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Teil 4

Beam me up Scotty! Everywhere!


Zwei Abende hatte Markus gebraucht, die Geschichte vom Emmanuel zu erzählen. Er selbst hatte sie auch nicht gekannt, bevor sie aus ihm herausgeströmt war. Anfangs, als er seine ersten Bilder gezeichnet hatte von den Sorgen und Freuden, die einen heranwachsenden Mann beschäftigen konnten, hatte er sich ein wenig gefürchtet, dass Siehl, eine Frau, ein anderer Mensch mit ganz anderen, unbekannten Interessen und Werten, ihn nicht verstehen könnte. Die aber hatte ihn nur liebevoll angesehen, dass sie alles nachfühlen, für in Ordnung befinden könne. Seine Ängste verdunsteten in der Freude, und so war die Geschichte, von ihm, in ihm gewachsen, in das, was ihn beschäftigte, was er fürchtete, auch ins Böse, ins Düstere, letztendlich bis zur Erlösung hin, die dann doch nur ein neuer Anfang sein kann für eine neue Geschichte, die noch nicht erzählt worden ist. Eine Geschichte über einen Abschnitt eines Lebens eben.

Siehl hatte Markus’ Erzählungen angehört, mitgelebt und mitgelitten. Manchmal, aber nur selten, war ihr ein »Aaahh!« oder ein betroffenes »Ooohhh!« entschlüpft, das für Markus aber immer Berührung und Bestätigung war, ihn ermutigte, sämtliche Schranken der Scham und Schüchternheit zu überwinden. Siehl war - auch wenn sie keine höhere Schulbildung hatte - weise, was etymologisch wahrscheinlich mit Wissen zusammenhängt, aber auch mit Lebenserfahrung und Klugheit, und so wusste sie, dass Markus von nichts anderem als seinen Gefühlen erzählte, und sie wusste gleichzeitig, dass die erzählten Morde und Gewalttätigkeiten jedem Menschen vorstellbar sind. Wir schwelgen doch in Rachegelüsten, wenn der Bösewicht im Film so voller Blei gefüllt wird, dass er aufgrund seiner erhöhten Masse unter Erdanziehungskraft zwangsläufig zu Boden geht. Von einem Mord und Rache zu fantasieren oder zu erzählen heißt nicht, dass der Erzähler seine Mordlustfantasien auch tatsächlich bis in die Realität zu treiben wünscht. Von Schuld, Sühne und Ethik zu sprechen heißt aber, dass man diese Maßstäbe kennt und nicht der Fraktion angehört, die alles dadurch zu entschuldigen sucht, dass andere es auch täten.

Und so sprach sie Markus auch nicht auf die Erlebnisse von Emmanuel an. Siehl hatte die Geschichte als spannendes Märchen miterlebt, in der viele Überlegungen zum Sinn und Sein eines Lebens steckten. Sie versuchte auch keine Analogien zu ihrem Dasein, zur Begegnung mit Markus. Für sich selber wusste sie, dass es in ihrem Leben selbstverständlich Krisen geben würde, und hoffte, als eine der wenigen Parallelen mit der Erzählung, wie Emmanuel ständig wieder weitermachen zu können, niemals den Lebensmut aufzugeben. Sie dachte das natürlich nicht so ausformuliert, wie es hier geschrieben steht, sie spürte ein solches Lebensgefühl und eine ständig wachsende, ruhige innere Kraft. Siehl war dankbar für die Erzählung, die ihr wie ein Geschenk war. Sie war froh, dass Markus ein so gefühlvoller Mensch sein konnte, freute sich über das letztendlich gute Ende für Emmanuel, auch wenn es eigentlich nur ein neuer Anfang war, und verliebte sich mehr und mehr in ihren Freund. Für Außenstehende war das daran erkennbar, dass sie sich an den doch eher kühlen Frühlingsabenden ganz warm und geborgen fühlte mit Markus, in seinem Duft, in seinen Armen. Man sah es an ihrem Strahlen, in ihren Augen.

