wie viele Helfer*Innen haben sie da gebraucht? Wie sollte eine Hälfte der Menschheit ein solches Geheimnis vor der anderen Hälfte geheimhalten können. Denken kann man auf beiden Seiten (wie auch dumm sein).
Da blieben nur mehr die Möglichkeiten eines groben außerirdischen Eingriffs, oder dass ich das Ganze träumte. Diese beiden Optionen stellte ich als irrelevant beiseite. Aus dem Inneren eines Systems kann man dessen »äußere« Gründe nicht erkennen, allenfalls damit spielen. Ich musste lächeln.
Die Corona-Krise würde unabsehbare Folgen für die Entwicklung der Menschheit und mein eigenes Leben haben. Das machte mir Angst. Aber ein wenig Hoffnung hatte ich doch auch, dass die Entwicklung der Menschheit zum Guten hin beeinflusst würde. Allein schon der Gedanke, dass meine mittelalterlichen Vorfahren, meine Großeltern und Eltern, weitaus größere Krisen erlebt, durchlebt hatten, stachelte meinen Ehrgeiz an, mutig zu sein. Aus den Nachrichten zu erkennen, dass die Länder, Parteien, Meinungen, Moden, zusammenarbeiteten, zusammenzuarbeiten schienen, im Gegensatz zu den Weltkriegszeiten des 20. Jahrhunderts, machte mir Freude. Dass am Erreger und der Erkrankung geforscht wurde, nach meinen Einschätzungen ernsthaft geforscht wurde, machte mir Mut. Ich brauche gute Nachrichten.
Vor Jahrzehnten hatte ich den Weg aus seinen Ängsten in der Rationalität gefunden. Ein Weg für mich, nicht für jeden. Andere wollten glauben, in vorgegebenen Kirchenmustern, an selbst gebastelte höhere Mächte. Ich erinnere mich an Diskurse mit solchen anderen, und dass es ja – rational gesehen – besser, menschenwürdiger wäre, den Menschen ihren Glauben zu lassen, außer wenn dieser zu Handlungen gegen wiederum andere Menschen führen oder aufrufen würde.
Ich kann wieder frei durchatmen.
Diese Rationalität ist meine Strategie im Kampf gegen mich selber, gegen meine Angst, meine Wut, gegen meinen Zorn.

Ich erinnere mich an meine Familie, meine ehemalige Frau. Ich bin geschieden, es ist in Ordnung so, wie es jetzt ist. Im ersten Augenblick wollte ich gar nicht über meinen Anteil am Auseinanderleben nachdenken, das der Scheidung vorangegangen war. Meine moralisch vertretbaren oder eben nicht vertretbaren Eigenheiten, der Anteil meiner Frau: Ich konnte und kann es nicht auseinanderhalten und es ist auch unwichtig geworden.
Ich erinnere mich, dass ich große Angst gehabt haben musste, wie ich denn mein Leben jetzt meistern sollte, was denn aus mir werden würde, so ohne stabilisierende Bindung. Diese Angst war in dem Moment gekommen, in dem ich erkannt hatte, dass es keinen Weg an der Scheidung vorbei geben würde. Ich dürfte also vorher nicht hingeschaut haben.
Ich hatte auch die Angst meiner Frau gesehen, und es erschien mir, als wäre es Angst vor mir gewesen. Und trotzdem, über diese Angst hinweg, hatte sie mich im Zug der Trennung provoziert, aufs Ärgste provoziert, damit ich die Fassung verlöre. Damit Fakten für eine schuldhafte Scheidung geschaffen würden. Vielleicht?
Es war eine einvernehmliche Scheidung geworden. Ich war gegangen. Kein Streit um Sachen. Ein absoluter Neustart. Ein wackeliger Neustart. Die Vermutung des Versuchs, mich zum Ausrasten zu bringen, kränkte mich, kränkt mich auch jetzt noch, wenngleich nur wenig, ein wenig wehmütig.
Aus meiner Sicht bin ich kaum, zumindest nicht körperlich, nach außen aggressiv gewesen, hauptsächlich und in jeder Weise nur gegen mich selber. Das ist auch idiotisch.
Es wird sowieso nicht stimmen, denn Aggressivität ist zuerst einmal Energie. Man weiß nicht, wohin sie sich ihren Weg bahnen wird.

Meine Rationalität war mir oft Last. Sie schränkt die Hoffnungen auf meine persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten arg ein. Wenn man sie anwendet, dann werden Glück, Liebe, aber auch Trauer und Leid, reduziert auf ihre Funktionalität, für die man sich den Maßstab, die Maßstabskategorien, aussuchen kann.
Meine Rationalität gibt mir Trost: Die Welt wird sich nach Prinzipien der Kausalität verändern, meine Welt. Soweit ich handlungsfähig sein werde wird nichts Unvorhersehbares passieren, auch wenn die Nebel über meiner Zukunft sich jetzt noch nicht gelichtet haben. Es wird richtig sein, angemessen, das, alles, was passieren wird.

Und so sah ich mir von außen zu und lachte bitterlich. Doch manchmal verlor ich die Fassung. Meist gegen mich selber.
Nun bin ich allein, ungebunden, niemandem verpflichtet, und es ist ruhig geworden in meinem Leben. Oder?

Ja, es ist ruhig geworden.
Ein ruhiger Tagesablauf. Ruhe in meiner sozialen Position. Beruflich habe ich mich entschieden, dort zu bleiben, wo ich bin. Wozu sollte ich Karriere machen? Ich habe alles, was ich brauche. Und nach beruflicher Anerkennung sehne ich mich nicht. Ich bin Fritz Frollo. Manche mögen mich für einen eigenbrötlerischen Kauz halten; es wird stimmen. Sie lassen mich in Ruhe. Ich lasse sie in Ruhe.
Mein Gefühlsleben ist tatsächlich sehr unspektakulär geworden, Tag für Tag sehr gleichartig, wie auch meine Arbeit, mein physischer Lebensunterhalt, meine Post, die Teilnahme an dem was man »Social Media« nennt. Ich brauche frische Luft. Ich brauche Sicht in das Land, auf das Meer, in die Weite. Auf reale Dinge, die da sind, die schön sind. Dann such ich Unterhaltung, ein Spiel in einer virtuellen Welt mit klaren Regeln, ein Buch, einen Film. Immer seltener ist da etwas dabei, das mich berührt. Immer öfter find ich es dumm, was man mir da zumutet: Action, Effekte, vermeintliche Gags in einer Dichte, dass ich dem Lauf der Handlung nicht mehr folgen kann, dass mir beim Nachdenken nicht klar wird, warum der Gute der Gute und der Böse der Böse sein soll. Hauptsache es kracht, doch das macht mich nur unruhig. Ich will das nicht.
Ich will nicht, wenn sich Bekannte über irgendetwas aufregen und mich in ihre Aufregung zu ziehen versuchen. Ich will nicht, dass Werturteile abgegeben werden. Ich will keine Suggestivfragen erleiden müssen. Ich will nicht mit jedem undurchdachten Schwachsinn belästigt werden.
Das sag ich aber nur meinen liebsten Menschen, denen, zu denen ich Vertrauen habe.
Den anderen gegenüber schweige ich. Ich habe seinerzeit auch meiner Frau gegenüber zu schweigen begonnen, als klar war, dass sie nimmer wollte. Ich habe ihren Vorwürfen nichts entgegenhalten können und wollen, weil es ja doch ihre Sicht der Dinge war. Sie hat - für sich - wohl recht gehabt. Manchmal denk ich darüber nach, ob ich nicht um sie kämpfen hätte sollen, aber ich weiß nicht, wie man um einen Menschen kämpft, der sich abwendet. Schade eigentlich!

Ich hab entdeckt, dass Schweigen ein mächtiges Kommunikationsmittel ist.
»Wer schreit, hat unrecht!«, heißt es. Ich glaub nicht, dass der Schweiger recht hat. Der Zuhörer hat aber die Chance, etwas mehr zu erfahren und zu erkennen. Und Zuhören kann man besser, wenn man nicht selber redet oder schreit.
Schweigen und Zuhören ist unterhaltsam. Man hört bessere Geschichten als sie uns in Action-Filmen erzählt werden sollen, man sieht schönere Menschen, als wenn man nur mit den Augen schaut, und fürchterlichere.
Die Menschen beginnen einen zu schätzen und zu lieben, wenn man schweigt und zuhört. Sie fühlen sich verstanden und angenommen, das ist schon einiges.

Rückblickend muss ich sagen, dass in diesen Zeiten alles gut lief für mich, nach meinen Regeln, nach meinen Wertvorstellungen.

»Liebe ist nur ein Wort« , heißt ein Roman von Johannes Mario Simmel. Ich kannte den Titel aus meiner Jugend, gelesen hab ich das Buch nie. Irgendwie ist mir Simmel als ein bisschen sozialkritisch in Erinnerung. Für heutige allgemeine Wertmaßstäbe wahrscheinlich sozialromantisch, »linkslink«. Lachen kann ich darüber nur bitter!
Aber die These, dass Liebe nur ein Wort sei, die ist mir schon Anker für meine Gedankenausflüge und könnte als Programmführer für die nächsten Tage Weltfernsehen dienen.
Meine Gedanken zu »Liebe«? Nun ja, ich unterscheide da doch einiges. Sie müssen dazu wissen, dass ich im ländlichen Bereich aufgewachsen bin, dass ich schüchtern war, dass ich große Fantasien und Gedanken gesponnen habe in meiner Jugend. »Romantisch« wäre wohl eine Bezeichnung dafür, für die schöne Seite.

Natürlich analysierte ich meine »Liebesdefinitionen«, oftmals, und so ergab sich für mich folgende Systematik:
Zuallererst muss man sich wahrscheinlich selber lieben. In einem vernünftigen Ausmaß, das zwischen der religiösen Schuldkultur und weltlichen Gier-Idealen liegt. Eine solche pragmatische Selbstliebe kann man dann ja in Relation zu den anderen Liebesbeziehungen setzen, aber wenn man die Liebe so nicht kennt, ist man wahrscheinlich außerstande, überhaupt zu lieben.
Dann kommt die Liebe zur Welt, zum Leben, zu allem, was ist. Man freut sich jeden Tag. Man kann über den Umstand lachen, dass es auch Barbaren gibt.
Man kann aus Liebe zur Welt gegen die antreten, die die Welt, die man doch liebt, zerstören, die Menschen, die man liebt, quälen und töten. In diesem Fall kann man beispielsweise - als sinnvoller Märtyrer - pragmatisch die Selbstliebe gegenüber der Liebe zur guten Welt zurückstellen und sich aufopfern (das war jetzt aber nur für diejenigen, die gerne solche Gedanken gern pflegen. Ich seh derzeit – für mich, meine Umgebung zugegebenermaßen – mehr Sonne als Wolken).
Da fällt mir noch ein, dass man – wenn man sich zur Weltliebe bekennt – doch eher pragmatisch sein sollte: Es mag schon sein, dass es da und dort fürchterlich zugeht. Es ist sicher, dass unsere jetzigen Systeme und Maßstäbe a la longue zur Weltzerstörung führen. Aber tatsächlich gibt es jetzt eine größere Weltbevölkerung bei durchschnittlich weniger Armut, längere Lebensspannen, etc. Das gilt leider nicht für alle Weltgebiete und keinesfalls für alle Zukunftt. Wir werden uns ändern müssen, aber, ich kürze es ab: mit Liebe! Und glauben Sie mir. Gerade mir selber muss ich das oft und regelmäßig vorbeten. Immerhin bin ich Friedrich Frollo.
Und dann kommt die Liebe zu einem bestimmten Menschen. Ich weiß, wie eine solche Liebe sich anfühlt, aber ich kann Sie nicht beschreiben. Jede solche Liebe ist anders. Aber Liebe als nur ein Wort wäre mir zu wenig. Sie ist ein tiefes Gefühl, ein gewaltiges Gefühl.
Ich denk schon, dass man auch eine solche Liebe in Relation setzen kann zur Selbstliebe, zur Weltliebe. Ich glaub nur nicht, dass dies mit pragmatischen, evidenzbasierten Schlussfolgerungen möglich ist.
Eine solche Liebe kann verletzen. Darum werd ich nimmer, nie mehr, nimmermehr, niemals mehr lieben.


Teils arbeite ich im Betrieb, teils im Home-Office. Konstruktionsvorschläge, Berechnungen, Detailplanungen: Das kann ich auch zu Hause machen. Ebenso Online-Besprechungen. Aber manchmal muss ich dann doch in die Firma, um Pläne abzuholen, Papier, Modelle zu begutachten. Heute war ich im Büro. Kaum jemand da. Ich fragte mich, wozu wir überhaupt ein so großes Büro betrieben. Der Portier war schwer vermummt, aber so wie ich ihn kenne, führte er eher Anweisungen aus. Ich glaub nicht, dass der mit dem ganzen Infektions- und Pandemieszenario etwas anfangen kann. Sein Portierjob ist ja auch langweilig. Vielleicht trinkt er? Dann kann er jetzt seine Fahne hinter der Maske verstecken.
Ich vermute ja, dass ja die meisten Leute das, was jetzt passiert und passieren sollte, nicht wirklich begreifen und bedenken, sich das Geschehen und die Konsequenzen - oder Möglichkeiten - nicht vorstellen können: Da gibt es Diskussionen um Maskenpflichten, über das richtige Aufsetzen (ich hab nicht gewusst, dass man ein einfaches Thema durch Aufregung und Wiederholung so komplizieren kann). Verkäufer sitzen hinter Plexiglasschirmen, die Polizei straft – nach Gerüchten – immer wieder einmal Personen ab, die – nach welchem Geschmack? – zu sehr eine Gruppe bilden. Gleichzeitig tappsen alle, ohne nachzudenken, die Griffe von Einkaufswagen ab, oder diese kleinen Leisten, die man zwischen die Einkäufe legt, die Tasten der Bankomatkassen (da vergehen jeweils nur wenige Sekunden zwischen den Berührungen durch verschiedene Personen). Solche Infektionswege sind aber in den Pandeämiemaßnahmen und -berechnungen wahrscheinlich mit irgendwelchen Qualitätsfaktoren berücksichtigt.
Sonniges Wetter heute. Ich trat durch die Schiebetürschleuse in den Empfangsraum und wendete mich nach links, Richtung Portierpult. Und in dem Augenblick, in dem ich aus den Augenwinkeln zur Glasfront des Haupteingangs zurückblickte, bremste dort ein Postauto, ein Kleinbus zur Paketauslieferung, eher sportlich, sowohl im Hinblick auf die Fahrweise wie auch mit quietschenden Reifen.
Ich erwartete daher einen jugendlichen Fahrer, aber es war eine Fahrerin, jugendlich, elastisch, die aus dem Fahrzeug sprang, die Tür schwungvoll zudonnerte, sich schwungvoll ein Paket aus dem Laderaum holte und zur Eingangstüre der Firma hüpfte, tänzelte. Das Paket hatte ein Volumen von etwa 25 Litern, schwer schien es nicht zu sein, und die Fahrerin wartete verhalten zappelphilipprig, bis die automatischen Schiebetüren öffneten. Sie trat nur etwa zwei Meter tief in den Raum, dann seitlich, vier Meter nach rechts zu einer Sitzgarnitur mit Tisch, auf den sie das Paket stellte. Sie sah zu uns her, zum Portier und zu mir, und ich erkannte, dass sie nicht so jung war, wie ich vermutet hatte. Sie war sicher schon um die 40 Jahre alt, ein klar gezeichnetes offenes Gesicht, blonde Haare, lange Haare, blaue Augen, ein gerader schmaler Mund, fast gerade bis auf ein verschwindend spöttisches Lächeln, kaum geschminkt - wenn überhaupt. Langsam wendete ich mich zu ihr hin. Das stimmt nicht. Irgendetwas drehte mich. Ich genoss die sanfte, gleichmäßige Bewegung.
Das Lächeln gefror ihr, schlief ein. Ich fiel in ein Loch und in diese Augen. Sie fragte: »Ich stell das da her. Passt das so? Unterschrift brauch ich keine. Zu zahlen ist auch nichts.« »Schönen Tag!«, sagte sie, drehte sich um, sprang flott zum Auto, stieg ein, warf die Tür energisch zu und fuhr – sportlich rasant – wieder weg. Groß war sie gewesen, oder sie war mir zumindest groß erschienen, und sportlich. Das bezieh ich jetzt auf die Figur. Sie war schlank, aber nicht dünn. Die Haare waren glatt gewesen, konnte ich mich erinnern. Mittelscheitel.
Nachdem ich wieder aufgetaucht war, schluckte ich, drehte mich um, ging zum Aufzug, erinnerte mich an den Portier und machte ein krächzendes Geräusch über die Schulter zu ihm hin. Ich holte im Geist meine Erledigungsliste für den Firmenbesuch hervor, fragte mich, ob ich etwas belämmert ausgesehen hatte, jetzt soeben, und schaute nochmals zum Portier zurück, ob der etwas bemerkt hätte. Der blickte in den Monitor auf seinem Pult.
Um etwa 14 Uhr ging ich wieder nach Hause. Ich kaufte in einem kleinen Supermarkt am Weg ein paar Lebensmittel, mit Maske, und dachte an die Einkaufswagen und die Einkaufstrenner bei der Kassa. Ich zog mir beim Gebäcksstand Einweghandschuhe an und kaufte mir ein Fläschchen Franzbranntwein, um mir die Hände zu desinfizieren, nach dem Einkauf. Was anderes gab es meines Wissens nicht zur Desinfektion.

