Geschichten über das Sein

Ich hab ja angekündigt, meine Gedanken - Geschichten gab es auf der Site ja schon viele - auch zu Papier bringen zu wollen. Jetzt versuch ich hier, eine Ordnung zu finden, Zusammenhänge.
Sukzessive werden daher die bisherigen Geschichten hierher übersiedeln, angepasst werden, um in den Rahmen zu passen, und auch, um in die jetzige Zeit zu passen.

Etwas textlich langes im Internet zu veröffentlichen ist möglicherweise , ist sicher nicht zielführend.
Ich werde versuchen, hier Strukturen abseits von Scroll-Orgien zu schaffen, indem ich Links zu den einzelnen Kapiteln einfüge.

Sei gnädig mit mir! Sei gnädig mit Dir!

Vorwort


Ich habe mit dem vorliegenden Text keinen Thriller geschrieben, und auch keinen durchgehenden Roman. Es sind nur einzelne Geschichten, die sich mehr oder weniger von selbst ergeben haben.

Das hier ist das Vorwort. Eigentlich ist es, wenn man es genau nimmt, eine Art »externes Vorwort«. Ich wüsste nicht, wie ich es besser nennen könnte. »Extern« deswegen, weil es außerhalb aller Geschichtenbögen steht. Weil es nur Informationen gibt, wie das Nachfolgende handzuhaben ist. Es gibt entsprechend auch ein »internes Vorwort«, den Rahmen für die Geschichten, aber der Rahmen ist nicht gut gemacht, schwer als solcher zu erkennen und darüber hinaus in Konkurrenz zu vielen weiteren kleinen Vorworten, die salbungsvoll manchen Geschichten vorangestellt sind. Und dann gibt es noch salbungsvolle Enden von oder Epiloge zu Geschichten. Das brauchen Sie nicht zu kritisieren, das ist ausdrücklich so gemeint.

Mein erstes (externes) Vorwort habe ich verfasst, als ich vor etwa zwei Jahren den Entschluss gefasst habe, die paar Geschichten, die ich bis dahin geschrieben hatte, zusammenzufassen, zu redigieren und weitere Märchen zu schreiben. Es ist mir nicht sonderlich gut gegangen damals, und nur, weil ich damals eher zufällig einige meiner Entwürfe beim Neuaufsetzen eines Computers gefunden und gelesen habe, habe ich mich an den Flow beim Schreiben erinnert, im Texten ein Ziel zu erkennen geglaubt. Gleichzeitig mit der Planung, die bereits niedergeschriebenen Erzählungen zu überarbeiten und miteinander zu verbinden, verfasste ich eben dieses erste, nun weitgehend verworfene Vorwort. Selbstvergessen geschrieben hab ich dann aber doch nur an einzelnen Tagen.



Wozu schreibt man Vorworte?

Zum Beispiel, um Dank auszusprechen. Ja, das möchte ich jedenfalls. Ich bin dankbar, dass ich dieses schöne Leben erleben darf. Ich bin allen Menschen dankbar, die jetzt um mich sind und die in der Vergangenheit um mich waren, gleich, ob wir gut miteinander sind oder waren oder eben nicht. Ich wäre ohne Euch alle nicht dort, wo ich jetzt bin. Ihr alle habt mich so zu leben gelehrt. Über die Menschen hinaus bin ich aber aus voller Überzeugung der Welt, und das meine ich jetzt wirklich umfassend, dankbar: meiner vollständigen Welt.

In Vorworten wird manchmal auch erläutert, in welchen Zusammenhängen ein Werk zu sehen ist. Im Fall meiner nachfolgenden Erzählungen ist zumindest hier und jetzt, um das Jahr 2021 herum in Mitteleuropa, der historische und soziale Konnex hoffentlich erkennbar. Als voreingenommener Autor möchte ich selber nichts weiter dazu von mir geben.

Zur Semantik und Pragmatik der Texte: Ich versuchte, so knapp wie mir möglich zu formulieren. Möglicherweise haben wir leicht unterschiedliche Weltbilder und Wertesysteme, dann kann es für Sie ganz anders ausschauen. Ich bitte Sie trotzdem, meine Texte zu lesen. Für mich hängen an manchen Sätzen jahrelang gewachsene Ideen, Bezüge zu für mich wesentlicher Literatur und zu Sachinformationen. Moralisieren will ich in den nachfolgenden Texten keinesfalls. Das mach ich für mich persönlich, und Sie können es ja auch für sich persönlich tun.

Ich danke aber jedenfalls dafür, dass Sie die Aufwendungen auf sich genommen haben, zu diesem »Buch« zu kommen, und dass Sie offenbar vorhaben, zumindest hineinzulesen. Es ist auch ganz in Ordnung, wenn sie es erworben haben, um es weiterzuschenken, gleich aus welchen Gründen. Wie die Erfahrung zeigt, findet jeder Topf, der sich nicht nachhaltig dagegen wehrt, seinen Deckel. Für mein Elaborat werden sich also durchaus auch interessierte Leserinnen und Leser finden.

Ich mochte ihnen jetzt aber schon auch ein wenig Mut machen, die Lektüre zu versuchen. Die einzelnen Kapitel sind kurz, und ich habe mich redlich bemüht, sie auch kurzweilig zu schreiben. Es geht um verschiedenste Themen, wobei ich aber zugeben muss, dass ich keine nervenzerfetzenden Thriller oder tränenpressende Dramen geschrieben habe. Ich habe auch versucht, superschnulzige Szenen zu vermeiden. Aber um Gefühle und Gedanken geht es schon immer wieder.



Zum ursprünglichen Vorwort darf ich noch anmerken, dass in einem Text, der älter ist als das Werk, dem er vorangestellt ist, nichts Großartiges oder Vorbereitendes oder Bewertendes oder Erklärendes zu finden sein kann. Ein paar Gedankengänge aus dem »ersten (externen) Vorwort« erscheinen mir aber jetzt noch erwähnenswert:

Ich lebe noch. Das Vorwort ist also kein Nachruf.

Ich bin mir sicher, dass es »Vorworte« heißt und nicht etwa »Vorwörter«. »Vorwörter« wären, deklarativ und beispielhaft: »voran«, »vorab«, »vorhin«, vorher«, »Vorschlag«, »Vorwurf« oder »Vorgabe«, und so weiter ...

Ich mag es einfach, zu schreiben. Eigentlich schreibt da irgendetwas, und ich bin nur eine Art Presse, der die Gedanken in Geschichten füllt. Ich hab natürlich alles durchgelesen, verbessert, überarbeitet, die Stellen, in denen Personen wiedererkennbar wären, aus zugehörigem Raum und passender Zeit gezupft, die ärgsten Beleidigungen und Unflätigkeiten verharmlost. Aber seine eigenen Fehler sieht man nicht. Und das beste Lektorat kennt meine Gedankengänge nicht, ich selber auch oft nimmer (aus dem Gedächtnis heraus), Monate nach der Niederschrift.

Von mir aus gibt es keine »Moral der Geschichte(n)«. Wenn Sie eine entdecken und ernst nehmen wollen, dann müssen Sie auch selber damit leben.

Meistens bin ich ja lebensbejahend aufgelegt und glücklich darüber, wie schön mir die Welt ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir streiten müssen/sollten/werden, möchte ich als gering sehen.

Ich fühl mich ziemlich »geerdet«, wie man so sagt, also fern aller Wolkenkuckucksheime. Vielleicht werde ich über solche schreiben. Ich bin guter Hoffnung, sie von außen beschreiben zu können und mich nicht in ihnen zu verlieren. Und wenn ich es täte: Bleiben Sie (glücklich) auf dem Boden. Bitte!

Das wäre im Augenblick alles.


Gesundheit, Mut und Glück!


Ernst-Georg Klammer, im Sommer 2021 (Gezeichnet also nach Fertigstellung des Buches)

Spaziergänge im Theresienthal

Danke dem unbekannten Fotografen!


Mir gefällt das Spiel, die nachfolgenden Geschichten als eine Art »Spaziergänge« zu verstehen, in und um ein mitteleuropäisches Dorf im Theresienthal, in den Zeiten von Corona.

Unsere Lebenswelt, Terra, Gaja, die Erde, ist klein geworden im Licht unserer Erkenntnis, noch viel mehr aber für unsere Hoffnungen in die Zukunft. Vielen Menschen scheint das jedoch egal zu sein, oder sie begreifen es nicht, wollen es nicht begreifen oder können es gar nicht wissen. Bei vielen anderen verursachen die Dystopien, die angesichts der schlechten Nachrichten und Horror-Prognosen auftauchen, Beklemmung, Angst, persönliche Einschränkungen und Beschwerden, ein Unbehagen der Seele. Im Augenblick erschien die Lage gerade besonders angespannt: Weltweit war eine Pandämie ausgerufen worden, verursacht durch einen Corona-Virus. Menschen starben, viele hatten Todesangst, einige vermuteten einen Streich von Eliten, die Menschheit zu unterjochen und zu dezimieren. Weltanschauungen, Nuancen der Politik, wurden zum Grund von unversöhnlichen Feindschaften, aber für diejenigen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen, war es nicht besonders wild oder herausfordernd, bei Weitem nicht wilder, als andere Menschen zu anderen Zeiten erlebt haben mussten. Für Geschäftstüchtige waren solche Zeiten des Umbruchs - wie immer - glücklich: In den Wirrnissen und Verwerfungen konnten Vermögen gemacht werden. Aber leider gilt auch hier: »Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu!«. Für andere, weniger Besitzende, wurden die Zeiten härter, die Zukunftsaussichten auch im kleinen, persönlichen Maßstab düsterer.

Es war jedoch noch nicht der Augenblick der Ruhe vor dem Sturm gekommen, dieser kurze Augenblick des reglosen Verharrens,in dem das Unvermeidliche klar wird, alles überdeutlich, verständlich, aber eben unabwendbar erscheint. Eine schwüle Zeit, wie sie mir gar nicht passt, die ich kaum passend machen werden können.


Wir sind Menschen mit Körper, Geist und Seele. Und wenn die Seele bekümmert ist, so kann ihr der Geist helfen, indem er auf Auswege sinnt, und der Körper, indem er sich gut anfühlt.

Eine Möglichkeit, die Dinge mit rechtem Maß zu sehen, kann ein Spaziergang sein.

Spazieren gehen: Das ist für mich ein Durchstreifen meines Reviers ohne konkrete Absichten oder Ziele. Es geht darum, zu sehen, was es Neues gibt in meinem bekannten und befriedeten Revier. Sie ahnen gar nicht, was alles meines ist, ohne den geringsten Gedanken daran, es besitzen zu wollen.

Beim Spazierengehen kann ich auch gut erkennen und ordnen, was mir aktuell durch den Kopf geht und den Bauch zwickt.

Sie brauchen nicht nachzuschlagen wegen der Wortherkunft Ich habe das für uns erledigt: Etymologisch kommt das Spazieren aus dem Italienischen, wenn Sie wollen aus dem Lateinischen, und bedeutet dort ziemlich genau das Gleiche wie nach meinem Dafürhalten: Umherschweifen, gemessen einhergehen, flanieren, lustwandeln.

Man muss nirgendwo hin, beim Spazierengehen, weil man dort ist, in seiner bekannten Umgebung. Man schaut halt hier und dort, mit einer gewissen Verantwortlichkeit, und dreht und wendet die Dinge im Gedanken, um Unentdecktes oder Veränderungen zu bemerken. Im Revier, das man hat, ohne es besitzen zu müssen. Ich geh zwar auch gern wandern, mit Krafteinsatz ein schwieriges Ziel zu erreichen, aber das Schlendern ist mir lieb und wert.

Man kann auch spazieren fahren. Mit dem Fahrrad ist man ganz nahe an den Dingen, kann jederzeit stehen bleiben, sausen, kurven, trödeln, schauen, hören, riechen, greifen. Mit dem Motorrad erfährt man die Welt schon anders, doch das Revier ist dafür auch größer. Und dann gibt es hier noch tolle Beschleunigungsgefühle: Beim Anfahren, beim Bremsen, aber am besten in den Kurven. Sogar mit einem Personenkraftwagen kann man spazieren fahren, aber da ist man dann schon ziemlich von der Umwelt abgeschnitten und sehr viel mehr damit beschäftigt, sich und etwa 12 Quadratmeter Stahlblech mit den anderen Verkehrsteilnehmern zu arrangieren. Und meistens hat man im Auto ja nur den nächsten Termin im Kopf.

Doch die nachfolgenden Geschichten sind - für mich - Spaziergänge, obwohl ich da nicht so streng abgrenzen möchte. Es geht darum, im scheinbar Alltäglichen, im geringgeschätzten Gewöhnlichen, das Wesen, die Schönheit und Kraft der ganzen Welt zu bemerken. Es geht darum, zu bemerken, dass und wie man Teil des Ganzen ist: Verbunden, mitwirkend, gestaltend, geliebt, und hoffentlich der Liebe fähig, sie spürend, aber auch mitgefangen und mitgehangen.


Das Theresienthal: Der Fluss beginnt als kleiner Bach in den Voralpen, wo die Gegend in der letzten Eiszeit hoch mit den Gletschern der Zentralalpen bedeckt war. In diesem Zeitalter wurden die Kalksteinfelsen abgetragen, die scharfen Gipfel der Kalkberge in Vielzahl gestutzt, die Täler wurden ausgeschliffen, der Kalk zerbrochen. Nach dem Eis kam das Leben, und das Wasser rollte die Steine talwärts, rollte sie rund, schliff sie glatt, und verklebte sie weiter unten im Tal zu einem Konglomerat, nicht Fels, nicht Schotter, nicht fest, nicht weich, sodass der Fluss, jeder Fluss, sich nur einen schmalen Graben schürfen konnte in den Jahrtausenden, durch mehrere Ebenen hindurch, mehreren Mäandern entlang.

Das Theresienthal ist - geologisch gesehen, auch wenn man es altherthümlich schreibt - eine junge Landschaft, eine Gegend, in der keine vorgeschichtlichen Geister müde warten, die Menschen ins Unglück zu stürzen. Das Land ist so alt wie die Menschen, die die Wälder gerodet und die Felder und Weiden und Teiche und Wehren angelegt haben. Im Quellgebiet finden sich als Überbleibsel der Vergletscherung Seen, es ist kalt zwischen Fichten, Farn und Pestwurz. Der Fluss, hat sich in verschieden breite Talböden gegraben, blumig, felsig, und kühlt das Land im Sommer wie auch im Winter. Forellen gibt es, Rotfedern, Weißfische, invasive Signalkrebse, aber auch noch die einheimischen Flusskrebse. Teilweise ist das Gerinne breit, mit Inseln voller Weiden, Pappeln und Schwemmholz. Dann schießt das Wasser wieder durch enge Kanäle schäumend zwischen den Felsen, und die Gämsen blicken von den Felsen, die sich durch die Bäume strecken, herab. Es gibt doch etliche Wehren, Staubauwerke, Kanäle, weil man Eisen geschmiedet hat, Eisen vom Erzberg, zu Waffen, zu Pflugscharen, und so reich geworden ist, mancherorts. Im späten Herbst, im tiefen Winter, im frühen Frühling, liegen dicke Nebeldecken im Flusstal, und nur die Hügelspitzen lugen heraus wie Inseln. Jeder Hügel ein Kirchlein, jedes Kirchlein eine Geschichte, eine Sage.

Tausende Protestanten mussten das Land verlassen im Zug der Gegenreformation, die dem Land zwischen den vielen Kirchlein, Bildstöcken, Marterln manche barockprächtige Wallfahrtskirche, manches Kloster eingebracht hat. So ist dieses vergessene Land nun absolutkatholisch, und es streiten hier unter der Herrschaft der immer gleichen konservativen und etwas klaustrophoben Machthabenden, die die vorgenannten Eigenschaften zumindest vorzeigen wie einen noblen Gehrock, nur Gott und der Teufel um die Seelen der Menschen. Denn wo ein Gott nahe ist, ist auch ein Teufel nicht fern. Doch die Geplänkel sind nicht wild, es gibt keine dröhnenden Schlachten, solang sich nichts ändert. Weder die Fehden der höheren Mächte, noch die Konflikte zwischen und in den Menschen werden laut, werden offenbar. Da mag schon manch einer, eine, daran zerbrochen sein, an dieser drögen Welt. Und doch ist dies nur die Ansicht von der einen Seite. Schön und gut - von der anderen Seite besehen - sind die Naturverbundenheit der Menschen, ihr sparsamer Lebenswandel, ihre jederzeit verbindliche Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft und die Blüten der Apfel- und Birnbäume auf den milden Hügelketten im Frühjahr, das satte Grün, der weite Blick, der riesige Wolkenhimmel und die Freiheit des Atems.


In diese Gegend war er - das bin ich nicht und nimmer - gekommen, geflüchtet, als ihm in der schnellen, hellen Stadt kein Glück mehr absehbar war. Zaubernebel hatte er erhofft, im Morgentau um den Bach, Tropfen im Spinnennetz. Ruhe, Frieden, Gelassenheit. Er war mit dem Wunsch gegangen, sich selber wieder zu finden. Angekommen war er nicht, quasi nur gelandet. Seitdem hatte er dieses und jenes ausgebessert an seinem Haus auf dem Lande, im Dorf, in dem er jetzt allein wohnte, hatte sich eingerichtet, allein, war mit dem Rad gefahren, allein, von Mal zu Mal größere Runden, allein mit sich und den Bäumen, Gräsern, Feldern, Fasanen, Hasen, Rehen und Igeln und dem Duft der Natur, der über allem hing, inklusive Kuh-, Hendl- und Schweinemistnoten.

Es war Sommer geworden, und er badete allein im Fluss, aber auch allein im lärmigen Schwimmbad mit der Luft voller Pommes-, Eis- und Biergerüchen. Er ging allein einkaufen, er versorgte sich alleinverantwortlich, verbrachte seine Abende allein und schlief allein ein. Manchmal fühlte er sich wirklich allein, egal, ob er gerade einschlafen wollte, aufgewacht war oder seine Schuhbänder band. Er wollte keine Stimme hören und schon gar keine Meinung. So wie er sein neues Umfeld erkundete, erforschte sein Geist das, was er - zumindest am Anfang - für sein »Ich« hielt. Und nach Wochen des Forschens bemerkte er, dass er zur Sehnsucht neigte, zur Wehmut, zum wahrscheinlich ungerechten Selbstmitleid. »Wahrhaftiger« wollte, sollte er werden.


Am Fahrrad sah er die Landschaft, seine Gedanken, vorüberziehen:

Der Herbsttag war mild gegen Mittag, die Farben im Streiflicht satt, von innen heraus leuchteten sie, und der Fluss lag tief in einem scharf eingegrabenen Bett.
Der Fluss war sauber, aber braun, und diese braune Farbe war vermutlich zurückzuführen auf den besonderen Lichteinfall, auf die Reflexion der Baumkronen rundherum, auf vielleicht irgendwelche Inhaltsstoffe, Sedimente, die mitgeführt wurden, Eisenrost vielleicht, aber ihm gefiel doch auch der Gedanke, dass hier das Substrat für und das Übriggebliebene von allen Exzessen, die von den Menschen hier jemals gelebt worden waren, weggewaschen würde. Ausgewaschen, langsam aus seinem Zusammenhalt mit der Umgebung gelöst, aufgelöst, aufgehoben, verdünnt und wegtransportiert, wodurch das Übriggebliebene zwar weniger wurde, aber eben weniger auch um das
Braune, das Synonym für jene letzte Zeit der Exzesse.
»Exzess« war wahrscheinlich ein richtiges Wort für die Folgen dieses braunen, letztvergangenen großen Dammbruchs der Moral, seine Folgen, bei denen im Rausch die Menschlichkeit mythologisiert und kategorisiert worden war: Die Bösen, der Jude, der Bolschewik, die Anderen, immer die Anderen, alle Anderen, alle anderen sind Feinde. Instinkte waren angesprochen worden, Gefühle: Vorwiegend Angst, Wut, konkrete Furcht, Hass, aber auch Fürsorge, Treue, Altruismus und Aufopferung, aber immer nur für die Unsrigen, verfolgten, bedrängten, gegen die Anderen.

Und es wird immer wieder die Unsrigen geben und und die Anderen. Und so bleibt immer etwas Infektiöses übrig, vom Guten im Bösen vom Bösen im Guten.

Das wusste er alles, das war alles auch Teil seiner Geschichte, seiner Familie, seiner Kinderwelt: Nazis, sogar illegale, und Schutzbundkämpfer 1934 als Großväter. Es waren nur angesprochene Geheimnisse, nie in voller Bedeutung verraten, an die er sich erinnern konnte. Es waren die Geschichten seiner Großeltern, seiner Eltern. Nicht lang nach dem Ende des großen Krieges war er geboren worden, in eine Zeit hinein, in der jeden Tag die Atombombe fallen konnte. Wie klein doch sein Mut war, jetzt. Warum? Jetzt?

Bei Räumen des Dachbodens, des Kellers, hatte er Verschiedenes gefunden: Winterhilfswerkheftchen, einen Ariernachweis der Großmutter, Reichsmark aus dem Dritten Reich, einen Schutzbund-Anorak aus einem vergilbten weißen Leinenstoff, eine ärmellose Lederjacke mit Innenpelz und dem Aufdruck »PW« - »Prisoner of war« aus einer amerikanischen Kriegsgefangenschaft. Er grub seine Erinnerungen aus, sortierte sie, wusste ja bereits, doch bislang ohne gewichtige Belege, und war neuerlich ergriffen, dass die Menschen, an die er sich da erinnerte, aus ihren menschenverachtenden Ideologien herausfinden hatten können, miteinander leben hatten können, einander gern haben hatten können, mit- und übereinander lachen hatten können. Gleichzeitig merkte er aber auch, wie sehr die damaligen Wertesysteme - links, rechts - sich letztendlich ähnelten. Die Welt ist rund, und man braucht nur lange genug nach links zu gehen, um von rechts wieder heraus zu kommen.


Das Theresienthal konnte, das war seine Hoffnung, nie sonderlich wild, nie sonderlich radikal gewesen sein, aber so hofften wohl alle Menschen für ihre Heimat (und dieser Begriff »Heimat« ist schon wieder anrüchig geworden, weil er auch durch heraufbeschworene Erinnerungen, gern von beiden Seiten, missbraucht wird). Das Theresienthal sollte im Zauberschlaf liegen, so wollte er.

Er war hierher gekommen in der Hoffnung, eine vergessene Welt, ein dösiges Paradies, einen erlösenden Zauber zu finden, obwohl er an Zauberei nicht glaubte und Hoffnung für eine Selbsttäuschung hielt.

Er war hierher gekommen, um seine Krankheit zu erkennen und zu heilen, obwohl er nicht diagnostizierbar krank war.

Er war hierhergekommen, um zumindest auf dem Weg einen feigen Löwen, einen herzlosen Blechkannenmann und eine dumme Vogelscheuche als Gefährten zu treffen und mit ihnen zu wachsen.

Er war hierhergekommen aus einer ereignislosen aufgeregten Bobo-Welt in eine - so hoffte er - minimalistische, dem ursprünglichen Leben verbundene Welt, so hoffte er.

Also war er da, im Theresienthal, und er ging und fuhr, um zu erkunden, und später dann ging und fuhr er spazieren.

Was er dabei erlebte, betrachtete, untersuchte, bedachte, waren Umstände, die in keiner Weise so außergewöhnlich warten, dass sie es in die Schlagzeilen irgendwelcher Nachrichten geschafft hätten. Aber gleichzeitig war alles, wenn man sich nur die Mühe machte, es genau und geduldig hinzuschauen, wunderschön und voller Zauber, gleichzeitig durchaus auch morbid, gefährlich und gnadenlos. Nach langem Nachdenken erschien es ihm passend. So ist sie, die Welt, so ist es, das Leben. Es beinhaltet das Sterben, das Ende, die Auflösung, das Entstehen neuen Lebens. Ein »Ich« weigert sich gern, das vollständig anzunehmen.

Er suchte ein Wort für das alles, für dieses »Etwas«, das Gegenteil vom »Nichts«. Für ihn war es in der augenblicklichen Form, die ihm so gefiel, das »Sein«.

Das »Sein« hatte seine Vergangenheiten, seine Hoffnungen für die Zukunft, doch wie es im einzig gegenwärtigen Augenblick war, war es die Realität.


Ich darf Euch - ich will es versuchen - einige Geschichten über das Sein erzählen, wie es im Theresienthal eben so ist.

Im Einkaufszentrum


Er hieß Johann Sebastian Höllmüller, hatte seine Lebensmitte gerade überschritten, und erwachte, als hätte man ihn mit Dynamit aus dem Bett gesprengt. Eine scharfe, trockene Entladung hatte ihn aus dem Schlaf gerissen, und er war sich sicher, dass sein Herz jetzt wild pochte. Vor dem Fenster war es erst morgendämmrig an diesem Spätwinter- oder Vorfrühlingstag. Wahrscheinlich hatte ihn ein Traum, ein Sturz im Traum, Erschossenwerden im Traum, so scharf geweckt. Der Aufwachimpuls hatte ihn getroffen, verletzt. Er zitterte am ganzen Körper, die Spannung klang nur langsam ab. Trotzdem versuchte er sofort, nach Resten von Traumbildern zu fischen, aber er fand nichts. So blieb er also liegen im wohligen Bett und versuchte, in eine doch frohe Entspannung hinüberzugleiten, in einen freudigen Tagesbeginn. Er umarmte die Decke, roch in den trockenen Flanell, der jetzt »Biber« genannt wird, und döste bald ziemlich entspannt und gedankenfrei dahin.

Ich will Ihnen Johann Sebastian Höllmüller kurz vorstellen: Das Besondere an ihm war zweifelsohne sein Beharren darauf, dass es keine Besonderheiten gäbe. Nicht für ihn selber, nicht für Dich, nicht für mich. Er war allerdings auch in keiner Weise besonders. Nicht besonders groß, aber auch gar nicht klein. Gar nicht schlank, aber auch nicht besonders dick. Nicht besonders buschig behaart, aber ohne Glatze. Und seine Kopfhaare waren nicht besonders weiß, aber auch nimmer besonders brünett, wie sie es ursprünglich gewesen waren. Er trug einen Bart, nicht besonders rauschbärtig, und der war durchaus besonders weiß, aber das war nichts Besonderes in seinem Alter, und es war auch nur seine persönliche Feststellung. Johann Sebastian war nicht besonders begütert, aber auch nicht besonders arm. Er war nicht besonders gescheit und legte sogar besonderen Wert darauf, auf keinem Gebiet und in keiner Weise hervorstechen zu wollen. Als Strategie, diesem seinem Idealbild nahekommen zu können, hatte er es sich angewöhnt, strikt im Augenblick und dessen nächster zeitlicher Umgebung zu leben. Das versuchen ja viele Menschen, aber Johann Sebastian Höllmüller musste sich das immer besonders in den Kopf setzen Er hatte nämlich zu allem seine umfangreichen Fantasien, die wild über Raum und Zeit und Kausalität ausschweiften ...


Ich werde im Nachfolgenden nicht alle Gedanken und Gefühle dieses Protagonisten breittreten, aber glauben Sie mir: die waren und sind zu jedem Thema breit, breit angelegt, sozusagen von der These bis zur Antithese, ein quasi verinnerlichter dialektischer Prozess.
Manchmal litt Johann Sebastian Höllmüller ein wenig darunter, dass viele seiner Entscheidung für etwas gleichzeitig auch eine Entscheidung gegen etwas anderes war (oder zu sein schienen), aber oft lebte er auch ohne dieses Bewusstsein. Sie können sich das sicher vorstellen, kennen das sicher auch ein wenig von sich selbst, und so darf ich Sie ersuchen, sich die epische Seelenwelt von Johann Sebastian, die ich nur in wenigen Fällen darlegen werde, selber vorzustellen, sie quasi zu einem Bestandteil seiner Auftritte in den kommenden Berichten zu machen. Und stellen Sie sich bitte auch vor, dass unser Held trotz seiner anscheinenden Robustheit manchmal doch auch Augenblicke durchlebte, in denen er am liebsten alle Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit aufgegeben hätte, in denen er am liebsten nur geheult hätte in den Armen seiner Eltern. Wenn er übermütig war, kannte er solche Allüren nicht. So ist das mit der wahrhaftigen Weltsicht eben.

Angesichts seines Vornamens könnte man meinen, dass er aus einer schöpferischen Familie stammte, und dass ihn dieser Namen auch zeitlebens gezwungen haben könnte, doch besonders zu sein. Er hatte selber schon oft darüber nachgedacht, also ist eine bestimmte Anregungswirkung nicht von der Hand zu weisen. Aber er glaubte auch nach einiger Recherche nicht, dass sein Elternhaus mit dieser Namensgebung besondere Ambitionen gehabt haben könnte. Die strengen Fugen von Bach waren sicher nicht nach dem Geschmack seines Vaters, der eher derbe G´stanzeln bevorzugt hatte. Und seine Mutter war ausschließlich in Heintjes Mamatschi-Welten dahingetaumelt, an den erinnerlichen Nachmittagen, an denen die Melodien der Erbschleichersendungen das Haus durchströmt hatten wie Kochduft. Es war eine heimelige Kindheitserinnerung. Kein Platz für einen strengen und strikten Bach.

