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Teil 3

Wörterwärter - Teil 1


Die Zeit kommt aus der Zukunft, die nicht existiert,
in die Gegenwart, die keine Dauer hat,
und geht in die Vergangenheit, die aufgehört hat zu bestehen.

Augustinus Aurelius
lateinischer Philosoph und Kirchenvater
*13.11.354
†28.08.430

Auch wenn es sich lyrisch anhört: Das ist nur eine persönliche Meinung!
Ich




Teleaktor, Kapitel 1

Ich hab zwar Energieregulatorenwesen gelernt, aber ich hab mich gleich danach für die Arbeit am Teleaktor gemeldet. Ich wollte Credits verdienen, und zwar ordentlich, für ein paar Jahre, um mir anschließend ein schönes Leben gönnen zu können. Ich weiß schon, dass die Arbeit mit dem Teleaktor nicht das Gesündeste ist, aber bezahlt wird ordentlich. Ohne die Teleaktoren gäb es die Welt nicht so, wie sie ist. Wir schaffen die gemeinsame Wirklichkeit. Man kann sagen, dass wir eigentlich die ganze Gesellschaft zusammenhalten, die Welt am Laufen halten.

Sie wollen wissen, was ich am Teleaktor mache. Sie haben doch sicher ein Komm. Über das schicken Sie Bilder, Sprache, Botschaften, Dateien. Mit dem Teleaktor verbinden wir die Welt, können quasi Dinge schicken, Menschen schicken, und noch dazu nicht so langsam, Haha!, nur lichtschnell, wie ihr Komm, sondern mit unendlicher Geschwindigkeit.

Die ganze Remasuri begann im frühen zwanzigsten Jahrhundert, als Einstein seine Sicht der Raumzeit beschrieb und die Quantenmechanik formuliert wurde. So Regeln halt, wie kleinste Teilchen sich verhalten könnten. Die damals vorherrschende Meinung - das Komplementaritätsprinzip - sagte, dass solche Teilchen als Welle oder als Teilchen vorhanden sein könnten, wenn man das so ausdrücken will, und daraus ergab sich allerlei Spuk und Tollerei. Geheimnisvolle Fernwirkungen, Quantenverschränkung genannt, und halb tote, halb lebendige Katzen in Kisten. Die Vorstellung eines Raum-Zeit-Kontinuums, in dem die Schwerkraft gewissermaßen der Inhalt und gleichzeitig das Ergebnis dieses Kontinuums wäre. Ich kenn mich ja nicht besonders aus, aber das - Haha! - hätte mich auch verwirrt. Auf der anderen Seite ergaben sich aus Einsteins Untersuchungen doch viele neue Gesichtspunkt: Ein Urknall, dunkle Energie, in weiterer Folge auch dunkle Materie und Fragen nach der Geschichte unseres Universums.

Nach unserem heutigen Wissensstand funktioniert die Welt ganz anders, viel einfacher: Es gibt Zeit, eine Art Urtakt, aber die in unserer Realität vorhandenen Dinge haben alle eigene Raumzeitströme. Nichts ist - nona - gleichzeitig am gleichen Ort, und nichts passiert gleichzeitig, also raumzeitsynchron in diesem Urtakt. Wenn Ihr Nachbar den Rasen mäht, dann vergeht immer ein winziger Augenblick, bis sie das mitkriegen. Jede Motorzündung, jeden Auspuffknaller. Wenn im Centauri-System jemand furzt, dann kriegen Sie das erst rund vier Jahre später mit, und es nutzt ihnen gar nichts, zuvor auszumachen, zu welchem Zeitpunkt der Furzer sozusagen »Gas geben« solle, damit sie gleichzeitig sagen könnten, dass der jetzt, just zu diesem Zeitpunkt, also quasi gleichzeitig, furzt. Er könnte je verhindert gewesen sein, irgendwas andere könnte dazwischen gekommen sein. Aber vier Jahre später wird man dann feststellen: Der Furz war sozusagen gelogen, der Bericht darüber reine Spekulation.

Jetzt haben wir ein neues Weltbild, eine neue Technik. Das ist ganz schnell gegangen und hat die menschliche Zivilisation wahrscheinlich nachhaltig verändert. Am Anfang gab es schon einige arge Unfälle. Da wurde einiges in Zeitschleifen geballert. Naja, auch eine Form von ewigem Leben.

Nun sind die technischen Probleme aber behoben: Mit einer modernen Teleaktor-Maschine kann man - räumlich und von der Dauer her sehr eingeschränkt - Gleichzeitigkeiten schaffen.

Wie? Aus der Geschichte des Universums hat sich ergeben, dass es so etwas wie eine kosmische Inflation gegeben haben musste, eine Zeit, wenn man da überhaupt von Zeit sprechen kann, in der sich unser Universum überlichtschnell ausdehnte. In dieser Ausdehnung kam es dann erst zur Freisetzung von Energie und ihrer Umsetzung in Licht und Masse, was wir eigentlich als »Urknall« bezeichnen. Das mathematische Mittel, diese kosmische Inflation zu beschreiben, ist die Annahme eines Inflationsfeldes, das mit dem Urknall sämtliche Energie verlor aber dennoch, wie wir jetzt wissen, noch vorhanden ist, und, wie wir wissen, ein Quantenfeld ist. Das Inflationsfeld dürfte übrigens wieder aktiver werden. Wir merken das an der beschleunigten Ausdehnung des Universums. Damit wäre dieses Inflationsfeld sozusagen die »dunkle Energie« im Kosmos.

Man kann jetzt dieses Inflationsfeld anzapfen, sich sozusagen in dieses Feld hineinversetzen. Das macht ein Teleaktor. Dadurch werden die Führungswellen für die Aufenthaltswahrscheinlichkeiten von Quantenteilchen, aber auch von makroskopischen Objekten im Einflussfeld des Teleaktors, irrelevant. Theoretisch kann dann alles quasi gleichzeitig überall sein oder materialisiert werden. Damit es aber funktioniert und nicht viele Kopien eines Dings in verschiedenen Raumzeitströmen verdünnt werden, sollte sich das jeweilige Objekt jeweils nur in einer einzigen Raumzeitlinie aufhalten. Dazu tasten sich einerseits die Maschinen in die betreffende Welt vor und beamen ihre Objekte gerastert hin. Das ist natürlich sehr energieaufwendig. Man braucht nahezu unendliche Kräfte, um im Inflationsfeld zwischen zwei Raumzeitströmen zu wechseln. Diese Energien borgen wir uns wiederum von Quantenfeldern aus, mit Casimir-Generatoren. Damit die Welt, wie wir sie kennen, erhalten bleibt, müssen die Energien aber zurückgegeben werden. Darum sind Teleaktorreisen auch nur zeitlich beschränkt möglich, den Energierückstrom nützen wir für die »Rückreise«.

Beim ordentlichen Betrieb eines Teleaktors ist alles sozusagen alles »gleichzeitig«: Vorn das Meer, hinten die Berge, links Winter, rechts Sommer, alles am selben Punkt. Man kann dadurch über große Entfernungen auch ein wenig in die Vergangenheit oder Zukunft anderer Raumzeitströme hineinagieren, in anderen Raumzeitströmen, es ergeben sich daher keine Paradoxa, zumindest keine zeitlich unmittelbaren wirksamen.

Uns Teleaktorpiloten brauch man einerseits zur Steuerung der Maschinen, andererseits um Paradox für Passagiere auszuschließen. Das menschliche Denken ist - was Beweglichkeit anbelangt - schneller als die Lichtgeschwindigkeit. Sie können sich von einem Augenblick zum anderen an jeden beliebigen Ort denken. Wir haben Bilder und Beschreibungen entfernter Orte, um uns hindenken zu können. Damit steuern wir die Maschinen einmal grundsätzlich. Aber dann gibt es immer wieder Passagiere oder Dinge, die die Kopplung zum Startpunkt nicht ganz aufgeben, Paradoxa, Kausalitätskollisionen verursachen könnten. Auch da müssen wir was machen: Maschinen nachjustieren, Kopplungen löschen oder zumindest die Betroffenen psychisch betreuen. Sie kennen sicher Déjà-vu-Erlebnisse, bei denen Sie unbedingt glauben, etwas in ihrer Vergangenheit schon erlebt zu haben. Solche Déjà-vus sind unter anderem Überbleibsel von Teleaktor-Kopplungen.

Sie können sich vorstellen, wie anstrengend das ist, quasi permanent in Paradoxa, in negierenden Selbstbezügen zu denken. Es gibt ja nicht immer nur ein Gegenteil von Etwas. Natürlich sind wir umfassend geschult, natürlich arbeiten wir nur unter dichter Supervision, aber einfach ist es jedenfalls nicht.

Und es ist, das können Sie mir glauben, auch nach vielen Teleaktorreisen noch eigenartig. Tatsächlich könnte ja während einer Gleichzeitigkeit alles passieren. Physische Unfälle kann man durch ein kluges Szenendesign verhindern. Das können auch Computer errechnen. Aber dann gibt es auch menschliche Komponenten: Die Wahrnehmungen im Teleaktor, die nicht unbedingt mit der gewohnten Wirklichkeit zu tun haben müssen, Gefühle, Reaktionen. Das können nur wir Piloten beeinflussen; es geht um die Psyche. Es ist schon ein gutes Stück Arbeit, jedes Mal. Und es kostet mich Kraft. Nicht nur der Aufenthalt in der Zone, viel mehr noch der Eintritt und die Entkopplung. Manche muss man fast gewaltsam wieder mitnehmen. Angeblich gibt es auch manchmal Kunden, die gar nimmer aus den Gleichzeitigkeiten heraus wollen, extra hineingehen mit dieser Absicht. Das ist, so sehe ich das, fast wie ein Suizid.

Natürlich zelebrieren wir unser Pilotentum. Mit Uniformen, mit mystischen Verhaltensweisen. Es gibt keine Pilotenlegende, wir wissen nicht, woher wir unser Wissen haben. Wir trainieren und supervisionieren einander, die Älteren die Jüngeren, und wir hüten das Geheimnis unseres Könnens. Das ganze Teleakting wird natürlich mit allerlei Aberakadabera aufgeladen, als Ritual zelebriert. Wir haben unser Evangelium, das wir vorbeten, und dieser Rausch, der in den meditativen Gebetsformeln entsteht, macht es auch uns Piloten leichter. Zumindest mir. Man muss sich weniger auf Eindrücke und Einzelheiten konzentrieren, der Strom der Wörter reißt einen einfach mit. Es sind Zauberwörter geworden durch ihren Gebrauch..

»Tretet ein, wenn ihr frei sein wollt.
Tretet ein, und lasst alle alten und kommenden Wünsche vor der Tür.
Wir bringen euch zur Nullzeit und zum Nullpunkt, wo ihr überall sein werdet und nirgendwo.
Folgt uns im Vertrauen, und kommt mit uns zurück in die Raumzeit, die uns Heimat ist.
Und sprecht mit uns die Formel:
Mein Ich erkennt, dass ich lebe.
An meinem Leben erkenne ich, dass es meine Welt gibt.
An der Existenz meiner Welt erkenne ich das Sein, das Gegenteil von Nichts.
Und da ich bin, so werde ich überall und jederzeit sein.«


Ritterzeit, Kapitel 1

Wunibald war hungrig. Wunibald war meistens hungrig, denn er besaß nichts, mit dem er Essen und Trinken hätte erwerben können, das er Essen hätte klönnen. Im Jahr 1150 a.D., nach dem katastrophalen Ende des zweiten Kreuzzuges, hatten Ritter keinen guten Ruf in Europa (im »Heiligen Land« hatten sie den sowieso nicht, ich weiß nicht, ob da viel Unterschied zu heutigen Radikalisierten besteht), galten als selbstgerechte Raufbolde, die ohne Rücksicht auf das Volk ihren Fantastereien nachhingen. Selbst die Kirche zweifelte am Sinn bewaffneter Kreuzzüge, obwohl man diese nicht nur mitgetragen, sondern begrüßt hatte. Der Besitz blieb allein bei den Erstgeborenen, Zugewinn war möglich. Sein Sitzfleisch schmerzte, Wunibald grinste bitter, als er sich vorstellte, wie anders alles laufen würde, wenn sie gewonnen hätten. Aber seine persönliche Situation war nun einmal - nennen wir es - »eingeschränkt«.
Auf das Schloss seiner Vorfahren konnte er nimmer, dort regierte sein Bruder Dietmar, der ihn kaum mit offenen Armen aufnehmen würde. Höflich würde er schon sein, sein Bruder, und ihn mit Verweis auf seine Abfindung hinauskomplimentieren, erforderlichenfalls hinausschmeißen. Sein Ausgedinge war aufgegangen: in Ausrüstung, Reisekosten, die Kosten für seinen Aufenthalt im Gelobten Land. Nichts war so gekommen wie es versprochen worden war, vom Papst, von den Priestern, den Fürsten, doch auch niemand wollte sich an den Inhalt seiner Versprechen, an die Erklärungen überhaupt, erinnern. Sie waren jetzt unerwünschte Rückkehrer, sie waren störende Fremde, sie waren Konkurrenten.
Es wurde Abend und er überlegte, wo sie schlafen würden, der Ritter Wunibald, sein Knappe, zwei mitreisende Söldner, oder waren es Diener? Er hatte nichts, sie zu bezahlen, doch sie blieben beieinander, weil sie zu viert ihr Leben besser meistern konnten, als wäre jeder von ihnen allein gegangen. Verwunderlicherweise hatten alle Wunibald als ihren Ritter akzeptiert, ohne jeglichen Disput, ohne in der Folge Forderungen daraus abzuleiten. Wunibald war aber auch ein bekannt ritterlicher Ritter mit Respekt, Mut, Ritterlichkeit. Unter seinem Schutz war es gut für die Menschen. Er schlug vor: Am Waldrand würden sie schlafen. Es war trocken, es würde nicht regnen. Kalt war es, und jeder winddichte Unterstand wäre besser als das freie Feld, vielleicht bauten sie noch eine Laubhütte.

Weit am Waldesrand, am Horizont, sahen sie als Silhouette einen Hof, und sie verständigten sich darauf, dort um ein Nachtquartier zu nachzufragen. Es konnte nichts Schlimmeres passieren, als dass sie abgewiesen würden, und so trieben sie ihre Pferde in einen leichten Galopp, um noch vor Sonnenuntergang das Bauernhaus zu erreichen. Als Sie in den Hof einritten wurden rasch die Türen und Fenster des Wohnbereiches verschlossen. Nur der Deckel des vergitterten Guckfensters in der Haustür wurde einen kleinen Spalt geöffnet. Erkennen konnte man nichts. Eine tiefe, mollige Männerstimme fragte, bemerkbar aufgeplustert, wahrscheinlich mit dem Willen, Angst zu verbreiten: »Was wollt ihr?«
Wunibald antwortete für seine Gruppe: »Lieber Mann! Wollen würden wir ein warmes Quartier, ein Bad, gutes Essen. Aber wir haben nichts, was wir Euch dafür geben könnten, deswegen bitten wir Euch im Namen des barmherzigen Gottes, in Eurer Scheune schlafen zu dürfen, um etwas Wasser aus Eurem Brunnen für uns und unsere Pferde, und dass diese ein wenig weiden dürfen«.
»Legt Eure Waffen ab, hier, neben der Haustür,« sagte die Männerstimme, »und geht dann zurück zu Euren Tieren. Dabei lasst Euch von rundherum betrachten. Dann nehmt die Sättel ab samt allen Taschen und legt sie auch neben die Haustür. Dann sollt ihr Quartier nehmen dürfen beim Heu und Stroh.«.
Die Kreuzfahrer taten das verlangte und gingen wieder zu ihren Pferden, als sich eine Gehtür des Stalls, der rechtwinklig zum Wohntrakt errichtet wordenwar, öffnete, und vier Männer, Knechte offenbar, mit Gabeln und Dreschflegeln bewaffnet, herausschlichen, zur Wohnhaustür huschten und vor den abgelegten Gegenständen mit Drohgebärden Stellung bezogen. Kaum war dies geschehen, wurde die Tür knarrend nach innen geöffnet auf und der Bauer trat heraus mit einer Laterne, die zur Lichtverstärkung an einer Seite mit einem polierten Metallspiegel versehen war. Diese Laterne hielt er sich so vor sein Gesicht, dass er zwar die Reisenden sehen konnte, diese aber nicht ihn. Erkennbar war nur, dass er offenbar eher klein und dünn war, was so gar nicht zu seiner Stimme passte. »Lasst Euch ansehen!«, forderte der Bauer, nunmehr mit klarerer Stimme, und musterte sie mehrere Sekunden lang. Über die Dauer dieser Begutachtung sank die Spannung. Die Kreuzritter wurden offenbar für harmlos oder zumindest schwächer befundet. »Ihr könnt dort drüben im Stall schlafen, aber Eure Waffen bleiben bei mir!« Wunibald musterte den Bauern, der sich jetzt auch im Laternenlicht zeigte, und beschloss - als Summe zwischen Gefühlen und der Hoffnung, dass sie auch ohne Waffen kampferprobter wären als die Bauersleute - zu vertrauen. Er sah in die Gesichter seiner Gefährten, die ihm stumm nickend zustimmten.
Und so gingen sie in den Stadl, legten ihre Rüstungen ab, marschierten einzeln in den Wald hinein, weil das der einsamste Ort im Umfeld war, und dann zum Brunnentrog, um zu trinken und die Pferde zu versorgen. Ein paar Helme voll mit Wasser nahmen sie mit in den Schuppen, um sich zu reinigen. Als Licht dienten ihnen zwei Fackeln, die der Bauer im Hof aufstellen hatte lassen.

Als sie solcherart mit sich beschäftigt waren, bemerkten sie Schatten, Gestalten, die vom Wohngebäude zu den Fackeln huschten und dort etwas abstellten.
Wunibald trat vor den Heustadtl, sein Knappe folgte ihm, und sie gingen zu den Fackeln. Dort stand ein Topf mit Suppe, zwei Laibe Brot lagen dabei, und Löffel. Messer hatte man ihnen wohl nicht geben wollen. Wunibald lächelte. Und nochmals huschten Schatten heran, verharrten in einiger Entfernung. Der Ritter trat einige Schritte zurück, und im gleichen Maß näherten sich drei in Kaputzenumhängen verhüllte Gestalten. Die Fackeln leuchteten flackernd ihren Kreis aus, das Licht fiel auf ein Gesicht. Eine Frau, ein Mädchen, 14 Jahre vielleicht. Viel konnte man nicht erkennen. Große tiefe Mandelaugen, Backenknochen. Eine Schönheit in dieser Szenerie. Weitere Speisen wurden abgelegt, die Schatten huschten ins Haus zurück.
Wunibald dachte nach: Vier Knechte, der Bauer. Die Frauen gehörten entweder zur Familie oder waren Mägde, die auch im Haus wohnen durften. Männer gab es also höchstens fünf. Mutig war er, der Bauer.
Und dann dachte Wunibald an das Mädchen. Und er dachte an die Minne. Diese Werbung ohne zugegebene Absicht, ohne Hoffnung, die doch gleichzeitig auch Wettkampf war unter den Rittern.
Er fragte sich, ob nur er so abseits vom täglichen Leben die Minne sang, ob es unter den Minnesängern auch Womanizer - den Begriff kannte er aber noch nicht - geben könnte. Und er kannte den Begriff Schüchternheit auch noch nicht, nicht für sich, sonst wäre ihm vielleicht in den Sinn gekommen, dass er diese Minne zur Hochkultur der Schüchternheit erhoben hatte.

Den ganzen Abend gingen ihm das Mädchen, ihre Mandelaugen, die Linien ihres Gesichts nicht aus dem Sinn, und er vermeinte, den Nachhall ihres Duftes klingen zu spüren, wie er ihn geatmet hatte zwischen all den Gerüchen des Bauernhofes, der Fackeln, der Suppe und des Sauerteigbrotes.
An diesem Abend ist er glücklich eingeschlafen.