Im Verliebtsein erblühen die Menschen, und eines Abend fragte die Großmutter, die hiermit die Blockadebrecherrolle übernahm, beim Abendessen, am Tisch vor der ganzen Familie, mit breitwachsendem Lächeln, durch das sie die Aufmerksamkeit auf sich und das Kommende lenkte: »Was ist mit Dir, Sisi?«, das war ihr Spitzname für das Mädchen: „Wenn Dich die bösen Buben locken, bleib zuhaus´ und stopfe Socken!«

Durch die lang gezogene Einleitung hatte die Frage unumgehbares Gewicht. Es war ganz still geworden am Esstisch, und der Countdown für eine Antwort hatte zu Laufen begonnen. Siehl spürte ihre Wangen rot brennen. Aber anstatt auszuweichen, versuchte sie angemessene Antwort zu geben: »Mir geht es gut. Ich geh jetzt nur manchmal nach der Arbeit mit dem Sohn des Apothekers heim. Wir haben ja den selben Weg. Der ist übrigens sehr nett. Markus heißt er ... und ich hab mir schon gedacht, dass die Leute tratschen werden.« Die Mundwinkel aller Anwesenden wuchsen freudig und umgehend in Richtung Ohren, die der Großmutter waren schon dort. Siehl brauchte etwas, um ihre innere Ruhe wiederzufinden und mitlächeln zu können. Alle suchten Augenkontakt und liebten und vertrauten sich und begannen, die Suppe zu löffeln.


Bei Markus lief es ähnlich: Seine Eltern hatten natürlich die Änderung seines Wesens bemerkt, hatten ihn mit Siehl durch die Auslagenscheiben der Apotheke gesehen und freuten sich mit ihrem und für ihren Sohn. Dieser hatte sich ja - auch in den Augen seiner Eltern - während des Studiums allerlei Flausen in den Kopf gesetzt. Und jetzt, so schien es, hatte er sich verliebt, das würde ihm guttun. Sie hatten schon darüber gesprochen miteinander. Abgekürzt während der Arbeitspausen, ausgiebig am Abend, bis ins Bett hinein. Und über Siehl. Und über zukünftige Enkel.

Was die mögliche, absehbare, gewünschte (?) Verbindung ihres Sohnes anbelangte, ist anzumerken, dass die Eltern von Markus schon jahrzehntelang die Gemeindeapotheke betrieben und daher die Ortsbewohner kannten und auch ihre Meinungen zu ihnen hatten. Siehls Familie galt als integer in dem Sinn, als dass man ihnen beim besten Willen nicht übel nachreden konnte. Das Mädchen selber machte allen Menschen rundherum Freude mit seiner Aufmerksamkeit, Hilfsbereitschaft, seinem schlagfertigen Witz und seiner ganz, ganz, ganz feinen Ironie. Der Apotheker mit Lebenserfahrung und mit einem einzigen Kind fürchtete einen formellen Statusunterschied wenig, weniger als die möglichen Wünsche und Vereinnahmungs-Potenziale einer angeheirateten Verwandtschaft.

Für Markus allerdings zählte es zu seinen anstrengendsten und peinlichsten Aufgaben, seinen Eltern die Freundschaft mit Siehl zu gestehen, derer Wirkung unübersehbar war. Markus war aufgeblüht: Nicht mehr so schnoddrig-lässig, ruhiger, verbindlicher, freudvoller, geerdeter war er geworden.


Sein Vater wollte ihm das Geständnis erleichtern und erzählte von der Liebesheirat mit seiner Mutter, obwohl das gar nicht stimmte. Mehr oder weniger »verheiratet« waren sie worden, in dieser entbehrungsreichen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Nicht etwa, um Vermögen zu vereinen: Beide hatten sie nichts gehabt außer seiner abgeschlossenen (damals hinreichenden) Apothekerlehre und ihrem gemeinsamen guten Willen. Vielleicht war das dazumals sogar eher Ehrgeiz, sich etwas zu schaffen, mit gegenseitiger Hilfe. Und wie sie so aneinander gebunden waren, da hatten sie sich entdeckt und zu schätzen gelernt die Beiden, im gemeinsamen Willen, eine erfolgreiche Beziehung zu führen, was in diesen Zeiten zuallererst hieß, sich etwas Materielles zu schaffen.