Verwandte oder Freunde hatte die Familie keine mit diesen Vornahmen, auch keine Hansis und keine Wasteln. Vielleicht war es die Sprachmeldodie des Namens gewesen: »Johann Sebastian Höllmüller«, die seine Eltern oder Taufpaten bewogen hatte. Da wäre ihm aber, angesichts des gegebenen Familiennamens, eher so etwas wie »Brösüllerl Dösüllerl Höllmüller« eingefallen, auch wenn es solche Vornamen nicht häufig gibt, zumindest bei uns, auch wenn sie sonstige Nachteile gehabt hätten. Vielleicht war es aber auch der »Höllmüller« alleine. Mühlen wurden bei uns in Vorzeiten durch Wasserräder angetrieben. Einer seiner Stammväter hatte also vielleicht in einer engen Klause, einer »Hölle« eine Mühle betrieben, oder hatte Uropa vielleicht einen Pakt mit dem Teufel geschlossen gehabt, jedenfalls gab es über den Müller eine mögliche Verbindung zu einem Bach. Aber auch an solche Gedankengänge seiner Altvorderen wollte Johann Sebastian nicht recht glauben. Und ein Teufelspakt, sollte es einen gegeben haben, war sicher nicht generationsübergreifend geschlossen worden. Er fühlte sich, zumindest im Augenblick, ganz zufrieden. »Das dicke Ende kommt zum Schluss«, neckte er sich bei solchen Gedanken selbst, ein klein wenig Angst war jedoch schon dabei.

Er streckte sich und reckte sich im Bett, stand auf, Pinkeln, Kaffee mit Milch, ein zweiter. Er genoss es, sich nicht hetzen zu müssen. Er war noch »krank«: ein geschientes Bein, die verheilende Wunde eines geöffneten septischen Entzündungsherdes am Knie. Die Behinderung durch den Verband war gering, und er genoss sein entspanntes Leben im Krankenstand, obwohl man ihn drei- bis viermal aus der Firma um Rat anrief am Tag, obwohl er jeden Tag ein gutes Dutzend E-Mails beantworten musste für seine Firma. Er duschte. Während des Trocknens im Bademantel sah er ein erstes Mal nach diesen besagten E-Mails.

Am Morgen war noch nichts da, auch über die Nacht hatte niemand geschrieben, obwohl Teile seines Werks im Schichtbetrieb gefahren wurden. Die Sonne schien schon deutlich, aus dem schrecklichen Aufwachen war ein Tagesanfang mit frohem Mut geworden, und er beschloss, Einkaufen zu gehen. Lebensmittel, Klopapier vielleicht ((er musste grinsen. Klopapier war ausverkauft gewesen im gesamten deutschsprachigen Raum, kurz nachdem Covid 19 zu einem gefährlichen Virus erklärt worden war. Gefährlich für die Lunge allerdings, nicht primär Diarrhöen verursachend), das eine oder andere Goodie. Einkaufen war ja nicht unbedingt seine Lieblingsbeschäftigung, aber an einem vorhabenslosen Tag wie diesem stellte er sich die Pirsch durch die Regalreihen sehr interessant und entspannend vor. Es war ja immer ein bisschen Suchen dabei, Forschen und Entdecken, und sich eben Gedanken dazu machen, samt den Gedanken, dass dies alles ganz Überflüssiges und Übertriebenes und Manipuliertes wäre. Zu Fuß ging er Richtung Einkaufszentrum. Er glaubte, sich erinnern zu können, dass Einkaufszentren eine Erfindung eines gebürtigen Österreichers, Victor David Grünbaum, der natürlich vor den Nazis flüchten musste und hauptsächlich in Los Angeles wirkte, seien.

Er wollte zügig gehen trotz der Einschränkungen durch seine Beinschiene, weil er die Morgenstimmung, »im Frühtau ..«, ganz und gar ausnutzen wollte, aber wegen seines geschienten Beines war ihm jeder Schritt wie der Auftakt zu einer Pirouette. Schritt über das gesunde rechte Bein: Das linke, steife Bein schwenkte weit aus, musste weit ausgeschwenkt werden, um nicht am Boden zu streifen, und dies erzeugte einen gewaltigen Drehimpuls. Schritt über das auf die Ferse gestellte steife linke Bein: Er warf sein knieschlenkerndes rechtes Bein mit Lust und Kraft vorwärts, sodass er jedes Mal ein wenig über den Absatz des wie eine Zirkelachse am Boden stehenden linken Fußes wirbelte. Er legte es bald an wie den langsamen Rhythmus einer Basstrommel, und weil er gerade über eine Brücke stapfte, legten sich ein Becken mit Besen, ein Bass und Gitarrenakkorde drüber. Julie London sang ihm »Cry me a river«, und irgendwie erschien ihm das gar nicht so ungetrübt sonnig wie dieser beginnende Spätwintertag. Als er so musikhörend, rhythmusstapfend und nachdenkend, wie diese Julie London wohl gelebt haben mochte, die letzten Meter zu einem kleinen Einkaufszentrum hinter sich brachte, näherte sich ihm von hinten ein Mann mit Augenbrauen wie Leonid Ilitsch Breschnew, ein ehemaliges russisches, oder Heinz Fischer, ein ehemaliges österreichisches Staatsoberhaupt. Wenn das nicht wildeste Assoziationen in Ihnen wachruft, empfehle ich dringend, im Internet Bilder der beiden zu suchen. Sie werden beeindruckt sein und sich den sich annähernden Passanten einigermaßen vorstellen können: Augenbrauen mit Beinen, "stattlicher" Mann rundherum. Mit passender Bekleidung und passendem Benehmen.
»
Hallo Hansi!«, polterte der Mann: »Wie geht’s?«

Nach einem winzigen Erschrecken wendete sich Johann Sebastian um und erkannte einen Nachbarn aus dem Haus gegenüber an seiner Straße, der ebenfalls in seiner Firma arbeitete, im Schichtdienst, und er hatte offenbar eine Freischicht. Er grüßte ihn »Hallo!«, und obligatorisch »Wie geht´s?«. Sie gingen gemeinsam weiter. Sie plauderten dies, sie plauderten das. Die Hände hatten sie sich nicht geschüttelt, weil aktuell eine Pandämie über die Welt zog, eine »Corona«-Pandämie, wie sie landläufig bezeichnet wurde. Begegnungen zwischen familienfremden Personen waren eigentlich verboten, und wenn, dann nur mit Maske oder Sicherheitsabstand oder sogar mit beidem. Es war mühsam, und die Menschen sehnten sich sehr nach Kontakten und verklärten die »alte Zeit«, wie sie vor der Infektionskrankheit war oder gewesen sein sollte. Sie verklärten diese Zeit mehr, als sie sie geschätzt hatten, damals, vor der Pandämie.
Doch aktuell lief es wirklich nicht gut: Manchen ging es ordentlich schlecht: psychisch, körperlich, wirtschaftlich. Und manche starben sogar.
Politiker wollten sich profilieren, und auch ihre Kritiker. Medien hatten ihr Dauerthema. Es waren keine guten Tage, Wochen, Monate, vor allem seelisch, ich meine, von der Befindlichkeit des Einzelnen her, im Selbstempfinden der Gesellschaft und ihrer Gruppen. Es war keine gute Zeit.

Johann Sebastian und sein Nachbar zogen eine kleine Abkürzung über Brachland, künftiges Bauland, neben dem Einkaufszentrum. Es gab noch einzelne harschige Schneeflecken, doch der blanke Boden war schottrig und fest, sodass man sich nicht die Schuhe anschmutzte. Hansi musste alles über seine Sepsis, seinen Spitalsaufenthalt erzählen, und wie bei Männern oft üblich, verlief die Beschreibung nach einem Muster, das man wohl als »top-down« bezeichnen könnte: »Krank gewesen – gesund geworden - eh klar!«, das war der Grundrahmen, der in mehreren Durchgängen zunehmend mit Details gefüllt wurde, gegen Ende des Weges sogar mit gruselig-schaurigen Details.

»Die Zeit ist mir lang geworden. Ich hab Tag für Tag gewartet, dass meine Entzündungswerte endlich besser werden. Ich hab Tag für Tag Antibiotika bekommen, vier Wochen lang. Irgendwann hab ich mir dann schon Sorgen gemacht, dass ich einen multiresistenten Keim eingefangen haben könnte, oder eine Sekundärinfektion im Spital«, meinte Johann Sebastian. »Irgendwann ist mir plötzlich der Gedanken gekommen, dass ich die Sepsis nicht überleben könnte. Irgendwie erschien mir das absurd, irgendwie erschien mir das ganz richtig. Du musst wissen, dass ich eine schwere chronische Krankheit hatte. Welche, das will ich jetzt bitte nicht breittreten. Ich hab sie überstanden, dank der Segnungen der Medizin und Biotechnologie, aber eben nicht spurenlos. Es sind schwere organische Schäden da. Ich hab das ja immer so gesehen, dass mir noch ein paar Jahre geschenkt worden wären. Keine Überlegungen zur Anzahl dieser Jahre, aber ein Grundgedanke, wie eine Begleitmusik, dass ich eben an den Spätfolgen meiner Erkrankung verlöschen würde. Und dann kommt so eine blöde Sepsis, irgendein Streptokokkus, der hauptsächlich auf Kuheutern lebt, sagte man mir, und killt mich auf der Nebenfahrbahn!«

Wieder auf dem Asphalt des Gehsteigs angekommen, stampften die beiden heftig auf, um einige wenige Schneepatzen von ihren Schuhen zu rütteln. Mächtig, fast ein wenig bedrohlich, sah das aus, die Gestalten dunkel vermummt, untersetzt, bedächtig, aber doch wild stampfend und dampfend.
Es ist doch eigenartig, dass wir uns im Winter, wenn drei Viertel des Tages Dunkelheit herrscht, wenn die Sonne flach steht, wenn wir insgesamt schlechter sehen, dass wir uns gerade in dieser Zeit dunkel, in gedämpften Farben, kleiden, während wir im Sommer, wenn alles leuchtet in genügend strahlend hellem Licht ebenfalls hell kleiden wie eine Warnblinkleuchte.

Weil es ein schöner Wintermorgen, eher schon ein -vormittag – war, grinsten die beiden Männer. Sie visierten den Hauptzugang eines Supermarktes an, in besonderem Einvernehmen unter der Wintersonne, Winterkälte, mummigen Winterkleidung, und mit dem synchroniserten Dampfstößen ihres Atems. Auf dem Weg dorthin wurden sie aber von einem Maroniverkäufer abgefangen, der seinen Stand auf einer Verkehrsinsel zwischen den Parkplätzen aufgestellt hatte. Ein bärtiger faltiger sympathischer Mann, das heißt, eigentlich war er knurrig und brummelig, aber gerade das machte ihn in den Augen Johann Sebastians und seines Begleiters sympathisch. Beide kauften sie je zehn Edelkastanien, stopften die Papiertüten mit den heißen Knollen in die Manteltaschen und begannen auf dem breiten Gehsteig langsam Runden zu ziehen. Beim Maronistand, 50 m rundherum, durften Sie ja wegen des Virus nicht essen. Wahrscheinlich durften sie gar nicht zusammen und noch dazu in der Öffentlichkeit, im Zugangsbereich von Geschäften, Essen oder ohne Masken spazieren gehen, aber sie waren beileibe nicht die Einzigen mit Wissensdefiziten, was denn gerade aktueller Verordnungsstand des Gesundheitsministers wäre.

»Das mit den lebensbedrohlichen Krankheiten ist eigenartig«, unterbrach Johann Sebastian ihr freundschaftliches Schweigen nachdem er die letzte Maroni hinuntergeschluckt und die Tüte in einen Mistkübel geworfen hatte: »Ein ganzes Leben lang hört man davon und glaubt, so etwas könne nur die anderen betreffen, dass man selber immun wäre. Dann zwickt dich ein Schaß, du gehst zum Doktor, der schickt Dich ins Labor, und da bekommst Du nur einen Zettel: »Positiv!«. Gar nicht positiv. Du schaust nach im Internet. Du glaubst es nicht, Du hast ja kaum etwas gespürt. Aber jetzt, seit der Diagnose, zwickt es. Und Du liest nach: »Überlebensrate im Durchschnitt fünf Jahre«. Du bekommst die eigenartigsten Gefühle zwischen Glauben, Verzweifeln, Hoffen, aber so richtig ausheulen, das geht irgendwie nicht, weil Du glaubst, dass dich niemand versteht. Es ging bei mir auch nicht, weil ich nie wusste, ob ich jetzt unter- oder übertrieben reagierte. Ich wusste nimmer, wer ich war, ich hatte niemanden zum Reden, und wenn ich redete, war ich wahrscheinlich wehleidig und nur selbstbezogen. Das war, als wir uns scheiden haben lassen, meine Frau und ich.

Jetzt sehr ich das ja alles wieder locker, aber damals: Es war, wie wenn mein Todesurteil am nächsten Tag vollstreckt hätte werden sollen. Wenn ich jetzt zurückblicke, dann entschuldige ich ja vieles. Gleichzeitig halt ich mich aber schon auch für einen wehleidigen Hypochonder. Einfach war ich jedenfalls nicht, war es nicht für mich, war es nicht für meine ganze nähere Umgebung, in dieser Zeit.«


»Seltsam!«, sah ihm sein Begleiter in die Augen: »Ich hatte in der letzten Nacht einen Albtraum. Ich hatte ihn schon vergessen gehabt, aber jetzt, da Du mir von einer Todesangst erzählst, muss ich Dir die Geschichte erzählen. So wie Du Deine Todesängste beschreibst, sind sie ja wie Ängste vor einem Mörder. Ist der Tod ein Mörder?«
Und während sie bedächtig weiterschlenderten, etwa alle 100 Meter eine Wende jeweils an den Enden des Gebäudekomplexes einlegend, begann er zu erzählen:

Mörder?


Aus Wikipedia: Henri Désiré Landru (* 12. April 1869 in Paris; † 25. Februar 1922 in Versailles) war ein französischer Serienmörder. Seine Opfer waren vor allem Frauen, denen er die Hochzeit versprochen hatte. Er traf sie, gaukelte ihnen Vermögen vor, und lud sie in Häuser auf dem Lande ein. Die Reise erfolgte mit der Bahn; er löste jeweils, wie sich aus seinem Notizbuch ergab, eine einfache Fahrt für sein Opfer und Hin- und Rückfahrt für sich selbst. Die Frauen wurden nimmer wiedergesehen. In der Folge löste Landru ihre Wohnungen und ihr Vermögen auf, wobei er gefälschte Vollmachten und Tarnidentitäten verwendete. Um seine Taten zu vertuschen, verschickte er Postkarten, die vorgeblich von seinen Opfern stammten.
Er wurde gefasst. Am 25. Februar 1922 kurz nach sechs Uhr morgens wurde Henri Désiré Landru vom Scharfrichter Anatole Deibler auf der Guillotine hingerichtet. Nach seinem Tod gab es verschiedene Verschwörungstheorien, dass er noch lebe.
Landru spielt hier eine Rolle, und er mordet nicht nur Frauen. Er ist ein wahlloser, brutaler Mörder.


"
Landru stand hinter der Zimmertür und wartete. Es war dunkel, ziemlich dunkel. Das Hellste war eine orange Kontrollleuchte mitten im Zimmer. Was das wohl war?

Je länger er darüber nachdachte, desto stereotyper, lächerlicher kam ihm die Situation vor: Unheimliche Mörder warten immer hinter der Zimmertür. Und er wollte morden. Er wollte quälen, verletzen, zerstören, gefürchtet werden. Warum er das wollte? Es war schon immer da gewesen. Am Anfang unbestimmt, dann immer konkreter, immer stärker, immer mehr zum Menschen hin, als höchstes erreichbares Ziel seiner Lust. Etwas gleiches, gleich großes zerstören, quälen. Etwas tun, das verboten war. Etwas, von dem er wusste, wie sich Schmerz dabei anfühlte. Er war ja zu einem Meister des Schmerzes geworden, seinem, deinem, unseren.

Und es war nicht nur verboten. Die Übertretung des Verbots war mit Strafe belegt. Schauder - mit harter Strafe, mit Schmerz.

Dein Schmerz, sein Schmerz, unser Schmerz - alle in derselben Welt, alle mit dem gleichen Schicksal.

Er hatte es in die Hand genommen, er war der Komponist geworden. Er würde der Dirigent werden, wenn sie das Zimmer betreten würde. Ein Orchester aus Angst und Qualen würde er dirigieren, Töne und Rhythmen, sanft und pompös, bis zum Schluss. Er freute sich auf den Schluss. Er würde sich selbst überraschen lassen. Würde es einen wilden, endgültigen Schlussakkord geben, ein sanftes Ausklingen? Würde sich die Musik einfach verflüchtigen? Wie würde er das Konzert, sein Konzert genossen haben?

Unbestimmt weiß ich, dass es den Mörder gibt. Deinen Mörder, meinen Mörder, unseren Mörder. Und er steht immer hinter der Zimmertür, sodass wir ihn nicht sehen, erst sehen, wenn wir die Zimmertür aufstoßen oder zuschlagen. Überraschen kommt er dann auf uns zu. Langsam und lüstern oder wie ein wilder Messerstecher, der mir fast gar nicht die Zeit lässt, zu sterben. Als Krebserkrankung, Herzinfarkt, und immer tötet er uns. Oder lässt er uns sterben? Es liegt an mir, diese Zugänge auszuloten, rechtzeitig, um meinen Willen leben - eben sterben - zu können.

Tot ist tot und Sterben nur ein Augenblick. Ermordet zu werden oder sich dem großen Vergessen hinzugeben, selber vergessend zu werden, und vergessen zu werden, auch wenn dies einige Zeit dauern mag, je nachdem, wie sehr ich mich gegen das Vergessen vorbereitend verewigt habe, wie wenn irgendetwas ewig wären und Verewigen eine bewusste Handlung sein könnte.

Auf der Flucht vor meinem Mörder leg ich ihm Fallen aus, Bremsen, höre auf zu rauchen, gehe zum Arzt. Ich vergesse manchmal, dass der Mörder hinter der Tür lauert und mich zu fassen bekommen wird. Jedenfalls und in einem Augenblick, an dem ich wenig damit rechne, weil ich mit dem Türen-Auf- oder Zuschlagen beschäftigt bin. Es wäre an der Zeit, vorbereitet zu sein.

Wo liegt die Achillesferse, das Nibelungen-Lindenblatt des Mörders. Ich weiß es von meinem Mörder nicht. Ich kenne meinen Mörder nicht. Wird er sadistisch sein, tollwütig? Das Einzige, dass ich vermute, ist, dass jeder Mörder auch eine Art Selbstmörder ist, wird ihn doch nach der Tat der Geist des Ermordeten verfolgen, vielleicht als wirklicher Geist, vielleicht in Form der Gerichtsbarkeit, mit der die Gesellschaft sich - und damit zwangsläufig ihre »Gesellschafter« zu schützen versucht.

Vielleicht straft sich der Mörder in karmischen Kausalitäten. Aber an das denkt der Mörder bei seinem Mord nicht, und wenn er daran denkt, wird er vielleicht zum Massenmörder, um in der Zeit, die ihm bleibt, noch möglichst viel zu »machen«, und weil ja nicht mehr viel anderes geht, zu morden, zumindest einen Blutrausch auszuleben…

Vielleicht ist der Mörder gar kein Mörder, weil ihm der Willen zur Tat fehlt. Vielleicht erscheint er nur dem Sterbenden als Mörder. Dann wäre alles anders, oder?

Vielleicht entscheiden wir auch willkürlich über den Mörder, den Tod, und wollen ihn sehen, wo es ihn gibt, aber auch wo es ihn nicht gibt, sondern nur den Tod. Und vielleicht wollen wir ihn auch manchmal gar nicht wahrhaben, auch wenn es ihn gibt, wenn er zum Teil in uns steckt oder wenn wir mit ihm spielen.


So in Gedanken verloren – ein Zischen im Raum. Nicht zuordenbar, flach und blechern, ohne Volumen, allgegenwärtig, kalt: »Dein Gärtner werde ich sein ...«


Die kommenden Sätze erstreckten sich über Stunden, sie waren wie Salmiakdünste in der Luft, scharf, beißend, flach, überall: »Zum Bluten werd´ich Dich bringen! Eine Blutblume. Zum Blühen werde ich dich treiben. Die Blüte Deines Lebens.

In Deiner Angst wirst Du Kräfte in Dir wecken, die du jetzt noch gar nicht erahnst, Fantasien, mit denen Du uns in Welten entführen wirst, die wir uns nie vorstellen konnten.

Alle Stadien von Angst, Verzweiflung, Annahme, Hingabe wirst Du mehrfach durchleben. Du wirst dich aufbäumen und wirst doch nicht anders können, als mitzumachen.

Du wirst Dich mit den Gedanken herumschlagen, den Zeitpunkt selbst zu bestimmen, es selber in die Hand zu nehmen, und wirst in der Beschäftigung mit dieser Frage die Liebe und den Hass neu entdecken. Du wirst Vorbild und Paria für die Menschen sein, für dich selber, und du wirst die ganze Geschichte der Philosophie neu aufarbeiten.

Wir freuen uns alle auf Deine Vorstellung.

Ich werd´ Dir helfen, Dich hegen und pflegen, dass Du diesen Deinen, unseren Weg findest und letztendlich auch gehen musst und kannst.

Und am Ende, am Ende ist das Ende. Du wirst verlöschen, Du wirst explodieren, Du wirst einfach verschwinden, dich zu bewegen aufhören, und dann wirst Du nimmer sein. Das wird Dir aber keine Ruhe bringen, keine Entspannung, keinen Lohn, weil dann wirst Du einfach nicht mehr sein, als Beginn der Auslöschung, die Erinnerung an Dich wird ebenfalls verblassen, die Welt wird verschwinden. Und was auch kommen wird, es wird nicht für Dich sein, weil es nichts mehr gibt, das sich fühlt wie Du!«


Zuvor hatte ich immer an eine volle Welt gedacht: Rundum voller Bilder, keine leeren Flecken dazwischen, voller Gerüche, bei denen sich der eine mit dem anderen abwechselte, voller Luft. Voller Geräusche, von den tiefsten Frequenzen zu den höchsten, und es war mir nicht vorstellbar gewesen, dass es einen Klang geben könnte, der eben nicht auf ein Frequenzspektrum aufzubauen schien, nur Amplitude, ohne Töne, doch das Zischen des Mörders war so.

Und es entleerte meine Welt. In diesem Augenblick. Und ich war nimmer derselbe, für alle Zukunft."


Es schien ganz ruhig um sie herum geworden zu sein. Eine nasskalte, angespannte Ruhe, die irgendwie die Kehle abschnürte. Die beiden Fußgänger waren ganz langsam geworden und starrten vor sich hin, als sich hinter ihnen ein Mann räusperte: »Entschuldigen Sie, dass ich mitgehört habe«, sagte der Mann, den sie beide nicht kannten.

»Entschuldigen Sie, dass ich einige Worte mitgehört habe«, meinte der Mann, der ihnen beiden fremd war, nicht von hier sein konnte, allein der Sprache und des Gehabens wegen: »Entschuldigen Sie. Der Tod ist mir ein ewiges Thema und so zugehörig, als hätte ich einen Kontrakt mit ihm geschlossen. Ich bin ihm oft begegnet, ich habe in Wien gearbeitet, bei der Feuerwehr. Ich habe viel Leid und Elend gesehen, oft auch den Tod. So bin ich aufmerksam geworden, als ich Sie über dieses Thema sprechen hörte, über den Tod als Mörder- Darf ich Ihnen über meine Erfahrungen mit dem Tod berichten"

Bevor Johann Sebastian und sein Nachbar auch nur ordentlich ihre Zustimmung murmeln konnten, begann er:

Begegnungen mit dem Tod

»Meinen ersten Tod erfuhr ich, erzählte der Fremde, bevor ich zur Schule ging. Ein Nachbar, ein Tischler, war gestorben, den ich nur in der Beziehungsform kannte, dass ich in seiner Werkstätte herumspielen durfte. Das war damals so, in den 1960er-Jahren, hier, in dieser Ortschaft. Ich bin dann zum Absolvieren meines Wehrdienstes und zum Studium nach Wien gegangen und dort irgendwie bei der Feuerwehr hängen geblieben. Es war gut so, es war toll so, und wenn es diesen Beruf nicht gäbe, hätte man ihn extra für mich erfinden müssen.

Jetzt bin ich im Ruhestand, wieder hierher zurückgekehrt, in mein Elternhaus. Irgendwie war es ein großer Abschied von Wien, ein Wechsel in einen neuen Lebensabschnitt hinein. Ich habe fast alles zurückgelassen in der Stadt, schien mir, wollte hier eben ruhig meinen Lebensabend erleben, haha, aber irgendwie ist da nichts mit der Ruhe.

Ein Nachbar meiner Kindheit hier war Tischler, und ich durfte schon im Volksschulalter in seiner Werkstätte basteln. Es war toll, derart respektiert zu werden. Es war offensichtlich so wesentlich, dass ich mich heute noch daran erinnern kann, und ich bin dankbar dafür, so dankbar, dass ich zu spüren vermeine, wie es mich wärmt, dass es zu meinem jetzigen Lebensgefühl ordentlich beiträgt.. Mein »Meisterstück« war eine Holzkiste, und ich glaube mich erinnern zu können, wie er mir das Maßnehmen und das Berücksichtigen der Brettdicken gelehrt hat, ohne Gehrungsschnitte natürlich. Stolz war ich gewesen auf die Kiste, und ich habe sie mit Buntstiften mit drei Blumen bemalt. Und dann, um die Beständigkeit herzustellen, der Kiste quasi »ewiges Leben« zu geben, hatten wir die Kiste lackiert. Klarsichtlack. Den Lack hatte er mir angerührt, das Pinseln gezeigt, und ich habe gepinselt, in zwei Etappen, damit der allseitige Lack nirgends anklebte. Aber es war kein guter Lack, er blieb rupfelig an der Oberfläche und machte Körner. Der Lack hatte meine Bemühungen, eine holzduftende, schleifpapierweiche Kiste getischlert zu haben, ganz schön entwertet, erschien mir damals. Jetzt, wo ich aufs Land gezogen bin, hab ich die Kiste wieder gefunden. Der Lack ist so eingetrocknet, dass man die Unebenheiten kaum mehr spüren kann. Die Farbstiftzeichnungen sind stark ausgebleicht. Die Kiste ist zusammengenagelt, und erstaunlicherweise sind alle Nägel voll im Holz, obwohl die Bretter keinen Zentimeter dich sind. Es ist eine gute Kiste. Ich verwende sie für Krimskrams.

Der Nachbar war gestorben, ging die Botschaft durch die Straße, und wir mussten den zu Hause Aufgebahrten besuchen, bestimmten meine Eltern. Besuchen wollte ich meinen Tischlermeister sowieso, aber nicht in dem zwickigen, stickigen, kratzenden Anzug (oder welche Feiertagsbekleidung es immer gewesen sein mag, in die man mich steckte). Unsere Aufwartung bekam dadurch etwas Besonderes, und möglicherweise erfolgte sie ja tatsächlich auch erst am nächsten Tag, denn der Nachbar lag aufgebahrt im schwarzen Anzug mit Krawatte, totenbleich, auf einem weiß überzogenen Bett oder – wie mir nun wahrscheinlicher erschiene – eigenen Aufbahrungstisch, geschmückt, zwischen Kerzen und Kränzen, und es roch. Es roch sehr stark, ein Geruch in einer Mischung zwischen Weihrauch und Verwesung, einer Duftnote, die ich damals noch nicht kannte, so lag er da, sah stocksteif und bleich aus, bewegte sich nicht mehr und reagierte auch auf uns Besucher nicht. Irgendwie entwürdigend, sich so ganz ohne Gegenwehr anstarren lassen zu müssen.

Den Tod erkennen konnte ich damals aber noch nicht. Ich sollte ihn aber kennen lernen und fürchten lernen, wobei dies zwei gänzlich unterschiedliche Sachverhalte sind.

Kennen lernte ich den Tod anhand vieler Unfälle, vieler »Interventionen«, zu denen ich im Lauf meines Arbeitslebens aus- und anrückte. Hier wurde der Tod zum Gegner. Nicht zum Feind: Es war klar, dass das Leben mit dem Tod endet. Aber zum Gegner, im Sinn eines Wettkampfes. Wer ist schneller?

Fürchten lernte ich den Tod im Gedanken an das eigene, unvermeidliche Ableben, das manchmal recht nahe erschien. Und diese Furcht brachte mich dazu, dem Tod nachzulaufen, ihn erforschen zu wollen, meinen Tod zu besiegen, indem ich ihn erkannte. Doch den Tod hab ich bislang nicht erreicht, ich lebe noch. Bilder hat er mir gezeigt, viele, die ihn mir zumindest zum Lehrmeister gemacht haben.

