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Teil 4

Die Grenzen unserer Welt sind paradox


Was ist »paradox«?

Ein Beispiel: Wenn ein Strafgefangener in seiner Zelle hin und her streift wie ein gefangener Tiger und dabei davon ausgeht, dass er säße (umgangssprachlich: »sitzt«), dann ist das ein Witz, dessen Pointe mit einander scheinbar widersprechenden Sachverhalten spielt. Und wenn ein Perser (in der Vergangenheit) gemeint hat, dass alle Perser lügen, dann hat er damit einen unauflösbaren Widerspruch geschaffen: Ein Paradoxon, eine – vielleicht nur scheinbar – unauflösliche Aufgabe, die gleichzeitig die Existenz von »höheren« Wahrheiten erahnen lässt.

Sehr leicht findet man Paradoxa in selbstreferenzierenden Systemen, in Mengen, zum Beispiel in der Menge der Zahlen, bei denen der Bezug zueinander in mathematischen Operationen besteht. Da gäbe es die Null, von der wohldefiniert ist, was passiert, wenn man sie addiert, subtrahiert oder multipliziert. Nur um die Division durch Null ranken sich in der Allgemeinheit große Geheimnisse. Was würde passieren, wenn man beispielsweise 14 durch Null dividiert. Ergäbe das unendlich? Nein: Es ergäbe sowohl + unendlich (also mit positivem Vorzeichen) wie gleichzeitig auch – unendlich (mit negativem Vorzeichen), weil die Null ja gerade zwischen den positiven und den negativen Zahlenreihen steht, weil Minus mal Minus Plus ergibt. Drum ist es schlichtweg verboten, durch Null zu dividieren.

Wenn wir schon die Mathematik zur Beschreibung von Paradoxien heranziehen, so stünden an den äußeren Enden der Zahlenreihen dann jeweils Unendlichkeiten. Dort hat die Mathematik offenbar doch Wege gefunden, mit solchen Unendlichkeiten zu operieren. So ist die Unendlichkeit aller Zahlen größer als die Unendlichkeit aller geraden Zahlen oder aller Primzahlen. Das erscheint wiederum mir paradox, also irgendwie widersprüchlich, und ich stell mir in meinen Verständnisversuchen zur Veranschaulichung gern eine Entwicklung, eine Kausalität, also eine irgendwie zeitbezogene Komponente vor. Stellen Sie sich vor, sie müssten wettbewerbsmäßig bis »Unendlich« zählen, und zwar jede ganze Zahl, während ihre Wettbewerbsgegnerin nur jede gerade Zahl zählen müsste. Sie wird also doppelt so schnell sein, die »Unendlichkeit« in der halben Zeit erreicht haben, die sie benötigen, auch wenn sie den Zieleinlauf bei der Unendlichkeit ja eigentlich beide nie erreichen werden. Alles klar?

Für mich gibt es also diese kausale, zeitliche Komponente, die ich bei allen Paradoxa zu spüren glaube. Sie sind wie Grenzen, die im ersten Augenblick aussehen, als könne man sie überschreiten. Doch je näher sie der Grenzmauer kommen, desto höher und u überwindlicher wird der Wall, erkennbar erst aus unmittelbarer Nähe.



Was ist das paradoxe an Heinrich Hlawaty?

Bei der Einschätzung eines Sachverhalts spielt immer eine Rolle, von welchem Gesichtspunkt ais sie diese Bewertung vornehmen, und nach welchem Maßsystem.

Wenn Sie sich die vollständige Welt wie eine Zwiebel vorstellen wollen, jede Schicht eine ganze erkannte Welt, nach der sie wieder vor der Geheimnisgrenze zur nächstinneren Zwiebelschale vorstellen, dann sehen wir Paradoxa wohl am ehesten im Bereich der Schalengrenzen, und bei Heinrich Hlawaty wären/sind auf den ersten Blick keine solchen erkennbar. Heinrich liebt gutes Essen und Trinken, ist dementsprechend leicht rundlich und scheint immer fröhlich: Aus einem rundlichen Gesicht unter blonden Locken strahlen - - unter gewaltigen Augenbrauen - durchgängig fröhliche Augen hervor. Ein kleines wenig erweckt er diesen Anschein, als wäre er ein zum Erwachsenen gealtertes, lachendes Barockengerl. Irgendwie ist er auch ein Engerl: Immer gut gelaunt, immer das Gute sehend, gutmütig, berechenbar, in einem Leben nur bis zum nächsten Augenblick, nächsten Tag, scheinbar ohne Sorgen. Er liebt - überwiegend passiv - Fußball, Schirennen, Motorsport, den Sport insgesamt, und - offenbar sehr aktiv - die Frauen. Zumindest lieben die Frauen ihn, vertrauen ihm.

Wenn man Paradoxa bei Heinrich Hlawaty suchen wollte, dann würde man wohl zuerst bei seinem Charakter nachsehen: Ist er wirklich so eindimensional, so begreifbar, so resilient, nicht nur alles wegzustecken, sondern sogar, alles für Gut zu halten, ohne jede Grübelei? Oder ist dies alles nur eine zur Schau gestellte Rolle, durchaus auch sich selber eine Stütze seiend, und der »wahre Heinrich« wandelt zwischen Abgründen? Immerhin erzählt er, lauscht er mit seinen Freunden Geschichten über das Leben, dessen Sinn, den Tod?

Letztendlich werden wir nie die Selbstwahrnehmung von Heinrich Hlawaty vollständig teilen können, es ist aber zu vermuten, dass in ihm da keine Widersprüche sind, dass dieses weitgespannte Feld durchaus hineinpasst in den Heinrich, nicht nur dem Ausmaß nach, sondern sogar mit vorzüglicher Passform. Wir wissen aber nicht, wie sich das alles ihm darbietet, welche Bedeutung, welches Gewicht die einzelnen Facetten haben.

Heinz hat nämlich schon ein bemerkenswertes Gemüt. Ein Mal jedes Jahr borgt er sich einen Firmenbus aus, den passenden Führerschein hat er, und er springt auch manchmal als Buschaffeur für Firmenangelegenheiten ein. Mit dem geborgten Bus fährt er dann über ein verlängertes Feiertagewochenende »ins Grüne«, wie man so sagt. Er fährt mit seiner Familie. Seinen verflossenen Frauen und - ohne absolute zeitliche Zuordnung - Geliebten, dem gemeinsamen Nachwuchs, allfälligen Schwiegerelternteilen und unverzichtbaren Freunden zu einem schönen Ausflugsziel, wo gewandert wird, und gegessen. An den Abenden gibt es Lagerfeuer und Grillfeste, alle sind einander gut und fröhlich, und Heinz ist, wird, wurde, regelmäßig zu etwas Gewohntem, freudesprendenden, lebensnotwendigen und selbstverständlichen - wie die Sonne, die doch jeden Morgen aufgeht. Wahrscheinlich ist er die Sonne, die alle friedlich vereint und wärmt, und das ist beinahe eine Superkraft, von der seine nunmehr engsten Freunde, Johann Sebastian Höllmüller und Karl Spangel nur ahnen, aber dennoch größte Hochachtung haben.



Karl Spangel hingegen ist ein in sich höchst paradoxer Mensch:

Mit etwa 40 Jahren hatte man ihm Prostatakrebs diagnostiziert und diesen erfolgreich behandelt. Damals war er durch das »Tal der Todesangst« gegangen, das er aber nicht mit eigenem Mut wieder verlassen hatte, sondern weil die medizinischen Daten letztendlich nichts wirklich Gefährliches mehr hergaben. Irgendetwas war gekippt in ihm, gekippt im Verhältnis zu seiner Frau. Sie schliefen kaum mehr miteinander, irgendwie war es ihm unangenehm geworden, irgendwie auch aufwendig, unromantisch, so fand er. Er war leider der Findende, der Treibende, der Dominante gewesen, so denkt er nunmehr darüber. Aber wie es auch gewesen sein mag: Sie hatten sich voneinander entfernt, »entliebt«, und so war ihm seine Versetzung in den Ruhestand gerade recht gekommen, in sein Elternhaus aufs Land zu flüchten. Seine Frau war jünger, musste noch arbeiten.

Er hatte gehofft, sich selber zu finden und mit neuer Kraft um sie werben zu können. Er hatte gehofft, dass auch sie um ihn werben würde. Er hatte diese Hoffnung verbildlicht, in den Himmel gehoben, in Stein gemeißelt, ins Unerreichbare entrückt und zu seinem Lebensinhalt gemacht.

Wie er selber es sieht, mag der Nachfolgende, einer seiner Tagebucheinträge aufzeigen. Wir wollen ob seiner Wehleidigkeit nicht streng über ihn urteilen. Trauer erzeugt eben auch manchmal Selbstmitleid, das uns am klaren Denken hindert. Bemerken sie aber die Grenzenlosigkeit und Unvereinbarkeit seiner Wünsche:

»Traurig! Fallen lassen. Sich fallen lassen. Es ändert nichts, man spürt nur seine Trauer, bemerkt sie, verehrt sie, und lässt sich fallen. Wie tief? Ein endloser Sturz, an den man sich gewöhnt, mit Ausnahme der diversen Drehungen und Wendungen, die da passieren, und die den Mageninhalt zumindest zu verschiedenen Stellen des Magens bewegen? Oder hat dieser Fall ein Ende, abrupt im Zerschellen eben am Ende, erwartet, unerwartet, erhofft oder gefürchtet?
Sich fallen zu lassen ist eine Verhaltensweise, die man sich bewusst einräumt, was aber wenig über die Macht oder Ohnmacht, Kraft oder Schwächen aussagt, die dabei eine Rolle spielen. Im Gegensatz zur Möglichkeit, sich in Vertrauen fallen zu lassen, kann man sich auch in Trauer und Verzweiflung stürzen.
Es ist unendlich traurig, seine Liebste verloren zu haben, und dieses Gefühl verschlingt Dich wie Treibsand, erfriert Dich wie der Winternebel, zerfrisst dich wie Lauge und erdrückt Dich wie eine Lawine. Man lebt und lebt doch nicht, und die Tage vergehen ohne Maß und Ziel. Seit Ewigkeiten und in alle Ewigkeit.
Vor diesen Ewigkeiten, erinnerlich, doch auch schon losgelöst aus dem Fluss der Realitäten, hatte es Augenblicke gegeben, in denen ein Blick in ihre Augen, erwidert, allen Wert des Lebens hatte. Ein schlechter Tag schrumpfte zu einem Nichts, ein guter Tag war selbstverständlich und friedvoll, hatte er doch zu seinem wichtigsten Ziel, diesem Augenblick geführt. Probleme waren keine mehr, nur Angelegenheiten, die gemeinsam jedenfalls zu schaffen waren; seine Sorgen waren für ihn keine Sorgen, und ihre Sorgen wollte er gern tragen, für sie, die eine, die seine, und sie waren ihm keine Sorgen, sondern Leben, Erleben, sein Hunger.
Er nannte es »Teilen«, aber jetzt gab es nichts mehr zu teilen. Keine geteilte Freude, kein geteiltes Leid. Nur Einsamkeit, die er auch so wollte. Er würde sich nie wieder öffnen, niemandem jemals wieder sein Herz schenken. Leben konnte er schon, mit anderen Menschen auch sprechen, auch wenn ihm da und dort die Rede stockte. Es war keine Zeit und keine Freude, kein Leuchtfeuer, kein Hafen, keine Musik, kein Geruch und kein Geschmack.
Du legst dich in das Bett, rekapitulierst den Tag. Es wäre ungerecht, der Welt etwas vorzuwerfen, es war ein guter Tag. Aber du weißt es nicht. Ein paar Worte hättest du gern gewechselt, ein paar Gedanken getauscht, aber da ist niemand. Niemand, der dir in den Tag hineingeredet hätte, aber auch niemand, der dich umarmt. Du ziehst die Decke über die Schultern, drehst dich zur Seite und schläfst ein. Nur eine Gelse, einige Mücken, ein Nachtfalter, teilen mit dir das Zimmer.

Du hast Hunger, aber es ist egal, was du isst, weil nichts besonders schmeckt. Du willst nicht kochen, du willst dich nicht mehr mit den kleinen Dingen, die den Tag füllen können, beschäftigen, und die großen sind, scheints, traurig.
Sie hatten Tisch und Bett geteilt, jeden Augenblick, mit aller Kraft, und er erinnerte und freute sich, was sie erlebt und entdeckt hatten, über sich hinauswachsend, ohne Grenzen, Angst oder Schamkonventionen, mit Vertrauen, Freude und Frieden.

Verloren, vergangen, verdampft: Es war nichts mehr, wie es in den guten Zeiten gewesen war. Es hatte sich aufgelöst.
Wahrscheinlich war zuerst die Zufriedenheit fraglich geworden, der Wille, in die Beziehung auch zu investieren. Dann war das Vertrauen zerbrochen, dann die Liebe.
Er war gegangen.
Ohne Liebe wollte er nicht sein.
Er hatte sich von den Orten des gemeinsamen Lebens entfernt, wie er auch gegangen wäre, wäre sie verstorben. Vielleicht wäre er in einem solchen Fall aber auch nicht gegangen, um ihr Vermächtnis zu pflegen. Er überlegte, ob er darüber nachdenken wollte, fand dies aber unpassend, sodass er es ließ. Er dachte lieber darüber nach, was schön gewesen war in dieser Liebe, und bemerkte, dass er schnell »Alles« zu sagen bereit war. Und so suchte er Erinnerungen heraus an schöne Tage, an schlechte. Nein, es hatte gepasst, für ihn, rundherum: Sie war die Frau, mit der er leben hatte wollen, wahrhaftig sein, mit ihr gewinnen, ihr aber auch sagen, was er nicht wollte, und das Gleiche von ihr auch gesagt bekommen. Er erinnerte sich an Dispute, an den Zorn, in dem sie oft um die Wette ritten, bis die Erinnerung an die Liebe stärker wurde. Er verglich mit der Leere des Lebens ohne sie.
Es war alles richtig gewesen für ihn. Auch im Nachhinein war er sich sicher. Nicht durch Messen oder Wägen: Es war eine endgültige Sicherheit in ihm. Er war gewachsen in dieser Beziehung, jedermann würde ihm dies jederzeit bestätigen, und jede Frau auch. Gewachsen war er durch sie. Nicht etwa durch klug angelegte psychologische Tricks oder irgendetwas in dieser Richtung. Nein, einfach durch sie, wie sie war, wie sie ihm ein Gegenüber und ein Miteinander war. Gewachsen durch den Wunsch, mit ihr sein zu können, in Erkenntnis, wie ein solches Leben sein konnte, und mit seiner wichtigen, wachsenden, gepflegten, glühenden Liebe.
Das übermächtig allesbeherrschende, einzige, was ihn gebunden hatte, war diese Liebe gewesen, die jetzt storniert worden war. Unglaublich einfach, banal, unglaublich. Und mit einem kleinen Rest, sozusagen einem Nachleuchten dieser Liebe war er gegangen, ohne viel Aufhebens zu machen, damit sie die Freiheit erreichen könne, die sie sich offenbar gewünscht hatte.
Möglicherweise hatte er nichts begriffen. Vielleicht hatte er an der Wirklichkeit vorbeigelebt. Wahrscheinlich war er zu plump und grobschlächtig, ihre Bedürfnisse zu erkennen. Sprachlos sollte er daher sein, nach seinem Willen, zu seiner verdampften Liebe, und er war es auch, weil die Trauer ihm das Denken nahm und die Stimme brach.
Sprachlos wollte er sein, um ihr nicht im Weg zu stehen. Und sprachlos würde er sein um der Gerechtigkeit Willen. Er hatte eine lange gute Zeit gehabt mit ihr. Ein Grund zur Dankbarkeit.
Trauer wogte heran wie eine Welle. Er spürte, dass sein Herz stolperte, wollte nichts mehr fühlen. Und mit einer Trauer über die mögliche Falschheit der Trauer malte er sich aus, dass jeder Weg zurück versperrt wäre, dass er sich ja mittlerweile so eingerichtet habe, wie er meinte, dass es ihm gefiel, dass er hier keine Abstriche mehr machen könne. Er grübelte über Vertrauensverlust, Rachsucht, geistige Gesundheit.«

Karl Spangel passt zu seinen Tagebuchtexten: Groß, aber mit hängenden, gebeugten Schultern, mit dem Körper eines adipösen Schlaksigen und einem Gang zwischen gebrochenem Wiegen und klebrigem Schleichen. Er macht nichts in selbstvergessener Begeisterung, stochert lustlos in seinem Essen herum und macht dies und das lustlos nicht vollständig fertig. Sich vorzustellen, dass er einmal ein »pornographischer Schachterlteufel«, ein Hochleistungs-Bumserich gewesen sein könnte, fällt schwer.

Sich vorzustellen, dass er einmal ein superpraktischer, starker, todesmutiger Feuerwehrmann mit jederzeitiger allumfassender Lösungskompetenz gewesen wäre, fällt ebenfalls schwer. Aber was weiß man schon ....

Mit seinen neuen Freunden war Karl Spangel ein wenig aus sich herausgekrochen, wobei er sehr zur Selbstbezichtigung neigt. Seine Freunde verteidigen ihn aber nicht gegen die eigenen Anschuldigungen, sodass er diese Strategie ablegte und - gerade in dieser Zeit - mit sich selber zu leben beginnt, es zumindest in Anfängen versucht.

Trotzdem legte er eines Abends, als sie sich wieder einmal unter Vorwänden, wenn auch in Maßen, dem Alkohol hingaben, eine Bekenntnis ab.
»Ich muss euch etwas beichten«, leitete er ein: »Erinnert ihr Euch an unser erstes Treffen beim Einkaufszentrum? Johann Sebastian hat uns da unendlich lange in der Kälte stehen lassen und uns zur Entschädigung dafür zu sich eingeladen. Dafür wollte er noch etwas einkaufen gehen. Und weil Heinz gerade mit vorbeikommenden Bekannten ein Gespräch begonnen hat, bin ich dem Hans nachgegangen, zum Kassenbereich, um ihm beim Tragen zu helfen.
Da hab ich auf dem Umpacktisch ein Manuskript gefunden, es rasch durchgeblättert, überflogen. Es schien mir interessant, so wie wenn es mir den Weg zu einer »Erlösung« zeigen könnte. Ich wollte es mitnehmen, aber irgendwie erschien es mir wie Diebstahl. Und dann hab ich es doch eingesteckt. Gefaltet und eingesteckt, und einen kleinen grünen Zettel, der wahrscheinlich von irgendeiner Obstkiste heruntergefallen ist, auf der Rückseite beschriftet. »Kein Mitleid!«. habe ich draufgeschrieben und ihn statt des Manuskripts hinterlassen. Der Heinz hat es gar nicht bemerkt, dass ich weg war.«

Warum er denn »Kein Mitleid!«, hinterlassen hätte, fragten ihn die beiden anderen.
Nun ja: Einerseits mit dem Protagonisten der Handlung, diesem Friederich Frollo - er würde ihnen die Geschichte nachfolgend aus der Erinnerung erzählen - weil der doch stark genug hätte sein können, seinen Verlust einfach hinzunehmen. Es wäre ihm, Karl, sehr wohl bewusst, dass gerade er nicht solche Stärken einfordern könne.
Andererseits habe er kein Mitleid mit jemandem, der ein solch intimes Schriftstück einfach liegen gelassen, vergessen hätte. Es wäre also eine mehrfache Mitleidslosigkeitsbekundung gewesen. Und er fühle sich gerade deswegen ein bisschen unwohl.
Dann erzählte er die Geschichte vom »Mönch mit Schmerzgrenze«, und weil die doch einigermaßen an den überbordenden Erwartungen von Hans und Heinz vorbeiging, lachten diese, einsetzend auch Karl, am Schluss herzlich. Sie fragten einander über eine eventuelle Autorenschaft beim »Mönch« ab und versicherten sich ihrer Unschuld.
In diesem Moment hatte auch Karl das Gefühl, seine Unschuld wiedererlangt zu haben durch sein Geständnis. Die Sühne? Ja, wer würde wohl eine strafende Sühne bemessen. Irgendwie schien Karl bestrafungsbesessen zu sein. Ob es eine Wiedergutmachung geben könne, wie diese auszusehen hätte, das kam ihm damals gar nicht in den Sinn. Über das sprach er auch nicht.

Die Freunde unterhielten sich aber doch darüber, alle auch ein wenig eifersüchtig, wie viele besondere Menschen, Dichter, Denker, Armleuchter und Kümmerer, doch auch in der kleinsten Ortschaft lebten.



Johann Sebastian Höllmüllers Paradoxa:

Zweifellos hat jede Persönlichkeit in sich Spannungen und Brüche, die dem Umfeld zu schaffen machen können, und der jeweiligen Persönlichkeit selber. Die Spannungen: da treffen gegenläufige Interessen aufeinander, scheinbar unauflösliche Widersprüche, Paradoxa eben, denen man aus seiner Innensicht ausweichen kann, als scheinbar schnellstverfügbare Lösung. So bricht man mit dem Frieden seiner Welt. Man kann sich diesen Widersprüchen jedoch auch stellen. Ich mag es überhaupt nicht, wenn das, was man da anstrebt, erlebt, erreicht, mit dem Begriff »Arbeit« belegt: »Beziehungsarbeit«: Ich ziehe freud- und lustvolle Beziehungen vor, in denen es ein Wollen, Begehren und Begehrt- und Gewolltwerden gibt, kein pingeliges Herumschrauben an Sündenbilanzen (vielleicht gar unter Anrufung von Schiedsrichtern? Das Fliegende Spaghettimonster beschütze uns jetzt und für alle Zeiten!)