Es war leicht damals, Ziele zu haben. Es war leichter damals, Ziele zu erreichen, als es jetzt ist. Es war und ist leicht, mit gemeinsamen Erfolgen eine erfolgreiche Beziehung zu führen. Für das Apothekerehepaar war es auch deswegen leicht, weil sie beide von der Art waren, für die meistens das Glas halb voll ist. Und herzlich, selbstvergessen, lachen konnten sie auch, beide, übereinander, über alles und jeden, miteinander. Trotzdem war es nicht immer reibungsfrei, eckenlos gegangen mit ihnen. Es hatte auch schwere Beziehungskrisen gegeben.

Beziehungskrisen sind ja zuallererst persönliche Krisen, meist Sinnfragen, Wertfragen. Und während man so regelmäßig über sich selbst holpert und stolpert, kann man schon einmal die Vorzüge der Partnerin vergessen. Eine bekannte Bezirksschönheit hatte den Apotheker und jungen Vater seine Sorgen vergessen lassen. Eigentlich hatte sie ihn in ein Nirwana gevögelt, von dem aus sein restliches Leben nur aus Sorgen zu bestehen schien. Zumindest anfangs. Der Apotheker, seiner Meinung nach seinen Platz in der Welt suchend, hatte sich plötzlich verstanden gefühlt, glücklich, offenbar begehrt zu werden.

Der Beruf war - so musste der Apotheker leider seiner Frau mitteilen - hart geworden, härter. Das Geschäft ging schlecht, schlechter: Oft musste er bis spät in die Nacht hinein arbeiten, schlief dann erschöpft gleich in der Apotheke, und trotzdem konnte er kaum Geld nach Hause bringen.

Im Umfeld blieb das natürlich nicht unbemerkt, nicht unberedet, aber niemand sprach ihn oder seine Frau direkt darauf an. Die spürte sehr wohl, dass da was war, fragte und schmeichelte sich bei ihren Freundinnen ein bis tief in die Gerüchteküche, aber sie wissen schon: Man sagt ja nichts, man redet ja nur. Sie rächte sich, die Apothekerin. Vielleicht nicht so unmittelbar, so direkt, so körperlich wie der Apotheker, aber sie ließ sich schon ausführen, die elegante Apothekersgattin. Vielleicht wollte sie im Gegenzug verletzen, vielleicht hatte sie nur Abstand gewonnen, persönliche Freiheiten wiederentdeckt, wir wissen es nicht genau.

Ihm, dem Herrn Apotheker, schmeckte seine neue Suppe bald nicht mehr so recht, weil sie hatte keine entspannenden (seelisch entspannenden), wertigen oder gesunden Einlagen, war irgendwie doch recht lasch.


Sie kennen den Frieden, den ich meine, der ihm fehlte. Dass Sie zum Beispiel morgens aufwachen. Ihre Partnerin/Ihr Partner liegt neben ihnen und schläft noch. Plötzlich spüren sie das Glück in sich aufwallen, und Sie freuen sich auf den kommenden Tag, auf die kommende Zeit, auf die Zukunft, weil es eine gemeinsame glückliche Zukunft sein wird. Und wenn Sie es nicht so formuliert hätten: Fühlen Sie doch in sich hinein. Es gibt aber auch Menschen, die fürchten sich eher vor der Zukunft, und wenn es auch keine konkrete Furcht ist, so könnte es doch die Angst davor sein, dass die Tage sich einfach wiederholen werden, ohne Veränderung, ohne Entwicklung, ohne Freude.

In einen Gefühlszustand etwa dieser Art war der Apotheker hineingefallen. Tagtäglicher Rambazamba war in seinem neuen Midlife gefragt, nicht zuversichtliches, friedliches Glück. Nur der jeweilige Tag war bestimmend, keine Zukunft.
Wir wissen hierzu schon, dass man keine übergroßen Ziele in der Zukunft aufstellen soll, carpe diem, was aber nicht heißt, dass man kein Vertrauen haben dürfte, dass es eine gute Zukunft geben wird.