Meinen zweiten bewussten Tod erlebte ich in einer Arbeitssituation. Eine Frau war aus einem Fenster gesprungen, während wir gerade eine schwere, tragbare Leiter in Stellung zu bringen versuchten, auch schnell aufstellten, aber doch zu langsam für die Frau, die sich bei einem Brand angesichts des Rauches und der Flammen entschlossen hatte, zu springen. Sie hatte sich eine Matratze unter ihr Gesäß gehalten, aber im Fallen war es ein Kopfsprung geworden, und ihr Schädel barst wenige Zentimeter neben meinem rechten Fuß. Das darf man sich jetzt nicht wie ein wildes Zerplatzen vorstellen. Ein Knacks, wahrscheinlich erfinde ich ihn dazu, irgendwie verschob sich die ganze Physiognomie des Gesichts. Oben am Kopf brach ein Teil heraus. Durch die offene Wunde sah man Blut und Schleim, sickerte Blut, und ein wenig der schleimigen Masse war auf meinen Stiefel gespritzt.

In einer solchen Situation fühlt man sich doch immer irgendwie mitschuldig, auch wenn ich nicht bezeichnen könnte, warum, auch wenn es - aus meiner Sicht - keinerlei aus meiner Position kausal beeinflussbare, geschweige denn rechtliche Verantwortungen hierfür gab. Man fühlt sich niedergedrückt, kann schlecht atmen, ist irgendwie gelähmt. Dieses Gefühlskonglomerat – Erschrecken, Erstaunen, Schuld, Lähmung, Niedergeschlagenheit – habe ich oft kennengelernt, und ganz abhärten, abschließen, konnte ich mich bislang noch nicht. Der Spruch von »Asche zu Asche« bekam allerdings im Lauf der Zeit Bedeutung und verwunderlicherweise sogar Trostkraft.

Ich vermutete damals fast augenblicklich, dass die Frau tot war, vielleicht am Sterben, ganz viel näher am Tod denn am Leben. Jedenfalls war sie nicht mehr bei Bewusstsein.

War diese schleimige Gehirnwindung, die da auf meinem Stiefel klebte, ein Teil ihres »Ich«? Musste ich das in ihren Schädel zurücktun? Ich konnte das sicher nicht. Ich konnte es nicht in meiner Lähmung. Ich konnte es nicht, weil ich doch die Leiter halten musste, damit sie nicht umfiel, weiteren Schaden verursachte, damit wir sie weitertragen könnten, zu einer neuen Rettungssituation, wenn sich eine ergäbe. Doch eine solche ergab sich nicht, nicht an der Stelle, Fassade, an der wir unsere Leiter in Stellung gebracht hatten. Es gab viele Tote bei diesem Brandereignis in einem Hotel, 25 Menschen, 17 Verletzte. Wir bargen die Toten. Ich wurde geschlagen, von einer Frau, einer Mutter, mit ihrer Handtasche. Ich stand neben ihren toten Kindern, die wir auf einen Grünstreifen zwischen Haupt- und Nebenfahrbahn gelegt hatten. Ich wollte die Körper mit Leichenpapier zudecken, es war irgendwie wie eine letzte Fürsorglichkeit, wie sie vor irgendwelchen bösen Blicken zu schützen. Die Frau hatte recht, und die Schläge nahmen die Lähmung weg. Ich konnte wieder vorwärts denken, damals, mit 21 Jahren.

War das alles? Ist das alles? Ist der Mensch so wenig? So verletzlich, dass vielleicht 20 Gramm, die vom Körper wegkommen, den Tod verursachen?

Wie ist das, wenn man stirbt, endet dann die Welt?

Ist ein Mensch nicht mehr als eine Art gefülltes Wasserglas? Das ich ist das Glas, und wenn es geht, dann bleibt nur das leere Glas über? Und was veranlasst den restlichen Körper dazu, zu sterben, nur weil das Ich auf eine besondere Weise weg ist, also nicht nur wie im Schlaf, im Traum oder bei einer Ohnmacht, sondern im Tode?

Wie ist das, wenn man stirbt?

Verabschiedet sich das Ich von dieser Welt? Wenn man über Nahtoderlebnisse hört, soll es das ja durchaus solche Eindrücke geben. Was ist aber, wenn jemand plötzlich stirbt? Zum Beispiel, wenn man unerwartet erschossen wird, mit einer Schrotflinte von hinten durch den Kopf? Dann gibt es ja diese Zeit für das Rekapitulieren, den Film, den Abschied nicht mehr.

Solche Fragen beschäftigen wahrscheinlich alle Menschen, eben weil wir zur Selbstreflexion fähig sind, weil wir um die Beschränktheit unseres »Erdendaseins« (hach, wie euphemistisch erwartungsvoll. Hoffentlich wird es im Paradies nicht fade!) wissen. Natürlich gehören Fragen nach dem Sterben zu den wesentlichen Fragen des Menschseins, und es gibt auch genügend Antwortversuche, Religionen, Esoterik (Bastle dir deine Religion selber!), selbst Grenzbereiche der Physik, wenn sie mystisch interpretiert werden (und hier meine ich nicht esoterisches Geschwurbel).

Ein abstrakter Tod, eine Ahnung, begann für mich Gestalt anzunehmen, absehbar zu werden. Er begann bedrohliche, zunehmend erkennbarere Konturen zu bekommen, obwohl der Abstand zu unserem Treffpunkt sehr groß erschien, sehr, sehr groß, und auf jeden Fall hinreichend, den Tod, den eigenen, nicht als Bedrohungsszenario zu sehen. Vorerst nicht.

Manchmal reichen aber schon kleine Anlässe, persönliche Sichtweisen zu ändern. Ich erlebte so einen Anlass, um das 40. Lebensjahr herum. Durchlebt habe ich den Anlass noch nicht. Er begleitet mich, also beschäftige ich mich mit dem Thema schon seit Jahrzehnten, und irgendwie hatte der Tod verschiedene Gesichter für mich, hat noch immer Fratzen und verführerisches Einladungslächeln, aber nur manchmal, dann, wenn er sehr weit weg erscheint, wenn man darüber in Sicherheit fantasieren kann.
Da aber auch mir das Sterben nicht erspart bleiben wird, habe ich beschlossen, den Tod (mit knirschendem Gebiss) zum Freund zu erklären, ihm allen möglichen guten Sinn zuzuordnen: Ich habe beschlossen, seinen Besuch bei mir zur großen Abschiedsfeier, zum Höhepunkt meines Lebens zu machen, von dem ich schon behaupten können möchte: „Es war ein tolles Geschenk, und ich hab das auch vollständig angenommen. Ich wünsch mir die Kraft und Besonnenheit, und ich wünsch mir die Zeit für einen solchen Abschied. Danke!«

In der Bäckerei




Die Männer gingen nachdenklich weiter, immer wieder ihre Kehren vor dem Einkaufszentrum, und sagten minutenlang nichts. In dieser Schweigsamkeit hatten Sie sich getroffen, in dieser Ruhe verstanden sie einander.

Johann Sebastian, der die gepellten Schalen seiner Maroni in die Tüte in seiner Manteltasche zurückgesteckt hatte, hatte das Papierstanitzel während der ganzen Erzählung gewendet und rundherum leicht gedrückt, ob nicht noch eine essbare Frucht drinnen sei. Jetzt, mit dem Ende der Erzählung des Fremden, knetete er es wild, zermalmte die Schalen und ließ solcherart seiner Erregtheit freie Bahn, versteckt in der Manteltasche, gnadenlos den Maronischalen gegenüber. Er merkte aber schnell, dass das Papier der Tüte zu einzureißen begann, zog sie aus der Tasche, um sie in den nächsten Mistkübel zu werfen, und da gleich daneben der Eingang zur Bäckerei war, sprach er seine Begleiter seltsam forsch an. »Ich geh nur rasch ein Brot kaufen«, sagte er, aber er meinte, aus dieser Stimmung austreten zu wollen, für eine Weile, sich entspannen zu wollen von dieser Unterhaltung, die ihn so sehr in Anspruch nahm, die er aber jedenfalls weiterführen wollte. »Ich hab nichts vor heute, und es ist ein wunderschöner Vormittag. Wenn es euch passt, könnten wir noch ein bisserl spazieren gehen und tratschen?«, fragte er. Die Worte warf er sehr hart und ernergisch auf den Platz. Seine beiden Begleiter blieben stehen, wendeten sich zu ihm hin, und meinten »Ja!«, sie würden warten.

Johann Sebastian ging ins Geschäft, in dem niemand außer einer Verkäuferin anwesend war. Das passte ihm sehr, das hatte ihn bewogen, ins Geschäft zu gehen, denn die Verkäuferin war Ursula, seine Ex-Frau, und die Begegnung war - von Seiten und aus der Sicht von Johann Sebastian - gewünscht, in den letzten Wochen auch ziemlich entspannt, respektvoll und voller Anerkennung und Sympathie.
Er verstand die Gründe Ursulas, ihn zu verlassen, zwar noch immer nicht, aber er konnte ihr Handeln akzeptieren. Rückblickend konnte er sich vorstellen, dass er kaum auszuhalten gewesen war, und oft hatte er darüber nachgedacht, sich entschuldigen zu wollen für alles, was er ihr aus seinem Schneckenhaus heraus angetan hätte. Und ebenso oft war ihm aber auch eingefallen, dass auch sie auf ihn zugehen hätte können in dieser schweren Zeit, für ihn schweren Zeit. Er kam jedes Mal zu dem Schluss, dass für ihn die »Wahrheit«, so es denn eine gäbe, für ihn allein nicht herauszufinden wäre, dass jeder Disput mit Ursula über die Vergangenheit wenig zielführend wäre. Sie hatten sich auseinanderentwickelt, er hatte sich fortentwickelt, sie wahrscheinlich auch, das war das Einzige, was er mit einiger Sicherheit annehmen konnte, guten Gewissens denken konnte. Aber von diesem »fort« aus sah er sie voller Freude an ihrer Schönheit, ihrer Eleganz und ihrem Wesen. Das wollte er ihr auch sagen: »Es macht mir große Freude, Dich zu sehen!«, meinte er in einer Wahrhaftigkeit, in der die Worte und die Sätze nichts anderes bedeuten, als sie ursprünglich bedeuten. Und sie nahm - was ihn tief bewegte - die Worte auch so an und nicht als Anlass für ein seichtes Wortgeplänkel.

»Hallo!«, meinte sie: »Was darf ich Dir verkaufen?«

»Hmmm? Ein kleines Krustenbrot hätte ich gern!«

»Bitte, sonst noch was?«

Er überlegte, ging die Ware musternd vor der Vitrine langsam hin und her und hatte schon Marillenkrapfen anvisiert, als Ursula in fragte: »Kennst Du den Mann bei Heinz (das war Heinrich Hlawaty, der Nachbar von Johann Sebastian), mit dem ihr vorher so intensiv diskutiert habt?«

Johann Sebastian blickte - aus seinem Rhythmus gerissen - auf. Amüsiert dachte er an die Vermutung/Zuordnung »Diskussion«. Diskutiert hatten sie wohl nicht. Eigenartig war aber schon, dass Ursula in fragte, weil das Geschäft Treffpunkt und Zentrum für Tratsch und Klatsch sein musste, also das, was man so schön als Quelle für »aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen« stammende Nachrichten ansah. Wenn Ursula es nicht wusste, dann musste der Fremde wirklich sehr fremd sein.

»Kennst Du ihn nicht?«, fragte er.

Und Ursula meinte: »Er soll vor Kurzem da hergezogen sein. Er ist allein, irgendwie komisch.«

»Er hat in Wien bei der Feuerwehr gearbeitet.«

»Das erzählt er«, meinte sie: »Aber mir ist da eine ganz andere Geschichte zu Ohren gekommen.«

»Na?«, fragte Johann Sebastian auffordernd und erfreut über Ursulas Offenherzigkeit.

Und Ursula begann, nachdem Sie einen Blick durch die Scheiben geworfen hatte, einerseits um sich nochmals das gegenständliche Objekt, den Fremden, zu vergegenwärtigen, andererseits um nachzusehen, wie viel Zeit ihr bliebe, ob nicht schon Kundschaften kämen, zu erzählen:

Der pornografische Schachterlteufel


»Sex allein ist nicht Liebe. Liebe allein kann aber auch gegen erfüllte Sexualität stehen. Da gibt es kein Niveau, das man erreichen und halten kann; alles ist Leben und ändert sich und muss sich ändern, damit es gut bleiben kann. Das ist schlecht fassbar, das ist nur lebbar, und darum ist es auch schlecht zu vermarkten.
Vermarktbar – und das mit großem Erfolg – sind dann aber doch die Einzelteile und die Versatzstücke, zum Beispiel in der nicht unerheblichen Sexindustrie. Jedermann weiß, dass hier nur Teilaspekte dargeboten werden, die den üblichen realen Tageslauf allenfalls streifen. Niemand hat Erwartungen, dass Pornos mit dem aktuellen Tagesgeschehen zu tun haben. Niemand erwartet, dass im Abspann eines wilden Sexfilms darauf hingewiesen wird, dass die zuvor wild kopulierenden Darsteller:Innen nachfolgend der guten Ordnung halber Ehebündnisse eingegangen sind. Manchmal denke ich, dass Entwicklungen in dieser Hinsicht möglich sein könnten, weil man in nicht wenigen Bildstreifen abschließend schon Meldungen sieht, dass während der Dreharbeiten keine Tiere gequält worden oder zu Tode gekommen seien, auch wenn im Film selber Schlachtrösser zu Hunderten geschlachtet worden sind.«

Johann Sebastian war überrascht ob des Witzes, den er an Ursula gar nicht gekannt hatte. Er erinnerte sich voller Wehmut an schöne Augenblicke mit seiner ehemaligen Ehefrau, und je mehr er sich erinnerte, um so mehr davon tauchten vor seinem inneren Auge auf. Es stand ihm vollkommen außer Frage, warum er Ursula so geliebt hatte, und er war im Augenblick heftig verliebt in sie, auch wenn ein Teil von ihm darauf beharrte, dass er die Vergangenheit wohl verkläre, dass es keinen Weg zurück gäbe. Trotzdem tändelte er umgehend mit der Vorstellung "Neustart". In diese Ausblicke hinein begann sie zu erzählen:



»Ein landwirtschaftlicher Facharbeiter ohne nennenswertes Eigentum und Einkommen, Karl war sein Namen, kam einmal nach Wien, wobei er sein ganzes Bargeld mit sich führte. Seine Bindungen an seinen Herkunftsort samt allen dort bestehenden Beziehungen hatte er gebrochen. Mitgenommen hatte er keinerlei Überzeugung oder Lebensziel, weder eine besondere Enttäuschung, keinen Zorn, keine Hoffnungen, in der Stadt etwas zu finden. Seine Bewegungen durch die Stadt konnte man eher als »Umherirren« bezeichnen, auch wenn er dabei zwangsläufig immer wieder an den architektonischen Sehenswürdigkeiten vorbeikam, die er als solche erkannte, aber nicht zu bezeichnen vermocht hätte.

Ins Gespräch kam er kaum mit Leuten, weil er eine andere Sprache sprach: Eine sparsame, abgehackte, eine im wilden Dialekt bellende, eine, die sich eher mit Wahrnehmungen und unmittelbaren Bedürfnissen befasste, ohne geistreichen Wortwitz, ohne auf Dialog abzuzielen.

Sein Essen besorgte er sich anfangs ausschließlich im Supermarkt, und er zahlte mit wortlosen Grunzern, die professionell klingen sollten, an den Kassen, wobei er versuchte, sich durch Trinkgeld Anerkennung und Zuwendung zu kaufen. Er schlief in einem Arbeiterhotel, billig zwar, aber seine Geldvorräte schmolzen doch merkbar rasant dahin.

Eines Tages – er kannte sich schon auf einigen Hauptwegen aus – ging er am späteren Abend eben heim zu seinem Hotel, da kam er an einem Würstelstand vorbei, an dem gerade Trinkspiele gefeiert wurden. Einige Männer hatten sich kleine Schnapsfläschchen besorgt, offenbar bei diesem Würstelstand, wo solche auch in den Auslagen zu sehen waren, hatten die Schraubverschlüsse abgedreht und sich auf die Nase gesteckt und absolvierten gerade einen Wettbewerb. Es ging offenbar darum, mit auf der Nase festhaltendem Schraubverschluss das Fläschchen nur mit den Lippen von der Theke zu nehmen, den Kopf zu heben, nach hinten zu neigen und das Schnapsfläschchen auszutrinken, vielleicht auch wieder auf die Theke zu stellen. Das alles, ohne die Hände zu benutzen oder den Stoppel von der Nase zu verlieren. Weil der Verlierer, und es gab viele Verlierer, aber der richtige Verlierer war eben bei diesem Spiel der jeweils erste, der musste die Runde für den nächsten Durchgang kaufen.

In dieser Runde fühlte er sich sicher, solche Blödsinnigkeiten kannte er schon aus seinem früheren Leben. Das Grölen der Anwesenden ließ ihn sich gleichwertig fühlen.

Er trat an den Würstelstand und bestellte: »Wos host denn ...?« Am Trinkspiel beteiligte er sich nicht, da sah er nur von der Seite her zu.


Es wäre eine falsche Entscheidung, die Persönlichkeit von Karl ergründen oder verstehen zu wollen. So flach er erschien, musste er – wie der weitere Lauf der Ereignisse zeigen wird – doch Züge in sich tragen, die in keinem kontinuierlichen Zusammenhang zu seiner Ersterscheinung standen. Es ist fraglich, ober er für sich einen solchen Zusammenhang lebte, oder ob er ein von Impulsen getriebener war. Sollte das Zweite der Fall sein, so war er zumindest ein guter Manager seiner selbst, weil er es doch zu vermeiden verstand, aus seiner Bahn geworfen zu werden. Er überlebte und lebte, aber es war schwer, zu verstehen, ob gut oder schlecht.


So kam er ins Reden mit den Schnapstrinkern. Bellend, kurz angebunden, fragend, nichts von sich preisgebend. Sie redeten über dies und das, eher ziellos, sinnlos, auch zusammenhanglos, aber durch ihr Reden entstand Bindung, ein Gefühl von Geborgenheit, eine ferne Ahnung von Freundschaft. Er lehnte an dem Esspult, das den Würstelstand dreiseitig umgab. Das NIROSTA-Blech war untrer seinen Armen warm geworden, er lächelte. Eine kleine Sorge streifte ihn: Ob er nicht einladen müsste, zahlen müsste für eine Runde, und unwillkürlich rutschte er ein wenig weg, wendete er sich ein wenig ab, machte er sich ein wenig kleiner, um nur ja nicht in den Fokus zu kommen der Saufbande. Auseinander halten konnte er sie noch nicht, aber dass es eine Bande, eine "Gang", war, war klar: Alle Geräusche kamen unzuordenbar aus dem Knäuel der Leiber, das sich auch wie ein selbstständiges Lebewesen bewegte, das sich schlurfend und taumelnd und grunzend und hicksend zur Straßenfahrbahn hinbewegte, stolperte, gerade nicht vor die vorbeifahrenden Autos fiel, das sich sammelte, aufrichtete, ordnete und verkündete: »Gemma zum Joschi!«.

Was für eine Ankündigung. Für Karl war es irgendwie eine Einladung zu einem großen Abenteuer. Für ihn, der die Stadt bis dahin nur von seinen eingetretenen Pfaden aus gesehen hatte. Er war wild entschlossen, mitzugehen. Auch könnte er sich dort ein wenig aus der Bindung zur Säuferbande lösen, ohne diese neuen »Freunde« vielleicht einladen zu müssen. Was ihm bevorstand, damit würde er leicht kla rkommen, und er löste sich von der Theke, baute Körperspannung auf, zupfte sich zurecht.


Solch ein Gefühl hatte er in einem früheren Leben nicht gekannt. Da war alles folgerichtig, unspektakulär, zäh, verlaufen. Enttäuschen, wenn man wie er in frühester Jugend auf die großen Dinge im Leben hoffte. Aber die gab es nicht:


Er war das Kind einer ledigen Frau, die auf einem Bauernhof half – »Magd« hatte man zu dieser Zeit dazu gesagt – gewesen. Vielleicht der uneheliche Sohn des Bauern, der Sohn von irgendjemandem. Seine Mutter hatte nie darüber gesprochen, das Gespräch harsch abgebrochen, sobald er sich in Richtung einer solchen Frage bewegte, sodass er bald aufgehört hatte, zu fragen, obwohl es ihm wichtig gewesen wäre. Weil ohne benennbaren Vater war er nicht nur ein Bastard für seine Freunde, seine Umwelt, sondern sogar ein Bastard, dessen Vater das tiefste und ungeheuerlichste Wesen hätte sein können, das man sich vorstellen kann, weil man wusste ja nichts. Auch damit hatte er sich arrangiert, obwohl es oft bedeutete, Dinge, die ihm wichtig waren, verstecken zu müssen, sich selbst kleiner machen zu müssen, quasi von den herabfallenden Krumen zu leben. Er hatte sich arrangiert, und weil er nicht dumm war – auch wenn er seine Gedanken nicht so formuliert hätte – hatte er das Feld besetzt, das man ihm überlassen hatte, war quasi zum Paria geworden, aber doch zum »König in seiner Nussschale«.

Sein Königreich war kleiner als gedacht, es konnte keine zwei Menschen fassen: Immer, wenn er jemanden kennenlernte, zum Freund wollte, einließ in seine Welt, wurde er verhöhnt, zu verdrängen versucht, es entbrannten auch Eifersüchteleien und Kämpfe um diesen Schatten von nichts. Und noch schlimmer wurde es, als er heranwuchs und sich – wie junge Männer das tun – verlieben wollte. Seine auserwählten Mädchen waren entweder komplett unerreichbar, weil er eben kein Vermögen hatte, sich um sie bewerben zu dürfen, oder unerreichbar, weil das Königreich, das er sich geschaffen hatte, unverständlich war, tiefer erschien als die gewöhnliche Armut, das gewöhnliche Pariatum.

Als körperlich gesunder junger Mann spürte er seine Sexualität, wild und ungestüm, den Drang zum weiblichen Geschlecht, ohne, dass er genau wusste, was ihn da trieb. Weil über solche Sachen wurde schon gar nicht geredet, von seiner Mutter, die ja wohl durch eben diese Sexualität zu seiner Mutter geworden war. Sie hatte ihn aber auch nicht in Überkompensation der eigenen Schuldgefühle irgendwelchen die Seligmachung und Läuterung versprechenden Menschen oder der Kirche überlassen. Und obwohl das von Sorge um ihren Sohn zeugte, war sie dennoch völlig außerstande, ihm einfache Mutterliebe zu zeigen. Sie war nicht böse, sie war nicht gut, und der junge Karl wäre nie auf die Idee gekommen, seine Mutter als Maßstab für Weiblichkeit heranzuziehen, sie überhaupt für eine Frau zu halten. Die Frauen, die waren das geheimnisvoll Dunkle, Feuchte, Heiße, das ihn seufzen und stöhnen ließ. Und Erektionen verursachte. Bemerkenswerte Erektionen. Karl war – wie man so sagt – gut gebaut. Doch auch davon hatte er keinerlei Ahnung, auch nicht, wenn er mit sich selber spielte, wenn er sich vor lauter Geilheit ohne jegliches Zutun ergoss.

Einmal hatte er so etwas wie ein Rendezvous, bei einem Zeltfest der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr. Die Leute ziehen weit herum zu solchen Veranstaltungen, und dies hat auch jetzt noch durchaus seine Bedeutung, was Liebschaften und Hochzeiten anbelangt. Man lernt neue Menschen kennen, Fremde, von denen man im ersten Augenblick nichts weiß.

Meist findet sich dann im Freundeskreis doch jemand, der irgendwas über die neue Bekanntschaft berichten kann, sodass man dann nicht mehr ohne jegliche Information weitertun muss. Von Karl wussten aber doch wenige wenig. So kam es, dass er tatsächlich ein Mädchen kennenlernte. Es war eine wilde rauschende Nacht, Näheres wollen wir hier gar nicht berichten, und die beiden landeten abseits vom Festzelt bei einem Bach im Wald. Es kam wie vorherzusehen, Karl kam schon während des Küssens, während zarter Berührungen, das Mädchen spielte auf Zicke, später wurden sogar Vergewaltigungsmärchen daraus, als man ihr berichtete, wer Karl war. Und der trollte sich, irgendwie gewohnt, so behandelt zu werden, irgendwie froh, dass ihm nichts passiert war, und irgendwie noch abgeschliffener und abgerundeter in Richtung Unsichtbarkeit und Wertlosigkeit.

Schulbildung hatte er nur im Mindestmaß. Es hätte ihm Spaß gemacht, er war nicht schlecht, doch niemand finanzierte oder förderte ihn, sodass er sehr bald auch auf dem Hof arbeitete. Das ergab sich so, dass er seiner Mutter zur Hand ging. Lange wurde er gar nicht als eigener Mensch, als Arbeiter wahrgenommen, und dann bekam er nur ein Taschengeld. Das hätte er nicht gebraucht: Er wohnte am Hof, er aß am Hof, er hatte keine Ausgaben, außer denjenigen, die er sich leisten wollte. Mit seinem ersten Geld in der Hand wollte er, und es wurde ein Fiasko. Auf einem Kirtag hatte er, ohne dass er dies eigentlich wollte – eine Riesentasche voller Rasierwasser und Kämme gekauft. Zu nichts nutze, zu nichts zu gebrauchen. Das Rasierwasser roch wirklich übel. Deswegen hatte er dann auch nichts mehr gekauft, war nur auf dem Hof geblieben, über Wiesen und Felder und durch Wälder gestreift, weil er doch niemanden und nichts hatte, und sein Geld fürderhin gespart.
Er war groß und kräftig gewachsen, arbeitete hart und gut, und aß auch dementsprechend, bis irgendwann die Bauersleute darüber zu reden begannen, ob er nicht für sein Essen bezahlen solle. Schließlich zahle man ja auch für seine Arbeit. Da reifte in Karl der Gedanke, dass er dort, wo er war, nichts und niemanden habe, dass er dort auch nichts zu erwarten habe, und dass das, was er habe und erreichen könnte, fast nichts war. So ging er einfach. Von seiner Mutter, vom Hof, vom Land. Mit ein paar Geldscheinen und sonst nichts. Keinem Pass, keinen Papieren, ohne Hoffnungen, ohne besondere Ängste.


Die Stadt Wien hat sehr ambivalente Züge, die wahrscheinlich dadurch entstehen, dass hier viele Mensachen leben, die zwar selbst gemocht werden, aber gleichzeitig niemanden mögen wollen. Das alleine wäre noch keine Besonderheit, weil es doch allen westlichen Kulturkreisen zu eigen sein scheint, in denen eine gewisse Sattheit, eine hinreichende, bornierte Sattheit vorherrscht. Die Besonderheit von Wien liegt darin, dass man seiner Borniertheit freien Lauf lässt, in Form einer zynisch gefärbten Brutalität in der Sprache, für die es Stilregeln zu geben scheint. Zuerst einmal möchte ich klarstellen, dass die Brutalität der Sprache keinesfalls mit gewalttätigen Körperlichkeiten einhergeht. Auch die gibt es, wahrscheinlich sogar weniger als in anderen Städten und Gegenden, sodass sich die Frage stellt, ob die Sprache hier nicht ein Ventil für Aggressionen eröffnet, sodass diese nicht mehr körperlich durchbrechen müssen.

Auf der anderen Seite sind die formulierten Grobheiten ja manchmal durchgestylt, kleine Kunstwerke, mit denen der Beschimpfte gewissermaßen auch beschenkt wird: Zwar wird er so missachtet, dass er verbal attackiert wird, gleichzeitig aber wird die Verbalattacke nach Regeln einer nicht als solche eingestuften Kunst entworfen, verfeinert und im Regelfall sogar noch besonders intoniert.

Wien wurde im Jahr 2019 als lebenswert, gleichzeitig aber als unfreundlichste Stadt der Welt ausgezeichnet. Ich denke, die Wettbewerbkomitees haben in beiden Verfahren nicht ordentlich recherchiert. Oder vielleicht ist diese Ambivalenz für Außenstehende einfach nicht verständlich.


Auch die Lokale haben ein analog breites Spektrum, von der liebenswertesten Freundlichkeit bis zur tiefsten Verachtung. Aber das wusste Karl noch nicht, als er sich der Sauftruppe anschloss, die sich schmatzend vom Würstelstand löste und sich Richtung »Joschi« wuzelte.

Der »Joschi« war – wie sich herausstellte – der Betreiber einer »multifunktionalen Gastwirtschaft« namens »Zur Kaiserrast«. Der Name bezog sich offenbar auf die Nähe zum Schloss Schönbrunn, doch dass der Kaiser hier jemals gerastet haben könnte, war einerseits unwahrscheinlich, weil es keine räumliche Nähe zu irgendeiner Route, die der kaiserliche Tross je auf seinen Wegen genommen haben mochte, gab. Andererseits war das Establishment in einem Wohn- und Geschäftshaus, das unmittelbar in der Nachkriegszeit errichtet worden war, untergebracht. Das heißt ja noch nicht, dass nicht zuvor auch ein älteres Gebäude hier gestanden wäre. Wir wissen es nicht, und es ist auch unerheblich, weil der Prunk und Ruhm von Joschis »Kaiserrast« erwuchs der unmittelbaren Gegenwart und vielleicht der jüngeren Vergangenheit (die von allen Gästen einhellig glorifiziert wurde). Dabei hatte Joschi auch jetzt genügend zu bieten: Essen und Trinken, sogar für »anständige« Familien, in der anschließenden »Schwemme« war der Fokus eher auf das Trinken gerichtet, und in einem vorgelagerten Raum dieser Schwemme zu einer Seitengasse hin wurde rund um die Uhr eine »Likör- und Teestube« offengehalten. In Hinterzimmern, die nicht für jedermann offen gehalten wurden, wurde gespielt, und in Gangnischen zu diesen Hinterzimmern soll der eine oder andere Spielautomat aufgestellt gewesen sein, auch wenn diese »einarmigen Banditen« zum Schutze der Bevölkerung eigentlich verboten waren. Aber Menschen gehen eben ihren Weg, auch wenn dieser tragisch aussieht.