Im Gegensatz zu Karl hatte Johann Sebastian nach seiner Scheidung und einer kurzen Zeit tiefer Verzweiflung und Trauer rasch erkannt, dass das Leben weitergeht, weitergehen muss. Und er hatte diesen Fortgang auch rasch - und wie man so sagt »proaktiv« - in Angriff genommen, sodass ihm neben seinen »Wiederaufbauplänen« - so titulierte er sie - wenig Platz für Trauer blieb. Im Vergleich dazu hatte Karl zwar auch das Notwendige getan, um beruflich zu bestehen, zu leben, aber er machte dies mit Geringschätzung, mit einem großen Ekel. Ich weiß nicht, ob er damit Ängste zudeckte, Leere, und es scheint mir auch ohne Unterschied zu sein: Er tat nichts, und das machte er voller Distanz, Ablehnung und Abscheu. Und weil er ja ahnte, welches Bild er abgeben könnte, sperrte er sich weg und betrauerte sein »beendetes Leben«.

Johann Sebastian Höllmüller war anders: In seiner ersten Verzweiflung hielt er still, entschied nichts, was nicht unmittelbar dringend entschieden werden musste, und das waren immer nur unmittelbare Überlebensthemen: »Was werde ich essen? Was werde ich am Wochenende machen?« Er hatte das Glück, keine Wohnungssorgen zu haben: Es gab sein Elternhaus im Ort.
In einer ersten Zeit nach der Trennung mied er es schon, Menschen zu begegnen. Wenn er gefragt wurde, wie es ihm ginge, spürte er manchmal, ein Schluchzen, das er nur mit Mühe hinunterschlucken konnte. Reden? Wie gut, dass es Allgemeinplätze gibt. Er spürte und schätzte Mitgefühl, den Respekt für seine Befindlichkeit. Er flüchtete vor Mitleid, durch das er sich irgendwie herunter gemacht fühlte. Aber wer weiß schon, wie ein Tag verlaufen wird? Seine Energien, seinen Zorn, verbrannte
er anderweitig: mit Reparaturarbeiten, Gewalttouren mit dem Fahrrad. Eines Tages sah er sich im Spiegel und freute sich über seine fester gewordenen Körperkonturen, über die Spannkraft in seiner Haltung, das Strahlen in seinen Augen. Er fühlte sich an den jungen Johann Sebastian erinnert, wie er voller Vertrauen in die Welt hinausging.
Etwa ein halbes Jahr nach dem endgültigen Vollzug seiner Trennung konnte er frei und tief durchatmen, sich über einen Sonnenaufgang freuen und fröhlich in den kommenden Tag hinein aufbrechen. Und weil er kein Mönch oder Witwer geworden war, besuchte er auch wieder Veranstaltungen, Tanzabende, Kino, Theater, nicht immer allein, doch immer darauf bedacht, jede Verbindlichkeit und Bindung zu vermeiden. Das heißt jetzt nicht, dass es da keine Abenteuer gegeben hätte. Aber er gehörte schon einige Anstrengung dazu, den Johann Sebastian auf die Couch zu bringen. Und es löste sich immer auf wie bei Bond, James Bond, wo - zumindest in den Filmen - alle glücklich sind, dass ihre persönlichen Komfortzonen nicht nachjustiert werden müssen.

Von seiner Frau hörte er auch. Mit Hochachtung sprach man von ihr. Das konnte er sich zunehmend gut vorstellen, aber er hätte doch gern genauer gewusst, zumindest unmittelbar nach ihrem Auseinandergehen, wie es ihr konkret erginge, was ihren Tag füllte. Es war schwierig, loszulassen, aber er schwieg.

Ursula ging wieder in die Gesellschaften, auch mit Begleitungen. Die Eifersucht machte ihn zornig, aber er schwieg. Lang hatte er überlegt, ob er seine Eifersucht als Zeichen der Liebe zeigen sollte, aber wenn man liebt, dann will man wohl das Beste für den geliebten Menschen, also keinen Zorn, kein Gejammere. Und wenn er genau hinsah, dann wuchs in ihm zunehmend der Stolz, dass ihn eine solche begehrenswerte Frau einmal gewollt hatte.

Er wurde selbstständiger, größer, stärker, weiser, wenn man Weisheit als den Mut, die Ruhe und die Kraft sieht, das Leben, wie es ist, zu leben und Unabänderliches hinzunehmen. Und wenn er sich an die letzten Monate, Wochen, Tage seiner Ehe erinnerte, dann konnte er sich nur mehr als verirrten Kleingeist sehen.
Nun ist er im Hier und Jetzt, und das ist schon in Ordnung. Es geht ihm gut, mit Ausnahme dieser lästigen kleinen Sepsis, die ihn ins Krankenhaus gebracht und dort weggesperrt hatte.
Jetzt, in Rekonvaleszenz? Corona? Ein unangenehmes Lebensgefühl, mit angemessener Vorsicht, mit nicht ganz freiwilliger Zurückhaltung zu behandeln. Die Pandämie hatte - für ihn - aber auch positive Aspekte: Sie lehrte ihn Demut, sie lehrte ihn Wertschätzung. Mit dem allen konnte er gut leben. Er hatte sein Einkommen, er hatte sein Auskommen, er hatte Freunde. Er überlegte, wie er helfen könnte, da viele das alles nicht mehr hatten. Er fantasierte, wie es nach Beendigung seines Krankenstandes, in der Arbeit, wohl sein würde.
Heute hatte er Ursula gesehen. Sie hatte ihm eine wilde Geschichte über einen Pornostar erzählt. Er hatte sich wohlgefühlt in ihrer Nähe. Ruhig hatte er zuhören können, und das hatte ihn gefreut, freute ihn wiederum, in seiner Erinnerung, und - seltsam - er hatte sie ein wenig, ein ganz winziges Wenig, beflirten können, irgendwie als Zeichen seiner Hochachtung. Sie hatte gelächelt.

Wir wissen nicht, wie es mit Johann Sebastian und Ursula weitergehen wird. Im Rahmen dieser Erzählungen wird es da auch keine Auflösungen geben, schon gar kein Happy End. Warum soll denn in einem Glücksaugenblick, in einer Glücksphase, etwas zu Ende sein, ein Leben muss man schon ein ganzes Leben lang leben.
Und außerdem ist das »Happy End« allenfalls altgewohntes »Denglish«. Im Original spricht man - richtiger - von einer »happy ending story«.
Wir wissen, schon jetzt, erfreulicherweise, dass Johann Sebastians Paradoxa sich aufgelöst haben, in Auflösung befindlich sind, zumindest im Hinblick auf Ursula. Von Ursula wissen wir noch weniger, aber mir gefällt die Vorstellung, dass auch in ihr eine neue, alte Hoffnung entzündet worden ist.



Siehls Paradoxa?
Sel-Sinikka-Suvi hat meines Wissens keine Gegensätze in sich und lebt ihre »dunklen Seiten« hemmungslos und öffentlich, weil diese - nach Maßstäben unserer Hemisphäre und auch in ihrem Selbstempfinden - so dunkel und harmlos sind wie Frau Holles Bettwäsche. Und morgen ist immer ein neuer Tag. Ihre Eltern hatten ihr einen abstrusen Namen gegeben. Na dann hieß sie jetzt halt Siehl. Sie hatte keine weitergehende Ausbildung, keine Karriere absolvieren können. Ein wenige hatte ihr das in der Vergangenheit zu schaffen gemacht, doch sah sie jetzt, dass ihre Tag voll waren, immer voll sein würden mit Sinn und Freude. Sie hatte die bedingungslose, grenzenlose Liebe ihrer Entern und das Bild der Liebe der Eltern zueinander. Ihre Welt bemaß sich sozusagen an Respekt, Wahrhaftigkeit und Liebe, und das brachte man ihr auch entgegen. Siehl hatte es nicht notwendig, sie dachte nicht einmal darüber nach, liebenswerte Details an sich herauszustellen, zuminfdest nicht, bis sie zum ersten Mal mit Markus nach Hause gegangen war. Da riss es sie dann doch ein wenig hin und her.

Eigentlich auch ein bisserl schade für Siehl, dass sie so neurosenlos leben konnte, Mir scheint es nämlich manchmal, als wären Neurosen die beständigste Sicherheit gegen ein rückstandsloses Aufgehen in der Welt, also die letzten rigorosen Persönlichkeitskennzeichen.
Halt!
Das Halstattoo: Auch nicht mehr als eine Urlaubsblödelei. Eine Mutprobe, vielleicht eine Trotzreaktion, weil sie wegen ihres Vornamens gehänselt worden war. Vielleicht hatte sie dazugehören wollen, vielleicht - ein wenig nur - besonders sein. Ein Schmetterling. Das sah man schon, zumindest die Absicht des Tätowierers, aber gut ausgeführt, filigran, war er nicht, so blauschwarz, so ausgefranst, so perspektivisch verzogen, wie er war. Das Tattoo stört sie nunmehr ein wenig, sie schämte sich vor Markus. Eigentlich schämt sie sich nur in der Abwesenheit von Markus. In seiner Gegenwart ist sie verzaubert, verzaubert, verzaubert. Und der Schmetterling ist einfach nicht da.
Aber Siehl ist nicht in dem Sinn verzaubert, so entrückt in ihrer herbeigesehnten Verzauberung, wie Menschen es sind, die die Liebe nicht kennen. Sie spürt ihr Glück und sie spürt die Welt, das Glück in der Welt und nicht in einer Fantasie von Wolke sieben. Und so zerbricht sie sich nicht den Kopf, was sein könnte, was kommen würde, passieren müsse, keinesfalls stattfinden dürfe, sondern vertraut auf die Welt, vertraut auf sich, vertraut auf Markus. Sie macht sich nicht viele Gedanken (Sorgen) und freut sich, dass sie vertrauen kann.
Deswegen ist es unvermeidbar, dass sie glücklich war, ist und sein wird.

Viel mehr kann ich zu Sel-Sinikka-Suvi (alias Siehl) nicht berichten, jetzt, an dieser Stelle und zu diesem Zeitpunkt. Ich bin auch nicht Markus, aber wenn ich mir das Mädchen so rundherum anschaue, so ist sie auch in meinen Augen und zweifelsfrei ein Sonnenstrahl. Das heißt allerdings nicht, dass ich sie gut und dauernd ertragen könnte. Geschmäcker sind verschieden.



Herta:
Herta, das ist die Frau, die das Mönchsmanuskript gefunden und bei der Supermarktkassierin abgegeben hatte, ist die Personifizierung von Phobien, von der Agoraphobie, das ist die Angst vor großen Plätzen und/oder Menschenansammlungen, bis zur Zoophobie, das ist die Angst vor Tieren. Verwunderlicherweise hält sie sich einen kleinen, kläffenden, zur Entschärfung kastrierten Köter, mit dem sie einen Archetypus, so etwas war dieses Bild schon geworden, so könnte man das wohl nennen, repräsentierte.
Mit diesen Phobien bewegt sie sich in einer rundherum und durchgängig paradoxen Welt, was sie - und ihren Köter - aber nicht im Geringsten stört. Sie stört sich am Rest der Welt, und zwar so nachhaltig und umfassend, dass man dies in einer gewissen Zeitlosigkeit und ohne Relation zu den Geschehnissen in der sonstig verbleibenden Menschheit über sie berichten kann.
Ihr Ding war und ist eine Art »paradoxe Intention«, selbstverordnet, als »paradoxe Intervention« (also sich genau das vorzustellen, herbeizuwünschen, vor dem man Angst hat), und jedenfalls («doch« wäre hier ein unangebrachtes Wort) lösungslos. Dementsprechend war sie ständig umgeben von Mördern, Vergewaltigern, Räubern, linkslinken Gutmenschen, Hochzeitsschwindlern (!) und Brunnenvergiftern. Sie wurde hierdurch aber keinesfalls abgeschliffen oder abgehärtet, sondern kann sich diesen Bedrohungen nur mit heftigster Provokation entgegenstellen, durch nächtliches Glassplitterstreuen auf Straßen, Radwegen und Spielplätzen, durch vergiftete Tierköder, durch Anklage der Bösen bei der Anwohnerschaft beim gemeinsamen Heimgang von der Sonntagsmesse und in der Kirchenbeichte. Wahrscheinlich ist sie arg einsam, in dieser Einsamkeit so schrecklich ordentlich geworden.

Ändern wird man die Herta nimmer können. Es ist schwer, sie trotzdem ein wenig zu lieben, zumindest zu respektieren. Ein brutales Urteil, wenn man davon ausgeht, dass sie noch 20 bis 40 Lebensjahre vor sich haben könnte.
Wenn ich mich in die Herta hineinzuversetzen versuche, stellt sich mir doch Fragen:
Haben Grenzen paradoxe Eigenschaften, oder wirken Paradoxa als Grenzen?
Können wir durch Widersprüche Grenzen errichten, und warum tun so viele von uns das so gerne?



Markus´ Paradoxa:
Über Markus haben wir schon gehört.
Wir können uns vorstellen, wo seine inneren Widersprüche ihren Ursprung haben. Wir kennen seine Ängste, nicht zu entsprechen, zu versagen. In früherer Jugend versagte er sich viel, weil er nichts machen wollte, bevor er es perfekt konnte. Dass ihm das in der Schule, beim Studium, nicht im Weg gestanden ist, ist wohl hauptsächlich seiner damaligen Clique zu verdanken, die ihn irgendwie mitgerissen - »mitgeschleift« wäre ein wohl angebrachterer Ausdruck - hatte.

Markus war in dem Sinn klug, als dass er Sachverhalte, Zusammenhänge rasch erfassen konnte, dass er ein bibliographisches Gedächtnis hatte, dass er wunderbar abstrahieren konnte und mit seinen Abstraktionen jonglieren.
Was seine Selbstorganisation anbelangte, da war er gar nicht klug, also zumindest nicht besonders geschickt. Da war er quasi handlungsunfähig, und diese Blockierung begann schon mit seiner Unfähigkeit, sich selbst zu sehen, über eine reine Innensicht hinaus zu sehen, seine gesellschaftliche Stellung zu erkennen, Selbstvertrauen zu haben. Weil er aber ein hilfsbereiter, schöner junger Mann war, hatte er seine Cliquen gehabt, die ihm Deckung gaben, die ihn führten, die für ihn sorgten.
Seine Ausbildungen, sein jugendliches Leben, die Schulung seiner geistigen Fähigkeiten, waren nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Unter Aufrechterhaltung all seiner Schüchternheit hatte er sich einen scheinbar lockeren, leichten Lebensstil zugelegt, der ihn vor jeder Verbindlichkeit oder »gefährlichen« Beziehung schützte. In diesem Stil lebte er seine Tage, und am Abend jedes Tages war wieder nichts passiert. Nichts war ihm widerfahren, aber auch nichts besonders Erfreuliches, auch wenn er vielerlei als »erstrebenswert« beworbenes in seine Tagesläufe eingeplant hatte: Laufen, Rad fahren, Reisen (auch wenn das in Corona-Zeiten sehr eingeschränkt war), Lesen, Medien, auch Freundschaften, gemeinsame Unternehmungen. Das alles füllte glücklich seine Tage, erreichte aber nicht sein innerstes Herz.

In diese leichte Leere, diese unerträgliche Leichtigkeit des Seins hinein war Siehl gepurzelt (ein anderes Verb wäre unangebracht, doch das verwendete ist auch nicht hinreichend für Siehls Eintritt in Markus´ Leben, zumindest nicht nach der Meinung von Markus).
Siehl ist aus einer anderen Welt, Siehl ist aus einer anderen Gesellschaftsschicht. Hunderttausend Gründe kann Markus hervorholen, warum der Umgang mit Siehl sinnlos ist. Solche Gedanken tauchen auf, wenn er allein ist. Verlustängste: Wenn er nur lang genug herumeierte, dann würde sie gehen, das stellt er sich so vor, wenn er allein ist. Verlieren darf er sie aber keinesfalls: Es ist so schön, sie zu treffen, es ist so aufregend, sie zu treffen, es ist so sinnvoll, mit ihr zu reden, es ist so süß, an sie zu denken.
Siehl hat Vertrauen in die Welt. Sie erkennt Markus sehr gut mit ihrem Herzen. In Worten beschreiben, diagnostizieren, würde sie seine »Seelenqualen« nicht können. So zeigt sie ihm, dass sie ihn ganz will, so wie er ist, und dass sie alles teilen will mit ihm, bis er ihr eines Tages einen kleinen Brief schrieb. Nicht über sie beide. »Ungustav« hatte er seine Ausführungen genannt, anonym für sie abgegeben. Sie hatte sofort Bescheid gewusst, seinen »Gedankenkuddelmuddel« verstanden. Sie ist froh, dass er diese Seite seines Lebens nicht wegdrückt, wie so viele es tun.
Sie hatte ihn auf den »Ungustav« angesprochen. Sie hatte ihn lange umarmt. Sie hatten sich geküsst. Das erste Mal. Vorsichtig. Flach. Mit kühlen Lippen und Zungenspitzen. Die Hitze war dann erst zu Hause gekommen, in Erinnerung an den Abend, den Nachhauseweg.
Am nächsten Tag hatte sie ihm gesagt, dass sie seine Art zu erzählen liebe, gefragt, ob er ihr nicht noch eine Geschichte erzählen wolle, und es waren ihr dabei Zauberbilder erschienen, in der Art von Tausendundeiner Nacht, in der die Geschichten heilen.
Als sie ihn darauf ansprach, hatte Markus seltsamerweise ähnliche Assoziationen gehabt. Über die Heilung, über eine zu heilende Krankheit, und dass diese tausend Nächte dauern könne, sprachen sie nicht.

Es war schon früher Frühling geworden. Die Tage waren länger, der Himmel war blauer, die Luft war lauer und das Gras war grüner geworden. Die ersten Knospen streckten sich schon aus den Ästen und ein leichter warmer Duft lag in der Luft. Es war gerade jene Jahreszeit, bei der sie am nächsten Morgen in einen bunten, blühenden, duftenden Blumengarten hinein aufwachen.
Am Vorabend dieser Frühlingsexplosion ging Markus lange mit Siehl spazieren: über Wiesen, über Feldwege in Wintergerstenäckern, neben Birnbäumen, durch einen Föhren-Märchenwald. Und Markus erzählte eine Geschichte für Siehl.

Sein Leben zu leben


Ich werde mich so kurz fassen wie möglich. Es ist noch kalt, die Sonne wärmt kaum, die Nachtfröste stechen in unser Leben.

Wir werden die letzten Tage in diesem Graustaubnebelwinter ausharren und auf den Frühling hoffen, den Duft des Grases, von dem der Schnee wegschmilzt, genießen. Wir werden gut aufgelegt sein oder schlecht, aber keinesfalls möchte ich es sein, der Dich vergrämt oder Dir den Tag vergällt. Ich werde mich kurz haltenmüssen, es ist Nachmittag, die Nacht kommt schnell. Was offen bleibt, musst Du mit Erfahrungen, Erlebnissen, Meinungen, Werten füllen.

Was ich zu Beginn noch klarstellen möchte: Das Nachfolgende ist nicht autobiographisch. Es werden sich zwar immer wieder Bilder, Gedanken, Eindrücke aus meinem Leben finden, und wenn ich auch versuchen werde, wertfrei zu bleiben, so werde ich doch immer wieder bewerten, nach meinem Weltbild, meinem Kanon. Natürlich will ich Dich fesseln. An meine Worte. Weil ich Dir Freude machen will.

Du kennst doch die Geschichten vom »inneren Kind«, und dass man das finden, lieben, loslassen muss. Glaube mir, das alles muss man erst einmal können.

Dieses »Innere Kind«", das waren wir einmal vollständig. Zu einer Zeit, zu der wir kaum selbst was auf die Beine stellen konnten. Wir waren auf die Liebe und Zuwendung unserer Eltern angewiesen, und um diese mauzten wir, heulten wir, trotzten wir, eiferten wir. »Lieb mich doch!«, war der eine Inhalt. »Ich brauche Dich!« der andere, unausgesprochene, so nicht empfundene, damals.

Das Kind ist in uns geblieben, und es hat sich nicht entwickelt. Es ist vielleicht noch ganz präsent, was Sie leicht überprüfen können: Wie steht es mit Zorn, Eifersucht, Neid, usw? Hört sich nicht gut an, ist aber nur die negative Seite der Medaille. Daneben gibt es Positives: Mein Inneres Kind hat z.B. tolle Eigenschaften: der Welt unvoreingenommen entgegenzutreten. Staunen können. Sich freuen können. Im Augenblick leben.

Aber wir haben uns weiterentwickelt, weiterentwickeln müssen: Die Eltern sind alt geworden, wir erwachsen, zumindest an Jahren. Nur das »innere Kind« ist immer ein Kind geblieben. Wir haben es verlassen, zum Teil, sind zurückgekehrt, haben andere Anteile unserer Persönlichkeit kennengelernt, haben so ausgiebig mit der Außenwelt zu tun gehabt, dass wir uns selber fast vergessen haben.