Nein, heiraten wollte sie ihn nicht, die Schöne den Apotheker, nur Spaß, an dem er teilhaben durfte, und vielleicht ein kleines Taschengeld, mit dem er nicht den Spaß, sondern die Gewogenheit der Geliebten erkaufte. Der Spaß kostete extra das, was er eben kostete. Als Kavalier zahlte er immer für beide. Und obwohl er insgeheim an seinen Rechten gegenüber seiner angetrauten Frau zweifelte: Er musste zunehmend häufig eifersüchtig auf den verlassenen Suppentopf seiner Gattin hinüberschielen. Es machte ihn irgendwie wild.

Die endgültige Eskalation der Krise erfolgte an einem Sonntag im Februar: Herr Apotheker hatte seine Geliebte (auf ihren Wunsch) zu einem Ball nach Wien ausgeführt, zu einem großen, berühmten Ball, der - wenn man drinnen ist - beileibe nicht so pompös wirkt, wie er im Fernsehen inszeniert wird. Ja, dieses »Fernsehen« war auch anwesend, mehrere Sender sogar, und filmten, und eines dieser Filmchen wurden - abgesehen von der Live-Berichterstattung - in den Gesellschaftsnachrichten am dem Ball folgenden Sonntag ausgestrahlt, zur besten Sendezeit. Und da war er plötzlich im Fernsehen, der Apotheker, eingehängt bei seiner Schönheit, fast am Ende eines Kameraschwenks, für Sekundenbruchteile nur, aber klar und deutlich erkennbar.

Das Fernsehen kann einen blitzartig zum Star machen. Vier Sekunden nach Beendigung des Beitrags riefen Freundinnen und Bekannte an, so gebündelt, dass die meisten mit erschöpfter Geduld wieder auflegten, weil die Telefonnummer des Haushalts - damals gab es nur Festnetz, der Apotheker hatte technikaffin ein Schnurlostelefon angeschafft - durchgehend besetzt war. Aber auch später blieben die Anrufe unbeantwortet, weil - nach zwei, drei Gesprächen der Apothekerin - niemand im Haus mehr die Gespräche annahm. Das Telefon lag zerschmettert im Treppenhaus, und die beiden Eheleute hatten ausnahmslos damit zu tun, sich »zu fetzen«, wie man heute umgangssprachlich sagt. Sie können sich dazu ja ihre eigenen Vorstellungen machen.

Der Zorn wurde auf beiden Seiten größer und größer. Manches Geschirrstück fiel leider zu Boden - oder durch Scheiben. Haben Sie schon einmal versucht, einen jahrelang getragenen Ehering ohne begleitende Schmierung oder Fadentricks von einem gealterten Finger zu ziehen. Die Narbe wurde später offiziell einem Hundebiss zugeschrieben. Und nur dem Umstand, dass Klein-Markus einige Türen entfernt schon schlief und mit dem zu Hörenden auch nichts Konkretes anzufangen gewusst hätte, ist es zu verdanken, dass er keine greifbaren Erinnerungen an diese Nacht und aus diesem Ereignis begründete Neurosen hat. Er weiß auch nichts mehr von den zwei Wochen, die sein Vater ausgezogen war aus dem gemeinsamen Haushalt.

Der wiederum machte irgendwie eine Art Gefühlsbilanz und bemerkte da erstmals (und verwundert), wie sehr er seine Frau doch wollte und schätzte. Er brach mit seinem »Schatzi« (merkt man sich leichter) und bat um ein Gespräch. Auf neutralem Boden trafen sie sich. Er konnte dann nicht mehr sagen als: »Verzeih mir bitte!« Ich empfehle Ihnen, sich dazu ihre eigenen Vorstellungen (samt Gewissenserforschung) zu machen.

Und weil sie beide klug waren, ließen sie letztendlich die Vergangenheit ruhen und sahen eher in eine gemeinsame Zukunft. Ich meine, es hat ja jede Seite einen Anteil am Geschehen. Dass die beiden wieder zueinander fanden, war keinesfalls klar und brauchte schon den Willen und Großmut beider Seiten. Nicht wenige Beziehungen zerbrechen in solchen Situationen, wobei das vorhergehende Verb aber nur den formellen Part betrifft. Viel ärger ist der wachsende Hass, der sich dann in lebensbedrohlichen Rosenkriegen entladen kann. Solche Zerfleischungsorgien sind zwar auch irgendwie ein Lebenssinn und -inhalt, aber nicht erstrebenswert. Stellen Sie sich nur vor, wie viel Gutes man mit der verballerten Energie alles anfangen könnte.