Im ersten Stock befand sich ein »Ballsaal«, gut für 200 Leute, in dem um das Wochenende herum Tanzmusik gegeben wurde, teils von Bands, teils von DiTschääähs, und zum Teil auch wirklich übel.


Da der Joschi immer gut besucht war, hauptsächlich natürlich von Männern, flatterte die eine oder andere Blume des Grätzels dort auch herum, um sich einladen zu lassen, gegen oder ohne Wertschätzungsgesten, wobei Beziehungs- und Rangregelungen eine Rolle spielten, die für Außenstehende kaum sichtbar waren. Und wenn man sie sah und zu begreifen versuchte, so waren sie doch sinnlos, wenn der Lebenssinn nicht beim Joschi seine Wurzeln hatte.
In die »Kaiserrast« bewegte sich also die Würstelstandsgesellschaft, die unterwegs nicht ausnüchterte, aber doch wieder etwas Kraft und Fassung gewann. Natürlich durchschritt man die Gaststuben umgehend Richtung Schwemme, auch kurze Grüße durch die offenstehende Tür in die Teestube. Man bestellte ohne irgendwelche Spielchen und machte sich mit den Anwesenden bekannt, und Karl war doch einigermaßen froh, dass keine Trinkspiele angezettelt worden waren. Aus dem Ballsaal tönte leise Musik.


Reisen hat - wie Wien, wie vieles – auch ambivalente Züge: Man verlässt einen Ort, ein Leben, um woanders hinzukommen. Sowohl Abschied wie auch Erwartungen an das zukünftige Ziel können voller Freude, Trauer oder Angst sein. Als Kind spürt man das heftig, und zwar, wenn man selber eine Reise beginnt (die ja hoffentlich immer auf Veranlassung und in Begleitung wohlmeinender Menschen stattfindet), wie auch, wenn ein geliebter Mensch verreist. Die Aufregung wird mit zunehmendem Erwachsenwerden weniger, obwohl es sich auszahlt, freudige Erwartungen, das Spektrum und die Kraft seiner Gefühle zu pflegen. Manche Menschen getrauen sich das nicht, aus Angst vor Verletzung und Schmerz, um nicht »uncool« zu sein, um nicht angreifbar zu werden. Ich glaube ja, solche Ängste sind unbegründet, und genieße es immer wieder. Menschen zu begegnen, die ihre Regungen erkennen lassen, die verbindlich sind und damit in der Regel freundlich und liebevoll, selbst wenn sie grummelig tun.


Für Karl hatte sein Abschied von seinem ländlichen Zuhause keinerlei negative Anteile. Es war ihm dort nicht gut gegangen, und ob es ihm vielleicht schlecht gegangen war, konnte er nicht einschätzen. Er hatte zu wenig Erfahrungen mit den Maßstäben der Welt. Er hatte auch keine besonderen Erwartungen an eine Zukunft, er war einfach gegangen, weil nichts mehr ihn gehalten hatte, und niemand hatte ihn gerufen. Er war nicht traurig, nicht freudig erregt, er hatte kaum Ängste, lediglich eine gewisse Vorsicht, die ihn sein bisheriges Leben gelehrt hatte. Und er war aufmerksam. Er beobachtete, um in der neuen Welt, in der er jetzt war, zu lernen, überleben zu lernen.

Er bemerkte genau, welche Beziehungen in der Schwemme bestanden, welche Gespräche sich ergaben, wie die Menschen sich fühlten. Er brauchte die Sätze der Dialoge nicht hören, es reichte ihm vielmehr aus, zu erkennen, wie die einzelnen Personen sich entspannten, wenn sie angesprochen wurden, anspannten, verspannten, verschlossen, zerflossen..... Es war wie die Wirbel und Strudel in einem Bach, ein Entstehen, scheinbares Vergehen, das doch bei näherem Hinsehen nur eine Umwandlung war. Es gefiel ihm, quasi von außerhalb zu beobachten, und er fragte sich, ob das, was er sah, die Wirklichkeit war oder ob er sich da die Welt vorstellte und erfand. Das Einzige, was er sich bestimmt vorgenommen hatte, war, dass er sich nicht hineinziehen lassen würde in diesen Lebensstrudelbach, dass er sich heraushalten wolle, nur zusehen.


Und im Hintergrund klang die Musik aus dem Ballsaal. Leise zwar, aber doch deutlich hörbar. Es fiel ihm auf, dass unterschiedlichste Musikstücke gespielt wurden: einschmeichelnder Kuschelrock, hämmernder Techno, nichtssagende Easy-Listening-Konserven. Störend war, dass die Stücke meist nicht ausgespielt wurden, und nachdem er sich darauf konzentrierte, bemerkte er, dass die einzelnen Meldodien nicht etwa nur kurz angespielt wurden, wie es beispielsweise bei der Suche nach einem bestimmten Stück oder bei der Probe von irgendetwas musikuntermaltem vorstellbar gewesen wäre. Nein: Manchmal ertönten nur einige Takte, sogar nur ein paar Sekunden lang Töne, sodass nicht einmal erkennbar wurde, was hier gespielt werden sollte. Manchmal ertönte die ganze Musiknummer, eineinhalb Songs. Es war arhythmisch, es störte fast körperlich, wenngleich die Lautstärke so minimal war, dass möglicherweise nur Karl in seiner außenstehenden Einsamkeit und Gedankenfreiheit diese kakofonische Aufführung bewusst hören konnte.

Er ging zur Toilette. Die Klänge wurden im Gang lauter. Die Sanitärräume waren muffig und grindig und gleichzeitig doch überraschend sauber. »Sauber« in dem Sinn, als dass zwar überall, wo man Zigaretten ablegen konnte, Brandflecken waren, dass sowohl in den Kanten zwischen Wänden und Fliesenboden wie auch zwischen Armaturen und Porzellan Schmutzränder waren, fast wie gewollte Fugen, dass der Boden insgesamt, Wasch-, Piss- und Klomuscheln jedoch glänzend sauber waren, ohne Kalkränder eingetrockneter Wassertropfen.

Aus einem WC-Abteil kam ein Mann, und Karl fiel das Wort »gelackt« ein, obwohl er nicht genau sagen hätte können, was das bedeutete. Der Dandy war sicher ein Dealer, nahm Karl mit bestimmter Sicherheit an, aber er hätte nicht sagen können, durch welche Sachverhalte und Schlussfolgerungen er zu dieser Ansicht gelangt war.


Er hatte solche »Weltbilder« gelernt. Nicht allein als Kind, nicht allein in seinen wenigen Schuljahren, nicht allein durch »Vorbilder« in seinem bisherigen Leben. Vorbilder hatte er schnell demontiert, als er ihre Inkompetenzen und Inkonsequenzen bemerkte, akzeptiert hatte er nur Personen, die aus reiner Liebe oder purem Zynismus bestanden, die Altbauern, den Schuldiener, aber die konnten die Welt ja nicht ändern.

Er selber hatte aktiv gesucht, was denn das Leben sein könnte, ausmachen könnte, und dabei alles, was er bekommen konnte, aufgesaugt und abgespeichert.

Er freute sich über sein »Wissen«, ohne zu hinterfragen, ob es auch gesichert wäre. Seine Einsichten die Welt um sich herum betreffend schienen ihm Macht zu verleihen. Macht über die Dinge, weil er ja fühlte, wozu sie da waren und wie sie funktionierten. Und Macht über Lebewesen, aus den gleichen Gründen.

Karl war nicht dumm, wenn man Dummheit als Denkunfähigkeit versteht, sondern eher das Gegenteil. Alles, was er jetzt, in diesem Augenblick, wusste, glaubte, und denken konnte, selbst mühsam zusammengefügt. In späteren Jahren würde sein Wissensdurst zu einer wesentlichen Triebfeder seiner Handlungen werden, das Lernen zur Lust, das Wissen zu Erkenntnis und zu einer Ahnung von Weisheit. Und zum Glaubenssatz, dass dumm ist, wer Dummes tut.

Der gelackte Rauschgifthändler, sein Anzug und sein Haarschnitt waren ein wenig mangahaft, das Gesicht mausartig, die Bewegungen schnell, schlampig dramatisch. Die Maus spülte sich kurz die Hände mit kaltem Wasser, schüttelte sie, ohne sich abzutrocknen, fuhr sich mit den nassen Fingern von der Stirn her durch die Haare, um die Strähnen seiner Mangafrisur neu zu ordnen, blickte einen Augenblick kurz zu Karl, taxierte ihn offenbar als unerheblich, und verließ das WC, wobei Karl erkennen konnte, dass er Richtung Ballsaal wegging.

»Wenn es ein Dealer ist«, nahm Karl an, »dann hat er sicher seine Ware hier versteckt«. Es musste so sein, damit er seinen vielleicht hinterhältigen Kunden nicht ausgeliefert sein würde. Allerdings war ein Versteck auf dem Klo nicht unbedingt einfallsreich. Eine wilde Lust, den Detektiv zu spielen, überfiel ihn, und er ging ins Abteil, nachdem er sich kurz versichert hatte, allein in der Herrentoilette zu sein. Im Spülkasten? Unterputzbauart: Die Sichtblende schwierig zu demontieren, aber leicht zu erreichen, und sie sah auch nicht dermaßen gebraucht aus. Zu nass im Spülkasten, nach Karls Einschätzung, eher letzte Wahl.

Er blickte sich um. Die Zwischenwände der einzelnen Toiletten reichten nicht bis zur Decke und waren an der Oberkante mit einem Metallprofil eingefasst. Dort lag augenscheinlich nichts. Sonst gab es keine naheliegenden Verstecke, kein Wartungsdeckel, und da es eine Hängemuschel war, keinen Platz dahinter. Ein Hohlraum hinter einer Fliese: So sah es nicht aus, und Karl seufzte innerlich, als er sich einen Plan zur näheren Untersuchung zurechtlegte. Er würde die Wand abklopfen, oben beginnend, und stieg dazu auf die Klomuschel. Und als er sich in seiner neuen Position umsah, bemerkte er, dass das Metallprofil an der Oberkante der linken Seitenwand sauber war, nicht so verstaubt und mit einer Schmutzpatina überzogen wie rechts. Er probierte es zu bewegen, und es lies sich anheben, an der Rückseite, an der Fliesenwand, in der die Klospülung montiert war, zuerst. Als er näher nachschaute, sah er, dass eine Schraube in Nähe der Vorderwand der WC-Zelle offenbar als Scharnier funktionierte. Es waren aber weitere Schrauben, vier Stück insgesamt, durch das Profil in die Zwischenwand gedreht, zumindest sah es so aus. Als Karl das Profil anhob, bemerkte er, dass die Schrauben abgeschnitten worden waren. Die Schraubenköpfe mussten in die Schiene eingeklebt worden sein. Und er bemerkte, dass die Wand hohl war, ursprünglich mit Wellpappe ausgefüllt, die aber in der Länge von etwa dem hinteren Drittel der Zwischenwand entfernt worden war, etwa 10 cm tief. Und in diesem Hohlraum steckte ein Plastiksäckchen, aus dickem Kunststoff, verschweißt, in dem wiederum irgendetwas, das in Papier eingepackt schien, war.

Einige Gedanken gingen Karl gleichzeitig durch den Kopf: Sollte er das Päckchen an sich nehmen, verkaufen? Er brauchte ja durchaus Geld, aber letztendlich traute er sich ein solches Handeln nicht zu; er hatte keinerlei Erfahrungen, um so etwas machen zu können.

Sollte er versuchen, selber Rauschgift zu probieren? Da hatte er noch mehr Angst, er hatte ja keine dahingehenden Erfahrungen, es könnte lebensgefährlich werden, und der Gedanke an einen Rausch reizte ihn im Augenblick nicht besonders.

Er senkte die Schiene wieder ab, drückte leicht nach, damit sie sicher sitze, und stieg vom Rand der WC-Muschel. Er hatte recht gehabt, die Maus war ein Rauschgifthändler, ein schmieriger Kleinkrimineller.

Er fühlte leichte Verachtung, so einer hatte keinerlei Wert in Karls Leben. Aber eine Ahnung war da, nur eine leichte Empfindung. Karl hätte es nicht so formulieren können, aber er hatte eine Ahnung, er glaubte, dass der Dealer mallenfalls ein Helfershelfer von jemandem sein könnte, der Kraft und Macht hatte. Zu diesem Zentrum der Macht wollte er vordringen, das wollte er sehen, da wollte er mitspielen.

Karl war sich sicher, dass ein Schicksalstag für ihn war, er ging davon aus, dass es eine Gelegenheit wäre, sein Glück zu finden. Im Glauben an sein Können schätzte er seine Chancen gut ein, wusch sich die Hände nur kurz und nur mit Wasser, wie zuvor der Schlurf, fuhr sich durch seine Frisur, die bei weitem nicht mangahaft war, sondern nichtssagend, nur kurz geschnitten, probierte im Spiegel seine Züge, selbstbewusst, grimmig, herablassend, und stieß die Klotür auf, um mit langen, energischen Schritten die Treppe zum Ballsaal hinauf zu gehen.


Er stieg über die Stufen hinauf, auf Zehenspitzen, sanft abrollend, und hielt den Atem an. Die Tür war geschlossen, hatte einen Schlosszylinder, also kein Spähen durch ein Schlüsselloch.. Da er unbedingt wissen wollte, was sich hinter dieser Tür ereignete, durch die die wilde Musik drang, da er unbedingt seinem Schicksal begegnen wollte, nahm er die Türschnalle sanft zwischen beide Hände, mit einem Handrücken am Türblatt entlanggleitend, um seine Bewegungen dämpfen zu können, und drückte sie herab. Er war ein bisschen überrascht, dass er das Türblatt zu sich hin aufziehen musste, aber er hatte auch Glück: Offenbar lag der Saalzugang außerhalb der direkten Blickrichtung der Anwesenden, und während der den Spalt nach und nach vergrößerte, erforschte er den Raum mit seinen Blicken:

Ein heller Lichtfleck links hinten, und es standen mehrere Leute herum, die meisten mit dem Rücken zu ihm. Ein Mann polterte laut herum, es war fast ein Schreien, und er schien die anderen zu maßregeln. Karl konnte es nicht verstehen, es war eine andere Sprache.

Im Zentrum dieses Geschehens – es war kaum zu erkennen, bewegte sich ein Menschenknäuel, und als er näher hinsah, glaubte er, in diesem Menschengewirr nackte Frauen und Männer zu erkennen. In diesem Augenblick sah ihn jemand. Ein Mann, der weiter hinten mit elektrischen Kabeln und Verteilerkästen hantierte, winkte ihm wild zu, bedeutete ihm, die Tür zu schließen. Karl fasste all seinen Mut zusammen, drängte sich durch den Spalt, schloss hinter sich die Tür und wartete.

Eine Zeit lang passierte gar nichts. Nach etwa einer Minute verstummte die Musik, alle richteten sich irgendwie auf, begannen miteinander zu diskutieren und schienen irgendwie damit beschäftigt, etwas neu zu ordnen oder vorzubereiten. Der Mann, der Karl gesehen hatte, ging nach vorn und berichtete dem Schreier, offenbar von Karl. Der nunmehr Informierte erhob sich aus einem Stuhl, und Karl war ein wenig verwundert, dass er ziemlich klein war, und trotzdem offenbar hier das Sagen hatte. Er wurde herbeigewinkt, herbeigerufen, in deutscher Sprache. Und als er nach vorne ging, offenbarte sich ihm die Szene:

Im Zentrum des Geschehens war mit einigen Möbeln eine Wohnung angedeutet worden. Mittig stand ein großes Bett, auf dem sich mehrere nackte Männer und Frauen räkelten. Einige von ihnen schäkerten, einige rauchten, tranken aus Gläsern und Dosen. Alle waren nett und adrett und aufreizend hergerichtet, mit Schminke, mit Wäsche, mit Strümpfen, und Karl dachte sofort :«Sex!« Genauer gesagt sprach er dieses Wort nicht innerlich aus, sondern irgendetwas schwemmte durch sein Gehirn, eine heiße Welle von Anspannung und Erregung, die er in solcher Umgebung, in einer solchen Situation nicht kannte und nicht einordnen konnte.

Man sagt ja, dass hauptsächlich Männer triebgesteuert wären, also irgendwie über körperliche Funktionen, das Hormonsystem. Wenn dies so ist, dann darf man sie aber auch nicht dafür verurteilen, dass sie solche Impulse spüren. Zum »Machen« hin ist noch ein weiter Weg, zum Beispiel über das Denken und durch die Liebe.

Erst nach einigen Sekundenbruchteilen, in denen die Hitze und Röte aus seinem Gesicht abflossen, konnte er seinen Blick von der Bettszene nehmen und das Umfeld betrachten:

Zwei Männer mit Kameras, eine Fotografin, ein Beistelltisch mit Getränken und vielleicht auch Imbissen, um den sich einige Personen gruppierten. Darunter war auch die Dealermaus, die offenbar einige Geschäfte zum Abschluss hatte bringen können. Sie lachte ihr Mauselächeln und hatte tatsächlich Mausezähne. Ein großer, stämmiger Mann – irgendwie eine Antithese zur Maus – saß an einem Tisch mit einem Computer und einer Unzahl von Reglern.

Drei Klappsessel, der Schreier, der Elektriker, ein paar Ständer mit Scheinwerfern, einige mit silbrig und golden aus ihren Innenseiten leuchtenden Regenschirmen, Lautsprecherboxen, eine Unzahl von Kabeln am Boden, zum Teil mit Klebebändern niedergeklebt.

Karl war in eine pornografische Verfilmung der Josefine Mutzenbacher – »im Wiener Originalmilieu« – hineingeraten, und es gefiel ihm und es reizte ihn und er wollte da mitmachen, nicht auf dem Bett, nicht mit den Kameras und allem Drumherum, aber mit einer der Frauen, die er gesehen hatte, weil die ihm so gefiel, dass sein Herz drückte und ihm schwindelig wurde.


Karl würde mitmachen bei diesem Theater, nicht allein mit dieser Frau, sondern mit vielen Frauen, in vielen Szenen, an unzähligen Drehtagen. Er hatte dem Regisseur gefallen, der der Schreier war, und gleichzeitig der Produzent, und der hatte in Karl sofort die Qualitäten gesehen, die er – und das Publikum – von einem männlichen Pornodarsteller erwarteten: Nicht so schiach, dass die Milch sauer wird, ein schöner Körper, unendliche Lust und Standhaftigkeit. Der Weg zu seiner »Schauspielerkarriere« war natürlich noch mit einigen Hürden gepflastert, medizinischer und rechtlicher Natur hauptsächlich. Doch mit seinen mittlerweile gegebenen Instinkten war Karl genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort und konnte alles in einer für ihn günstigen Weise reglementieren. Die Pornoszene ist ja nicht wahnsinnig kompliziert, außer wenn es um Verträge und Einkünfte geht, und so wurde er – jedenfalls von den Investoren – freudig aufgenommen und bald zum Superstar.


Das war die Außenseite.

In den ersten Wochen, Monaten war alles einfach. Man hofierte ihn, um ihn bei Laune zu halten, um ihm die wildesten Stücke abzuverlangen, und er ging davon aus, dass er gemocht wurde. Die Frauen liebten ihn, sonst würden sie wohl nicht mit ihm schlafen. Die Männer, denen er im Set und in der Branche begegnete, schienen es allesamt gut mit ihm zu meinen. Es waren schon ausgewachsene Schlitzohren dabei. Er fühlte sich aber sicher mit solchen gewiften Strizzis als Freunden.

Aber die Scherze wurden flacher, wiederholten sich, zerflatterten ins Allgemeine, waren also nicht nur für ihn gedacht und gemacht.

Das mit den Frauen erschien ihm ebenfalls eigenartig, doch suchte er erst einmal eine Zeit in sich selber herum. Er war schüchtern und getraute sich die Fragen nicht zu stellen, die ihn ständig begleiteten: »Bin ich gemeint? Liebst Du mich?«


Als Leser*In erschein Ihnen vielleicht seltsam, dass jemand, der ansatzlos, zu einem guten Teil auch demütigend, den Körper eines anderen Menschen auf exzessivste Weisen in Anspruch nehmen kann, schüchtern sein könnte. Karl war aber eben so. Er trug – ohne dass er es bislang so formulieren hätte können – den Wunsch in sich, geliebt zu werden, mit Sicherheit. Und damit ist er beileibe nicht allein.

Nicht erfüllte Wünsche entmutigen und enttäuschen. Man verliert Kraft und Willen und rettet sich oft in das, was man kennt: ein Alltagsleben, ohne Liebe und Aufmerksamkeit gelebt. Anerkennung kauft man sich in Form von teuren Sachen, erstrebt sie durch beruflichen Eifer, verschiedene Modelle gibt es dazu in den menschlichen Gesellschaften. Möglicherweise (wahrscheinlich) helfen solche Vorgangsweisen aber nicht dauerhaft, und die Fragen bleiben: »Bin ich gemeint oder der Porsche?«


Wie zu erwarten erging es dem Karl genauso, und das verursachte ihm heftige Probleme: Wie soll man eine harte und belastbare Erektion bekommen/halten, wenn die Sinnzweifel im Kopf Rally fahren? Für dieses bekannte Problem gab es eine erprobte Lösung chemischer Natur. Drogen und Alkohol, maßgeschneiderte Drogen für Pornografie, Sonstiges, alles, was eben aufdreht. Alkohol zur Beruhigung, als Filter für die Welt, als dunkler Philosoph.

Karl hatte alles probiert, war an Grenzen gestoßen, die faktisch lebensgefährlich waren, die selbstmörderisch waren, weil er erkannte, dass er des (eines solchen) Lebens müde, lebensmüde war. Aber irgendwie kratzte er die Kurve. Er hörte auf, Substanzen zu konsumieren. Es war wie das Aufwachen an einem sonnendurchfluteten Frühlingstag. Er fühlte sich leicht, er hatte zwar allerlei Lebensprobleme, aber er hatte keine Sorgen, und er nahm sich die Zeit, den Tag zu begrüßen. Er wollte in Zukunft nur mehr dankbar sein für sein Leben, weil es war, als wäre er soeben geboren. Und seine Vergangenheit wollte er annehmen. Wo wäre er ohne eben diese Vergangenheit.


Karl flatterte vergnügt in seine neue Welt, nahm sich ein wenig Auszeit. Er bemerkte, dass er trotz der horrenden Geldflüsse in seinem Leben nichts Wesentliches besaß. Er musste also wieder arbeiten, und die besten Verbindungen, Möglichkeiten hatte er noch immer ins Porno-Geschäft.

Seine Bekannten dort wussten nicht, welche Entwicklungen Karl mittlerweile genommen hatte, und begegneten ihm wie gewohnt. Er war überrascht, dass nicht alle Menschen dort so verlottert waren, wie er angenommen hatte. Es gab realistische, zurückhaltende, es gab verzweifelte, suchende, es gab menschliche Atombomben, es gab echte Arschlöcher. Es gab alle Typen wie wahrscheinlich auch im Rest der Welt. Möglicherweise war aber in der Sexfilm-Branche alles etwas komprimierter und schneller.


Karl beschloss, nie wieder etwas zu machen, was er nicht machen wollte. Dies hört sich im ersten Augenblick sehr einfach, beinahe dumm, an, aber denken Sie einmal darüber nach. Naja, und so ganz war das auch für Karl nicht durchzuhalten, weil so wie Freude überschäumen kann, kann auch der Ekel alles überziehen, selbst wenn der/die/das nichts dafürkann. Und so musste Karl seine Welt neuordnen, neu durchdenken.

An diesem Augenblick erwachte Karls neue Passion: Er wollte die Welt kennenlernen, die Ursachen, die Gründe, die Ziele: Er suchte nach Antworten und fand Widersprüche. Er suchte nach Quellen und fand nur Flüsse (panta rhei), und in seiner analytischen Vorsicht war versuchte er immer, Wünsche und Wirklichkeiten auseinanderzuhalten. Gar nicht so einfach, weil nicht alles was wirkt, hilft, und nicht alles, was hilft, wirkt.


Da er offenbar außerstande sein würde, die Welt insgesamt zu begreifen, suchte er doch einen »Satz«, in dieser Welt leben zu können. Gefallen hatte ihm dabei z.B. Ockhams Rasiermesser (über das ich mich hier nicht auslassen werde. Recherchieren Sie bitte selber!)

Karls Satz lautete: »Nur durch Aufmerksamkeit und Liebe bekommen meine Handlungen Sinn. Und mir geht es dabei auch gut!«

Mit diesem Satz lebte er in seine Tage hinein. Wenn er sich manchmal ärgerte, dann ärgerte er ich nur mehr kurz und folgenlos. Wenn er sich freute, dann freute er sich zusätzlich über seine Freude. Und wenn er Menschen begegnete, dann sah er in ihnen die liebenden Menschen und liebte sie voller Freude wider.


Die Menschen waren aber nicht so einfach, wie Karl sich das gewünscht hatte. Er war aufmerksamer geworden, er sah näher hin. Und er erkannte sie: Suchende, Verzweifelte, sich Betäubende...

Er konnte keinen Sex mehr haben ohne Beziehung. So versuchte er, seinen Partner*Innen zu begegnen. Da waren Geschäftstüchtige, die ihren Halt an ihren Bankkonten fanden. Wilde, die entwurzelt Hochschaubahn fuhren. Treibende, die vielleicht einmal Suchende gewesen waren. Undurchsichtige, selten einmal eine, mit der er sich über die Welt einig war. Er erlebte Scheitern und Kälte, kaum Erfolg. Und er maß und prüfte, nachdem er mittlerweile ja gelernt hatte, zu messen und zu bewerten, und befand, dass nach seinen Maßstäben dieses Geschäft kein menschliches war. Aussteigen erschien ihm als wünschenswerte Alternative, aber es kam alles anders, als er zu diesem Augenblick gedacht hatte.


Seine Bemühungen und seine Menschlichkeit waren nicht verborgen geblieben, und so wendeten sich zunehmend Kolleginnen und Kollegen an ihn, mit der Bitte um Trost, Rat und Unterstützung. Eine Gewerkschaft gründete er nicht. Er hatte nicht die passenden Ideen und auch nicht den Wunsch, so etwas auf Schiene zu bringen. Er wollte nicht zwangsweise für andere hüpfen, ihnen verpflichtet sein. Aber er wollte doch etwas zum Positiven verändern.

Durch bessres Selbstmanagement – erstmals achtete er auf sein Fortkommen – gelang es ihm, in das Produzentenfach zu wechseln. Nicht auf einmal, sondern durchaus nach und nach. Seine Angelegenheiten gingen ihm leicht von der Hand, und er hatte ein seltsames Glück, das leuchtete wie ein Nachhall des Frühlingsmorgens seiner ersten Nüchternheit. Was er plante, wuchs von sich aus. Was er angriff, gelang.


Was ich zu erwähnen vergaß, ist, dass er nicht die üblichen Pornofilme produzieren wollte, sondern welche, in denen es ein wenig Handlung gab, über Liebe und Beziehung, in denen die Schauspieler miteinander schliefen, aber auf eine menschenwürdige, wertschätzende, liebende Art.


Und diese Art von Filmen schienen einen Wunsch des Publikums getroffen zu haben. Der neue Stil wurde ein großer Erfolg.

Man darf Karls Beitrag am Zustandekommen dieses Erfolgs nicht heruntermachen: Er war nicht einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen und auf den richtigen Zug aufgesprungen, sondern darüber hinaus hatte er ein feines Gefühl für das Wollen der Zuschauer, gepaart mit einem Geschmack, der feinnervig das Wollen seines Publikums traf. Zumindest für einige Zeit, eine kurze Zeit, zwei drei Jahre, weil die Leute sehen sich satt und die Geschmäcker ändern sich. Und wenn der Geschmack – wie bei Pornos – so hochgradig mit An- und Erregung gleichzusetzen ist, dann muss der Stimulus geändert werden. Oder das Publikum ändert sich.

Im Lauf der Zeit und mit dem Lauf der Welt passiert beides, und so war Karls Stil bald außer Mode und andere machten ein besseres Geschäft. Es war nicht so, dass Karl mit seinem Habitat nicht seinen Platz gehabt hätte, es war nur ein kleiner Platz geworden im Lauf der Zeit.


Karl und die ihm nahestehenden Menschen, seine Crew, konnten sich zum Teil daran gewöhnen, viele gingen aber auch, dem Geld hinterherzulaufen. Die, die geblieben waren, wurden ihm um so lieber, Freundinnen und Freunde, die ihm so nahe wurden, als wären sie Teile von ihm. Das Leben wurde langsamer, lustiger und gleichzeitig ruhiger, und Karl merkte eines Tages, dass es mehr Themen zu bereden gab als das Geschäft und das, was unmittelbar mit diesem zusammen hing.