Jetzt sind wir da, im Hier und Jetzt.

Wer sind wir?

Sobald Du als Kind nicht mehr eins mit der Welt und Mama bist, beginnen die echten Probleme. Dein Bekanntenkreis erweitert sich wesentlich um Omas, Opas, Tanten und Onkel, Nachbarinnen, Verkäuferinnen, den Briefträger. Und alle sprechen dich an. Sie haben Erwartungen.

Entweder Du kannst die Erwartungen nicht erfüllen. Dann bist Du irgendwie abgeschrieben und wirst ignoriert oder schlecht behandelt: Man bringt Dir einfach keinen Respekt entgegen.

Oder Du enttäuscht die in Dich gesetzten Erwartungen nicht, dann ist es genauso, nur später. Dann schrauben sie die Erwartungen und Anforderungen an Dich in die Höhe, bis Du nimmer mitkannst.

Es gibt auch noch die Möglichkeit, dass sie Dich nicht wahrnehmen. Als Platzhalter, als Menschenwesen in der Landschaft wirst Du schon wahrgenommen. Du funktionierst sogar wie ein Trigger, das heißt, wenn Du derartig wahrgenommen wirst, dann beginnt irgendein Mechanismus zu laufen, der unter anderem auch Wortmeldungen kreiert, sich an etwas richtet, das man für Dich hält. Aber Du bist es nicht. Sie reden über jemand anderen, mit jemand anderen, und Du schaust zu. Natürlich kannst Du einsteigen in jeden Dialog. Natürlich weißt Du, wie der jeweilige Gesprächspartner zufriedenzustellen ist. Aber Du bist jemand anderer.

Du beginnst zu begreifen, wie die Menschenwelt funktioniert, Du lernst mitzutreiben. Manchmal schaust Du einfach zu: »Weltfernsehen« heißt das, und es ist erstaunlich, dass das, was Du beobachten kannst, meist ziemlich absurd ist. Die als solche angepriesenen Absurditäten im Fernsehen und Kino sind allenfalls ein wenig verdichtet, aber keine anderen. Und Deine ganze Existenz kommt Dir zunehmend auch absurd vor.

So erging es Emmanuel. (Emmanuel ist ein Männername. Ich, Markus, bin auch ein Mann und kann leichter über Männer erzählen).

Emmanuel bedeutet in etwa :«Gott ist mit uns«, was für gottgläubige Menschen eine gewisse Erleichterung verheißen mag. Wenn man aber davon ausgeht, dass die Menschen Gott nach ihrem Ebenbild geschaffen haben, um sich zu allen möglichen Anlässen auf ihn beziehen zu können, dann wohnt dem Namen irgendwie eine gefährliche Drohung inne: Derjenige, der wertet, der uns verdammt, der uns sterben lässt, der uns möglicherweise in ein unbestimmtes Paradies verschleppt, damit wir uns dort ewig fadisieren, ist dauernd bei uns. Man kann sich nicht einmal verstecken. Weder unter einem Regenschirm, noch in einem Keller oder Bunker. Der Typ ist dauernd da und stresst.




Oh come, Emmanuel....

Emmanuel war mit der Welt verbunden, einst, als Kind: Wenn er hungerte, hungerte die Welt, wenn er Angst hatte, dann fürchtete sich die Welt mit ihm, und die Sonne schien dem ganzen Universum, wenn er glücklich war.

Als er die Abspaltung von der Gesamtheit zu spüren begann, da war das mit Freude und Enttäuschung verbunden. Er freute sich, seine Kraft in Spuren zu spüren, zu erahnen, dass er stark werden würde, um in der Welt zu bestehen. Er war enttäuscht, dass seine Welt, die er erkennen, umfassen, beeinflussen konnte, viel weniger zu leisten im Stande war, als er denken konnte. Warum konnte er noch nicht fliegen, warum nur kurz tauchen, warum nicht schneller laufen, als Autos fahren konnten? Es war, das wusste er mit Sicherheit, ja nur ein vorübergehendes Stadium. Enttäuschend war nur, wie lang es dauerte, bis die Vollendung zumindest einmal absehbar wurde.

In dieser Zeit des Wartens erzählte er die Geschichten aus seinem Paradies und wurde ermahnt, nicht so zu schwindeln.

»Schwindeln« ist im zugeordneten Sinn eine Vorform der Lüge, ja wesentlich ärger, da unterstellt wird, der Lügner wäre nebenbei noch ein Idiot. So kränkte er sich sehr und begann zu schweigen. Und er begann, die Perfektion seiner Welt mit all seiner Kraft voranzutreiben und zu gestalten.

Bauen wollte er, und so musste er lernen, zu bauen. Doch das war nicht genug, weil seine Gebäude funktionierten nicht, und sie hatten keinen Bestand.

Er musste lernen, zu planen. Doch das war noch immer nicht genug, weil es fehlte immer etwas. Im übertragenen Sinn gab es keinen Eingang, ein anderes Mal keine Toiletten. Dann fehlte das Licht und dann wiederum die Frischluft. Oft musste er zurück an den Start, um zu lernen, wie denn dieses oder jenes zu bemessen, berechnen und umzusetzen wäre. Und es wurde komplizierter und komplizierter, da doch das eine mit dem anderen zusammenwirken sollte. Seine Sandburgen aber stürzten immer wieder ein, sobald er an einer zusätzlichen Schraube drehte, das Fundament untergrub, um Platz für etwas Zusätzliches zu schaffen.

Es war zum Verzagen.

Er fand Verbündete. Sie erschienen im gewaltig.

Sie scheiterten gemeinsam.

Sie hatten Spaß. Er lernte Freundschaft.

Er merkte nicht, dass er sich änderte.

Dann, nach einem heißen Sommer, in dem sich jeden Tag gewaltige Gewittertürme über den Stoppeln der Getreidefelder und den verdorrenden Maisstängeln hochgezogen hatten, bis die Luft kurz ihren Atem anhielt, sodass die Mücken und Schwalben wild sausen und flitzen konnten bis der erste bellende und sich überschlagende Donner einen wilden Gewittersturm eröffnete, nach einem solchen Sommer, in dem die Welt jeden Tag frisch gewaschen wurde und dann friedlich und freundlich und frei und unbeschwert war, passierte Wesentliches. Man hatte es ihm angekündigt: »Es wird Dir gefallen in der Schule! Du lernst dort was für´s Leben. Alle Deine Freunde sind dort, und die Lehrerinnen und Lehrer sind ganz lieb ...«

Jetzt war es so weit. Der erste Schultag. Und er ging heim mit dem Gefühl, angelogen worden zu sein. Es waren nur zwei Freunde mit ihm in der selben klasse, ein paar weiter Kinder, die er von früher her nicht mochte, einige, die er nicht einmal kannte. Die Frau Lehrerin war gar nicht lieb. Sie tat zwar so, als würde sie lächeln, aber ihre Augen musterten die anwesenden Kinder wie die Augen eines Raubtiers, das seine Beute wählt. Sie war streng: Auf Kommandos hin mussten sie aufstehen, sich setzen, von sich erzählen. Und das Schlimmste war, dass in Emmanuel der Verdacht wuchs, dass sie ihm nicht helfen würde, weder können noch wollen, die Perfektion seiner Welt zu erreichen, dass sie in vielen wesentlichen Wissensgebieten weniger wusste als er selber. Dass sie nicht einmal wusste, dass es diese solches Wissen gab.

Emmanuel lernte aber doch einiges in der Schule, das musste er zugeben. Es war mehr eine Art von Entdecken. Er hatte alles schon geahnt, gefühlt, und jetzt bekamen die Dinge einen Namen und einen Platz. Und er bekam Werkzeuge in die Hand, diese Dinge zu bändigen, zu lenken, sie zu beherrschen.

Enttäuschend war, dass er auch erfuhr, dass er einen auf eigenartige Weise vorbestimmten Platz in der Gemeinschaft einnehmen musste, um akzeptiert zu werden.

Enttäuschend war, dass die Dinge, die er mit gelehrten Mitteln, als mit Leihgabe, mit Betrug, zu beherrschen gelernt hatte, gleichzeitig ihren Zauber und Glanz verloren.

Er merkte nicht, dass er sich änderte.

Wie würde das weitergehen?


Es ging weiter, viel weiter: Während seine Grundschule zu Fuß erreichbar gewesen war, musste er zum Besuch der nächsten Schulstufe mit der Bahn fahren. Nicht nur er, sondern viele Kinder. Und was im ersten Augenblick unbequem wirkt, nämlich früh aufzustehen, auf den Zug zu warten, lange Fahrzeiten zu erdulden, dann einen weiten Fußmarsch zur Schule, das war toll. Im richtigen Alter mit vielen gleichaltrigen längere Zeiten in begrenzten Räumen verbringen zu müssen, fördert die Kommunikation, fördert die Sozialisierung, ist ordentlich brutal: Du findest Deinen Platz, auf dem Du dich wohlfühlen kannst, oder Du findest ihn nicht, bist nicht flexibel genug, ihn zu finden.

Es gibt viele Looser, die sich mit jedem Dreck zufriedengeben.

Es gibt viele Wichtigmacher, die Dreck und Qualität nicht erkennen und auseinanderhalten können.

Es gibt viele Angsthasen, die sich einteilen lassen, um selber keine Entscheidungen treffen zu müssen.

Emmanuel war keiner von diesen. Er wollte in einer Welt, von der er noch immer annahm, dass sie mehr großartige Geheimnisse enthielte, als er sich überhaupt vorstellen konnte, einen guten Platz, eine feste Startposition, um in sein Abenteuer starten zu können.

Er merkte noch nicht, dass er sich änderte.

Die neue Schule kam ihm entgegen, war eher nach seinem Geschmack: Er hatte nicht mehr nur wenige Lehrer, sondern viele, Männer, Frauen, starke, schwache, gescheite und dumme, weise und dumme, zornige und lustige.

Es gab Unterrichtsgegenstände, die liebte er, weil sie vielversprechend und interessant waren, weil der Unterricht kurzweilig und herzerwärmend war, weil der vermittelte Stoff elegant war, man sich elegant in diesem Wissensgebiet bewegen konnte, oder weil er so grundlegend, so wahr war, dass er dauerhafter erschien als die Ewigkeit. Mathematik schien ihm ein Bollwerk gegen die Vergänglichkeit zu sein, verschiedene Künste, das streng formalistische Latein.

In weiterer Folge fand er diese Eigenschaften und Schönheiten auch in physikalischen Beschreibungen wieder, in Konstruktionen von Maschinen, in chemischen Experimenten, und es schien ihm, als wäre der menschliche Geist zu weitaus mehr fähig als die Natur, die ihn, den Menschen mit seinem Geist geschaffen hatte, Und er konnte bereits schaffen. Kleiner Ableitungen, Entwicklungen, Mechaniken, Melodien und Verse. Er konnte es und er wollte es und er wurde zum Teil verlacht, zum Teil gemaßregelt, zum Teil anerkannt und zum Teil sogar bewundert. Mit Gleichgesinnten tauschte er sich aus und suchte Platz in einer Welt, die sie zu verstehen beginnen glaubten.

Er dachte zu erwachen.


Spielen

Mögen Sie Spiele? Welche Art von Spielen? Da gibt es zum Beispiel ein. Gesellschaftsspiel mit dem bezeichnenden Namen »Mensch ärgere Dich nicht!«, wahrscheinlich, weil sich doch eine erkleckliche Anzahl von Menschen ärgert, wenn überwiegendes Würfelglück und wenig strategisches Denken zum Sieg oder zur Niederlage führen.

Emmanuel vertraute auf die Gerechtigkeit des Zufalls und hatte einen hohen Anspruch an die Qualität der Würfel: Er ärgerte sich ein wenig, wenn er verlor, er freute sich ein wenig, wenn er gewann, aber im Lauf der Zeit ärgerte er sich eher über sich selber, dass ihn ein solches »Glücksspiel« überhaupt ärgern oder freuen konnte.

Andere Spiele, die strategisches Geschick erforderten: Die gefielen ihm besser. Im Lauf der Jahre begann er, Schach zu spielen. Nicht wild engagiert, aber doch mit einigem Ehrgeiz. So dachte er ausgiebig über seine Züge und ihre Folgen nach. Er gewann, er verlor, und das ärgerte ihn jetzt wirklich. Er musste sich eben mehr anstrengen, um gegen einen guten Gegner zu gewinnen. Am meisten ärgerte ihn aber, wenn er gegen jemanden, der offensichtlich nicht viel strategisch und taktisch überlegte, in merkwürdige Stellungen kam, weil die Spielsituation sich nicht so entwickelte, wie er sie vorauszuplanen versucht hatte. Und so begann er auch über Menschen nachzudenken, seine eigenen Denkfehler zu suchen. Sozusagen das Spiel im Spiel.

Auf vielerlei Feldern spielte er so: »Warum uns Musik gefällt?« »Wo sind Gegenstände in einem Wimmelbild versteckt?« »Was ist eine schöne Kurve?« »Wie schummelt man sich in der Schule durch?«

Viele Spiele gewann er, im Lauf der Zeit immer mehr, aber diese Erfolge, sie erfüllten ihn immer weniger mit Freude. Diese Siege hatten immer auch einen Teil Verlust in sich. Und jedes eroberte Terrain wurde - in gewisser Weise – »ausgelutscht«.

Es ist toll, wenn Sie gelernt haben, Brot zu backen oder eine Gleichung zu lösen. Die nächsten Brote werden zur Routine, außer Sie suchen sich Variationen, entwickeln sich weiter. Die nächsten gleichartigen mathematischen Problemstellungen sind leicht, und damit sie in der Schule nicht zu leicht fallen, werden sie offenbar in verwirrende textliche Fragen verpackt.

Erfüllend – aus der Sicht von Emmanuel – konnte nur eine Entwicklung in komplexere mathematische Fragestellungen sein.

Das ist wahrscheinlich nicht für alle Menschen so. Manche haben die Gabe, ihre Erfüllung dabei zu finden, sich in eine Sache zu vertiefen, die an sich gleichen Brote immer besser zu backen. Andere sind gar nicht an der Backkunst interessiert, backen nur, um ihren Lebensunterhalt zu haben, und ihre Seele ist eher bei der Gartenpflege oder der nächsten Motorradtour. Dann sind sie tatsächlich ja Gärtner oder Motorradfahrer.

Und es gibt auch welche, die suchen nur in und um sich herum, drehen jede Frage hundertmal im Kreis, ohne irgendwohin zu kommen. Welche, die kein Ziel haben und – um sich selbst zu spüren – die Mitwelt herunter machen. Welche, die gehofft haben, eine feste, sichere Welt um sich herum errichten zu können, und die nur Angst haben, diese Welt zu verlieren, die kämpfen, ihre vermeintliche Lieblingswelt zu erhalten, die vermeintliche »Volksvertreter« als vermeintliche »Rächer der Enterbten« vermeintlich kämpfen lassen, diese Biedermeierwelt zu erhalten.

Vieles gibt es, und Emmanuel musste sich oft zur Ordnung rufen, dieses Viele gleicherweise für möglich zu halten und gleichberechtigt zuzulassen. Und er musste sich immer wieder aufraffen, die vermeintlichen Paradoxia, in die ihn diese Ansprüche führten, hinzunehmen, trotzdem ein Mensch mit Freude und Liebe zu bleiben. Weil diesen Anspruch – die leuchtende Welt des inneren Kindes zu leben, diesen Anspruch wollte er sich erhalten.

Seine Begegnungen mit seinen dunklen Seiten waren schwierig. Allein schon Kritik machte ihm zu schaffen.

Man spielt – im ursprünglichen Sinn, als Kind -, um zu lernen. Nicht nur Menschen spielen, auch junge Katzen, Hunde, Kälber, Fohlen, um später überlebensfähig zu sein. Das andere »Spielen«, das mit den Karten, am Roulettetisch, mit Wetten, das dient wohl eher dem Zeitvertreib und dem Nervenkitzel, also dem Zeitvertreib.

Nicht alles, was man lernt, lernt man aber zum physischen Überleben allein.

Nicht alles, was man lernt, ist gewollt.

Ich denke, Emmanuel hatte sich selbst gelehrt, dass man sich nur genügend anstrengen muss, um alles erreichen zu können. Er vertraute auf sich. In erster Linie.



Im Spiegel grinst der Steppenwolf

In diesem Lebensalter begann ein Differenzieren, ein Zuordnen von Gefühlen, wie er sie bislang nicht gekannt hatte. Sein Elternhaus war zweckmäßig und schmucklos aus den 1950-er Jahren. Er war es gewohnt. Er fühlte sich gut in diesem Haus, es war Heimat. In der Nachbarschaft gab es viele gleichartige, aber auch ältere Häuser, und er hatte dieses Ältersein schon immer bemerkt: an den angedeuteten Fachwerksbalken, an den Putzfaschen an den Hausecken, den gestuckten Fensterspaletten, den Gesimsen.

Gedanken hatte er sich nicht drüber gemacht. Einen Freund hatte er kennengelernt, in der neuen Schule, auf der Fahrt in diese neue Schule. Den hatte er besucht, und es war schon eigenartig, dass man durch ein Zimmer gehen musste, ein nächstes Zimmer, eine Halle fast, und noch ein Zimmer, um endlich in das Zimmer seines Freundes zu gelangen. Die Räume waren höher, und auch die Fenster. Viel Holz gab es: dunkle geölte Parkettböden, hölzerne Wandlamperien. Die Beleuchtungskörper waren aus Schmiedeeisen gemacht, so als wenn lauter Petroleumlampen rundherum angebracht wären, aber es waren schon elektrische Lampen eingebaut. Und ein Lüster war aus Hirschgeweihen geflochten.

Die Zentralheizungskörper waren mächtig, aus Gusseisen, weiß gestrichen, und im Winter war es immer ein bisschen kalt. Trotz der schweren Vorhänge, der dicken Teppiche, der samtgepolsterten Möbel. Es war eine andere Welt. Und auch wenn sein Freund, dessen Familie, an der Oberfläche gleich lebten wie sie alle, war da doch etwas anders, fremd, deutlich aus vergangenen Zeiten, vergibt und abgenutzt. Gleichzeitig fremdartig, neu, mit dem Versprechen einer weiteren Welt.

Eine weitere Welt sollte die seine sein, eine umfassende und gleichzeitig endlose, in der jeder Augenblick eine Ewigkeit wäre, jeder Moment ein absolut neuartiger, voller Ehrfurcht und Glück. Nicht so wie diese Welt hier, in der alles sich nur im Kreis drehte, ohne jegliche Entwicklung. In der die Dinge und Menschen vergilbten und zerfielen zu einem Staub ohne Vergangenheit, ohne jeglichen Sinn, Nutzen oder Wert. Er wollte es nicht wahrhaben, dass mit diesem Leben der Tod einhergehen musste, mit dem Wachsen der Zerfall, mit dem Glück die Leere. Ein solches Leben wollte er nicht leben.

Er konnte aber auch nicht in seine imaginierte schöne neue Welt gelangen, er konnte sich nur auf den Weg machen und musste dabei aufgeben, was ihm in seiner Jugend durchaus gefallen hatte: die Sicherheit, Geborgenheit, Absehbarkeit des braven Lebens. Es zog und zerrte an ihm, nicht dorthin zu kommen, nicht hier zu sein. Im Jetzt spürte er die Begrenztheit, die Banalitäten, die Wiederholungen. Die Zukunft, diese fremde, neue schöne Zukunft, so meinte er, weil er sie ja nicht kannte, die müsste besser sein. Und weil er nicht dort war, und auch nicht mehr hier, so fühlte er sich oft zerrissen, als der unverstandenste Mensch der Welt und manchmal als verstockter, unheilbarer Bösewicht.

Es war wie eine Geburt, als er ein Buch las: »Der Steppenwolf« von Herrmann Hesse.

Heute liest man solche Bücher selten, aber ich werde Ihnen nicht verraten, was drinnen steht. Da müssen Sie schon selber nachlesen.

Für Emmanuel war das Buch Aufstachelung, Trost: Er war nicht allein in seiner Zerrissenheit. Da hatte jemand genau das gleiche Schicksal, dachte er, das gleiche Lebensgefühl. Noch dazu ein ältlicher Mann, es musste also etwas Größeres sein, etwas universelleres als eine jugendliche Befindlichkeit. Erst später erahnte und erkannte er die narzisstischer Komponenten, deutete das Buch neu und las es deswegen nochmals.

Wir müssen uns um Emmanuel keine Sorgen machen. Das beschriebene Unglücklichsein wohnte nicht immer in ihm. Er lebte durchaus seine Notwendigkeiten, und es gefiel ihm sehr, sich in Sachen zu vertiefen, seine Dinge nach seinem Geschmack gut zu erledigen: »In the Flow«".

Es wohnte auch ein Schalk in ihm, und er war nie verlegen, einen Streich zu spielen. Möglicherweise trieb ihn da das unbewusste Wissen, dass die Welt keinen Sinn hat, außer demjenigen, den man ihr gibt. Warum also nicht sich über alles lustig machen, mit allen Tabus zu spielen, sämtliche Dogmen verkasperln.

Der einzige Anspruch, der ihm dabei wichtig erschien, war sich nie gegen Schwache, gegen Schwächere zu wenden. Seine Art zu Klassifizieren hinterfragte er nicht, damals, in diesen Zeiten.