»Lirum, larum, Löffelstiel. Wer nichts weiß, der weiß nicht viel....«
Mir ging die Frau Post nicht aus dem Sinn. Hatte sie mir so gefallen? Nein, es war, weil sie zu lächeln aufgehört hatte, als sie mich gesehen hatte. Ich neige ja dazu, blöd zu grinsen, wenn mir irgendetwas peinlich ist. Das kann bei anderen Menschen anders sein. Wie anders? Warum? Warum war sie ernst geworden, als sie mich angesehen hatte? Oder hatte sie den Portier angesehen. Warum beschäftigte mich das so?
Ich arbeitete am Computer vor mich hin. Eine Wiederholungsübung. Ein paar Daten hatten sich geändert, die grundlegenden Parameter des Projekts und seine Entwicklung, da war nichts Neues für mich dabei. Naja, bedingt: In der Praxis wurde ich immer wieder überrascht, wie sehr Menschen einen Plan nicht lesen, technische Beschreibungen falsch verstehen konnten. Und es dauerte immer eine ganze Weile, alles so zurechtzurücken, das alle einverstanden waren. Eher eine Arbeit für einen Therapeuten als für einen Techniker, aber dass es sich nicht lohnte, sich streitend durchsetzen zu wollen, hatte ich bald gelernt.
Die Arbeit ging mir leicht von der Hand, rhythmisch fast. »Türülü, türila. Ich stand hier und Du warst da!«
Ja, da war sie schon wieder, die Postbotin, und ich entschuldigte mich bei meinereinem, dass ich sowieso eine Pause brauchte.
Um es kurz zu machen: Ich brachte ein schönes Tagwerk zustande, aber alle andere Konzentration nahm die blonde Frau von gestern in Anspruch. Dabei hatte ich mir »meinen« Frauentypus immer anders vorgestellt. Man soll sich seiner Entwicklung nicht in den Weg stellen.
Ich hatte zwei Tage später, früher als erwartet, wieder etwas Unverschiebbares in der Firma zu tun, und irgendwie ergab es sich, dass ich etwa um die Zeit dort ankam wie das letzte Mal. Zu der Zeit, zu der – wie ich insgeheim hoffte, aber ich getraute mir diese Hoffnung sogar einzugestehen – die Post kommen würde.
»Tag! Gesundheit!«, sagte ich zum Portier, der nur brummte und knurrte. Der würde sich bestimmt nichts denken, und so fragte ich ihn unverblümt: »War die Post schon da?« »Ja, vor zehn Minuten«, grunzte der Portier: »Nur ein paar Briefe und Werbung. Hab ich schon weggeschmissen.« Ich nahm an, dass er meinte, er habe die Werbung weggeschmissen, das hieße ja aber auch, aussortiert. Mutig, dies einfach so geschehen zu lassen, und ich fragte mich, wie sich dieser Ablauf eingeführt hatte. Der Gedanke währte eine halbe Sekunde, wich dann einer leichten Enttäuschung, einem kleinen Ärger.
Ich fuhr zum Büro hoch, rappelte mit der Sekretärin, warf meine Sachen ziemlich ungeordnet auf meinen Schreibtisch, ohne Informationen über den Umgang damit zu hinterlassen, schaute, ob irgendetwas Wichtiges für mich da wäre. Nein, nichts!
Ich fuhr nach Hause. Zuerst noch zum Supermarkt: Einkaufen mit Mundschutz, haha, und manche tratschten und tatschten, als ob sie mit dem Stückchen Stoff vor dem Gesicht einen absoluten Schutzschild trügen.
Es wurde ein unruhiger Abend, und ich konnte mich auf nichts konzentrieren. Ein Firmenbesuch war erst am kommenden Montag wieder vorgesehen, und es wurde auch ein eher unrundes Wochenende. Das Wetter war irgendwie drückend: Sonne, aber trotzdem kalt, windig. Und wenn man sich anzog, im Auto saß, trotz Klimaanlage, war es dann fürchterlich schwül. Dass Licht draußen schnitt weißkalt in die Augen.
Ich würde ihr nichts sagen, ich würde nie wieder etwas für mich wollen. Ich würde nie wieder etwas zerstören!

Am Montag dann ein feierliches Erwachen. Lachendes Aufbrezeln im Badezimmer. Möglicherweise hab ich gesungen, zumindest gesummt, so kam es mir vor. Und es war gut.
Elegant bin ich durch die Firmeneingangstür gesprungen, wie mein blonder Engel, zufällig zur möglichen Postanlieferungszeit. Ich hatte beim Herfahren ja schon den Postwagen gesehen. Deswegen flottes Einparken vor dem Haus, nicht in der Tiefgarage. Da würde ich später reinfahren, um kein Parkmandat zu bekommen. Gibt es überhaupt Parksheriffs in Zeiten von Corona?
Heute grüßte ich den Portier nicht. Der war immer noch da. Immer der Selbe. Ich wunderte mich.
Der Postbus hielt in zweiter Spur. Vor dem Haus stand ja mein Wagen. Mit zwei kleinen Paketen und einem ganzen Stapel von Briefen, die er mit beiden Händen vor seinem Bauch her trug, kam ein junger Mann in die Eingangshalle und tapselte zielstrebig zum Portier, stellte alles aufs Pult aus und wollte eine Unterschrift auf einem kleinen elektronischen Gerät, auf dem Bildschirm. Ich bemerkte, wie unbeholfen der Portier irgendwas hinkrakelte, und die Zeit, die er dazu brauchte, brauchte ich, um meine Enttäuschung wegzudrücken und einen Entschluss zu fassen. »Entschuldigen Sie!«, fragte ich mutig: » Da hat doch letzte Woche eine Frau die Post zugestellt. Ich stehe ihr im Wort: Sie hat mir einen Gefallen getan, Geld ausgelegt, das möchte ich zurückzahlen«, log ich. »Können Sie mir sagen, wie ich diese Dame erreichen kann?«. Man wird umso kaltblütiger, je älter man wird. Das Herzklopfen, das Erröten, ich konnte staubtrocken lügen. Obwohl: Es war ja eher eine Art detektivisches Vorgehen, rein sachliches Interesse, bestärkte ich mich. Ich wollte ja nichts Böses oder Ehrenrühriges
»Aaah diese Frau!«, sagte der Junge, »ist im Spital. Corona!«.
Ich hatte das Gefühl, in einem Italowestern mitzuspielen. Endduell. Ich fuhr mit der Kamera zu seinem Gesicht, bis ich nur mehr einen Teil sah. Im Italowestern braune Poren, Bartstoppel, Schweißtropfen. Hier nur olivbräunliche Haut, Pickel, ein Bartflaum. Er hatte den Satz gedehnt gesagt, in einer langsam geschwungenen Kurve, und das Material, dass dieser eine Satz aus der Kurve schleuderte, das waren die Grundfesten meines Glaubens an die Richtigkeit des Weltenlaufs, dass ich in dieser Welt nicht nur lebte, sondern integriert wäre, mit dieser Welt schwingen würde.
Ich glaubte, mir sicher sein zu können, dass ich das Schicksal der - meiner – Postzustellerin nie ergründen würde können, nicht mit meiner unmittelbar aufgetauchten Kraftlosigkeit, der Ohnmacht, die mit als faulige Lethargie in mich hineingekrochen war, mich mit Verwesungsschwere füllte. Nicht bei den Quarantäne- und Besuchsbestimmungen im Krankenhaus. Bestand Todesgefahr? Wer war sie? Wer ist sie? Bitte!
Die Post war ein marktwirtschaftliches Unternehmen geworden, im Wettbewerb mit Lohndumpern in dieser Branche. Zusteller wurden sicher eher schlecht bezahlt, auch wenn es Zustellerinnen waren, und wahrscheinlich war dieses Geschäft für viele bloß ein Job, ein kurzzeitiger Lückenfüller, ohne Bindung an die Firma, ohne Bindung untereinander. Dort würde niemand wissen, was aus dieser blonden Frau geworden war. Und Detektiv wollte ich nicht weitergehend spielen, konnte ich nicht sein. Ich war so einer nicht. Ich hatte nicht die Kraft. Es war nur ein Windstoß gewesen, vollen Blütenduft und Sonne.
Lächerlich! Ja, lächerlich würde ein alter Mann wie ich sich machen, wenn er sich so hinauslehnen würde aus seinem angemessenen Tageslauf. Warum sollte ich auch? Sie war jung gewesen, zu jung für mich, sportlich, hatte strahlend gelächelt, also auch Willen zum Leben, so nahm ich an.

Sie hatte aufgehört zu lachen, als sie zu mir hergesehen hatte, so glaube ich mich erinnern zu können. Warum? Warum? Warum?
Und etwas drückte mein Herz so, dass es eines wilden Einatmens bedurfte, von einem ungewollten Seufzen begleitet, um diesen Druck auf die Brust wieder loszuwerden. So lieblich, so zart, so beschützenswert, so begehrenswert.
In welche Art von Wahnsinn steigere ich mich da gerade hinein? Ich weiß doch, dass Aufregung nicht gut für mich ist. Nicht gut ist für mein Verhältnis zum Rest der Welt.
Ich wollte doch nur ein klares, geregeltes Leben. Und jetzt sind mit einem Augenblick, mit einem zur Ernsthaftigkeit herabgesunkenen Lächeln, meine ganzen Vorsätze geschmolzen und hinweggesickert. Ich zweifle nur, ich bin verzagt, ich habe jegliches Vertrauen verloren!
Was für ein erbärmlicher Schwächling ich doch bin!
Wie wenig ich doch kann. Was für ein Narr!
Ein Narr, von welcher Seite auch immer man das jetzt betrachtet!


Wenn sie mich jetzt in der »Ichform« vernehmen – rezitieren hören können Sie mich ja allenfalls in ihrem Geist - dann ist dieses »Ich« nicht die Innensicht von Friedrich Frollo. Ich bin vielmehr nur der Erzähler, ein Chronist, die Stimme aus dem off.

Friedrich Frollo rezitiert jetzt nicht mehr. Er lebt in einer phantastischen Welt voller Geister und Gespenster, lebt zerrissen in seinen Entscheidungen und Hoffnungen, so scheint es, und legt in dieser Welt unbarmherzige Maßstäbe an sich selber an. Sein Wertekanon ist irgendwie auch nur ein Funktionssystem von Narzissmus.
Was ich imposant an Fritz Frollo finde, ist, dass er zwar von Zorn und Wut berichtet, dass er aber nie über »Groll« spricht. »Groll« ist für mich so ein entferntes, schwaches Donnerrumpeln, beständig wabernd, aber ohne besondere Dynamik. Eine ständige Übellaunigkeit, ein beständiges Schlechtdenken der ganzen Welt und aller Menschen im näheren Umfeld. Ein solcher Groll ist für mich wie eine geladene Kanone, und es reicht ein kleiner Zündfunke, damit Wut und Zorn sich wild entfalten können. Aus dem, was ich von Friedrich Frollo weiß, muss ich annehmen, dass man die Kanone – sozusagen – erst eine ganz schöne Zeit ganz schön kräftig laden und stopfen musste, damit sie gezündet werden konnte. Aber so war es von außen besehen. Wie es in ihm zuging, das spürte er exklusiv und ausschließlich selber.

Sie entschuldigen meinen Exkurs, ich muss auch erst in diese Geschichte einsteigen.
Aber jetzt:

Es gäbe verschiedene Möglichkeiten, wie man sich die weitere Entwicklung der Dinge vorstellen könnte:

- Fritzchen könnte seine Angst, seinen Ekel, seine Trägheit überwinden und sich auf die Suche nach Frau Blond machen, von der sich in der Zwischenzeit herausstellt, dass sie eine vertriebene Prinzessin ist. Mehr oder weniger gemeinsam meistern sie tolle Abenteuer und besiegen die dunkle Seite der Macht (da lassen sich etliche Finten einfügen), bis sie schließlich in einem passenden Augenblick (mit momentanem Erfolgserlebnis und Feuerwerksanalogien im Hintergrund bei guter Musik) einander in die Arme fallen. Das heißt dann »Finale«, ist es aber nicht, weil man – als Leser – ja von einem Bezugszeitrahmen »Fritz« oder »Blond« ausgeht. Nachdem beide beim Finale nicht sterben, stehen ihnen noch wesentliche Lebensereignisse bevor: Kleinigkeiten, wie Fritzens Umgang mit dem Geschirrspüler und seiner Unterwäsche oder Blondies Waschzwang. Vielleicht Kinder, vielleicht eine Scheidung? Wie wissen es nicht und waren zum Finale über das musikalische Feuerwerk bei der Umarmung froh.

- Blondie könnte gestorben sein, Fritz irgendwie davon erfahren haben. Das trifft ihn so sehr, dass sein Geist nur mehr kleine Schleifen geht. Er ist damit auch für untergeordnete intellektuelle Hilfeleistungen nicht mehr zu gebrauchen und stirbt schließlich selber. Dazwischen kann man Drogen- oder Alkoholsucht unterbringen, etc., etc.

- Die dritte Lösung entspricht in teilweise der zweiten, nur dass Fritz nicht von Blondies Tod erfahren hat. Auch wir wissen nicht, ob sie jetzt gestorben ist oder nicht, aber Fritz zerbricht daran. Irgendwie kommt mir das jetzt ein wenig modern-dramatisch vor. Weitere Adjektivierungen ersparen sie mir bitte!

- Und bei der vierten Auflösung ist es wie bei der dritten, nur dass sich Fritz nichts pfeift und ungeniert und schrankenlos weiterlebt. Neuer Tag, neues Glück! Das kann man jetzt mit Persönlichkeitsveränderungen würzen: Er wird feinsinniger und gleichzeitig weltliebender. Er wird ein grober Lackel. Was und wie immer sie wollen!

Sie können sich das Ende aussuchen und weitererzählen, wie es ihrem Geschmack entgegenkommt.
Es wird immer einen Grund geben, seine Vorsätze nicht einzuhalten und sich neu auszurichten und sich vielleicht auch neu zu erfinden.
Möge es ein angemessener Grund sein!
Demut!

Robbensuppe


Die männliche Sattelrobbe, ein im Bereich der Arktis beheimateter Meeressäuger, ein Raubtier, hat eine besonders charakteristische Färbung. Grundsätzlich silbergrau haben sie einen schwarzen Kopf und eine schwarze Hufeisenzeichnung über Schultern und Flanken. Sie werden gejagt, wobei ich nicht sicher weiß, ob das erlaubt ist, und in einer charakteristisch gewürzten Suppe verspeist.
Vernunft - wenn man jetzt einmal den üblichen Sprachgebrauch und nicht die umfassenden und vielfältigen philosophischen Analysen und Bedeutungszuordnungen heranzieht, hat einiges mit dem Überlegen von Konsequenzen, bevor man handelt, zu tun. In dieser Art steht die angebliche Vernunft des Alters doch einigermaßen gegen die Ausgelassenheit und Fröhlichkeit der Jugend.



Eine Schwester der Mutter der Supermarktkassierin war nach Norwegen gezogen, nach Mehamn, einem Griechenland-Urlaubsliebsten folgend. Mehamn ist ein winziger Ort, und jede helfende Hand wird dort gebraucht und mit Freuden angenommen. Solcher Herzlichkeit konnte sich das Mädchen nicht erwehren. Sie blieb. Sie heiratete. Sie war glücklich.

Die Fähigkeiten, zu Lieben und das Glück zu finden dürften in der Familie des Mädchens stark ausgeprägt sein. Die jüngere Schwester fand auch bald einen Liebsten. Tag und Nacht zog es die beiden zueinander hin, sodass ihre beiden Familien gar nicht anders konnten, als dem nachzugeben. Sie hofften auf und appellierten an die Vernunft der beiden, doch Vernunft orientiert sich auch an den Lebenszielen und ändert sich so mit der Zeit. Es waren die 1970er-Jahre. Die Hippie-Kultur hatte in Teilen auf die Weltbevölkerung durchgeschlagen, mehr oder weniger abhängig vom jeweiligen politischen System, doch überall als Maßstab, und sei es nur durch die Mode.

»Vernunft« dazumals: Das verliebte Mädchen und ihr Freund reisten nach Norwegen, die Schwester zu besuchen. Per Autostopp, was heute auf den Hauptverkehrswegen explizit verboten ist, dafür aber fast ohne Geldmittel.

Sie kamen rasch voran und erreichten Mehamn im Sommer der Mitternachtssonne und Polarlichter. Es war wie ein Rausch, ein Traum. Deswegen kam im Mai des folgenden Jahres auch ein kleines Mädchen zur Welt, vielgeliebt, süß wie eine Babyrobbe, weswegen es vernünftigerweise Sel-Sinikka-Suvi getauft wurde. Ein paar Worte, an die sich die Eltern noch erinnern zu können glaubten, die sie aber auch aus diversen Lexika zusammengekramt haben könnten. Übersetzt könnte das in etwa bedeuten »Robbe« (Sel, findet sich auch im engischen seal) - »die Blaue, die Traurige« (Sinikka, da gibt es aber mehrere Schreibformen) - »Sommer, kleiner Sonnenschein« (Suvi). Was die Eltern der kleinen Sel-Sinikka-Suvi nicht wussten, ist, dass dieser Name frappant dem Handelsnamen einer bekannten Würzmischung für Robbensuppe ähnelte. Was sie nicht bedachten, ist, dass niemand einen derart langen Vornamen aussprechen mag, dass niemand gern mit einem solch langen Namen Schecks - ihr Verschwinden war damals noch nicht absehbar - unterschreiben möchte. Und so bürgerte sich innerfamiliär, im ganzen Umfeld, der Rufnamen »Seal«, in deutscher Sprache quasi »Siehl« für das Mädchen ein.