Große Verletzungen, tiefe Schrammen, brauchen Zeit zum Heilen. Es dauerte deswegen noch einige lange Spaziergänge, die geschlagenen Wunden zu finden, auszusprechen, zu säubern und so zu pflegen, dass die Narben gering ausfielen. Vielleicht hat Markus daher seinen Hang zum Geschichtenerzählen bei Spaziergängen.


Das alles, was da passiert war, sagte der Apotheker seinem Sohn aber nicht. Das Wichtigste, wollt er Markus dringend vermitteln, seien der Wille und der Mut, miteinander in eine glückliche Zukunft zu gehen.
Markus wollte das. Er wollte laufen, zu und mit Siehl ...
Als sein Sohn gegangen war, ließ der Apotheker noch einige Augenblicke lang die Bilder der Vergangenheit an seinem inneren Auge vorbeiziehen, fühlte die Liebe warm in sich anschwellen, schmunzelte und freute sich auf den Abend mit seiner Ehegattin.



Wenn man davon ausgeht, dass die Welt nach einem ganz einfachen Muster gestrickt ist, dass sich halt immer und immer wiederholt, bis etwas (scheinbar) Komplexes existiert, wie unsere Welt es zu sein scheint, dann liegt ein Virus am ganz unteren Ende von dem, was man »Leben« nennen kann. Manchmal eine Eiweißhülle, jedenfalls Säuren und Basenpaare,, die mit unserer DNS («Desoxyribonukleinsäure«, auch DNA abgekürzt, Trägerin der Erbanlagen) interagieren können. Manche Viren dringen in unsere Zellen - vielleicht nur die Leberzellen, Lungenzellen, vielleicht in alle, vielleicht nur in ausgewählten Organen - ein und veranlassen diese, neue Viren, quasi Virenbabys, zu produzieren. Die betroffene Zelle überlebt das in der Regel nicht, und bald tobt eine Abwehrschlacht mit dem Immunsystem, wir bekommen aufgrund der massiv erhöhten Blutversorgung des Schlachtfeldes heiße Körperstellen (Entzündungsherde) oder insgesamtes Fieber oder beides. Für den Virus schaut so ein Infektionsvorgang nicht viel anders aus als für die Menschen, als sie einst die Wildnis besiedelten: Zukunftsverheißendes Gebiet, aber überall tödliche Gegner.

Vielleicht sind ja wir die »Raumschiffe« mit und auf/in denen Viren die Essenz des Lebens - Erbgut - über die Welt verbreiten wollen. Es sollen ja auch Viren über Meteoriten auf die Erde gekommen sein. Fragen Sie eine Astrobiologin oder einen Astrobiologen. Vielleicht ist die Reduzierung auf kälte- und strahlungsresistentes Erbgut, dem die Umgebungsbedingungen und der Zeitablauf egal sind, ja die einzige Möglichkeit, das Universum weiträumig besiedeln zu können?

Eines Tages beamte Scotty Kirk, Pille und Mr. Spock auf die Tastatur der Bankomatkasse im Supermarkt.

Der menschliche Organismus Karl Spangel zahlte zwei Minuten später für seinen Wocheneinkauf exakt € 57,72.-, benutzte die NFC-Funktion seiner Debit-Card und musste wegen der Höhe des Betrags seinen Pincode eingeben. Von der Tastatur stieg der Captain des Virusraumschiffs mit Pille auf die rechte Zeigefingerspitze des Karl-Wesens um, das seinen Einkauf auf dem Packbord, auf dem »Ein Mönch mit Schmerzgrenze« in die Öffentlichkeit getreten war, in seine Einkaufstasche umlud. Dann fuhr der Karl den Einkaufswagen ins Freie und verfrachtete ihn auf den dafür vorgesehenen Abstellplatz. Nach einigen Metern Fußweg in Richtung seines Hauses nahm er die Maske ab und verstaute sie in seiner Manteltasche. Mit dem Finger rubbelte er seine juckende Nase, und Kirk und Pille nutzten die Gelegenheit, umzusteigen. Irgendwie werden sie dann wohl an die Nasenschleimhäute gelangt sein. In Realitas nicht nur zu zweit, sondern zu tausenden.