Die Liebe ist ein seltsames Spiel

Augenblicklich, schlagartig, mit einem Moment wurde alles anders.

Wie ein Blitz traf ihn die Liebe.

Aber eigentlich war es nichts Besonderes. Pubertierende Jugendliche erfahren die Wirkungen der hormonellen Heranreifungen, probieren sich aus.

Emmanuel war heterosexuell, ein bisserl schüchtern. Mit seinem ersten Liebeskummer kam das Schwere in ihm massiv hervor. Er litt wirklich.

Und natürlich gab es da noch die eine oder andere Verliebtheit, Jugendbeziehung. Man könnte über jede schreiben, jeder Bedeutung geben, aber auch darauf vertrauen, dass Sie als Leser sich durchaus vorstellen können, was hier nur aufgezählt, nicht abgehandelt wird.

Schließlich gab es dann eine Ehe, mit Kindern, und die Ehe hielt so ziemlich genau die für heutige Ehen durchschnittliche Haltezeit. Sie hatten sich auseinander entwickelt. Ich will hier keine Meinungen schüren oder Urteile abgeben, deswegen lasse ich mich zu den Ereignissen nicht näher aus. Offenbar wollten aber beide nimmer – oder sie hatten keine Kraft mehr dazu – die Beziehung aufrecht erhalten, und so ließen sie sie fahren.

Zu Emmanuel kann ich ja aber doch etwas sagen, weil von ihm will ich ja erzählen: Die Zeit vor der Scheidung war nicht gut, vielleicht auch mit Anlass zur Scheidung. Beruflich ging es ihm »erfolgreich«, und irgendwie hatte man ihm eine Karotte »Karriere« vor den Mund gehängt, der es aber gar nicht bedurft hätte: Wenn er eine Arbeit machte, so wollte er sie gut machen. So bekam er Arbeit zugewiesen, und weil er sie eben gut machte, wies man ihm mehr und mehr zu. Daneben das Familienleben, die Erwartungen seiner Kinder, seiner Frau. Das alles führte dazu, dass er sich im Lauf der Zeit selbst verlor, sich und seine Kraft und seinen Frieden.

Aus der Scheidung ging er einerseits erleichtert, seine Frau hatte ihn zuletzt schon rundherum drangsaliert, und andererseits voller Angst und Verzweiflung: Was sollte aus ihm werden, seiner Beziehung zu seinen Kindern?

Im alltäglichen Leben funktionierte natürlich alles auch weiterhin, und trotzdem war es wie ein Reset bei einem Computer. Er musste sich quasi selber neu erfinden, sich eine zum guten Teil Neue Welt aufbauen. Mit den Kindertreffen gab es zunehmend Schwierigkeiten: Es ist bemerkenswert, wie hürdenreich Terminpläne allein zwischen zwei Personen abzustimmen sein können, insbesondere, wenn diese Personen nicht miteinander reden können oder wollen.

Emmanuel konnte es nicht. Manchmal versagte ihm einfach die Stimme, und manchmal dachte er, dass aus seinem Mund nur Schuldzuweisungen sprudeln würden. Erhielt deswegen den Mund. Die Ruhe war so friedlich, dass er im Lauf der Zeit auch zunehmend nicht mehr reden wollte. Er wurde insgesamt einsilbig.

Sein anders, sein neues Leben, stellte er auf »wild« um. Er war ja niemandem verpflichtet, außer seinen Kindern. Und während er sich so austobte, begegnete er der beleidigten Leberwurst in sich. Und als er sich genug ausgetobt hatte, konnte er über die Wurst lachen, nannte sie »Narziss« und beschloss, sich in Zukunft aus gesunder Distanz, mit Skeptizismus und Humor sehen zu wollen. Und alles wurde leichter. Und schließlich konnte er auch mit seiner Ex-Frau wieder sprechen: Wörter, keine Worte. Sie war ihm fremd geworden; er wünschte, dass sie ihr Glück finden möge. Seine Kinder waren prachtvoll herangewachsen, und sie waren ihm enge Freunde.


»Ja gut«, werden Sie schon denken. »Wo bleibt die Pointe? Kommt da noch was Spannendes?«

Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was Sie gern lesen würden. Emmanuels Leben ist ein Menschenleben. In der Summe werden die Pointen untergehen.

Natürlich könnte ich die Geschichte lebendiger verfassen; sie würde länger werden. Zu den kargen Ereignisschilderungen, bei denen ich an Ihre Fantasie appelliere, die passenden Bilder zu liefern, könnte ich das eine oder andere Bild selber zeichnen. Mit Sequenzen des direkten Dialogs:

»Wie geht´s?«, fragte er, als er den Raum betrat und die Türe, die von einem Selbstschließer angetrieben war, sanft ins Schloss gleiten ließ. »Gut!«, antwortete sie errötend. »Wieso?«, fragte er, und so weiter ...

Gefällt Ihnen besser?

Oder durch sehr ausführliche Darlegung der Ereignisse: Er schob den rechten Unterarm vor, wobei sein Ellbogen auf dem feuchten Tresen zuerst rubbelnd glitt, die Jacke sich dort leicht durchnässte, immer zügiger rutschte. Seine Hand öffnete sich. Er beugte sich kaum merklich nach vorn, seine Finger schoben sich dabei um das halbvolle Glas. Mit festem Griff umfasste er das Trinkgefäß, hob es mit der ganzen Hand an, während er sich mit dem Oberkörper wenig nach hinten beugte. Der Kopf legte sich zurück, der Mund öffneten sich leicht. Seine Zunge leckte kurz und trocken über die Oberlippe, an den Barthaaren, tat, als würde sie diese zur Seite schieben. Er setzte das Glas an die Unterlippe, kippte es mit einem wilden Schwung. Der Inhalt schwappte ihm wie eine heiße Flutwelle in den Mund. Er setzte das Glas ab, schloss die Lippen und lies die Glut des Drinks die Kehle hinabsickern, indem er mit der Zunge zum Gaumen hin nachpresste.


Das hat Emmnauel alles getan. Das und noch mehr, und vielleicht doch nicht ganz so, weil blöde Fragen hatte er immer schon zu vermeiden versucht, was mit dem Anspruch, über alles reden zu wollen, gar nicht leicht zusammenging.

Jedenfalls hatte er wieder zu leben begonnen, spürte sich vollständig, fühlte sich gut und war Herr seiner selbst.

Nach doch etlichen Jahren heiratete Emmanuel wieder, voller Liebe, Kraft und Zuversicht. Zuvor hatte er einige Geliebte gehabt. Darunter waren solche, die er als Menschen achten und wertschätzen konnte. Ihre Lebensvorstellungen waren halt anders als seine.

Unter seinen Bekanntschaften waren aber auch Gescheiterte und Gezeichnete. Sie erfüllten Emmanuels Herz mit Mitleid, aber er wusste in jedem Fall, dass er eine solche Beziehung nicht haben wollte, nicht durchstehen könnte, auch wenn einmal ein Paradiesvogel noch so lockend erschien.

Als er seine nächste Ehefrau kennenlernte, war nichts Besonderes dabei gewesen. Eine sympathische Person, und er wunderte sich über ihr Wissen - in der Breite und in der Tiefe - und über ihre Flexibilität. Sie war geschieden wie er, hatte eine Tochter, die gerade den Haushalt entwuchs, und als er das Büro verließ, in dem er sie getroffen hatte, war die Luft frischer und gehaltvoller, und ein sanftes Brummen – wie ein Katzenschnurren – stak ihm im ganzen Körper. Es fiel ihm ja nicht sonderlich auf, aber er fühlte sich einfach nur gut.



Zum Streiten gehören immer mindestens zwei

Es war wieder einmal Sommer. Fast könnte man meinen, der Sommer wäre Emmanuels kathartische Jahreszeit gewesen, in der sich die Änderungen begaben, die Entwicklungen begannen, das Schicksal jeweils einen Schritt tat. Aber dem war nicht so: Im Sommer fällt viel Mühsal des täglichen Lebens weg. Man friert nicht in sein Innerstes hinein und traut sich aus sich heraus zu gehen. Die Innenwelt wird kleiner, die Außenwelt ist – »easy« –, weil mir das Wort so treffend erscheint.

Keine tiefen Gedanken also, sondern unbeschwertes Dahintreiben im Mittagsschatten und in der Abendsonne. Aufatmen am erfrischenden Morgen, wenn der Tau die Zehen küsst.

Die Katzen liegen faul im Schatten, nicht auf ihren gefalteten Pfoten, sondern seitlich hingeworfen wie ein Teppich, wenn´s geht auf einem kühlen Stein. Und weil ich das erzähle, ziehen sie einen Mundwinkel hoch, drei Barthaare, bei geschlossenen Augen, als würden sie schlafen. Auch Schreiben fällt schwer, zum einen, weil das Leben an solchen Tagen "easy" ist, keine weitgespannten Gedanken, zum anderen, weil die Hitze beißt, sodass man die Augen zusammenkneifen muss, ins Wasser springen.

Als Emmanuel wieder in das Büro ging, ohne Grund, nicht einmal mit einem fadenscheinigen Vorwand, um der, dieser Frau, die ihn so beeindruckt hatte, Avancen zu machen, da fühlte er sich ganz bei sich, ganz sicher. Dass sie ihm gefiel, wollte er sagen, dass sich jeder Mann glücklich schätzen könne, der sie kennen und lieben durfte. Er verließ sich auf seine Sicherheit und Wahrhaftigkeit und wollte ihr vollständig sein Herz öffnen. Gabriele hieß sie, der Familiennamen tut hier nichts zur Sache, und "Gabi" wurde sie offenbar gerufen.

Es ging bedeutend schneller, schneller, als Emmanuel sich je vorgestellt hatte. Sie war ihm nicht nur entgegengekommen, sondern sie schienen vom gleichen Stamm zu sein, wenn man das für ein Synonym nehmen will, dass sie beide die gleiche Sprache sprachen, semiotisch, semantisch und pragmatisch, als Werkzeug eines ähnlichen Seelenlebens.

Gabi hatte eine Tochter, knapp vor der Pubertät. Sie war geschieden, lebte mit der Tochter allein, aber nur mehr wenige Wochen, weil der Gleichklang zwischen Gabriele und Emmanuel – Gabi und Manu – war so umfassend und heftig, sich aufschaukelnd, dass sie sich nimmer voneinander lösen konnten, er nach wenigen Wochen faktisch bei ihr wohnte.

Die Tochter Ursula akzeptierte ihn, aber nicht als Vater, sondern als neuen Partner der Mutter. Zum leiblichen Vater gab es viele Kontakte, eine tragfähige und – aus Emmanuels Sicht - anständige und angemessene Bindung. Manu hatte auch keine Ambitionen, auf eine solche Weise nochmals Vater werden zu wollen. Was das tägliche Leben anging, und Geburtstagsgeschenke, Urlaubsreisen, so war es klar, dass sie sich immer – wie eben in Patchworkfamilien üblich – arrangierten. Es war aus Emmanuels Sicht sogar lustig, besser als in seiner ersten Ehe allein, mit einer Großfamilie mit vielen Kindern auf Urlaubsreisen zu gehen. Sein Alltagslebensmittelpunkt war aber jetzt vollständig und ohne jeglichen »stillen Reserven« zu Gabi gewandert.


So vergingen ein paar glückliche Jahre sehr dicht mit Gabriele. Er wollte es noch dichter, und deswegen wurde er eifersüchtig, was er bislang nie von sich geglaubt hätte, als Ursula durch und durch in ihre Adoleszenz hineinwuchs, ihre neue Welt zunehmend intensiv entdeckte, und ihr Mutter als gute Freundin ausgiebig beanspruchte. Eigentlich hätte er ja froh sein müssen, dass sich die Dinge so gut entwickelten, aber er fühlte sich da doch oft zurückgewiesen. Es kam zum Streit. Genauer gesagt waren es anfangs einige Geplänkel, die sich dichter und dichter aneinanderreihten, sodass man die Situation durchaus als »gespannt« bezeichnen konnte.

Emmanuel wusste, dass zum Streiten zumindest immer zwei gehören. Dass man jedenfalls seinen Beitrag liefert, auch wenn man seine Motive für edel hält. Er wusste, dass das Einzige, das man ändern kann, der eigene Zugang und das eigene Verhalten sind. Er wusste auch, dass das – eine eigene Neuorientierung – nicht leicht ist, Zeit braucht, ein »Miteinander«, den Willen. Er versuchte, »brav« zu sein, nachgiebig,ruhig, und war dann, überrascht, dass sie trotzdem immer wieder ins Streiten kamen. Es überraschte ihn auch, wie wild sie ihn machen konnte, wie zornig, weil er das an sich nicht zu kennen glaubte. Sie beherrschte das, weil sie seine Tabus angriff, ihn auf seinen Rückzügen verfolgte, attackierte, und er zog sich regelmäßig zurück von den Schlachtfeldern, er wollte gar nicht gewinnen. Wenn er sich wieder beruhigt hatte, dann schmiedete er immer Pläne - allein, besprechen konnte er sie nimmer –, wie er sie gut über die Zeit rüberbringen könnte und würde, die schwierige Zeit, da er sich als Projektionsfläche für alles mögliche, negative, vermutete.

Es waren seine alleinigen Gedanken, »Hirnwichsereien«, weil austauschen konnte er sich da nicht mehr mit seiner Gabi, seiner neuen Familie. Und ich glaube, es war und ist hier belanglos, worüber gestritten wurde. Es waren Reibepunkte aus ihrem Tageslauf, ihrer Umgebung, in kurzfristigen Plänen und Notwendigkeiten. Doch der Wellenschlag dieser Scharmützel unterminierte in der Zeit das Fundament ihrer Beziehung. Emmanuel bekam Angst, Gabi zu verlieren, seine Familie zu verlieren, und nahm es auf sich, der Bösewicht und Übeltäter zu sein. Schon einmal ja hatte er eine Beziehung scheitern lassen oder zum Scheitern gebracht.
Seine Befürchtungen waren angemessen, die Entwicklung war eine andere, als er vermutet hatte:

Er musste arbeitsbedingt einige Tage verreisen, im Inland. Täglich telefonierte er mit Gabi, es war kalt. Es war diesmal nicht im Sommer, sondern im Graustaubnebelwinter Anfang März, wo die Sonne die Dunstschicht über den Städten nicht aufzuheben vermag und allenfalls am Land neben den wegtauenden Schneefeldern die Grashalme zu trocknen und sich aufzurichten beginnen.

Und er telefonierte sogar noch im Zug seiner Heimreise, doch als er in ihre Wohnung eintrat, war da niemand. Weder Gabriele noch Ursula. Ein ordentliches »Wenig« ärgerte er sich über die vermutete Demütigung, doch dann rief er Gabriele an: »Es tut uns leid! Die Nummer, die Sie anzurufen versuchen, ist nicht erreichbar.« Er rief Ursula an: »Es tut uns leid….«. Deutsch, Engisch.
Mit zunehmender Unruhe rief er alle Verwandten und gemeinsamen Freunde und Bekannten an: Niemand wusste, wo Gabriele und Ursula stecken könnten. Niemand wusste etwas. Auch nicht die Polizei, die er nach etwa zwei Stunden schon in großer Sorge anrief: Nichts! Keine Unfälle, keine Vorkommnisse, die mit dem Verschwinden der beiden in Zusammenhang gebracht werden könnten.
Mittlerweile raste er wie ein Tiger durch die Wohnung, am nächsten Morgen wollte er zum Polizeikommissariat gehen, Anzeige zu erstatten, auch, um sich zu beraten.

Er ging am nächsten Morgen, er rief mehrere Male dort an. Er machte eine Vermisstenanzeige, einen Appell in verschiedenen sozialen Medien, an Gabi, an Ursula, an alle »Freunde«, öffentlich. Die Nummern von Gabriele und Ursula rief er halbstündig an. An seiner Arbeitsstelle meldete er sich krank. Er machte Nachforschungen nach eigenem Dafürhalten. Alles drehte sich nur noch um die Suche, und vor Angst und Sorge konnte er nicht mehr Essen und nimmer ruhig sein, und lachen schon gar nimmer, nicht einmal zynisch.

Nicht nur er suchte. Anfangs suchte die ganze Welt um ihn herum, und es suchte die Polizei. Natürlich wurde auch er hochnotpeinlich befragt, aber offenbar schien er so unverdächtig, dass man ihn nicht weiter behelligte. »Wir halten Sie auf dem Laufenden«, sagten sie. »Man wird mich überwachen«, dachte er, »so lange, bis Klarheit herrscht. Aber das passt schon. Die Polizei soll ihre Arbeit gut machen, das gehört zu guter Arbeit!«



Gibt es ein Schicksal, das mit uns spielt?

Gabriele und Ursula waren nicht aufzufinden. Es gab keine auch nur irgendwie über Ansätze hinausführende Spur.

Ab dem Verschwinden seiner Frau und ihrer Tochter ging alles daneben: Nach etwa zwei Monaten stellte sich die Frage nach seinen weiteren Lebensumständen, weil es gab keine Spuren und Hinweise zum Verbleib und Befinden von Gabriele und Ursula. Die Wohnung war jedoch vollständig die von Gabi, er war nur angemeldet gewesen, hatte mit ihr das Leben geteilt. Bei erstaunlich und unvermutet vielen Sachen ergab es sich, dass er quasi nur eine Art Gast gewesen war, nunmehr wurzellos, und erschwerend kam hinzu, dass Gabi und ihre Tochter als »vermisst« galten, mit unklarem Schicksal, rechtlich lebendig, auf dieser Welt anwesend und mit Ansprüchen. So wurde ihm mit jedem schlagend werdenden Rechtsbezug zu Gabriele ein Stück seines Lebens amputiert, oder riss er selber es sich ab, und er wurde weniger an Leib und Seele und war zu nichts mehr zu gebrauchen, sodass er letztendlich seinen Arbeitsplatz verlor. Manchmal trank er Alkohol, um seinen Kummer zu vergessen, aber es tat ihm nicht gut und vergrößerte seinen Kummer, sodass er meinte, zu verschrumpeln und versteinern und vergehen, und er wünschte sich das sogar.

In einem wachen Moment erkannte er dann: Ihm blieb nur mehr die Flucht.

Und in der Zeit, in der er alles einwechselte, was er nicht mehr zu brauchen glaubte, gegen Geld, das er zu brauchen glaubte, um zu bewahren, was er zu bewahren als letztes Lebensziel sah, in dieser Zeit, die etwa ein Jahr nach dem Verschwinden von Gabriele und Ursula lag, da wurde ein Verbrechen aufgeklärt: Emmanuel hatte schon mit dem Gedanken gespielt, aber es erschien ihm fast unrealistisch: Seine Frau und ihre Tochter, Gabi und Ursula, waren ermordet worden. Ihre sterblichen Überreste waren in einem Wald verscharrt aufgefunden worden, verstümmelt, mit Folterspuren. Die Polizei hatte ihre Arbeit gut gemacht: Sie konnte auch einen Täter präsentieren - und eine Geschichte. Es war eine grauenhafte, eine undenkbare Geschichte von Entführung, Missbrauch, Perversionen, Mord und Obszönität bis über den Tod hinaus, auch wenn die Polizei und die Medien es in Sprechhülsen, in erwartbare Umschreibungen verpackte.

Emmanuel stieß wilde Schreie aus, laut und in sein Inneres und transformierte sich sekündlich in jeweils ein neues Monster, dazwischen war er ungläubig.

In einer Zeit, in der es zunehmend und lautstark Verschwörungsvermuter gab, die von Kindesentsführungen und Adrenochromkonsum perverser Eliten erzählten, in der er sich über solche Schwurbeleien ärgerte, sich wunderte, dass man Derartiges glauben könne, war ihm, nein, seiner Frau, seiner Tochter, just solches widerfahren.

Nein, nein, nein, nein, nein!

In diesen seinen Wirbel hinein stießen die Aasfresser, die Paparazzis. Zur Einleitung hatte die Polizei ihm sachlich Mitteilung gemacht. Man hatte ihn – auf seinen eigenen Wunsch hin – in psychologische Betreuung gebracht, einen Tag, eine Nacht, noch einen Tag, noch eine Nacht, und dann war er gegangen, auf eigenen Wunsch, um seine Angelegenheiten zu regeln. Welche, das wusste er nicht, aber es warteten schon etliche Interviewanfragen: in postalischer Form, als Mails, als Anrufe, als Besucher.

Ich will es hier nicht im Detail darlegen: Es erging Emmanuel nicht gut in dieser Zeit, und das alltägliche Leben war beiseite gedrückt durch Kameras und Mikrophone, auch die materiellen Sorgen, die er doch gehabt hatte, ohne dass er auf Salär für seine Präsenz bestanden hätte. Entweder hatte man ihn in einer Art von Menschlichkeit, die man ihm da entgegenbrachte, alimentiert, oder die Medien wollten – wie man so sagt – »die Kuh, die sie gerade molken« lebendig und in Form erhalten.

»In Form«: Ja, das war er. Es war nicht die Form, die er sich ausgesucht hätte, wäre er bei Verstand gewesen. Aber all sein Wissen, seine Weltbilder, seine gepredigten Befindlichkeiten, die erwachten in ihm, sodass er für die Presse und Fernsehen ein Herzeigeobjekt wurde. Man hielt seinen Aufenthalt angeblich geheim, und vorwiegend über Mittelsmänner bekam er in großen Umfang Fanpost, Heiratsangebote, biografiebezogene Geschäftsvorschläge.