Teleaktor, Kapitel 2

Mein Komm stupste mich an der rechten Hüfte und zeigte mir an, dass das Sekretariat Kontakt mit mir wünschte. Typisch: Die wissen genau, dass ich jetzt meine Wochenpause habe, wollen nicht warten, bis ich wieder im Dienst bin. »Ja?«, fragte ich mürrisch. Es war eine Frau, ganz hübsch sogar in meinem Gedankenbild. Vergaß ich, das zu erwähnen? Ich hab die Gedankenbildübertragung aktiviert in meinem Komm. Na und? Man wusste, wenn man wollte, sowieso alles von mir. Ein Nacktbild aus der Dusche würde da wohl keine Rolle mehr spielen.
Herr Lamerka, würden Sie in der nächsten Zeit ins Büro kommen können?« »Wenn es unvermeidbar ist.« Ich überflog, warum man mich sehen, sprechen wollen könnte. Angestellt hatte ich ja nichts, aber so großartig, dass man mir eine Belobigung oder mehr Credits geben könnte war ich auch nicht gewesen. »Wollen wir uns einen Termin ausmachen?«, fragte die Frau, und wir vereinbarten ein Treffen am übernächsten Tag, knapp vor dem Mittagessen. Auf ihren Wunsch hin, also dürften die Termine doch etwas gedrängt sein für die Firma.
Als ich dort erschien - für meine Verhältnisse herausgeputzt durch frisch gepimpte Bekleidung und Uhrenschmuck - sprang die Frau - meine Telefonanruferin - auf, ging mir entgegen und begrüßte mich überschwänglich. Aha?
Sie schüttelte mir die Hand, die sie nimmer losließ, und führte mich händchenhaltend und ohne anzuklopfen durch die Tür in das Direktionsbüro. Aha?
Auch die Direktorin sprang sofort auf und ging mir entgegen, streckte mir die Hand hin, wodurch die Vorzimmerdame sich veranlasst sah, mich loszulassen, meine Hand bestimmt in Richtung Direktorinnenhand zu schieben. Ich schüttelte der Frau Direktor die Hand nach ihrem Wunsch, so lang sie wollte, so fest sie verlangte, und überlegte, was ich von ihr halten sollte: Etwa 60 Terrajahre, rundherum gepflegt, sodass ihre Züge hinter dem Bild verschwanden, das sie von sich gemalt hatte. Ich sah ihr direkt in die Augen, um sie zu suchen. Der Augenausdruck war nicht hart oder durchdringend, aber auch nicht liebevoll. Ich konnte nichts aus dem Blick lesen, aber da sprach sie mich auch schon an, und augenblicklich erkannte ich, dass der Blick deswegen so nichtssagend war, weil er verloschen war. Sie war eine Getriebene, eine Erschöpfte, und nachdem sie Direktorin war, war wahrscheinlich zum Großteil sie selber es, die sich antrieb. Dann musste die Sekretärin ihr wohl vertraut sein wie eine Freundin.

»Pass auf Dich auf, Goreg!«, spottete ich in mich hinein: »Zwischen zwei Frauen wirst Du schwer deine Positionen halten können!« Welche Positionen wusste ich ja noch nicht. Ich wusste gar nichts, und auch aus den enthusiastischen Begrüßungen konnte ich nichts ableiten: Mir fehlten jeglicher Kontext und Konnex. »Schön Sie zu sehen!, Herr Lamerka!«, sagte die Direktorin. »Wie geht es Ihnen?« Und ohne jede Antwort von mir abzuwarten, fuhr sie gleich fort: »Sie arbeiten jetzt doch schon sechs Terrajahre für uns, zu unserer vollsten Zufriedenheit, besser, als wir je erwarten konnten. Wir bekommen sehr viel positives Feedback über die von Ihnen geführten Teleaktorreisen. Es gibt eine Menge Unternehmen, die buchen ausdrücklich Sie.
Und weil wir denken, dass Sie das Muster eines Teleaktorpiloten sind, hätten wir eine neue Aufgabe für Sie. Genauer gesagt wollen wir Sie bitten, diese Aufgabe zu übernehmen: Wie Sie wissen, werden die Teleaktorpilotinnen und -piloten intern ausgebildet. Da gibt es keine öffentliche Schule dafür, keine Fachhochschule und keine Universität. Man setzt volles Vertrauen in uns, und wir haben die in uns gesetzten Erwartungen ja auch immer erfüllt und übertroffen. Weil Sie unser bester Pilot sind, dürfen wir Sie ersuchen, eine solche Ausbildung zu übernehmen. An einer Bewerberin. Wir würden Sie Ihnen gern vorstellen!«
Wir saßen noch nicht einmal, standen als Gruppe nahe dem Büroeingang. Ich meinte trocken: »Gerne!«, dabei hatte ich das gar nicht sagen wollen. Ich hatte es auch eher gekrächzt, weil ich noch in einem Gedankenstrudel trieb. Die Telefondame ging zur Tür, öffnete sie, und bat ein Mädchen herein. Sie war etwa 14 Jahre alt, große tiefe Mandelaugen. Ein ebenmäßiges Gesicht mit hohen Backenknochen, schwarze Haare, zu einem Rossschwanz zurückgekämmt, wobei ein paar Strähnen an den Backen herabhingen, mittelgroß, schlank. Man konnte sie eine Schönheit nennen, irgendwie aber dezenter, als es jetzt Mode ist. »Das ist Abe«, sagte die Direktorin: »und dass ist Herr Goreg Lamerka. Unser bester Teleaktorpilot. Sie werden schon von ihm gehört haben!«

Ich starrte das Mädchen an, irgendwie versteinert und verblödet, und die Stimmen waren in einem anderen Raum, gedämpft, entfernt, uninteressant. Es wurde noch einiges gesprochen. Ich habe mitgetan, ein Teil von mir, automatisch, offensichtlich nicht falsch. Hauptsächlich führte ich einen stillen Dialog mit mir selber, was denn jetzt geschehen wäre. Liebe, die wie ein Blitz trifft? Nein, das war es nicht. Ich fühlte keinerlei Begehren nach dem Mädchen. Die Situation war mir eher etwas unangenehm. Alle möglichen Konstellationen untersuchte ich, reelle und mythische, mystische. Ich fand nichts.
»Sie werden sicher noch einiges zu besprechen haben«, meinte die Direktorin. »Wir haben ihnen ein Essen herrichten lassen«, meinte die Telefonistin: »Guten Appetit, und melden Sie sich bitte in den nächsten Tagen!«


Ritterzeit, Kapitel 2

Sie kennen Störungen beim Fernsehen. Ich meine jetzt nicht Senderausfälle oder Störungen bei den Studios, sondern Übertragungsstörungen, Dekodierungsstörungen, wenn das Bild verpixelt (sagen die Halbwissenden leichtfertig dazu). Solche Störungen entstehen überwiegend durch Datenverlust bei der Signalübertragung oder zu langsame Signalübertragung und bekommen ihr Aussehen durch die verwendete Technik: Man kann sich vorstellen, dass ein Bild aus Zeilen besteht, jede Zeile aus Punkten. Dann kann man ein Bild so beschreiben: Zeile 1: 13 rote Punkte, dann 27 schwarze, 1 weisser, 13 schwarze,... Zeile 2: 15 rote Punkte, usw. Das wäre natürlich eine ganze Menge an Daten, die da übertragen werden müssten. Deswegen verwendet man einen Trick, die sogenannte »Kompression«. Übertragen wird das Bild nicht als Zeile 1: Rot, rot, rot, rot, rot, rot, rot, rot, rot, rot, rot, rot, rot, schwarz, schwarz, schwarz, ..., sondern so, wie ich es vorher geschrieben habe: 13 x rot, 27 x schwarz, 1 x weiß, 13 x schwarz ..., und das braucht sogar in binärer Schreibweise deutlich weniger Platz, als jeden Punkt einzeln anzuführen.

Wenn es da eine Störung gibt, dann sind dann allerdings nicht mehr nur einzelne Bildpunkte betroffen. Da fallen dann Farbbereiche in Zeilen aus, ganze Zeilen könnten sich verschieben. Und das käme gar nicht so selten vor. Deswegen sind da auch Korrekturmechanismen eingebaut, zum Beispiel Prüfsummen über die Binärwerte ganzer Zeilen, Aus diesen Prüfsummen kann man dann ausrechnen, ob es eine Störung gegeben hat, und bis zu einem gewissen Grad kann man erkannte Störungen sogar wieder herausrechnen aus dem Bild. Umfassendere Datenverluste und -kompromittierungen können aber derart nimmer behoben werden. Die Fehlerkorrekturmechanismen steigen dann aus und leiten in eine Fehlerbehandlungsroutine um, damit das System zumindest nicht ganz abstürzt. Sie kennen das: Auf Bildschirmen sehen wir dann immer störende Klötzchen, wie wenn das Bild an diesen Stellen viel grober und langsamer aufgebaut würde. Das hat seine Ursachen auch darin, dass man die Kompression mit allen möglichen Tricks noch effizienter macht. Unter anderem werden bei Bewegtbildern zum Teil nur die Bereiche übertragen, die sich geändert haben, und nur alle paar Bilder zur Prüfung und Fehlerkompensation wieder ein ganzes Bild. Darum fallen dann die Bereiche aus, in denen sich was ändert. Je mehr Änderungen, desto größer die gestörten Bereiche. Wir haben uns daran gewöhnt, grad dass wir nicht mit dem Hammer draufklopfen, wie auf ein feststeckendes Getriebe.

Diese Kompression betreiben wir allumfassend. Wir sagen ja auch nicht: »Der fallende Apfel ist in der ersten Zehntelsekunde da, in der zweiten dort, in der dritten dort«, sondern wir beschreiben - Isaac Newton beschrieb erstmals - so eine Fallbewegung in Form einer mathematischen Funktion. Ziemlich viel von den Ereignissen, die um uns herum stattfinden, lassen sich in Form mathematischer Funktionen beschreriben, wenn wir das Verhalten von Lebewesen einmal ausklammern wollen. Und so gibt es die allgemeine Meinung, dass man wohl alles als Funktion beschreiben könne. Die Wissenschaft wird es schon richten!

All diese Funktionen sind tatsächlich eine Art Kompressionsvorgang, wenn man das so sehen will, und scheinen unseren Weg zum Weltverständnis erst zu ermöglichen und jedenfalls abzukürzen. So ist es aber nicht: Wenn man nur genau genug hinsieht, dann werden aus »Gesetzmäßigkeiten« nur mehr statistische Phänomene, und es kann noch komplizierter werden:

Der Raum, den wir als eine Art feststehene Bühne betrachten, ist offenbar etwas Weitergehendes, komplexeres, und die Zeit, die uns für Kausalitäten, unsere »Logik« sorgt, die ist auch etwas anderes, zerfällt uns in Stränge wie nasses Haar oder ein Ölfilm in der Strömung des Bachs. Mit unseren Sinnen sind wir nicht in der Lage, solche tiefer liegenden Phänomene wahrzunehmen. Wir sind dafür gebaut, auf einem Planeten namens »Erde« zu leben und zu überleben, zwischen Säbelzahntigern, giftigen Pilzen und Beeren und einer uns zuträglichen Flora und Fauna.

Deswegen ist es sehr eigenartig, wenn manchmal Ereignisse aus uns physisch nicht erkennbaren Weltbereichen so in unsere Biosphäre durchschlagen, dass sie mit unseren Sinnen erkennbar und greifbar werden:

Während Wunibald stumm mit seinen Begleitern im Morgennebel an einem Bachufer entlang ritt - die beschlagenen Hufe machten »Tick-Tack-Tickticktick-Tacktack-Tacktack, und diese Melodie drehte sich um sich selber - gab es plötzlich eine »Bildstörung«. Der Bach verpixelte in grobe Klötze. Die feinen verdorrten Grashalme waren aufgelöst, das Herbstlaub färbte in Farbklötzen, das ganze dauerte vier Mal je einen Augenblick mit Nachhall, dazwischen drei Augenblicke Pausen. Gleichzeitig schien ein Brummen in der Luft zu liegen.

Das kam so plötzlich und unerwartet, dass sie gar nicht erschraken. Verwundert waren sie, und Wunibald bemerkte, wie sich die Haare an seinen Unterarmen aufrichteten. Ein leichtes Schaudern, Hauch eines Grauens. Dann war alles wieder vorbei, und es kam auch nicht wieder in der folgenden Zeit.

Die Gefährten diskutierten wild, was sie denn da gesehen hätten. Zauber, eine unsichtbare Wand in ein verborgenes Reich, den Atem eines Drachens? Sie versicherten sich, ihre Schwerter ziehen zu können, und dass sie auch die Schilde erreichten.

Die Sonne erhob sich, die Nebel des Baches verdampften, und die Landschaft sah nicht nur harmlos aus, sondern wunderschön, mit glitzernden Tautropfen auf gewaschenem Gras und glänzenden Blättern. Trotzdem ritten sie nicht mehr sorglos in diesen Tag.

Der Weg - wenn es ein Weg war, nicht nur ein Pfad der Wildsauen, ging nun vom Bach ab, nach rechts, nach einiger Strecke leicht ansteigend auf einen Hügel, der von Buschwerk bewachsen war. Es war seltsam: Rund um den Bach Gras, Blüten, Pestwurzblätter, die sich die Kinder als Kappen aufsetzen, Schilf, Rohrkolben, alles saftig und leuchtend. Im Verlauf der Ebene wurde der Graswuchs niedriger, büscheliger, wie die Kühe stehen lassen, was ihnen nicht schmeckt. Der Weg war steiniger geworden, deutlich zu sehen, doch es war auch auffällig, dass der Kalkbruch kaum zertreten oder von Rädern zermalmt worden war, und ein seltsamer Grünschleier, ein dunkles, giftiges, lichtverschlingendes Grün, aber ganz schwach noch, überdeckte das Kalkweiß des Weges, auch die Farben der Büsche, der zur Ebene hin angrenzenden Wiese, wie wenn hier irgendwie das Licht weggedunkelt worden wäre mit einem schwarzgrünen Glas. Die Reiter blickten sich erschaudernd an, berieten sich kurz, ritten aber dann doch auf den Hügel zu: Wunibald und sein Knappe voran, mit einigem Abstand die beiden Söldner.

Sein Knappe Boduin räusperte sich und begann umständlich eine Frage, die so gar nicht in die Spannung der Situation passte: »Die Leute waren gut gestern. Sie haben uns sogar zu Essen gegeben. Ich habe erstmals tief und ruhig geschlafen.« Wunibald antwortete nicht, brummte nur ein zustimmendes Murren. »Habt Ihr das Mädchen gesehen, Ritter Wunibald?«, fragte der Knappe. »Sie war wunderschön. Aber sie war mir auch unheimlich«. Boduin sah erwartungsvoll zu Wunibald, doch der bedeutete durch einen Kopfschwenk, dass er es momentan für sinnvoller hielte, dem Kommenden, ihrem Ziel, die Aufmerksamkeit zu schenken. Trotzdem gingen ihm die Worte seines Knappen durch den Kopf, und er war fast ein wenig verärgert, dass diesem das Mädchen gefallen hatte.

Sie ritten den Hügel hinauf. Von oben konnten sie in eine weite Grasebene sehen. Nur manchmal von geduckten Büschen und zerfledderten Bäumen unterbrochen. In der Ferne sahen sie eine große Burg oder vielleicht ein befestigtes Dorf. Nach kurzer Beratung kamen sie überein, dort hin zu reiten.

Je näher sie den Mauern kamen, umso mehr bemerkten Sie das Fehlen von Lebendigkeit, eine drückende Stille. Keine Menschen, keine Geräusche, keine sichtbar bestellten Felder und Äcker in dieser grünschattierten Welt. Einige Zeit beobachteten sie von außen ein eventuelles Geschehen hinter den Mauern. Wunibald glaubte sich erinnern zu können, dass er einmal von einer Stadt der Gottlosen gehört hatte, und er fragte sich, ob sie hier an diesem Ort wären, ob seine Vermutungen, Erinnerungen, richtig wären oder ihn narrten. Sie bemerkten kein Anzeichen von Leben, keine Fahnen, keine Stimmen, keine anderen Spuren. Also ritten sie in die Stadt, und jeder von Ihnen hatte seine rechte Hand auf dem Schwertknauf liegen.

Auch in der Stadt nichts. Die glühende Hitze der Mittagssonne lag in den Gassen, schien sich im Grün der Luft verfangen zu haben. Eine trockene Hitze, eine stechende Hitze, die nach verbrannter Wolle zu riechen vorgab. Insgesamt schienen irgendwie alle ihre Sinne verschlossen oder gelähmt, sodass sie nur mit erheblichem Aufwand weiterreiten konnten.


Es war eine kleine befestigte Stadt, in die sie da hineinritten, mit hohen Steinmauern, von sechseckiger Form. Die Außenmauern waren öffnungslos, und an jeder der Ecken stand ein sechseckiger Turm.

Innen an die Mauer lehnten sich ein paar Häuser, eher Hütten, die seltsam unbewohnt schienen. Dann ein Freistreifen, dann die nächste Mauer, wieder sechseckig mit Türmen an den Ecken, und diese Mauer hatte oben schon einige Fenster. Sie ritten durch das offen stehende Tor, und das Szenario schien sich zu wiederholen. Wieder ein paar Häuser an der Mauerinnenseite, und unter den Fenstern verlief ein hölzerner Rundgang, der über Stiegen erreicht werden konnte. Auch hier wirkte alles unbesiedelt und unbelebt. Erst auf dem Freistreifen zur nächstinneren Mauer fanden sich deutliche Spuren von Viehtrieb, Kot, Stroh. Einige Tränken waren aufgestellt. Vor ein paar Häusern hing Wäsche, farblos grün.

Sie ließen die Pferde verhalten zum nächsten Tor stapfen. Die Innenseite des soeben durchquerten Walles bestand aus unverputztem Ziegelmauerwerk, rot, und verfügte in ihrer gesamten Höhe über Fenster. Dunkle Fenster: Ohne Gesichter, ohne Vorhänge, ohne Schmuck.

Sie ritten in den nächsten Torbogen, als aus zwei Nischen links und rechts zwei geharnischte und bewaffnete Männer traten und ihnen mit Lanzen den Weg versperrten. In kaum verständlicher Sprache wurden sie gefragt, wer sie wären, wo sie hinwollten, was sie wollten. Gleichzeitig hatte man aber offenbar Verstärkung angefordert, die bald eintraf, sodass die vier Gefährten alsbald von 20 oder mehr bewaffneten Wächtern umringt waren. Man drängte sie in die Mitte des Platzes dieses offenbar innersten Festungsringes. Dabei war erkennbar, dass die Mauer nur die äußere Wand eines rundum sechseckig errichteten Gebäudes war. Sechs sechseckige Türme erhoben sich auch aus diesem Gebäude, das Dach war ein begehbarer Wehrgang mit maurischen Zinnen, und im untersten Geschoß lief ein Laubengang, der dicht mit Efeu verhangen war, rund um den Hof. Die Mitte des Hofes war freigehalten, ohne Verbauung, ohne Stände, unbefestigt aus hart gestampften Lehm, der in der Hitze leicht staubte. Ein Brunnen, verschiedene Gesteller und Buden, waren erst am Rand des Hofes, direkt am Laubengang, errichtet.

So warteten die vier, auf ihren Pferden sitzend und von einer Übermacht bewacht, in der Hofesmitte, als der Burgherr, oder was immer er war, mit seinem Gefolge aus dem Laubengang kam und in Rufweite vor ihnen stehen blieb. Misstraurisch und abweisend wurden sie nochmals befragt. Die gleichen Fragen, jetzt mit hochmütiger Ablehnung und drohendem Unterton gestellt. Wunibald nahm es sich nach einem kurzen Rundblick unter seinen Gefährten heraus, für alle zu antworten, und seine Auskunft war so harmlos und gutwillig, wie sie eben waren. Den mürrischen Sinn des Gegenübers konnten sie kaum befrieden, aber man schien sie als harmlos einzustufen und lud sie, wie es an Höfen üblich war, als Gäste ein. Abends sollte eine Tafel gehalten werden. Man nahm ihnen die Pferde ab und führte sie mit dem Versprechen der Versorgung beiseite. Man wies ihnen eine Kammer zu, Waschgelegenheiten, und auch frische Wäsche und Hemden.