Siehl war von jüngster Kindheit an neugierig, merkte sich alles Erlernte leicht und konnte schnell Kausalitäten bemerken. Sie konnte schon vor ihrer Einschulung Lesen, Schreiben und ein wenig Rechnen. Die Schreibweise »Siehl« hatte sie selber erfunden, gefunden, und sie beharrte auch darauf. Trotzdem arbeiteten Ihre Eltern nicht darauf hin, sie in ein Gymnasium, vielleicht später zu einem Studium zu bringen. Die »Hauptschule« hatte damals einen guten Ruf. Alles schien möglich in dieser Zeit, und Siehls Eltern waren welche von der Sorte, die der Meinung waren, man arbeite, um zu leben und nicht umgekehrt, also dass man lebe, um zu arbeiten. Und bescheiden waren sie auch immer gewesen in ihren Ansprüchen, in ihren materiellen Ansprüchen. Unbescheiden waren sie bei Kriterien wie »Aufmerksamkeit«, »Liebe«, »Wahrhaftigkeit«.

In diesem Umfeld entwickelte Siehl Selbstvertrauen, aber auch eine enorme Ehrfurcht vor der Welt rundherum, die ja wirklich großartig ist. Eine Teilmenge dieser Ehrfurcht betraf ihr unbekannte Menschen, von denen sie immer erst annahm, dass diese unendlich wissend wund weise sein müssten.

Aber sie sich auch Gedanken, ihre eigenen, unbegleiteten, originären, für sich behaltenen Gedanken zu den Ereignissen, an denen sie teilhatte, zu Sachverhalten, die sie beobachten konnte. Von außen besehen war sie ein ruhiges, in beständigem Glück leuchtendes Mädchen, eine stille, weise, liebevolle Frau, in jeder Hinsicht. Ihre Ozeane - samt allen Stürmen, samt wellenlosen Fiebergewässern - lagen ganz, ganz tief verborgen in ihrem Inneren, und bislang hatte sie diese Welt noch niemandem eröffnet und auch noch niemanden gefunden, mit dem sie dieses Leben teilen wollte.

Die Zeit plätscherte leicht dahin, und Siehl freute sich auf der einen Seite über das leichte und unbeschwerte Dasein, dass ihre Eltern sie nirgendwohin drängten. Andererseits begann sie zu befürchten, dass sie nirgends so ganz dazugehörte: Nicht zu ihren Lehrlingsfreundinnen, nicht zu den ehemaligen Herzensschwestern und -brüdern, die nun in den Oberstufen der Gymnasien und irgendwelcher Akademien saßen und über Sachen diskutierten, die ihr fremd und fern waren. Sie war sie schon ein wenig eifersüchtig auf die glorreichen Zukunftsbilder, die manche ihrer Freundinnen entwarfen, aber über sich, über ihre Wünsche, Hoffnungen, Ängste zu reden, sich so ganz und gar zu öffnen, das war ihr zunehmend unmöglich. Da Siehl jedoch sehr klug war, vertraute sie darauf, dass sich ihr Leben wieder ändern werde, zum Guten hin ändern werde. Das wusste sie von der Welt, darum blieb sie geduldig.

Als sie das Manuskript in den Händen hielt, einen Blick auf die ersten Zeilen geworfen hatte, war es ihr, als wäre ein Schleier weggezogen worden. Nach der Lektüre des Heftchens war sie ein wenig verstört über die vielfachen Brüche und über die Unbeherrschtheit von Friedrich Frollo. Das Ende war offen, war trauriger als jede Gewissheit, so erschien es ihr, weil sie an ihre »offene« Zukunft denken musste. Der Stil, die Sprünge, das war ihr alles unbekannt, und so dachte sie sinngemäß (in Wahrheit dachte sie nicht in Form von Sätzen, aber hier wird der Inhalt ihrer Gedanken eben textlich wiedergegeben):

»Ich versuche zu lesen, doch schweift mein Geist immer wieder schnell ab. Ich werde nicht gefesselt, ich werde nicht bewegt. Die Wörter sind lang und kompliziert und verkeilen sich bereits in den Augen, sodass ich nur schwer zum Sinn der Sätze vordringen kann. Die Geschichten können mich nicht in sich hineinziehen, es gibt nichts und niemanden, mit dem ich mich schnell identifizieren könnte. Keine Freude, kein Leid, kein Zorn, keine Rache. Wozu lesen, wenn nicht mehr passiert als im langweiligen realen Leben passieren darf?«

In eine eigenartige Stimmung war sie versetzt worden beim Lesen. Sie hatte aufmerksam zu lesen versucht, sich in den Protagonisten hineinzuversetzen versucht, sich tatsächlich durchgraben können durch das Manuskript, und jetzt spielte sie mit der Idee, es vielleicht nochmals durchzulesen, in einer anderen Zeit, nachdem sie weise geworden sein und ihren Platz in der Welt gefunden haben würde.

Dieses vage Vorhaben ist jetzt natürlich auch nur sinngemäß so beschrieben. Niemand denkt - das wurde schon angesprochen - in derartigen deskriptiven Kategorien. Überwiegend wähnt man sich, wenn man seine Gedanken aufgreift und betrachtet, in Stimmungsbildern und -filmschnipseln, manchmal auch in Rhythmen und Musik (zum Beispiel beim Kopfrechnen oder Telefonnummernmerken), und Gerüche dürften auch eine Rolle spielen, zumindest bei Erinnerungsblitzen. Ich kenne Menschen, bei denen ich die Nase rümpfe, wenn ich nur an sie denke. Aber insgesamt wird das Erinnern, Denken, Fühlen bei verschiedenen Personen jeweils unterschiedlich ablaufen.

In dieser eigenartigen Stimmung fiel ihr plötzlich ein Traumabschnitt aus der letzten Nacht wieder ein. In diesem Traum hatte sie sich eifrig bemüht, ein umweltverträgliches und lebenszugewendetes Leben zu leben, vegan, sich selbst zurücknehmend, voller Mitleid für das Leben, die Tiere, die wir morden, um ein Schnitzel essen zu können. Und trotzdem war etwas passiert, eine Vision, ein einschneidendes Ereignis. Sie konnte es nicht klar erkennen, es war nur da gewesen, die Erinnerung daran war plötzlich da gewesen in diesem Traum: Sie müsse sich absolut umdrehen, vollständig auf den Kopf stellen, das Gegenteil von ihrem gegenwärtigen Sein werden, um tatsächlich etwas verändern, die Welt besser machen zu können.

Sel-Sinikka-Suvi , ihren Namen, den konnte sich kaum jemand merken, und dieser Namen gefiel ihr auch nicht.. Sie hieß auch nicht »Seal«, aber sie hatte sich »Siehl« genannt und wurde so gerufen. Siehl stand auf. Ihre Pause war zu Ende. Das Manuskript rollte sie ein. Sie wollte es wieder beim Packplatz ablegen und - wenn es niemand wegnahm - am Abend mit nach Hause nehmen, kopieren, mit dem Multifunktionsdrucker des Computers zu Hause, und am nächsten Tag wieder auslegen. Sie würde schauen, wer sich denn dieses Heftchen holen würde. Sie legte die Zettel auf das Bord.

Jetzt, nach der Pause, musste sie Regale einräumen. Einen Teil erklärte ihr ihre Chefin, aber sie ging selber auch noch eine kurze Kontrollrunde durch den Verkaufsbereich, wo denn was fehle. Dann packte sie im Lager eine Palette überwiegend nach dem Logistik-Prinzip »FILO« («First in - last out«), aber auch nach Gewicht und Stabilität der Ware, holte sich einen Palettenhubwagen (Juhu, der »elektrische« war frei und genügend aufgeladen), schnappte sich die beladene Palette und fuhr ins Geschäft, wobei sie das postgelbe Gefährt an der Hub- und Lenkstange durch die Neigung der Stange und mittels eines Druckschalters hinter sich her dirigierte. Irgendwann im Lauf des Einräumens, auf der Tour quer durch den Supermarkt, vergaß sie jedoch die Breite der geladenen Palette und krachte mit ihrer Ladung gegen eine riesige Kühltruhe für Fleischprodukte.
Es machte einen heftigen Rumpler. Alle Leute im Supermarkt hielten inne, was denn da passiert sei. Es war gar nicht viel passiert: Das Blech, die vermutlich versteiften Ecken der Kühltruhe hatten standgehalten, auch die Palette, auch die geladenen Waren. Ein paar Schachteln waren vom Wagen herabgefallen, nichts schien kaputt geworden zu sein. Die große, schwere Kühltruhe allerdings, die war verschoben worden, um gute zehn Zentimeter in Fahrtrichtung des Palettenwagens, aus der Geraden heraus in eine schräge Stellung, sodass an der Stirnseite und in einem langen, schmalen Dreieck an der Seite der Truhe der Schmutz sichtbar wurde, der sich - sagen wir einmal »monatelang« - unter der Truhe, in diesem millimeterengen Spalt zum Boden angesammelt hatte. Der Fußboden war aus orangegelben Steinzeugplatten ausgeführt, mit grauen Einsprengseln und Wolken, lang durchdacht wahrscheinlich im Hinblick auf Kundenwirkung, Sichtbarkeit von Schmutz, Hygiene, Kosten. Und jetzt sah man diese Schmutzflächen mit ihrem krümelig graubraunen Belag, die sich in Farbe, Oberflächenstruktur und Höhe wie ein dünner, aber grober Pelz vom vorgesehenen Boden arg unterschieden.

Der Schmutz war wohl das Peinlichste am ganzen Vorfall, Siehl spürte deutlich, wie ihr das heiße Blut in den Kopf stieg. Nur aus den Augenwinkeln sah sie, wie Kunden und Mitarbeiterinnen auf sie zukamen. Am dringendste erschien ihr in diesem explodierten Augenblick, die Kühltruhe wieder an ihren angestammten Platz, schnurgerade, über den hässlichen Schmutz, zu rücken, und so schob sie und schob sie, ohne das Gerät auch nur einen Millimeter bewegen zu können.

Irgendwie - es musste irgendwie gewesen sein, ein »wie« von »irgendwo« her kommend, weil sie hätte nicht zu sagen gewusst, wie das denn vonstattengegangen war - wurde alles wieder in Ordnung gebracht, hatte sich alles geregelt, hatte sich alles beruhigt, so ruhig, dass sie sich nachfolgend nicht erinnern konnte, vielleicht gerügt worden zu sein. Auf seltsame Weise war sie von der wirklichen Wirklichkeit zugedeckt worden an diesem Tag, und sie war ganz klein geworden, klein und schuldunfähig wie ein Kind, hatte alles nur mehr aus der Entfernung wahrgenommen, gedämpft unter dieser »Aktuellewelttagesdecke«. Sie hatte die Abendreinigung im Kassenbereich gemacht an diesem Tag. Und sie hatte bemerkt, dass das Manuskript verschwunden war, das weiße Manuskript vom grauen Umpackbord über dem orangegelbgrauen Fußboden. Das erste Mal fiel ihr dieser Farbzusammenhang, der auch ein Zusammenhang zur Farbe der Holz-Grobspanplatten der Decke, zum Grau der Verkaufsregale war auf, als wenn dies gerade jetzt sehr wichtig geworden wäre. Ein kleiner hellgrüner Zettel lag dort, auf dem grauen Bord, eine Visitenkarte?

»Ich will kein Mitleid!«, stand da geschrieben.

Magister of my heart


Siehl ging in die Garderobe, wechselte den Arbeitskittel gegen Winterpullover, Schal und eine Windjacke mit Kapuze, wusch sich die Hände. Weil sie die Letzte Mitarbeiterin im Markt war, was durchaus auch als Vertrauensbeweis zu verstehen war, drehte sie das Licht ab, ging durch den Personalausgang an der Rückseite des Supermarktes hinaus, durch den Durchgang zwischen den Geschäften nochmals zur Vorderfront, rüttelte zur Sicherheit am Eingangsportal: versperrt. Vielleicht war der »Sperrdienst« ja kein Vertrauensbeweis? Vielleicht wollten nur alle anderen schnell zu Hause sein?

Alls in Ordnung: Sie wollte auch nach Hause, eine Abkürzung quer über den leeren Parkplatz zur Straße gehen, als ihr eine schmale, hohe Gestalt entgegenkam. Sie erkannte ihn als den jungen Apotheker (im Einkaufszentrum war auch eine Apotheke untergebracht) und spürte einen wohligen warmen Schauer, weil der gefiel ihr sehr, sehr gut.

Der junge Apotheker, tatsächlich der Sohn des Apothekenbesitzers, hieß mit Vornamen Markus, war knapp 30 Jahre alt und hatte gerade erst sein Pharmazie-Studium mit einem »Magister« abgeschlossen. Er war etwa 1,85 m groß, schlaksig-schlank, wobei er sich auch entsprechend bewegte, und hatte etwas längeres, dichtes dunkles Haar. Siehl hielt in für gebildet, für klug und für unendlich cool. Die paar Male, die sie bislang, immer nur in der Apotheke oder im Supermarkt, mit ihm gesprochen hatte, war er stets freundlich gewesen, so freundlich, dass sie meinte, unter allen Menschen auf der Welt allein und exklusiv gemeint gewesen zu sein. Er war gescheit gewesen, aber nicht hochnäsig, klug und umsichtig, nicht wild oder nassforsch. Und er hatte immer gelächelt, mit den Augen, mit den Mundwinkeln, direkt in ihr Herz.

»Guten Abend!«, sagte Siehl: »Haben Sie so lang gearbeitet?«

Markus meine: »Ja. Ich habe mich schon darüber geärgert, aber jetzt find ich es ganz gut so. Ein wunderbarer Abend, wenn die Leute schon weg sind. Und es freut mich, Sie zu treffen. Ich bin Markus. Wollen wir nicht »Du« zueinander sagen?«

Siehl fühlte die Hitze in ihrem Gesicht, und eine kurze Angst umrauschte sie. »Gerne, sagte sie. Ich arbeite im Supermarkt. Mich rufen die Leute Siehl«.

Die nächsten Sekunden gingen sie wortlos über den Parkplatz zur Straße, aber beide hatten – ein bisserl anders schon – das Gefühl zu schweben und den Wunsch, dass dies andauern möge. Kalt war ihnen nicht.

Markus begann wieder zu sprechen. Eher leise, ganz klar, ganz ruhig, fragte er: »Das ist ein Rufname. Wie heißt Du wirklich?« Ein wilder Sturmstoß in ihr, aber wem sollte sie vertrauen, das wusste sie ganz sicher, wenn nicht diesem Markus? »Sel-Sinikka-Suvi«, sagte Siehl: »Das ist norwegisch-finnisch, das müsste ich Dir aufschreiben.« Das erste Mal schämte sie sich nicht für ihren Namen, kein kleines bisschen. »Bist Du von dort? Habt ihr dort Verwandte oder Bekannte?«, fragte Markus. Aber er bohrte nicht nach: »Wie willst Du genannt werden?«

»Siehl!«, sagte Siehl. Sie war dankbar, dass er nicht drängte und meinte plötzlich, einen sanften Engel auch noch in Markus zu sehen. Kein weiteres Wort sprachen sie, als sie - ohne Fragen oder besondere Abmachung - gemeinsam die Straße entlang gingen, über die Brücke, in den Ortskern hinein, in dem nur mehr auf den Grünstreifen neben der Straße, im Park, auf Teilen von Dächern, alter rußiger Schnee lag, um in der Nacht hart zu erstarren.



Noch vorher allerdings, um die Mittagszeit herum, ereignete sich Folgendes:

Johann Sebastian, der, nachdem er von den Wartenden ob seines langen Wegbleibens gerügt worden war, noch kurz in den Supermarkt geschlüpft, hatte zwei Flaschen Rotwein und Knabbereien gekauft und Karl und Heinz zur »Wiedergutmachung« bei einem kleinen Umtrunk zu sich nach Hause eingeladen hatte, suchte mit klammen Fingern seinen Haustorschlüssel. Abstand würden sie halten in der Wohnung, gründlich lüften würde er. Als sie ins warme Haus schlüpften, schickten sich Karl und Heinz an, aus ihren Schuhen zu schlüpfen. Johann Sebastian meinte zwar, das wäre nicht notwendig, die anderen: Aber angenehm angesichts des Parkettbodens, der Teppiche, und so legten sie alle rundherum ihre Oberbekleidung ab.

Der Hausherr servierte Wein, den man lobte, und salzige Snacks, weil anachronistische Menschen eben meinen, dass Männer Saures Imbisse knabberten, noch dazu eher sparsam, eher nur höflichkeitshalber. Dabei stimmt dies weder der Geschmacksrichtung noch dem Appetit nach. Alle hatten schon einigen Appetit, hätten sich wahrscheinlich in ihrem Zuhause Essen zubereitet, und so waren die Chips, die Erdnüsse, die Wasabi-Nüsse, die Brezel, rasch weggeputzt und Johann Sebastian ging zur Kochnische, um zusammenzusuchen, was er denn noch anbieten könne. Währenddessen stellten sie einander vor, das heißt, eigentlich wollten sie in erster Linie Karl Spangel kennenlernen. Aber sowohl Johann Sebastian wie auch Heinrich Hlawaty waren verwundert, wie sich der jeweils andere selber sah, was er selber nicht gewusst, nie vermutet hatte.

Karl musste erzählen, von seiner Arbeitsvergangenheit, und da er gut zu sprechen gelernt hatte, gefielen ihnen die vielen kleinen Anekdoten, die sich zwischen traurig, lustig und erstaunlich bewegten, sehr, und die beiden »Ureinwohner« fragten auch immer weiter nach, auch die Frage, warum er, Karl, denn nie ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben habe. Zeit habe er keine gehabt, früher, durch die Arbeit, durch seine Sorgen über seinen Prostatakrebs. Aber es gäbe da schon einen sehr breitflächigen Zugang zum Thema »Geschichten«.