Aber gleichzeitig war er es nicht: Nicht »in Form«, nicht er selber, weil er konnte sich in dieser Zeit nicht finden in Ruhe, Frieden und Gelassenheit.

Der Strafrechtsprozess kam schneller als gedacht. Es gab großes öffentliches Interesse. Diesmal war es Spätfrühling. Sie können es auch als Vorsommer ansehen, wenn Sie wollen.



Mein ist die Rache!

Es ist nicht verwunderlich, dass Menschen an Schicksal glauben. Wer sonst, außer einer bösartigen Norne, könnte Dich so gezielt herumwerfen, niederwerfen, zerstören in Deinem Leben. Es braucht einen Plan, zu treffen und zu Tode zu verletzen. Zufall allein kann das nicht sein.

Emmanuel rief sich zur Ordnung: Das Leben war nur ein vorübergehender Traum, und man soll sein Herz nicht an Wünsche hängen. »Freedom´s just another word for nothing have to loose«. Aber Freiheit ist bis ebenfalls ein Wert, möglicherweise eines Wunsches wert. Er konnte es drehen und wenden wie er wollte, weise sein wollen, abgehoben sein wollen. Der Schmerz nagte an ihm wie Säure und brachte sein Lebenfundament, nicht einen Teil seines Lebens, sondern sein gesamtes Leben, seinen Lebenssinn zum Einsturz. Der Trümmerhaufen hatte keinerlei Struktur.

Der Schmerz war wie Wellen im Meer. Die erste sagte: »Mich gibt es!«. Die zweite war bereits größer, und so wuchsen sie, bis die siebente ihn überrollte, über im zusammenschlug, ihn herumwirbelte, an ihm zupfte, zerrte und zog, sodass er nicht mehr wusste, wo oben oder unten, links oder rechts war, dass er fast ertrank in dieser Welle. Und wie er dann erschöpft ausrastete, seine Lungen wieder mit Luft füllen wollte, da schwappte bereits eine erste Welle wieder um seine Zehen.

Manchmal warf er sich in ein wildes Schluchzen, damit seine Tränen den Brand der Sehnsucht löschen möchten, doch es ging nicht. Nach wenigen wilden Seufzern verachtete er sich selbst. Es ging nicht, und er wurde härter und härter.


Den Täter durfte er nicht sehen, nicht sprechen, und er stellte sich die Welt, der er entstammte, so ähnlich vor wie seine Welt. Gleiche Werte, gleiches Tempo, gleiche Sonne und gleicher Wind. Eigentlich stellte sich gar nichts willentlich vor, die Bilder überkamen ihn. Er wollte auf den Prozess warten.

Zeitungen wollte er nicht lesen, Nachrichtensendungen in den Medien mied er. Unter der Überschrift »objektive Information« berichtete man dort von Details des Verbrechens, die ihn aufwühlten, ihm eine wilde Röte ins Gesicht trieben. Er wurde gefoltert, jetzt, und es durfte geschehen. Niemand half ihm, niemand sagte :«Stopp!«

Sein Zorn auf die Medien war groß, und es wuchs auch der Zorn auf den Mörder, der in den Geschichten ein Gesicht bekam. Viele Gesichter wurden ihm verpasst, so viele, dass er dem Emmanuel allmächtig und allgegenwärtig zu erscheinen begann.

Das erste Mal war der Gedankte an Rache bald aufgetaucht. Es war, als wenn er in eine fremde Welt fallen würde: Außer dem Begriff »Rache« gab es minutenlang nichts, und es war wie ein Erwachen aus einem Schlaf, als sein Fokus wieder in die reale Welt zurückkehrte. Wie Träume oft nicht mehr greifbar sind, obwohl man weiß, dass man geträumt hat, wusste er im Wachen nicht, von welcher Rache er da geträumt hatte. Genau so ungreifbar war auch der Täter. Er kannte ihn namentlich, wusste im Groben, welches Leben dieser Mensch lebte und was er gearbeitet hatte. Er wusste mehr. Er ließ sich auf die Psyche des Unholds ein. Nur die Stärke eine Seidenpapierblattes war er entfernt, dieses Monster persönlich zu kennen. In seinem Bekanntenkreis waren mehrere liebe Freundinnen und Freunde, die den Mann persönlich kannten. Seine Frau, das wusste er, hatte ihn ebenfalls gekannt.
War es vielleicht irgendeine Art. Unfall gewesen, dass die Dinge sich extrem entwickelt hatten? Nein! Es gab ja Hinweise auf Vergewaltigung, Folter, Sadismus, Perversität? Und warum gerade Gabriele, warum auch Ursula? Die unschuldige Ursula, die noch kein Leben gelebt hatte.

Der Mörder war anscheinend immer schon ein wenig schwierig gewesen, auch ohne als Verbrecher bekannt zu sein, hatte damit nicht hinter den Berg gehalten. Seine Brüche und Kanten, seine Grenzüberschreitungen waren es gewesen, so glaubte er sich an die Erzählungen aus seinem Bekanntenkreis zu erinnern, das einen Teil seiner Attraktivität ausgemacht hatten. Eine wilde Eifersucht überkam ihn, die er in Mordlust umlegte, Mord in berechtigter Erregung! Verständlich? Strafmindernd?

Emmanuel konnte keine Ruhe finden. Er konnte keine Zeit zur Ruhe finden, weil es war noch nicht der endgültige Tag, das Ende aller Zeit,

Das Gewaltmonopol liegt beim Staat. Das Individuum trägt den Staat und hat ein Anrecht, angemessen und gerecht behandelt zu werden. So dachte Emmanuel pragmatisch. Und trotz aller Mängel ist dies eine der besten Arten des sozialen Auskommens miteinander, dachte er. Er würde sich Gesetzeskonflikte verhalten, der Staat würde ihn rächen, mehr noch, im Sinn einer Generalprävention würde ein Exempel statuiert werden. Und dann glaubte er wieder nicht daran. Dann überfielen ihn wieder die Trauer, die rächende Mordeslust, die Sinnlosigkeit und Leere. Es war keine gute Zeit und sie wurde nicht besser. Auch die Interviews, die er gab, wären schrecklich. Einerseits hätschelten sie ihn, andererseits führten sie ihn als Menschen vor, der er nicht war, als eine Art Trottel. Und oft versuchte man ihn in Schubladen einzuordnen, Stereotypen, unter denen – es war lächerlich – auch der Stereotypus des "Rächers" vorkam.


Als er entdeckte, dass ein Scharnier seiner Aktenkoffers defekt war, begann eine neue Zeit, eine Entwicklung, in der Sinn wieder Inhalt und Kraft erlangte. Auf der Suche nach Ersatzteilen stieß er in einem »Ersatzteillager« in der Wohnung, neben Besen und Staubsaugerröhren, auf eine glänzende, leicht ölige Federstahlstange. Er spielte, sie zu biegen, und erkannte ihre Festigkeit und Härte. Er würde ein Stück abzwicken und als Ersatzachse für das Scharnier verwenden. Als er alles vorbereitete: Koffer, Stahldraht, Zangen, kam er auf die Idee, dass er ja auch die Achsen aus den weiteren Scharnieren entfernen könnte, durch alle Gelenke gemeinsam diese eine Stahlstange durchstecken könnte, ungetrennt, in entsprechender Länge von mindestens 30 cm, und er hätte eine Art Dolch, ein Florett, eine Geheimwaffe, eine, die er vielleicht durch die Röntgenstationen beim Gerichtseingang durchschmuggeln konnte. So dachte er. Und dass er ja an einem Ende des Drahtes einen etwas dickeren, rutschfesten Griff anbringen könnte. Er dachte, und es tat gut, konstruktiv zu denken. Es ging wirklich nur um die Konstruktion, und wenn es wirklich ein Schicksal gibt, dann förderte es ihn im Denken und bei der Umsetzung: Die Arbeit ging ihm leicht von der Hand, alles passte perfekt, rutsche förmlich selbsttätig ineinander, war für einen Uneingeweihten nicht als das zu erkennen, was es war: eine Waffe.


Der Gedanke, diese Waffe auch einzusetzen, kam erst nach Vollendung des Werks und führte zu Zweifeln, ob sein »Florett« fest und gut genug sein würde. Er überprüfte es mehrfach und war überrascht, wie stabil, wie handhabbar die Geheimwaffe war. Man brauchte nur den Koffer zu öffnen und konnte das Ding in einer Sekunde nach rechts aus den Scharnieren zu ziehen, hatte es perfekt in der Hand, um mit einem Ausfallschritt mit gestreckten Hand nach vorn zu stechen. Das übte Emmanuel eifrig. An der Wand, an aufgehängten Polstern.

Er wusste jederzeit und durchgängig mit seinem Geist, dass ihm die Rache nicht zustand. Er wusste, dass er selber Zeit seines Lebens Schuld auf sich genommen hatte, nicht strafrechtlich relevant, aber eben doch Schuld. Er war nicht nur Opfer, keinesfalls harmlos, sicher nicht berechtigt, den ersten Stein zu werfen. Und trotzdem kreisten eine urtümliche Bestie in ihm nur mehr um das Thema »Rache«. Aber nicht im Affekt würde es passieren, in der Ausführung exakt, nach einem Plan. Nicht in der Unschuld des explodierenden Zorns, sondern kaltblütig, berechnet sozusagen.

Solche Gedanken gaben seinem täglichen Leben Form, Inhalt und Struktur. Um sich aber nicht zu verraten, wurde er einsilbig, was sich damit traf, dass er für die Öffentlichkeit, genauer gesagt die Medien, mittlerweile gleichermaßen unergiebiger geworden war. Und in dieser Zeit nahte der Prozesstag heran. Es gab keine Pläne, die darüber hinaus reichten.


Er hatte das Angebot angenommen, zum Gerichtsgebäude gebracht zu werden, die Kühle der Klimaanlage im Wagen genossen und die Einsilbigkeit.

Leichter als erwartet war er ins Gericht gelangt, durch die Röntgensperre. Alle mögliche Metallische hatte er abgeben müssen: Schlüssel, seinen Gürtel, den er aber nach der Durchleuchtung wieder ausgehändigt bekam, genau so wie die Schuhe, die offenbar Metallgelenke hatten. Das hatte er selber nicht gewusst. Den Koffer musste er sowieso abgeben: Metallscharniere, Alurahmen um die Ränder der Kofferhälften, Metallschlösser, Metallhalterungen für den Griff. Er hatte den Koffer vorsorglich so befüllt, dass seine Notwendigkeit plausibel erscheinen musste: mit verschiedenen Papieren, zuoberst die Gerichtsladung, einem abgegriffenen Buch, einem Strafrechtskommentar, einigen Fotos, einem Kugelschreiber, bei dem er besonders darauf geachtet hatte, dass er aus Plastik war und zerbrechlich aussah, einem Brillenetui, zwei gefalteten Stofftaschentüchern. Die Achse war von außen nicht besonders sichtbar, weil bei getragenem Koffer auf der Unterseite. Bei geöffnetem Koffer wurde sie vom Innenfutter verdeckt.

Nach manueller Untersuchung des Kofferinhalts bekam er ihn wieder ausgehändigt, unterstützt wahrscheinlich durch die Prominenz des Falls und die Kohorte von Medienteams, die ihn nunmehr wieder ausgiebigst hofierten und umschwirrten.


Ein Richter, jung, die Aufstellung insgesamt bedeutend weniger feierlich, als er erwartet hatte, seine Chancen, an den Täter heranzukommen, gering. Er selber war nicht einmal als Zeuge geladen, so harmlos war seine Rolle beim ganzen Vorfall, und so saß er als »Beteiligter« unter den Zuhörern und Medienvertretern. Der Staatsanwalt verlas die Anklage, Emmanuel wurde übel, und er beamte sich in ein Paralleluniversum, in dem er in aller Ruhe untersuchte, wie er an den Unhold herankommen könnte, der sein Leben zerstört hatte. Emmanuel hatte beschlossen, es so zu formulieren: »Er hat mein Leben zerstört!«

Die Chance ergab sich nach gut zwei Stunden. Eine Pause. Alle waren entspannt, der Prozess lief rund, keine außergewöhnlichen Vorkommnisse. Die Zuseher erhoben sich, den Saal kurz zu verlassen, um »sich frisch zu machen«, wie man so sagt. Das tat auch der Angeklagte mit zwei begleitenden Justizwachebeamten. Und als sie sich umdrehten, zog Emmanuel seinen Stechdorn aus den Taschenscharnieren, ging ein paar Schritte nach vorne und sagte : »Heh!«

Alle drehten sich um. Manu stach den Mörder ins Herz, Er wollte ihrn ins Herz stechen, aber es gelang nicht. Vermutlich war er an einer Rippe hängen geblieben. Die Augen des Attackierten trafen sich mit Manus Blick. Sie sprachen miteinander, in dieser Blickbegegnung, doch nicht Alles, was gesagt werden musste zwischen Ihnen. Und wenn er um Verzeihung gebeten hätte, Manus Lebenszerstörer, es wäre zu spät gewesen.

Ein Stich in die Leber: schmerzhaftes Verbluten und Erkalten. Ein Stich in den Magen: tut sicher sehr weh. Der Täter sank zu Boden, seine Augen hingen in Manus Blick. Es war, als wäre die Zeit gefroren, alles geschah in Superzeitlupe, alles außer dem Todestanz von Manu mit dem Mörder. In den Bauch, und wieder. Und in den Unterbauch. Ja! Vergewaltigung! Versuch zwischen die Beine zu stechen. Stich! Stich! Stich!


Der Angeklagte verdrehte die Augen nach oben, die Pupillen unter die Lider, uns sank nach hinten. Die Wachmänner hielten ihn an den Oberarmen - seltsam und lösten sich jetzt langsam, in Superzeitlupe, um Emmanuel zu greifen, der nur mehr unbewegt dastand, stehengeblieben war, damit sie ihn endlich fassen könnten, damit sie ihn nicht verletzten.

Im Tumult führten sie ihn hinaus, nunmehr zu sechst, und ein Justizwächter flüsterte ihm ins Ohr: »Idiot!«.

Das war menschlich und freundschaftlich, fand Manu.


Untersuchungshaft

Anfangs waren jeden Tag Gabriele und ihre Tochter bei ihm, in seinen Vorstellungen. Seine Fraui wurde immer blasser, weil sie war letztendlich nur ein Bild. das Mädchen war letztendlich auch nur mehr ein Gefühl, die Ahnung eines frisch entpuppten Schmetterlings, weil bei diesem die Flügel, sich entfaltend, ebenso weich uns verletzlich sind. Den Schmetterling gab es nicht mehr, und auch die Mutter nicht, diese kluge, starke, schöne, wilde, weise Frau, mit der er so vortrefflich gestritten hatte. Genauer wollte er sich gar nicht erinnern, die ganze Geschichte wollte er keinesfalls denken. Und die Gefühle rollten wild und laut und heiß im Kreis und verbrannten jede Menschlichkeit und Hoffnung.

Man kann das, was man »Intelligenz« nennt, als Musterkategorisierung begreifen. Zum Teil sind uns – allen Lebewesen – Musterzuordnungen angeboren, zum Teil lernen wir sie in der Schule, durch Spielen, überhaupt durch alles, was wir erleben, was uns widerfährt, kennen und zuzuordnen: »Säbelzahntiger!«: wir laufen davon. »Heranrasendes Auto!«: naja, irgendwie ähnlich wie ein Säbelzahntiger, wir laufen davon. »Viren!«, »radioaktive Strahlung!«: wir kennen sie nicht, wir sehen sie nicht, wir hören sie nicht. Wir bleiben und sterben. Und unsere Nachfahren haben sich gefragt und dieses Muster erkannt und entwickeln ein neues Sensorium – biologische Tests, Strahlenmessgeräte – um diese unsichtbaren Gefahren erkennen und davonzulaufen zu können oder sonst irgendetwas zu tun.

In dem Sinn sind wir alle »Mustererkennungsmaschinen« und untersuchen laufend unsere Umwelt, ob wir bekannte Muster entdecken, sehen, hören, riechen, können. Eigentlich sind wir »Mustervermutungsmaschinen«, weil wir oft davon ausgehen, dass es ein solches Muster geben müsse, sodass wir dann schnell einmal eines bemerken, wo gar keines ist. Oder wir ordnen das Muster falsch zu.

Das stell nicht nur ich mir so vor. Ein Großteil der Maschinen, denen wir »künstliche Intelligenz« verleihen wollen, funktioniert auf Basis von Mustererkennungs- und -zuordnungsalgorithmen. Auch die nachfolgenden Entscheidungen und Handlungen basieren zum Großteil auf sogenannten "Handlungsmustern". Der Mensch ist dabei aber sehr schlampig: Unsere ganzen Erinnerungen, Vorstellungen und Wünsche erscheinen uns – aufgrund der Wertigkeit von visuellen Wahrnehmungen – in erster Linie als Bilder. Aber ich wünsche Ihnen nicht, dass Ihnen Ihre Wünsche in der Weise erfüllt werden, wie sie Ihnen vorschweben: Da sitzen Sie endlich im tollen Cabrio, aber die Sitze sind steinhart, weil sie sich die Polsterung nicht vorgestellt haben, und fahren können Sie auch nicht, weil den Motor haben Sie sich natürlich nicht vorgestellt. Das Essen, von dem Ihnen ihr Appetit schon köstlichst aussehende Bilder vorgegaukelt hat, schmeckt nicht. Es fehlen Würze und Biss. Und wenn Sie sich endlich das Steak geschmacklich vorgestellt haben, können Sie keine genießbaren Erbsen oder Karotten dazu essen. So ist das mit unseren Weltvorstellungen.

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass wir
Archetypen – vielleicht sind das die angeborenen Muster – und Stereotypen, vergesellschaftete erstarrte Musterschemen – lieben. Und eine »Pointe« funktioniert dermaßen, dass die Erzählung innerhalb eines arche- oder stereotypen Musters im letzten Augenblick zu einem unerwarteten Ergebnis abbiegt. »Kitsch« kann man als Übererfüllung von Mustererwartungen sehen: Wenn die Melodie im Schlager genau so weitergeht, wie wir erwartet haben («Ohrwurm«), im Roman oder Film die Handlung einen Verlauf nimmt, der absolut vorhersehbar war, unsere Erwartungen (oder Befürchtungen, wenn wir kokettieren wollen) übertrifft, oder wenn die vergoldete venezianische Gondel, die wir unseren Lieben als Urlaubsmitbringsel überreichen wollen, zusätzlich noch mit bunten Muscheln, Plastikdiamanten und beleuchteten Liebestränen geschmückt ist.

Über das Leben im Gefängnis haben sich weitgehend stereotypische Vorstellungen entwickelt, und es verläuft tatsächlich in den vorgestellten Mustern, weil so viel Variabilität gibt es ja nicht im Strafvollzug. Die Gefangenen selber brauchen wiederum Wertesysteme und beziehen zweckmäßige Muster mittelbar oder unmittelbar aus der Literatur und den Medien, sodass sich diese Wirkungsweise gleichzeitig erschafft und darstellt, wie vieles im Leben. Sie brauchen sich ja nur die Tagespolitik anzusehen: viele
hausgemachte Probleme. Die Medien: viele hausgemachte Ängste, usw. Höchstwahrscheinlich ist die Welt gar nicht so, wie wir sie wahrnehmen, nur weil wir unsere Mustererkennungssucht befriedigt haben wollen. Sie ist nicht so: Begeben Sie sich nur drei Tage in die einsame Natur.


Die Untersuchungshaft ist nicht wie eine Haftstrafe, weil noch keine Schuld zugewiesen ist. In Emmanuels Fall lag die Untersuchungshaftanstalt in einem besonderen Trakt einer allgemeinen Strafvollzugsanstalt, die auch einen »geschlossenen Trakt« für »schwere Fälle« betrieb.

Emmanuel wartete auf seinen Prozess, weil er wollte seine Schuld festgestellt haben, wollte vollständig von der Welt weggesperrt sein. Er schämte sich so sehr, schämte sich vor allen Verwandten und Bekannten draußen. Er schämte sich vor Gabi, er schämte sich vor Ursula. Er schämte sich vor den Justizwachebeamten, und er schämte sich vor seinen Mithäftlingen.

Seine Kinder aus erster Ehe kamen ihn manchmal besuchen, und sie sahen ihn nur traurig und mitfühlend an, weil reden wollte, aber konnte er nicht. Er konnte nicht in die Augen schauen, und so blieb es bei ein paar mitleidsvollen Ermunterungsversuchen. Etwas überrascht, dass er diese Freiheit hatte, verzichtete er auf die Wahl eines Verteidigers, und so wurde ihm ein Pflichtverteidiger beigegeben. Ein Wärter meinte, als er das erfuhr, dass dies nicht gescheit gewesen wäre, aber für Manu war es recht so. Niemanden sehen, niemandem verantwortlich sein, nicht reden zu müssen: Sperrt mich weg!