Wunibald und seine Gefährten pflegten und erfrischten ihre Körper, doch ihre Seelen waren ein wenig ängstlich und gespannt. Als die Sonne sich zu senken begann, der Grünschimmer schwärzer und schwärzer wurde, gingen sie zur Tafel. Ihre Rüstungen trugen sie nicht, ihre Schwerter jedoch hatten sie sich umgeschnallt. Mürrisch wurden sie empfangen, an die linke Seite des Burgherrn gebeten, der allerlei verdrossenen Kommentar von sich gab. Artig lachten sie über seine flachen Zoten. Wunibald versuchte, den Burgherren in ein Gespräch über Gottes Güte und Allmacht zu verwickeln, doch dieser wich mehreren Anläufen unwirsch aus. Übellaunig entschloss sich Wunibald schließlich zu einer Provokation, wie er meinte, und proklamierte: »Was hat uns Gott schon gebracht außer Seuchen, Krieg, Unglück und Elend. Er bestraft, er trifft uns ohne Grund. Und wir sollen ihm dankbar sein für seine großen Prüfungen und jedes kleinste Glück?«.

Da lachte der Burgherr wild auf und murmelte Unverständliches in seinen Bart. Schließlich meinte Wunibald zu verstehen: »... Mein Ich erkennt, dass ich lebe. An meinem Leben erkenne ich, dass es meine Welt gibt. An der Existenz meiner Welt erkenne ich das Sein, das Gegenteil von Nichts. Um dieses Sein zu erhalten, werde ich jede Möglichkeit und Kraft, die ich annehme, zurückgeben, auf dass alle Welten in Ewigkeit bestehen mögen.«,

Er wunderte sich noch über diese Worte und versuchte, einen Sinn zu erkennen, als es wieder zu einer brummenden »Bildstörung« kam. Klötzchenbildung, diesmal länger andauernd, und auch die Lautstärke des Brummens variierte. Die Klötzchen erfassten mehr und mehr von der Umgebung, und schließlich bildeten sich ein paar Flecken, groß wie ein Pferd, in denen die augenblickliche Burgofwelt zu verschwinden begann. Offenbar gab es innerhalb dieser Bildklötzchen aber etwas anderes. Ein diffuser Hintergrund, einige Gestalten, Silhouetten von Menschen. Eine trat hervor, in Richtung Wunibald, den Ritter direkt anblickend, bis zur Oberfläche des Klötzchenbildes, und sah heraus, wie ein Fischer in die Wasseroberfläche eines Teiches hineinsieht aus der Sicht der Fische. Der Umriss entpuppte sich als ein Mädchen, eine junge Frau, etwa 14 Jahre alt, große tiefe Mandelaugen. Ein ebenmäßiges Gesicht mit hohen Backenknochen, schwarze Haare, zu einem Rossschwanz zurückgekämmt, wobei ein paar Strähnen an den Backen herabhingen. Mittelgroß, schlank. Man konnte sie eine Schönheit nennen. Interessiert sah sie in den Raum herein, musterte die Menschen im Burghof. Nochmals sah sie Wunibald direkt ins Gesicht, in die Augen, in die Seele, hätte der Ritter gesagt, wie den anderen Anwesenden wahrscheinlich auch.

Das Brummen erstarb langsam, die Bildklötzchen schienen zu verdampfen, alles war wieder normal.

Wunibald wähnte, das Mädchen habe sein Innerstes erkannt, begriffen, akzeptiert, und wurde von einer tiefen Sehnsucht befallen. Ähnlich dürfte es auch den anderen Männern, wenn nicht allen Menschen im Raum ergangen sein. Er blickte sich um: Boduin hatte mit ziemlich dümmlichen verträumten Blick auf den Boden gesetzt, auf seine Fersen, und die Wangen an die Scheide seines Schwerts gelegt. Alle sahen irgendwie betroffen und brettsteif aus, bis nach vielen Augenblicken der Burgherr sich räusperte und brummig aufforderte, weiter zu essen. Über die Erscheinung sprach man nicht, und doch schien zwischen ihnen allen jetzt zusätzliches Misstrauen, Eifersucht gewachsen zu sein. Boduin sah noch immer sehnsüchtig in die Luft, und auch Wunibald spürte ein drängendes Begehren und wilde Eifersucht.


Wenn vorhergehend die Örtlichkeiten und sonstigen sachlichen Umstände der Ereignisse eingehender beschrieben worden wären, dann könnte dies kaun zum besseren Verständnis des Geschehenen beitragen. Auch eine exaktere Beschreibung der Erscheinung oder Projektion würde keine Aufklärung zum Abschlussstatus dieser Szene bringen. Was die Technik anbelangt, die damals ja noch nicht bekannt war, haben wir uns schon einige Spekulationen erlaubt beziehungsweise solche befeuert. Die Aufnahme bei den Zusehern der Erscheinubg bim Burghof war unterschiedlich, nur in einem Punkt herrschte Einigkeit: Eine göttliche Offenbarung hatte man da wohl nicht gesehen. Viele glaubten an Zauber, einige an Teufelswerk, aber nicht sehr überzeugt, weil hierfür zu wenig Schrecken, Pestillenz, Pech und Schwefel vorgekommen waren. Und auch im Anschluss an die Erscheinung fand man weder teuflischen Gestank noch Brand- oder Schmauchspuren.

Mit seltsamer Pragmatik, mit erstaunlicher Aufmerksamkeit hatten sie zugesehen, allesamt. Der Herzensblick des Mädchens war so heftig gewesen, dass sie ihm alle noch nachhingen und deswegen noch nicht auf die Idee gekommen waren, in irgendeiner Weise weiterzuforschen.

Übersetzen Sie sich das alles bitte in die großteils krude Gedankenwelt des Hochmittelalters, als man nebenbei jederzeit von Flöhen und Wanzen gebissen wurde.



Abes Welt, Kapitel 1

Sie war derart pragmatisch und direkt, dass sie bei Streitigkeiten schon oft des Pschopathentums bezichtigt worden war. Sie war der Meinung, dass das Gegenteil der Fall sei: Sie war oft und schwer verletzt worden und fürchtete sich vor Verletzungen. Daher versteckte sie sich hinter dieser bösen Maske. Man (und Frau) ist - oder wird - aber auch immer ein wenig das, was man (oder Frau) sich vorstellt, und ein Teil von Abes Persönlichkeit funktionierte durchaus nach solchen psychopathischen Mustern. Dieser Teil wollte mit geringen Skrupeln ein anderes Leben, nicht das Leben, in das sie gestoßen worden war, nicht das Leben, das sie in dem Augenblick lebte, in dem wir sie kennenlernten, in dem sie sie als Teleaktor-Pilotin ins Auge gefasst worden war, in dem sie dem Goreg Lamerka vorgestellt worden war.

Goreg und Abe waren nach dem »Direktionsgespräch« in die Kantine gegangen. In den Speiseräumen der Firma herrschte architektonisiertes Klassenbewusstsein: Links und rechts des Eingangs waren Buffetreihen aufgebaut. Im Saal selber standen - lieblos genau ausgerichtet - Tische mit Stapelstühlen, die jetzt, da die meisten Personen wieder zur Arbeit gegangen waren, fast aussahen wie die erstarrte Dünung in einem gefrorenen Meer. Zu diesem Bild trug wahrscheinlich auch das glänzende Dunkelgrau der Tischplatten bei. Die Stapelstühle - ebenfalls dunkelgrau - waren bucklig zwischen den Tischen aufgereiht wie Wellenkronen, und hin und wieder blitzte etwas Sesselchrom hervor wie Gischtflocken. Am Ende des Saals - durch eine Balustrade mit Grünpflanzen und einige Säulen abgetrennt - standen, etwas freundlicher, leicht erhöht, mit beigegrauem Grundton, die Esstische des mittleren Managements, und dieser Bereich sah in seiner Farbgebung aus wie eine dunkle Sandwüste. Dahinter, in einer Art erhöhter Logen, die Plätze der Direktionsangehörigen, die irgendwie wie in Höhlen geschützt lagen. Es war beinahe lächerlich, diese strikte Kastenaufteilung in Zeiten, in denen - angeblich egalitär - die kleinste sprachliche oder bildliche Diskriminierung geächtet wurde wie ein Kapitalverbrechen.

Sie gingen zum Buffet: Goreg nahm Susses, einen Mikronährstoff, der in rosa und gelbe Formen gepresst worden war mit gestalterischen Gimmicks: Bratspuren, Hagelzucker, eine Art Soße war auch dabei. Das Essen war in den Biotanks hergestellt und dann eben »hübsch« konfektioniert worden, weil »das Auge mitnascht«. Geschmäcker sind allerdings verschieden. Abe nahm nur Chai und - nach Rückfrage - noch ein Wasser für Goreg.

Ihrem Rang nach hätten sie sich hinter die Balustrade setzen können, aber Goreg steuerte auf den nächstbesten Platz neben dem Ende der Buffetbahn zu. Der Saal war weitgehend leer, es war egal. Es gab keine Fenster, keine sonstigen Attraktionen, der Sitzplatz war - irgendwie - ein wenig am Rand, aus der direkten Sichtlinie von Eintretenden. Der Tisch war erfreulich sauber. Abe setzte sich gegenüber und testete ihn, indem sie schwieg und gleichzeitig den Blick seiner Augen suchte und festhielt. Ein wenig unruhig war er, aber nur ein wenig. Und er aß mit Appetit.

Nach etlichen Schweigeminuten, in denen die beiden sich quasi stumm vorgestellt, positioniert und in sich jeweils festen Rückhalt gefunden hatten, begann Sie mit einem fragenden »Was jetzt?«

Ein wenig spielten sie mit sinn- und inhaltsarmen Worten, aber beide waren sie nicht so leicht und leer, um dabei verbleiben zu können, und so stellte sie - die Treibende - ihm bald ihre Fragen, ihre Forderungen, ihre »offiziellen« Pläne vor. Er war eher verhalten, aber es war ersichtlich, dass er sich für eine große Antwort sammelte, als zufällig die Sprache auf Abes Kindheit im Waisenhaus kam. Große Überraschung: Auch er war Waise. Er glaubte zwar, sich an seine Eltern erinnern zu können, doch war sein Bild fast nur unbestimmt. Beide waren zugleich bei einem Verkehrsunfall gestorben, als er noch ein Kleinkind gewesen war. Aber auch das wusste er nur aus Erzählungen.

In Abe keimte blitzartig ein Verdacht: Die gleiche Geschichte wie bei ihr, aber sie war sich immer »entführt« vorgekommen, so, wie wenn man sie weggenommen hätte. Auch war ihr »Waisenhaus« - wie sie sich versicherte ein anderes als das von Goreg - eigenartig gewesen. Aus Abes Sicht hatte man sie trainiert und gedrillt. Vielleicht hatte Goreg, wenn ihm vergleichbares widerfahren war, das als normal, als Abenteuer gesehen?, Knaben haben ja gern solche Fantasien. Sie fragte nicht nach, deutete nicht die Richtung ihrer Gedanken an, sondern schwenkte im Gespräch zu ihrer kommenden Ausbildung um. Wenn man sie schon ihren Eltern weggenommen und bereits als Kleinkind trainiert hatte, gleich wie Goreg, dann hatte das Ziel dieser Maßnahmen ja wohl mit dem zu tun, was man nun von ihr erwartete, wahrscheinlich sogar unausweichlich verlangte: Teleaktor-Pilotin zu werden.

Bevor sie im Gespräch vollständig zum Ausbildungsthema wechselte, versuchte sie, herauszufinden, wer Goreg als Person war, und wo und wofür er stand. Dazu setzte sie hemmungslos alle ihre Mittel ein, ihr gesamtes Gefühlsrollenarsenal, vom verletzten hilfsbedürftigen Mädchen über die Bewunderin und Verführerin bis zum strengen Racheengel - und wieder zurück. Und in gesteigerter Intensität nochmals durch das ganze Programm. Goreg reagierte immer authentisch und eindimensional. Flirten war wohl nicht sein Ding, und auch Choleriker oder Zyniker war er keiner. In dem Bild von sich, das er ihr zeigte, waren ihr keine Bruchlinien erkennbar, auch nicht bei mehrfacher kritischer Prüfung, die sie sich verordnete, weil er ihr sympathisch zu werden begann. Nicht im Sinn einer persönlichen, geschlechtlichen Anziehung, sondern als wahrscheinlich verlässlicher und ehrlicher Mensch war er ihr anziehend. Sicher geworden ließ sie ihre Rollenbilder fallen und begab gesprächlich sich in die ihr eigene staubtrockene, flapsige Pragmatik. Goreg war erstaunt und fragte nach, was denn jetzt los sei. »Ich bin halt auch so. Es ist genug für heute. Wo werden wir morgen beginnen?«

Der Teleaktorpilot bestellte Abe sehr früh in ein Besprechungszimmer in den Bereitschaftsräumen, fragte ab, ob er sich vor ihr fürchten müsse, aus welchen Gründen auch immer: Wenn sie beispielsweise hungrig wäre. Der versuchte Witz kam niemals an. Er gab ihr noch allerlei Tipps und Anweisungen zum Essen, Trinken, Kleidung. Ein kleines wenig hatten sie also doch noch über die kommende Ausbildung gesprochen. Als sie aus dem Speisesaal traten, verabschiedeten sie sich. Goreg wollte keine Umarmung, keinen Kuss auf die Wange, obwohl das doch auch einigermaßen gebräuchlich war. Er ging in die Richtung, aus der sie gekommen waren, davon. Sie dachte kurz nach, wohin, zu wem er wohl gehen würde, und warum sie nicht darüber gesprochen hatten. Ein bisschen wunderte sie sich über die Vertrautheit, die sie offenbar erwartet hatte. Nach einem Augenblick des Verharrens über dieses Aufheben ging sie ebenfalls weg, um noch einzukaufen, Ablenkung zu suchen, bevor sie in ihr Zimmer gehen würde. Sie war ganz eigenartiger Stimmung, weil der Tag überaus intensiv gewesen war, voller als sie die meisten anderen Tage trotz ihrer drängenden Art erlebte. Sie kaufte dann nur das Dringendste, Lebensmittel, Sanitaria, ging sofort heim, schlang ein paar Bissen hinunter, ein paar Schlucke, wusch sich, legte sich in das Bett, schloss die Augen und versuchte, den Tag in mehreren Variationen, aus mehreren Blickwinkeln, an sich vorbeitreiben zu lassen, nahm das eine oder andere Erlebnis aus diesem Fluss, um es zu drehen, zu wenden, näher zu betrachten.

Etwas hatte sich ereignet, etwas würde sich ereignen, etwas würde sich ändern. Sie fühlte sich aufgeregt und genoss es.

Das Fliegende Spaghettimonster


Nach einiger Zeit trafen sich die geschichtenerzählenden Männer wieder. Alle hatten sie - wie vereinbart - zu Hause einen Anti-Gen-Coronatest gemacht und sich vorab die Fotos ihrer negativen Testergebnisse geschickt.
Sie trafen sich im Hause Johann Sebastian Höllmüllers, traten alle drei betreten von einem Fuß auf den anderen, nahmen die ersten Schlucke Rotwein im Stehen und räumten alle ein, dass sie mit einem solchen Fortgang ihrer Erzählung nicht gerechnet hätten. Ziemlich grotesk sei alles, nicht abzusehen, wie sich die Schicksale der Protagonisten treffen könnten. Heinz meinte, er wolle nicht weitertun, er wolle nicht, dass ihr Machwerk jemals öffentlich würde, man würde sie für irre halten. Besonders Karl drängte aber darauf, weiter zu machen:
»Es gibt tausende Romanhefte, die sind schlechter als das, was wir bisher geschrieben haben. Schaut euch nur die ganzen Actionfilme an im Kino, im Fernsehen. Die haben - wenn überhaupt - absolut absurde Handlungen und kippen nach kürzester Zeit in einen Computerspiel-Blutrauschmodus mit Geballere, Geballere, Geballere. Man fliegt zwar fortschrittlich mit Raumschiffen, aber alle schießen mit Pistolen und Gewehren, weil es ja so schön kracht und raucht. Und als Regisseur kann man auch immer mächtigere Ballermaschinen auffahren, und dann geht es nur mehr »Splat Splat Splat Splat Wumm«.
Die Bösen, genauer gesagt, ihre Helfershelfer, werden in Hundertschaften massakriert, aber das kümmert niemanden wirklich, die verschwinden einfach nur seitlich nach hinten aus dem Bild. Waren wahrscheinlich alle kinderlos und solo.
Der Oberbösewicht bekommt die Möglichkeit, kurz so zu tun, als könnte er gewinnen, aber dann passiert was Außergewöhnliches, gegen alle Physik und Psychologie, und die Guten gewinnen doch noch. Mit 72 Durch- und Steckschüssen, 14 Litern Blutverlust, aber angesichts der erretteten Jungfrau unmittelbar Kuss- und zeugungsfähig.
Und so was erzielt Einspiel-Rekordergebnisse. Wahrscheinlich nur, weil es entsprechend beworben wird, wahrscheinlich nur, weil das Publikum nichts anderes erwarten, wahrscheinlich nur, weil die Zuseher überwiegend pubertierende überwiegend männliche Wesen sind.

Aber wir wollen unser Ding ja gar nicht veröffentlichen, wir wollen es auch gar nicht verkaufen. Aber wir kümmern uns um die Menschen in unserer Geschichte und darum, dass das, was passiert, nicht allzu absurd ist.«
»Naja«, meinte Johann Sebastian: »Zukunft trifft Vergangenheit. Ein bisserl unwahrscheinlich ist das schon!«
»Fiktion! Science fiction«, ereiferte sich Karl: »Man kann ja mit den Möglichkeiten spielen, man kann sogar mit der fernsten Fantasie spielen, wenn man das dazusagt, von vornherein klarstellt.
Eine solche Klarstellung, die wäre mir schon wichtig: Es wäre wirklich interessant, wie viel von den heutigen Meinungen zur Welt und von den Verschwörungstheorien sich auf Geschehnisse in irgendwelchen Kabumm-Filmen beziehen, was die Menschen da alles für bare Münze nehmen.« Sie diskutierten wild, genauer gesagt diskutierten Johann Sebastian und Karl wild. »Wenn man es dazusagt oder zu erkennen gibt oder so übertreibt, dass es jedermann erkennen muss, dann darf man alles fabulieren. Das hat schon der Baron von Münchhausen so gemacht!«
»Ich hab einmal eine Geschichte gehört«, erwiderte Karl, »dass Glühbirnen - ich meine jetzt die alten Glühbirnen mit Glühfaden, die man jetzt schon kaum mehr bekommt - dass diese Glühbirnen gar kein Licht aussenden, sondern in Wirklichkeit die Dunkelheit schlucken, aufsaugen, fressen. Man konnte dies an alten Glühbirnen auch leicht erkennen, da hat sich ein wenig der aufgesaugten Finsternis immer am Glas niedergeschlagen!« Heinz zwirbelte aufgeregt beide Augenbrauen, nacheinander, immer wieder, und biss auf seine Unterlippe. Er schien nachzudenken. Vielleicht fühlte er sich aufs Glatteis geführt von den Dunkelschluckern. Vielleicht suchte oder genoss er den Nachhall des Gesprochenen, der Geschichte, ihrer Geschichte, soweit sie bis jetzt erzählt war. Er sagte nichts, er zwirbelte.
»Es ist niemals falsch«, führte Karl in diese Zwirbelruhe wichtigtuerisch aus, »einen Schritt zurückzutreten, die Welt aus anderen Blickwinkeln zu betrachten, um Fragen lösen zu können. Mir ist da jetzt, gerade in diesem Moment, eine Idee gekommen, die ich euch gern erzählen würde. Es hat vielleicht auch mit unserer Geschichte zu tun.«
Die beiden willigten ein.