Oft saßen sie und philosophierten und tranken Wein, und die Gedanken wurden milder und wurliger. Mode? Ja, sie waren außer Mode gekommen: »Deine Zauber binden wieder, was die Mode Schwert geteilt....«, fiel ihm ein. Die Freude sollte dies können, laut Schiller, laut Beethoven.

Karl dachte über die Freude nach und befand – für sich – dass Liebe, zur ganzen Welt – Voraussetzung für die Freude sei. Er dachte über den Begriff »Mode« nach, und warum dieser zu Entstehungszeiten der »Ode an die Freude« so negativ besetzt gewesen sein könnte. »Mode« konnten ja nicht die Bekleidungstrends allein gewesen sein, die ihm zuerst in den Sinn gekommen waren. Es ist wohl das jeweils Neue, das moderne, das »in Mode« ist. Es ist nicht zwingend besser, es ist nicht unbedingt schlechter. Es ist neu. Und dann hört modern sich ja auch noch an wie modern, in Zerfall und Verwesung übergehen. Karl musste lachen und hob sich diese Gedanken für später auf.


Der vierzigste Geburtstag ist für die Darsteller in der Pornobranche oft so was wie ein Ablaufdatum.

Die im sonstigen Wirtschaftsleben des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts stehenden Vierzigjährigen sind mitten drin im Schlamassel: rundherum gebunden und ohne absehbaren Zieleinlauf.

Und man hat noch zu viel Kraft und Gestaltungsdrang, um als weise angesehen zu werden.


Karl war in etwa diesem Alter und hatte – in den letztvergangenen Jahren seines doch eher bewegten Lebens – daran gearbeitet, seine Abhängigkeiten zu minimieren. Nicht, dass er Unmengen an Sachwerten angesammelt hatte, war es doch unwahrscheinlich, dass er aus Geldmangel jemals Not würde leiden müssen. Wichtiger war, dass er sich selber zu spüren gelernt hatte, seine Kraft, sein Können, seine Freund*Innen. Er war mutig geworden.

Als er bemerkte, dass seine Filme auf den Streaming-Plattformen unter »Vintage« angeboten wurden, beschloss er, etwas gänzlich anderes anzugehen. Ideen dazu hatte er keine, aber die würden kommen. Die würden diskutiert und geformt und geschliffen werden müssen, weil allein wollte er nicht »gehen«.


Und er hatte eine Idee, und er hatte auch eine Idee zu seinem, ihren Abschied aus der Szene.

Ich möchte die Pointe nicht jetzt schon vorwegnehmen, aber ich darf doch erwähnen, dass das, was kommen würde, Gegenstand wilder Diskussionen der Gruppe war: Sollte man, sollte man nicht? Wollte man die erforderlichen Mittel möglicherweise beim Fenster hinauswerfen? War das Ganze nicht nur kindisch? Würde man Menschen kränken oder verletzen? Würden hohe Werte zerstört werden?


Nach langem, wild wogenden Dialog wurde ein Entschluss gefasst, sozusagen demokratisch, nach bestem Wissen und Gewissen, das Menschen in dieser Situation haben konnten.


Etwa ein Jahr später tauchte eine Produktion von Karls Firma auf dem Markt auf: Überall gleichzeitig, auf Streamingplattformen, auf Datenträgern, vereinzelt gab es sogar noch Sexkinos, in denen aufgeführt wurde. Werbung verursacht Erwartungshaltungen, und man erinnerte sich noch an ihn.

Und als die Konsument*Innen (ja, Karls Stil wurde auch bei den Frauen angenommen) den Film ansahen, begann dieser in geschmackvollem Ambiente, mit guten und ansehnlichen Schauspieler*Innen in einer glaubhaften Geschichte mit Spannung und Witz. Ein Wohlfühlfilm, erinnerten sich die meisten Zuseher an Karls Stil.


Die Kamera kroch in einer Einstellung von der Straße am Boden entlang durch ein schmiedeeisernes Gittertor, das sich wie von Geisterhand öffnete. Contemporary Jazz, bekannte Stücke bekannter Interpret*Innen, man hatte sich sogar Urheberrechtsgebühren geleistet. Die Kamera schlängelte sich weiter über den gepflasterten Hof, zwischen Pflanzenkübeln hindurch, durch eine offene Balkontür.

Das Musik, Licht, Reflexe, Bewegung, Stimmung, waren so gut aufeinander abgestimmt, der Film war schon in der Einleitung so gut gemacht, dass alle Menschen ihre Sehnsüchte zu spüren begannen und sich dem Film grenzenlos hinzugeben anfingen. Jeder fand seine Geborgenheit, und doch gab es die Ahnung von Erregung und Lust, weil es ja ein Porno war.

Kinobesucher erlebten die umfassendsten Sinneseindrücke: Durch feine Düsen, unbemerkbar für die Besucher, wurde ein fruchtiger Duft mit einer schwülen Note in die Säle gedampft. Je weiter die Kamera vordrang, desto stärker wurde das schwüle, nasse heiße Aroma, und möglicherweise waren hier so gar Endorphine beigemischt, Glückshormone und Sexuallockstoffe.

Die Kinosessel, riesige gepolsterte Sofas, waren in den letzten Jahren mit Infraschallgebern ausgestattet worden, die ebenfalls zunehmend angesteuert wurden und die Bäuche und Lenden der Kinobesucher unbemerkt, aber wirksam zum Vibrieren und Pulsieren brachten, sodass die Spannung, die Hitze, der Duft im Saal wild anstiegen und die Besucher*Innen schwer zu atmen begannen.

Diesen Genuss hatten die Pornozuseher vor den Bildschirmen ihrer Computer, Tabs. Handys nicht. Alle Zuschauer hätten sich natürlich nur an ihre Partner*Innen halten zu brauchen, um sozusagen das Original zu erleben. Aber das soll hier gar nicht diskutiert werden.

Die Kamera kriecht weiter, auf einem Fliesenboden, durch mehrere Türen, über eine Treppe mit einem roten Teppich, Holz, reinweiße Wände, helles Ambiente, Sonnenlicht indirekt. Die nächste Tür, die sich öffnet, führt in ein abgedunkeltes Zimmer. Vielleicht lässt es ja nur der Kontrast dunkel erscheinen, doch die rote Farbe überwiegt. Ein roter Teppich, ein Riesenbett mit roter Bettwäsche.

Unter der Decke räkeln sich Menschen, Umrisse, aber alles ist noch unklar. Nein, die Geräusche sind eindeutig. Lustvolles Stöhnen, ein Mann röhrt beinahe wie ein Hirsch, aber langsam, gedämpfter, weicher, träge.

Die Kamera erreicht die Bettkante. Der Rahmen ist ebenfalls mit rotem Stoff überzogen. Der Blick schwenkt nach oben, schiebt sich hinauf, unter den Rand des roten Lakens, das ein wenig herabgehangen ist, gleitet weiter nach vorne. Man sieht nur bis jeweils zur nächsten Falte. Das Bett pulsiert. Die Kinosessel pulsieren, der Blutdruck der Zuseher steigt auch zu Hause, und sie wischen sich über die heiße Stirn, nesteln an ihrer Wäsche herum. Die Kamera nähert sich vom Fußende und wird mitten ins Geschehen kommen, bald.

Die Decke hebt sich, entlang eines Beines, eines langen, glatten, wohlgeformten Beines, das zwischen rotem Laken und Decke fast künstlich aussieht, unwirklich, wie Bildhauerwerk, Der Blickwinkel wechselt zum Bein hin, auf eine Parallele zum Bein, gleitet auf dieser Spur nach oben. Unscharf wird ein weiteres, ein behaartes Bein sichtbar, mit muskulösen Waden und scharfkantigen Knien, weitere Körperteile kommen ins Bild, geschwollen, dampfend, ein rubinroter Dschungel, der sich da verschlungen wälzt, ächzt und stöhnt, wie auch die Zuschauer*Innen wild zu atmen beginnen.

Und genau in dem Augenblick, in dem man auf die Scham der Darsteller*Innen sehen können müsste, in dem diese geschwollenen, heißen, nassen Körperöffnungen im Bild aufspringen müssten, in dem ein – oder mehrere – Penisse durchs Bild stehen müssten und steif pochen und aufragen, als Zeichen der Kraft und des Wollens, wie Fahnenstangen bei einer Parade, gerade in diesem Augenblick fährt etwas Undefinierbares, dunkles, gefährliches, zuschnappendes, aus der Bildmitte hervor, so wie eine Schlange zustößt, eine Echse auf ihr Opfer.


Die Zuseher fahren erschrocken zurück. Vorbei ist die Lust der Seele, der Zauber der Szene. Das Erwachen liegt vollflächig und ruhig auf dem Zwerchfell, das Bild ist indifferent graublau geworden, und man sieht keinen Übergang zwischen Boden und Hintergrund, keine Lichter, keine Schatten.

In diesem Graublau stapft Karl gemessen hin und her. Drei Schritte nach links, drei schritte nach rechts. Karl sieht nicht aus wie Karl, und die Zuseher hätten ihn auch nicht als solchen erkannt, wenn er sich ähnlich geschaut hätte, weil sie andere Körperteile wesentlicher wahrgenommen hatten von Karl, bislang, als sein Gesicht.

Karl sah aber auch für seine Bekannten nicht aus wie der Mensch Karl. Er war in Maske, und die war großartig gemacht. Ein Teufel, Mephistopheles, ein Satyr, ein Ungeist: keine Hörner, allenfalls eine leichte Andeutung, nicht unsympathisch, gleichzeitig aber abgrundtief bösartig. Zur Maske trug er passende Bekleidung, einen Gehrock, etwa 1750 a.D., ein Rüschenhemd, Kniehosen, Kniestrümpfe, Schnallenschuhe. Alles etwas übertrieben, alles etwas zerrissen und zerschleißt, alles etwas verbrannt und verschmiert und rußig.

Und Karls Züge wechselten, von liebevoll zugehend, verachtend, bösartig, entrückt, interessiert, lachend, herablassend, interessiert, zu jeweils wieder anderen Gesichtsausdrücken. So rasch, so wenig fassbar, dass man ihn nicht zu beschreiben vermocht hätte in seinem Charakter.
Und diese Figur stapfte hin und her, die Hände am Rücken gefaltet, und nach etwa einer halben Minute des Stapfens blieb Karl stehen und sah direkt in sein Publikum, so, dass jede*r sich angesehen fühlen musste, so sah er, und sagte:


»Nehmt euch nicht für so wichtig, ihr Wichser!«



Der Film ging dann als Film weiter, und es war, wenn man so will, sogar als eine Art Sexfilm, weil es gab Sexszenen genau so wie Sequenzen aus dem täglichen Leben. Der Film war im Grunde eine Parabel über ein ganzes Leben, vielmehr über die Leben der Darsteller, und die spielten witzigerweise nicht einmal irgendwelche Charaktere, sondern nur sich selber.

In seiner Art war der Film großartig, und die Kritiker überschlugen sich, das, was sie gesehen haben wollten, mit Esprit zu beschreiben.

Das Publikum sah viel darin, zumindest so viel, dass der Film wirtschaftlich kein Flop wurde.


Karl zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück, nachhaltig, sodass diejenigen, die ihn später suchten, meinten, er müsse entrückt worden sein.
Aber wahrscheinlich ist das dieser Mann da draußen«, endete Ursula.


»Das soll er sein? Das glaubst Du ja wohl selber nicht?«, fragte Johann Sebastian Ursula. »Und warum weißt Du, dass er Karl heißt?«

Gedanken und ihre Masse


Stapfen und Treten in der Kälte: Inzwischen hatte die Wartezeit für Heinrich Hlawaty und dem Fremden doch ein wenig lang zu werden begonnen. Obwohl beide Männer gern - in einem stillen Einvernehmen - geschwiegen hätten, um später dann - in der Dreierrunde - zu sprechen, begannen sich die beiden Wartenden, um den Frost zu vergessen, zu unterhalten.

Sie waren bloß zu zweit, allein zu zweit, und so presste sie der Beginn einer Unterhaltung in eine Intimität, die so im Beisein eines Dritten, von Johann Sebastian Höllmüller, nicht stattgefunden hätte. Zu dritt wären sie entspannt nebeneinander gewandelt, hätten in elegischer Weise ihre Lebensgeschichten und -weisheiten dargelegt und betrachtet und ein wenig darüber philosophiert, in angenehmer Weise angeblich nicht wertend.

Sich in lediger Zweisamkeit selbst zu outen (das ist jetzt wohl sehr drastisch formuliert), wenn auch strikt im selbst gesteckten Rahmen, ist ein wenig wie Striptease, inklusive der Angst, wehrlos angetatscht zu werden. Johann Sebastian fehlte ihnen als Schiedsrichter und vorbeugender Zeuge.


Ich möchte jetzt kurz meine Meinung zu Gesprächen, nicht zu vorbereiteten Debatten über festgelegte Themen, sondern zu Alltagsgesprächen, erläutern:
Unterhaltungen zwischen Menschen betreffen entweder Pläne oder Werte, genauer gesagt Wertungen, Ansichten.
Gespräche über Pläne berücksichtigen den Rahmen für Kausalitäten, wie wir sie kennen, wie sie für den jeweiligen Plan eine Rolle spielen können. Sie sind »ereignisorientiert« und bewegen sich in Maßstäben, auf die wir uns irgendwann einmal geeinigt haben. Sie müssen sich in einer gemeinsamen Begriffswelt bewegen: »Machst Du mir zum Geburtstag meine Lieblingstorte?« Um den Wunsch nachkommen zu können, muss man schon die Tortenpräferenzen und das Datum des Geburtstages kennen.

Wenn eine gemeinsame Weltsicht nicht gegeben ist, dann kann es lustig oder schwierig werden. Stellen Sie sich bitte zum Beispiel einen Psychologen vor, der mit einem Mathematiker über einen für einen Automechaniker alltäglichen Sachverhalt diskutieren will. Beide analysieren einen Schaden und planen eine Reparatur, haben aber keinerlei praktische Erfahrung mit der Automobiltechnik. Das Ergebnis wird für Außenstehende, insbesondere für Automechaniker, entweder penetrant sein oder großartig.
Wenn hingegen ein Winzer mit einem Restaurantbetreiber über ein gemeinsames Vorhaben, eine geplante »Weinbegleitung« spricht, fahren beide die - ihnen ja bekannten - Kurven sorgfältiger aus, in auch für Zuhörer erwartbarer Weise, aber es sind wahrscheinlich nur mehr winzige, zarte Kürvlein, die da verliebt hochstilisiert werden.


Die andere große Hälfte der Dispute befasst sich mit Weltbildern, mit der Einstufung von Ereignissen, Sachverhalten, Persönlichkeiten, durch die Schaugläser dieser Weltbilder.
Man »betrachtet« Bestehendes und tauscht sich über diese Betrachtungen und seine Meinungen dazu aus: Was mag man, wer ist unsympathisch, was möchte man in der eigenen Biografie in keiner Weise sehen.
Man »richtet« die Nachbarin »aus«, man unterstellt einer Person öffentlichen Interesses Motive.
In (be-)wertenden Gespräche fließen hauptsächlich die Wertesysteme der miteinander Sprechenden mit ein. Das kann funktionieren, wenn diese sich ähneln. Das kann daneben gehen, wenn es Unterschiede gibt. Das wird daneben gehen, wenn man seine Werturteile ungefiltert in die Welt hinausposaunt.

Soziologisch- historisch gesehen ist die Respektierung der Werte des jeweils anderen wohl einer der Mechanismen, die zur beobachtbaren Entwicklung der Menschheit beigetragen haben. Ich denke ja, dass dies im großen Maßstab aber erst mit der Aufklärung Platz zu greifen begonnen hat. Zuvor waren in hohem Ausmaß Götter, eigentlich Religionen, der soziale Kitt für die jeweiligen Gesellschaften, Cliquen, Seilschaften.
Irgendwie bewegen wir uns zurück in eine solche dumpf-emotionelle Vergangenheit, scheint es mir.

Natürlich gibt es in der Wissenschaft unterschiedliche Meinungen. Dies gehört zum wissenschaftlichen Prozess. Mit dem eben Wissen geschaffen wird, indem die besseren Annahmen und Modelle sich durchsetzen, ausdrücklich mit der Aufforderung, durch noch genauere Fakten überholt zu werden. »Wissenschaft« versucht, dabei auch wertfrei zu sein. Die »Menschlichkeit« liegt in den jeweiligen Persönlichkeiten. Und die »Sündenfälle« finden in der wirtschaftlichen Anwendung statt. Schauen Sie nur einmal die Fernsehwerbung, wie sich Haarwuchsmittel, Zahnbleiche und gezuckertes Yoghurt auf »wissenschaftliche Forschung« berufen, wie ihnen weißbekittelte Eprovettenschüttler als unfehlbare, gottgleiche Wissenschaftler vorgeführt werden.

Aber man will ja nur leben, man will ja nur ein bisserl Geld verdienen. Und das geht auch mit der Gegenposition: Die eprovettenschwingenden Weißkittel mutieren zu Frankensteins (Frankensteinen?), und irgendwer sehr, sehr mächtiger arbeitet im Geheimen daran, uns zu verderben. Glücklicherweise gibt es aber Geheimwissen über die Erlösung, das gegen kleine Spenden gern weitergegeben wird. Sowas muss natürlich auch beworben werden, üblicherweise auf alternativen Kanälen ...


Es ist schwer, sich in einer derartigen Welt zurechtzufinden, und es mag verlockend erscheinen, sich auf einfache Modelle wie »Götter«, esoterische »Naturgeheimnisse« oder »Schicksale« zurückzuziehen, dorthin zurück zu gehen, woher wir kommen, worüber wir uns vor Zeiten schon erhoben haben. Oder man gibt Vollgas und begibt sich zur absoluten Spitze der Forschung, dorthin, wo noch nichts auch nur einem einzigen Review unterzogen worden ist. Hoffentlich fällt man da nicht auf einen Spinner oder Schwindler herein.

Man kann alternativ auch einfache Modelle postulieren, in denen man auf magisch-selbstverständliche Weise Mittelpunkt der und Maßstab für die Welt ist. Man hat recht, pasta! Daraus ist dann natürlich auch abzuleiten, dass sich alle anderen gefälligst ordentlich anstrengen müssen, damit es einem wohl ergehe und man ewig lebe, und dass man natürlich fehlerlos sei: Schuld trügen immer die anderen, woraus ganz natürlich das Recht erwachse, Schadenersatz für alles, was einem nicht genehm erscheint, zu verlangen. »Geiz ist geil!«.

Wussten Sie schon, dass man wahrscheinlich nicht weiß, dass man tot ist? Ähnlich soll es einem auch gehen, wenn man kognitiv suboptimal aufgestellt ist. »Dumm ist, wer Dummes tut!« (Copyright Mutter Gump). Um dies zu vermeiden, könnte man - ganz anders, aber auch nicht kompliziert - im Bewusstsein leben, dass das Leben ein Geschenk, aber eben begrenzt ist. Man könnte mit dem Wissen seiner Unwissenheit leben und versuchen, bestmöglich damit umzugehen (diese Methode ist übrigens auch wisswenschaftlich).

Grundsätzlich gilt aber auch in Disputen über Werte: Über Geschmack - und das meiste, über das wir sprechen, ist eben nicht umfassend erforscht, somit Gegenstand von Meinungen - kann man, braucht man aber nicht zu streiten. Schon gar nicht persönlich. Es muss andere Wege geben, Übereinstimmungen zu finden. Toleranz und Respekt wären solche Straßen. Dialektik hieße die Methode, denk ich. Aus der These und der Antithese entwickelt sich die Synthese, gern auch etwas Gemeinsames, eine Summe.. Alle gewinnen, und nicht erst seit Hegel...



Heinz und der Fremde machten sich die dargelegten Gedanken zu Gesprächen natürlich nicht, aber unwillkürlich spürten sie doch, dass in ihren ersten Gesprächen ein Vergleich, ein Abgleich ihrer Welten und Werte stattfinden würde. Mit Verletzungsgefahren, weswegen eine Dreier-Konfiguration irgendwie sicherer gewesen wäre. Es war schon ein gewisser Zug in dieser Begegnung: Alle unsere drei Männer wollten sich kennenlernen, fühlten sich bereits jetzt auf eine noch nicht erforschte, zarte Weise verbunden Sie hatten ja offensichtliche Gemeinsamkeiten: Alle drei waren sie Männer, alle drei waren sie »in den besten Jahren« (das sagt man nur so, zum Trost wahrscheinlich), und alle drei waren sie allein gewesen, als sie sich begegneten, am heutigen Vormittag. Mehr als nur vormittagsvereinsamt. Sie waren sich rasch sympathisch geworden, gerade nicht zu rasch, oder sie gingen zumindest davon aus. Und so hatte Heinz jetzt ein wenig Angst, dass bei einem vorgezogenen Zweiergespräch mit dem Fremden Brüche auftauchen könnten, die er allein nicht meistern können würde, dass ein Ungleichgewicht gegenüber Johann Sebastian entstehen könnte, durch eine ja dann längere Beziehung schon zum Fremden. Er zwirbelte suchend an seiner rechten Braue herum und schaute - was seinen Bekanntenkreis verwundert hätte - gar nicht unbekümmert und erwartungsfroh im Kreis herum.

Johann Sebastian ließ sich Zeit, ließ lange Zeit vergehen. Sie wussten ja nicht, dass er der Geschichte vom Porno-Karl lauschte. Heinrich Hlawaty vermutete eher, dass sein Freund mit seiner geschiedenen Gattin flirtete, wunderte sich über das Ausmaß, und grinste kurz auf. Vielleicht als Folge dieses Augenblicks holte er dann scharf und tief Atem und stieß - doch wieder vorsichtig und gepresst - hervor: »Hallo!«, (kurze Pause), »Ich bin der Heinz. Ich wohne und arbeite hier in der Ortschaft.«

Und dann erzählte er von seiner Frau, seinen beiden Kindern im Haushalt, der Arbeit. Er erzählte über sein Leben, wie er es sah, über seine Frustrationen, seine Sorgen, manche Erinnerung an Freudentage. Er erzählte nichts über seine Hoffnungen an die Zukunft. Jetzt zupfte er manchmal seine mächtigen Brauen. Manchmal schien er nach Zustimmung zu fragen. Sein Innerstes, seine Ängste, seine Erwartungen, würde er wahrscheinlich erst preisgeben, wenn er wusste, wer denn dieser Fremde war, was er denn von diesem Auswärtigen erwarten würde können. Er glaubte offenbar, sich etwas erwarten zu dürfen, sonst hätte er das Gespräch wohl gar nicht erst gesucht, zumindest nicht so viel Persönliches so unmittelbar ausgebreitet.

»Ich bin der Karl«, entgegnete der Fremde: »Karl Spangel. Ich bin vor einem knappen Jahr hierher gezogen, in das Haus meiner Eltern. Die sind beide schon verstorben. 40 Jahre lang war ich weg, in Wien, und tu mich schon ein bisschenl schwer mit dem Einleben. Ich kenn kaum mehr jemanden. 40 Jahre sind eine lange Zeit. Und ich bin halt einmal kein besonders geselliger Typ, und jetzt, mit den ganzen Corona-Quarantänemaßnahmen: Da kommt man ja kaum ins Reden«.
Auch Karl erzählte von seinem Leben, dass er verheiratet wäre, das zweite Mal schon, und zwei Söhne und eine Tochter habe, alle schon außer Haus. Er erzählte, dass er schon pensioniert wäre, dass er um sein vierzigstes Lebensjahr herum Prostata-Krebs bekommen hätte, in Behandlung stünde, dass medizinisch alles einen guten Gang ginge. Einfach wäre es aber trotzdem nicht, mit der Sexualität, mit der Beziehung und so. Seine Gattin wäre bedeutend jünger als er, müsse wohl noch zehn Jahre arbeiten. Dies und das habe er schon probiert, um damit leben zu können. Nein, Enkel gäbe es noch keine. So habe er vorgeschlagen, sich das geerbte Anwesen einmal anzusehen, instand zu setzen. Das anfängliche Pendeln aufs Land war über den Sommer zu einem Pendeln nach Wien geworden, die Intervalle hatten sich vergrößert. Alle zwei Wochen führe er für einen Tag in die Stadt, und sie wären sich zunehmend fremder geworden, er und seine Frau. Die Kinder bräuchten ihn auch nicht, sie sprachen alle eher selten miteinander. Viele Spannungen hatten sich im Lauf dieses Jahres abgebaut, waren eingeschlafen, die ganze Beziehung war eingeschlafen, als hätte sie nie existiert. Das mache ihn schon traurig, aber das Leben gehe nun mal nach vorn, in die Zukunft, bis zum Tode.
Sein Leben lang habe er bei der Wiener Berufsfeuerwehr gearbeitet. Ein insgesamt wunderschöner Beruf voller Abwechslung und voller Erfolgserlebnisse, geholfen zu haben. Aber man sähe doch Sachen, die die meisten Menschen nur aus Filmen oder Romanen kennen, zu kennen glauben: Tod, Leid, trotz der oftmaligen Freude, rasch geholfen zu haben. Wie viel schwerer hätte es vergleichsweise das Personal eines Hospizes, einer Onkologie, das den Menschen nur beim Sterben zuschauen könne.

Seinen Sinn hätte er auf seltsame Weise gefunden in diesem Beruf, seine Werte, Leben, Freundschaft, usw., und er verstünde nicht, warum Menschen sich über irgendwelche unbedeutenden Kleinigkeiten aufregten, stritten, als ob das Leben nicht nur vorübergehend sei, ein begrenzter Zeitraum.


Irgendwie entwickelte sich ihr Gespräch - zur lebhaften Wechselrede geworden - hin zu Tagesthemen und von dort aus zur Metaebene »Wirklichkeit«. Nachdem Heinrich mehrfach auf das Gewicht von Zahlen, Daten, Fakten, auf seinen Wunsch nach Evidenz, den er bei Johann Sebastian bewundert und gestibitzt hatte, auf die notwendige »Logik« von politischen, aber auch persönlichen Entscheidungen hingewiesen hatte, warf Karl ein:
»Ich halte unsere Fähigkeit zu Denken für eine großartige Gabe.
Die funktioniert aber auch nur deswegen so wunderbar, weil wir die Sprache und das Internet haben, unsere Gedanken und Erkenntnisse zu teilen (leider auch jeden Blödsinn), und viel grundlegender: die Schrift, um unser erworbenes Wissen über die Generationen weiterzugeben, sodass nicht jedes Kind neuerlich die Welt von Grund auf erlernen muss.
Ich glaube aber trotzdem, dass die überwiegende Anzahl der Gedanken, die wir uns machen, nur gedacht wird, um die Gefühle zu bedienen. Nur erkennen wir das nicht immer. Aber der eine legt seine Handlungen eben darauf an, geliebt zu werden, weil ihm das ein gutes Gefühl macht. Andere möchten bewundert, gefürchtet werden. Alles ist scheinbar als Zielsetzung möglich, aber es geht letztendlich doch immer nur um Gefühle!«
Heinz meine, das wären doch eher Spitzfindigkeiten, es gäbe Verantwortungen, eine notwendige Wirtschaft, notwendige Ordnung, um die jemand sich kümmern müsste. Sie debattierten ein wenig hin und her. Karl beharrte, allerdings versöhnlich, darauf, dass Gefühle sehr bedeutsam seien. Dass sie beispielsweise als maßgeblicher Anteil des Placebo-Effekts zum Wohlbefinden und sogar zur Gesundung und Gesundheit beitragen könnten, dass Glück, nach dem ja alle strebten, auch ein Empfinden sei. Letztendlich sei des Menschen Wille, und das wäre wohl das Streben nach Glück und Wohlbefinden, sein Himmelreich, wie man das so sagt.


Die Stimmung zwischen den beiden wurde zunehmend entspannter. Keine endgültig trennenden Unterschiede in der Weltsicht, bei den Werten. Das Gespräch war vielmehr befruchtend, erweiterte die Horizonte der beiden.