Zeit definiert sich durch Ereignisse, und so ereignen sich im Lauf der Zeit Dinge. Alles ändert sich, alles fließt. Und der erstarrte Eisblock, der Emmanuel blitzartig geworden war, taute hie und da ein wenig an und wurde weicher. Noch im Verlauf der Untersuchungshaft, noch vor seinem Prozess noch vor dem Schuldspruch. Und plötzlich tauchten Gedanken auf, dass er alles verloren habe in seinem Leben, nichts von dem Alten, Gewesenen, sei noch da oder erreichbar. Er begann, sich vor jahrelangem Gefängnisaufenthalt zu fürchten, auch wenn er nicht wusste, was er außerhalb des Gefängnisses tun könnte, um ein Leben zu leben.

Als seine Ängste begannen, ins Kräftegleichgewicht mit seiner Scham zu geraten, nahm er all seinen Mut zusammen und wollte seinen Pflichtverteidiger sprechen, zum ersten Mal. Überrascht war er beim ersten Treffen doch: Ein etwa 35-jähriger, ein wenig blasser, schlanker Mann, Seitenscheitel links, dunkle Brille. Ein Kind? Ein Streber? Ein Wesen aus einer anderen Welt, die er bislang nicht zu berühren versucht hatte. Eigentlich hatte er eine solche Welt gemieden. Der Anwalt teilte ihm in sehr sachlichen Ton mit, dass der attackierte Untäter etwa zwei Monate nach Emmanuels Attacke im Gericht verstorben war. Es würde eine Mordanklage geben, die Verhandlung fände vor einem Geschworenengericht statt, und der grundsätzliche Strafrahmen läge bei zehn Jahren bis zur lebenslänglichen Haft. An seiner – Emmanuels – Zurechnungsfähigkeit und an seinem Vorsatz bestünden keinerlei Zweifel, aber es gäbe Möglichkeiten der Strafmilderung durch die Vorgeschichte und durch sein bislang unbescholtenes Leben.

Nach dem Gehen des Anwalts leuchteten dessen glasklare Argumente nach, wie in Manus Geist eingebrannt, im Wortlaut und in der Bedeutung quasi verewigt. Manu hatte noch nie »die Wahrheit« in einem solch übermächtigen, kristalldeutlichen und respektvollen Realismus erlebt, sodass er sich ganz dankbar und berührt fühlte und erstmals das Gefühl hatte, echte Tränen könnten ihm in die Augen steigen. Als Folge des Anwaltgespräches begannen seine Gedanken wild zu kreisen: Welches Strafausmaß würde er bekommen? War sein Pflichtverteidiger wirklich schlechter als ein gewählter Staranwalt? Es hatten sich ja einige Strafverteidiger darum gerissen, ihn vertreten zu dürfen. Aber würde er es überhaupt wollen, mit irgendwelchen Tricks und Lügen günstig davonzukommen? Was würde mit seiner Scham sein?

Ja, das Schämen! Er bekam regelmäßig Besuch von seinen Kindern, er war dankbar, und sie sprachen über Liebe. Über sonst nichts wollte er sprechen aus Furcht vor der Scham, die ihm die Sprache nehmen könnte.


Im Lauf der Tage begann er sein bisheriges Leben zu untersuchen, mit den Methoden der Klarheit, die er im Gespräch mit seinem Anwalt kennengelernt hatte, sein Leben zu ordnen, zu bewerten, Pläne zu machen, das, was ihm nicht passte, zur Ablage vorzusehen, das, was ihm Freude machte, hervorzuholen.

Er wollte Gabriele und Ursula neu einordnen, doch als er sie sich in Erinnerung zu rufen suchte, da bemerkte er, dass sie endgültig zu Bildern erstarrt waren, statisch, nur mehr Namen für seinen angebeteten Schmerz. Das Einzige, was von Ihnen selber geblieben war, war die Kenntnis einer umfassenden, warmen, weichen Liebe, ein Denkmälchen der Erinnerung. Eine Liebe, in der er seiner toten Frau und sich selber allen Streit vergab, in dem er irgendwie sogar dem Mörder vergab. Er hatte nicht beiseite gedrängt, was gewesen war. Er sah jedes Detail in großer Klarheit, erkannte Bedeutung und Folgen. Und trotzdem war alles lebenswert, alles mit Liebe gesehen. Eine Liebe, die genau so auch seine erste Familie umfasste, seine Kinder, die ihn nimmer brauchten und trotzdem besuchten, auf die er stolz war, seine erste Frau. Eine Liebe zur ganzen Welt, zum Leben.

Eine neue Erkenntnis: Es tat ihm leid, gegen das Leben, als Phänomen insgesamt, als Manifestation, als Geschenk einer höheren Macht, agiert zu haben. Er wollte sich entschuldigen dafür.

Sein Pflichtverteidiger, dem er dies mitteilte, meine, er könne das machen. Manu glaubte aber nicht, dass er begriff, wie wichtig ihm das war. Es war ihm wichtig, ob der Mörder seiner Frau und Tochter Anverwandte hätte, die er durch seine Tat getroffen und in ihren Lebensgrundlagen eingeschränkt hätte. Es gab keine, und das war ihm eine große Erleichterung.
Sonst war nicht viel zu besprechen vor dem Prozess. Manu sprach seinem Anwalt aus vollem Herzen das Vertrauen aus, dass er sehe und auch glaube, wie sehr er sich bemühe.



Ein Urteil

Der Prozesstag kam, und alle nahmen ihn fürchterlich wichtig. Alle wünschten Manu Glück, was er gar nicht verstand, aber er ging wie auf dem Mond, leicht und beschwingt und guten Mutes.

Was beim Prozess genau besprochen und verhandelt wurde, daran konnte er sich später kaum mehr erinnern. Aber ein Teil von ihm, ein sehr professioneller Teil, der für das tägliche Geschäftsleben, der musste genau zugehört und verstanden haben, weil genau an der richtigen Stelle, also zum richtigen Zeitpunkt, brachte er seine Entschuldigung an. Sinngemäß sagte er:

»Es tut mir leid, was ich getan habe.

Es tut mir leid um mein Opfer.

Es tut mir leid, dass ich ein Bild vermittelt habe, als können Rache und Gewalt irgendetwas lösen.

Es tut mir leid, dass ich ein so schlechtes Vorbild abgegeben habe und dass ich vielleicht in einer Art und Weise als Vorbild und Zeuge zitiert werde, wie ich es nicht wünsche.

Wenn ich es könnte, würde ich gern all das, was ich da getan und verursacht habe, rückgängig machen. Ich kann es nicht. Ich weiß nicht, wie es mir mit meiner Schuld ergehen wird.

Ich möchte Ihnen allen aber sagen, dass ich Zeit gehabt habe in den letzten Monaten, dass ich erst jetzt klarer denken kann, klarer vielleicht als in meinem ganzen bisherigen Leben, und dass ich eine grundsätzliche Wahrheit erst jetzt erkenne und lfühle: Das Leben ist ein wertvolles Geschenk, das gelebt werden muss.

Ich habe meinen Frieden gefunden hier. Er wurde mir geschenkt, es war irgendwie ein Erwachen. Hinkünftig will ich mein Leben in Dankbarkeit und Demut annehmen und versuchen, denen zu helfen, die sich nicht selber helfen können. Wir alle sollten uns freuen, lachen und lieben!«

»Danke!«, sagte er noch und setzte sich.


Das Urteil lag im Rahmen des Erwarteten und mit seinem Pflichtverteidiger besprochenen: vier Jahre Haft.

Er nahm ohne Bedenkfrist oder Einspruch an, der Staatsanwalt ebenfalls. Er wollte die Haftstrafe unmittelbar antreten.

Für seinen Pflichtverteidiger war es ein Erfolg als Anwalt, und Emmanuel freute sich für und mit diesem tüchtigen und ehrenhaften jungen Mann.

Ein wenig ärgerte er sich wieder über die Medien. Zwar herrschte Kameraverbot im Gerichtssaal, aber trotzdem gab es rundherum eine arge Drängerei, Grenzüberschreitungen und Hektik an dem Ernst der Sache vorbei. Er wollte sich ja über die Welt, wie sie war, nimmer ärgern, aber unhaltbar böse wurde er am Tag darauf über eine Zeitungskolumne. Der Verfasser schrieb sinngemäß, dass er – Emmanuel – eine achtenswerte Person sei, ein Held, einer, wie diese neuen Zeiten ihn bräuchten. Übte jeder Blutrache, dann würden die Verbrechen weniger werden. Das Gericht wäre viel zu streng mit Emmanuel gewesen.

Emmanuel kontaktierte nochmals seinen Anwalt, wie man solches richtigstellen, relativieren könne. Der Anwalt meinte, so wie er ihn, Emmanuel kennengelernt habe, könne er ja gern einen Brief an die Zeitungsredaktion schreiben, was Manu auch tat. Zwei Tage lang, mehrfach überarbeitend, alles von allen Seiten prüfend, bewertend, respektierend. Der Brief wurde nie, auch nicht auszugsweise, veröffentlicht. Geifernde Kommentare auf die Kolumne hin schon.


Wunderwelt mit Gitterstäben

»Wunder« sind – durch die Augen der Statistik betrachtet, unwahrscheinliche Ereignisse, die deswegen aber nicht unmöglich sind. Der Zuseher ist erstaunt und wundert sich, weil das, was er hier miterlebt oder zu bemerken vermeint, seinen Vorstellungen und seiner Lebenserfahrung widerspricht. Man kann also auch an der Rezipientenschraube drehen, und als mir neulich ein YouTube-Filmchen über einen amerikanischen evangelikalen Dämonenaustreiber untergekommen ist, habe ich mich eher über die Besessenen gewundert als über den Teufelsaustreibungsprozess. Wo denn da die bösen Dämonen nicht was hineingetan haben sollen bei diesen makellosen Hausfrauen, und mit welch teuflischer Verführungskraft die weiblichen Dämonen…. Na, Sie wissen schon. Und trotzdem sind wir gerührt von positiven Wundern, bei denen irgendwas gut wird, und bauen Legenden um diese Wunder herum. Sehr gut beherrschen das übrigens besonders die monotheistische Religionen. Ich rate Ihnen aber- ihres Seelenfriedens halber -, mit keinen »Gläubigen« und schon gar nicht mit Angehörigen des Klerus zu streiten: Die jeweiligen Kirchenoberen erkennenn Sie leicht: Sie tragen komische Hüte, fürchten sich vor Frauen und sind absolut spaßbefreit, schlecht für einen vielleicht hämischen Diskurs.


Wunder gibt es auch im Strafvollzug. Warum sollte es dort keine geben? Ein Gefangenenhaus ist vielmehr sogar prädestiniert für Wunder, weil es dort doch ein wenig langweilig ist, ich meine, wenn man den täglichen Kampf gegen Sticheleien, Stiche, und ums Überleben einmal wegdenkt. Und so passierten um Emmanuel herum und mit Emmanuel, und – wenn man es so sehen will – durch Emmanuel Dinge, die man – wenn man sie so sehen will – als Wunder bezeichnen kann.

Gefängnisse sind nach dem Geschlecht der Insassen in Abteilungen getrennt, weil der Staat sich so Schwierigkeiten zu ersparen hofft. Nach sonstigen Veranlagungen und Orientierungen wird nicht sortiert, und die Eintönigkeit und ständige Wiederholung des Alltags ist ein Nährboden, auf dem Phänomene, die es auch in der Außenwelt gibt, besser gedeihen, rascher wachsen und eine heftige Ausprägung bekommen. Es gibt »Alpha-Tiere« und »Unter-Hunde«, Kasperln, Looser, Parias, einfach alles, was an Rollen in einer Gruppe besetzt werden kann. Ich finde Elias Canettis Buch »Masse und Macht« zu diesen Themen toll. Zu den beschriebenen Massen-Phänomenen gehören unter anderem die Herausbildung von Massen, Gruppen, Protagonisten, Machtstrukturen, Antagonisten. Und weil das Buch lauter kleinere Kapitel – ich würde sie durchaus als »Parabeln« bezeichnen – umfasst, eignet es sich wunderbar zur Lektüre an einsam Orten im Haus.


Die größte Macht haben im Gefängnis diejenigen Personen, die einen entsprechenden Machtanspruch haben und ihn sich auch leisten können. Alles läuft auf einen »Chef« in der jeweiligen Anlage hinaus. Dieser braucht einerseits eine große, ergebene Clique, andererseits muss der Machtanspruch mit einer gewissen Brutalität angemeldet werden. Der Rest der Gefängnisinsassen hat gefälligst Unterwerfungsgesten zu zeigen, wobei zur Klarstellung der Hierarchie regelmäßig »Exempel« statuiert wurden.

Das erste »Wunder«, das sich um Emmanuel im Gefängnis ereignete, betraf die Begegnung mit einem solchen Obergangster, einem Gefängnispaten. Wie sie dies vermutlich von diversen Filmen her kennen, war es absolut üblich, notwendig, dass Neuankömmlingen gezeigt wurde, wo der Pfeffer wächst. Eine Unterwerfungsgeste reichte niemals, es gab immer auch ein »Abreibung«, mit der quasi ein Vorschlag für die hinkünftige Stellung im Gefängnisalltag verbunden war. Mit Gegenwehr windelweich verprügelt zu werden war schon ein Ehrenzeichen. Looser verloren einen Finger oder ein Auge, weil sie ja ohnehin für die Umsetzung komplexerer Pläne nicht zu gebrauchen waren.

Der »Chef«, das ganze Strafgefangenenhaus, kannten Manuels Geschichte: Manu war eine »ehrenhafte Person«. Gleichzeitig war klar, dass er sich den Machtstrukturen im Gefängnis zu unterwerfen haben würde. Wie – in welcher Art, zu welcher Hierarchieposition, mit welcher zukünftigen Funktion – war nicht klar, aber Obergangster verließ sich ganz auf seine Instinkte. Bei einem Hofausgang wollte er Manu vorerst einmal abtasten. Einem Uneingeweihten wäre die Begegnung im Gefängnishof vielleicht unverfänglich erschienen, aber jedermann im Gefängnis wusste, dass der Pate nicht so einfach Hofspaziergänge machte, und so war alle Aufmerksamkeit auf die Gruppe, mit der der Pate ging, und Manu gerichtet.

»Hallo!« – »Hallo!«. »Neu hier?«, stellte sich der Pate unwissend. Nichts passierte. Emmanuel sprach nicht weiter, zitterte nicht, drängelte nicht, sah ihm ruhig in die Augen, aber nur ruhig, nicht in Form einer Kraftprobe.

»Ich weiß, wer Du bist!«, sagte der Pate bedeutend leiser und langsamer und mit einem leichten Zischen in der Stimme. Seine Schlangenpose. Manuel sah ihm weiter ruhig in die Augen, und das war schon seltsam, weil sich in solchen Situationen meist rasch wilde Spannungen aufbauen. Hätte Manuel nur irgendwie reagiert, hätte die Schlange zugestoßen. Irgendwie, angemessen. Emmanuel blieb ruhig.

»Hörst Du mir überhaupt zu?«, zischte die Schlange aggressiv. Der Pate mochte es nicht, konnte es sich nicht leisten, vorgeführt zu werden. Und er hatte das Gefühl, hier hergezeigt zu werden. Er schaltete seinen Zorn ein und versuchte, sich in eine ordentliche Wut hineinzusteigern. Manuel sagte staubtrocken und glasklar, ohne jegliche Provokation: »Ja, ich höre zu.«

Der Pate erhoffte, bald zu kochen: »Weißt Du überhaupt, wer ich bin?« Natürlich wusste Emmanuel, wer der Pate war. Er hatte es schon in der Untersuchungshaft gewusst, er hatte schon damals über eine Begegnung nachgedacht, er hatte alle Pläne und Vorbereitungen fallen gelassen und sich darauf eingerichtet, abzuwarten, was passieren würde. »Ja, ich weiß, wer Sie sind.«, sagte Manu ruhig.

Der Parte hörte es. Er war nicht dumm, weil ein dummer Mensch hätte sich wohl nie in seine Position vorarbeiten können. Er spürte Emmanuels Wahrhaftigkeit, und blitzschnell setzte sein Geist an, verschiedene Optionen für den Umgang mit Manuel zu erforschen. Aber es wollte ihm nicht recht gelingen: Jeder Gedankengang vertrocknete, seine ganze Kraft vertrocknete, sein Zorn wollte nicht richtig hochkochen, er fühlte sich plötzlich ein wenig kraftlos, brummte, drehte sich um und zog mit seinem Tross ab: In Emmanuels Augen hatte er ein Erkennen gesehen, vermutet. Der wusste, wer er war, und am Abend sah er selbst in Einschlafbildern, wer er war: Geister von Menschen, die um ihre Existenz, ihr Leben, ihre Würde flehten, denen er das alles genommen hatte. Viele, viele einzelne, überscharf gezeichnete Vexierbilder, von denen er nimmer wusste, wo sie hingehörten. Er kannte diese Bilder, ein wenig anders gesehen bislang, weil sie ja seinen Nimbus ausmachten, weil er sich ja mit ihnen schmückte und so Angst und Schrecken vor sich hertrug. Heute hörte er aber die Klagen, die Anklagen der Toten und der Hinterbliebenen, und er spürte erstmals das Gewicht von Schuld.


Emmanuel ließ er in Ruhe. Wenn seine Bagage ihn darauf ansprach, dann sagte er – ohne sich näher zu erklären: »Das ist was Anderes!« Es war tatsächlich etwas Anderes, und die Andersartigkeit konnte er nur spüren, nicht erklären. In dieser Sache glaubte er sich selbst. Vom Augenblick der Begegnung mit Emmanuel an.


Es ist zwar für Emmanuels weitere Geschichte nebensächlich und greift den im Kommenden geschilderten Ereignissen voraus: Irgendwie wurde der Gefängnispate etwas weichherziger, was Unruhen in der Hierarchie der Strafvollzugsanstalt nach sich zog. Etwa ein Jahr nach seiner ersten Begegnung mit Emmanuel – es blieb seine einzige, er fürchtete sich – wurde er tot in seiner Zelle aufgefunden, dem Gesichtsausdruck nach sanft entschlafen, was nicht ganz zu dem Gift passte, das man bei der Obduktion in seinem Körper fand.

Nach kurzen Diadochenkämpfen stellte sich ein neuer Capo an die Spitze der Häftlinge: brutaler, weil er war ja jünger war und nicht ganz so »feinsinnig« wie sein Vorgänger, aber kräftig und mächtig. Im Grunde änderte sich nichts, die Nuancen waren blutig.

Heavy metal: Der Blutgott war mit seinen Opfern nicht mehr zufrieden gewesen und hatte einen Brand gelegt an jener Stätte, dass eine neue Priesterschaft ihm erwüchse in einem gereinigten Tempel…..

So hatte sie sich tatsächlich angefühlt, diese Zeit der Neuordnung, für die Cliquenmitglieder, etliche Gefängnisinsassen, auch manches Gefängnispersonal. Sie können sich das auch in einer Fassung von Jean Genet vorstellen, im Gefängnis nicht absurd.


Für Emmanuel hatte sich nichts geändert. Nachdem sein Status unter dem alten Paten als »unantastbar« vom Paten quasi festgelegt worden war, hatte er sich im ganzen Gefängnis - Verwaltung, Vollzug, Insassen – so gefestigt, dass ihn niemand mehr ändern, nicht einmal untersuchen wollte.

Der Vollständigkeit halber muss schon erwähnt werden, dass nach dem Ereignis mit dem alten Paten zuerst einzelne Wärter, dann die Gefängnisverwaltung, versucht hatten, Manu zu instrumentalisieren. Dieser war aber immer so glasklar, so wertungsfrei, so parteilos, so unerpressbar geblieben, dass auch diese zaghaften Versuche bald sanft einschliefen.

Emmanuel war zu keiner besonderen Arbeit im Gefängnis eingeteilt, stand überall nach »Tagesbefehl« zur Verfügung und machte überall seine Arbeit vollständig und fachlich einwandfrei.

Irgendwie hielt man ihn für eine Art von Heiligen und Wundertäter, was aber weniger mit Emmanuels Auftreten zu tun hatte und was auch von ihm in keiner Weise gewünscht oder beabsichtigt war. Es spielten eher die Erwartungshaltungen der »Gläubigen« und Emmanuels Auftreten mit Wahrhaftigkeit und Mut eine Rolle.


Viele Menschen suchen einen Guru, der sie von ihren Sorgen und Nöten befreit, und sind gern bereit einen anderen Menschen als einen solchen Erlöser und Heilsbringer zu akzeptieren. Da fällt mir gleich wieder ein Buch dazu ein: Sheldon B. Kopp, »Triffst du Buddha unterwegs …«, nichts Esoterisches, eher Psychologie, Sinnfragen, und sehr schön geschrieben.
Tatsächlich ist kein Mensch größer oder kleiner als andere, er hält sich allenfalls dafür. Sieh sie Dir doch nur genau an, die Menschen: Jeder hofft, hat Angst, lügt, betrügt, liebt, wächst über sich hinaus, versagt, zerbricht oder steht wieder auf. Auch Du, auch ich.

Wir können uns nicht selbst anführen und denen, die uns zu führen versprechen, nur in dem Ausmaß vertrauen, in dem sie uns die Ziele und Mittel wahrhaftig offenlegen.

Letztendlich müssen wir alle selbst und allein über unser eigenes Leben entscheiden, immer auf Basis unzureichender Daten, und wir haben dabei nur uns selbst und einander.