»Also: Wie ihr wisst, beschäftige ich mich gern mit Grundlagenphysik, aber eben nur hobbymäßig. Meine Sinnfragen haben mich auf dieses Gebiet geführt. Und ich darf kurz ausholen.
Die Physik hat viel mit der Beobachtung der Welt zu tun, und entgegen allen Wohlfühlmärchen über die gute alte Zeit wurden die meisten Erkenntnisse erst im letzten Jahrhundert gewonnen. Solang der Mensch sich nur mit seiner unmittelbaren Lebenswelt beschäftigt hat, reichte es ja aus, diese zu kennen und vielleicht besser zu beherrschen: Wann wird mich der Säbelzahntiger eingeholt haben? Wie bring ich den Steinblock auf die Pyramide? Warum haben die Dinge Gewicht? Wann wird es wieder Zeit zur Aussaat? Und wie kann ich zwei Dinge fest verbinden? Was mache ich gegen Bauchweh oder Krebs?
Solche und so ähnliche Fragen beschäftigen uns auch noch heute überwiegend, und es hat in unserer Vergangenheit geniale Geister gegeben, die viele dieser Fragen gelöst haben, Wege eröffnet haben?
Aber unsere Lebenswelt ist nur Teil einer größeren und so wie wir die Erde besiedelt haben, besiedeln wir auch diese breitere, umfassendere Welt. Da wären zum Beispiel die Satelliten, die rund um die Erde fliegen. Da sind alltägliche Sachen dabei wie zum Beispiel unser Mobiltelefon, das mittels unsichtbarer elektromagnetischer Wellen nicht nur Gespräche übertragen kann, sondern Zugang zum Internet ist, Fotokamera, und so weiter. Die meisten Menschen nehmen diese Errungenschaften einfach zur Kenntnis, ohne sich viele Gedanken darüber zu machen, und manchmal fürchten sie sich davor, protestieren dagegen, verbrennen Hexen ...«
Trotz wegen des Satzausklangs eigentlich angebrachter Missbilligung schmunzelten sie alle (als ältere weiße Männer ein wenig süffisant) und tranken einander zu. Karl setzte fort:
»Und auch wenn sich die Sinnhaftigkeit solcher Grundlagenforschungen nicht sofort erschließt: Wir können ins Weltall hinaus schauen, fast 14 Milliarden Lichtjahre weit, und wir können ins Kleinste schauen, bis zur Planck-Länge herab, unterhalb derer es eine Welt nach unsrem Sinn nicht mehr geben kann, weil auch die kleinste Masse rechnerisch sofort zu einem Mini-Schwarzen-Loch kollabieren würde. Wir leben genau in der Mitte dieser gut 30 Größenordnungen nach oben und nach unten und kommen nimmer weiter: Nach oben begrenzt uns die Lichtgeschwindigkeit, nach unten eine Quantenwelt mit ihren Unschärfen und ihrer Unbestimmtheit und Formlosigkeit.
Und dazu ist mir jetzt gerade die Idee gekommen: Vielleicht sollten wir nicht so viel Energie darauf verschwenden, diese Grenzen unserer Realität noch weiter nach außen zu verschieben. Vielleicht ist ja alles ganz anders.

Ich hab da in der Küche noch einen Marmorgugelhupf stehen, gekauft natürlich, und mir überlegt, euch den aufzutischen. Zuvor wollte ich ihn aber noch pimpen, mit Staubzucker bestreuen.
Der Staubzucker - ja - das ist die Quantenwelt, oder - sagen wir besser - die Welt des Möglichen, eines Möglichkeitsfeldes. Und das Sieb, das spezielle Sieb, das ich mir genommen habe, das sind die Naturgesetze, nach denen der Staubzucker in unsere Welt gestreut wird, in der eben diese, unsere Naturgesetze gelten. Wahrscheinlich gibt es hier aber nicht nur ein Quantenfeld. Es gibt ja auch den Elektromagnetismus, die Photonen, es gibt die Starke und die Schwache Kernkraft und vielleicht noch mehr Moglichkeiten, die wir - quasi zur Veranschulichung - in Felder verorten. Den Ursprung vermuten die Physiker in nur einer einzigen, vereinheitlichten Kraft, die sich beim Urknall, genauer gesagt nach dem nach Urknall, dann geteilt und in Feldern manifestiert hat. Und diese Felder, diese Regeln, ihre Zusammenhänge, die entwickeln sich weiter. Das könnt ihr Euch vorstellen wie beim Fussball, bei dem die Regeln auch immer weiter verfeinert werden.

Und Zack: Damit waren auf einmal Regeln da, nach denen sich unsere Welt - und damit mein ich nicht die Menschenwelt, auch nicht unsere Sicht der Welt, sondern das ganze Universum, in dem wir uns befinden - bis zum jetzigen Zeitpunkt entwickelt hat. Und wahrscjheinlich haben sich auch die Regeln entwickelt. Ich glaub dabei nicht einmal, dass diese Entwicklung so sonderlich kompliziert war, eher so, wie meine Fahrradausflüge: Jede elfte Kreuzung links, jede siebente rechts. Ich glaub auch nicht, dass diese Entwicklung abgeschlossen ist, dass die Naturgesetze von nun an unveränderlich sind. Allerdings werden Veränderungen schwer zu beobachten sein. Was ist schon die Zeitspanne eines Menschenlebens in der Welt.

Interessant wäre, ob das Ganze jemals einen Anfang hatte, oder ob sich alles immer wieder verändert, wild oder auch wieder nach Regeln, ob dieses ganze Sein in etwas Übergeordnetes eingebettet ist. Irgendwie stellt sich da - zumindest mir landkatholisch erzogenem Kind - die Frage nach eventuell göttlichen Eingriffen. Nachdem unsere Götter ja alle schon irgendwie im Rahmen unserer Vorstellungskräfte und damit in unserem Raum-Zeit-Kontinuum angesiedelt sind, bleibt nur etwas nicht Erfassbares, Unvorstellbares, das »Fliegende Spaghettimonster«.
Die beiden anderen starrten ihn erschrocken und entgeistert an, bis sie nach einigen Augenblicken begriffen, aucf die Schaufel genommen worden zu sein. Da grinsten sie alle, und Karl fuhr fort.

Nach meiner Idee ist die Quantensphäre - oder was immer das dann ist - etwas - hmm: Zugrundeliegendes - und die - unsere, eine andere, irgendeine Welt entwickelt sich aus den Möglichkeiten dieser Quantensphäre durch das jeweilige »Sieb«, oder sagen wir »Felder«, oder sagen wir »Naturgesetze« für eben diese unsere Welt.
önnte es dann natürlich auch ein Sieb »Wunibald«, ein »Lamerka«-Sieb, und so weiter geben. Und in unserem Roman begegnen sich halt zwei - oder mehr - solcher Welten. Auch dafür könnte es ein Sieb, ich mein natürlich - »Naturgesetze« geben. Oder die Menschen haben eben eine Maschine gebaut, einen »Teleaktor«.«.
»Ein gesiebtes Universum«, stichelte Johann Sebastian. »Und das »Fliegende Spaghettimonster« ist der Beherrscher der Siebe!«, legte Heinrich nach. Karl wunderte sich, dass er sein Freund so schnell auf diese Religionsparodie eingestiegen war. »Ich meine nur«, ließ er sein flammendes Plädoyer ausklingen: »Ich meine nur, wir - die Forschung natürlich - sollten uns mehr mit den Naturgesetzen und ihren Veränderungen eigentlich sind das Beziehungsregeln, befassen, als mit den Enden unserer Welt!
Wenn ich da wieder an den Fussball denke, an andere Spüortarten, an die Regeln für unser Zusammenleben, dann werden die ja nie Anlasslos geändert. Gibt es Anlässe, dass sich Naturgesetze ändern? Das wäre zum Beispiel eine Frage, die mir sofort durch den Kopf geht.«

Alle drei waren erstaunt: Karl, dass er so leidenschaftlich gewesen war, und Johann Sebastian und Heinz, dass er so leidenschaftlich gewesen war, auch, wie viel er wusste und dachte. Sie hatten ihn als sehr zurückgezogen, sehr verhalten und vorsichtig erlebt, bislang. Doch die Leidenschaftlichkeit war nur ein kurzes Aufblitzen gewesen. So plauderten sie noch eine Zeit lang nett dahin, wobei Karl wieder verhalten war, und vorsichtig. Es schien sogar, vorsichtiger als zuvor.
Sie erhoben sich feierlich, alle drei, und tranken auf das »Fliegende Spaghettimonster«, das ihnen dieses Löeben geschenkt hatte. Seltsam gleichzeitig waren sie aufgestanden, alle mit ihren Gläsern in der Hand, sodass sich beinahe die Frage stellte, ob hier ein Naturgesetz dahinterstehen mochte.

Da die Stimmung sich in der Folge des hitzigen, schwitzigen, beredten und mittlerweile etwas betrunkenen Abends irgendwie gelöst hatte, weil sie sich Mut zugesprochen hatten, verblieben sie im gegenseitigen Versprechen, den »Wörterwärter« weiter auszuführen.
»Welche Freiheiten hab ich?«, fragte Heinz, »oder wollen wir uns auf einen groben Handlungsstrang einigen?« Karl antwortete rasch: »Alle Freiheiten, schreib, was Du dir vorstellen kannst. Ich freu mich über schwierige Vorgaben, für mich ist das wie ein Spiel ...«
Johann Sebastian sah ihn verschmitzt an und fragte listig in diesen Konsens hinein: »Du als Hobby-Physiker sprichst von Freiheit. Ist diese Freiheit der menschlichen Entscheidungen nicht auch in euren Kreisen umstritten, weil in der Welt doch alles Naturgesetzmäßigkeiten gehorchen muss?« Karl erklärte: »Diese Freiheit ist tatsächlich auch Diskussionsthema, wenn man von einem deterministischen Universum ausgeht, einem Universum, in dem man quasi alles berechnen und vorhersagen könnte, wenn man nur alle Anfangsbedingungen kennen würde. Aber ich glaube, wir kennen die tatsächliche Funktion der Welt, wenn man darunter das Gesamte versteht, nicht, und wir hätten auch nicht die Kapazitäten, etwas vollständig nachzurechnen. Aber für Menschen reicht der Bewegungsspielraum innerhalb ihrer Lebenswelten vollständig aus, um sich uneingeschränkt frei zu fühlen. Man hat ja immer die Entscheidungsfreiheit für oder gegen eine Handlung.«
»Wenn Du die Konsequenzen außer acht lässt«, warf Heinz ein. »Wenn Du jemanden umbringst, wirst Du dafür eingesperrt. Wenn Du Gift trinkst, dann wirst Du daran sterben.«
Jetzt mischte sich wieder Johann Sebastian ein: »Das kommt auf den Zusammenhang an. Wenn Du im Krieg jemanden erschießt, vielleicht noch in Selbstverteidigung, dann unterliegt das ganz anderen moralischen Beurteilungskriterien. Die Entscheidungsfreiheit gibt es meiner Ansicht nach jedenfalls. Die moralische Beurteilung, die ist eine Frage der Philosophie, der Juristik, der Religion, wenn Du willst.«
»Darüber wird dereinst das »Fliegende Spaghettimonster« urteilen!«, setzte Karl fort: »Ich finde das ja lustig: Wenn der Mensch keine Willensfreiheit hätte, wie könnte er dann Sünden begehen? Und warum kann er das überhaupt, unter den Augen eines allmächtigen und liebenden Gottes? Hat uns der in einen Versuchskäfig gesetzt und gemeint: »Machts gut!«. Oder gibt es wirklich das Fliegende Spaghettimonster? Oder gibt es gar keine solche Entität? Vielleicht gibt es nicht einmal einen tieferen Sinn? Vielleicht müssten wir da ja eher von »höherem Sinn« sprechen? Wie steht es in einem solchen Fall mit der Liebe?«

Jaja, die Liebe: Warum gibt es die Frau Abe in der Geschichte vom oder von den Wörterwärtern?

Wörterwärter - Teil 2


Teleaktor, Kapitel 3

Irgendwie gefallen mir Herbsttage: Diese Herbsttage, an denen der Nebel den Himmel gleichmilchig macht, sodass der nächstgelegene Horizont zum Ende der Welt wird, dann riecht es meist ein bisschen nach feuchtem Laub. Wenn man ein herabgefallenes Nussblatt hebt, schmeckt man zart die schwarzbittere Ledrigkeit direkt am hinteren Gaumen, direkt am Gehirn, gleich wie den Geruch der schwarzen Nüsse. Ahornblätter riechen grazil zitronig, Haselnüsse erinnern mich an Cappuccino. Mir verursachen solche Gerüche immer ein wenig Heimweh, ein wenig Nostalgie, doch das, wonach meine Sehnsucht ruft, das kann ich dem Nebel dann doch nicht entreißen. Nicht nur im Herbst, aber der erinnert mich daran. Es ist eigenartig, wie sehr Gerüche mich erinnern.

Ich bin früh erwacht, erfrischt und leicht munter geworden im Schlaf, heute. Draußen dann eine Symphonie an Farben, auch ohne Sonne. In Nebelschleiern, in denen der Atem dampft, als würde ich etwas von mir aushauchen, Brillen und Autoscheiben erst beschlagen, dann langsam mit mopsigen Tropfen zuwachsen. Ich hab den Weg ins Büro genossen. Er hat mich mit Entzücken und Optimismus erfüllt. Ich freute mich ab dem ersten Augenblick des Erwachens, Abe, meine Schülerin zu treffen. Es war der Tag für Abe.

Einen kleinen Umweg machte ich noch, um nicht zu bald im Büro zu sein. Im Gebäude war es trocken und warm, ein schöner Kontrast zum kühlen Morgennebel am Weg. Ich zog meinen Mantel aus, ich atmete die warme Luft, die helle Beleuchtung, die Raumproportionen, verglich die Stimmung kurz mit dem Sonnenaufgang, den ich ja auch nur erahnen hatte können im Dunst. Selbst diese Ahnung begann aber bereits zu zerfließen, unscharf zu werden, zu einer anderen, einer Zauberwelt.

Abe war schon da, die Begrüßung war lediglich die kurze Fixierung eines Augenblicks, Sicherheitsentfernung. Suchen, ein nächster Augenblick, so bedeutete ich ihr - altmodisch wahrscheinlich, einen Kavalier spielend -, doch bitte Platz zu nehmen, setzte mich schräg gegenüber an den Tisch. Wie es ihr ginge, wie es mir ginge? Höfliche Antworten ohne unerwartete Inhalte.

Zuerst versuchte ich, ihr den Mechanismus der Gleichzeitigkeiten im Teleaktor zu erklären, wie man dort hinkomme, wie man dort sei. Es war fürchterlich. Ich hätte mir ein Konzept erstellen sollen, weil ohne eine solche Vorbereitung versuchte ich, ihr alles dringend zur gleichen Zeit zu erklären. Ich konnte auch nicht auseinanderhalten, was wichtiger ist, was weniger. In meinen Erklärungsversuchen fiel mir erstmals auf, wie wenig ich von der Physik der ganzen Sache wusste, wie sehr mein Pilotentum eher mit Gefühlen funktionierte, mit Einfühlen, mit Treiben, Fahren, Gleiten, Aufmerksamkeit, Hingabe: Gleichzeitig eine körperliche Prozedur, gleichzeitig Rezitation, gleichzeitig eine Seelenreise. Der Herbstmorgen fiel mir wieder ein, Nebelgeruch, wie ich mich da als kleiner Teil einer großen Welt gefühlt hatte. Im Bürogebäude war das anders geworden, da gab es überwiegend nur Menschenwelt. Verzierte und gezierte Menschenwelt. Es ist eigenartig, dass mir heute die Gerüche so aufgefallen waren, weil eigentlich bewegt sich unser Geist hauptsächlich in Bilderwelten. Unsere Assoziationen zeichnen Bilder, appelliert an assoziative Erinnerungsbilder: »stahlhart« beispielsweise, oder »knochentrocken«.

Genau diese beiden Adjektive fielen mir ein, jetzt, da ich Abe gegenüber saß. Während ich nach Worten, eigentlich Bildern suchte, meine Pilotenaufgaben zu beschreiben, hetzte sie mich mit direkten Fragen, ohne jeden Respekt für meine Bemühungen, ohne Achtung der Grenzen meiner Person, gleichzeitig selbst verschlossen, dass sie fast einsilbig wirkte. Es gab nur den Teleaktor, mich, von ihr nur ihren Anblick, ihr Bild eben, wie ein unbelebtes Abbild, aus dessen Anblick allein kaum Persönliches erkennen war. Aus ihrer verhaltenen Stille heraus stachen ihre spitzen Fragen, jedes Mal irgendwie unerwartet, jedes mal ein wenig schmerzhaft fast, und es dauerte immer, bis ich begriff und die für´s erste unangenehmen Worte in mich einließ. Es war so unerwartet, widersprach so sehr meiner morgendlich-freudigen Erwartung, es war unangenehm, aber trotzdem versuchte ich, aus Abes Fragen auch für mich Gewinn zu ziehen, indem ich jedes mal in mir nachforschte, was ich denn da verdrängte, versteckte, was es denn noch zu denken gäbe. Und Abe war mir so ungewohnt, so fremd, und wurde so sehr fremder, dass ich sie zunehmend attraktiv und begehrenswert fand.

Im Lauf der Zeit wurden unsere Dispute fließender, leichter. Einige Mauern schienen niedergerissen, wahrscheinlich war der »Beziehungsaspekt«, wenn man das so ausdrücken will, in den Hintergrund getreten. Es ging zunehmend um Sachverhalte. Und da war einer schon eigenartig: Über Gerüche hatte ich bereits reflektiert heute, und über Visualisierungen. Beides sind Sinneswahrnehmungen von Sachverhalten, die außerhalb von uns existieren (oder zumindest ihre Ursachen haben). Und jetzt begannen wir über Worte zu sprechen, oder Wörter, also über Informationseinheiten, die wir in uns hervorbringen.. Wir Teleaktor-Piloten rezitieren ja während der Gleichzeitigkeiten unsere »Gebetsformel«:
» ... Mein Ich erkennt, dass ich lebe.
An meinem Leben erkenne ich, dass es meine Welt gibt.
An der Existenz meiner Welt erkenne ich das Sein, das Gegenteil von Nichts.
Und da ich bin, so werde ich überall und jederzeit sein.«

Ursprünglich war ich ja der Meinung gewesen, dass diese Monotonie, dieses Chanten, prinzipiell Firlefanz wären, obwohl sie mir bei der Selbstbeherrschung in der Gleichzeitigkeitsbeherrschung halfen. Jetzt, als ich es Abe erzählte, befiel mich plötzlich eine Ahnung, dass diese Formeln ein spezielles Kontinuum schaffen würden, ein Feld, das mit der Teleaktorsteuerung zu tun hätte. Möglicherweise hatte man ja Mikrofone eingebaut, die Sprache könnte zur Steuerung beitragen. Möglicherweise wirkten die Beschwörungsformel auf die Wahrnehmung der Beteiligten und mittelbar auf die Gleichzeitigkeiten. Vielleicht war es ja eine Art Zauberspruch, der eben im und mit dem Teleaktor funktionierte. Ich wusste es nicht. Ich erzählte Abe davon. Ich würde mich kundig machen.

Im Besprechungszimmer spielten wir mit den Formeln, wir spielten mit den Worten, wir spielten mit den Wörtern. Der Zauberspruch funktionierte dort nicht im Geringsten.

Wenn es keine anderen als sprachliche Gesichtspunkte gab, waren die Formeln ja irgendwie lediglich Abbilder der Bedeutungsinhalte. Sie zeichneten quasi einen Weg, Zeile für Zeile, Schritt für Schritt. Wir wissen aus entsprechenden Memes, dem Nuscheln unseres Großvaters und populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen, wie redundant unsere Sprache ist. Es erscheint unglaublich, wie viel man da weglassen kann, welche Buchstabendreher man einbauen kann, und trotzdem bleibt die Verständlichkeit eines Textes erhalten.
»Worte« und »Wörter«? Die Worte sind für mich sinngeladen. Es muss immer ein paar zusammenhängende geben, sozusagen »Sätze«, auch das ganze »Gebet«, damit für mich Worte gesprochen sind. »Wörter« hingegen sind so etwas wie Atome. Jedes für sich hat Eigenschaften, lässt sich mit anderen zusammenstellen, kombinieren, in eine Reihe bringen, und ergibt mit diesen anderen Wörtern dann neue Bedeutungen, einen quasi erweiterten Sinn. Für sich selber genommen bezeichnen Wörter allenfalls statische Dinge oder Eigenschaften oder Vorgänge, die ohne Objekte und Beziehungen sinnlos sind. Und dennoch wohnt jedem Wort Kraft inne, ein Potenzial, Strukturen aufzubauen.
Und die Buchstaben, das sind die Grundbausteine, sozusagen die Quanten dieses Systems. Für sich allein genommen sinnfrei, strukturfrei. Ihre Eigenschaften sind so minimal, dass man nicht darüber zu streiten braucht, und ohne dass sie in Strukturen - Wörter, Worte, Sätze, Geschichten - gebracht werden haben sie auch nicht die Kraft, irgendetwas zu bewegen, irgendwelche Abläufe oder Kausalitäten zu beschreiben. Eigenartig: Das Alphabet der Zeichen kann überall sein oder nirgends: Es hätte keine Bedeutung. Erst wenn Strukturen gebildet werden, entsteht unsere Welt.