Als Kind habe er gerne Sagen und Märchen erzählt bekommen, dann gelesen. Und später habe sich ein Bild in ihm festgesetzt: Dass er seine Geschichte erzählen wolle, müsse. Das Bild beinhaltete noch Kinder. Enkel, Zuhörer, aufmerksame Frauen. Und seine Geschichten würden einerseits Erleichterung, Beichte, sein, andererseits Geschenk. Erst später entdeckte er die Allgegenwart und Macht von Geschichten: Tagtäglich werden uns »Geschichten« erzählt: Warum es gut wäre, was die Politik für uns entscheidet. Warum wird dieses Deodorant kaufen sollen, jene Zahnpaste, ein bestimmtes Auto.

Das »Narrativ«, dass uns angeblich sinnstiftend, bestimmt aber unbestellt vorgesetzt wird, lädt uns ein, zum gemeinsamen Nutzen oder zumindest zum Erfolg des »Storytellers« ein Stück eines gemeinsamen Weges zu gehen. Manche Fabulierer erzählen Sekundengeschichten: »15 Sekunden aus dem Leben einer glücklichen Hausfrau«. Das wird dann als »Werbung« verkauft, und diese zeigt uns, worum es geht bei solchen Kurzgeschichten: Es geht um das Vorführen und Anheizen von Gefühlen, um eine Verbindung der kaufbaren Realität mit unserem Befinden. So werden die Noten in der Partitur unseres Lebenssinns gesetzt. Es wird versucht, wir werden versucht, meist erfolgreich.

Neu ist, dass es im Rausch der Neuzeit bereits zu viele Narrative gibt. Neu ist, dass viele von denen zu den »Fake-News« entwertet und erniedrigt werden. Dabei kommt es natürlich auf den Standpunkt an, was zu »Fake-News« erklärt wird, und. In erster Linie wird die wahrhaftige Wirklichkeit darüber ihr Urteil sprechen, auch wenn das dauern kann. Auch heute ist jedoch nichts nur schwarz oder weiß, und an den Rändern unserer Vernunft lauern Paradoxien.

Geschichten, wie Karl sie meinte, erzählten nur, erzählten, ohne zu drängen: Von Vergangenem, von Hoffnungen, von Wünschen, von Abenteuern und Krisen, von Liebe, Kraft, Hoffnung, Mut, Scheitern, Leben und Tod. Es wären ganze Geschichten, bis zu einem wesentlichen Ende erzählt. Berichte von Begebenheiten, die einem wundersam erscheinen können, fernab von diesem Rausch der Neuzeit, garantiert ohne Product-Placement. Manche Geschichten handeln von der Auflösung einer Welt: Dass Küsse auf dem Versandweg von Gespenstern gestohlen würden, und Sehnsuchtstränen im weißen Vollmondlicht zu Wüsten erstarren. Alle Geschichten kann man durchaus glauben. Aber es können auch Geschichten über Geschichtenerzähler sein, die Geschichten von Abenteuern, Glück, tränentrinkenden Monstern und Sonnen erzählen, die aus Herzschmerz nur Salzwüsten auftrocknen können.

»Die Zuhörer können sich aus solchen Geschichten eine Meinung bilden, die dann »Moral aus der Geschichte« genannt wird. Aber es wird nur ihre Meinung sein.«, beendete Karl sein wildes Plädoyer.

»Und warum hast Du nicht geschrieben?«, fragte Johann Sebastian, einerseits wiederholend drängend, andererseits gefesselt von der Emotionalität Karls.

»Ich hab ja geschrieben. Am Anfang nur so eine Art Tagebucheinträge, um meine Sorgen irgendwie loszuwerden«, meinte Karl. »Das Papier musste ja zuhören, konnte nicht davonlaufen, konnte mich nicht unterbrechen. Gerade nach meiner Prostataoperation ist der Austausch mit meiner Frau zunehmend eingeschlafen. Ich habe gejammert, sie wollte leben, seh ich ein«, erklärte er gallig, aber er meinte auch, dass er selber nicht gewusst habe, noch immer nicht wisse, ob er jetzt narrzisstisch-wehleidig-fordernd gewesen wäre oder ob ihm Liebe und Zuneigung grundsätzlich verweigert worden waren. Bestimmt wusste er nur mehr, dass sich seine Welt mit Dunkelheit, Schweigen und Kälte gefüllt hatte.

Jetzt aus einiger Entfernung, konnte er verstehen, dass alle Dinge auch ein Ende haben. Eigenartig: Im Glück denkt man darüber nicht nach, aber im Unglück wird man sich so hilflos bewusst, dass man sein Leben in wichtigen Bereichen ganz und gar nicht im Griff hat, vor allem nicht der Meister seiner Gefühle ist. Not the »Magister of my heart«, wenn man in diesem Kapitelzusammenhang eine - zugegeben schwache - Pointe anbringen wollte.

Jetzt, in diesem gegenwärtigen Augenblick, konnte er dankbar sein für alles, was ihm da widerfahren war, weil er gerade dadurch er selbst, er in diesem Hier und Jetzt, geworden war. Damals war er sehr verloren gewesen, und seine erste Geschichte, die über tagebücherne Selbstbetrachtungen hinausging, die hätte er noch in Erinnerung.

Wie denn die ginge, fragten die beiden anderen.

»Ich versuche, sie zu erzählen«, sagte Karl zu:

Gem und die Klofrau....

... erkennen die Liebe und das Glück

Schwül war es, der Himmel bleigraublau, nicht unschuldig, sondern eben schwül.
Gem blickte nach Südosten. Es war knapp vor Mittag, er sah in die Sonne: Die entfernte Landschaft gab ein Bild wie ein Scherenschnitt. Viele Windräder, vielleicht Hunderte, schwarze Silhouetten vor der Wuscheligkeit der Büsche am Boden, standen herum, eher in Gruppen als regelmäßig verteilt, und kämmten und kitzelten mit ihren drei Windradspitzen das Blei im Himmelsgewölbe. Erfolglos, weil der Äther ungerührt blieb. Nahezu synchron drehten Sie, aber dann doch nicht, nur eine Ahnung, eben in Gruppen und nicht in Reih´ und Glied, nicht gleichlaufend, nicht gleich in den Wind gerichtet,
Gem fragte sich, ob das vielleicht einen tieferen Sinn, technische Gründe haben könnte. Gem fragte sich, ob die Drehrichtung einen bestimmten Grund haben könnte, in der Corioliskraft vielleicht, aber er ließ das Denken dann bleiben: Keine Möglichlkeit, rasch nachzusehen. Kein Diskussionspartner. Und der Bleihimmel war doch zu drückend. Giftige Luft wahrscheinlich. Ein kleines Wenig verdarb ihm das die Laune. Er war einfach nicht mehr so unbeschwert wie als Kind, in der Jugend. Unbewusst, genauer gesagt »nebenbewusst«, führte er Listen, das wusste er. Heute dieses Gift, diese Strahlung, jenes Gruselverhalten. Unbarmherzig addierende Listen. Und irgendwann einmal würde das Maß voll sein. Bislang hatte er sich noch nicht ausgemalt, was dann passieren würde, aber schön langsam wurde es Zeit, das Leben reell zu sehen ...

Warum Gem »Gem« hieß? Edelstein?
Er hieß nicht wirklich so. Irgendwann in seiner Jugendzeit hatte sich dieser Rufname etabliert, und er war auch stolz darauf. Gem, der das Strahlen in die Welt bringt, Gem, der ein Leuchten in die Augen der Menschen bringen kann. Karriere hatte er keine gemacht, bis auf einen kurzen Versuch nur auch keine machen wollen. Die absolute Freiheit hatte er aber auch nicht bekommen, und so lebte er in der Mitte dazwischen, hatte sich auch gut eingerichtet, und war weder besonders unglücklich, noch besonders glücklich, sodass das Edelsteinleuchten wohl auch ein bisschen Wunsch an sich selbst war.
Zur Quintessenz seines Lebens, so es diese wirklich geben sollte, war er über Abkürzungen gekommen:
»Karriere? Brauch ich nicht. Verdirbt den Charakter und man wird zu seinem eigenen Hetzer ...«
Absolutes Loslassen, vollkommenes grenzenlos sein? Konnte er nicht.
Sich an anderen messen, sie übertreffen? Flüchtig und heimlich manchmal, aber das war auch kein Weg.
Nichts hatte er wirklich mit vollem Einsatz, aus tiefster Überzeugung, versucht. Wo er war, war er, weil die Strömungen ihn dorthin getrieben hatten, ohne seinen großen Widerstand. Gar nichts konnte er ganz, außer in vollem Umfang seines Denkvermögens darüber nachzudenken und sinnieren. Man weiß aber selber nicht, wenn man beschränkt ist, das wusste er auch.
Abkürzungen wollte er keine nehmen, meinte er, der auch kaum je einen Weg oder ein Ziel wählte. Was er machte, war Hobby und Zeitvertreib, machte er sich vor, wenn man es eben so sehen mochte.

Gem hatte oft darüber geredet, ein wenig darüber nachgedacht, stets seine Spurensuche faul beendet, ob man über eine Abkürzung auch dorthin komme, wohin man auf dem vollständigen Weg gelangt wäre. Vordergründig erscheint es ja so, aber man erreicht das Ziel zu einer anderen Zeit, quasi vorzeitig? Wenn das Ziel der Besuch bei einem Morgenmuffel liegt, kann der Besuch ganz anders verlaufen. Und ebenfalls ein anderer ist der Wanderer: Seine Schuhsohlen sind noch dicker, sein Geist ist weniger durchgewalkt, er ist nirgendwo durchgekommen, nirgends. Und womöglich kommt er auch nirgends an, wenn sich das Ziel als Trugbild erweisen sollte. Es gibt ja keine anderen Plätze im Umfeld, er hat sie ja nicht gesehen, durchstreift.
Ist also der Weg das Ziel, wie oft so schön fabuliert wird? Ist ein Leben nur ein Weg? Ist ein Weg nur ein Weg? Ist es unser Ziel, nie auf Dauer irgendwo angekommen zu sein, dauernde Anstrengung?
Geh´ den Weg mit Liebe!

Die Klofrau war wirklich schlecht drauf, nämlich in einer schmerzenden, glücklosen, hoffnungslosen Stase. Nichts machte ihre Freude, auch nicht Zorn, auch nicht Groll.
Die Klofrau hieß nur »Klofrau«, solang sie sich erinnern konnte, wollte. Und sie war auch immer schon Klofrau gewesen. Nur durch beharrliches Unterlassen und Beschränken hatte sie diesen Zustand erreichen können, und das hatte natürlich am Besten bei ihr selber funktioniert. Die Menschen um Sie herum hatten zum Teil mitgespielt, die meisten waren gegangen, und nicht zuletzt diesem Umstand verdankte die Klofrau ihr Gleichgewicht.
Manchmal, ganz selten, hatte sie Flashbacks, sich als Kind sehend, unter lauem Himmel. Gelb, Blau, Grün, Rot, Licht, Leuchten. An ein Lachen erinnerte sie sich nicht, auch an keine bestimmte Szene, keine Begleitumstände, nur dieses Blitzlicht.
Jetzt war ihre Welt eierschalenfarben-schwarz (der Fliesenboden), weiß (die Wandfliesen), beige (die Kabinenwände und Türen), und abgesehen von der Farbgebung war alles ein klein wenig grindig. Nicht, weil es alt war. Nicht, weil sie schlecht geputzt hätte. Es war ein Teil von ihr geworden, und so wie sie selber in einer unseligen Stase. Ohne Leben, ohne Freude, ohne Liebe. Es war einfach so, es war fast greifbar.
»Mutter«, »Vater«? Ja, hatte es gegeben. Auch nur ein Bild. Zeremonielles Mittagessen, irgendwas aus der Bettzeuglade der Wohnzimmercouch hervorkramen. Nichts nach oben, nichts nach unten, keine Namen.
Gem und die Klofrau: Zwei in der Geschichte nicht seltene Namenlose. Gem lebte sein Leben irgendwie retrospektiv. Die Klofrau zeitlos. Beide werden wohl um die 50 Jahre alt gewesen sein.

Das erste Mal trafen sie aufeinander, als Gem in der Stadt war. Ohne ein ihm bewusstes besondere Ziel, ohne Absichten, zumindest ohne solche, die drängend oder bemerkenswert gewesen wären. Trotzdem fand er es - unbewusst in seinem Alleinsein, das schon zur Einsamkeit geworden war - traurig, dass niemand von ihm («Gem!«) ge- oder beleuchtet haben wollte. Nur pinkeln musste er wie alle, wie auch die Geschäftigen oder die Glücklichen. Und darum freute er sich sogar - eine Toilette in der Nähe wissend und noch nichts über Prostatavergrößerung wissend - über dieses Wunder der Natur namens »Pinkeln«. Ein wirkliches Thema ist dies aber natürlich nur für an der Vorsteherdrüse beschädigte Männer oder undichte Menschen beiderlei Geschlechts, sagt man.
Gem ging ins Klo, war froh, dass die Tür offenstand, weil er hätte ungern den Türknauf angegriffen, den vor ihm wahrscheinlich schon eine Menge Personen berührt, gedrückt, gerieben hatten, mit allem möglichen Schmutz an den Händen: Stinkendem Schweiß, gefährlichen Chemikalien, Keimen, Erregern von Geschlechtskrankheiten ...
Natürlich kann man sich auch im Gedanken an den unappetitlichen Türbeschlag des Lebens freuen, indem man im Schatzkistchen seines Wissens herumkramt, kombiniert, nachforscht, und zum Schluss kommt, dass unsere Welt doch die wunderbarste aller Welten wäre, weil wir dies alles ganz gut aushielten. Die fantastischen, im Alltag unbeachteten Mechanismen und Zusammenhänge im Habitat »Klotürdrücker« sind es wert, gedacht zu werden, wenn man sonst nichts und niemanden im Leben hat, und beliebig erweiterbar bis in Grenzgebiete der Physik und Mathematik, aber Gem war im Moment nicht danach. Er musste zwar noch nicht dringend pinkeln, aber er wusste auch, dass die Aussicht auf zeitnächste Druckentlastung den Harndrang in Sekunden exponentiell steigen lassen würde.
Im Eingang saß die Klofrau. Unbewegt und unbeweglich wie eine Statue. Nur der schwere Atem, der ihren eingesunkenen Oberkörper aufpumpte und streckte, zeigte ihr flaches Leben. Meditativ war ihre insgesamte Unbeweglichkeit in keiner Weise, der Takt ihrer Atemzüge erinnerte eher an das Bild einer an lebenserhaltenden Maschinen angeschlossenen Sterbenden. Kein Blick, kein Laut, nichts mehr als Röcheln.
Gem erledigte sein Geschäft, wusch sich die Hände, gründlich, mehrmals, mit Seife, irgendwie fast zum Zeitvertreib, verließ die Sanitärräume für Männer, warf im Vorraum eine Münze in den Teller auf dem Tisch neben der Klofrau, in dem schon einige Münzen lagen.
Die Klofrau sagte »Danke!« und war selbst überrascht. Normalerweise sagte sie gar nichts, sah nicht einmal nach, was auf den Teller geworfen worden war. Manchmal grunzte sie ein wenig. Manchmal ließ sie ihren Atem von innen an den Kehlkopf schlagen.
Gem nahm das »Danke!« nur am Rande wahr und wunderste sich drei Sekunden später, auf der Straße, dass es Klofrauen mit Manieren gäbe, und einer unerwarteten Stimme, einer tiefen, klaren, weichen, irgendwie fast erotischen Stimme.

Als er dann - Tage später - wieder in die Stadt fuhr - er musste ins Personalbüro seiner Firme, einer Sklaventreiberfirma, und der einzige Grund, dass er dort arbeitete, lag darin, dass er eigentlich zu Hause arbeiten konnte, wann immer er wollte, aber schlecht bezahlt und sehr angetrieben - standen die Windräder still: Wind-still. Das eine oder andere drehte sich ganz langsam, vielleicht ein Mal um sich selbst in der Minute, aber das war möglicherweise nicht der Wind, der da antrieb.. Vielleicht hatten sich irgendwelche Vögel auf einen Rotorflügel gesetzt, vielleicht wirkten da Retourströme über das Netz, vielleicht Quantengeister.

Sie hatte nie Glück gehabt, dachte die Klofrau traurig. Sie wollte diese Trauer nicht, und deswegen ließ sie ihre Gedanken nach Möglichkeit nicht frei streifen. Freiheit kann auch Schmerz bringen. Unfreiheit ist Schmerz, wenn man sie als Fehlen von Freiheit empfindet. Und weil sie schon einmal im Denken war, versuchte sie nachzudenken, wie sie auf diese Aussage gekommen war, was sich als schwierig erwies, weil nur Blitzlichter auftauchten, auch nur nach mühsamen Suchen, ohne Zusammenhang, Kausalität, sogar zeitlos, zumindest im Hinblick auf eine eventuelle Bedeutung einer zeitlichen Zuordnung. Irgendwie war heute etwas anders im Denken, wie ein versteckter Angelhaken, ein Köder. Plötzlich Jagdinstinkt, Biss, gefangen. Sie konnte nicht so einfach wieder hinüberdösen in die Zeitlosigkeit ihres Sanitäranlagenuniversums. Sie suchte, fand, prüfte, hatte nichts gefunden, suchte weiter, kramte, ordnete, verwarf. Nicht so klar, wie es hier geschrieben steht, aber es war komisch, es schmerzte. Der Schmerz kam weniger von dem, was sie fand, weil sie hatte noch nichts Konkretes gefunden, sondern aus dem Prozess selbst, aus der Erkenntnis, dass es da noch eine Welt gegeben haben musste, außerhalb dieser Exkretlogistik ...
Gem lieferte seine Abrechnungen ab.
Er war nicht begeistert, ins Büro zu müssen: Freiheit und Zeit opfern zu müssen, diese Stinknasen dort hofieren zu sollen. Erstaunlicherweise waren sie sehr höflich gewesen, freundlich sogar. Naja: »Vorsicht ist gesund. Vorbehalte können nicht schaden. Und ich brauche ja nicht ihr Freund zu sein ...«
Zumindest die Stadt war distanziert, er hatte aber auch nicht Lust, den Leuten ins Gesicht zu schauen. Ein Kaffee, Zeitung lesen. Auch nicht so wohlig, beruhigend, versöhnend, wie er sich vorgestellt hatte. Zahlen. Zum Auto. Da war ja diese öffentliche WC-Anlage. Und er ging wieder hinein, obwohl er nicht musste, nichts ihn drückte, außer die Neugierde.