Doch Emmanuels Fanclub glaubte an Emmanuel, und dieser wiederum versuchte, realistisch und wahrhaftig zu sein und mit Liebe zur Welt.

Vielleicht kennen Sie das: Sie fragen um Rat, aber sie bekommen nur eine Frage zurück. Das ist nicht das Schlechteste für Sie, weil so können Sie erkennen, was Sie wollen, und sie werden in Ihren Entscheidungen bestärkt.

Manchmal fragte auch Manu die Männer, die sich an ihn wandten, aber es waren keine solchen Erforschungsfragen, eher nur Nachfragen, wenn er etwas nicht genau verstanden hatte. Aber oft gab er Antworten, und es waren Antworten, die von weit weg in die Menschenwelt kamen. Die sich verrückt anhörten, wenn man die Maßstäbe der eiligen Menschenwelt anlegt: »Die Dinge sind, was sie sind, nicht, wofür Du sie hältst! Du gibst Ihnen deinen Wert und leidest, wenn Du sie nicht erreichen oder halten kannst«. Die meisten, die um Rat zu Emmanuel kamen, fühlten sich nach einem solchen Gespräch tiefgründiger, besser, zumindest lebensmutiger.

Zwei Mithäftlinge hatte er aber, die ihn sich selbst spüren und zweifeln ließen. Der eine – einige Jahre jünger als Manu – war in einer scheinbar gänzlich anderen Welt zu Hause als Emmanuel, und so war es verwunderlich und wahrscheinlich nur der Zwangssituation im Gefängnis zu verdanken, dass Sie miteinander sprachen. Alles, was Manu sagte, war seine Meinung, basierend auf die ihm zugänglichen Fakten und Überzeugungen, und sie kamen – wie gesagt – von weit weg in diese Welt. Natürlich konnte man auch Ableitungen für diese Welt treffen, etwa, dass Angst nicht viel nütze, weil manche Ereignisse eben unabwendbar wären. Dass es geschickter wäre, sein Leben in die Hand zu nehmen.

Der Jüngere stellte alles infrage, als gäbe es eine andere Welt mit anderen Funktionen und Prämissen, eine abstrakte Welt, in der konkrete Menschen nicht vorkämen.

Es war schwierig, miteinander zu sprechen, weil es um voneinander verschiedene Welten, Systeme, Abstraktionen ging, und es wäre Manu letztendlich recht gewesen, einfach beides nebeneinander bestehen zu lassen, aber er wurde nicht gelassen und war nimmer gelassen.

Der andere war wie ein Schatten, ein Riese von einem Schatten, nicht so mausig, wie Emmanuel sich einen solche Schatten gern vorgestellt hätte. Der schlich hinter Manu her und versuchte alles zu zerstören, alles rückgängig zu machen, was sich durch Emmanuels Wirken verändert hatte. Natürlich wollte Manu wieder »heilen«, aber seine Welt wurde immer wieder zerstört, zumindest angegriffen, und er konnte letztendlich nur loslassen, hoffen, dass es gut werde.


Manu tat sich schwer mit diesen beiden und musste sie doch in seiner Welt sehen: Schließlich war er in einem Gefangenenhaus und keiner Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. Er versuchte oft, noch tiefer, noch selbstvergessener in sich selber zu gehen, seine eigenen Verstocktheiten zu bemerken, offen zu werden auch für dieses Neue, es aufzunehmen in seine Welt, die er vollständig und plausibel haben wollte, aber es gelang einfach nicht, und so nahm Emmanuel zur Kenntnis, dass diese seine Welt auch Ecken und Kanten hatte, auch wenn ihm das nicht gefiel.

Ein Wunder, das sich auch in dieser Gefängniszeit ereignete, betraf Emmanuel selbst: Seine Vergangenheit, die in seiner Erinnerung seit langer Zeit nur ein Kuddelmuddel aus lauter Erinnerungsschnappschüssen, Bildern, Gefühlen, gewesen war, begann sich abzuwickeln wie ein verheddertes Band, wobei es ihn manchmal rupfte wie ein verheddertes Band, manche vergangenen Geschehnisse erkennen zu müssen und neu zu bewerten.

Was gewesen war, wurde klarer, und endgültig unumkehrbar, und er entließ etliche alte Gespenster: Nichts mehr konnte er gutmachen von dem Mist, den er jemals gebaut hatte, und es blieb ihm nur, so dachte er, die offenen Rechnungen seiner Vergangenheit zu untersuchen und auszugleichen, sofern dies notwendig und möglich war. Das Ordnen, Beziffern, fielen ihm anfangs schwer, immer leichter mit der Zeit, in der er sich an seine Schulden zu gewöhnen begann und gleichermaßen Guthaben erkannte, viele Konten schließen konnte.

Er war nur ein Mensch und begann, seine Verpflichtungen gegenüber der Welt und dem Leben zu erkennen. Er war ein Teil der Welt: Es gab seine Kinder, die lebten, seine früheren Bekannten, unter denen es wirkliche Freundinnen und Freunde gab, es gab eine schöne Welt und ein lebenswertes Leben. Er musste es nur erkennen, annehmen, darauf achten. »Liebe!«: Eine Ahnung begann zu wachsen.

Neben diesen Wundern, die still waren und in dieser Welt, war das Leben im Gefängnis sehr geordnet und eintönig. Tägliche Alltagsgeschichten, die nur Bedeutung erlangen, wenn man sie herausgreift, herausputzt, sie pointiert und ihnen Bedeutung und Moral umhängt. Schauen Sie sich einen entsprechenden Spielfilm nach Ihrem Geschmack an!


Und so saß er drei Jahre im Gefängnis ab. Das vierte Jahr wurde zum Teil aus der Untersuchungshaft angerechnet, zum Teil wurde es ihm wegen »guter Führung« erlassen.

Emmanuel hätte nicht ohne seine Strafe sein wollen.

Seine Kinder holten ihm beim Gefängnistor ab, jede Öffentlichkeit hatten sie zu vermeiden gewusst. Es geht alles sehr rasch, die Geschwindigkeit lässt ihn nicht zum Begreifen kommen.

Sie bringen ihn weit weg in ein Land, in dem nur Bäume und Kartoffel wachsen und die Leute so alt sind, dass sie alles verstehen und verzeihen können und nur mehr das Leben lieben.




Wie Focaults Pendel

Beim Eingang in das Technische Museum in Wien hängt ein riesiges Pendel, das nicht nur hin und her schwingt, sondern dabei ganz langsam eine Rosette zeichnet. Den zu Grunde liegenden Versuch hatte erstmals 1851 der französische Physiker Léon Foucault im Keller seines Hauses durchgeführt. Er war verwundert, da ja dort, im Keller, außer der Schwerkraft wohl keine Kraft auf das Pendel einwirken konnte. Also war es vielleicht nicht das Pendel, dass hier eine Drehbewegung ausführte, sondern die Erde..

Tatsächlich bewirkt die Erddrehung unter dem Pendel hinweg, dass sich die Schwingungsebene dreht. Am deutlichsten ist diese Drehbewegung an den Polen zu beobachten. Am Nordpol dreht sich das Pendel nach rechts herum, am Südpol in die Gegenrichtung, ein Mal pro Tag, nicht ganz, weil die Erde sich ja ihrerseits um die Sonne dreht. Am Äquator gibt es keine Drehung, dazwischen je nach Breitenlage. So sind Sachverhalte erkennbar, ohne von außen untersuchen zu können.


Jeder Tag ist ein neuer Tag. Auch wenn sich nichts zu ändern scheint, so ändert sich doch jeden Tag etwas, sodass nach vielen Tagen große Veränderungen aufgetreten sind. Das sieht man nur, wenn man diese Tage dazwischen überspringt. Das sieht man auch, wenn man sich erinnert. Möglicherweise schaut man dann so von oben auf sich herab, wie dumm man doch gewesen wäre, wie wenig man gewusst hätte, was alles man falsch gemacht hätte, weil gewachsen, erleuchtet, ist man jetzt.

Doch manchmal kommt es vor, dass man einen alten Briefwechsel, ein eigenes Manuskript aus der Vorzeit in die Hand nimmt, dass jemand eine Geschichte aus der Vergangenheit erzählt oder sogar ein Filmchen vorführt, und da muss man dann plötzlich erkennen, dass sich kaum etwas geändert hat außer dem Leibesumfang, der Qualität des Seh- und Beissvermögens, der Biegsamkeit des Rückgrats, und so fort ...

Und doch hat sich etwas geändert: Wir sind hier und nicht mehr dort, in unserer Vergangenheit. Wir leben mit unseren jetzigen Freunden, die vielleicht die Alten sind, aber ein paar neue sind hinzugekommen, ein paar alte sind gegangen. Wir haben andere Lebensziele, die Welt um uns hat sich verändert. Wir sind nimmer, wer wir waren, aber der, der wir jetzt sind, sind wir geworden, weil wir waren, wie wir gewesen sind. Man sollte seine Vergangenheit mit Respekt sein lassen, genauso wie seine Gegenwart. Doch können wir uns selber objektiv sehen, unserer Veränderungen, die Auswirkungen der Welt auf uns messen?.


Emmanuel lebte quasi inkognito in einem kleinen Straßendorf. Autos fuhren nur selten durch, allenfalls alte Traktoren, wenn jemand noch seine Felder und Wälder bestellte. Auch ein Kleintransporter, Tiefkühler, besuchte jeden zweiten Tag die Ortschaft, um Geschäfte zu machen, weil Einkaufsläden gab es keine mehr schon seit Jahren. Alles war sehr ruhig und gemächlich, alles verlief in vorbestimmten Bahnen, keine Gefühlsausbrüche, keine sonstigen Katastrophen, immerwährendes stilles Glück.

Es war fast wie ein Gemälde, ein Stillleben im Sinn dieser Bezeichnung.


Bilder, gleich ob gemalt oder fotografiert, und auch Statuen, sind eher was für den Betrachter. Eine Momentaufnahme, und dem Publikum wird es überlassen, sich die Geschichte vor und nach diesem Moment vorzustellen. Da kommt schon wieder meine Wichtigmacherei zum Vorschein, wenn ich werte, dass ein »guter« Künstler einen besseren Einstieg in eine solche Geschichte herrichten kann.

Möglicherweise lieg ich aber falsch: Wie durch Zauberei hörte ich heute im Autoradio ein Interview mit einem Maler, der meinte, alle seine Bilder hätten eine Aussage. Ich liebe es, Autoradio zu hören und in die Geschichten, die mich da berieseln, ein wenig hineinzufallen. Nicht so viel, dass mein Fahren beeinträchtigt sein könnte, aber doch so tief, dass mir solche Fahrten, auch wenn sie lange dauern, neue Facetten der Welt und Wissen zeigen, zum Erlebnis werden. Ich hab da – noch während der Fahrt – ausgiebig drüber nachgedacht, was denn die »Aussage« eines Bildes sein könnte. Als wesentlich ist mir nur ein möglicher »Appell« hängen geblieben: »So sieht es aus! Mach was!«.


Ich versteh das schon, aber es hat so etwas Moralisches an sich, und Moral ist halt, mir kommt es so vor, zunehmend eine individuelle, teils originelle, Ansicht.

Bei Musik, da muss man sich schon mehr vorstellen. Einerseits gibt es keine besichtigbaren tonalen Bilder, aber da springt die Moderation oft helfend ein mit Konzertfoldern und Plattencovern. Andererseits erzählt ja das Musikstück an sich eine kurze Geschichte. Sei es durch Klangmalerei, durch Interpretation, oder sogar mit einem Text.

Mit Videoclips kann man das Ganze zum Film aufmotzen, aber das ist dann eben ein Film. Bei diesen Filmen gibt es weniger, aber durchaus noch Freiheiten für die Fantasie: Sich in Personen hineinzuversetzen und ihre Gefühle mitzuerleben. Zumindest ich mag das. Mit Superheroe-Action-Filmen fang ich deswegen weniger an. Zwar können mir Effekte toller Machart imponieren – aus der Sicht eines Technikers: wie macht man Sowas? – aber ich bin intellektuell dann nicht im Stand, der Handlung zu folgen, weil ich mich viel zu sehr in Einzelschicksale einhänge: Oh je, wie geht es denn den ganzen niedergemähten Bösewichten? Haben die Familien? Und warum wird es denn als so glasklar hingestellt, dass sie die Bösewichte sind bzw. waren? Inzwischen ist der Fortgang der Handlung natürlich heillos eskaliert, sodass ich einfach nicht mehr fugenlos einsteigen kann.

Ich könnte mich da bequem nur berieseln lassen. Aber dann schmerzen mich die immer wieder offenkundigen logischen Brüche in der Handlung, sei es bei physikalisch-kausalen Entwicklungen oder im Hinblick auf Psychen und Motive. Mein Problem halt :-(


Emmanuel lebte eher ein »Gemäldeleben«, und alles, was da passierte, erschien nicht nur schlüssig, sondern unvermeidbar, weil es sich so langsam ereignete, dass es gut sein musste. Der Tageslauf änderte sich nur gemächlich, so wie die Bahn eines Pendels durch die Corioliskraft. Die Kraft, die den Alltag sich ändern und entwickeln lässt, wird wohl ein unvermeidbarer Teil von Leben sein. Seltsam ist nur, dass sich so im Lauf eines solchen Lebens – wie auch beim Pendel – alles in sein Gegenteil und sogar weiter zu drehen scheint, auch wenn gleichzeitig alles gleich bleibt.. Die Perioden hierbei können gefühlte Ewigkeiten dauern, aber es wäre dumm und gegen die Welt, auf ewige Gültigkeiten zu bestehen und in solchen Dogmen zu verharren. Und von außen besehen tut sich (scheinbar, hoffentlich leider?) tatsächlich kaum was.

Geradeso erging es Emmanuel mit seinem geheimen Vorleben und seinem weiteren Leben: irgendwann fiel dem Tiefkühlchaffeur auf, dass ein noch eher junger, rüstiger Mann im Dorf lebte, und er sprach Manu an, ob er einen Führerschein habe – ja! – und ob er nicht Tiefkühlkost ausliefern möchte. Emmanuel wollte, und bei der Anstellung kam sein Leumund zur Sprache: Kein Hindernis! Auch hier schien man ihn für eine Art Helden zu halten und freute sich über die Prominenz, die es in die Einschicht verschlagen hatte. Geheim blieb aber – wie zu erwarten gewesen war – nichts, und so kannte die ganze Gegend weit und breit Manus Vergangenheit, und alle wollten ihn darauf ansprechen. Emmanuel war froh, die meiste Zeit alleine fahren zu können, und auf den Dorfplätzen bediente er jeweils so viele Menschen gleichzeitig, dass für eingehende Gespräche keine Zeit blieb.


Auf den Fahrten versetzte er sich in einen Kurvenwalzer, in die Melodie des Rauschens der Reifen auf verschiedenen trockenen und nassen Straßenbelägen, in das Reifenprofil, das von der Straße gewalkt wurde, in die molekularen Strukturen des Gummis, in das Gefühlsleben der Erfinder und Techniker, die die Reifen entwickelt hatten. Er sinnierte über die Rolle von Polymerisation und allgemein von Erfindungen und Entdeckungen für die Menschenwelt und die Art, wie wir den Weltzusammenhang sahen, sehen und sehen werden. Er fuhr einigermaßen gerne. Er hatte ein neues Gleichgewicht mit erfüllten Tagen gefunden und hoffte, dass ihm der augenblickliche Frieden und die frohe Zufriedenheit erhalten bleiben würden.

Er hoffte, weil er wusste, weil er sich kannte, dass sein Leben nicht dauerhaft so bleiben würde.

Er fürchtete sich vor seiner Fadesse und Dummheit, weil es wusste, dass er sich, wenn er sich dorthin entwickelte, das nicht erkennen würde können, von innen heraus.

Er fürchtete sich weniger vor Geistern, weil er gelernt hatte, sich diesen zu stellen. Möglicherweise kann man aber auch das wieder verlernen?


Eines Nachts träumte er wild von Gabriele und Ursula, und von seinen Kindern ebenfalls, wesentlich erschien ihm im Nachhinein aber die mögliche Bedeutung der Traumbilder von seiner ermordeten Frau und Tochter. Er hatte den Traum später doch einige Male nachzudenken versucht, aber der war letztendlich immer weniger greifbar geworden. Von seinem Mord, vom ermordeten Mörder, von seiner Schuld, hatte er noch nie geträumt, doch als er darüber auch sinnierte, umfing ihn gruselige Eiseskälte, die ihn erstarren ließ, sodass er über seine Schuld, seinen Zugang, seine Stellung dabei, gar nicht nachdenken, in sich hineinfühlen konnte.

Der Traum in seinen wesentlichen Inhalten: Er war mit Frau und Kindern in einem alt anmutenden Schwimmbad, Bad Schallerbach fällt mir dazu ein, so wie es früher war. Holzkabinen unter einem gemeinsamen Dach, die an eine Holzbalustrade anschlossen, die wiederum das Badebecken an zwei Seiten umschloss. Die Traumhandlung war - so seine Gefühle dazu – harmlos und ausgewogen, er war sogar erstaunt, wie liebevoll Gabriele auf ihn zuging. Und er wusste im Lauf des Traums zunehmend, dass es eben ein Traum war. So wachte er auf. Da er den Traum aber noch nicht fertig geträumt hatte, schlief er wieder ein, traf Ursula – und ließ sie gehen. Sie wussten beide, dass sie sich mochten, und so entschwebte seine Stieftochter, wurde kleiner und durchsichtiger, ein Punkt, und verschwand, und übrig blieb Spätsommersonne auf dem angewitterten, lärchenduftenden Holz der Badekabinen. Genauso ereignete es sich mit Gabriele, eine Himmelfahrt, und als sie verschwunden war, wusste er, dass er jetzt endlich Abschied genommen, sie gehen lassen hatte. Einige Gedanken später erinnerte er sich an seinen Mord und fragte sich, ob er ebenfalls entlassen würde, und wer dafür wohl zuständig wäre.


Er holte in den folgenden Tagen oft Gedanken an den Traum hervor, versuchte sich detaillierter in einzelne Sequenzen hinein zu versetzen, was ihm ja immer schwerer wurde. So ließ er es, weil er fürchtete, seine Erinnerungen zu verfremden oder gar zu zerstören. Deshalb entfernte er sich als Beobachter nach außen, auf eine »Metaebene«, so redete er sich ein: Er versuchte, die Bedeutung des Traums zu verstehen, soweit er eben verstehen konnte. Dazu versuchte er, die Inhalte in sein Weltbild einzuordnen. Übliche psychologische Deutungen erschienen ihm plausibel, aber zu grob an menschlichen Maßstäben und Dimensionen ausgerichtet. Es gab ja eine Welt, an derer Ränder wir kratzen, im Kleinsten an der Quantenwelt, im Größten am Rand des Universums, und wunderlich in der Mitte drinnen wir, die wir sehen, hören, begreifen, erfassen können, was für unser Überleben notwendig war und ist. Und so suchte er, ob in dieser weiten Welt Erklärungen für Träume zu finden wären, nicht als Zauberei, sondern als Fragmente in Ereignissträngen, als Antworten auf Fragen, die wir nicht kennen. Bei Einstein suchte er, bei Hugh Everett, von Edward Witten bis zu Lee Smolin, in der ganzen Geschichte der modernen Physik, aber er war zu klein, er war zu kraftlos. Zwar dämmerte ihm, dass die Suche nach Träumen letztendlich eine Suche nach dem menschlichen Sein, nach dem Ich in der Welt, wäre, aber es ging ihm spürbar die Kraft aus, deutlich spürbar. Etwa so, als wenn Sie versuchen, mit Schwung eine steile Böschung hinaufzufahren, mit dem Fahrrad beispielsweise, dann aber doch nie genug Impuls haben und immer wieder umdrehen müssen, weil es auch zu steil ist, um stehen zu bleiben. So erging es ihm, und so wendete er sich von diesen Bemühungen ab und trat an die frische Luft.


Es war Spätsommer. Die Felder waren abgeerntet, teilweise sprießte eine zweite Saat, nur der Mais stand hoch und begann zu trocknen. Vor den Wiesen leuchteten in den Baumkronen die ersten orangen und gelben Blätter, und die Luft war voller Duft und Mücken. Die Sonne leuchtete hell, nicht mehr so weiß wie an Hochsommermittagen; sie stand tief. Im klarsichtigen Streiflicht erschienen die Berge nah und die Konturen scharf. Es duftete nach Sonne, Erde, Stroh und Brombeerlaub. Durchatmen, Ausatmen, das Zentrum spüren und so voller Glück einfach nur verharren.

Die Kraft zu denken hatte ihm gefehlt. Besitzt Denken etwa Kraft, so wie ein Muskel, so wie ein Motor?

Ihm fiel das Anwaltsgespräch in der Untersuchungshaft ein. Damals war etwas passiert. Wahrheit, Klarheit, Hinnahme, Hingebung, Mut. Das hatte er wohl gelernt. War Mut die Kraft, Wahrheit zu denken?

Es war Spätsommer. Etwas hatte sich geändert. Etwas war anders. Es war Zeit für etwas Neues!


Ja: für Emmanuel hatte sich etwas geändert. Einerseits ließ er sich weitgehend durch die Welt treiben, in einer gelassenen Hingabe. Andererseits spürte er jetzt diese laufenden Änderungen, die – in einem größeren Kontext – doch wieder keine Änderungen waren.