»Mein Ich erkennt, dass ich lebe.«
Wow! Was ist ein »Ich« in diesem Ozean der Möglichkeiten? Was ist »Leben«? Und was bedeutet es, dass »mein Ich« erkennt, dass ich lebe? Was wäre, wenn alles genau gegenteilig wäre? Was ist »meine Welt«, gibt es eine »allgemeine Welt«? »Sein«, »Nichts«: Kontemplationen! Über das »Nichts« kann man eigentlich nicht sprechen, das es nicht existent ist. Aber sprächen wir nicht davon, dann wüssten wir nichts über das »Nichts«. Die Ränder der Welt sind paradox.
Ich schlug im Katalog meines Wissens zu diesen Themen nach und musste - wieder einmal, in diesem Augenblick aber ein wenig verzweifelt - feststellen, wie wenig Kenntnisse ich von meinen Ausbildungen bewahrt hatte. Abe wusste zwar - derzeit noch - weniger, schien es mir, oder sie machte sich weniger Gedanken. Bestimmt hatte bereits mit jemand anderen über die Fragen, die sich für uns ergeben hatten, gesprochen. Ich nahm mir vor, mir am Abend zumindest einen Überblick über mein Fachgebiet, meine Welt, zu verschaffen, da und dort meine Sachkenntnisse aufzufrischen. In diesem Zusammenhang nahm ich mir auch dringend vor, die bei mir offensichtlich, offensichtlich auch unbemerkt, ausgeuferten anthropozentrischen Fantasien und Bequemlichkeiten wieder zurechtzustutzen: Der Mensch ist lediglich ein evolutionäres Phänomen, nicht das Zentrum der Welt. Wir können uns erfolgreich an der Welt entlangforschen, entlangentwickeln, anpassen; jeder anderslautende Anspruch führt a la longue ins Nichts.

Wahrscheinlich waren es die Gedanken an unsere Natürlichkeit: Plötzlich verspürte ich Hunger, sah auf das Komm: Es war schon beinahe das Ende der vorgesehenen Wachperiode, und wir gingen rasch in die Kantine, um noch etwas Schnabulat zu ergattern. Beim Essen - wir waren wieder nahezu allein, jedenfalls saßen wir so weit entfernt von anderen Personen, dass wir unbelauscht sprechen konnten - debattierten wir weiter. Abe hatte rasch gelernt, schien die Parameter der Teleaktor-Reisen begriffen zu haben. Sie machte fantasievolle Vorschläge für Experimente in den
Gleichzeitigkeiten. Sie verwendete abgewandelte Formeln, imperative Umformungen des »Gebets«, Umstellung von Wörtern und Worten, Umordnungen der Kausalitäten, Mutationen in den Wiederholungen, von der Aktivdarstellung ins Passive, wie beispielsweise in der Form: »Das Leben will von mir erkannt werden«, oder »Die Welt zwingt mich, mein Leben anzuerkennen«.
Ich war verwundert, wie viel sie wusste. Der Tag war mir nicht derart erinnerlich, dass sie auch nur dien Grundlagen für ihre Spekulationen von mir haben könnte. Ich erinnerte mich auch an meine Vergangenheit: Ich habe selber auch einiges experimentiert, beginnend bereits in meiner Ausbildung. Ich denke, ich war dabei eher sogar hemmungslos und voller wilder Fantasien und Wünsche. Im Vergleich zu Abe war ich wahrscheinlich aber doch immer vorsichtiger, eingeschränkter, gewesen. Ich hatte nicht aufs Geratewohl ausprobiert, sondern daneben auch immer an die Strukturen, in Strukturen, gedacht, und - vorsichtig - nur erprobt, was mir auch erfolgversprechend und passend erschien. Abes Vorschläge waren schrankenlos: Nach brute force-Prinzipien schien sie einfach das Spektrum der Möglichkeiten systematisch durchprobieren zu wollen. Ich überlegte, ob das klug wäre, kam dabei aber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis. Abe war irgendwie ganz und gar anders als ich.

Ritterzeit, Kapitel 3: Minne und Schuld

Manchmal kommt die Erinnerung, es kommt die große Sehnsucht.
Ich habe lang darüber nachgedacht, zum Teil sinnlos gebrütet. Der Schmerz flacht nicht ab wie ein Berg, er kommt in Wellen, und diese Wellen kommen immer wieder. Die Zeitabstände ändern sich, die Intensität, aus Erfahrung weiß ich mittlerweile, dass es übel sein kann, dann aber auch wieder erträglich. Ich hab darüber nachgedacht, ob es angebracht sei, zu trauern, angemessen und gerecht. Ich habe nachgedacht, ob starke Menschen, gute Menschen, menschliche Menschen, trauern würden an meiner Stelle. Ich weiß es nicht, und ich werde es auch nicht wissen können. Nie würde ich für andere merkbar trauern, und ich will mich auch nicht verlieren, nicht in den Schmerz fallen lassen, nicht einmal für mich allein. Aber sie kommt eben, die Traurigkeit, der Schmerz überrollt mich in wilden Wellen.

Den Zustand, in dem ich hier jammere, den hab ich selber herbeigeführt. Ich bin gegangen, ich habe getötet, ich hab Dich verlassen, im Vollbesitz meiner Seele. Für mich ist es so. Ich weiß nicht, ob Du dies auch so siehst. Wie eine Schlange habe ich zugestoßen: unerwartet, aus der Deckung des Verkennens, in Verleugnung meiner Ideale. Letztendlich bin ich dann in einem Schwung fortgegangen, mit der Dynamik dieses Augenblicks. Wir hatten eine gute Geschichte, Erinnerungsaugenblicke, unsere Plätze, unsere Lieder, unsere stillschweigenden Ziele, doch wir haben es nicht geschafft, darüber zu sprechen. Anfangs gab es scheinbar keinen Grund zu sprechen, weil die Leichtigkeit unserer Augenblicke wollte, sollte nicht gestört werden. Es stand mir nicht zu, den Liebestanz zu unterbrechen, weil Du mir ja nicht gehörtest, mir doch nur gebührte, was Du selbst mir gabst und geben wolltest. Hätte ich um mehr betteln sollen, dürfen, können? Es wäre nicht recht gewesen, mich aufzudrängen: Boduin, er war mir immer ein treuer Gefährte mit edlem Sinn gewesen, liebte Dich. Ich liebte Dich auch. Ich hätte es Dir nie so sehr sagen können, wie es mich umfing. Es wird mir nie mehr passieren, dass das Glück eines Moments mich hindert, wahrhaftig und mir treu zu sein.
In jedem Seelenschmerz erinnere ich mich anders, und weil das wohl nicht so stimmen kann, bin ich dabei wahrscheinlich ungerecht. Manchmal komm ich mir vor wie ein Feigling, der sich aus Angst vor dem Tod selbst tötet, der zerstört, was sonst mit der Zeit vergehen würde, weil er sich vor dieser Auflösung fürchtet. Manchmal komm ich mir vor, wie der selbstgerechteste Tyrann, weil ich die Entscheidungen, die Trennung, so es denn für jemanden außer mir überhaupt eine war, allein erdacht und durchgeführt habe. Weil ich allein der Maßstab meines Schmerzes bin, weil ich mich verschließe und niemanden teilhaben lasse.

Boduin: Er verehrt Dich, er liebt Dich. Auf seine Art liebt er Dich, und das ist eine gute Art: Anders als ich ist er ein geradliniger Charakter, bei dem die Gefühle ungefiltert und unmittelbar nach außen durchkommen. Ich sah ihn, wenn er Dich ansah. Er sprach mit mir über Dich, fast ausschließlich über Dich, und es betrübte mein Herz, zwischen Euch zu stehen, allein davon zu wissen. Er suchte Deine Nähe. Ich hätte keinem von Euch je nachspioniert. Ich weiß nicht, ob ihr je ein Paar wart, ich hätte auch nie geforscht, ich hätte auch nie gefragt, mich nie offenbart. Ich wusste, wie er Dich sah. Du hast mit mir über ihn gesprochen. Sehr gut hast Du ihn gezeichnet und ausgemalt, sodass ich ihn beinahe vor mir sah, mit einigen Eigenschaften, die mir ohne Deine Hinweise nie aufgefallen wären. Du hast ihn als vollständigen Menschen dargestellt, seine Stärken, seine Schwächen. Ich liebe Deine Art, Dinge erkennen und beschreiben zu können, es ist wie Musik machen. Angesichts mancher Deiner Missbilligungen von Boduins Verhalten wünschte ich, ihr wäret kein Paar gewesen. Ich würde nie über meine Dame ungünstig sprechen, und Du solltest Boduin auch annehmen und stützen, so wie er eben ist. Du solltest das tun, wenn Du ihn liebst. Aber es ist wohl wieder meine eigene Eitelkeit, die ich jetzt sogar auf Dich erstrecke.

Der Zusammenstoß in der Burg: Eine Schlacht, ein Abschlachten. Wir waren alle an Waffen ausgebildet, im Kampf erprobt. Die Burgleute trugen zwar auch Schwerter, hatten diese aber offenbar kaum je gebraucht, und so war es nicht verwunderlich, dass wir sie rasch niedermetzeln konnten. Es war ein wahrlich lächerlicher Streit gewesen, nicht einmal ein Streit, nur eine unerfindlicher Wallung, eine Eifersuchtseruption.
In der Burg waren wir respektvoll behandelt worden. Am Anfang gab es Misstrauen, Distanz, aber wir wurden zum Verweilen eingeladen, so lang es uns beliebte. Man gab uns zu Essen, zu Trinken, ließ uns jegliche Freiheit, und wir wahrten ebenfalls den Anstand und spürten und schnüffelten nicht herum. Mit den Tagen wurde der Abstand kleiner, aber es erwuchsen weder Freundschaft noch eine offene Ablehnung oder Feindschaft daraus. Nichts veränderte sich an unserer Stellung zueinander, nur der gegenseitige Respekt war die Spange, die uns verband, und selbst dieser Respekt war kein herzlicher, sondern einer der höfischen Umgangsformen. So lagerten wir einige Tage und Nächte in der Stadt und erholten uns von unserer Reise. Jeden Abend sprach der Burgherr die Zauberformel: In einem Klötzchenflackern erschienen daraufhin Teile dieser anderen Welt, Sachen, Menschen, Tiere. Vor allem aber erschienst Du. Am Anfang bliebst Du hinter dem Torrahmen, den der Zauberspruch erscheinen ließ, doch eines Tages fiel dieses Flackern zusammen, bis auf einen kleinen Punkt. Du bliebst aber hier, in unserer Welt, wunderschön und begehrenswert. Du sprachst, nein, Du murmeltest vor Dich hin, Deine Lippen waren bewegten sich fast lautlos. Du warst beschäftigt, nur Deine Augen streiften über uns. Wenn sie mich streiften, erglühte ich. Du hast mir in mein Herz geschaut, Du hast meine Seele an der Hand genommen. Und dann dann bist Du wieder gegangen, durchsichtig geworden, ein grünes Flackern, ein seltsamer Geruch. Wir wussten alle, dass Du eher von den Engeln kamst als aus der Hölle.

Jeden Tag beschwor der Burgherr das Tor. Oft kam dann nur ein Flackern, ein Bild von Dir. Mein Herz schlug wild, mein Schlaf wurde seicht und war doch süß, wenn ich von Dir träumte.
Nach einigen Tagen tratest Du wieder herein in unsere Welt, in unsere Gesellschaft. Und Du gingst wiederum weg, in Deine Welt, als die Fackeln gewechselt wurden. Der Torbogen pulste wild und glühte in allen Grüntönen, er brummte und summte mit dem Wechseln der Farbtöne. Es sah furchterregend aus, ich habe mich nicht getraut, Dir zu folgen.
Du kamst am nächsten Tag wieder, Du bliebst über Nacht, und der Burgherr hatte Dir ein Quartier zugewiesen. Ich wachte eifersüchtig über die Zugangstür. Du schienst keinen Schlaf zu kennen, kamst heraus, sprachst mit mir. Ich flog in Wolken des Glücks. Du brachtest mich sanft zurück und gingst davon. Ich bot Dir an, Dich zu begleitet, doch Du batest mich, Dich allein gehen zu lassen, Du wolltest Dich »umsehen«.. Ich habe auf Dich gewartet, vor Deiner Kemenate. Durch einen Zauber, dem ich mit aller Kraft nicht widerstehen habe können, bin dann eingeschlafen, hab wiederum von Dir geträumt. Du hast mir die Hand geboten, die Wange zu einem Kuss. Du hast dich zu mir gelegt, und ich weiß nicht, ob dies so war, ob Magie, ob ich es geträumt habe. Du warst den ganzen nächsten Tag da. Du bist durch die Stadt gestreift, und immer wieder hast Du mich aufgesucht und mir tief in die Augen gesehen. Du hast so mit mir gesprochen, doch könnte ich nicht in Worte fassen, was Du mir gezeigt hast.
An diesen Tagen ...: Die ganze Stadt, die Burg, alle Menschen schwebten und lächelten, und das Grüne in der Luft wurde linder. Es war Magie, es war Liebe, es war gut. Und dann bist Du wieder gegangen durch dieses grüne Feuertor.

Ich kann nur für mich sprechen, wenn ich meine, dass ich an diesem Tag wegen Dir durch Himmel und Hölle gegangen bin. Doch Du kamst wieder, jeden Abend. Doch niemals war es dann so, wie als Du bei mir lagst, immer gingst Du auch am selben Abend. An einem dieser Abende sahst Du dann - erinnere ich mich - Boduin lang und tief in die Augen. Mein Herz wurde von einem glühenden Speer durchbohrt. Dann sahst Du mich spöttisch an, drehtest Dich um, gingst ins Dunkel des Hofes und wendetest Dich an der Schattengrenze zu uns zurück, um nochmals Boduin und mich anzusehen. Man konnte diesen Blick deutlich als Aufforderung begreifen. Mit einem schmerzerfüllten Grunzen erhob sich der Burgherr, stieß die Tafel, an der wir gesessen waren, zu uns hin um, zog sein Schwert und ging auf uns los. Seine Gefolgschaft tat es ihm gleich.
Wir trugen keine Rüstungen, nur die Gewänder, die man uns gegeben hatte. Unsere Schwerter hatten wir hinter unseren Hockern abgelegt. Dass es ein Schlachten war, hab ich schon erzählt. Es ging rasch, blutig, beinahe stumm vor sich. Trotzdem blieb es nicht unbemerkt. Immer mehr Stadtleute kamen, zögerlich zwar und Abstand einhaltend, jedoch mit Waffen, mit Gabeln, mit Sensen und Dreschflegeln. Sie würden nur ihre erdrückende Übermacht abwarten, bevor sie uns angriffen, und so räumten wir das Feld. Es war keine wilde Flucht, eher ein Weggehen. Wo Du warst, konnten wir nicht erkennen, doch einhellig wussten wir, dass man Dir nichts antun wollte oder konnte. Wir würden Dich aus einem sicheren Rückhalt heraus suchen. Unsere Rüstungen blieben in der Stadt, unsere Pferde konnten wir noch mitnehmen, samt Sätteln und Zaumzeug und dem Gepäck, das wir bei den Sätteln gelassen hatten.

Als ich Ritter wurde, hatte man mich die ritterlichen Tugenden und Berufungen gelehrt: Die Demut, die Würde, die Güte, die Höflichkeit, die Tapferkeit, das maßvolle Leben, die Freigiebigkeit, die Minne, die Festigkeit und den hohen Mut.
Was alles ist von dem noch da in meinem Leben? Für Gott haben wir gekämpft, im Heiligen Land, so dachten wir alle. Um Land haben wir gekämpft. Um unser Leben und das Leben von dem, der vor, hinter, rechts oder links von uns stand oder ritt. Auch die Sarazenen haben für ihren Gott gekämpft. Welch seltsame Götter. Götter, die allmächtig sein wollen und doch im Wettbewerb stehen. Allmächtige Götter, die Menschen für sich kämpfen lassen müssen. Götter, für die die Liebe lästerlich ist, das Töten jedoch ehrenhaft. Götter des Todes?
Und wiederum habe ich heute getötet, als Stärkerer die Schwächeren getötet. Um nichts habe ich getötet als um meine Eitelkeit. Ich habe nicht nur gemordet, ich hatte auch Frauen und Kinder in ein Kummerleben gestoßen. Gottes Strafe fürchte ich nicht, doch bin ich tief niedergeschlagen, nicht mit dem Schwert, sondern an der Seele, und des Lebens müde. Und wenn ich dereinst über mein irdisches Sein Rechenschaft ablegen werde, und sei es nur mir selber, so ist meine Schuld größer, als das Gute meines Lebens je sein wird können.

Ich habe meinen Glauben verloren über diese Jahre im Heiligen Land. Meinen Glauben an Gott und meinen Glauben an die Menschheit. Und ich bin einer dieser Menschen, einer der grausamen und mörderischen Art. Es ist schlimmer noch: Ich bin den kleinen unter ihnen ein übles Vorbild, ein schädlicher Beistand. Wenn sie zusammen sind in einer Masse, dann lärmen und grölen sie und laufen den dümmsten und größten Störenfrieden nach, wer denn dabei am schnellsten und am blödsinnigsten sei. Sie sind grob und ohne Liebe und ohne Ruhe und ohne Verstand. Sie machen sich ihre Götter und Götzen nach jeweiliger Mode. Aber sie brauchen immer einen wie mich: als Anführer, als Spiegel, um ihren Zorn zu nähren. Ich könnte sie aufhetzen und antreiben in den Hass und den Krieg. Ein Mann könnte aber auch alle ritterlichen Eigenschaften haben und leben, doch wenn sich die Masse berauschen will, dann wird ihr dieser Mann zum Gewissen und damit zum Unhold. Auch so nährt er unausweichlich den Hass. Nur wenn sie sich dann fürchten, im Rudel, dann suchen sie ihn wieder, den Bedächtigen, den Vernünftigen, aufdass er sie rette, denn das erwarten sie von ihm. Dann können sie wieder vergessen und abermalig den Teufeln nacheifern.

Ich habe den Glauben abgelegt, der Hoffnung entsagt. Das, was tatsächlich ist, soll mir Maßstab sein, nur was erreichbar ist, ein allenfalls erstrebenswertes Ziel. Was brauch´ ich ein Himmelreich, wenn doch die Welt so schön ist. Und mit dem Tod endet das, was ich hier bin, doch nichts vergeht.
»Du sollst nicht töten!«, das ist erst das fünfte Gebot des christlichen Gottes. In den ersten drei Geboten gehts um seine Stellung. Im vierten um das Ehren von Vater und Mutter. Ich denk ja, gemeint ist damit das Hochhalten von Traditionen, die Erstarrung von Zielen.
»Du sollst nicht töten!«. Und doch hab ich es getan, oft schon, als ob ich nichts anderes könnte. Durch meine Sünden sind Leben beendet. Durch meine Schuld gibt es Witwen und Waisen.
Nichts ist gut geworden, auch wenn ich Ritter zu sein versuche. Ich kann das nicht!
Es war so leicht, das Schlachten in der Burg. Es war keine Schlacht gleich mächtiger, ehrenvoller Gegner. Ich denke, eine solche Schlacht gibt es nicht, man erzählt davon nur, um ein gutes Andenken an die verlorenen Menschen zu pflegen. Man erzählt davon, um den Hass nähren zu können.
Ich hätte auch anders handeln können in der Burg. In vielen Kämpfen hätte ich anders handeln können. Ich verachte mich. Der hohe Mut, die Zuversicht, der Glauben an die Zukunft, an einen Sinn, sie fehlen mir. Ich habe sie verloren, ich habe mich verloren, ich bin verloren! Ich habe getötet, alles, auch meine Liebe, meine Seele! Ich verachte es, mich zu bemitleiden. Ich verachte mich! Rittertum ist ein Betrug. Lebt nicht der Bauer glücklicher, der das Leben pflegt als Ziel? Lebt nicht auch der Händler glücklicher, der sich über gute Geschäfte freut? Liegt das Himmelreich nicht in der Liebe eine Frau, in der Liebe?