Karl kam auf sein aktuelles Thema zurück: »Ich merk ja an mir selber, wie sehr mir meine Gefühle zu schaffen machen können. Ich hab sehr mit meinem Krebs gehadert, eigentlich mit den Veränderungen in meinem Leben in Folge der Diagnose, und bin in eine zähe Depression verfallen. Da ich weiß, das Schreiben mir guttut, wollte ich darüber schreiben und bin zu einem Thema gekommen, das anfangs - wenn ich mich richtig erinnere - »Einen Tod zu sterben« hieß. Wahrscheinlich ist mir da vorgeschwebt, zu beschreiben, wie man Zug um Zug verfällt, wie aber parallel der Geist Zug um Zug wächst, um letztendlich über die Beschränktheit des eigenen Lebens zu triumphieren. Um mir selber Mut zu machen, nehme ich an, wollte ich so etwas schreiben.
Mitten in der Arbeitswelt bin ich aber nicht dazu gekommen. Meine Gedanken haben sich jedoch weiter gesponnen, und zum »Tod« kam das »Leben«. Ja, über den Mut zu Leben musste, wollte ich auch schreiben, vielleicht wiederum, um mir Mut zu machen.
Wozu aber leben: Na klar, es geht - zumindest aus meiner Sicht - immer um die »Liebe«. Nicht nur die partnerschaftliche Liebe, obwohl die mir sehr wichtig ist, sondern um die Liebe zur Welt, zum Leben, zu allem und jeden.
Mir war die Welt ja schon überwiegend schön, zauberhaft. Es gibt Menschen, für die die Welt genau das Gegenteil ist, und sie tun mir leid, egal, ob sie durch äußeres Unglück in eine solche Situation kommen, oder ob sie sich nur in ihr Unglück hineindenken oder hineinsteigern. Wenn sie sich selber die Geschichte ihres Unglücks erzählen. Mal um Mal.
Was Geschichten anbelangt: Ich habe bei der Feuerwehr eine ganze Zeit lang gebraucht, bis ich begriffen habe, dass es nicht ausreicht, seine Einsatzziele technisch zu erreichen. Unsere »Kundschaften« kennen sich ja überwiegend nicht wirklich in den zum Tragen kommenden technischen Angelegenheiten aus, und man muss ihnen erklären, warum das, was wir tun, taten, gut für sie ist. »Tu Gutes und rede darüber!« Die zugehörige Geschichte wiegt so schwer wie die Tat. Es geht also auch um Geschichten, »Narrativ« heißt das jetzt. Im ganzen Leben geht es um die passenden, die guten, die liebevollen Geschichten. Es zahlt sich aus, seine Geschichte zu erzählen. Es zahlt sich aus, zuzuhören.«
»Witzig!«, meinte Heinz: »Deine Geschichte über Geschichten findet sich in Deinen Geschichten. Und warum hast Du die Geschichten nicht geschrieben?«
»Wer sagt, dass ich sie nicht geschrieben habe? Ich habe immer wieder begonnen zu schreiben«, erklärte Karl, aber neben der fehlenden Zeit gab es da noch ein bemerkenswertes Ereignis. Ein norwegischer Schriftsteller, Karl Ove Knausgård, hat eine Romanreihe veröffentlicht, die - eingedeutscht - in etwa die gleichen Titelthemen anzusprechen schien, die auch ich zu behandeln vorhatte. »Sterben«, »Lieben«, »Spielen«, »Leben«, »Träumen«, »Kämpfen«. Ich hab mir die Romane sofort besorgt, alle auf einmal. Aber ich bin kaum zum Lesen gekommen damals. Jetzt stehen die Bücher bei mir im Regal hinter dem Bett, ich hab aber bislang nur hier und dort hineingelesen. Sein Schreibstil gefällt mir durchaus, seine Assoziationen. Seine Kraft, was immer ihn getrieben hat, es muss enorm sein. So viel zu schreiben. Ich mach mir ja immer Gedanken, wie man seine Geschichten kürzestmöglich verfassen kann. Ich bin nicht gut im Tippen. Ich kann ja nur mit zwei Zeigefingern eingeben. Das reicht aber: Die Geschichten entstehen von selber, so irgendwie aus mir heraus. Meine Tippfaulheit ist wie ein Filter. Einerseits möchte ich möglichst sparsam formulieren, andererseits kann ich nur so langsam tippen, dass ich nebenbei diese kurzen Formulierungen in meinem Kopf suchen kann. Insgesamt weiß ich meist selber nicht, was ich schreiben werde, wie lang ich am jeweiligen Tag schreiben werde. Aber es ist irgendwie erfüllend. Ich muss mich nur im passenden Moment vor den Computer setzen.«
Heinrich Hlawaty sah ihn leicht ungläubig an. Das hätte er jetzt nicht von ihm angenommen, was Karl so dächte, was in ihm steckte, dass gerade er, mit seinem Beruf, mit seinen Erlebnissen, so von Gefühlen sprach. Er sah Karl, den Fremden, den er ja noch gar nicht gekannt hatte, durch eine unerwartete neue Brille und dachte bei sich, dass der da mehr Mensch wäre, mehr an sich heranließe, als er vermutet hatte, allerdings auch auf eine andere Art. Wahrscheinlich war gerade der rechte Zeitpunkt für eine solche Öffnung gewesen.
»Noch etwas:«, setzte Karl Spangel fort: »Knausgård hat - trotz ähnlicher Buchtitel - doch über Anderes geschrieben als ich. Ich will mich dann immer ein wenig genieren, wenn ich wieder einmal mit der Nase draufgestoßen werde, dass ich so größenwahnsinnig war (und bin), anzunehmen, dass meine Gedanken so universelle und wichtige Wahrheiten wären, dass andere zwangsläufig ebenso ticken und denken müssten wie ich.« Heinz ließ diese Wortmeldung, bei der er sich am ehesten über das »genieren wollen« wunderte, unbeantwortet. Sie gingen weiter. Der Atem dampfte. Heinz wärmte seine Hände, indem er sie fest in die Manteltaschen drückte, und verbiss sich das Zwirbeln


Nach einiger Pause - Johann Sebastian war noch immer in der Bäckerei - begannen die Beiden wieder ihr Gespräch. Sie sinnierten ein wenig über Gefühle, wo sie denn herkämen, ein Erbe der Dinosaurier vielleicht. Schließlich sprach Heinz von der Energie von Gedanken und Gefühlen, und im sich daraus ergebenden Disput ergab sich die Frage, ob man diese Energien denn messen könne, welche Energien dies sein sollten, letztendlich, ob Gefühle denn ein Gewicht hätten. Schließlich - warf Heinz ein - habe er irgendwo gehört, nicht nur in einem Gruselfilm, der auch dieses Thema aufgegriffen hatte, dass Menschen beim Sterben, wenn also die Seele den Körper verlässt, um sieben oder neun Gramm leichter würden.
e Masse«, verbesserte Karl. Dinge habe eine Masse. Das Gewicht wird erst durch die Erdanziehungskraft verursacht. Wenn ich hier auf der Erde mit meiner Masse ein Gewicht von etwa 100 kg habe, dann hätte ich auf dem Mond nur etwa 17 kg, nur rund ein Sechstel des Gewichts auf der Erde. Ich könnte dann viel weiter und höher springen.«
Her Hlawaty mochte es ganz und gar nicht, belehrt zu werden, und fragte, wie die Erdanziehungskraft es denn anstellte, dass man in einer Kurve nach außen geschleudert werde. Karl schnappte den Haken und erklärte, dass niemand nach außen geschleudert würde, dass der Kurver eigentlich nur auf seiner geraden Bahn verbleiben wolle. Die eingeschlagenen Vorderräder des Autos, die an einer Achse befestigten Ketten eines Karussels, wollte den Betroffenen vielmehr aus seiner geraden Bahn ablenken, »um die Kurve herum«, was einer Beschleunigung aus der geraden Bahn heraus gleichzusetzen wäre. Dafür wäre eine Kraft aufzuwenden, die unter anderem mit der zu beschleunigenden Masse korreliere. Könne man gern probieren: Man brauche nur Gegenstände unterschiedlicher Masse an ein Seil zu hängen und sich damit im Kreis zu drehen.
»Aber eigenartig ist«, schoss Karl noch nach, dass die »schwere Masse«, also die Kraft, mit der sich Massen anziehen, genau gleich groß ist wie die »träge Masse«, als die Kraft, mit der sich ein Gegenstand einer Beschleunigung widersetzt. Da hat es einmal einen österreichischen Physiker und Philosophen gegeben, Ernst Mach, der gemeint hatte, die Massenträgheit wäre auf die Gravitation aller Himmelskörper im ganzen Universum zurückzuführen. Ob es da jetzt dazu eine klare wissenschaftliche Antwort gäbe wusste Karl nicht, aber das »Äquivalenzprinzip«, dass diese beiden Massen identisch wären, wäre Grundlage von Einsteins Relativitätstheorien, das wusste Karl zumindest überschriftendetailliert.

»Bei Gefühlen gibt es auch eine »Schwere«, mit der Gefühle an andere gebunden sind, und eine »Trägheit«, mit der man sich Veränderungen entgegensetzt.« Heinrich Hlawaty hatte sich während Karls Vortrags die dazu passenden Bilder vorzustellen versucht und eine Art Erleuchtungserlebnis gehabt. Er war gar nimmer aufgeregt oder schnippisch oder gar beleidigt, sondern hatte eine neue Fährte gefunden.

Aber Karl schien nicht mehr diskutieren zu wollen und schlug vor: »Ich erzähl Dir eine Geschichte, wie stark Gefühle auch bei Einsätzen eine Rolle gespielt haben.«.
Nachdem der Höllmüller noch immer im Bäckerladen war, meinte Heinrich, einverstanden zu sein, und Karl begann: »Sie treiben dich an. Sie halten dich fest. Man muss sich ganz schön zusammenreißen, um trotzdem helfen zu können, um etwas Sinnvolles zu tun, ohne höchstpersönliche Wertungen und Beweggründe, auch wenn Mitleid oder Wut dich fast zerreissen. Die Erinnerungen drücken mich gerade. Ich werd deswegen zur Beruhigung einen ordentlichen Anlauf nehmen, will ein wenig ausholen.«

Das Ungeheuer

Von traum-deutung.de. Danke!


»Ungeheuer« kann ein »Dingwort« (haha!) oder ein Eigenschaftswort sein. Im Kindermärchen kommt ein Ungeheuer, und im Vergleich zum Monster ist das Ungeheuer ja beinahe lieb. Das Ungeheuer ist uns nicht geheuer, das ist aber wieder ein bisserl was anderes als »ungeheuer« als Eigenschaftswort, das eher eine Vergrößerungswirkung hat: »Du bist ungeheuer stark - oder nett!«

Das Gegenteil vom Ungeheuerding ist das Geheuer, doch diese Gattung ist scheinbar ausgestorben, nicht aufzufinden wie z.B. ein magnetisches Monopol. Noch nie erschien mir ein Geheuer, nicht einmal im Traum.

»Geheuer« oder »Ungeheuer« wird man wahrscheinlich eher für den Betrachter. Und so kann ich denn allenfalls ein Ungeheuer sein oder werden.


Und sie erlebten

ungeheuer

wundersame Abenteuer«,

Heißt es in einem Kinderbuch


Wenn ich mich zurückerinnere, an die 1970er-Jahre, dann gibt es unter anderem Bilder von sonnendurchfluteten Kastaniengastgärten. Im Gegenlicht tanzten unzählige Mücken, die Erwachsenen sprachen irgendetwas, es interessierte mich nicht, und wir Kinder bekamen - zum Beispiel – eine Limo. Traubisoda, Sinalco, Libella oder Frucade, wie all die lokalen Marken hießen. CocaCola war ein verrufenes Getränk, nur für Volljährige. Die Flaschen hatten alle eine eigene, markenbezogene Form, waren aus Glas, und es war schon eine sinnliche Erfahrung, voller Vorfreude auf das köstliche, besondere Getränk die Glasringe und Kerben einer solchen Flasche entlangzurubbeln. Vielleicht kam Cola auch wegen der Flaschenform für uns Kinder nicht in Frage.

Die Designs verbinden sich mit der Erinnerung an mehr oder weniger gewagte Pin-Up-Bilder – z.B. in der Werbung für PEZ-Süßigkeiten – zu einer Erinnerung an eine gute, alten Zeit, die wahrscheinlich deswegen gut erscheint, weil sie mit unserer sorglosen Jugend verbunden ist. Nichtsdestoweniger muss sie aber auch unseren Eltern und Großeltern hoffnungsvoll erschienen sein: Der Krieg war vorbei, wirtschaftlich ging es aufwärts, und die Zukunft bestand aus Utopien, keinen Dystopien, zumindest nicht für die "einfachen" Menschen.

Mit den Flaschenformen haben sich wohl auch seinerzeit schon Designer beschäftigt, mit weniger gefinkelten Hintergrunderforschungen als in der Gegenwart, aber gleicherweise mit weniger Kostendruck. Mit Mut und Drive, und es war sexy, was sie da entworfen haben. Der Kostendruck hat die Oberhand behalten. Bis auf wenige Markenfirmen wurden die Designs ad acta gelegt oder maximal reduziert. Das sinnliche Empfinden will sich an einer blobbernden warmen Plastikflasche nicht einstellen (eigentlich auch nicht an einer kalten, und Literflaschen sind sowieso eine Kulturschande).

Wir leben in einer solchen Zeit, der dystopischen Literflaschenzeit. Alles ist so optimiert, dass dazwischen wenig leben kann. Leben eben. Ungeheuerlich.


Manchmal trauere ich ein wenig um diese Jugendsommertage, die sich nicht dagegen wehren, dass ich ihnen einen Heiligenschein verpasse.

Damals leben: Die Unmittelbarkeit kann man mit engen Jugendfreunden teilen, man kann sie jemanden Außenstehenden nicht vermitteln, höchstens eine Ahnung davon erzeugen. Man kann Identifikationsfiguren zeichnen, in die sich die Zuhörerin, Leserin/der Leser und *X hineinversetzt, damit zum Teilnehmer wird an dieser Erinnerungsverschwörung. Direkte Rede erzeugt Unmittelbarkeit, jedoch ist seither zu viel Zeit vergangen, als dass ich mich erinnern könnte, was damals alles so gesprochen wurde. Old Shatterhand und Nscho-tschi, die haben aufgrund unterschiedlicher Sprachen und des ehebaldigen Ablebens der Apatschenfrau nicht viel miteinander gesprochen. Buster Keaton gar nichts mit niemandem.

Paroles, Paroles: Wörter vs. Worte. Was wurde jemals gesagt, und was hat es damals bedeutet?


Ich stand im Gastgarten. Rundum war eine Art Hecke eingesetzt, mit breiten Durchgängen für die regulären Gäste, mit Schliefen, geheimen Tunneln für die Kinder, geduldet, damit diese nicht in Fadesse die Gartengesellschaft zu sehr störten. Ich schloff durch einen solchen Schlief und war noch nicht ganz durch, auf allen vieren, als mir von der anderen Seite in unmittelbarster Nähe Sie erschien. Mit dem liebreizensten Gesicht, das ich bis dahin gesehen hatte, blonden Zöpfen, einem spöttischen Schmoll-Lächeln und einem offenen angstlosen Blick durch meine Augen bis zu meinem Herzen, das sich aus seinen Befestigungen löste und in Richtung Bauch wegrutschte. Es fühlte sich fürchterlich an und großartig. Mir wurde im Gesicht heiß, mein Kehlkopf krampfte, und ich machte: »Hhh Hrr hrrk Haahh Hahhlooh!« Es war so anstrengend und zeitaufwändig, dass sich mein Blutdruck nochmals erhöhte. Sie sagte einfach: »Hallo!«, lachte mich kurz an, drehte sich um und lief weg, auf eine Wiese. Sie hatte ein rotkariertes Hemd an, eine kurze Schweinslederhose mit Trägern, lange Socken und irgendwelche Schuhe, geschlossene Sandalen nehme ich an. Als Kinder trugen wir damals in den Sommern alle geschlossene Sandalen, und deswegen kann man uns heute keine Stilbrüche vorwerfen, wenn wir Sandalen anziehen, auch mit Socken.

Das war jetzt wenig direkte Rede für eine Geschichte, oder. Aber aus meiner Erinnerung bring ich nicht mehr zusammen. Mir geistert viel mehr durch den Kopf: Ob ich vielleicht lederhosengeprägt bin, irgendwas mit rotkarierten Mustern habe, ob sich dadurch allgemeine Fetischabhängigkeiten ergeben haben, die sich jetzt bz.B. auch auf auffällige Ohrringe richten könnten.

Das Durch-die-Büsche-Kriechen bescherte mir auf jeden Fall meinen ersten Kontakt zu einem Ungeheuer. Zumindest meine erste Furcht, einem begegnen zu können. Man wusste damals ja, wo die Ungeheuer wohnten: Im dunklen Wald, in Höhlen, hinter den sieben Bergen.

Gut vorbereitet hatte ich keine Angst mehr vor dem »Drachen Saufeblut« und dem »Tiger Beißdichgut«. Der »Riesenritter Eisenbitter« konnte mich nicht schrecken. Ich wusste genau, hatte mir schon oft zurechtgelegt, wie ich mit diesen Fieslingen kurzen Prozess machen würde. Aber unbekannte Bedrohungen durch unbekannte Monströsitäten entgegentreten? Man muss sich ja sogar vor Viren und Bakterien fürchten, die so klein sind, dass man sie gar nicht sehen kann. In den Büschen, gleich ums Eck, konnte das Ungeheuer wohnen, vor sich hin dösend aber bereit, sich auf mich zu stürzen, wenn ich auch nur das geringste Geräusch machte. So schlich ich mich an, weiter, davon, und wusste genau, glaubte, dass ich nur mit Mühe und Not entkommen war. Ich glaubte in einer Welt, in der alles verbunden war, in der jede Handlung ihre unmittelbaren Folgen hatte. Zumindest glaubte ich es damals, und diesen Glauben ergänzte ich mit dem Wachsen meiner Welt, bis er mir nicht mehr genügte. Bis ich wissen wollte, verstehen und verändern können wollte.

Um erkennen zu können muss man die Dinge auseinandertrennen, zumindest am Anfang. Man muss analysieren, man muss verstehen, es ist mühsam, und am Ende aller Mühe ist man genau dort, wo man eben gerade ist, immer der Gefahr ausgesetzt, dass alle Hypothesen, auf die man sich in der Zwischenzeit zu stützen gelernt hat, mit einem Strich hinweggewischt werden können, wenn jemand etwas Tiefgreifenderes, Richtigeres, Allgemeingültigeres entdeckt hat.

Gnadenlos ist man als Analytiker, und wäre man nur ein solcher, so lebte man in einer kleinen und farblosen Welt. Und möglicherweise würde man auch die Welten anderer Menschen zerschneiden, entfärben und entwerten wollen. Ungeheuer?


Meine Kindheitsfreunde und -freundinnen bräuchten – aus meiner Sicht – nicht gegendert zu werden, so gleichwert waren wir uns damals. Alle landeten wir mitunter am Marterpfahl, alle fielen wir von den Bäumen, und alle wurden wir ausgeschimpft, gelobt und geliebt. Unsere Bösartigkeiten untereinander waren so seicht und so leicht, dass man sie heute, aus der Sicht des Alters, mit Neckereien verwechseln könnte. Ungeheuer existierten nur in der Nacht und in Höhlen. Dass ein Mensch ein Ungeheuer sein könnte, war unvorstellbar.

Mein erstes Mädchen war schön, so schön wie die Sonne, und sie wärmte mein Herz und anderes. Sie wollte entdecken, sie wollte erkunden, und sie wollte es mit mir. Ich dachte mir, hoffte, sie meinte mich, und so blieb ich zwangsläufig zurück, als sie weiter entdeckte und erkundete. Es schmerzte, doch der Abschied war nicht gegen mich gerichtet. Eigentlich war es mein Abschied, denn ich wollte nicht durch die Welt flattern, es war mir damals unvorstellbar, obwohl ich es später versucht habe, einer Liebe willen.

Nie wäre ich im Schmerz dieser ersten Trennung auf den Gedanken gekommen, Ungeheuer zu suchen.

Naiv und an Gutes glaubend war ich auch weiterhin (und will ich immer sein), dass ich wenige Ungeheuer sehe. So schön bin ich aufgewachsen, dass es lange keine gab in meinem Leben.

Meine erste Begegnung mit einem möglichen menschlichen Ungeheuer hatte ich in meinem Arbeitsleben. Näheres will ich gar nicht angeben, denn es soll auf der einen Seite ein bisschen im Dunklen bleiben. Auf der anderen Seite werden Sie drüber nachsinnen, wie es den genauer hätte sein können, und Nachdenken ist immer gut.

Ich war vorgewarnt worden, doch war mir das Ungeheuer nicht als solches, sondern als starke, bemerkenswerte, rundherum eloquente Persönlichkeit beschrieben worden. Deswegen war ich bei der ersten Begegnung überrascht, dass ich freundlich begrüßt wurde. Etwas unheimlich kam es mir vor, so, als ob ich erforscht würde, und ich machte deswegen das, was ich in fremden oder bedrohlichen Situationen immer mache: ruhig und knapp sein.

Trotz des Bemühens, keinen Vorurteilen nachzugehen, bemerkte ich beim folgenden »Smalltalk« über technische Fakten dann plötzlich Fehler und Dampfplaudereien meines Gegenübers, die ich ruhig und knapp nicht korrigierte. Ich hatte mir Abgrenzungen zurechtgelegt. Aber neben der verbalen Kommunikation lief da aber noch ein nonverbale, so deutlich, fast wie die gesprochenen Worte, die da insgesamt eine Frage an mich war: »Wirst Du dich unterwerfen?« Keine Frage für mich. So ist meine Welt nicht: Ruhig und knapp ging ich. Ich muss nicht jedermanns Feund sein.

Da mir ein vollständiges Wegbleiben nicht möglich war, war ich weiterhin seinem Drängen ausgesetzt. Es war mir kein Problem, meine Grenzen aufrecht zu erhalten, es gab keinen direkten Angriff, aber es war mir latent unangenehm. Außerdem bemerkte ich über lange Monate und Jahre hinweg die Entwicklung des Ungeheuers: Es war gierig, gierig nach allem, was es als »wertig« erkennen konnte (keine Überlappungen mit meinen Werten. Was bin ich jetzt, im Nachhinen, froh!) Und es nahm sich alles, was es kriegen konnte. Auf der anderen Seite spielte dieser Ungeheuerliche den Entrüsteten, den moralisch Empörten, wenn er auf seine Untaten angesprochen wurde. Naja: »Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen!«, meinte schon Helmut Qualtinger. Und eine erkennbare menschliche Schwäche ist Ansatzpunkt für allerlei gute Streiche.

Entwickelt hat sich dieses Möglicherweise-Möchtegern-Ungeheuer nicht, genauer gesagt ist es nicht gewachsen, sondern ein immer kleineres Rumpelstilzchen geworden, das wahrscheinlich in absurden und nichtigen Nachbarschaftsstreitigkeiten verdampft ist. Und körperlich wurde es zerbrochen. Von Athritis, von Athrose, vom Zipperlein in den Gliedern, den Organen und im Kopf. Von einer ausgleichenden Gerechtigkeit?

Obwohl es jetzt klein und ungefährlich ist, das Zwischenzeit-Ungeheuer, existiert es doch in den Erinnerungen vieler ehemaliger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als mächtiger, gnadenloser Teufel, und einige Menschen sind tatsächlich an ihm zerbrochen. Ich muss das einmal näher überprüfen, aber ich glaube mich erinnern zu können, dass sich diese Unglückseligen alle einmal mit dem Ungeheuer näher eingelassen hatten.


Seit dieser ersten Begegnung, die mein Sensorium für mögliche menschliche Ungeheuer erweckte und gleichzeitig auch verfeinerte, hab ich doch einige »Ungeheuer« in meinem Leben getroffen. Irgendwann hat mir der Gedanke gefallen – ich war ja landkatholisch erzogen worden – dass die Ursachen für das Werden von Ungeheuern sich mit den sieben Hauptlastern der christlichen Kirche treffen könnten. Da ich später auch etwas mit Psychologie und Psychotherapie zu tun gehabt hatte, da ich gern forsche, wurden auch diese Laster – oft auch als »Todsünden« bezeichnet – hinterfragt. Herausgekommen ist, dass man fast überall Angst als einen Urgrund ansehen kann. Angst vor dem Verhungern als Urgrund für Neid und Gier. Angst vor Verletzungen als Urgrund für stolze Zurückweisung. Die Verantwortung für Angsterzeugung liegt wahrscheinlich im Umfeld, in der Erziehung, in der Kindheit, in argen Prägungen. Es bleibt aber dem Individuum überlassen, wie es mit seinen Ängsten umgeht, ob es Mensch bleibt oder Ungeheuer wird.

Mit menschlichen Ungeheuern kommt man also auch nicht weit, obwohl »homo homini lupus«. Das macht man dann meistens über Kompetenzenteilung: Der eine schafft die Ungeheuerlichkeit an, der andere vollzieht sie, und keiner fühlt sich verantwortlich. Der Delinquent begegnet nur selten nicht nur seinem Henker oder Richter, sondern direkt seinem Antagonisten, der dann als Ungeheuer erkennbar und greifbar wäre. Und weil es dem Einzelnen kaum je gelingen will, gibt es im Theater, im Film, in der Literatur und in der Politik das Rollenbild des »Rächers«, der natürlich auf Seiten der Guten steht und den Bösewicht, also das Ungeheuer, sichtbar und genussvoll um die Ecke bringt


Wissen Sie – oder können Sie sich vorstellen –, wie es sich anfühlt, wenn beim Fahrrad die Antriebskette reißt. Im Dahinbrodeln, beim Bergauffahren, beim Bergabfahren (mit der Option, dass die Hinterradbremse über Rücktritt funktioniert oder Sie ein Rad ohne Freilauf fahren). So ungefähr fühlt sich das Ende einer Beziehung an (ich meine Beziehung, nicht bloß irgendeine andere Art von belanglosem Verhältnis). Und es ist unerheblich, ob Sie die treibende Kraft waren oder dominiert wurden.

Immer wieder branden Erinnerungen heran und mit ihnen Wellen der Traurigkeit. Man denkt und fühlt und es stellen sich Sinn-Fragen und Warum-Fragen, obwohl Sie wissen, dass es zwecklos ist, in solchen Fragenuniversen herum zu eiern. Das Positivste ist noch, dass Sie sich im Schmerz spüren, ihre Persönlichkeit und derer Außengrenzen und Beschränkungen. Wenn Sie aufwachen, können Sie artikulieren, was Sie nimmer wollen, was Sie sich zu wollen vorstellen können.

In Wellen kommt die Trauer und dazwischen die Vernunft. Die Vergangenheit zeigt ihre eine und andere Seite, sodass man entdeckt, wer man war, wer der/die andere war. Und dass es keine »Wahrheit« gibt, und keine Schuld außer der, die Beziehung fallen gelassen zu haben. Dass es keine menschlichen Monster gegeben hat, auch wenn man in den Sinn- und Warum-Fragen manchmal meinte, entsprechende Spuren aufgefunden zu haben.

Ein paar mal erlebte ich solchen Trennungsschmerz in meinem Leben. Bitte hören Sie genau zu: »Solchen«, meine Art von Trennungsschmerz. Man kann das natürlich auch anders leben:

- Wenn man der oder die ist, die sich »neu orientieren« will, dann geht man ja eher in Richtung einer rosig erscheinenden Zukunft, die vieles übertönt.

- Als »Verlassene(r)« kann man Verteidigungsstellungen für einen angemessenen Rosenkrieg aufzustellen beginnen. Der Hass kommt zunehmend von selber und findet gern geschäftsmäßige Unterstützung bei spezialisierten Rechtsanwaltskanzleien (um was geht es denn da oft wirklich? Haben Sie schon bedacht, dass vieles sowieso zu den gemeinsamen Kindern geht, später einmal, und dass Sie vielleicht gar nicht die angebliche Luxus-Villa erhalten können, später?).

Die feindlichen Ungeheuer, die da gezeichnet werden, die da aufzutauchen erscheinen, die erwachsen zwar einer direkten Konfrontation zweier unmittelbarer, grenzenloser Gegner, weil die Grenzen ja erst wieder errichtet werden müssen, nach ihrem Verlauf und ihrer Undurchdringlichkeit. Die Ungeheuerlichkeit der »Feinde« schrumpft schnell, und nach einiger Zeit ist man sich meist gar nicht mehr Feind, dann nicht mehr gram, erinnert sich freundlich des Stücks gemeinsamen Weges. Und lächelt.


Wenn man die Angst bezwingt, wenn man auf sich selbst und den möglichen Lauf der Dinge vertraut, dann sollte man keinen menschlichen Ungeheuern begegnen. Ich hab jedoch eines kennengelernt, im Halbdunkel, im Halbwahren, in einer halben Wirklichkeit in einer anderen Zeit. Ein menschliches Monster aus den Tiefen einer vergessenen Vergangenheit. Sein Wollen, seine Wut, sind nicht in Worte zu fassen; es lauert beständig im Hintergrund, zu verletzen, zu töten, zu zerstören, zu entwerten ....

Seid froh, es nicht zu kennen.

Das Haus am See war hässlich. »Baumeister-Jugendstil« hieß die Manier, in der – ja eben – Baumeister versuchten, die architektonischen Ideen der damaligen stilprägenden Stararchitekten nachzumachen. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, und so findet der eine dieses schön, der andere das. Der Geschmack des Planers und/oder Errichters der Möchtegernvilla war anders gewesen. Weder hatte er irgendwelche üblichen Proportionen eingehalten noch Regelmäßigkeiten und Wiederholungen, z.B. von Fensteröffnungen, die einen Eindruck von Ordnung und Klarheit vermitteln. Aber diese Abweichungen schienen nicht gewollt provokant, sondern eher Folgen von Schlampigkeiten beim Messen und Bauen zu sein. Man brauchte eine Weile, bis einem bewusst wurde, dass das Unwohlsein beim Betrachten des Gebäudes auch auf diesen schludrigen Proportionen beruhte. Zu bemerken waren im ersten Augenblick eher Mängel, hängende Fensterläden, an denen der Lack abblätterte und die Verbindungen sich lösten, ungeputzte Fensterscheiben, die nur mehr an einzelnen Kittfragmenten hingen, verzogene und verbogene Dachrinnen und Beschläge, abgeplatzte Sichtziegel und zerfallene Zierputzelemente. Es war wirklich kein schönes Haus gewesen, von Anfang an, und es war hässlich gealtert.