Er fühlte sich gut, aber das ist nicht verwunderlich, lebte er doch in einer kleinen, abgeschlossenen Welt. Aber das allein ist kein Garant dafür, sich gut zu fühlen. Er hatte etwas gelernt, was er schlecht gekonnt hatte: Tratschen. Nicht um Informationen weiterzugeben, nicht um irgendetwas zu erreichen, nur, um die Menschen zu begrüßen, denen er begegnete, und – es hört sich ja doch etwas anmaßend an – sein Glück mit ihnen zu teilen. Dieses Tratschen ist ein wenig anders als Smalltalk, herzlicher nämlich.

Bei seinen Tratschereien lernte er durchaus auch Menschen kennen, die unglücklich waren, obwohl diese Welt abseits, in der er sich bewegte, als zu klein und abgeschlossen und unfähig, Unglück zu beinhalten, beschrieben werden kann. Aber Glück oder Unglück, das macht man sich zum Großteil selber oder im engeren Familienkreis. Das Leben ist ein laufendes Kommen und Gehen, und wenn man immer dem Gegangenen nachhängt, ist es traurig. Noch trauriger wird es, wenn man glaubt, es könne nur Übles kommen. Also insgesamt braucht man nur unrealistisch Arges oder Vieles zu erwarten, hoffen, fürchten, oder zu sehen, um frustriert zu sein. Für den Frohsinn, die Eigenschaft zum Glückmachen gibt es ein aktuelles Modewort:
Resilienz sagen sie dazu, das hat schon als Wort Sprachmelodie, flutscht so richtig durch die engsten Alltagsunglücksspalten.

Emmanuel dachte darüber nach, dass vieles in unserer Menschenwelt, auch wie der Mensch in der Biosphäre lebte, ungerecht, ungeheuerlich war:

Dass Kinder verhungerten, machte ihn zutiefst unglücklich.

Dass Frauen grundlos weniger verdienten für gleiche Arbeit machte ihn zornig.

Die verhungernden Kinder machten ihn mittelbar auch zornig, wenn er sich die Mechanismen verdeutlichte, die da eine Rolle spielen konnten, an denen er, rein aus seiner Gesellschaft, mittelbar wohl auch beteiligt war.

Aber es gab viele, die glaubten, der Rest der Welt hätte sich gegen sie verschworen, wäre schuld an ihrer Ohnmacht, an ihrem Scheitern. »Verschwörungsvermutungen«, manche sagen da ja unrichtig »Verschwörungstheorien«,,konnten es nach Emmanuels Meinung ja nicht sein, die da gesponnen wurden, da fehlte jegliche grundlegende Plausibilität. Der Gedanke an ein solch absurdes Phänomen hatte ihn zuerst ungläubig lachen lassen, dann staunen, als er das Ausmaß erkannte, in der solcher Aberglauben vorherrschte, und letztendlich hatte es ihn zornig gemacht. Nicht nur das Unglück der Unglücklichen: Er sah auch die Geschäftemacherein, den Hokuspokus, die Politik, die damit betrieben wurden. Man muss aber aufklären, dass dieser Zorn, der Emmanuel da erfasst hatte, kein wütender Zorn war, eine Erregung war es, dass Menschen so etwas machten, unwissend vielleicht, bewusst vielleicht, als Nebenprodukt eines Zugs in bestimmte Richtungen, wie ein Heuschreckenschwarm auch die Fauna auf seiner Bahn vollständig auffrisst.

Wenn er sich vor Augen führte, wo wir stehen, wenn er sich den Veränderungswillen seiner Mitmenschen ansah, dann glaubte er nicht mehr daran, dass die Menschheit rechtzeitig die Kurve kratzen könnte gegen einen dramatischen Klimawandel. Es würde wohl eher hässlich werden, sehr hässlich, mit nur ein paar Überlebenden aus den Verteilungskämpfen, einer Zahl, die die Erde wieder eine Zeit lang tragen konnte, bevor alles neuerlich eskalierte. Das war eine plausible, mathematisch zu beschreibende Funktion, so wie Jäger-Beute-Abhängigkeiten, hoffentlich. Denn es könnte für die Flora und Fauna ärger kommen.

Er verstand aber schon, dass Menschen in einer Zeit, in der die Grenzen der Ressourcen sichtbar und spürbar wurden, dass in einer solchen Zeit die Menschen sich ihre Erklärungen suchten, gern in irgendwelchen Räubergeschichten, Hauptsache, sie hätten nichts mit dem Übel und seinen Ursachen zu tun. Und er rekapitulierte, dass es nur ein Lebensalter, seine Lebenszeit, gedauert hatte, aus einem hoffnungsfrohen Optimismus in eine allgegenwärtige Dystopie zu kippen. Wir haben die kleinen Kräfte nicht respektiert, die das Pendel in Drehung versetzen.

Aus seinem technischen Wissen heraus konnte er sich vorstellen, auf welche Weisen man etliche Umstände auf dieser Welt zum Besseren wenden konnte, aber da spielte die Angst dagegen: Die Angst der Menschen, ihr Leben ändern zu müssen, auf etwas verzichten zu müssen. Und es fielen ihm wieder irgendwelche Ritterlichkeiten aus seinen Kinderspielen, aus Spielfilmen ein, eine schnelle Analogie, die er im Augenblick nur für sich selber formulieren konnte:

»Ich fühle mich besser dabei, wenn ich versuche, mein Bestes zu geben, als wenn ich versuche, das Meiste zu bekommen!«


Vielleicht war es das. Vielleicht würde es helfen, wenn viele Menschen so dachten, nein alle.

Viele dachten ja so, wusste er aus seinen Tratschereien, und dass sie auch so handelten. Aber es gab immer wieder Gierige, und einer von denen wog alle Altruisten in seinem Umfeld auf. Es war schlimmer: Die Gier wurde verborgen in Aufgabenteilung:

Es ist nicht erste Aufgabe eines Managers, sozial zu sein.

Es ist nicht Aufgabe eines Investors, moralisch zu sein.

Es ist nicht Aufgabe, eines Fonds, langzeitlich zu denken.

Es ist das Recht eines Sparers, dass seine Einlagen mit Maximalertrag eingesetzt werden.


Wahrhaftig wollte er sein, seine Meinung zu solchen Ungerechtigkeiten nicht hinter dem Berg halten, ohne jede Kampfrhetorik, und auch seinen Antagonisten Gehör schenken. Sein Wissen und Können wollte er anbieten, einsetzen, wenn es gewollt wurde, aber nicht spielerisch, nicht machtbesessen, sondern ernsthaft, an menschlichen Zielen orientiert. Wahrhaftig wollte er sein und voller Liebe, auch wenn die Welt unterginge. Wahrhaftig wollte er sein und voller Liebe, doch kein Missionar, damit die Welt ihre Herrlichkeit behielte


Ich könnte Emmanuels Gedanken jetzt weiter ziselieren, anhand von Fallbeispielen darlegen, aber das können Sie sich alles selbst vorstellen. Im täglichen Leben war Emmanuel hochgeschätzt, auch deswegen, weil man sich nie mit ihm um etwas streiten musste. Er schien alles einfach hinzugeben, aber er dachte wohl, dass er nichts mehr verlieren könne, wenn er nichts mehr habe. Keine Deals mehr, nur menschliche Begegnungen. Für einen Teil der Welt war er verloren, für den Teil, der seine Ziele aus der Werbung bezieht. Keine Deals mit Angst und Hoffnung, keine Deals mit höheren Mächten oder selbsternannten Stellvertretern, gleich welcher Glaubensrichtung, auch nicht den Glauben an wundersame Phänomene. Es gab nur die Wirklichkeit, wie sie für ihn gemacht war und galt. Bemerkenswert war, dass niemand ihn für verrückt hielt, eher für entrückt. Es ist nicht jedermanns Gusto, mit Entrückten näheren Umgang zu haben, aber die, die mit Manu in dieser Zeit jemals gesprochen hatten, die sahen und sprachen ihn gern immer wieder. Die Glücklichen wie auch die Unglücklichen, die sich immer ein wenig verstanden fühlten von Manu.

Er selber fühlte sich gut dabei, konnte seine Angelegenheiten gründlich durchdenken und war auch niemandem dringend verpflichtet, auch wenn er jederzeit viel eingesetzt hätte, umgehend, um jemandem zu helfen, der sich nicht selber helfen konnte.

Binden wollte er sich nimmer, doch wir wissen ja, wie die Zeit alles verändert, und die Corioliskraft die Pendelbahn.


Ist Verantwortung teilbar?

Emmanuels Leben war und ist sein Leben und wohl doch sehr anders als die Leben der meisten von uns. Es wäre anmaßend und würde nicht funktionieren, wenn wir ihm Maßstäbe auferlegten, an denen er sein Denken und Tun orientieren sollte. Für jeden Menschen ist es jedem anderen Menschen gegenüber anmaßend, solche Maßstäbe aufzustellen. Das heißt ja jetzt nicht, dass es keinen gesellschaftlichen Konsens über Regeln des Zusammenlebens geben darf. Das heißt auch nicht, dass Eltern fehl daran täten, ihrer Nachkommenschaft diese Regeln zu vermitteln. Für mich hieße das, dass in jeder Art zwischenmenschlicher Beziehung das Geben und Nehmen gefälligst freiwillig und respektvoll sein sollte. Das gilt für Partnerschaften genauso wie für Arbeitsverhältnisse. Meine Freiheit reicht sogar so weit, dass ich selber entscheiden kann, ob ich nach den Gesellschaftsregeln leben will oder auf mich allein gestellt, auch physisch allein oder allenfalls in Gesellschaft Gleichgesinnter oder anderer außergewöhnlicher Menschen. Leicht ist das nicht, was wir an einem weiteren Ereignis in Emmanuels Leben untersuchen können: Er bekam eines Tages Besuch von seinen beiden unangenehmen Häfenbrüdern, vom Nihilisten und vom massigen Zerstörer .

Die beiden hatten offenbar ihre Strafen abgesessen, aber es war letztlich verwunderlich, dass sie in Freiheit waren. Von solchen Menschen erwartet man eher, dass sie unverbesserlich in einem Milieu und Weltbild herumgrundeln, das sie zwangsläufig in die Kleinkriminalität und – ob ihrer Beschränktheit und wie durch einen eingebauten charakterlichen Federzug, Karma kann man den nennen – immer wieder in den geschlossenen Strafvollzug führt. Diese beiden standen eines Tages plötzlich da, in Manus Firma, als er gerade seine Fuhre abholen wollte, und jedermann konnte sie sehen und hatte sie gesehen. Manu hielt das im ersten Augenblick für peinlich, aber dann stellte er sich unter den Schutzschirm seiner Wahrhaftigkeit, glaubte sich dorthin stellen zu können. Immerhin wusste seine Umwelt über ihn Bescheid, da konnte nichts Kompromittierendes kommen, nichts Wesentliches, dachte er. Aber es war falsch gedacht.

Zuerst einmal quartierten sich die beiden irgendwo in der Näher ein. So schnell konnte nicht herausgefunden werden, in welchem Ort, in welchem Heustadel vielleicht. Aber sie waren jeden Tag pünktlich da, vom späten Vormittag bis zur Nacht hin, bis zu dem Zeitpunkt, als das menschliche Leben sich allabendlich in die Privathäuser zurückzog und die Türen endgültig verschloss. Etwas endgültiger, seit die beiden Strizzis den Ort besuchten. Der Schlechtmacher versuchte, jedem Menschen im Ort zu erzählen, dass Emmanuel im Gefängnis gesessen hatte, und als er bemerken musste, dass das ja allgemein bekannt war, begann er, Alltagsgeschichten aus dem Gefängnis zu berichten, zum Großteil erfunden und immer mit schlechtem Licht für Emmanuel. Da aber die Leute nicht glauben wollten, was Emmanuel da alles getrieben haben sollte, wurden die Schilderungen immer allgemeiner. Das Gefängnis entwickelte sich zu einer Hölle mit allen vorstellbaren Lastern und Qualen, und diese Hölle stand im Begriff, sich über den Ort zu ergießen, weil eben Emmanuel hier wohnte. So erzählte er.

Der Kaputtmacher begleitete alles nach seiner besten Fertigkeit: Er zerstörte dieses und jenes, drückte Fensterscheiben ein, präsentierte stolz die Kratzer, die er in Autos gemacht hatte, immer als wäre er ein großes tollpatschiges Kind, dem man nachsehen und vergeben müsse. Dahinter aber lauerte erkennbar drohend ein Gewalttäter, der nur darauf wartete, irgendeine Entgegnung als Provokation werten zu können, zuschlagen zu können.

Manus Wahrhaftigkeit nutzte da nichts. Es war sogar so, dass Emmanuel sich zu schämen begann. Dafür, dass er die beiden Unholde quasi in den Ort gelockt hatte, dafür, dass er solche Menschen kannte, in einem Milieu mit ihnen gelebt hatte, das Ungute kannte, dass sie hier verbreiteten. Und er schämte sich, dass er kein probates Mittel gefunden hatte, die beiden zu vertreiben, wegzuscheuchen, was immer, nur damit der Terror aufhöre. Natürlich hatte er sie bereits mehrfach zur Rede gestellt. Natürlich hatte er die Polizei involviert, die aus der nächsten Stadt kam. Natürlich hatte man ihm zugesichert, etwas zu unternehmen. Die beiden ehemaligen Mithäftlinge waren von der Polizei zur Rede gestellt worden. Es war klar für Manu, dass die Polizei etwas unternehmen würde, aber das konnte halt dauern. Er fürchtete alles, was in dieser »Wartezeit« passieren könnte.

Aber es geschah etwas anderes, etwas Unerwartetes: Am nächsten Tag tauchten die beiden Strizzis nicht mehr auf. Emmanuel hatte das Gefühl, dass etwas Schlimmes passiert war.

Alle Menschen, denen er begegnete, sahen ihn wissend an. In einer Pause - er war in sein Auslieferungslager zurückgefahren - meinte ein anderer Fahrer: »Angeblich sind zwei Kriminelle gestern verprügelt worden, von einer ganzen Menge Menschen, auch mit Hunden. So eine »Ku-Klux-Klan«-Aktion, mit Kapuzen über dem Kopf. Ich weiß ja nichts Näheres, aber gut soll es den beiden nicht gehen…«.

Emmanuel erstarrte. Er wusste nicht, wie er das Gehörte einordnen sollte.

Nach vielem, vielem Nachdenken – Sie können sich vorstellen, was ihm da alles durch den Kopf gegangen ist, einst selber »Rächer«, sein jetziger Zugang dazu, sein Glaube an die Kraft der Wahrheit und der Liebe – fand er sich plötzlich in einer Welt wieder, die nicht friedlich und lieblich war, wie er sie sich gewünscht und vorgestellt hatte. Es war schwierig, den Dorfbewohnern weiterhin unbefangen zu begegnen, und er ertappte sich immer wieder, darüber nachzudenken, wer von ihnen denn da was getan haben könnte.
Und mit Grauen dachte er an seine Rache.



Das Diorama

Niedergedrückt mied Emmanuel in den nächsten Tagen die Menschen.

Seine Mitbürger mieden ihn nicht, freundlich nickten sie ihm zu, sprachen ihn an und ließen ihn ziehen, wenn er nicht antwortete.

Konnten das die gleichen Menschen sein, die da Lynchjustiz getrieben hatten, zumindest davon wussten, sie billigten, darüber schwiegen. Waren es möglicherweise andere gewesen, aus anderen, weit entfernten Ortschaften, gedungen, um das zu tun, was man hier selber nicht tun wollte? Emmanuel wunderte sich, dass die Menschen kein Feuer spien, keinen Schwefelatem verströmten, und dachte, und dachte, und versuchte zu denken, ohne zu einer Erklärung, die ihm gefiel, zu kommen. Vorstellbar war ihm über seine ganzen Erwägungen nur geworden, dass alle diese Menschen, alle Menschen insgesamt, wohl ihre eigenen Wahrheiten haben, ihre eigene Liebe, ihre eigenen Werte. Das gefiel ihm zwar nicht, aber er musste es wohl so sein lassen. Er fühlte sich, als wäre er einige Stiegen hinuntergefallen und müsse wieder neu mit einem mühsamen Aufstieg beginnen. Alles musste doch gleich wert sein, alles zulässig, sofern es nicht zum Schaden anderer gutgewillter war?

Er erschrak, wie wenig er wusste und konnte.


In diesen Tagen tauchte eine Erinnerung an den Traum auf, den Traum im Schwimmbad. Irgendwie hatte er Teile dieses Traums offenbar am Morgen, beim Aufwachen, vergessen: Gabriele hatte ihm in den Gang zwischen den Kabinen, über ihre Silhouette hatte er das Badebecken sehen können, etwas gezeigt: ein Diorama.

Was ein Diorama ist? Ein Schaukasten. Ein Ausschnitt aus der Wirklichkeit, aus dem Leben. Es wird eine Szene aus der Geschichte gezeigt, mit Menschen, Tieren, Gebäuden, Maschinen, was immer sie wollen. Es ist so etwas Ähnliches wie eine Weihnachtskrippe. Mit einem die Geschichte verdeutlichenden, oft weitläufigen Hintergrund, manchmal auch mit Gimmicks, so etwa mit Schnitten durch die Szenen, bei denen man dann in das Innere sehen kann. Oder mit bewegten Figuren.


Das Diorama von Gabriele war groß, wunderzart gearbeitet biedermeierartig lieblich. Er hatte sich gewundert, woher sie dieses Stück haben könnte, es war ja seines Wissens so überhaupt nicht ihr Geschmack. Mit diesen Gedanken und Gefühlen vermeinte er sich an den Traum zu erinnern.

Emmanuel erinnerte sich nicht an alle Details in einem einzigen Augenblick. Die Bilder schienen Stück für Stück aufzutauchen, aber vielleicht war das ja nur Einbildung.

Trotzdem halte ich die Szenen, die Emmanuel nun sah, und die Schlüsse, die er daraus zog, für erwähnenswert. Für eine neue, ganze Erzählung würden sie wohl ausreichen, aber Sie erinnern sich: Ich hatte versprochen, mich kurz zu halten. Also stellen Sie sich bitte alles selber vor: die Bilder von Freude, Unglück, Hoffnungen, Wünschen, Enttäuschungen, Triumphen. Die Wanderung durch das Diorama kann irgendwie wie eine Hochschaubahn, Geisterbahn, Märchenbahn, wie ein Tanzabend mit verschiedenen Tänzen, wie ein Konzertabend gesehen werden. Gespielt wird das eine Lied, das Lebenslied. Im Leben interpretiert Emmanuel sein Lebenslied.

So wie Du auch, das Deine.


Als also Manu sein Diorama aufmerksam durchsuchte, entzückt über die sorgfältigen und liebevollen Darstellungen, bemerkte er plötzlich, dass die Figuren sich bewegten. Seine zunehmende Begeisterung bezog sich immer mehr nicht nur auf der Kunstfertigkeit der Arbeiten. Ganz tief in sich drinnen spürte er eine Melodie, die Musik des Dioramas, ein seltsames Mitschwingen. Eine stimmige Melodie

Er erinnerte sich oft an den neu entdeckten Traum und sah zunehmend Details: Diese Szene, war das nicht ein Stück über seine Mordvorbereitungen? An einer anderen Stelle lief jemand – er? - einem Steppenwolf nach, und dieser ihm, bis sie sich erreichten, umarmten, lachten.

Hier das Gefängnis, dort Strenge gegen sich selber. Alles sah er, alles! Was er sehen wollte, konnte er sehen, und er konnte es jetzt sehen, die Vergangenheit, wie er sie in Erinnerung hatte, wie er sie gerne gehabt hätte, wie er sie fürchterlich gefunden hätte. Die Gegenwart. Die Zukunft, wie er sie sich wünschte, diese, eine andere, es gab viele Möglichkeiten, und alles hing mit allem zusammen. Es war eine Allegorie zu seinem Leben, wie er es gelebt hatte, wie er es lebte, wie er es leben würde können. Es war eine Ahnung, wie die Welt funktioniert, aber nichts war greifbar in dem Sinn, dass man es festmachen konnte für irgendeinen weiteren Nutzen, und bei jedem Versuch wäre er zurückgeblieben hinter diesem Tanz des Lebens. Er konnte es nur sein lassen, geschehen lassen, kommen lassen, und – letztendlich - genießen.

»Ist das vielleicht so wie der Film des Lebens, den man im Sterben sehen soll?«, fragte er sich. Die Antwort – ebenfalls allegorisch, sofoprt, fraglos: »Der Buddha wohnt jederzeit und überall!«


Die Tränen stiegen ihm in die Augen. Er schluchzte und sein Schluchzen wurde zu einem tiefen, vollen Lachen, tief aus dem Bauch heraus.

Er würde alles machen müssen, dabei sein Bestes geben, weil ihm das gefiel.

Nichts blieb ihm erspart!




Ach ja: Einige Interpretationen. wie die Lebensmelodie Emmanuels weitergegangen sein könnte. Mir gefällt das Lied. Obwohl ich nicht religiös-gläubig bin, fühle ich mich ergriffen...

weiter auf in Teil 4 mit Beam me up Scotty!