Wir ritten frierend in die Nacht, hinunter und dann am Bach entlang. Keiner von uns war verletzt. Wir brauchten einen Platz, um uns zu ordnen.


Teleaktor, Kapitel 4: Der Paradiesplanet

Abe lernte schnell, sehr schnell. Sie war, wie man in solchen Situationen gern sagt, begabt.
Ich erkläre das vor dem Hintergrund, dass ich einer der besseren Teleaktorpiloten bin. Es ist mir ja fast peinlich, das so in den Raum zu stellen, weil persönlich halt ich mich für nicht so gut, nie so gut, wie Abe schon damals war, jetzt sein wird. Aber ich bemühe mich. Ich denke nach, was ich da eigentlich mache in der Maschine, ich versuche, mich zu verbessern, meine Teleaktorreisen zu verbessern.

Das Reisen im Teleaktor hat ja wirklich etwas Mystisches an sich, etwas, dass ich als rationaler Mensch nicht so einfach hinnehmen kann. Schon bald nach Beginn meiner Tätigkeiten suchte ich nach diesem »Zauber«, zuerst in unserer »Gebetsformel«. An Zaubersprüche glaube ich nicht, aber an induzierte Psychoeffekte, an sich selbst erfüllende Prophezeiungen, an Placebo- und Nocebo-Effekte. Unser »Gebet« soll wahrscheinlich mithelfen, unsere Passagiere auf Linie zu bringen, sozusagen zu synchronisieren. Ich stell mir so eine Synchronisation von Schwingungen immer anhand eines Bildes vor: Zwei Pendeluhren, die beide gleich genau gehen, bei denen die Pendel aber verschoben schwingen: »Tick-Tick-----Tack-Tack---«. Im Lauf der Zeit schwingen die Pendel aber dann gleich, haben sich synchronisiert, man hört nur mehr: »Tick-----Tack-----Tick---«, allerdings lauter, weil im Gleichklang.
Im Fall der Teleaktorreisen ist so eine Synchronisation sicher für die Passagiere gut, weil da kein Platz mehr bleibt für Angst und sonstige Dummheiten. Und es ist gut für uns Piloten, weil wir nicht viele störrische Individuen an die Kandare nehmen müssen, sondern quasi nur eine gleichgeschaltete Masse. Und wenn es irgendeinen technisch-physikalischen Einfluss auf den Teleaktor oder die dort herbeigeführten Gleichzeitigkeiten haben sollte, ist eine solche Synchronisation wahrscheinlich auch besser, weil dadurch eben ein starker Gleichklang gegeben ist.
Dieses neuronale Entrainment hat auch viel Einfluss auf die Erreichbarkeit von Personen, auf das Erringen von Aufmerksamkeit, auf die Beseitigung von Widerständen. Jeder Kongressveranstalter, jeder Vortragende, jeder Komponist, Dirigent, Schriftsteller versucht, seine Teilnehmer, Zuhörer, Leser, mit sich zu synchronisieren, bei Veranstaltungen auch untereinander zu synchronisieren, da aus dieser Harmonie Zustimmung, Kraft und Wohlbefinden resultieren. Mit ähnlichen Ansprüchen, aber wahrscheinlich auch, weil es sich so kompetent anhört, dieses »neuronale Entrainment«, gibt es natürlich auch viel Absonderliches, Esoterisches drumherum: »Binaural Beats« zum Beispiel. Das haben Sie sicher schon gehört. Da werden den beiden Ohren leicht unterschiedliche Schallfrequenzen, zugeführt, die angeblich im Gehirn zu einer mittlere Schallfrequenz synchronisiert werden und physio-psychologische Wirkungen nach sich ziehen sollen.

Ich wäre nicht ich, wenn bei den damit verbundenen Fragen nicht mein Stolz durchgeschlagen hätte, wie er eben schnell einmal zur treibenden Kraft wird bei mir: Ich wollte meine Passagiere allein mit meiner Kraft synchronisieren, den Teleaktor allein mit meiner Kraft steuern, und hab deswegen begonnen, meine Passagiere weniger und weniger ins Gebet einzubeziehen, die Formel überhaupt öffentlich anzustimmen. Meine Eitelkeit können Sie sich ungefähr vorstellen wie die eines Komponisten, der keinerlei Rücksichten auf sein Publikum nimmt und an Stelle dessen ausschließlich seinen Ideen über Zwölftonkomposition nachkommt. Oder wie einen Menschen, der nur ob seiner selbst geliebt werden will, also unabhängig von seinem Aussehen und Auftreten, unabhängig von Vorzügen, die eine Verbindung mit ihm bieten könnte. Es ist wie die Eitelkeit eines Autors, der nicht versucht, seine Leser zu fesseln und mit in seine Gedankenwelt zu nehmen, der nur Brocken hinwirft, die aus seiner Sicht ja kodifiziert sein mögen, sei es durch einen besonderen Sprachrhythmus, durch die ungewöhnliche Verknüpfung von speziellen, aus strengen Fachbereichsdefinitionen abgeleiteten Adjektiven, durch puristische Formulierungen, die aber dem Leser ohne Erklärung unzugänglich bleiben.
So zu handeln und nichts darüber oder dazu von sich zu geben, das ist - wie ich heute darüber denke - eine ganz besondere Art von Eitelkeit. Ein Stolz, der verlangt, dass sich alle Menschen meinem Willen unterwerfen, könnte man unterstellen. Zum Erhalt meiner Selbstachtung möchte ich dazu aber auch erwähnen, dass ich noch nie und von niemandem forderte, mir zu folgen, wie auch ein Komponist niemanden zwingt, seine Musik zu mögen. Vielleicht ist alles nur als Angebot zu sehen: Wenn es euch gefällt, so nehmt es an! Naja, bezahlt werde ich aber eigentlich für etwas anderes ...
Mich hat diese spezielle Eitelkeit auch nirgendwohin gebracht: Ich kann nicht besser steuern, ich kann nur mit dem Brimborium rundherum besser spielen. Meine Mitreisenden, mit denen konnte ich gut umgehen, die Maschine selber blieb mir immer anspruchsvoll.

Aber wenn ich jetzt schon so offenherzig von meiner Gefühlswelt erzähle, dann muss ich wohl auch von meiner Beziehung mit Abe reden. Oder war es vielleicht gar keine Beziehung? War es nur eine Affäre? Ich weiß es nicht. Ich konnte und kann es schlecht einstufen. Zu meiner Entschuldigung darf ich aber daran erinnern, dass ich als Waise aufgewachsen bin, dass ich nie die Chance gehabt habe, etwas wie »Familie« zu erleben. Ich tu mir deswegen gerne selbst leid und habe mir natürlich ein völlig überzeichnetes Familienbild zurechtgelegt ...

Abe war auch überhaupt nicht mein Typ. Es heißt ja, dass die jeweils gegengeschlechtlichen Elternteile Vorbilder bei der Partnerwahl wären. Ich habe meine Mutter nicht gekannt, aber mittlerweile geh ich davon aus, dass Familienerfahrungen zwar ihren Anteil haben mögen, dass mir allerdings im Hinblick auf meine Traumfrauenbilder meine überbordenden Fantasiewelten einen Streich gespielt haben. Möglicherweise hab ich mich nach unerreichbaren Prinzessinnen gesehnt. So war ich halt dazumals. Dann ist Abe in meine Welt geplatzt. Sie entsprach nicht meinem Bild von einer unerreichbaren Prinzessin, aber sie hat kraftvoll und blitzschnell alles umgedreht, und sie ist blitzschnell auch wieder aus meinem Leben verschwunden. Traurig ist das schon, aber es ist so, wie es ist! Rückblickend muss ich dankbar sein: Ich wäre nicht hier, wo ich jetzt bin, hätte ich Abe nicht kennengelernt, damals.

Es war alles so zauberhaft unwirklich, gleichzeitig aber auch so selbstverständlich, so leicht. Wir arbeiteten ziemlich intensiv an Abes Ausbildung. Sie lernte unglaublich schnell und mit Leichtigkeit. Eigentlich arbeiteten wir daher beide an unserer Entwicklung, tagsüber ein Team, und es ist unglaublich, wie sehr ich mich dann auch an den Abenden, den Tagen ohne sie, in jeder freien Minuten in die Materie und das notwendige Hintergrundwissen einzuarbeiten versucht habe. Aber ich habe leider meine Grenzen in vielen mathematischen, physikalischen und technischen Fachbereichen. Die Tage waren gefüllt: Arbeit, Ausbildung, Forschen. Sie waren glücklich und voller Spannung, was denn da kommen möge. An den Abenden, nach unseren Ausbildungssitzungen, gingen wir regelmäßig Essen und redeten dabei - hauptsächlich über Teleaktorthemen, manchmal über gesellschaftliche Entwicklungen. So kamen wir uns behutsam näher, ich verlor meine Scheu vor ihr. Ich genoss es, ihr von meinem jeweilig neuen Wissen erzählen zu können, wozu ich heute denke, dass ich mich damit auch davor schützte, über persönliche Themen reden zu müssen. Versunken in unseren Gesprächen schlenderten wir dann manchmal auch ein paar Straßenzüge entlang, durch Parks.

Einmal gingen wir zu meinem Teleaktor zurück und machten eine Reise zu einem Paradiesplaneten. Eigentlich ist es verboten, einen Teleaktor unangemeldet in Betrieb zu nehmen, aber die notwendigen Energien hatte ich schon über Wochen peu à peu vorgebucht. In der Überwachung hatte ein Freund von mir Schichtdienst. Vom Start her gesehen war es also ein eher geringes Risiko. Selbst wenn man mich erwischt hätte, hätte das wohl nur zu einer Verwarnung in einem internen Disziplinarverfahren geführt. Viel ärger war es da schon, einen Paradiesplaneten anzusteuern. Es handelt sich dabei um einen aus einer ganzen Reihe solcherart katalogisierter Planeten, auf denen jegliche Einflussnahme von außen verboten ist, weil man sich vom Evolutionsgeschehen auf diesen Planeten wertvolle Ergebnisse für unsere Gesellschaft erwartet: Neue Lebensformen, anderes Wissen auf anderer Wissensbasis, Nutzen für Biologie und Medizin, aber auch für unsere insgesamte Entwicklung. Das bei Besuchen unvermeidliche Einschleppen invasiver Organismen wäre eines der zu vermeidenden Risiken, aber auch Einflüsse auf die Gedanken- und Vorstellungswelt der eingeborenen Spezies. Paradiesplaneten liegen in der Entwicklung üblicherweise wesentlich hinter den Welten unserer Gesellschaft, sonst würde unsere Beziehung zu uns ja ganz anders ausschauen. Aber sie sind nicht unbedingt paradiesisch in dem Sinn, wie das Adjektiv bei uns gebraucht wird, also nicht unbedingt paradiesisch für uns.

Der Paradiesplanet, den ich ausgesucht hatte, der war aber paradiesisch. Ein schwerreicher Teleaktor-Passagier hatte mir vor Jahren davon erzählt. Ich hatte mich damals über die Hemmungslosigkeit meines Fahrgasts geärgert, ihn aber insgeheim doch näher ausgefragt. Ich hatte auch schon einen Ausflug dorthin unternommen. Tja - Sie sehen, dass ich die Lücken im System auszunützen weiß. Zu diesen Planeten brachte ich Abe. Und als wir dort standen und uns ansahen, da erkannten wir uns. So kann man es ausdrücken; Sie wissen, was ich meine. Und wir sahen, dass wir nackt waren, könnte man sagen, wenn man alttestamentarisch sein möchte. Wir sahen uns damals. Ich sah sie, wer sie war.Es überfiel uns, mich, auch tatsächlich Scham, aber nicht Scham wegen unserer Nacktheit, sondern Scham, was wir da getan hatten, dieser Welt mit ihren violett-orangen pflanzenartigen Lebensformen, mit ihren kristalligen Schmetterlingen, ihren blitzblauen »Dinosauriern«. Wir liefen weg, wir flüchteten, umgehend reisten wir wieder nach Hause, verwischten noch die eine oder andere Spur und verließen rasch die Firma. Ertappt hat man uns nicht.

Ohne uns abzusprechen waren wir zu Abes Wohnhausanlage gegangen. Wir kannten beide den Weg, wir dachten nicht. Fraglos hatte sie mich zu sich in die Wohnung mitgenommen. Unmittelbar nach dem Schließen der Tür waren wir über uns hergefallen. Warum sich so eine wilde Spannung zwischen uns aufgebaut hatte, ist mir nicht erklärlich. Aber eigenartig war, dass diese Wildheit sich umwandelte, während wir dann miteinander schliefen. Sie wurde zu einer Art professioneller Fürsorge, einem eigenartigen Gefühl, einem anderen, unerwarteten. Ich kann mich erinnern, dass ich deswegen ziemlich überrascht war, als mir Abe in meine befürchtete Ernüchterung hinein von ihrer Zuneigung erzählte, mir so herzlich zuzugehen versuchte, dass ich ihr glaubte, an Liebe glaubte. Möglicherweise habe ja ich mich damals eher komisch verhalten.

Als sie dann gegangen war, das Mädchen Abe, meine Frau Abe, da war eine lange gelähmte Stille, ohne gewohntes Plätschern des Alltags. Langsam erst tauchten Gedanken auf, die meist Fragen waren. Alle Sicherheiten meiner gewohnten Wege waren weggewischt. Liebt sie mich? Liebe ich sie überhaupt? Was wird aus mir werden? Was wird aus uns werden? Ich will sie nicht strapazieren, ihnen das nicht ausmalen. Wahrscheinlich war meine Gefühlswelt damals so aufgepeitscht, dass klares Denken weitgehend unmöglich war. Ich weiß nur noch, dass ich einem neuerlichen Treffen mit Abe wild entgegenfieberte.

Wir sahen uns wieder im Ausbildungszentrum, und es war verwunderlich, wie klar und sonnig ich mich fühlte in ihrer Gegenwart. Nicht nur neidlos, sondern voller Freude bilanzierte ich: Sie war mittlerweile mühelos im Stand, mit dem Teleaktor unmittelbar in jeden Raum einzusteigen, die Gleichzeitigkeit über weite Bereiche zu erstrecken, sodass sich quasi mehrer Welten begegnen konnten. Sie konnte das mit und ohne Passagieren; es machte keinen Unterschied. Sie vollbrachte diese Meisterstücke vollkommen pragmatisch, ohne jeden übertriebenen Energieeinsatz, ohne Hüh und Hott, sondern irgendwie staubtrocken, wie wenn man eine Tür öffnet. Sie konnte es so ganz anders als ich, so viel leichter als ich, der ich doch (und immer noch) einige rohe Kraft einsetzen muss. Sie kann sanft ausblenden, in einer Sitzung über mehrere Raumbereiche hinweggleiten, sie kann leicht ein klein wenig Vergangenheit herbeiholen, eine Prise Zukunft, so schien es mir damals auch. Ich hätte das nie gekonnt, ich kann das nicht.

Uns beide in unserer Arbeitsweise zu vergleichen war einfach nicht möglich: Sie war, ist, die Könnerin, die Künstlerin. Ich bin immer noch der schwerfällige Forscher, Grübler, Tüftler. Sie nahm den Teleaktor für selbstverständlich und spielte, ja sie spielte damit herum wie mit einem jungen Hund. Die Grundlagen, die genaue Funktionsweise interessierten sie offenbar kaum, und wenn etwas nicht funktioniert hätte, wie sie es sich vorstellte, dann hätte sie wahrscheinlich mit einem Hammer draufgehauen, der Maschine einen Fußtritt gegeben. Und wahrscheinlich hätte das bei ihr sogar funktioniert.

Für mich war das der Teleaktor ein physikalisches und technisches Wunderwerk, manchmal habe ich ein wenig Angst vor einem mir vorstellbaren Versagen der Maschine. Keine Angst vor den Folgen, eher vor dem Reputationsverlust der Wissenschaftler und Ingenieure, die das Ding gebaut hatten, vor einer Blamage der Physik insgesamt, für den Fall, dass die Maschine versagt. Die Schauergeschichten, dass dann das Universum verschwinden würde wie das Wasser aus einem Becken in den Kanalanschluss, die hielt und halte ich für wilde Fantasien, für physikalisch-technisch nicht fundiert.

Wir arbeiteten großartig miteinander. Wir waren ein tolles Team. In Abe hatte ich mein Glück gefunden.



Ritterzeit Kapitel 4: Boduins Wunsch

Die Flucht aus der Stadt verlief beileibe nicht so, wie Boduin sich eine ordentliche Flucht vor einer nicht einschätzbaren Gefahr vorstellte.
Sie ritten zum Bach, schliefen dort unter Wache mehr schlecht als recht, und schlichen am nächsten Tag um die Stadt herum, um auszukundschaften, wie sie wieder an ihr Habe kommen könnten. Am Abend ritten sie wieder zum Wasserlauf, um dort zu nächtigen. Zumindest zum Trinken hatten sie ja das Bachwasser, aber Boduin konnte sich nicht vorstellen, dass das gesund wäre, und beobachtete genau die Pferde, die am ehesten und meisten getrunken hatten. Die Rösser grasten auch, dieses struppige, harte, stachelige, fahlgrüne Gras, aber für die Rittergruppe gab es nichts zum Essen. Sie hätte nur jagen können, aber in diesem giftgrünen Land gab es anscheinend nur Spinnen, Asseln und Schlangen. Den Hunger waren Sie ja aus den Wüsten des Heiligen Landes gewohnt; sie würden noch einige Tage aushalten können.
Bereits am zweiten Abend gab es die »Klötzchenstörungen« über dem Gewässer, gleich bei ihrem Lager. Anfangs sahen Sie das Mädchen nur, nach einigen Tagen entstieg sie der Pforte und gesellte sich zu ihnen. Das hätte aber auch eine Hungerhalluzination sein können. Sie sprach mit ihnen allen, aber Boduin hätte nicht sagen können, was sie gesagt hatte, so sehr verfiel er ihr in wenigen Augenblicken. Er sah nur mehr ihre Blicke, hörte zwar die Stimme, aber verstand keine Wörter und keinen Sinn mehr, roch ihren Duft, spürte den Luftzug ihres Gewandes. Er war der Erscheinung so verfallen, dass er meist nicht hörte, wenn man ihn rief. Sie hänselten ihn, doch wurde das im Lauf der Tage unfreundlicher, und als er einen Hasen, den sie doch einmal gefangen hatten, über dem Feuer ankohlen ließ, rief ihn Wunibald beiseite und versuchte, ihm gut zuzureden. Ja, die Frau wäre schön, die Frau wäre anmutig, begehrenswert, aber sie wären Gefährten. Das wäre sicher, das Mädchen könne auch Zauberwerk sein, im besten Fall ein Nebel ohne Inhalt, im schlimmsten Fall ein vermummter Dämon, ein Kind Liliths, des Adams erster Gemahlin, geschaffen wie er aus Erde, gleich ihm.

Boduin kam kurz, ganz kurz nur, nämlich nur über die Dauer, die Wunibald ihn ansprach, zu Besinnung, und verfiel danach wiederum ins Grübeln: Noch niemals hatte er etwas begehrt, nie hatte er etwas besessen. Immer waren ihm das Wohl und die Ehre seines Ritters Maß gewesen. Und jetzt, da er ein Mal, das erste Mal, in seinem Leben einen Wunsch hatte, jetzt sollte er verzichten. So grollte er dahin, aber nur, bis das Mädchen am Abend wieder erschien. Da schien er zu vergehen, im Wonnefeuer und wilden Hitzen. Und dann wurde er wieder verschlossen, stumm, und zunehmend hasserfüllt, so lang, bis sie wieder kam.