Karl Spangel merkte nichts. Am nächsten Morgen musste er mehrfach niesen, was er aber auf die Besonnung seiner Nasenhaare zurückführte. Auch sein Bauch »zwickte«, wenn man das so formulieren kann. Er dachte sich nichts deswegen.

Bis ihm das Atmen am nächsten Morgen schwerfiel. Mit jedem Atemzug verdunkelte sich seine Lunge schwarz und schwer.

Er hatte gezweifelt, hatte es zurückgewiesen, nicht in sein Leben lassen wollen, er hatte gehadert, nach Möglichkeiten, zu kämpfen, gesucht. Aber letztendlich hatte er es wahrhaben müssen: Karl hatte sich mit Covid-19, umgangssprachlich »Corona« genannt, infiziert, und er verspürte auch Symptome, so stark, so lebensbedrohlich, dass er die Erkrankung nicht einfach in häuslicher Quarantäne durchleiden konnte. Er hatte um Hospitalisierung gebeten, man hatte ihn nach einer Kurzdiagnose sofort aufgenommen, und jetzt lag er da, zur Beobachtung vorerst einmal, in einem Dreibettzimmer, in dem die Betten großen Abstand zueinander hatten, Abtrennungen aus Folien. Ohne Beatmung lag er da, vorerst.

Warum hören und lesen Menschen Geschichten?

Es gibt ja viele, die sich dagegen verwehren und meinen, dies nicht zu wollen und zu tun. Aber es ist nicht möglich, sich den Geschichten zu entziehen, die uns da fortlaufend begegnen: als Märchen, als Anekdote, als Bericht, in deutscher Sprache, auf Mandarin oder Kisuaheli, in Schrift, Wort, Bild und in Blicken. Die Verweigerung bezieht sich vielleicht auf Märchen oder romanartige Erzählungen: Man will nur Nachrichten aus der Politik und von der Börse oder vom Fischereiverband oder Fußballverein. Aber auch das sind Geschichten, mit all ihren Hoffnungen, Enttäuschungen. Geschichten mit ihrer »Moral«.

Manchmal denk ich mir, auf die eigene Wahl zu verzichten ist ein wenig, wie sich von der Welt abzuschneiden und auf seine eigene Kraft und Fantasie zu verzichten.

Genug vom »Geschichtenverzichten«. Warum kann man sie, die Geschichten, wollen? Vielleicht ist es die Melodie der Sprache, der Tanz der Worte und Bilder, die uns da aufnehmen und in ein Wohlbefinden hinübertragen, wie einst die wiegenden Arme der Mutter. Meine Katzen würden mir jederzeit gern zuhören, wenn ich ihnen mit getragener Stimme irgendetwas erzähle und sie dabei auf meinem Schoß kraule. Die schnurren sogar ihrerseits mit, und dass ist ein guter Tonfall zum Geschichtenerzählen, finde ich.
e Geschichten nehmen uns mit in ein Reich der Fantasie, der fantastischen Abenteuer, des fantastischen Glücks. Die Kinder starren mich mit großen Augen an. Und die Alltagssorgen der Großen verlieren sich ein wenig in den Fäden des Erzählungsgespinsts.