Die Klofrau war nicht da. Nichts, wie er es, wie er sie in Erinnerung hatte: Zusammengesunken in einem Stuhl neben dem Tisch mit dem Teller mit dem Geld. Verkleidet in einen dicken Packen aus Lumpen, nein, alter Bekleidung eben, oder waren es doch Zauberspinnweben gewesen. Enttäuscht verharrte er einen Seufzer-Augenblick kurz. Er sinnierte, ob er kehrtmachen sollte, oder - angesichts der bevorstehenden Fahrt - doch versuchen, Harn zu lassen, als sich schnaufend und schabend ein Besenstielende aus dem Zugang zur Damentoilette stieß. Es folgten der Hintern (nicht im Geringsten sexy, und es waren doch keine Zauberspinnenweben), der Rücken, die etwas fettigen, mittellangen, vielfarbigen (rot, braun, grau, weißen) Haare, unbestimmte Frisur. Das Wesen richtete sich auf, wobei es sich nicht auf den Besen stützte (unerwartete Spannkraft), und sah zu Gem hin, welcher sich ordentlich ertappt fühlte und »H-Hallo!« stammelte. Er kramte in seiner Geldbörse nach einer Münze - zwei Euro, sonst nichts - warf sie auf den Teller und flüchtete ins Pissoir. Eher erfolglos vor der Muschel stehend dachte er an das dümmliche Gesicht, das ihn angeblickt hatte. Oder war es nur entspannt? Oder aus einer anderen Welt, derer Maßstäbe er nicht kannte, sodass er sich nicht anmaßen sollte, Werturteile abzugeben über Sachverhalte, zu denen ihm das Wissen fehlte.
Mild hatten sie irgendwie ausgesehen, die Gesichtszüge. Und gesagt hatte die Klofrau gar nichts.
Aber gedacht hatte sie schon etwas. Sie hatte ihn sofort erkannt. Ihre unmittelbar zeitgleichen Gedanken lassen sich nicht in Sätze kleiden. Zutreffende Adjektive wären vielleicht »überrascht« und »hoch gespannt«.
Die beiden hatten sich gefunden, zumindest für den Augenblick, und das heißt beim besten Willen nicht, dass sie dadurch zusammengekommen wären, ein Paar werden hätten können, sich auch streiten, vielleicht auch trennen würden. Vielleicht war es gar kein Zauber des Augenblicks, in den diese beiden gestolpert waren. Vielleicht liegt das Wunder darin, dass sie - offenbar ziemlich gleichzeitig - bereit gewesen waren, ihre Herzen zu öffnen. Dass sie das aneinander erkannten und bereit waren, sich hinzugeben, eine Sekunde nur, die auch schon wieder verflossen war, bevor sie sie spürten. Das war in diesem Moment für die beiden aber wirklich ohne Belang, und der Märchenerzähler erlaubt sich, an Sie - die Leserin, den Leser - zu appellieren, die Gedanken und Gefühle schweifen zu lassen und die Geschichte in ihrem Herzen, vor ihrem inneren Auge, nach Belieben voranzutreiben.

Ist nicht jede dieser möglichen, vorstellbaren Geschichten es wert, gehört und erzählt zu werden, und ist es nicht dieser Wert, der der Welt geschuldet ist? Auch wenn die Geschichte nur von einem »Gem« (Haha!) und einer »Klofrau« (Nasenrümpf!) handelt.
Und es liegt am Märchenonkel, an der Märchentante, die Geschichte so zu gestalten, dass die Menschen gern zuhören, und die Geschichte so enden zu lassen, wie er/sie die Welt gerne gesehen haben möchte.

Gem konnte nach einigem Zuwarten und Gedanken an ein gepfiffenes »Hänschen-Klein«-Lied doch noch pinkeln. Und gehobenen Hauptes verließ er das Pissoir, sagte stark, lächelnd, herausfordernd »Danke!« zur Klofrau, wofür er sich Zeit ließ, und er sah ihr ins Gesicht. Und sie sah zurück, lächelte ebenfalls, und irgendetwas barst, platzte, verspritzte. Irgendwie begann sie sich zu häuten, innerlich, und wir wollen hoffen, dass dies nur ein Anfang war und nicht etwa ein kurzes Verglühen einer Sternschnuppe. Und Gem lächelte sie nochmals an, erkannte sich und die Welt für diesen Augenblick, ging hinaus in die Helligkeit und strahlte. Er strahlte nicht für andere, wie er es sich ja vorgenommen hatte, sondern einfach so. Er spürte sein Leuchten. Die Menschen kamen nicht umhin, es zu bemerken, und es machte sie glücklich, weil es glücklich macht, einen glücklichen Menschen zu treffen.

Die Klofrau schaukelte durch den Tag wie nach einer Melodie, und trotzdem sie schaukelte, ergab es sich, dass sich alles Notwendige erledigen ließ, leichter sogar. Am nächsten Tag beim Erwachen, Aufstehen, fühlte sie ihre Knochen krachen, aber auch, dass es besser wurde, wenn sie sich streckte und bog. Verwunderlicherweise fand sie einen alten Lippenstift in einer Lade, und sie legte ihn auf, ungeübt zu intensiv, und wischte ihn wieder weg, bis auf einen Hauch, der ihr heutiges Lächeln wunderbar farbig machte, sodass sie sich selber - verwundert und doch ein bisschen schamhaft - gefiel.

Das Glück haben sie also erkannt, die beiden, wie es auch im Titel stand. Ob sie es endgültig gefunden haben, darf bezweifelt werden, drum heißt es im Titel auch »erkennen« und nicht etwa »finden«.
Was aber ist mit der »Liebe«. Mir gefällt der Gedanke, dass alle positiven Dinge in dieser Welt auf der Kraft »Liebe« aufbauen, und diese Kraft ist so universell, dass sie aus sich selber schöpft. Insofern hat ein Hauch von »Liebe zum Leben und dem ganzen Rest« Gem und die Klofrau dazu geführt, zu erwachen. Nicht nur zu erwachen, sondern wiederum auch lieben zu können. Wie viel mehr ist das als Hass, Angst, Zorn, Gleichgültigkeit?

»Der Weg ist nicht das Ziel. Ein Weg ist auch nur ein Weg. Wichtig ist, dass Du ihn mit Liebe gehst«, sagte der Medizinmann in einer Lieblingsgeschichte. Wie der geheißen haben mag, in welcher Geschichte, das will ich hier jetzt gar nicht einbringen oder diskutieren. Es ist eine gute Weisheit, und nichts wird so oft gestohlen wie kluge Zitate und Aphorismen: »Ich möchte die Welt besser machen. Was kann ich dazu beitragen?«, fragte der Schüler. »Geh nach Hause und liebe Deine Familie!«, antwortete die weise Person.

Natürlich kann jeder unter Liebe etwas anderes verstehen, aber für mich ist sie doch etwas Universelles, das sich auf einzelne Personen natürlich ganz besonders erstrecken kann. Und damit gibt es auch immer wieder Schwierigkeiten, Konflikte, Schmerz, kurzzeitigen Hass, Trauer. Doch die Liebe kann das auch alles heilen.
Ich weiß nicht, was genau Liebe ist, ich weiß nur, wie sie sich für mich anfühlt. Und für mich hat sie auch eindeutig die Komponenten des Miteinander und der Hingabe. Man gibt und man wird beschenkt. Wenn man lieben will, dann ist es Liebe.
Warum ich das jetzt so betone:
»Geben-Wollen« ist etwas anderes als "Haben-Wollen".
»Haben-Wollen« ist nicht "Haben",
Und »Sein-Wollen« ist nicht »So-bin-ich-halt-Na-und!«

Wir machen Fehler, und wir schämen uns. Und wir fassen den Vorsatz, es beim nächsten Mal besser zu machen.
Ist das nächste Mal in einer anderen Welt, mit anderen Akteuren, in einer anderen Zeit?
Oder sind wir nicht doch in unserer Zeit, mit unseren Mitmenschen, in unserer Gegend, und sollten wir nicht doch lieber versuchen, im Hier und Jetzt die Liebe und das Glück zu finden, wenn wir es schon erkennen können?

Schön ist es, auf der Welt zu sein!


.... rief Heinrich Hlawaty laut aus. Genauer gesagt rief er: »Sch.....ön ist es auf der Welt zu sein!«, was eigentlich ein Platzhalter ist für »Scheibenkleister!« Heinz rief es unvermittelt, laut, ein scharfes Bellen, sodass die beiden anderen Männer erschraken. »Ich hätte beinahe vergessen, dass ich heute Nachtschicht hab. Ich muss gehen!«. Dann zwirbelte er seine linke Augenbraue zwischen Daumen und Zeigefinger, dass man als beeindruckter Zuseher insgeheim nachhorchte, ob man das Übereinanderhüpfen, die Reibung der mächtigen Härchen nicht hören könne. Er stand auf und verabschiedete sich hastig. Seine plötzliche Geschäftigkeit, sein irgendwie neuer, unerwarteter Habitus, waren so anders, dass Johann Sebastian und Karl sich plötzlich irgendwie ausgesperrt fühlten, außenstehend.

Als Heinz dann die Wohnung verlassen hatte, nach einigen Minuten, als die Aufregung dann verflogen war, fragte Karl: »So bald beginnt bei Euch die Nachtschicht? Es ist ja knapp zwei Uhr nachmittags.« »Weißt Du«, sagte Johann Sebastian bedeutungsschwanger, »wir sind alle irgendwie beschädigt. Wir beide halt körperlich, der Heinz hats mit der Birne.« »Was heißt das jetzt?«, fragte Karl, und der Höllmüller erzählte ihm, dass Heinz halt den Damen sehr zugetan wäre, die Birne wäre stark mit dem Penis verbunden, sodass er einige vergangene Ehen und – vom demografischen Standpunkt her sehr lobenswert – auch das eine oder andere Kind zu alimentieren hätte. Offiziell arbeitete er in der Fabrik, aber es gäbe wohl nichts, wozu man den Heinz nicht engagieren könnte, quasi zu nachbarschaftlichen Hilfsdiensten, für die man dann eben eine kleine Anerkennung zolle. Wahrscheinlich hatte er einen solchen Freundschaftsdienst versprochen für heute nachmittags. »Bei einer Frau?«, fragte Karl scherzend, und beide lachten.

Zuvor, während der Erläuterung der Lebensumstände Heinzens, hatte Karl versucht, sich das Ganze bildlich vorzustellen.«Irgendwie beneide ich ihn«, meinte er, »wie leicht er sein Leben leben kann, wie sehr in der Gegenwart. Ich mach mir um Alles und Jedes Gedanken und komm doch nirgendwo hin. Nein: das stimmt so nicht ganz. Ich komme zwar zu allen möglichen Aspekten, aber zu keinen Lösungen, die allen aufgetauchten Gesichtspunkten gleichermaßen gerecht werden. Jede Entscheidung für etwas ist gleichzeitig auch eine Entscheidung gegen etwas. Natürlich versuche ich, nach bestem Wissen und Gewissen, so sagt man da wohl, abzuwägen. Aber ich spüre immer ganz deutlich mein Ego mit seinem Wünschen. Und wenn ich mich quasi selbst verleugne – auch das habe ich schon probiert – ist das Ergebnis wieder nicht gerecht und vollständig. Irgendwie ist das ein Scheitern, ein fortlaufendes Scheitern!

Wie leicht hat es da Heinz: Der nimmt Witterung auf und die Tagesziele sind immer klar. Zumindest stell ich mir das so vor. Ich weiß nicht, ob ich ihn beneiden soll, ich weiß auch nicht, ob ich da nicht ungerecht bin, ich kenne ihn ja kaum.«

Johann Sebastian, der gerade wieder seine Vorräte durchsuchte, was er denn servieren könne, war schlagartig aufmerksam geworden. Er bat sanft, aber grundsätzlich: »Kannst Du mir da mehr darüber erzählen? Das kommt mir bekannt vor. Ich hab´ da auch eher – wenn man es malerisch ausdrücken möchte – einen schweren Mut. »Sehnsucht« kommt mir da als Begriff immer in die Gedanken. Die Sucht nach dem Sehnen.«

Dann fiel ihm die Geschichte ein, die ihm seine ehemalige Gattin heute erzählt hatte, und es war ihm im Moment so wichtig, vielleicht einen Seelenverwandten gefunden zu haben, jemanden, mit dem er seine Erfahrungen, seine Hoffnungen, letztendlich seine Kraft teilen könnte, dass er dieses Geschichtenthema auch mitbehandeln wollte. Den pornografische Schachterlteufel, den wollte er ja auch ein bisserl verklärt sehen, als wesentliches Statement zur Welt, wie sie jetzt ist, mit aller ihrer Pornografie, mit all ihren Narzissten und Histrionikern, die 95 Prozent aller Texte im Internet, in Sozialen Medien, im Trash von Rundfunk und Presse lieferten.

»Man spricht über Dich. Du sollst Pornostar gewesen sein, mit einem bemerkenswerten Statement bei Deiner »Pensionierung«. Ich kann Dir das Kuriosum, das man Dir andichtet, gern erzählen.«

Karl sah ihn interessiert an. Kein Erschrecken, kein Suchen nach innen: »Also Pornostar war ich nicht!«, meinte er, mit leichtem Lächeln. »Aber der Pornostar, von dem Du mir da erzählst, der muss ja was Besonderes gewesen sein. Erzähl mir die Geschichte?«

Johann Sebastian hatte einen ganzen Berg an Lebensmitteln auf der Küchenarbeitsplatte gestapelt und begann nun, diesen Berg abzutragen und auf den Couchtisch zu transferieren. Er holte Wein, Sodawasser, Tee, den er offenbar gerade zubereitet hatte, zwei halbe Zitronen, ein Paket Würfelzucker, Chips, Erdnüsse, alles mögliche Junkfood. Währenddessen erzählte er in einer Zusammenfassung die Geschichte von Karl und dem pornografischen Schachterlteufel, mit der er just fertig wurde, als er sich ebenfalls auf die Wohnzimmercouch fallen ließ. Karl fragte noch nach, weniger zur Geschichte als zu greifbaren Fakten: Ob Johann Sebastian einen Film dieses Darstellers beziehungsweise Produzenten kenne, ob man sonst etwas über ihn wisse. Letztendlich meinte aber auch er, dass ihm die Geschichte wie ein Aphorismus vorkäme, wie eine Fabel, ein Blick auf eine wirkliche Welt, die die meisten heute gar nicht mehr sähen.

Karl bedauerte, einen solch klaren Blick oft auch nicht zu haben. Das betreffe jetzt nicht konkrete Aufgabenstellungen. Dazu vielen ihm meist rasch praktikable Lösungen ein. Aber wenn es um die Ordnung, den Sinn seines Lebens außerhalb dieser Aufgabenlösungen ginge, da fände er so seine Abgründe: »Ich kann mir die große Welt nicht im Gesamten vorstellen. Ich kann in manche Bildausschnitte hineinkriechen, aber dann sehe ich die anderen nicht mehr. Ich könnte abstrakte Zahlen hinschreiben, wahrscheinlich auch statistische Zusammenhänge in Formeln stecken, aber ich kann nicht wie ein Raumschiff abheben und quasi von oben das ganze Land überblicken.

Das wirft mich dann immer auf mich selbst zurück, und es geht mir wirklich auf die Nerven, es betrübt mich und ich bin mir böse, dass ich mich immer zum Zentrum der Welt mache. Die ist so groß und schön und wundersam, dass ich selber darin durchaus eine nur winzige Rolle einnehmen sollte. Da gefällt es mir natürlich sehr gut, dass jemand so selbstvergessen sein kann wie Heinz, die ganze Welt in einen Ausruf »Sch.....!« einpackt.…«

Im Nachhall dieses Sermons horchte Johann Sebastian in sich hinein, wobei sein Blick ein wenig ins Leere ging. Als superpraktischer Außenstehender hätte ein solches Schauen für leicht verblödet halten können. Karl bemerkte es als Nachdenken, als Suchen, und freute sich über das Interesse und die Tiefsinnigkeit des neuen Freundes. »Ich bin einigermaßen überrascht«, meinte Johann Sebastian, »weil wenn Du, wie Du sagst, bei der Feuerwehr gearbeitet hast, dann müsstest Du meiner Ansicht nach ja eher superpraktisch denken und handeln.«


Weil das Wort »superpraktisch« jetzt gleich zwei Mal hintereinander vorkam: Was ist denn darunter zu verstehen?
»Praktisch« ist eine Sache dann, wenn Sie einen hohen Nutzwert hat, das Kosten-Nutzen-Verhältnis auch einigermaßen gut ist, und wenn sich diese Lösung gut in ein übergeordnetes Ganzes einfügt.
»Superpraktisch« hingegen ist eine Lebensform, die auf jedes anstehende Problem nahezu sofort eine Lösung kennt, die originell sein mag, durchaus von Fachkompetenz getragen, die aber weniger Teil eines Gesamten ist als doch nur ein Gag. Superpraktische Einfälle werden uns vielfach denglisch als »Skills« verkauft, aber die können die Welt nicht retten.