Tagelang schlichen sie um die Burg, aber sie fanden weder eine Gelegenheit, noch einen Plan, um an ihr Hab und Gut zu kommen. Sie hatten ja erwogen, ohne Rüstungen weiterzuziehen, aber das schien gefährlich, unmöglich.
Eines Abends ergab es sich, dass Boduin allein am Wasser war. Es war an ihm, zu kochen, eine wässrige Suppe nur, für die er den Topf füllte. Das Lager hatten sie etwas abseits in einem Wäldchen aufgeschlagen, da die Nachtnebel des Bächleins kalt ins Gebein der Schlafenden krochen. Auch Angreifer hätte man schlecht gesehen. Ein Feuer konnte man leichter verstecken, und Brennholz fand man auch leichter im Wald
Die Frau erschien unmittelbar neben ihm und lächelte ihn an. Er war etwas größer als sie, aber er fühlte sich viel kleiner. Das Mädchen lächelte freundlich, schien irgendwie zu schweben, majestätisch. Boduin konnte nicht sprechen. Die Kehle war ihm zugeschnürt. Sie nahm ihn an der Hand. Sie schien alles zu verstehen. Sie führte ihn, er folgte ihr.
Wie es geschehen war, hätte er nicht zu sagen gewusst, aber in der Folge schliefen sie miteinander. Er hatte nicht einmal gewusst, was das genau war, was sie da taten, wie das genau ging, aber das lernen doch alle sehr schnell.

Das Erlebnis war, wie wenn ein Stoppel aus einer Flasche gezogen worden wäre. Irgendwelche Dämme waren gebrochen: Plopp! Mit wilden Echos.
Letztendlich wurde es so, dass Boduin das Mädchen begehrte, wie er noch nie etwas begehrt hatte. Er wäre nicht im Entferntesten auf die Idee gekommen, zu untersuchen, ob sie nun eine Dämonin war, eine Zauberin vielleicht, was auch immer. Es war aber so, dass er ob dieses Begehrens bereit war, alle Freundschaften und Pflichten fahren zu lassen. Er hatte schon alles storniert. Das Begehren selbst war kein liebendes: Er wollte sie einfach nur haben, besitzen. Liebe hatte er, so meinte er rechtfertigend, in seinem Leben nie gelernt.
Das stimmte in dieser behaupteten Vollständigkeit nicht: Wunibald hatte immer in höchstem Ausmaß auf sein Wohl und sein Fortkommen geachtet, mehr als Ritter sich normalerweise um Knappen sorgen. Aber es steckte ein harter Kern in Boduin, der als Waise aufgewachsen war. Und in diesem Kern steckten all die Unsäglichkeiten, diese blasphemischen Monströsitäten, die er im Kampf um seine Tage kennengelernt, aber nie zu verdauen oder verzeihen gelernt hatte.


Abes Welt, Kapitel 2: Remasuri

Es macht einfach keinen Spaß, über manche Sachen nachzudenken. Jetzt bekommt die Phrase: »Sich den Kopf zerbrechen«, Sinn. Irgendwann muss ich meine Angelegenheiten aber wohl regeln. Lang genug hab ich das ja aufgeschoben, länger als ich ursprünglich wollte, aber es war irgendwie ... »bequem«. Alles andere wird wichtiger, auch wenn es unwichtig ist, und meine anstehenden Probleme sind zu einem unüberwindlichen, bedrohlichen Berg herangewachsen. Naja: Irgendwie hängt ja wirklich einiges davon ab. Irgendwie steck ich in einer Sackgasse. Irgendwie hab ich das wohl selber so eingefädelt, gewollt hab ich es ja nicht. Aber alle haben mitgemacht, ohne Zweifel, ohne Zaudern. Aber so zwischen allen Stühlen zu sitzen, nirgends angekommen zu sein, überall angefeindet, so mag ich das nicht. Mein Leben muss nicht unbedingt harmonisch sein. Aber frei will ich sein, selbstbestimmt. Frei will ich atmen können, frei herumspringen. Frei und respektiert, so angenommen, wie ich eben bin. Und ich bin in manchen Sachen wirklich gut.
Bei Teleaktorreisen liefere ich sicher schon die Kür ab. Goreg hat zwar ein umfangreicheres Wissen und Können, es fehlen ihm allerdings der Groove, die Leichtigkeit; er nimmt sich immer alles so zu Herzen. Aber er macht seinen Job absolut gründlich und ordentlich: Wenn ich einmal ein ernsthaftes Problem im Teleaktor hätte, würde ich ihn zuallererst rufen, nicht nur als Fachmann, sondern auch, weil es mir sehr zugetan ist. Er würde schweigen wie ein Grab. Zu dringend dürfte ich seine Hilfe allerdings nicht brauchen, weil Schnelligkeit ist weder beim Begreifen noch bei der Umsetzung seine erste Tugend. Ha, da ist sie schon wieder, die »Tugend«. Die Ritterwelt ist mir auch nicht egal. Der Ritter Wunibald mit seinem Boduin, die sind ein wirklich absurdes Pärchen, aber irgendwie auch lieb. Wenn ich mich da zurückerinnere an die Schulzeit, das Heim: Die beiden sind wie diese pubertierenden Boys dazumals. Ach wie sehr wir die doch drangsaliert haben, in ihre Schüchternheit hineingehetzt. Obwohl: Ein Mal, da war ich doch ein bisschen verliebt, und gerade der, der hat mich nie zu sich herangelassen. Freundlich war er, ein eher ruhiger Typ, aber eben irgendwie unnahbar. Ich had den damals provoziert, irgendwo, wo auch er war, wild mit dem angeblichen Dorfcasanova herumgeschmust. Dorfcasanova: Haha! Nicht einmal küssen konnte der ordentlich, ehr nur sabbern. Und gerochen hat er auch komisch, insgesamt vermodert, aus dem Mund nach Bier und kalten Zigaretten. Ich glaub, ich habe wirklich nur geschmust, um den anderen Jungen zu provozieren. Wahrscheinlich ist das auch gelungen. Plötzlich war er nimmer da, nach dem »Kuss.« Und auch später sah ich ihn nur mehr augenblicksweise, wie wenn er vor mir flüchtete. Die Pubertät ist einje schwierige Zeit, ,die Kindheit wohl ein Nachtmahr. Aber wenn ich es mir so recht überlege: Es wird mit dem Älterwerden auch nicht besser. Man wird nur nicht mehr so unerwartet getroffen, verletzt.

Michael, der hat mich sehr verletzt. Komisch, dass mir das erst jetzt eingefallen ist. Mit Michael hab ich mich in so ganz altmodische Vorstellungen hineingesteigert. Er war so etwas wie ein Märchenprinz. Ich hätte ihn sogar geheiratet: Eigentlich unvorstellbar. Und dann hat er mich wegen meiner damals besten Freundin, wegen Dagmar, sitzen gelassen. Dieses feige Schwein hätte es mir nicht einmal ins Gesicht gesagt. Erwischt hab ich die beiden. Naja, es war mir eine Lehre, es ist wie es ist. Ich hab ihn danach erst einmal seinen ganzen Freundeskreis ausgespannt, mit allen ein Techtelmechtel angefangen, aber das war wahrscheinlich zu nichts gut. Ich glaube einfach nicht mehr an Menschen, insbesondere nicht an Männer. Es kann ja ganz lustig sein mit ihnen. Ich hatte später auch einmal eine Beziehung mit einem meiner Chefs, verheiratet natürlich. Das ist unheimlich praktisch, da passiert nichts Unvorhersehbares. Das gibt einem vollständige Kontrolle, ich habe ihn hüpfen lassen wie einen Spielzeugball, mich beschenken und befördern lassen. Ich muss zugeben: Es ist ein wenig wie Erpressung, aber man braucht nicht einmal zu drohen. Ich versteh ja nicht, warum Männer so verrückt sind. Aber es sind halt nur Männer.
Zurück zur wesentlichen Gegenwart: Wenn ich, die jüngste Pilotin der Firma, mit der Gleichzeitigkeitsmaschine durch Raum und Zeit flitze, dann jauchzen alle vor Begeisterung. Ich jubiliere ebenso, in diesem Rausch aus Zeit und Farben. Es gefällt mir. Es hat Speed. Aber abgesehen davon ist es interessant, und ich mache viel lieber Dinge, die mich beschäftigen, erfüllen, ausfüllen. Mit dem Teleaktorjob hab ich offenbar meinen Traumberuf gefunden. Ich bin wie geschaffen dafür, angekommen, eindeutig besser in dieser Welt aufgehoben als Goreg, auch als Wunibald oder sein Knappe in der ihren. Aber Abe: Zurückhaltung! Übermut tat mir nie gut!
Goreg grübelt immer über seine Tätigkeiten. Zur Funktion des Teleaktors habe auch ich mir meine Gedanken gemacht: Der grundsätzliche physikalische Zugang ist mir ja verständlich aber ja wohl nur ein Zugang, die Sache zu sehen. Ich hab die Maschine nicht konstruiert oder gebaut. Ich werde sie nicht reparieren. Ich kann sie nur bedienen, großartig bedienen. Und ich glaube, da stecken noich mehr Möglichkeiten drin als die, die wir benutzen. Die angebliche Unmöglichkeit von örtlich gebundenen Zeitreisen beispielsweise, das ist wohl eher eine Art Verbot, um keine Paradoxa zu verursachen. Warum sollten wir uns nur immer außerhalb eines einstein´schen Ereignishorizonts bewegen. Das versperrt uns ja quasi die Hälfte des Universums, die Hälfte des möglichen Handels, Austausches, die Hälfte unserer Entwicklungsmöglichkeiten. Und diese komischen energetischen und sachlichen Einschränkungen: Für alles, was wir bei solchen Reisen ans Ziel mitnehmen, müssen wir die gleiche Masse oder das entsprechende Energieäquivalent am Startpunkt zurücklassen! Damit das Gleichgewicht gewahrt bleibt! Vielleicht geht es da ja eher um Betrugsvereitelung, um Diplomatie.
Im Teleaktor bewegen wir uns praktisch in Nullzeit über riesige Entfernungen, theoretisch wahrscheinlich bis zu unendlichen Entfernungen. Unendliche Entfernung in null Zeit mit unendlicher Geschwindigkeit. Naja, die Mathematik verbietet eine solche Operation, weil »Unendlich« keine wohldefinierte Zahl ist. Klar ist nur, dass der Teleaktor gewaltige Energien verschlingt. Wo gehören die eigentlich hin? Zum Start, zum Ziel? In eine andere Dimension? Aber dann gibt es halt noch die Zaubersprüche. Wahrscheinlich kommt es auf die Sprüche, natürlich auf die mentalen Phänomene dahinter, sogar wesentlich an. Ich hab mir das ja schon mehrfach genau in den Maschinen angesehen und durchgedacht: Die Energiezufuhr ändert sich nicht, gleich wohin die Reise geht. Also muss es am »Gebet« liegen, zumindest wenn Kausalität irgendeinen Wert hat. Wie man das »Gebet« in einem mathematisch-physikalischen Modell berücksichtigen könnte, weiß ich nicht. Aber wahrscheinlich braucht man dazu eine Erweiterung dieses Werkzeugsatzes: Ein abstraktes Größen- und Beziehungs-Kontinuum, in dem - ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll - die Lösung einer Gleichung nicht praktisch unmittelbar, nicht gleichzeitig mit der Aufgabenstellung, gegeben ist, sondern erst wird. In der nicht Funktionen in ihrer Lösungsgesamtheit augenblicklich sind, sondern erst werden, wobei dieses »Werden« kein zeitliches ist, sondern wahrscheinlich in einer Metadimension unserer Raumzeit stattfindet.
Männergeschichten. Mir? Was ist passiert? Und was bedeutet das für mich?

Goreg war der Erste Mann in meinem »neuen Leben«. Kennengelernt habe ich ihn als Lehrer: Irgendwie war er unnahbar, aber ich erkannte bald, dass er scheu war, schüchtern wie mein allererster Verehrer. Er war sehr bemüht; Bemüht, nicht schroff oder abweisend zu wirken, bemüht um das, was er unter Wahrhaftigkeit verstand, unter ordentlicher Arbeit. Ich war von Anfang an tief beeindruckt von seinem Wissen und Können und seiner Ernsthaftigkeit. Ich wollte ihn nicht erobern, wollte ihn lassen wie eine wilde Katze, die nur zum Futter kommt. Aber irgendwie sind wir aufeinander zugeprescht, keine Chance abzubiegen oder zu bremsen. Er hat mich in seine Träume mitgenommen, auf den Paradiesplaneten. Er war, ist kein Mann zum Spielen, und er nahm den Faden meiner spielerischen Flirtereien auch nicht auf, sodass ich sie rasch wieder verebben ließ. In seiner Ernsthaftigkeit ging er seinerseits rasant auf mich zu, wollte mich, was immer das bedeuten kann, und gab mir das auch umgehend und deutlich zu verstehen. Nach unserem Besuch auf dem Paradiesplaneten nahm ich ihn zu mir, oder ging er einfach mit. Ich weiß es nimmer so genau. Es war richtig, es war schön. Es war eine Katharsis unserer Seelen, meiner Seele. Ich meine, Goreg ist ein absolut netter Mann, einer, wie man ihn sich nur wünschen kann, und ich will ,ihn als Freund. Er ist der beste Freund, den man sich vorstellen kann. Aber ich begehre ihn nicht als Mann. Ich weiß auch nicht, warum das so ist: Es hat alles gepasst, es war alles toll, es war alles wie ein Traum. Aber dann bin ich aufgewacht.

Ab diesem Erlebnis verstärkte ich meine an sich verbotenen »Zeitreisen«. Offiziell waren es Übungstransitionen, als Alleinpilot eigentlich verboten. Aber ich hatte schon einen Ruf als Künstlerin in meinem Fach. Man ließ mir allerlei Allüren zu, wie einer Spitzensportlerin auch. Ob es »Zeitreisen« waren, wurde nie untersucht, weil solche gemeinhin als unmöglich gelten. Damit nichts »passiert«, achte ich immer darauf, nicht nur durch die Zeit, sondern auch über Entfernungen zu hüpfen, aus denen Informationen über meinen »vergangenen« Aufenthalt erst dann zur Erde kommen können, wenn ich schon lange nicht mehr bin. Bei Reisen in die Zukunft mach ich das natürlich vergleichbar, also immer über meine erwartbare Lebenszeit im Hier und Jetzt hinaus. Und nie in die Vergangenheit oder Zukunft der Erde.

Der Aufwand, solche »Simulatorübungen« zu arrangieren und dann als echte Reisen zu absolvieren, war hoch, kräftezehrend. Ich musste mich immer insgeheim und umfassend vorab informieren, wo ich denn hinreisen würde, weil es da kein Lotsenteam gab, das mir diese Arbeiten erledigte. Und es macht wahrscheinlich keinen Spaß, im Inneren einer Sonne, in einem Schwarzen Loch, oder auf einem Planeten ohne atembare Atmosphäre zu materialisieren. Ich besuchte also immer nur bereits bekannte Planeten, in Zeiten allerdings, in denen dort noch kein anderer
Teleaktor angekommen war. Überall lebten Menschen, zumindest sehr menschenähnliche Wesen, wenn auch mit kleinen Variationen der Physis und in anderen Kulturgebilden. Das ist schon verwunderlich. Die Astrobiologie meint ja, dass das ganze Universum von einem Punkt, einer ursprünglichen Lebens-Entität aus, besiedelt worden wäre. Raumschiffe hat man wohl nicht geschickt. Die wären viel zu energieaufwendig gewesen. Lebewesen hätten die Reisen von der Dauer und vom Ressourcenbedarf her wohl kaum überstanden. So hat man sich auf das Wesentliche konzentriert und nur die Gene durch die Welt geschickt: Als virale Lebensformen In Jets, in Sonnenwinden, auf Kometen, usw. Das hatte zur Folge, dass sich überall das Leben quasi auf den selben Bahnen entwickelt hat; Unterschiede ergeben sich nur durch das jeweilige Lebensalter einer Biosphäre. Und so fand ich in einem fremden Sonnensystem einen Planeten auf Entwicklungsstufe der Erde um das Jahr 1000, in einer »Ritterzeit«. Das war die der Erdzivilisation ähnlichste Ausformung menschlichen Seins, und voller Neugier besuchte ich den Planeten mehrmals.

Sie dürfen nicht glauben, dass so eine Ritterkultur romantisch ist. Kalt ist es, dreckig, für die Einheimischen immer lebensgefährlich, weil sie nicht nur in ihren Scharmützeln sterben, sondern auch an Fauna und Flora und fast jedem Keim, sei es durch Blutvergiftung, durch Inhalation oder durch Ingestigation. Das Romantischste auf meinem Mittelalterplaneten war ein Ritter Wunibald, der mit drei anderen herabgekommenen Männern durch die Gegend zog und weder ein Ziel noch irgendein Habe hatte. Aber er war Ritter, erzählte er mir einmal, und zu seinen Tugenden zähle auch der »Hohe Mut«, also die Zuversicht und das Vertrauen ins Leben. Vertrauen in einen Gott habe er keines mehr, hatte er mir auch einmal erzählt, seit er in den Kriegen, Glaubenskriegen, gewesen war.
Irgendwie erinnerte mich der Ritter Wunibald an Goreg: An einen Goreg ohne all das gegenwärtige Wissen und Können, das man ja in einer Ritterzeit nicht braucht. Dafür mit der Tapferkeit, keiner Auseinandersetzung und keinem Kampf auszuweichen, und mit Umgangsformen mir gegenüber! Wunibald war irgendwie viel einfacher als Goreg. Da waren Entscheidungen für etwas nicht gleichzeitig auch Entscheidungen gegen etwas, da gab es zwischen Gedanken und Taten nicht viel abzuwägen. Wunibald verehrte mich unmittelbar ab unserem ersten Kontakt, und er versteckte das auch in keiner Weise. Aber er verehrte mich aus ganzer Seele wie eine Heilige. Das war zwar bedenklich, er gefiel mir aber so gut, dass ich ihn eines Tages verführt und mit ihm geschlafen habe. Meine Ansprüche an Männer sind aber offenbar zu hoch. Nein, eine solche Beziehung hätte nie Zukunftsaussichten gehabt. Ich schätzte Ritter Wunibald sehr. Ich lag gern in seinen Armen, in diesen Augenblicken. Er wäre - ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken - für mich in den Kampf gegangen, in den Tod. Aber unsere Zeit bestand nur aus Augenblicken, es würden Augenblicke bleiben, ohne Zukunft.
Mit dem Knappen Boduin habe ich auch geschlafen. Eigentlich hat er mit mir geschlafen. Er hat mich überfallen, hingeworfen am Ende der wilden Jagd, er hat mich genommen, nach seinem Willen, mit allem Wollen. Es hat mir gefallen. Es war nicht zärtlich. Es war auch nicht besonders orgiastisch, befriedigend. Aber es hat mich zutiefst beeindruckt, so grenzenlos begehrt zu werden, so - tierisch, triebhaft. An den unmittelbaren Grenzen der Existenz. Ich stellte mich gern in Boduins Blickfeld, um gejagt zu werden.
Eigentlich weiß ich gar nicht mehr genau, zu welchem Zeitpunkt ich mit wem geschlafen habe. Es ist mir auch nicht wichtig. Eigentlich habe ich mich selber ein wenig verloren im Augenblick. Das Alles war ja in verschiedenen Gleichzeitigkeiten geschehen, für jeden zu einer anderen Zeit, nur für mich in einer Reihenfolge. Oder gab es auch diese nicht, gibt es auch diese nicht, gibt es nicht einmal mich als eine stringente Abe?

Wunibald war sehr schüchtern. Ich kann mich genau erinnern, wie ich mich entschloss, ihn mir zu nehmen. So sympathisch er war, so sehr stank er, zumindest in nächster Nähe. Ein erdiger Gestank, tränentreibend, aber nicht abstoßend: Schweißgetränktes Leder, wochenlang getragene Hemden, spärlichste Wäsche. Ich machte ihm klar, dass er baden müsse, sich mit Sand abreiben, mit frischem Wasser waschen. Wir hatten keine Seife. In einem Wäldchen, in dem wir lagerten, verlief eine Bachwindung, und als Überbleibsel des ehemaligen mäandernden Bachbettes war - genau in der Mitte der Gewässerschlinge - ein Tümpel. Das Wasser war nicht ganz so erfrischend wie im Bach, aber durchaus kalt. Wunibald wusch sich. Ich half ihm, und es war fast unumgänglich, dass wir uns anschließend versteckt im hohen Gras zwischen den Birken des Wäldchens liebten.
Ein einziges Mal nur begegneten wir uns körperlich, doch ich wollte ihn damals sehr, mit seinen Idealen, seiner Tapferkeit, seiner Höflichkeit. Er konnte zuhören und verstehen. Nie hätte er mich gedrängt, mit ihm zu sein. Respektvoll war er immer, viel zu respektvoll, und irgendwie wie mein Diener oder Leibwächter. Jeden Wunsch, den ich haben könnte, versuchte er zu erahnen und zu erfüllen. Wahrscheinlich hätte er jeden erschlagen, der mir auch nur im Mindesten Böses getan oder gewollt hätte. Es war wie in einem Käfig, irgendwie. Ein paarmal habe ich versucht, mit Wunibald darüber zu sprechen. Seine Flexibilität und sein Willen, sich auf Neues einzulassen, waren aber sehr begrenzt. So zerfiel meine Zeit mit Wunibald in Augenblick, und diese Augenblicke wiederholten sich, aber sie änderten sich nicht. Und trotzdem gefiel er mir in seiner Art. Irgendwie.