Vielleicht kann man sogar etwas lernen aus den Geschichten. Und wenn schon nicht über Stochastik oder die Poincaré-Vermutung, so doch zumindest über sich selber, weil man ja mit der Protagonistin/dem Protagonisten lebt, fiebert, leidet, und sich dabei und damit sehen kann wie in einem Spiegel. Oh: Man lernt das schon, dass mit dem »Spiegeln«.
Viele, viele andere Gründe gibt es. Darunter auch den, dass es keine Möglichkeiten gibt im Augenblick, als einer Geschichte zuzuhören.
Und so erging es Karl im Krankenhaus:

Einer seiner Bettnachbarn war ein stattlicher Mann (so drückt man das euphemistisch aus), Motorradfahrer, vielleicht 50 Jahre alt, rechts im Gesicht und an der Schulter (mehr sah man nicht) vernarbt. Er war einmal von Freunden weggefahren, erzählte er, hätte ihnen mit der linken Hand gewinkt, tja, und die Vorderradbremse betätigt, mit der rechten Hand allein am Lenker. Warum, das wusste er nimmer so genau, warum so heftig, das wusste er auch nimmer. Und er wusste auch nimmer, warum er keinen Helm aufgehabt hatte. Oder hatte er einen aufgehabt, so einen Helm für coole Chopper-Fahrer, der halt die Wange nicht geschützt hatte? Oder hatte er einen aufgehabt, dass Kinnband aber nicht geschlossen, sodass er den Helm beim Sturz abgestreift hatte? Er wusste es nicht mehr.

Von Menschen mit dem Körperbau dieses Bettnachbarn nimmt man schnell einmal an, dass sie zeitlos und unverwüstbar wären. Man kann sie sich nicht als klein und dünn und jung oder als alt und dünn und gebrechlich vorstellen, also werden sie immer stattlich und bärtig und wuchtig und unverwüstlich sein. Diesem Brocken von einem Mann ging es ganz gut, schien es, und er wartete nur mehr auf das Verstreichen seiner Hospitalisierungsfrist, schien es, und das Essen schmeckte ihm gut, schien es, und schien ihm Energien zur vollständigen Wiederherstellung seiner Stattlichkeit zu bringen.

Ganz anders war Erwin zu Karls linker Seite. Hautig, drahtig, dünn, faltengegerbt wie ein alter Filterlos-Raucher. Irgendwo zwischen 60 und 70 Jahre alt, schimpfte er auf den oder das Virus mit allerlei Flüchen, die sich so anhörten, wie Erwin eben auch aussah: dürr und faltig und rauchgegerbt. Er schimpfte auf Alles und Jeden, es war allgegenwärtig, fast wie Atmen. Vor Jahren war er aus seinem Bett gefallen, hatte er ihnen erzählt, und er hatte sich dabei die Hüfte gebrochen. Das Telefon wäre auf einer kopfseitigen Ablage des Bettes gelegen, hatte er erzählt, und er hätte es nicht erreichen können, genauso wenig wie das Schloss der Eingangstür, zu der er sich mühsam und unter Schmerzen geschleppt hatte. Seine Hilferufe hatte man erst nach mehr als einem Tag und einer Nacht gehört.

Karl kannte solche Geschichten von der »anderen Seite«, aus den Erfahrungen bei der Feuerwehr, die oft in solchen Fällen Wohnungen öffnen hatte müssen, »gewaltsam«, wie das so heißt, von außen, manchmal gerade noch rechtzeitig, manchmal zu spät, manchmal viel zu spät und schon sehr von unangenehmen Gerüchen begleitet. Ein leichter Gruselschauer lief Karl den. Körper hinab, und er merkte sich vor, beizeiten ein Notrufarmband anzuschaffen. Aber was ist »beizeiten«?.

Erwin erzählte dies und das, jederzeit, so viel, so rasch, so murmelig-unverständlich, dass es schon zum Hintergrunds-Grundgeräusch, zu einer Art Hintergrundmusik geworden war, dass sie gar nimmer zuhörten. Inhaltlich war sein Lamentieren auch kaum zu verstehen. Aber eines Abends sagte er klar in einen stillen Augenblick hinein, unerwartet in einen unerwarteten Augenblick der Stille hinein, wie er sonst nie war in diesem Spitals-Bienenkobel: »Es braucht schon ordentlich Mut, zu leben!«

Die Worte waren unerwartet und mächtig gewesen, wie ein Paukenschlag, bedeutsam wie ein erstes. Donnergrollen in einem Gewitter. Dabei war es gar nicht klar, warum sie solches Gewicht, solche Bedeutung hatten in diesem Augenblick. Vielleicht war es auch einfach der richtige Moment gewesen.