»Ich weiß nicht, wie Du Dir Feuerwehreinsätze vorstellst?«, meinte Karl, »Aber die gehen über das Bild, das da oft strapaziert wird, weit hinaus.
Da ist nicht alles Physik, Chemie oder Technik, da gibt es auch Recht, und vor allem gibt es Menschen, also auch Psychologie.
Wenn Du zum Beispiel zu einem Verkehrsunfall gerufen wirst, dann zählt in erster Linie die Menschenrettung. Allein schon dabei musst Du große Sorgfalt walten lassen, um den Schaden nicht zu vergrößern.
Du kennst sicher die Frage nach dem Helmabnehmen bei verunfallten Motorradfahrern. Vergleichbare Schwierigkeiten gibt es auch bei Autoinsassen. Und der Unfall könnte ja auch Folge eines Herzanfalls, hypoglykämischen Schocks oder sonstiger Vorerkrankungen gewesen sein. Es ist klar, dass wir da mit der Rettung eng zusammenarbeiten.
Dann gibt es Rechtsfragen nach dem Verschulden und Schadenersatz, damit auch Notwendigkeiten der Spurensicherung. Und dann gibt es da noch etwas: Immer mehr Autolenker versuchen, maximalen Schadenersatz zu bekommen. Nicht nur, dass sie markieren wie die mimosenhaftesten Fußballer, sie erheben zunehmend auch Schadenersatzforderungen nicht nur gegen den Unfallgegner, sondern auch gegen die Einsatzkräfte, statt dankbar dafür zu sein, dass ihnen nicht mehr passiert ist.«

»Das ist arg«, kommentierte der Gastgeber. Gemeinsam kamen sie überein, dass die Ursachen dafür wahrscheinlich in einem zeitgeistig überhöhten Narzissmus und im Umstand lägen, dass nahezu jedermann heutzutage eine Rechtsschutzversicherung habe.

Karl erzählte weiter: »Du kannst Dir nicht vorstellen, was es da alles gibt. Autofahrer, die auf den Überholspuren der Stadtautobahn stehen bleiben und zu raufen beginnen, nur weil sie sich leicht touchiert haben. Menschen, die sich im Sterben noch Sorgen um die Reparaturkosten ihres Autos machen. Es mag ja viel unter Schock passieren, aber ich wundere mich dann schon oft über die Wertesysteme, die ich da dahinter sehe. Aber vermutlich denk ich da ein wenig anders in Folge meiner Einsatzerfahrungen, die ja auch Lebenserfahrungen sind.
Nur noch kurz: Rechtlich geht es bei einem solchen Unfall um Unfallspuren, eventuell Zeugenaussagen, aber das ist primär Polizeiangelegenheit. Es geht auch darum, die Unfallfahrzeuge nicht unnötig zu beschädigen. Es geht darum, die Straße schnell wieder freizumachen, es geht darum, das Fahrzeug gesichert abzustellen: dass es nicht wegrollt, dass es nicht zu brennen beginnen kann, dass es keine Umweltschäden verursacht, dass es nicht ausgeplündert wird, und dass alles umfassend, schlüssig und nachvollziehbar dokumentiert wird.
Und dann gibt es da noch die menschliche Komponente: Es geht um Trost, es geht um Beratung, wie es denn weitergehen kann. Manchmal muss man auch Streit schlichten, manchmal muss man Freunde oder Angehörige verständigen. Man muss sich schon einigermaßen einlassen auf seine »Kundschaften«, und irgendwie hab ich mich dabei oft auch ein bisschen selber gefunden.
Wir sind ja auch oft zu »selbstgefährdenden Personen«, also quasi Menschen mit Selbsttötungsabsichten, ausgefahren, und dann findest Du eine Situation vor, in der jemand auf dem Dach herumklettert und offenbar mit sich selbst ringt, ob er springen soll oder nicht.«

Johann Sebastian unterbrach: »Ist das so wie im Fernsehen: mit Ablenkung und Überraschungszugriff?«
»Selten. Meist hast Du ja gar nicht die Möglichkeit, dich versteckt oder von mehreren Seiten zu nähern. Und dann gibt es noch das Risiko, dass gerade das Erschrecken bei einem solchen Zugriff dann zum Springen – oder was weiß ich – führt.«, meinte Karl: »Ich kann mich überwiegend an Verhandlungssituationen erinnern, und die können dauern. Einerseits musst Du die suizidale Person überzeugen, dass es Sinn macht, weiterzuleben, dass das, was jetzt gerade passiert, kein weiteres Schandmal im Leben ist.
Andererseits kannst Du dir jede Platitüde ersparen. Es muss schon ein wahrhaftiges, inhaltsvolles Gespräch sein, so wie unseres hier. Mir hat da niemals jemand etwas erzählt, das ich nicht verstehen hätte können, das ich nicht in mir selber auch gefunden hätte.«

Johann Sebastian glaubte ihm. Er kannte diesen Effekt der Identifikation, wir alle kennen ihn, wenn wir uns in unsere Filmheldin oder unseren Filmhelden hineinfühlen, vorausahnen, was Querelle als Nächstes vorhat. Aber so wenig wir persönlich den im Film gehassten Bösewicht um die Ecke bringen, so wenig vollziehen wir das meiste nach, was uns an Ideen und Gedanken in Büchern und Filmen serviert wird.
»Ich weiß nicht,« führte er aus, »wo genau ich diesen Zugang her habe. Ich nehme an, aus Siddharta, in dem Hesse seinen Buddha am Fluss sitzen lässt, und es kommen immer neue Wassertropfen im Fluss, niemals die selben, doch bleibt der Fluss stets der gleiche. Und gleichzeitig ändert sich das Gesicht des Buddhas ununterbrochen und beinhaltet alle Gesichter der Welt, alle Weisheiten, Torheiten, Stimmungen, und - wie mir erinnerlich scheint - ohne jede Wertung. Das Bild gefällt mir gut.
Ich vergesse es zwar immer wieder, aber, dann, wenn mich irgendein Gespenst zwickt und zwackt, dann fällt es mir meist ein: Ich sitze am Fluss und lasse meine Gedanken vorübertreiben.
Es sind ja nur Gedanken, und eigentlich sollte ich mich freuen, dass es sie gibt, dass ich Gedanken produziere, dass ich lebe. Hin und wieder greif ich einen heraus, schau ihn mir gründlich an, drehe ihn, wende ihn, merk ihn mir vor, oder auch nicht, und gebe ihn wieder ins Wasser. Nur, wenn ein gewaltiger Baumstamm herantreibt, der mich rammen könnte, wenn ich einen ertrinkenden Esel im Fluss treiben sehe, dann steh ich auf und mach das Notwendige. Praktisch, hoffentlich nicht nur superpraktisch!«, lachte er.

Die Stimmung wurde gelöster, leichter. Viel gab es nicht mehr zu bereden, an diesem ersten Tag ihrer Bekanntschaft. Es begann bereits zu dämmern. Beide waren sie satt: Die Bäuche voller Chips, bedauerten sie beide insgeheim; mit neuen Freunden und Gedanken, freuten sie sich und begannen, sich zu verabschieden.

Bereits auf dem Weg zur Tür meinte Johann Sebastian noch, wie beiläufig, wesentlich, fragend: »Wir haben heute über den Tod gesprochen, bei unserem ersten Treffen. Das ist doch seltsam.
Weißt Du, ich lese gern populärwissenschaftliche Bücher. Und da bin ich grad an einem dran, ist mir jetzt eingefallen, das beschäftigt sich unter anderem auch mit Quantenmechanik, nebenbei auch mit der Vereinnahmung und dem Missbrauch dieses Begriffs durch irgendwelche Schwurbler und Quacksalber.
In diesem Buch wird unter anderem erklärt, dass manche Funktionen des menschlichen Körpers aufgrund von quantenmechanischen Phänomenen funktionieren, zum Beispiel Teile des Geruchssinns. Vogel können angeblich derart das Magnetfeld der Erde irgendwie »sehen«, haben also keinen Magnetkompass eingebaut. Ich glaube mich erinnern zu können, dass solche Quanten-Phänomene in erster Linie in isolierten, möglichst energielosen, also »kalten« Systemen funktionieren, und beim Einbringen geringster Energien, also auch nur durch das Beobachten, verschwinden. Man nennt dies »Dekohärenz«.
Die wissenschaftlichen Forschungen gehen weiter, und man kann durchaus auch größere Gebilde, Moleküle zum Beispiel, beobachten, die Phänomene der Quantenmechanik zeigen, aber das lässt sich auch nur bei Teilchen mit geringen »inneren Energieungleichgewichten«, möglichst kugelförmig also, möglichst stabile Bindungen, beobachten. Es ist erstaunlich, was »Leben« alles vermag, und es kann auch ein neuer Aspekt des Sterbens sein, dass dann diese quantenmechanischen Funktionen im Körper quasi schlagartig erlöschen, sozusagen der »Dekoheränz« anheimfallen. Das soll jetzt keinesfalls Spekulation sein, dass unser Leben nur irgendeine Quantenprojektion aus einer anderen Welt oder sonstig Fantastisches wäre. Fantastisch ist allerdings die Kraft - oder Fähigkeit - der Natur, des Lebens, der Welt, des Seins, wie immer Du es nennen willst, solch hochkomplexe Funktionen und Zusammenhänge zu erschaffen.«

Es war eine Frage nach dem Tod gewesen, zur Angst vor dem Tod. Karl hatte sie durchaus verstanden, aber er wollte und konnte sie nicht beantworten. Jetzt nicht. Noch nicht. Ernüchternd erkundigte er sich lediglich nach dem Buch, ob es sonst noch lesenswert wäre. Dann meinte er, quasi als Abschluss, nicht zur Frage, aber als Selbstoffenbarung: »Ich kann noch nicht still an meinem Gedankenfluss sitzen. Ich habe zu schreiben begonnen vor ein paar Monaten. Eigentlich schreibt es durch mich, das heißt, ich setz mich mit einem Gedankenbild, in einer entsprechenden Stimmung, hin, und beginn zu tippen. Ich kann nicht gut oder schnell tippen, gerade in der richtigen Geschwindigkeit, dass ich zwischen erstem Gedankenblitz und Ausformulierung vor der Niederschrift noch die Zeit für eine erste Redaktion im Kopf finde. Natürlich sind dann noch immer eine ganze Menge logischer Fehler in den Texten, und die Tippfehlern möchte ich gar nicht erst anfangen aufzuzählen.
Irgendwie nimmt das Schreiben Druck und Schwermut von mir. Das ist wahrscheinlich bei allen Beschäftigungen so. Manche flüchten vor sich in die Arbeit, in eine Sucht, in ein Hobby. Ich würde da gern drüber reden mit Dir, mit Euch. Ich freu mich, Euch kennengelernt zu haben! Wollen wir uns morgen wieder treffen?«

Johann Sebastian wollte in einem ersten Impuls schnell zusagen, meinte aber dann doch bremsend, sie sollten sich vorerst einmal morgen zusammenrufen.
Karl ging in die halbdunkle Kälte hinaus.
Nach dem Schließen der Tür verharrte Johann Sebastian luftlochschauend einige Augenblicke mitten im Vorraum. Er erinnerte sich seiner eigenen Kopfgeschichten.

Begin the begin


»Den Anfang anfangen,« dachte Markus, der Apothekersohn, »das ist schon ein wesentlicher Schritt. Das ist sozusagen der kleine Ruck, den es braucht, sich aus seiner stabilen Ruhelage zu bewegen und etwas Neues zu beginnen.«

Zu einem »Anfang« kann man ja mehrere Zugänge finden. Während seines Studiums hatte er zum Beispiel begriffen, dass wir im Hinblick auf Anfänge, auf Neuerungen, auf Leben an sich, noch wenig wissen. In - sagen wir einmal »durchgängigen Historien« - kann man ja prinzipiell jeden Zeitpunkt als Anfang definieren. Klassisch sieht man Anfänge von etwas Neuem dann, wenn etwas bisher Ungekanntes, Unbekanntes, zum ersten Mal stattfindet oder beobachtet werden kann. Da treffen diverse Anfangsbedingungen aufeinander und - zackzack - ist da plötzlich etwas Neues. Nicht etwa eine Ansammlung der Grundstoffe, sondern etwas anderes, eine neue Form mit scheinbar neuen Eigenschaften. Form und Inhalt: Das hatte schon die alten Griechen beschäftigt.
Ein neuer Begriff, etwas scheinbar Wunderbares: Zum ersten Mal war er in seinem Studium auf den Begriff »Emergenz« gestoßen, der ihn umgehend fasziniert hatte. Ein Qualitätssprung im Seienden, ein Schöpfungsgeschehen.

Die »Emergenz«: Eine Fachbegriff, der für ihn aber durchaus nicht außer Obligo war. Vielleicht gibt es die Emergenz als so grundlegenden Qualitätssprung ja gar nicht. Vielleicht bildet sich aus der Vielzahl von »Inhaltsmolekülen« nur eine makroskopische, stoffliche Form, die in der makroskopischen Welt eben ihre besonderen Eigenschaften hat. Vielleicht ist sie vergänglich, umkehrbar?

Wenn wir Kuchen backen, aus Mehl, Eiweißkleber, Fett, Zucker, irgendwelchen Flüssigkeiten, dann bleiben die ursprünglichen Moleküle größtenteils unverändert vorhanden. Das Eiweiß vernetzt sich, stockt, klebt. Vielleicht gibt es auch Polymerisationsprozesse. Vielleicht gehen einige Moleküle chemische Verbindungen ein, entwickeln neue Aromen. Aber letztendlich gibt es noch immer Mehl, Eiweiß, Zucker und Fett. Der Kuchen ist aber qualitativ etwas ganz Neues, geschmacklich wahrscheinlich viel besser als die Grundbestandteile jeweils für sich genommen, und möglicherweise - in Maßen genossen - auch bekömmlicher. Und auch wenn wir ihn nicht aufessen, zerfällt ein Kuchen nimmer zu Mehl, Eiweißkleber, Fett, Zucker, usw., aber das ist eine Sache der organischen Chemie. Vielleicht müsste man da »tiefer« ansetzen.

Und dann gibt aber auch die persönliche Anfänge. Seinen Anfang, den er heute auf dem Nachhauseweg erlebt hatte, der ihn unruhig machte.

Markus war ein schüchternes Kind gewesen, voller Selbstzweifel und Ängste, nicht entsprechen zu können. Deshalb wollte er auch nichts machen, was er nicht konnte. Was möglich war, übte er im Geheimen. Doch es wäre ihm ein Gräuel gewesen, um Rat und Hilfe zu bitten. So versagte er sich viele Erlebnisse, die ihn doch interessiert hätten: Ein Instrument zu spielen, an Sportwettbewerben teilzunehmen, einfach wild mit Mädchen drauflos zu flirten ...
Während seiner späteren Jugend, in der Studienzeit, hatte er vieles gelernt, perfektioniert, und vor allem hatte er sich einen perfekten Schutzschild zugelegt: seine Coolness. Er konnte perfekt unverbindlich schäkern, hatte gelernt, dabei spielerisch frech und verbindlich zu erscheinen, aber er war unverbindlich.
Er glaubte das Weltbild, das er sich zurechtgezimmert hatte. Das machen wir alle. Und sein Weltbild war realistischer als das der meisten Menschen, was auf seine Ausbildung zurückzuführen sein wird, aber auch auf sein Elternhaus. Der einzige Punkt, der blinde Fleck, mit dem er nicht sehen konnte, den er nicht sehen, den er sich allenfalls vorstellen konnte, war er selber: Wer er denn für sich selber wäre, wie ihn andere sehen könnten. Und wenn ihn nur Ahnungen, ihn selber betreffende Zweifel, überfielen, dann erfand er illustre Begründungen, ungelebte Lebensweisheiten. Aber merke: Je größer die ausformulierte Weisheit sein möchte, desto mehr nähert sie sich der Dummheit.

Jeder Mensch hat seine dunklen Seiten. So auch Markus: am Anfang seines »Erwachsenenlebens«, seines »erwachten Lebens« war er unter anderem erschrocken über seinen Jähzorn, dem er als Kind wahrscheinlich unmittelbar und ohne jede Scham nachgegeben hatte. Er war erschrocken ober die Perioden von Sinnlosigkeit und Dunkelheit, die ihn manchmal drückten, und hatte diese seiner Seiten und Zeiten zu verstecken versucht, zumindest kleinzumachen, vor anderen, vor sich selber. Und dieses Scheusal war tatsächlich nur ein winziger Teil von ihm. Meist war da Freude, meist war da Mut.
Aber – so klein dieses Einsprengsel auch sein mochte – es war da, es machte sich immer wieder bemerkbar, es machte ihn immer wieder zu schaffen. In seiner erlernten wissenschaftlich-pragmatischen Denkweise war ihm wohl bewusst, dass er sich auseinandersetzen sollte mit diesem Monster, und darum gab ihm zuerst einmal einen Namen, den er passend unappetitlich fand: »Ungustav«.
Da war einerseits der »Gustav«, den er allein aufgrund seines Klanges nicht wollte. »Gustav Gans«, der unsympathische Angeber, der letztendlich aber immer Glück hatte und nur unter Mithilfe von reinen Seelen, Tick, Trick und Track, bezwungen werden konnte.
»Ungustl«: Ist ein Synonym für eine widerwärtige Person. Die Kombination mit dem »Gustav« schien ja die ärgsten Grauslichkeiten der beiden namensgebenden Typen fast ein wenig zu kompensieren. Markus kannte aber genau die Entstehungsgeschichte und Bedeutung von »Ungustav«, und diesen nunmehr benannten Bestandteil seiner selber zuzugeben (ihn in Aktion herzuzeigen wäre unvorstellbar grauenvoll gewesen) war gar nicht so kokett, wie es einer Zuhörerin oder einem Zuhörer vielleicht erscheinen mochte. Für Markus war sein Ungustav in keiner Weise akzeptabel. Die eine oder andere Nacht verbrachte er jedoch unumgänglich mit Ungustav, auch manchen Tag, und manchmal war der eine stärker, manchmal der Sonnenschein und Frohsinn.
Jetzt, in seiner Aufgewühltheit wegen Siehl, jetzt gerade redete Ungustav fleißig mit, zu den Gedanken über »Anfänge«.