Das machte ihm aber nichts aus, er sah es gar nicht, dieser »Er«, der »Er« in diesem Kapitel. Und wir wissen nicht, ob er es durch Gewöhnung nicht mehr sah, ob er außerstande war, es zu sehen, oder ob er es zwar sah, aber aus Trotz, aus Widerstand gegen alle und alles, behauptete, so tat, als würde er es nicht bemerken. Es war sein Haus. Er hatte es nicht gekauft. Er hatte es geerbt, von einer Großtante. Und doch war es irgendwie nicht sein Haus, obwohl er darin wohnte, im Dachgeschoss, weil es gab vier Mieter in diesem Haus. Vier »Parasiten«, die aufgrund des Alters des Hauses und ihrer Mietverträge fast nicht loszuwerden waren. Das ärgerte ihn jeden Tag, fast ununterbrochen. Am Haus selbst lag ihm nichts, so ein Mensch war er nicht, der sein Herz irgendwo dranhängen würde. Das war bei Häusern nicht so, bei Autos, bei Freundschaften und bei Frauen.


Tja, das mit den Frauen, das ist ja bei uns üblich, dass man heiratet, eine Familie gründet, Kinder hat. In der Werbung lachen dann immer alle und scheinen glücklich. Er hatte es, ohne über Grund und Sinn nachzudenken, ebenfalls versucht, es war nicht zum Glücklichsein. Die Frau hatte immer irgendetwas gewollt, laufend seine Ruhe gestört. Schon allein das Kennenlernen, wie er es in Erinnerung hatte, war unschön gewesen: Er hatte das drückende Gefühl gehabt, von einer Schlange oder einem Raubtier fixiert worden zu sein. Er war einer Beziehung sicher nicht nachgelaufen, seine spätere Frau hatte ihn gedrängt. Rasch und bestimmt.

Da war nichts Bequemes oder Schönes dabei gewesen,
nd sie hatte auch nichts Wesentliches mitgebracht in die Ehe. Was Liebe sein könnte? Wahrscheinlich nur ein Wort, irgend so etwas wie Geilheit, er wusste es nicht, er wollte es gar nicht wissen.

Immer hatten sie gestritten, vom ersten Augenblick an. Er konnte sich an gar keine Tage erinnern, an denen sie nicht gestritten hätten. Und wenn sie einmal freundlich getan hatte, dann war das so falsch und verschlagen, dass jetzt noch der Zorn in ihm wuchs, in der Erinnerung.

Nein, das mit den Frauen war nichts. Aber er war stärker geworden. Er hatte sich gewehrt. Unschöne Blitzlichter über wilde Szenen blitzten manchmal in ihm auf. Mit den Rechtsfolgen, die ihm das Luder eingebrockt hatte, musste er immer noch kalkulieren. Sie hatte sich trennen wollen von ihm, und es war ihm nur recht gewesen. Sie hatte gekämpft, unfair, mit den Mitteln von Frauen eben. Die werden ja total bevorzugt in dieser Gesellschaft. Er war hart geblieben, hatte sich gewehrt, ein bisserl sogar ins eigene Fleisch geschnitten hatte er sich, um ihr ja nichts zu lassen. Hauptsache, dass sie nichts von ihm mitnehmen konnte. Salü!

Das Haus ärgerte ihn ja auch. Permanent waren Rechnungen zu bezahlen, dauernd fielen Reparaturen an, und er hatte den Verdacht, dass seine Mieter nicht nur schlampig lebten, sondern sogar hin und wieder absichtlich etwas zerstörten, um ihn zu ärgern und aufzuscheuchen. Naja. Er ärgerte sie ebenfalls: Preiserhöhungen, selbst wenn er sie zurücknehmen musste. Ordentliche Reparaturabrechnungen, ein bisserl was musste schon abfallen für seinen Aufwand. Lustig ist es, Strom oder Wasser abzustellen für ein paar Tage. Das Abwasser ist perfekt. Kein Bad, keine Abwasch, kein Klo:: »Der Abfallstrang muss ausgewechselt werden!«". Und er hatte ja eigene Installationen, in seinem Dachgeschossausbau

Und trotzdem: Nein, so wollte er das Haus nicht. Wenn er darüber nachdachte, über den Aufwand, über die laufenden Kosten, dann wollte er das Haus überhaupt nicht.

Und als er aus dem Auto stieg, seinen Groll startete, und über den Grünstreifen zwischen Straße und Gehsteig zur Eingangstüre gehen wollte, da spürte er – schon beim Auftreten – dass er in eine einen warmen, dicken, weichen, stinkenden Hundekothaufen getreten war.


Da den Medien in den Vor-Corona-Zeiten die Stoffe ausgegangen waren, hatten Sie begonnen, Banalitäten zum aufregenden Thema zu erheben (muss man so sagen), und jeder Schmafu wurde als Besonderheit hingestellt. Mit einem solchen Weltverständnis mag es dem Laien fast mystisch erscheinen, dass man nach einem Brand, wenn doch alles verkohlt und zerstört durcheinander liegt, nachdem die Feuerwehr alles mit Wasser durchnässt und einen guten Teil Brandschutt ausgeräumt hat, dass man unter solchen Umständen überhaupt noch Brandursachen ermitteln kann. Es ist möglich, und in den meisten Fällen ist es gar nicht schwierig. Diese Tätigkeiten – in »modernen« Fernsehserien taucht dazu immer der Begriff »Forensik« auf – ist nichts als eine Mischung von Beobachtungsgabe, Ermittlungstätigkeiten an der Brandstätte, Motivenuntersuchung und Psychologie:

Die ankommende Feuerwehr beobachtet genau – No Na – wo es denn brennt, wo es raucht, was rund um die Einsatzstelle passiert, wer anwesend ist, was während des Vormarsches ins Haus auffällt. Sind Türen versperrt, geschlossen, offen. Wo brennt es wie heftig? Welche Farbe haben die Flammen? Wie heiß ist es? In welche Richtungen zieht der Rauch, usw.

Nach dem Brand beginnen – gleichzeitig – die technischen und die kriminalistischen Ermittlungstätigkeiten. Dazu gehört eine genaue Bestandsaufnahme: Wie wurde die Einsatzstelle vorgefunden? Wie sieht sie unmittelbar nach Beendigung der Löschtätigkeiten aus. Aufgrund der Dichteverhältnisse zwischen heißer und kalter Luft breiten sich Flammen und Rauch normalerweise nach oben aus, wobei es durchaus Konstellationen geben kann, in denen die Ausbreitungsrichtung aufgrund von Durchzugsverhältnissen anders verläuft. Der Einbrand – also wie Materialien durch die Hitzeeinwirkung zerstört werden – erfolgt von außen nach innen, bei Holz typischerweise mit etwa 1 mm/min. Aha: Damit können wir also sehen, wie lange es schon gebrannt hat. Und Sachen verlieren ihre Festigkeit bei Brandeinwirkung. Da fallen zuerst einmal die Bilder von der Wand, die Hängeschränke in der Küche, und bedecken die Küchenkästchen unter sich. Vielleicht werden dadurch die Arbeitsplatten vor Brandeinwirkung – zumindest ein bisschen – geschont? Und so können wir schon rekonstruieren, wie die Dinge in zeitlicher Reihenfolge abgelaufen sind.

Bei jedem Brand entsteht – da die Rahmenbedingungen ja nicht so genau »eingestellt« sind wie bei einem Ofen oder einem Verbrennungsmotor - Rauch. heißer, giftiger, ätzender Brandrauch als Mischung zwischen Luft, Gasen, Aerosolen, Dämpfen und Partikeln, z.B. dem Ruß. Dieser Rauch kann sogar brennen, und da hat selbst die Feuerwehr gewaltigen Respekt. Sie haben sicher schon die Begriffe »Flashover« oder »Backdraft« gehört, über die ich mich hier nicht verbreitern will. Aber zum Rauch ist noch etwas festzustellen, was im Bezug auf die Brandausbreitung wesentlich ist: Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie z.B. bei einem Entstehungsbrand am Herd die ganze Wohnung in Brand geraten kann? In der Form, dass die Flammen sich über die brennbaren Küchenschränke zum Vorhang weiterfressen, und was weiter? Wie kamen die Flammen dann so schnell auf die andere Raumseite? Es ist nicht etwa so, dass überall brennbare »Verbindungen«, so eine Art »Zündschnüre« zwischen den Einrichtungsgegenständen bestehen müssten, damit das eine das andere in Brand stecken kann? In der Realität läuft das in Gebäuden etwas anders ab: Bei jedem Brand entsteht dieser heiße Brandqualm, der – unmittelbar über der Flamme – die gleiche Temperatur hat wie die Flamme selber, etwa 1.200 bis 1.500° C. Und dieser heiße Rauch ist auch brennbar. Wenn genügend Sauerstoff im Raum ist, brennt der Qualm wunderschön ab. »Dancing angels« – »tanzende Engel« – kann man das nennen, wenn man will. Die Hitze des Qualms, der sich rasch im oberen Teil eines Raumes ausbreitet, und der Flammen in der Rauchschicht strahlen von oben auf die Wohnungseinrichtung, und nach einiger Zeit – wenigen Minuten – beginnt alles unter diesem »Heizstrahler« zu brennen, alles auf einmal. Schagartig, nicht etwa nach und nach.


Wenn Menschen bei – oder in Folge von – Bränden zu Tode kommen, dann war es auch meist der Brandrauch. Entweder sie versterben bereits nach wenigen Atemzügen an der unmittelbaren Giftwirkung der Inhaltsstoffe. Bei einem solchen Szenario muss man immer an Blausäure und Kohlenmonoxid denken, das den Sauerstofftransport im Blut behindert. Man erstickt, obwohl man mechanisch atmen könnte.

Das Kohlenmonoxid war früher beliebtes Selbstmordinstrument und leicht zugänglich, da zu etwa 50 % im ehemaligen »Stadtgas«, das aus Kohle erzeugt wurde (übrig blieb der »Koks«) enthalten. Der Selbstmörder brauchte nur den Kopf ins Backrohr zu stecken, das Gas aufzudrehen, und das war´s. Und vielleicht ist dann auch noch die Wohnung – oder sogar das ganze Haus – explodiert. Das geht heute so nicht mehr. Erdgas ist nicht unmittelbar giftig, allenfalls durch Sauerstoffverdrängung in der Umgebungsatmosphäre. Da würden sie vor dem Exitus ganz schön und grauslich japsen. Natürlich nur, falls sie dazukommen, weil das »moderne« Erdgas (Methan) schon in geringeren Konzentrationen in der Raumluft ordentlich explosiv wird, als sie bräuchten, um tot zu werden. Und ob man bei einer Gasexplosion stirbt, ist nicht gesichert. Jedenfalls macht man ziemlich viel kaputt und tötet möglicherweise andere Menschen. Die können nichts dafür und würden vielleicht noch gern länger leben. Damit ist eine solche Vorgangsweise aus mehreren Gründen strafrechtlich sehr relevant.

An Brandrauch können Sie aber auch noch nach Stunden oder Tagen versterben, nachdem Sie vermeinten, gerettet worden zu sein: Durch die Ätzwirkung des Rauches kommt es zu Lungenödemen, den Austritt von Plasma in die Lungen. Kein schöner Tod. Und deswegen geht es nach jeder Rauchinhalation mit der Rettung vorsorglich ins Spital.

Und wenn die ganzen Rauchinhaltsstoffe nicht mehr oder weniger spontan gewirkt haben, ist es immer noch möglich, dass Sie nach Jahren oder Jahrzehnten eine ordentliche Krebserkrankung aufreißen. Naja. Achja! Zigaretten machen – im kleinen – auch was Ähnliches.

Entschuldigen Sie diesen Exkurs zum Brandrauch. Bei der Brandursachenermittlung ist er deswegen von Bedeutung, weil er heiß ist, nach oben aufsteigt und an allen kalten Bauteilen oder Gegenständen kondensiert. Man kann also auch nach einem Brand leicht feststellen, welchen Weg der Qualm genommen hat, wie dick die heiße Rauchschicht an der Decke war. Nur dort, wo es besonders heiß gebrannt hat, da finden sich keine sichtbaren Rußniederschläge. Dort sind diese Kohlenstoffverbindungen verbrannt, weggebrannt, sodass nur das blanke mineralische Mauerwerk übrig geblieben ist, durchzogen von Rissen und Sprüngen in Folge der Brandhitze.

Gebäude, technische Einrichtungen, Konstruktionen, werden eher durch die Hitze, durch die heißen Flammen, zerstört. Einerseits verlieren die meisten Baumaterialien durch Hitzeeinwirkung ihre Festigkeit, ihren strukturellen Zusammenhalt. Andererseits dehnen sie sich grundsätzlich aus, sodass es zu Abplatzungen, zum Zerfall von Mörtel und Beton, zum Verbiegen von Stahlbauteilen kommt. Aluminium, Magnesium brennen überhaupt mit. Teile, die fest eingespannt sind, Materialien, die eine rasche ungleichmäßige Erwärmung nicht aushalten, zerspringen und zerplatzen. Alle dichten Behälter bauen bei Erhitzung im Inneren einen Druck auf und »zerknallen« letztendlich durch hohen inneren Überdruck, beginnend bei den Spraydosen bis zu irgendwelchen Druckbehältern, Gasflaschen. Was dann passiert, hängt vom Inhalt des Behälters ab. Meist ist es beeindruckend und gefährlich, immer aber anders als bei Actionfilmen im Fernsehen, in denen Autos explodieren, nur weil sie – nach Überfahren einer Leitplanke - mitten im Sturz auf dem Weg in den Abgrund sind. Es sind übrigens nicht nur die Effekte anders bei den Filmen, auch das persönliche menschliche Leid bleibt im wirklichen Leben nicht ausgeblendet, sodass nach einer durchschnittlichen DC-Comics-Verfilmung die Sozialhilfesysteme der Länder, in denen die Handlung spielt, zumindest genau so gefährdet sein müssten wie durch Covid 19. Und einige Versicherungen würden pleite gehen.


Als Mensch Betroffener wird Ihnen die Hitze meist nicht wehtun. Sie sind ja schon durch Rauchgasinhalation auf dem Weg in die ewigen Jagdgründe. Ohne solche Betäubung tut´s schon sehr weh. Spielen Sie doch einmal mit der Heißklebepistole, wenn Sie diesen Schmerz nicht kennen.

Deswegen waren Hexenverbrennungen an der frischen Luft ausgesucht grausam. Die Haut, mit allen Nervenenden, rötet sich, wirft Blasen, stirbt ab, graufarben, löst sich in Schichten und verkohlt letztendlich (das sind die 4 Verbrennungsgrade). Die Hitze geht durch die Haut ins Bindegewebe, in den Muskel. Man spricht hier von »subkutaner Verbrennung«. Hitzerezeptoren sind in diesem Gewebe seltener a
zutreffen als in der Epidermis, dafür ist die Anbindung an diverse körperinterne Kreisläufe besser, sodass die beim Verbrennen und subkutanen Kochen des Gewebes entstehenden Zerfallsstoffe rasch überall dorthin transportiert werden, wo sie nicht sein sollten. Insbesondere die Nieren kriegen da ihr Fett, genauer gesagt »Gift«, ab, und zwar ordentlich.

Deswegen muss man bei Verbrennungen rasch dafür sorgen, dass der Kochprozess möglichst sofort gestoppt wird, indem man nämlich mit Wasser kühlt, einer sanften, eher lauwarmen Brause. Man kühlt bis zum Eintreffen der Rettung, bei kleineren Wunden ohne Spitalsnotwendigkeit doch etliche Minuten. Weniger angebracht sind manche Hausrezepte mit Öl, Mehl, außer sie gehen diesen Weg konsequent weiter, mit Salz, Kümmel, usw.


Bei der Ursache nach der Quelle geht man nach einem Eliminationsverfahren vor: Was alles kann vorneweg ausgeschlossen werden: ohne Gewitter kein Blitzschlag, ohne Kompressor keine Verdichtung zündfähiger Gemische, ohne Raucher kaum ein Zigarettenstummel. Grundlegend unterscheidet man hier zwischen Zündungen durch Wärmeentstehung, z.B. durch die Reibung eines losen Keilriemens oder durch Schlagfunken oder in Folge eines Wärmestaus, weil irgendwelche Kühlrippen – vielleicht die ihres schon älteren Kühlschranks – verdreckt sind. By the way: Übrigens findet man im Lüftungskanal hinter dem Kühlschrank am Boden viele der Dinge, die man lange gesucht, beinahe schon vergessen hat. Auch bei neuen Einbaukühlschränken. Aber Kühlschränke sind nicht bemerkenswert brandgefährlich, außer Sie verstauen die zu Silvester nicht verballerten Raketen in dem praktischen Luftschlitz hinter dem Küchengerät. Glauben Sie mir: Brandermittler haben da einen reichen Erfahrungsschatz, und selbst sie kommen immer wieder ins Staunen, was es nicht alles gibt.


Als letzten Themenbereich der Brandursachenermittlung gibt es - wenn keine ausschließlich technische Brandursache vorliegt – den Menschen. Es muss ja kein böswilliger Brandstifter gewesen sein, manchmal gibt es so einfache Denkkurzschlüsse, irgendeinen Irrglauben über irgendeine Sache, den Aufmerksamkeitsfokus auf anderen Dingen, eine erhöhte Risikobereitschaft, um schnell etwas fertigzumachen. Es gibt verfälschte Wahrnehmungen, weil wir zu sehen glauben, was wir zu sehen erwarten. Und es gibt die Angst, an irgendetwas schuld zu sein. Also braucht es hier auch ein wenig Psychologie, um an eine objektivere Wahrheit zu kommen

Schwieriger wird es bei Brandstiftern, die ihre Tat ja üblicherweise so anlegen, dass man ihnen - nach ihrer Hoffnung – nicht auf die Schliche kommt. Und falls Sie sich fragen, warum ich hier nicht auch von Brandstifterinnnen schreibe: Es gibt anteilsmäßig kaum Frauen, die Männer sind hier weit voran. Wenn ich zum Thema schon am Kategorisieren und Einordnen bin, darf ich auch noch anbringen, dass man bei den Brandstiftern praktischerweise zwischen zwei Typen unterscheiden kann: Den »erfolgsorientierten« Brandstiftern und den »werkorientierten«.

Zu den »erfolgsorientierten« gehören alle Täter, die einen Tatbestand verwirklichen oder die Spuren einer Primärtat verschleiern wollen. Dazu gehören also diejenigen Neider, die Hab und Gut ihres Nachbarn anzünden, um diesen zu schädigen, aber auch die, die ehedem ihre Buchhaltung verbrennen ließen, anstatt sie dem Finanzamt auszuhändigen. Das gibt es in Zeiten der EDV-gestützten Verrechnung aber eher nur mehr sehr selten. Anbetrachts dessen, welche Verbrechen so begangen werden, ist die verbrannte Buchhaltung aber beinahe ein Kavaliersdelikt gewesen.

Die »werkorientierten« Brandstifter legen eher Wert auf die Inszenierung, im Sinne von »Kunstwerk« oder »Performance«. Die Aufregung, der tolle Wirbel, und sie selber mittendrin, sie als »Master of disaster«. Sie können sich schon vorstellen, dass da ein ordentliches Eck in der Persönlichkeit des Brandstifters sein muss, und wahrscheinlich fallen Ihnen sofort die vielen Brandstifter bei der Feuerwehr ein. Ich möchte hierzu nur erwähnen: Zuerst war das Eck in der Persönlichkeit, und dann kam erst die Idee, dass man bei der Feuerwehr ja viel toller im weiteren Geschehen sein kann. Andere Anwesende bei einem Brandgeschehen fallen als mögliche Bösewichter rasch auf.

Ein Problem bei vielen Brandlegungen ist, dass die Täter sich nicht wirklich auskennen und meist auch keine besonderen Geisteskinder sind. Sonst wären sie - abgesehen von einigen wirklichen Profis – ja auch nicht Brandstifter geworden. Das Positive daran ist, dass man deswegen gelegte Brände in der Regel relativ einfach und rasch aufklären kann.

»Cui bono?«, »Wem nutzt es?«, ist die erste Frage, die schon alle möglichen Motive aufzeigt. Meist sind es Gier, Neid, Hass, Rachsucht, Versicherungsbetrug, die die Täter leiten. Neben einem offensichtlichen Beweggrund ist noch die Persönlichkeit des möglichen Täters zu berücksichtigen, Triebkräfte, Erfahrungen. Wie hoch ist das Aggressionspotenzial, wo liegen Reizschwellen, welche Formen sozialen Umgangs kennt der Verdächtige? Ein Täter ohne jedes Motiv und ohne jede erkennbare persönliche Anteilnahme wäre nicht nur als Brandstifter, sondern als Täter jeglichen Delikts schwer auszuforschen.

Solche Gedanken, Bilder, gehen mir durch den Kopf, wenn ich mich an damals erinnere. Wir waren an einem Sonntagnachmittag zu einem Brand alarmiert worden, an einem Frühlingssonntag, kühl, verhangen. Ein friedlicher Tag: Frau und Kinder waren wahrscheinlich mit irgendwelchen Hobbys beschäftigt, die Katzen lagen mit Sicherheit zu Hause auf den Heizkörpern und dösten. Auch in der Dienststelle ging es ruhig zu. Es war so ein Tag, an dem ich vom Hundertsten ins Tausendste komme, bevor ich »etwas Sinnvolles« zusammenbringe, aber ich brauche dieses Herumkramen in Erinnerungen, Gefühlen, Gedanken und Dingen offenbar. Ich weiß, dass dann die »sinnvollen Dinge« plötzlich da sind, ganz selbstverständlich geworden sind. Ich lasse diese »Gedankengrottenbahn« aus guter Erfahrung einfach passieren.

Der Alarm kam plötzlich, störend, aufweckend, und während mir Gedanken durch den Kopf schossen, was nun alles anders werden würde durch den bevorstehenden Feuerwehreinsatz, lief ich in die Fahrzeughalle. Zu sechst waren wir, zogen uns an, unsere dicken warmen Uniformen, die uns vor Stichflammen schützen sollten, zogen uns unsere Corona-Mund-Nasen-Schutzmasken über, besetzten ein Rüstlöschfahrzeug und fuhren zur Einsatzstelle. »Wohnhaus am See... BRAND«. Die ergänzenden Fahrzeuge und Mannschaften auf eine »Löschbereitschaft«, die bei Bränden üblicherweise alarmiert wurde, würden - bedingt durch den längeren Anfahrtsweg - in wenigen Minuten von der Hauptfeuerwache zur Brandstelle nachkommen. Eigenartig: plötzlich nur mehr Gedanken an den Einsatz. Eine alles andere ausschließende Anspannung. Nicht unangenehm, aber absolut besitzergreifend. Und zur Entspannung spuckten wir flapsige Bemerkungen, nur zum Schein ohne Adressaten, ins Fahrzeuginnere, auf der Fahrt, Einwortwitze. Auch als Versicherung, wie sehr wir uns aufeinander verlassen könnten. Es ist schon komisch: gerade erst war ein biederer Sonntag, und plötzlich waren wir alle bereit, unbekannten Gefahren, tatsächlichen Gefahren, gegenüberzutreten. Sogar mit einer gewissen Lust.

Das Haus am See brannte nicht lichterloh. Durch ein mittiges Fenster im 1. Stock konnte man Flammen erkennen, aus allen möglichen Öffnungen und Knopflöchern des Gebäudes trat Rauch aus, der eher träge wie ein Grauschleier um das Gebäude hängen zu bleiben schien. Kalter Rauch an einem kühlen Frühlingstag. Fünf Leute standen vor dem Haus. Sie wirkten nicht aufgescheucht. Innenangriff, mit Atemschutz! Naja, Schwitzen ist Schwitzen, die Herstellung der Einsatzbereitschaft des Fahrzeugs nach dem Einsatz würde länger dauern.

Unsere Adjustierung, das Anlegen der Atemschutzgeräte, das Mitnehmen der Ausrüstung, die Inbetriebnahme der Pumpe waren so eingeübt, dass jede Andersartigkeit geschmerzt hätte. Wir hatten beschlossen, ich ordnete formell an, mit dem Angriffstrupp und einer Schlauchleitung in das Treppenhaus zu gehen; das Gebäude war nicht groß, nur ein Erdgeschoß, ein Obergeschoß, Keller, Dachboden, und unsere nachkommenden Kräfte konnten ja gegebenenfalls die Wasserversorgung von einem Hydranten oder vom See her herstellen. Wir würden kein Wasser über das mitgeführte Tankwasser hinaus benötigen. Die Nachkommenden würden auch den uns unterstützen, mit ein paar Minuten Verzögerung halt. Aber die Situation sah wirklich nicht gefährlich aus, selbst nach ausgiebiger Gewissenserforschung.

Zwei Frauen und ein Mann mittleren Alters waren mittlerweile bis zu unserem Fahrzeug gelaufen. Sie waren doch aufgeregter, als es während der Anfahrt aus dem Fahrzeug erschienen war. Sie brabbelten wild durcheinander, und ich stellte die Standardfragen:

»Wo brennt es?« »Im ganzen Haus, überall ist Rauch, es war total gefährlich, dass sowas überhaupt passieren kann....«. Naja, die Fragen nach dem »Was«, dass da brennen könnte und dem »Wie« das den brennen könnte konnte ich mir da wohl ersparen. »Sind Menschen oder Tiere in Gefahr?« »Die Frau Turetschek ist nicht da, aber wir wissen gar nicht, ob sie zu Hause war. Vielleicht war sie ja bei ihren Kindern. Aber andererseits fährt sie nicht so gern herum. Sie fürchtet sich vor dieser Seuche da.«

Zwei Männer standen etwas abseits, begannen sich aber jetzt auch langsam zu nähern. Wir mussten ins Haus.


Im Erdgeschoß qualmte es fast gar nicht. Auf der Treppe in den ersten Stock wurde der Rauch dann dichter, aber heiß war es noch immer nicht. Hofseitig waren einige Gangfenster zersprungen, der Qualm hatte also hier abziehen können, zumindest der Rauch aus den Gängen und Stiegenhaus, zumindest zum Teil. Im Gang des ersten Stocks Obergeschosses waren offenbar eine Unzahl Kästchen, Regale und Kästen aufgestellt gewesen, wie sich später herausstellte, ein ganzer »Wandverbau«, der offenbar gebrannt hatte und ein- bzw. umgestürzt war. Naja, sowas sollte eigentlich nicht auf Gängen stehen: per Feuerpolizeigesetz an sich verboten, und wenn es die Behörden schon nicht exekutieren: Spätestens die Versicherung beruft sich darauf.

Hie und da flackerten kleine Flämmchen, Holzreste glühten und rauchten. Wir löschten das ganze mit ein paar kleinen Sprühstrahlstößen, vielleicht 20 l Wasser, und als der Dampf sich verzogen hatte, sahen wir, dass der Brand wahrscheinlich auf dem Gang seinen Ursprung gehabt hatte. Die Gangdecke und die Wände bis etwa 30 Zentimeter unter die Fensterstürze waren schwarz. Der Rauch hatte sich im Deckenbereich gesammelt und gestaut, bevor das Glas der Oberlichten im Gang gesprungen und herausgefallen war. Wie aus
einem verkehrten Stausee war der Rauch dann hier ins Freie abgezogen. Die Holztürstöcke aller Wohnungstüren, die Türblätter, sie waren im oberen Bereich angekohlt, der Lack hatte Blasen geworfen. Eine Tür stand einen Spalt offen, und Rauch und Hitze waren also wahrscheinlich auch in diese Wohnung geströmt, aber man konnte anhand der kondensierten Rauchschwaden eindeutig erkennen, dass die Hitze vom Gang aus eingewirkt hatte. Die Wohnung war jedenfalls dringend zu untersuchen.
Vorsorglich nässten wir mit ein paar kleinen Wasserstößen die dampfenden Türstöcke, die aufflammende Glut am Gang, und gingen dann in die offene Wohnung vor, in der dicht der Rauch stand. Hier gab es keinen Durchzug. Die Fenster auf der Straßenseite waren geschlossen, und die Temperatur des Rauchs war zu tief, sie zu beschädigen. Die Flammen an der Straßenseite hatten wir also eher durch ein straßenseitiges Stiegenhausfenster gesehen.

Fenster öffnen, Wohnung lüften, den Gang im Auge behalten.

Dann fanden wir sie, die Frau Turetschek. Die Wohnung hatte keinen Vorraum, sondern vom Gang kam man unmittelbar in eine kleine Küche, durch die man in die weiteren Räumlichkeiten gehen konnte. Neben der Tür zum »Wohnzimmer« war eine kleine Eckbankgarnitur aufgestellt, mit einem kleinen quadratischen Tisch und zwei Sesseln. Auf dem Fußboden zwischen einem Sessel und der Eckbank lag die Frau, leblos hingesunken. Es schien, sie hatte versucht, sich an der Bank hochzuziehen.

Mit meinen Männern, der Nummer eins und zwei, dem »Anser« und dem »Zwaara« in unserem Jargon, den ich herbeiwinkte, hob ich die Frau Turetschek vorsichtig an, und wir trugen sie aus dem Haus. Meiner »Nummer eins« deutete ich, in der Folge auf die Brandstätte aufzupassen. Ich selber begann mit Nummer drei und vier mit Wiederbelebungsversuchen. Erst wenn es Spontanatmung gibt, kann man beatmen.