Als ich Boduin das erste Mal bewusst begegnet bin, schien er mir zuerst wie verloren. Aber bevor ich noch ansetzen konnte, ihn anzusprechen, flammte plötzlich eine gefährliche Wildheit in seinem Blick auf. Er hatte - wie ich später erfuhr - noch nie eine Frau gehabt, doch wusste er genau, was er wollte. Sein Ritter war ja wahrscheinlich auch »jungfräulich« gewesen, aber im Gegensatz zu Boduin hatte er hohe Vorstellungen von Frauen, der Liebe, der Minne. Bei Boduin war es, wie wenn ein Damm gebrochen wäre. Er war grenzenlos, er war schrankenlos. Ich hatte auch ein bisschen Angst vor ihm.

Auf der Erde erzählte ich Goreg von Wunibald und Goreg. Ich erzählte ihm als Freund. Ich erzählte mit der unausgesprochenen Bitte um Beistand. Doch in der Folge wurde mein Lehrer sichtbar stocksteif und wortkarg. Die Luft schien zu erstarren, dick und schwül. Ich erzählte Goreg, dass es mich bedrücke, dass ich glaubte, etwas klären zu müssen, dass ich auch an ihn dächte, im Guten. Er meine knapp, er wüsste leider keinen Rat für mich, keinen unmittelbaren Rat, keinen Ratschlag, zu handeln. Er schlug mir vor, in mich hinein zu hören, was ich wirklich wolle. Ich müsse eine Entscheidung treffen. Dann ließ er mich rasch allein. Ich habe ihn wahrscheinlich gekränkt, getroffen. Aber ich bin so, und er hätte mir ja auch sagen können, dass er mich wolle, dass er mich liebe.

Die folgenden Tage hatte ich eine Arbeitspause, und ich habe mich in ein Gym eingeschrieben, bin jeden Tag zum Training gegangen. Es tut mir gut, mich körperlich zu verausgaben, es verscheucht schlechte Gedanken. Dann habe ich eine Zeit absolut korrekt nur die vorgeschriebenen Routen pilotiert - und bin in der Zwischenzeit ins Gym gegangen.
Alle halben Jahre müssen Teleaktor-Piloten in mehreren Trainingseinheiten 20 Simulationsstunden absolvieren. Ich hatte zwar wirklich keinen Nachhang, durch die fixen Stichtage kam es aber trotzdem, dass ich nach einigen Wochen eine Vorladung in den Simulator erhielt. Der Simulator ist natürlich eine komplette Maschine, nur nicht für Passagiere geeignet und auch nicht für solche behübscht. Dafür gibt es eine ganze Menge Mess- und Überwachungseinrichtungen, die aber - soweit ich herausbekommen hatte - automatisch funktionierten und nur in gefährlichen Situationen Alarm schlagen. Zumindest hatten sie mich bei meinen vergangenen »Zeitreisen« nicht »denunziert«.
Ich pilotierte ohne Zögern unmittelbar in die Ritterwelt, in eine Zeit zwei Tage nach meinem dort letzten dortigen Besuch, bei dem ich mit Boduin geschlafen hatte. Ich traf die Gruppe. Der Knappe kam sofort auf mich zu, und ich bat ihn, zu warten, bis ich Zeit für ihn hätte. Ich drohte irgendwie. Die anderen schwiegen und erschienen mir seltsam reserviert.
Als ich Wunibald bat, mit mir ein paar Schritte zu gehen, erhob er sich wortlos. Boduin musste mit ihm gesprochen haben. Ich versuchte ihm, zu erklären, dass Boduin mir nichts bedeutete, dass mir an seiner, Wunibalds, Freundschaft und Liebe sehr viel, alles, läge. Ich weiß auch nicht, warum ich so um seine Zuneigung bat. Er war höflich. Nur ich sprach. Und nachdem nur ich redete, redete ich viel, Widersprüchliches, Blödsinn, irgendwie nur eine einzige Bitte wahrscheinlich: »Sei mir wieder gut!«
Wunibald antwortete mir manierlich, aber unberührbar: Als Ritter könne er mir nur gut sein. Es war irgendwie eiskalt. Ich weiß noch, dass Zorn in mir aufbrauste: »Ich habe mich entliebt....! Wir können aber Freunde bleiben.«
»Das ist mir auch zu wenig!«, hast Du gesagt. Wenn ich mir das jetzt so überlege, musst Du ebenfalls zornig gewesen sein, weil das so ganz und gar keine ritterliche Antwort war.
»Ich werf Dich aus meinem Leben!«, wütete ich weiter und reiste unmittelbar zurück auf die Erde. Die Maschine schlug Alarm, weil mein Puls so wild ging.
Mein Stolz, meine Wut. Ich weiß es ja! Ich weiß, dass ich so bin, aber nicht, weil ich so sein will, sondern weil es mir passiert!
Was soll ich jetzt machen?



Teleaktor, Kapitel 5: Goregs AbschiedIch bin zutiefst unwissenschaftlich, wenn ich meinen Gedanken bedenkenlos traue. Unter »Gedanken« verstehe ich dabei nicht meine organisierten, reproduzierbaren, diskutierbaren und falsifizierungsfähigen Überlegungen, ich meine die Gedankenströme, die mich durchfließen, die mir Trauer machen und auch Freude.
Wo mag denn dieser Teufel sitzen, der mich manchmal in die Schwermut treibt, und warum macht er das? Wovon lebt er? Er ist in mir, das weiß ich wohl, doch ich kann ihn nicht immer schnell genug erkennen und bändigen. Manchmal stürze ich immer noch in tiefen Schmerz, Abe verloren zu haben. Manchmal träum ich noch von ihr. Und wenn ich meine Erinnerungen drehe und wende, denk ich auch oft, ich hab sie weggestoßen, ich in meiner Selbstgerechtigkeit, ich in meiner Grobheit. Ich kann es nicht auseinanderhalten, mein Denken funktioniert da nicht, wie ich es erwarten will.
Wir hatten eine gute Zeit. Ich dachte ja – auch mit diesen »Gedanken« – sie, Abe, wäre für mich vorgesehen, auf eigenartige Weise, wie wenn wir uns in Zeiten zuvor schon begegnet wären. Zusammen als einsame Wölfe auf der Jagd streifend, immer irgendwie außerhalb der Gruppen, immer füreinander und seltsam miteinander verbunden. Das heißt »Romantik« und hat mit der Wirklichkeit, dieser aktuellen, konsensualen, geschäftsfähigen, mit dieser blanken, gegenwärtigen Wirklichkeit nicht viel zu tun. Es hatte auch mit der vergangenen Wirklichkeit nicht wesentlich zu tun, denn wenn ich mich richtig erinnere, kamen wir uns doch einige Male ins Fell und Gehege: Ich wollte meine Sachen gut machen und war mir lange Zeit selber Maßstab genug, die Qualität, eben, ob ich es »gut« gemacht hatte, zu beurteilen. Ich war es gewohnt, dass Menschen, mein Umfeld, sich einfach darauf verließen. Abe war ebenfalls Perfektionistin, auf eine andere Weise, mit einem anderen Stil. Sie war neu, sie war besser.
Im Lauf der Zeit bemerkte ich die Müdigkeit des Alters, die Schrammen der Teleaktor-Benutzung. Wenn man detailversessen ist, macht der Zerfall ganz schön zu schaffen, und der eigene Zerfall am allermeisten. Es ist nicht die Angst vor einem Ende, sondern die Angst vor einem unwürdigen, unattraktiven Ende. Heute würde ich das als Eitelkeit bezeichnen. Für Eitelkeiten bin ich mir ja leider bekannt. In dieser Vermoderungs-Eitelkeit wurde ich – das ist aber lediglich eine gefühlte Erinnerung – immer mehr zum Bittsteller, immer schwächer, genau zu dem Brabbelwappler, der ich nie werden hätte wollen. Die Enthropieeffekte, auf denen wir mit unseren Teleaktoren durch die Welt segeln, die hielt ich an mir selber so gar nicht aus.

Eines Abends kam Abe zu mir. Wir lebten an diesem Abend und auch an den vorhergehenden Abenden und Tagen und Nächten eher pragmatisch nebeneinander, leidenschaftslos, ohne Liebesblitze, freundlich, offen, auch ohne Streit und Zorn. Sie erzählte mir ansatzlos, dass sie auf ihren Reisen auch andere Männer kennengelernt hätte. Männer, die sie begehrten. Es wäre ja nichts Besonderes dabei, weil es ja nicht im Hier und Jetzt, in unserer wirklichen Wirklichkeit passierte, aber es wäre schön, bemerkbar, wild begehrt zu werden. Ab diesem Augenblick war der Abend ganz anders, und es wurde nie wieder so, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich bin abgrundtieftief in mich hineingefallen, damals, und habe nur mehr sehr kurzatmig, sehr reduziert sprechen können. Das hat Abe zunehmend wütend gemacht, und sie hat mir ins Gesicht geschleudert, dass sie auch geschlafen hätte mit den Männern in diesen anderen Welten. Ich wusste schlagartig, was ich vorher latent gespürt hatte: Ich hatte sie verletzt, ich hatte sie missachtet in meiner eigenmächtigen und ausschließlichen Selbstbewertung und -beweihräucherung. Lange Zeit hindurch schon hatte ich sie verwundet. Sie hatte nichts gesagt. Ich hab es nicht wahrhaben wollen, negiert.
Jetzt hatte sie mich verletzen wollen – und auch getroffen. Und ich wusste nimmer, was ich ihr sagen sollte. Selbstmitleid wollte ich nicht vorzeigen. Man kann sich aber auch nicht zum Schiedsrichter aufspielen, als eine der beiden Streitparteien, und kann es auch nicht sein. Und hätte ich ihr meine ursprünglichen Sichtweisen – zu diesem Augenblick glaubte ich die ja nimmer – dargelegt, so hätte ich damit nur weiter auf sie eingestochen und eingedroschen. Ich konnte nur schweigen. Allenfalls versuchte ich, wertfrei und pragmatisch zu sein, ihr zu helfen.
Ich wurde zum Wärter meiner Wörter, zum gestrengen, zum perfektionistischen. Es wurde so viel nicht besprochen, es wurde nichts persönliches mehr besprochen, als wären unsere Personen plötzlich verdampft. Im Schweigen wachsen die Lähmung und die Entfernung. Ich war verwundert, dass ich Abe noch hören konnte. Artig verabschiedeten wir uns. Artig grüßten wir uns, wenn wir uns trafen, und wünschten uns artig Glück.

Der Wörterwärter in mir war perfekt geworden.

Wie sehr habe ich gehofft, dass sie eines Tages sagen würde: »Wir sollten reden..«, dass wir uns Briefe schreiben würden, uns in einer langsamen vorsichtigen Brieffreundschaft wieder entdecken hätten können. Ich war wie Eis, das innen, im Kern, schmilzt und in Selbstmitleid zerfließt. Der Wörterwärter war außen aus hartem, tiefkalt gefrorenem Eis. Ich kann jetzt noch nicht hinreichend oder gar erschöpfend definieren, was Liebe ist, aber ich weiß, wie es sich für mich anfühlt, wenn man eine Liebe verliert. Nichts ändert sich, und doch ist alles anders. Und selber ist man nichts. Doch der strenge Wörterwärter lebte und tobte.
Ich bin dann gegangen. Weggegangen von Abe, aus Abes Welt, in der ich sie vielleicht treffen hätte können, später, weggegangen aus der ganzen Teleaktor-Welt. Die wildesten Erschütterungen waren abgeflaut, es kam nur mehr der Schmerz in heißen Wellen. Ich hab mich an den Waldrand erinnert, an meine Föhrenwald-Sonnen-Dialoge. So bin aufgebrochen in diese Welt. Es war eine Flucht, eine Flucht »nach Hause«. Vielleicht auch nur die Vorstellung eines solchen Zuhauses, das es allenfalls in meinem Herzen in dieser Glückseligkeit gibt.
Jetzt, viele Jahre später habe ich einen Rhythmus gefunden, den nicht ich vorgebe, den kein einzelner Mensch vorgibt. Einen Rhythmus aus Tag und Nacht, Sonne und Regen, Sommer und Winter, Wachen und Schlaf. Einen Klang: Aufmerksamkeit und Ruhe. Es ist eine Musik des Lebens, und es ist schön, den Tanz des Seins im passenden Takt mitzutanzen, als einer unter allem liebenden Lebenden. Es ist einiges passiert in dieser Zeit seither, neue Bilder: Was war, was ist, was ich mir wünsche. Es ist nichts arg wichtig, und ich halte es da mit Alfred Adler: Es geht nicht darum, wodurch ich da bin, wo ich bin, sondern es geht darum, wohin ich gehen will.
Ich bin gern da, hier, jetzt, so, wie es ist. Ich freu mich auf jeden neuen Tag.
Den Briefwechsel mit Abe hat es nie gegeben. Manchmal hat noch ein Stammkunde aus der Teleaktor-Zeit nach mir gefragt oder verlangt. Manchmal höre ich von Abes Glanz und Ruhm, doch erfahre ich das wie aus einer anderen Welt, in der ich nicht mehr bin. In solchen Augenblicken bin ich stolz, diese Frau gekannt zu haben, dankbar für die Zeit mit ihr. Voll zärtlicher Liebe wünsche ich ihr Erfüllung und ihren Frieden.
Lächeln hab ich gelernt. Das ist was anderes als in Gelächter ausbrechen, obwohl ich mir wieder sehr weit selber zum Maßstab geworden bin, hemmungslos sozusagen. Doch messe ich nicht mehr Taten, sondern die Erfüllung und den Frieden meiner Tage, von denen jeder endlos glücklich ist. Und die Welt lächelt mit mir.



Ritterzeit, Kapitel 5: Das Vergehen des Wunibald

Alle meine Vorstellungen von Liebe, Ehre, Treue, Ritterlichkeit, sind zerstört. Meine Welt ist aus ihren Angeln, und ich weiß nicht, was mir hier passiert. Was habe ich getan, dass ich so gestraft werde? Und gäbe es einen Gott: Warum prüft er mich so?
Das Mädchen Abe, das zarte Wesen, die verständige und verständnisvolle Frau, traf mich in meine Mitte: Alle meine Bemühungen um sie hat sie offenbar missachtet, alle schönen Pläne für unser Leben, meine Schwüre, alles war nichts für sie. Ich war nichts für sie. Ich war da für sie, als es ihr gefiel, und ausgelöscht aus ihrem Sinn, als Boduin sie begehrte. Was mag sie sonst alles machen? Wo geht sie hin durch ihr Zaubertor?
Boduin, mein Boduin, den ich aufgenommen habe, den ich wie einen Freund an meine Seite: Er wusste, dass ich Abe liebe, doch es war ihm egal.
Ist Abe ein Dämon, Rache zu nehmen an mir wegen meiner Untaten? Ist Abe ein Geist der Burg, ein Schemen aus Salomons Reich, mich verfolgend für jeden Erschlagenen auf den Kampfplätzten meines Lebens? Ist Abe mein Elend, mir vorgesehen?
In gerechtem Zorn hab ich sie aus meinem Leben gewiesen. Sie ist weg. Ich bin froh! Ich bin todunglücklich. Ich bin der einfältigste Idiot unter allen Dorftrotteln! Sie ist mein Leben, was soll ich leben ohne sie?

Wozu soll ich überhaupt leben. Jetzt sehe ich erst die Hoffnungslosigkeit, in der ich umherirre: Kein Habe, kein Zuhause, keinen Mut. Mein Knappe hat mir auch die Ehre vollständig geraubt. Wenn das Mädchen nicht die meine geworden wäre: Ja! Vielleicht hätte ich mich geschlagen mit einem Ritter meines Ranges. Jeden anderen hätte ich erschlagen, sie obendrauf. Aber mein Knappe, mein Knappe Boduin...
Die beiden Menschen, die ich am meisten geliebt habe in meinem Leben, sie haben mich getötet, sie haben meine Seele getötet Ich bin nichts mehr in dieser Welt als ein Schatten und kann wohl nur als Schatten herumschleichen, bis dass der Tod mich von diesem Schrecken erlöst.
Ich kann nichts machen, die Liebe zerbricht mein Herz.

Es steht mir nicht an, irgendetwas zu erzählen, zu sagen. Man würde mich auslachen, ich lache mich aus, ich verachte mich.
Ich sollte hassen, doch hasse ich mich dafür. Ich wollte lieben, doch meine Liebe ist nimmer rein und irrt herum, weil sie das Ziel nicht mehr erkennt.
Niemand darf davon erfahren, ich werde niemanden mit dieser Geschichte langweilen oder anwidern.
Ich werde strenger Wärter meiner Wörter sein.



Ritterzeit, Kapitel 6: Die Barbarisierung Boduins

ald hatte den Boduin zwar - nach den Maßstäben seiner Welt - ziemlich gut behandelt, aber der Knappe hatte seine Gedanken zum Leben doch eher beim Überlebenskampf in den üblen Vierteln der ärmlichen Bretterdörfer der fahrenden Dienstschaften gelernt.
Abe war ihm wie ein Engel erschienen, von dem er umarmt werden wollte, wie eine Hure, die er nehmen wollte, sich zu erleichtern. Er hätte alles gegeben, von ihr gemocht und angefasst zu werden, mit ihr zu schlafen, höchstpersönlich gemeint und herausgeholt aus seiner abgrundtiefen Gossenwelt. Ihre Blicke, dass sie ihm zu Willen war, gern offenbar, hatte ihn in ein bislang nicht gekanntes Hochgefühl versetzt, das nicht nur hämische, ehrliche, wilde, geile Freude zur Folge hatte, sondern auch unrealistische Einschätzungen des eigenen Wissens und Könnens nach sich zog. Die Frau gefiel ihm. Er wollte sie haben, er musste sie haben. Der Ritter Wunibald liebte sie auch, die Frau Abe.
Boduin ertappte sich bei dem Gedanken an nächtlichen Meuchelmord an seinem Ritter. Auch er, gerade er, hatte ein Recht auf sein Gluck. Und je mehr er daran dachte, desto stärker glaubte er, desto fester wurde sein Wille: Konkurrenz wollte und würde er keine leiden. Und dann war da noch die Sache mit den Weltentoren, durch die Abe kam oder ging. Hier in dieser Ritterwelt wollte er wohl aufpassen, dass sie ihm nicht entlief, die Abe. Mit seiner ganzen Liebe wollte er aufpassen und gegebenenfalls um sie kämpfen. Aber durch die Geistertore würde sie gehen können, ihn verlassen, nach ihrem Belieben. Das wollte Boduin nicht. Er konzentrierte sich. Waren da nicht Zaubersprüche, die sie murmelte, bevor sie durch die Zaubertüren schritt? Er würde einen Gegenzauber finden müssen, damit sie so nicht gehen können würde. Und bis dahin würde er zum Wärter ihrer Wörter werden müssen, auf dass sie nicht zaubern können würde. Er würde sie vielleicht knebeln müssen. Vielleicht sollte er ihr die Zunge herausschneiden?!
Die beiden Landsknechte, die mit ihnen ritten, bemerkten wohl, wie Ritter Wunibald über die Tage verstummte und der Melancholie verfiel. Sie spürten auch, dass Boduin sich böse veränderte, das sah man ihm ins Gesicht geschrieben, dass er garstige Ränke schmiedete, denn er sprach und lachte nimmer und presste mit unsteten Augen die Lippen stets fest und blutleer aufeinander. Als er bei einer Abendrast seinem traurigen Herrn scharf entgegentrat, erschlugen sie ihn mit ihren Schwertern, weil ein Knappe kann nur Wesen und Diener seines Ritters sein.

Das war auch nur eine Begebenheit unter vielen, nach denen wahrlich kein Hahn kräht.