Etwas anzufangen heißt ja möglicherweise, etwas Neues zu machen, etwas, was man noch nie gemacht hat. Markus hatte Angst davor, sich zu blamieren, auch wenn er für sich formuliert hätte, dass er es hasse. Am liebsten machte er Dinge, bei denen er sich auskannte, Meisterschaft hatte, quasi eine »Kür« - wie beim Eiskunstlauf - vorführen konnte. Es wurde ihm beinahe übel beim Gedanken, sich eventuell öffentlich sichtbar tollpatschig vorantasten zu müssen, möglicherweise dabei zu scheitern, gar nachfragen zu müssen. Anfang mit einer Frau, noch dazu hier, in diesem Nest, wo jeder über jeden redete. Wow!
Im Wort »Anfang« steckt ja auch der »Fang« drinnen. Wenn man etwas anfängt, dann ist man diesem Sachverhalt verbunden, verpflichtet, gefangen. Er, der Möchtegernluftikus, mit einer jüngeren Frau, einem Mädchen, einer Verkäuferin? Das stecken viele Voraussetzungen für ein erfolgreiches Scheitern drinnen.

Nur spielen mit Siehl, mit - ernsthaft - Sel-Sinikka-Suvi? Nein, dazu war sie ihm, er sich, doch zu wichtig. Aber sie war ja letztendlich schon auch erwachsen, würde wissen, was sie machte. Und warum zerbrach er sich so den Kopf?
Sie waren doch nur zusammen über eine Strecke nach Hause gegangen. Was sah er da, was wollte er da sehen?
Markus schauderte im Bauch wie auf einer Achterbahn, und trotzdem musste er lächeln.

Am nächsten Arbeitstag wollte er Siehl wieder treffen. Im Lauf des Tages wurde er flippiger und flippiger und fürchtete so sehr, sie zu verfehlen, dass er um etwa 14 Uhr in den Supermarkt ging, ohne weiteren Grund, und herumstreifte, um Siehl zu finden. An der Kassa war sie nicht. Sie räumte auch keine Regale ein, aber als er einen Blick durch das hochgezogene Schnellauftor in das Lager erhaschen konnte, sah er sie im Bereich des LKW-Ladedocks, Ladetor geschlossen, im Gespräch mit einer weiteren Supermarktangestellten und dem LKW-Fahrer. Die Entfernung mochte gut 15 m betragen. Es war ihm gleichzeitig fürchterlich peinlich, aber er ging näher an das Tor zum Lager heran, und als Siehl kurz in seine Richtung blickte, winkte er ihr. Sie bedeutete ihm versteckt mit der Handfläche, dass sie augenblicklich nicht könne, aber er war sich nicht sicher, ob sie nicht zu lächeln begonnen hatte. Es wurde ihm heiß. Jedenfalls war sie heute im Supermarkt.
Und so wartete er vom Geschäftsschluss der Apotheke um 18 Uhr – ein wenig später, weil er musste auch noch »abschließen«„, aber damit beeilte er sich sehr – bis zur »Sperrstunde« des Supermarkts und darüber hinaus noch quälend endlos lange, bis Siehl aus dem Personaleingang kam. Er hatte sich ein wenig abseits gehalten, um sie nicht vor Kolleginnen zu bloßzustellen, aber als er sie kurz verharren und in die Runde blicken sah, winkte er ihr wieder zu und konnte dabei überhaupt nicht cool und lässig sein.
Sie kam zu ihm her, und ohne jede Absprache, aber voller Freude, gingen sie ihren gemeinsamen Nachhauseweg. Siehl erzählte von dem gefundenen Manuskript, vom »Mönch mit Schmerzgrenze«. Sie erzählte auch von der Karte »Ich will kein Mitleid!« Markus war ein wenig eifersüchtig, dass jemand anderer, irgendjemand, Siehl in diesem Moment so zu beeindrucken vermochte. Und gleichzeitig berührte die Geschichte auch ihn seltsam.
Sie kamen zu dem Punkt, wo. Sich ihre Wege trennten, gestern getrennt hatten. Markus wusste und wollte: »Es musste etwas passieren!«
Doch als er Siehl ins Gesicht sah, war dort solche Offenheit, Gutherzigkeit und Liebe, dass er einfach nicht wild zugreifen konnte, einen Kuss sich nehmend. Er meinte, mit einem Versuch von Coolness: »Ich fühl mich so gut mit Dir! Kann ich Dich morgen wieder treffen?« Er wusste - in diesem Augenblick wusste er es sicher: Er hatte sich in diese Frau verliebt.
eine Frage war eine Bitte gewesen, schamlos, ohne jegliche Hierarchie in der Beziehung, voller Wertschätzung und Respekt. Sie würde sich sehr freuen, versicherte Siehl, doch morgen wäre ihr freier Tag. Sie könnten sich anderweitig treffen vielleicht, ein wenig spazieren gehen. Und sie wünsche ihm eine gute Nacht.

Markus drückte ihr die Hand, ging davon, als hätte er Sieben-Meilen-Stiefel an, und wendete sich doch jeden zweiten Schritt um nach Siehl, die es ähnlich tat.
Zu Hause aß er voller Appetit alles, was ihm so unterkam, und räumte das Unterste zu oberst, um zu finden, was dem soeben Erlebten angemessen wäre. Schließlich schnappte er sein Notebook und begann zu schreiben. Er hatte einen Wunsch, und er hatte eine Idee.
»Für Siehl«, schrieb er, natürlich ihren vollen Vor- und Familiennamen, und dann machte er einen Seitenwechsel.
Er suchte in sich hinein, fand Sommersonne, fand den Ungustav, fand ein Bild, wollte sich Siehl ganz offenbaren. Und wenn dieses Bild zurückgewiesen würde? Er wollte Siehl nicht verlieren. Er würde sich bedeckt halten, verstecken. Zeigen - und verstecken. Verstecken - und zeigen: Ein Spiel? Spielen!
Eine freudige Lust erfasste ihn, und er begann zu schreiben:

Ungustav


Da war ein Ereignis gewesen: ein Bruch, seine Wünsche hatten sich nicht erfüllt. Eigentlich unwichtig. Zuvor waren es nicht einmal gedachte und artikulierten Anliegen gewesen. Erst die Versagung wurde ihm bewusst und schmerzhaft.


Als er aus der Ortschaft herausgefahren war, mit dem Fahrrad, kam die erwartete Weite der Landschaft. Das breite Flusstal, die weite, sanfte Hügellandschaft ermöglichte einen Blick wie am Meer. Weiter sogar, schien es ihm, wie wenn der Boden rund um seinen Standort leicht nach unten wegklappte. Am Meer hatte das Wasser einen gleichen Anteil am Horizontsblick wie die Luft, wie der Himmel. Hier in den Hügeln war der Himmel überall, die Bodenscheibe nur klein und begrenzt, von den Hügeln.
Als er sich auf den Fahrradausflug vorbereitet hatte, hatte er genau dieses Panorama erwartet, sodass er schwungvoll und gutgelaunt war. Wenn er augenblicklich schwitzte, dann eher aufgrund des schwülen Juliwetters – es war schon fast August – als wegen der Anstrengungen des Fahrradfahrens. Das hatte ihn wirklich nicht angestrengt.
Und jetzt war er zwischen den Wiesen und Feldern, alten Kulturlandschaften, die sich offenbar kaum änderten, ansichtsmäßig, soweit er sich erinnern konnte, sah, wie sich in der Ferne Gewitterwolken zu türmen begannen, und fühlte die Welle heranrollen. Er hatte das gerade jetzt nicht erwartet. Es war eine langsame Welle, eine schwere, keine glatte, keine definierte, eher was wollig-schrumpelig-muffiges. Und sie würde ihn überrollen, diese düstere Dünung, und er würde ab diesem Augenblick nichts mehr denken können, weder analytisch, noch sich selber beruhigend. Schluchzen würde er mehrmals, und sich wie das einsamste Wesen auf der Welt vorkommen, und verzweifeln, da er nicht wusste, was ihn denn da so sehr traf. Trauer? Warum Trauer? Einsamkeit? Die war selbstgewählt. Oder war es doch nur eine narzisstische Anwandlung, die letztendlich ja »Feigheit« ist.
Die Trauer war keine der Art, die das Leben zum Erlöschen bringt. Eher eine Art wilde Sehnsucht, die gleichzeitig ihre Verneinung beinhaltete. Ein Wunsch nach Vollkommenheit, nach Tiefe, in der man jederzeit sicheren Grund finden kann, nach schwerer Leichtigkeit und leichtem Gewicht. Weil er das erkannte, musste er lachen, wurde zornig auf sich selber, und dann wieder von einer wild aufbrandenden Trauer aus dem Gleichgewicht gebracht, verunsichert in ein Schluchzen. Wie damit umgehen? Warum war er so verrückt? Hatte er zu viele Märchen gelesen als Kind, zu viele idealistische Geschichten? Was gab es in seinem Leben, das Trauer berechtigen würde?

In einem tiefen Grund seiner selbst erkannte er, dass unumkehrbar war, was hier vonstattenging, wie er sein Leben lebte. Alles Erlebte blieb bestehen, alles, was er getan und geduldet hatte, alles Gute, alles Böse. Er konnte nur weitermachen, mit allem guten Willen, mit aller Überzeugung und Kraft, und allenfalls versuchen, die gleichen Fehler nimmer zu machen.
Im Grunde gibt es einen ursprünglichen Takt, ein Metronom der Entwicklung, wobei diese Entwicklung nicht gleichbedeutend mit »Verbesserung« war oder ist. Ungustav war nicht mehr der gleiche wie vor zehn Jahren, wie vor einem Jahr, niemand war der Gleiche, auch wenn er der Selbe war. Auch nicht die Steine am Flussufer, obwohl sich die für sich wahrscheinlich kaum verändert hatten, Aber mehr verändert als die Steine hatte sich wohl seine Sichtweise von Flussufersteinen..
Diese Veränderungen waren insgesamt schon in Ordnung, sie beinhalteten Chancen, Enttäuschungen. Sie waren ein Zeichen für Leben, für die Freiheiten, die gegeben sein müssen, um Leben zu ermöglichen. Freiheiten für das Leben und damit auch für das Ende des Lebens, den Tod. Wenn man das Glück dieser Freiheit hat. Und trotzdem machte ihn das Verstreichen von Zeit, die verstrichene Zeit, traurig.

Ungustav glaubte an die Freiheit der Gedanken. Was er nicht glaubte, dass Gedanken rational wären, vielmehr wären Gedanken nur ein weiteres Werkzeug, die Gefühlswelt zu bedienen, ein weiterer evolutionärer Versuch, der angesichts der Einflussnahme des Menschen auf sein Habitat ja vordergründig erfolgreich erscheint. Es wäre allerdings abzuwarten, ob das Ganze nicht in Zerstörung und Vernichtung führen würde.
Er liebte es aber, seine Gedanken und Gefühle schweifen zu lassen, entstehen und vergehen, und nur die erfolgversprechenden für sich zu festzuhalten.
Angesichts seiner Traueranfälle stellten sich hierzu wahrscheinlich doch einige Fragen, aber in diesem Augenblick konnte er dazu nicht einmal vernünftig formulieren. Er hatte auch keinen final überzeugten Zugang zu seinem Jammer, nicht einmal einen provisorischen.

Entwicklung, Gedanken, Gefühle: Ungustav zwang sich zu denken, dass die Mechanismen, die er an und in sich beobachtete, bei den meisten Menschen ähnlich funktionierten. Nicht mit den gleichen Inhalten, aber nach den gleichen Mechanismen.
Er hatte sich schon früh in ein selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Leben begeben. Er war nicht gottgläubig, aber es schien ihm schon erstaunlich, dass angesichts der vielen für Menschen vorstellbaren Weltvarianten doch so viele Menschen sich ein Ziel für ihre Hoffnungen suchten, das diese Hoffnungen noch niemals in der Geschichte nachweislich erfüllt hatte. Angesichts der Geschichte erschienen ihm alle monotheistischen Religionen zunehmend als Todeskulte, obwohl er andererseits wiederum Verständnis dafür hatte, dass angsterfüllte Menschen Trost und Hoffnung in Ritualen und Glauben an eine höhere Gerechtigkeit, an höhere Wesen, finden.

Ungustav glaubte an die Macht der Liebe. Eine Kraft, die Freude machen kann, Glück, die Kraft gibt, hinzunehmen und auch zu bewegen, auch sich selber zu bewegen. Und er wusste wohl, dass zurückgewiesene Liebe verletzt und kränkt. Er hatte Angst davor, er hatte Angst vor seiner Emotionalität, vor einer möglichen Wildheit, mit der er sich frei zu machen versuchen könnte. Er hatte Angst, Täter zu werden, er hatte Angst, Opfer zu werden. Er hatte Angst vor seiner Feigheit, mit der er in gewohnten Umständen verharren würde wollen. Er hatte Angst vor seiner Bequemlichkeit, seiner Faulheit, und er hatte Angst vor Anfängen, vor Veränderungen.
Er wusste, wie sehr er sich schuldig fühlen konnte, wie sehr sich selber verurteilen. Er wusste, dass er eine Missbilligung durch Dritte, durch einen geliebten Menschen, nicht hinnehmen, nicht ertragen würde können. Er behauptete, sich selber sein eiserner Richter zu sein. Seine Feigheit, seine Lügen, sein Verschweigen der Wahrheit, seine Geilheiten, seine Geheimnisse, die wollte er nicht so gern so sehen, wie sie wirklich waren, wollte sie nicht preisgeben als Teil seiner Person. Er war unbeweglich in den Käfigen, die er sich damit errichtet hatte, verzweifelt, weil er mutlos seinen Fehlern zusah, gefangen in seinen Ambivalenzen. Er fürchtete, den Menschen nicht gerecht sein zu können. Er war der einsamste Mensch der Welt. Er wusste, dass er feige war, voller Ängste vor Ängsten. Wahrscheinlich war er nur eine leere Hülle. Wahrscheinlich war das alles nur nutzlose Eitelkeit.
Er zwang sich, über seine zerfasernde Vergeblichkeit zu lachen. Es war mehr als ein Hauch von Bitterkeit, der ihn würgte, die Luft abschnürte. Er konnte es nicht, konnte nicht zugeben, vollständig leben, wer er war. Er konnte sich nicht öffnen, nicht hingeben, nicht wünschen. Nichts konnte er einfach, immer war da auch zumindest eine andere Seite, mehr, nicht zu bezwingen.

Ungustav trat mit Kraft in die Pedale, um seine Energien zu spüren, seine Wildheit zu erwecken, und um vor dem Gewitter wegzufahren, obwohl es ihm nicht so übel gefallen hätte, durch Sturm, Regen, Blitze zu sausen. Zumindest der Gedanke gefiel ihm.
Und er stellte sich vor, wie es wäre, durchnässt und dampfend nach Hause zu kommen. Zu einer liebenden Frau.




Nach dem Drucken heftete Markus die wenigen Blätter wie ein Buch, drei Mal an der linken Kante. Er überlegte kurz, steckte das Manuskript in ein Kuvert und beschriftete den Adressbereich in Blockbuchtstaben mit »SEL-SINIKA-SUVI «.
Dann klebte er es zu. Ohne Absender.
Am nächsten Vormittag schlüpfte er kurz aus der Apotheke und lief mit seinem Brief zum Supermarkt, irgendwie auch, um sein Schicksal, an das er ja nicht glaubte, zu versuchen. Würde sein Brief - auf dem Umpackbord deponiert - Siehl erreichen? Als er aber dann sah, dass es einen Kundenbriefkasten gab, warf er den Brief dort ein, unumkehrbar, um sein nichtgeglaubtes Schicksal zu besiegeln. Wieder in der Apotheke fiel ihm ein, dass sie gestern ja keine Telefonnummern getauscht hatten, und es wurde ihm heiß.
Kurz vor der Mittagspause tauchte aber Siehl vor den Auslagenscheiben der Apotheke auf, mit Pudelmütze, Schal und Strickhandschuhen. Sie war entzückend anzusehen und bedeutete ihm durch Gesten, dass sie auf ihn warten werde. Dann ging sie weg, Richtung Supermarkt, und Markus bekam wilde Hitzewallungen, sonderbare Befindlichkeiten bis hin zu einer leichten Übelkeit. Er hatte Angst, dass sie den Brief vielleicht jetzt schon übergeben bekäme.
Er wünschte, er hätte dieses Schreiben, diesen verkappten, kindischen feigen, vertrottelten Brief, nie geschrieben.


Nach dem Drucken heftete Markus die wenigen Blätter wie ein Buch, drei Mal an der linken Kante. Er überlegte kurz, steckte das Manuskript in ein Kuvert und beschriftete den Adressbereich in Blockbuchtstaben mit »SIEHL«.
Dann klebte er es zu. Einen »Absender« vermerkte er nicht.