Vor dem Haus war schon die Polizei, eine Funkstreife mit einem Polizisten und einer Polizistin, und hörte sich die ersten Aussagen der Anwesenden an. Wir riefen über Funk dringend eine Rettung und führten die Reanimation der verunfallten Frau fort, aber die zeigte keinerlei Lebenszeichen mehr. Irgendwie kann man den Tod spüren, als eigenartig kühle Steifigkeit, Teigigkeit. Die ersten Male erschreckt es.

Das Geschehen vor Ort hatte bis zu diesem Zeitpunkt erst wenige Minuten gedauert, und so nach und nach kamen weitere Feuerwehrkräfte an, die uns bei der Ersthilfe ablösten und bei den Nachlöscharbeiten unterstützten. Ich erstattete meinem Offizier Meldung und begann - auftragsgemäß - mitten zwischen meinen löschenden und lüftenden Kameraden mit der Brandursachenermittlung. Die Methoden hierzu habe ich Ihnen eingangs ein wenig erklärt. Sehr schnell war klar, dass es keine haustechnische Einrichtung gewesen sein konnte, die den Brand verursacht hatte: keine elektrischen Leitungen, keine Überbleibsel von Verlängerungskabeln oder Steckdosen, kein sonstiges technisches Gerät. Hell war es zum Brandzeitpunkt ja gewesen, also auch nur eine verschwindende Wahrscheinlichkeit, dass Kerzen zur Beleuchtung verwendet worden wären. Überall nur Holzreste, angesengte Bekleidungsreste, Zeitungspapierasche, angebrannte Schuhe mit geschmolzenen Plastiksohlen. Ein Teppichläufer auf dem Boden, unter dem ganzen Brandschutt, war zwar vollkommen verschmutzt, aber nicht angebrannt, nur an einem Rand neben der Brandstelle leicht angesengt. Wir würden den Brandschutt abtragen und ausräumen müssen, um die Brandursprungsstelle zu suchen. Das hatte angesichts der weiteren zu erledigenden Sachen aber noch Zeit.

Ich ging wieder nach draußen, nahm die Atemschutzmaske ab, holte vom Fahrzeug meine Corona-Maske und ging zu meinem Einsatzleiter und mit diesem zu den mittlerweile drei Polizeifunkstreifenwagen. Einerseits würden die Polizisten unsere Aussagen brauchen, andererseits wollten wir nachfragen, wie der Stand der Dinge aus polizeilicher Sicht war. Und ich hatte auch einige Fragen zum Haus, zu den Wohnungsaufteilungen, zu den Wahrnehmungen der Hausbewohner: Wie sie den Brand bemerkt hatten, was sie dann gemacht hätten. Ich genieße es immer, den Atemschutz abzulegen: Zuerst die Maske, und endlich streicht wieder frische Luft ums Gesicht. Man kann freier atmen. Irgendwann muss man dann eine Corona-Maske anlegen, aber im Vergleich zum Tragen von umluftunabhängigen Atemschutz ist das nichts. Trotzdem trat ich einige Male ein paar Meter auf die Seite, um ungehindert über Mund und Nase Frischluft nehmen zu können.

Eine kleinere Menschenmenge hatte sich neben dem Haus versammelt. Die Leute standen mit ein paar Polizisten am Straßenrand. Etwas abgesondert – vor der Kühlerhaube des ersten Polizeiwagens – vernahmen zwei Polizisten offenbar die Zeugen ein. Das war üblich so, und ich machte mich zuerst auf den Weg zur größeren Personengruppe, zu der sich mittlerweile auch die beiden anfangs abseits gebliebenen Männer gesellt hatten. Ich schaute mir die Gesichter der Anwesenden an, und meine gespannte Aufmerksamkeit wuchs jählings zur verkrampften Anspannung: Ich kannte einen der Männer.

Vor Jahren waren wir an einem Sommerabend an das Seeufer gerufen worden, einige Kilometer weiter, an einen öffentlichen Badestrand. Es war schon dunkeldämmerig. Der Einsatzbefehl lautete:«Bergen einer Leiche«.

Während der Fahrt dachte ich darüber nach, dass es ein Badegast sein könnte, der da ertrunken war, jetzt von Passanten oder irgendjemanden entdeckt worden war, der die Seeufer abends kontrollierte. Ein schöner Sommertag, ein milder Abend, ein unglaublich endgültiges Ende, voller Trauer für einige Hinterbliebene. Das Schlimme kommt immer unerwartet, aber vielleicht ist das gut so für uns.

Als wir am Seeufer ankamen, erwartete uns schon die Polizei: Eine Frau hätte man – also die späten Badegäste, die Besucher eines Ufergasthofes – beobachtet, die ins Wasser gegangen wäre. Natürlich habe man sie gesucht, nicht gefunden, deswegen Polizei, Rettung und Feuerwehr verständigt. Für uns war es also das Suchen nach einer vermissten Person, nach den Ergebnissen eines möglichen Dramas. Ich alarmierte den Tauchzug.

Dann hab ich IHN das erste Mal gesehen. Er musste ja jünger gewesen sein damals, vielleicht, aber dieses mürrische, etwas schwabbelige Gesicht mit diesen im Vordergrund leeren Augen und den gefährlichen Mundfalten: Ich hatte ihn sofort wiedererkannt.

Damals stand er bei der Polizei: Ja, er habe die Frau eingeladen gehabt, als Gast. Nein, er wüsste nicht, was sie mache. Er habe eher nur losen Kontakt gehabt, betont losen Kontakt. Er wäre ja nicht verantwortlich für jedermanns Wohlergehen.

Die Polizei würde ihre Arbeit schon machen. Zwei Taucher in Nasstauchanzügen gingen ins Wasser. Mit Scheinwerfern, aber die würden nicht viel bringen. Das Wasser – obwohl wir es sauber in Erinnerung haben - ist voller Schwebstoffe, die das scharfe Scheinwerferlicht auf kürzeste Strecke reflektieren. Man erzeugt einen Lichttunnel, wie Autoscheinwerfer im Schneetreiben, und was nicht im Lichtkegel ist, ist aus der Welt.

Meine beiden Taucher suchten den Bereich, den die Zeugen angegeben hatten, systematisch ab. Schlangenreihen in einem Quadrat von vorerst festgelegten 15 m Kantenlänge. Das Wasser war uferseitig nicht tief, sodass sie schnorchelten. Schon in der dritten Spur hatten sie Erfolg. Angesichts der Nähe zum Ufer war es verwunderlich, dass die Zeugen, die helfen wollten, nichts gefunden hatten.

Die Taucher zogen einen Leichnam ans Ufer. Unterstützt von meinen restlichen Männer hoben sie den Körper auf die Uferböschung, eine flachere Stelle, und legten ihn auf den Rücken.

Es war - vom Aussehen her – eine Chinesin. Etwa 1,65 m, zart, 45 Kilogramm, und eher jung gewesen. Keine Schuhe. Ein knielanger Rock, braun, eine helle hochgeknöpfte Bluse mit einem verspielten Kragen, eine beige Strickjacke. Sehr dezent, wie die ganze Erscheinung: Die Augen waren geschlossen und das tiefschwarze Haar fiel über die Schultern, glatt, Mittelscheitel, wie gekämmt. Die Tote hielt einen Laptop an die Brust gedrückt. Mit beiden Armen. Die linke Hand an der rechten oberen Ecke, die rechte Hand an der linken, die gekreuzten Unterarme drückten den Laptop an die Brust, fest, wie um ihn festzuhalten, zu schützen vor Räubern. Kann man im Todeskampf so beherrscht sein? Ich fühlte mich, wie wenn ich nach hinten ins Endlose stürzen würde, in ein kaltes, schwarzes, end- und gefühlloses Weltall fortgerissen, und die Erde, auf der es menschelte, wenn auch nicht immer zum Besten, so doch erinnerlich wärmend, war zu einem kleinen Punkt geschrumpft, würde bald verlöschen.

Was den Einsatz anbelangt, passierte nur mehr Erwartbares: Weitere Suche nach Spuren. Abdecken des Leichnams, Warten auf Rettung, Amtsarzt, Bestatter. Es war so standardisiert, dass ich mich nicht erinnern kann. Ich glaube mich aber erinnern zu können, dass ich damals aufgrund der Informationen, die die Polizei rasch zusammentrug, mit einer Geschichte im Kopf nach Hause zurückgekommen war: Er – das Ungeheuer – hatte sich offenbar eine Chinesin »geholt«. Zu dem Zeitpunkt, zu dem sich dieser Einsatz ereignete, hielten wir China noch beinahe für einen Dritte-Welt-Staat, der allenfalls Plastikramsch erzeugte, sodass ein »Frauenimport« plausibel war. Offenbar hatte er ihr die Ehe versprochen, sie dann aber hinausgeschmissen, wegen einer anderen, wenn ich mich recht erinnere. Die chinesische Frau hatte das alles einer Freundin in der chinesischen Community erzählt, die Polizei diese Freundin ausgeforscht, sie zur Einsatzstelle geholt, um den Leichnam zu identifizieren und sie zu vernehmen.

Die Tote war blass gewesen, seltsam symmetrisch, mit dem Mittelscheitel, den gekreuzten Händen, gerade hingestreckt auf der Böschung, unnatürlich im Licht unserer Arbeitsscheinwerfer. Die Situation war fremdartig gewesen, »strange«.

Es war klar, dass vor Ort nichts mehr zu erledigen war, als wir uns von den Polizisten verabschiedeten. Das Ungeheuer war ebenfalls »entlassen« worden, musste also nicht mit der Polizei mitkommen, schlich aber lauernd um uns herum, um nebenbei auch anzubringen: »Was habt ihr überhaupt von mir gewollt? Das geht mich alles überhaupt nichts an!«.

Ich verspürte wiederum die Kälte des schwarzen Alls, in das ich zuvor gefallen war. Jetzt erkannte ich, dass die Kälte vom Ungeheuer kam, das sämtliche menschliche Wärme auffraß.

Trotz des kleinen Blitzes, der mich beim Wiedererkennen des Ungeheuers getroffen hatte, ging ich zur Seite. Für mich ist es immer gut, erste Impulse zu unterdrücken und die Gedanken sich ordnen zu lassen. Ich setzte mich auf einen neben der Straße liegenden gefällten Baumstamm, um zur Ruhe zu kommen und zu entspannen.
Unter Atemschutz vorzugehen ist ordentlich anstrengend. Für Standardeinsätze verwenden wir Pressluftatmer. Da wird komprimierte Luft – fast 300 bar – in Flaschen am Rücken mitgetragen. Die strömt dann mit stark abgemindertem Druck zu einer Atemschutzmaske, die man über das Gesicht aufgesetzt hat. Die Atemschutzmaske wird im Helm eingehängt, sodass man sozusagen »am Kopf fest eingepackt« ist. Wenn man jetzt einatmet, dann wird durch den Unterdruck in der Maske ein Ventil geöffnet und die Pressluft kann einströmen, bis man mit dem Einatmen aufhört. Dann schließt dieses Einatemventil wieder.

Aber ganz so grob und einfach ist das Ganze nicht gebaut: Die Luft strömt nicht gleich zu Mund und Nase des Geräteträgers. Die Atemschutzmaske besteht vielmehr aus zwei Funktionsteilen: Der Außenmaske, die über das ganze Gesicht geht, mit einem Sichtfenster. Und in dieser Außenmaske liegt - über Mund und Nase – eine Innenmaske, wiederum mit Einatemventilen zur Außenmaske hin und einen Ausatemventil direkt ins Freie.

Wenn man also einatmet, dann entsteht zuerst ein Unterdruck in der Innenmaske, die Einatemventile zur Außenmaske gehen auf, und auch in dieser Außenmaske entsteht ein Unterdruck. Der öffnet das Einatemventil im sogenannten »Lungenautomaten«, und Luft kann in die Außenmaske strömen. Die wird dabei über die Sichtscheibe geleitet, damit diese nicht beschlägt, und strömt dann erst in die Innenmaske und in die Lungen. Nachdem sich die Pressluft dabei von einem hohen Druck auf nahezu Atmosphärendruck entspannt hat, ist sie angenehm kühl, verhältnismäßig angenehm. Hört man auf, einzuatmen, schließt der Lungenautomat, und wenn man ausatmet, strömt die Luft aus der Innenmaske, in die man ja dann hineinbläst, unmittelbar ins Freie. Dabei ist es von Vorteil, dass das Volumen zwischen Innenmaske und Gesicht relativ klein ist, weil dadurch verbleibt hier nur wenig Ausatemluft. Beim nächsten Atemzug bekommt man dann fast nur Frischluft und kaum Kohlendioxid aus der Ausatemluft ab.

Diese Kohlendioxiddiskussion gibt es ja auch beim Corona-Mund-Nasen-Schutz; im Vergleich zu Feuerwehrverhältnissen ist das aber lächerlichst.

Tja: unangenehm ist aber trotzdem – neben allen Tragegefühlen beim Atemschutz – dass die Luft wüstentrocken ist. Und so verbraucht man beim Tragen von Atemschutz unendlich viel Wasser. Einerseits vom Schwitzen, weil die Umgebung – no na – heiß ist. Andererseits aber auch durch die Atmung, indem die Ausatemluft aus den Lungen Feuchtigkeit ins Freie transportiert. Man bräuchte sich nur abzuwägen, nach dem Tragen von Atemschutz, und würde immer feststellen, dass man ein, zwei Kilo verloren hat, Wasser. Dieser Mechanismus eignet sich jedoch nicht zum dauerhaften Abnehmen. Das verlorene Wasser muss rasch ersetzt werden, sonst steigt die Kollapsgefahr.

Die Atemschutzgerätetype, die ich Ihnen jetzt beschrieben habe, eignet sich für Tragedauern zwischen vielleicht 15 min und 40 min, je nach Anstrengung. Niemand schaut auf die Uhr, aber dauernd auf das Manometer. Man denkt nicht in Zeiteinheiten, man denkt in Druckverlusten. Wenn Sie sich jetzt vorstellen, dass Sie in einen tieferen Keller hinein, wohin Sie sich erst durch den aufsteigenden Rauch und die aufsteigende Hitze vorkämpfen müssen, fünf Minuten, 50 bar, brauchen, dann ist relativ klar, dass Sie zum Ausmarsch mindestens nochmals so viel Luft(-druck) brauchen werden. Es gibt tatsächlich Einsatzsituationen, da stößt die Feuerwehr an Grenzen, weil es sich mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen – Luft, Schläuche, Wasser, Kabel, usw. – nicht ausgeht. Natürlich gibt es auch Atemschutzgeräte für die längere Verwendung: Wenn Sie gern kochende Atemluft einatmen, die sich bei der Wiederaufbereitung in einem solchen »Regeneretionsgerät« («Kreislaufatmer«, »Gegenlunge«) immer weiter aufheizt, dann sind Sie mit solchen Geräten gut bedient. Insgesamt hoffe ich, dass ich bei diesem Thema jetzt kein Geheimnis verrate, wenn ich zugebe, dass die Einsatzkräfte das eine oder andere Mal schon ein bisserl hasardieren. Aber nur, wenn es um die Menschenrettung geht.


Der Einsatz im Haus am See war nicht hart gewesen, eher eine Kleinigkeit nur, zumindest für uns. Für die Verstorbene – und ihre Angehörigen – und die Öffentlichkeit – stellt sich das natürlich ganz anders dar, sofern man das so sagen kann. Für uns war es beinahe alltäglich, und es war auch klar, welche Abläufe jetzt kommen würde: Die Rettung würde einen Notarzt anfordern, der würde den Tod feststellen. Die Polizei würde – aufgrund des Todesfalls – die Kriminalpolizei anfordern, wahrscheinlich auch einen Amtsarzt. Dann würde ein Bestatter kommen und den Leichnam übernehmen. Möglicherweise würde es auch eine gerichtsmedizinische Obduktion geben. Diese Abläufe brauchten alle ihre Zeit, kein Grund zur Eile also. Ich wollte noch abwarten, bis die Polizisten "frei" würden, also ihre ersten Erhebungen abgeschlossen hätten, bevor ich mit ihnen sprechen würde.

Die Rettung kam angerauscht; der schwere Kastenwagen schaukelte wild auf der Zufahrtsstraße. Unmittelbar hinter dem Einsatzfahrzeug, unmittelbar in der zarten Staubwolke hinter der Rettung hetzte ein PKW. Der schaukelte nicht, raste aber - mit konstantem Abstand – etwa nur fünf Meter hinter dem Rettungsauto her, sodass ich zu werten begann: die Psyche und die Fahrkünste des PKW-Fahrers.

Das Rettungsfahrzeug rollte aus, dabei halb von der Straße, und blieb stehen. Der PKW drängte vorbei und stellte sich etwa zehn Meter vor der ersten Funkstreife auf die Wiese am Straßenrand. Zwei Männer stiegen aus, auffällig unauffällig, und es war sofort klar, dass es die Krimineser waren. Mit der Polizei ist es ja eigenartig: Die uniformierten Polizisten sind schon irgendwie ein eigener Menschenschlag. Ich hab eine liebe Freundin., eine Krankenschweseter, die mir einmal erzählt habe, dass sie Lehrer*Innen und Polizisten (da gibts bei uns noch nicht viele *Innen) selbst im Pyjama im Krankenbett sofort erkennen würde, ohne Einblick in die Personalien. Ich muss bei dieser Erinnerung immer grinsen. Und beim Anblick dieser zwei Kriminalpolizisten ging mir das Bild der Krankenbetterkennungsvorgänge durch den Kopf: Meine beiden Herren Detektive würde sie wohl nicht erkennen. Aber ich kannte sie, vom Sehen, von früheren Einsätzen. Und so drückte ich mich, die Hände auf meinen Knien, auf in einen steifen Stand und stakste versulzt zu den beiden Neuankömmlingen hinüber, wobei ich ihnen mit der Hand, die für die anderen Anwesenden von meinen Beinen und Hüften verdeckt nicht sichtbar war, winkte, sie mögen sich Zeit lassen, ich wolle mit Ihnen sprechen. Aus einer Entfernung, die einem Teenager-Elefanten entsprach. Ohne Mund-Nasen-Schutz.

»Hallo! Danke! Ich wollte Ihnen nur was sagen. Da ist ein Mann, den ich kenne, wahrscheinlich der Hausbesitzer. Es hat im ersten Stock im Gang gebrannt, möglicherweise Brandstiftung, und....«. Weiter kam ich nicht. Der jüngere Krimineser, ausgesprochener VoKuHiLa, (VorneKurzHintenLang, Haarschnitt als dem vorigen Jahrtausend) quasi die Model für den Typus, bedeute mir, mich zu beruhigen und murmelte: »A Kundschaft, oida Bekannter...«. Dann zogen beide ihre Coronamasken übers Gesicht und gingen zielstrebig auf das Ungeheuer zu, das sichtbar stocksteif wurde und sich größer streckte.

Ich habe das, was jetzt kommt, mit eigenen Augen und mit Grausen gesehen - und doch nicht gesehen. Sie könnten sich das in etwa so vorstellen wie eine Szene aus einem alten Godzilla Film aus den 1960er-Jahren: Godzilla gegen King Kong (das soll jetzt ja sogar neu verfilmt werden. Welch Höhenflug der Phantasie!). Diese alten Filme wollten fürchterliche Macht und Gewalt zeigen, ein Analogon zu den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki. Doch waren die Trickkisten der damaligen Filmindustrie eher mager bestückt. Godzilla war ein Gummianzug, in dem ein sicherlich fürchterlich schwitzender Mensch steckte, und King-Kong funktionierte wahrscheinlich ebenso. Die Mimen sahen nichts, die Anzüge waren schwer und steif, die Bewegungen der »Monster« (nicht »Ungeheuer«) wirkten erklärlicherweise unbeholfen, ein wenig lächerlich. So lächerlich wie das, was sich gleich beim Haus am See ereignen würde, so unbeholfen, so aufgeladen mit Wut, Gewalt, so ungeheuer.

Die Kriminalpolizisten waren bei meinem Ungeheuer angekommen und hatten den Mann etwas beiseite dirigiert. Dort standen die drei mit den Gesichtern zueinander. Auch ich ging hin, langsam und verhalten. Ich war nicht eingeladen oder gerufen worden. Die anderen Anwesenden waren alle von der Polizei – oder Rettung, wenn sie sich untersuchen hatten lassen – entlassen worden. Ein paar standen herum und sahen mit einigen Passanten, die sich dazugesellt hatten, irgendwie fassungslos auf das Haus. Das habe ich bei Einsätzen schon oft erlebt, diesen Unglauben und diese Konsterniertheit, und es kommt mir immer ein bisserl absurd vor. Warum soll es denn nicht brennen können? Warum soll man denn keinen Unfall haben können? Warum nicht bei Dir, bei mir, bei Humpdi Dumpti oder Sebastian Lang? Warum stellt man »Warum-Fragen« zum persönlichen Schicksal, wo doch allgemein bekannt ist, dass diese nirgendwohin führen?

In einer anderen Gruppe trösteten sich die Menschen offenbar gegenseitig. Ältere Menschen, die Hausgemeinschaft. Ein Auto war weggefahren, der Freund vom Ungeheuer.

Ungeheuer zu den Kriminalbeamten: »Nein, ich weiß überhaupt nichts, ich war mit meinem Freund beim Birner-Wirten…«. VoKuHiLa fällt ihm ins Wort: »Man riecht es«. Er meinte wahrscheinlich einen Alkohol-Dunst. Ich war noch zu weit weg, um was zu riechen. Das angesprochene Ufer-Gasthaus war – wie man das euphemistisch so sagt – »rustikal«, folkloristisch »eine Pressluft-Hüttn«

Dann das eine und das andere Wort: »Es ist ja ihr Haus. Sie wissen also nicht, was da passiert sein könnte?« Der andere Polizist, untersetzt und bullig, schwieg noch immer, runzelte unentwegt die Stirn und schien irgendetwas zu beißen und im Mund herumzuschieben. Die beiden Polizisten waren ein Duo wie
Laurel & Hardy. Wahrscheinlich hatten Sie auch eine perfekte Rollenteilung »good cop – bad cop«, und ich wunderte mich, dass Hardy noch nichts gesagt hatte. VoKuHiLa argumentierte weiter mit Ungeheuer. Beide blieben dabei. Sowohl sprachlich als auch im Gestus erstaunlich ruhig. Hardy schwieg weiter, ging zum Wagen, stieg ein, kam nach ein paar Sekunden wieder heraus und ging - flotter jetzt – wieder zu seinem Kollegen, der sich über die letzte Minute mit dem Ungeheuer angeschwiegen hatte.. Dort blickte er bedeutungsvoll in die Runde, bis ihn beide ansahen, auch ich sah in an, alle in gespannter Erwartung, was denn jetzt kommen würde, nach diesem Aufmerksamkeits-Ankündigungs-Blick.

»Wir haben den ….. Das ist doch ihr Freund? Mit dem waren Sie doch beim Birner?«. Ollie machte eine geschwungene Pause: »Alko-Kontrolle. Fahren haben wir ihn nimmer lassen. Er ist jetzt gerade am KOAT (Abkürzung für »Kommissariat« – ungewöhnlich!) zur Vernehmung«. Nochmals Pause, aber kurz. Scharfer Einstieg, nur auf einer Meta-Ebene eine Drohung: »Der wird schon reden!«

Eine Brandlegung hatte für mich von Anfang an zu den möglichen Brandursachen gehört, nach der Bemerkung der Polizisten zur Vorgeschichte von Ungeheuer zu den plausiblen. Wahrscheinlich hatten auch die Polizisten das für möglich und wahrscheinlich gehalten, sie hatten eine Täterschaft oder Beteiligung von Ungeheuer für möglich gehalten, sie hatten bereits gewusst, dass er eher hart zu knacken sein würde, und sie hatten deswegen einen Flankenangriff gestartet, mit beruflicher Erfahrung, Abgebrühtheit, dem Wissen, was sie durchziehen könnten. Ich war beeindruckt von unserer Polizei und gleichzeitig gruselte mich ein kleines bisserl.

Ungeheuer erstarrte, sank ein wenig nach vorne ein, verlor ein wenig Spannung. Die Augen stierten gegen den Boden, eigentlich ins Nichts, und er sah von innen in den Spiegel seiner Pupillen, in seine Gedanken, ins »Narrenkastel«, wie man zu sagen pflegt.. Ich spürte förmlich, wie sein Geist mögliche Lösungen abklapperte, prüfte, verwarf, und wenn man die Mechanik seiner Gedanken nach außen durchgesehen hätte, dann wäre das wohl so ähnlich gewesen, wie wenn sich Godzilla aufplusterte, einatmete, die Arme nach hinten durchstreckte und sich groß und breit machte, um im nächsten Augenblick Feuer zu speien.

Ich war noch Meter weg von Ungeheuer und Kriminesern, aber die steigende Spannung war deutlich spürbar. Die optischen Eindrücke im Fokus wurden scharfkonturierter, die Zeit bremste sich spürbar ein, und ich tastete alle die Details vor mir mit Blicken ab, war erstaunt über die Spannung, die ich schlagartig in den Augen des drögen Ollies erkennen konnte.

Ungeheuers Blick hatte tatsächlich bereits Feuer gefangen, ein wilder flackernder Brand im Sturm, obwohl er selber noch absolut unbeweglich dastand, in einer komischen hängenden Haltung, die nach meinem Dafürhalten so gar nicht angriffig oder zur Selbstverteidigung vorbereitet aussah. Dann, mit dem Blick über den Körper am Boden angekommen, bei den Füßen von Ungeheuer, wechselte mein Wahrnehmungsfokus im Bodenbereich zu VoKuHiLa, dessen Körper hinauf, bis in sein Gesicht. Sein Blick: siegessicher, spöttisch, lauernd, gewalttätig, also mit allen Adjektiven versehbar, die ich mir dazu grauslich vorstellen kann, und ich fühlte mich augenblicklich entschuldigt für das Gruseln, das mich angesichts des Polizeitricks zuvor befallen hatte.

Es war wie beim gegenseitigen Erkennen von Godzilla und Kong, wie bei einem Revolverduell im Wilden Westen. Die erste kleine Bewegung, und alles würde explodieren. Es war noch gewalttätiger. Man spürte das Selbst- und Machtbewusstsein aller Beteiligten, bis die Luft fast surrte. Und sie surrte und geiferte und zischte leise, immer schärfer, die Spannung stieg und stieg und entlud sich letztendlich in einer Weise, die ich nicht erwartet hätte: Ungeheuer spuckte VoKuHiLa ins Gesicht. Nicht mit gespitzten, impulsiv ausstoßenden Lippen, sondern durch verachtendes Hochziehen eines Mundwinkels. »Speien«, so wie ein Wasserspeier, gefiel mir als Wort hierfür besser. Als Teenager hatten wir diesen Gestus geübt, das hier war die Perfektion. Zwischen den Zähnen schien er einen massigen, langgestreckten Spuckestrahl herauszupressen, mit unendlicher Präzision dem VoKuHiLa in das rechte Auge. Und nachdem der rechte Mundwinkel schon oben war, wechselte Ungeheuer in ein komplettes, ganzmundiges Grinsen, das aber nichts Lustiges an sich hatte. Und er blieb ansonsten rundherum absolutganz ruhig, öffnete die Lippen und krächzte weich »Hey Corona!«.

VokuHiLa hob mit der linken Hand das Revers seines Sakkos an der linken Seite an, griff mit der Rechten zum Schulterholster und zog seine Pistole, streckte den Arm aus und zielte auf Ungeheuers Schritt. Ollie sagte noch langezogen: »Nein!«. Es hörte sich an wie eine absterbende Sirene, eine gedämpfte absterbende Sirene, und ich war seltsam überrascht: Irgendwie hatte ich mich vielleicht doch in meiner Welt geirrt.

Ich weiß nicht, was wirklich passiert ist. Just in diesem Augenblick warfen meine Kollegen - beim Aufräumen der Brandstelle - Möbelreste aus dem Fenster vor das Haus, wo die aufeinanderklatschenden Bretter einen gewaltigen Krach verursachten. Ich war zwar der Meinung gewesen, der Knall eines Pistolenschusses müsse lauter gewesen sein, aber ich bin mir nicht sicher. Die Streifenpolizisten waren alle plötzlich da und bildeten rasch einen Ring um diesen anarchischen Platz. Sie schickten uns weg von diesem Ort, und bald darauf fuhren auch zwei Funkstreifenwagen ab.

Wir wissen alle nicht, was da passiert ist, und haben auch nachfolgend nichts gehört. Es gab keine Zeitungsberichte, die über den Umfang unserer eigenen Pressemitteilungen hinausgingen, es gab keine Zeugenladungen zu irgendwelchen Gerichtsverhandlungen. Natürlich diskutierten wir heftig über diesen Vorfall im Dienst. Etliche meiner Mitarbeiter haben Freunde bei der Polizei, aber auch auf diesem Weg erfuhren wir nichts. VoKuHiLa und Ollie hab ich auch nimmer getroffen, in meiner Restdienstzeit, und jetzt, nach einiger Zeit, kommt mir das Ganze vor wie ein schlechter Traum..

Weiter in Teil 2 mit Wechselwedding