Am nächsten Vormittag schlüpfte er kurz aus der Apotheke und lief mit seinem Brief zum Supermarkt, irgendwie auch, um sein Schicksal, an das er nicht glaubte, zu versuchen. Würde sein Brief - auf dem Umpackbord deponiert - Siehl erreichen? Als er aber dann sah, dass es einen Kundenbriefkasten gab, warf er den Brief dort ein, unumkehrbar, um sein nichtgeglaubtes Schicksal zu besiegeln. Wieder in der Apotheke fiel ihm ein, dass sie gestern ja keine Telefonnummern getauscht hatten, und es wurde ihm heiß.

Kurz vor der Mittagspause tauchte aber Siehl vor den Auslagenscheiben der Apotheke auf, mit Pudelmütze, Schal und Strickhandschuhen. Sie war entzückend anzusehen und bedeutete ihm durch Gesten, dass sie auf ihn warten werde. Dann ging sie weg, Richtung Supermarkt, und Markus bekam wilde Hitzewallungen, sonderbare Befindlichkeiten bis hin zu einer leichten Übelkeit. Er hatte Angst, dass sie den Brief vielleicht jetzt schon übergeben bekäme.
Er wünschte er hätte dieses Schreiben, diesen verkappten, kindischen feigen, vertrottelten Brief, nie geschrieben.

Schattenfugen


Wenn Randstöße von Bauteilen - Fließen, Brettern - so ausgeführt werden, dass sie ein deutlich sichtbares Gestaltungselement werden, dann spricht man von Schattenfugen, die meist dunkler sind als die Vordergrundbauteile, diese aber deutlich abgrenzen und ihnen damit eine neue Qualität verleihen. Erst der Abstand lässt die Blumen im Gebinde erstrahlen, im leeren Raum leuchten die Sterne. Das Sein hebt sich deutlich vom Nichts ab, doch was ist hier der Schatten.

Der Herr Höllmüller war Techniker, aber beruflich eher mit Planungen, Qualitätssicherung und dem Berichtswesen befasst, und so suchte er in seiner Freizeit Entspannung unmittelbar am Werkstoff. Unter anderem zimmerte und tischlerte er gern, und bei seinem Können waren Schattenfugen zwangsläufig gestalterische Mittel der Wahl. Heute hatte er vor, eine etwas verrottete Windschutzkonstruktion im Garten auszubessern oder zu ersetzen. Er wusste noch nicht, womit und wie, und suchte auf dem Dachboden und in seiner Werkstätte herum. Klugen Holzbau wollte er betreiben, bei dem Wasser sich nicht in Spalten sammeln konnte, nicht ins Hirnholz eindringen, bei dem die Bauteile abrinnen und ablüften konnten. Irgendein Verbund aus sägerauhen Brettern mit hinterfüllten Fugen schwebte ihm vor. Naturbretter, Fichte, die durchaus auch verzogen sein könnten. Einen modernen, technischen Touch sollte die Konstruktion bekommen durch optisch bestimmende farbige Fugen, bunt, aber mit hohem Schwarzanteil, seidenmatt, edel. Er würde herumprobieren, welche Fugenfarbe, welches Verhältnis von Bretterbreite zu Fugenbreite schön aussähe, er würde nachschauen, welches Material er zu Hause hätte.

Und so suchte er auf dem in allen Ecken und Enden seines Refugiums, katalogisierte gedanklich Fundstücke und ihre mögliche Verwendbarkeit und begab sich dann in seine kleine Werkstätte, die er sich in einem Anbau eingerichtet hatte. Ursprünglich hatte dieser Schuppen als Unterstellplatz für Gartenwerkzeug gedient. Johann Sebastian hatte den Rasenmäher und die diversen Gerätschaften unter das vorspringende Dach des Anbaus ausgesiedelt (über den Winter mit Planen bedeckt) und im freigewordenen Raum eine Art Werkbank und zwei Werkzeugwägen untergebracht. Auch elektrischen Strom hatte er eingeleitet, vorbildlich, mit eigenem Fehlerstrom-, Leitungsschutz- und Brandschutzschalter in Oberputz-Feuchtrauminstallation. Dementsprechend stolz und zufrieden schaltete er jetzt das Licht an und räumte in seiner Zuflucht, eine solche war der Bereich geworden, herum. Er suchte und wusste nicht, was. Er ordnete ohne erkennbare Ordnung und verwarf seinen anlassgebenden Plan mehr und mehr zugunsten des Vorhabens, sich einen Überblick über seine Schätze zu verschaffen. Er trieb in der Zeit wie seine Gedanken in seinen Weltbildern: Für ihn war es entspannend. Er spürte dies auch deutlich, bewusst, er war dankbar für den Luxus, den er sich hiermit leisten konnte. Weil er es konnte im Sinn der Freiheit, die man hierfür braucht, weil er es konnte im Sinn von »Können«.

Man muss schon zugeben, dass es sein höchstpersönlicher Anspruch an Luxus war. Andere Menschen halten Diamanten für luxuriös. Johann Sebastian hielt Ruhe, Frieden, Konzentration, das Leben zu bemerken, gar, es zu teilen, für luxuriös. Das ist nicht so dauerhaft wie der Diamanten zugeordnete Wert, aber andererseits nützt sich das Glück am Leben erfahrungsgemäß nicht so schnell ab, wie das über Diamanten.

Es dachte er darüber nach, ob man, ob er selber für sich das Unglück brauche, den drohenden Schatten, um das Glück zu erkennen. Er wusste es nicht. Aber plötzlich kamen ihm wieder die Fugen in den Sinn: Seine Unglücksstunden und Schattentage waren irgendwie die Fugen in der strahlenden Weite des Glücks.


Warum beschäftigten ihn solche Themen so, aus welchem Grund sinnierte er über seine Ansprüche und Werte, der Johann Sebastian? Ethikunterricht hatte er ja nicht gehabt in der Schule, und ein wenig fragte er sich ja, wie ein solcher funktionieren könne, über eben nur banale Grundlagen hinaus. Er selbst war ohne eine solche dezidierte Schulung seiner Moral aufgewachsen, die Moral war ihm allenfalls im Zusammenleben mit seinem Freundeskreis, mit der Familie, mit Nachbarn, vermittelt und eingebleut worden. War sein Religionsunterricht eine Ethikschulung gewesen? Er konnte sich nicht mehr erinnern, er dachte, eher nicht. Verschiedene Religionslehrer hatte er gehabt. Einen liebenswürdigen alten Pfarrer, einen asketischen jungen Eiferer, der, wie er später erfahren hatte, ein Kind mit einem Dorfdmädchen gezeugt hatte.

Die zehn Gebote fielen ihm ein. Ob diese ein brauchbarer Ethikkodex wären? Es befassten sich allein schon die ersten drei, knappe 30 Prozent also, mit der Sicherung der Stellung eines angeblich allmächtigen Gottes. Ziemlich widersprüchlich.

Obwohl ich allmächtig bin, sollst Du keinen anderen Gott haben neben mir?

Obwohl ich allmächtig bin, sollst Du meinen Namen nicht »verunehren«??

Obwohl ich allmächtig bin, sollst Du mich, der ich das aufgrund meiner Allmacht ja nicht nötig hätte, an einem Tag der Woche anbeten und diesen Tag hochhalten???

Man kann da viel hineininterpretieren, aber in diesen ersten drei Geboten steckt sicher nichts drinnen, was das zwischenmenschliche, interkulturelle, das Leben in einer Welt mit dinglichen Grenzen ethisch, ausgleichend regeln würde. Die Kirche hatte - wie alle Religionen - über Jahrhunderte auch keine derartigen Anwartschaften unterstützt, sondern lediglich ihrer Machtansprüche. Im Namen der Religion, aller Religionen, ging und geht es schnell einmal um Machtansprüche, Reichtunm. Der Gottesglaube als systematischer Todeskult, der bei den Gläubigen an »moralische Werte« appellierte.

»In anderer Form hat das Adolf Hitler auch getan«, sinnierte Johann Sebastian, der sich ja als Produkt der Erziehung nationalsozialistisch indoktrinierter Großeltern und auch Eltern sah. Aber ebenso indoktriniert waren und sind Menschen in vergleichbaren Gesellschaften weltweit. Er bedauerte sich nicht sonderlich, er hatte nicht das Bedürfnis, deswegen an sich »zu arbeiten«. Er lachte, als er sich der Quellen seiner Weltbilder entsann: Geschichten, Märchen, auch wenn sie nicht so hießen.

Er hatte schon oft und lange mit solchen Gedanken herumgespielt und fand Märchen allgegenwärtig. Tagtäglich werden uns »Geschichten« erzählt: Warum es gut wäre, was die Politik für uns entscheidet. Warum wird dieses Deodorant kaufen sollen, jene Zahnpaste, ein bestimmtes Auto.

Das »Narrativ«, dass uns angeblich sinnstiftend, bestimmt aber unbestellt vorgesetzt wird, lädt uns ein, zum gemeinsamen Nutzen oder zumindest zum Erfolg des »Storytellers« ein Stück eines gemeinsamen Weges zu gehen.

Manche Fabulierer erzählen Sekundengeschichten: »15 Sekunden aus dem Leben einer glücklichen Hausfrau«. Das heißt dann »Werbung«, und diese zeigt uns, worum es geht bei solchen Kurzgeschichten: Es geht um das Vorführen, das Starten und Aufheizen von Gefühlen, es geht um eine Verbindung der verkaufbaren Dinge mit unserem Befinden. So wird manipuliert, so werden Noten in der Partitur unseres Lebenssinns gesetzt. Es wird ununterbrochen versucht, oft erfolgreich.

Neu ist, dass es in diesem Rausch der Neuzeit bereits zu viele Narrative gibt. Neu ist, dass es einen eifersüchtigen Wettbewerb der Geschichtenerzähler gibt, dass viele Märchen zu »Fake-News« entwertet und erniedrigt werden. Dabei kommt es natürlich auf den Standpunkt an, was zur Fälschung erklärt wird, und nur die wahrhaftige Wirklichkeit, die nackte Evidenz, die meinungslosen Messwerte werden ihr Urteil über die Wahrhaftigkeit der konkurrierenden Geschichten fällen, aus einer Zukunft erst, bis in die es dauern kann.

Aber schon heute, im gegenwärtigen Augenblick, ist nichts nur schwarz oder weiß, und an den Rändern unserer Vernunft lauern Paradoxien.

Die Welt funktioniert nicht nach unseren Regeln, den Spezialregeln für Menschen in dieser Welt, und je mehr wir uns ausbreiten, desto mehr müssen wir uns an diese erweiterten Regeln halten, auf unseren Wegen zum Größeren, zum Kleineren, zum Zusammenhängenderen, im Umgang mit begrenzten Ressourcenströmen. Letztendlich besteht die Welt aus Quanten und Quantenereignissen, aus dernen sich makroskopische Dinge organisieren. Alle unsere Versuche, beständigen festen Grund zu finden, sind Versuche: Erfolgreich zwar in unserer Welt, aber letztendlich vergänglich und zufällig. Es ist, als würden wir einem Zauberer zusehen und zunehmend glauben, die Tricks begriffen zu haben, aber dann ist doch immer alles anders.

Es ist also nichts als eitel, wenn man glaubt, sich endgültig auszukennen. Es ist vermessen, sein persönliches Denken, seine Gefühle, als maßgebend für gut oder böse heranzuziehen. Zulässig wäre jedoch - so hatte Johann Sebastian schon vor geraumer Zeit befunden - solche Einschätzungen von gut und böse für den Umgang mit der eigenen Art, mit ähnlich starken Verwandten (aber welche haben wir denn da auf dieser Welt? Wildschweine? Elefanten? Coronaviren?) heranzuziehen.

Geschichten, die Johann Sebastian meinte, von den er meinte, seine moralischen Werte (für den Umgang mit seiner Art und den eben ähnlich starken Verwandten) vermittelt bekommen zu haben, erzählten und erzählen von Vergangenem. Von Wünschen. Von Abenteuern und Krisen, von Liebe, Kraft, Hoffnung, Mut, Scheitern, Leben und Tod. Sie erzählen von unserer Vorstellung von der Welt, und es sind vollständige Geschichten, Berichte von Begebenheiten, die wundersam erscheinen können, fernab von diesem »Rausch der Neuzeit«, garantiert ohne Product-Placement. Manche Geschichten handeln vom Glück, manche von der Auflösung einer Welt: Dass Küsse auf dem Postweg von Gespenstern gestohlen würden, und Sehnsuchtstränen in der Morgensonne zur Salzwüste vertrocknen.
e solchen Geschichten kann man durchaus glauben. Aber es können auch Geschichten über Geschichtenerzähler sein, die Geschichten von Abenteuern, Glück, tränenstehlenden Gespenstern und Sonnen erzählen, die aus Herzschmerz nur Salzwüsten auftrocknen können.
Die Leser oder Zuhörer können sich aus solchen Geschichten dann eine Meinung bilden, in einem feinen innerlichen Nachhall, der dann »Moral aus der Geschichte« genannt wird. Aber es wird nur ihre Meinung sein. Und es wird die Moral der jeweiligen Zuhörerin, des jeweiligen Lesers sein: Die Ablehnung von bösen kinderkochenden Waldhexen bis zur modernen Verteidigung von weisen Kräuterhexen, die Meinung von guten Prinzen, die in der Zwischenzeit nur mehr penetrant geworden sind.

Johann Sebastian schrieb selber auch Geschichten. Er schrieb gern, wenn ihm danach war, also wenn ihm nach nichts Sonnig-Glücklichem war. Er schrieb sich seine schwarze Seele sauber, und weil er Geschichten schrieb, wusste er um diverse technische Details von Geschichten: Man kann sie - theoretisch - anfangen und enden lassen, wie man will, man kann ihnen Handlungen verpassen, Spins, Konterkarierungen, Pflicht, Kür. Er wusste, dass der Erzähler tanzte, seine Zuhörer - als Schreiber seine Leser - umwarb, zum Tanzen aufforderte, um sie dann letztendlich an der Nase herumzuführen. Er wusste um Kunstfertigkeiten und Tricks, und er wusste auch, dass - zumindest seine - Geschichten sich - allem vorher Gesagten widersprechend - selber erzählten, nach Regeln, die über seinen Erzählkünsten zu liegen schienen, die vielleicht aus der Welt des Zufalls stammten, die vielleicht nach einem höheren, ihm nicht erkennbaren Rhythmus algorithmisch waren.

Johann Sebastian dachte dabei an die Künste seines Vornamernsvettern, des Herrn Bach, dessen Fugen ja auch irgendwie algorithmisch angelegt schienen, in Schleifen innerhalb von Schleifen innerhalb von Schleifen, sodass sich das ganze Gebilde »in die Höhe, zum Lob Gottes« hin entwickelte. Eine musikalische Fuge. Er schob die »Goldbergvariationen«, Interpret Glenn Gould, in den Schlitz des CD-Players, und genoss die Streicheleinheiten der Musik. Wunderbare klare wahre Töne.

Muss eine Fuge sich immer nach oben entwickeln. Gibt es auch Schatten, Absturz? Keine musikalischen Schattenfugen?

Ist es nicht eigenartig, dass die von uns geliebten Geschichten sich zum Guten hin entwickeln? Warum mögen wir negative Geschichten so wenig, als Kinder meist gar nicht?

Vor einigen Wochen hatte Johann Sebastian schon über Geschichten, Geschichtenerzählern und ihre Verantwortung nachgedacht, wenn sie beispielsweise »Geiz-ist-geil!«-Märchen erzählen, die die ganze Welt ausklammern bis eben auf das Einkaufserlebnis, den finalen Todesschuss am Ende der Jagd. Und warum bedeutet die Phrase »Erzähl mir keine Märchen!« Im Allgemeinverständnis, dass man aufhören solle, zu lügen, wenn auch milde ausgedrückt. Warum sagt man nicht: »Hör auf zu lügen!«

Im Zug seiner Kontemplationen hatte er damals beschlossen, ein Experiment durchzuführen: »Die lebendige Geschichte.«

Es sollte eine Geschichte werden, bei der mehrere Geschichtenerzähler mitwirken konnten, bei der niemand allein den Fortgang, das Ende, die Moral der Geschichte bestimmen konnte.

Es sollte eine Geschichte sein, an der auch die Zuhörerinnen und Zuhörer sich beteiligen konnten: durch bewusste Weitergabe, Fortschreibung der Handlung. Die Idee begeisterte ihn so sehr, dass er einige Tage wildes Kopfkino durchlebte.

Bei seinen folgenden Treffen mit seinen Freunden schaltete sich dieser Film wieder ein. Er tastete er sich vorsichtig an das Thema heran, fragte umständlich um Bereitschaften, legte Köder aus, machte seine Idee schmackhaft, indem er sie vage aufblitzen ließ, unbestimmt, aber Hoffnungen erweckte, malerische Ziele verführerisch kolorierte. Er spielte mit allen Verführungskünsten, für die er sich sonst zu gut gewesen wäre, und wunderte sich, wie gut er es vermochte, wie sehr er sich auch selber verführte:

Eine Geschichte sollten sie entwickeln, zu dritt, vielleicht auch weitere Vertraute, im Wechselspiel. Selbstverständlich Corona-konform via Internet, via Konferenzsoftware, sich elektronische Manuskripte übermittelnd.
Wie die Geschichte denn heißen solle? Eine Geschichte aus Wörtern, eine Geschichte von Geschichtenerzählern, die mit Wörtern und Worten umzugehen verstehen, unter dem Eindruck der Pandämie, der Quarantänen, in denen man sie nahezu gefangen hielt wie ein Kerkermeister, ein Gefangenenwärter.
»Wörterwärter« war ein Gedankenblitz, so abseitig, dass die Geschichte sich in ein weites Feld hinein entwickeln würde können.
Wer von ihnen welchen Part übernahm, wer welches Kapitel entwarf, das weiß ich jetzt nimmer.
Da haben Sie die freie Wahl.