Es war Spätnachmittag geworden im Krankenhaus. Sie kennen diese eigenartige Stimmung: Der Krankenhaustag, meist ruhig, aber doch voller unausweichlicher Termine. Das Essen, das mittags ja noch als solches gelten kann, wird am Abend sowohl von der Menge wie auch vom Geschmack her arg reduziert, wenn man das beschönigend so sagen darf. Als das "Abendmahl" dann tatsächlich serviert wurde - Brot, Frischkäse, geschnittene Paprika-Streifen, drei Scheiben Schinken, Tee - da kam dem Karl kurz der Gedanke, dass sie lieblos kochen würden, hier im Krankenhaus, lieblos nicht wegen des Arrangements der Speisen auf dem Teller, sondern wegen der Zusammenstellung der Geschmäcker. Aber seine Aufregung war auch eine gewollte, eine, die es nicht wert war. Er ließ den Teller unangerührt. Er legte sich zurück und schloss die Augen, sodass nur mehr die Essgeräusche der anderen durch das Zimmer schwebten. Es war wie das Klingen eines Windgongs an einem Sommerabend, wenn die warme Luft vom Meer sich über die Küsten schiebt. Karl selber hatte einen trockenen, heißen Rachen, eine sich zusammenziehende heiße Speiseröhre - oder waren es Kehlkopf, Luftröhre und die Bronchien -, aber überhaupt keinen Appetit. Er hatte auch keinen Hunger, weil das kleine Karl-Wesen, dass er geworden war in den letzten Tagen, das so hineingefallen war in die Polster, in die Hülle des großen lebendigen Karl, das konnte mit ganz Wenigem leben, jedenfalls mit dem Bauchspeck des großen Karl.

Nach dem Essen ist dann ist nichts mehr, nur zunehmende Dunkelheit, zunehmende Ruhe, Abendvisite. Es vergingen etliche stumme Minuten bis zu dieser Visite. Es vergingen weitere schweigsame Minuten. Der Himmel wurde langsam rötlich-graublau. Wenn man zum Fenster hinaussah. Leuchtete die Unterseite einer wilden Wolkendecke in kräuseligem Orange, im Rot einer Götterdämmerung. Unter dem gewaltigen Eindruck dieses Abendhimmels, den sie keiner direkt sehen konnten, nur als Spiegelungen im Fenster des gegenüberliegenden Gebäudes, als Farbe im Hof, als Vermutung, begannen sie sich zu räuspern: »Ich bin da! Wollen wir reden?«. Nach einigen Krächzern synchronisierten sie sich, die Drei, und begannnen zu diskutieren, letztendlich über den »Mut«.

Der stattliche Motorradfahrer meinte zum Thema, er wäre. Mitarbeiter bei einem Sicherheitsunternehmen und hatte aufgrund seiner Branchenerfahrung etwas zum Thema »Mut« zu sagen. Es wäre aber alles doch ganz anders: Ursprünglich habe er geglaubt, zu wissen, was Mut sei, was man von ihm als mutigen Mitarbeiter erwartete. Aber jetzt hielte er das, was er ursprünglich für »Mut« gehalten hatte, nur mehr für Naivität, für Balzgehabe,, für eine Art Persönlichkeitsprothese. Er würde ihnen gerne eine Geschichte über sein Verständnis von Mut erzählen, jetzt, nach vielen mutigen Eskapaden.


Der nachfolgende Bericht ist sinngemäß wiedergegeben, um flüssig lesbar und verständlich zu sein. Der Leibwächter erzählte naturbelassen, oft mit weitläufigen Umschreibungen, Abschweifungen, die im Nichts endeten, unter Verwendung von nur angefangenen Gedankengänge, die die Zuhörer erst zu Ende denken mussten. Verzeihen Sie mir daher meine Redaktion. Ich denke, der Inhalt blieb erhalten:

Der Mut eines Königs - Teil 1


Bodyguards reden nicht viel und denken auch kaum tiefsinnig über den Sinn des Lebens nach. Man legt sich ein paar BlaBla-Weisheiten zurecht und schweigt. Das ist auch im Sinn des Auftraggebers, das ist auch im eigenen Interesse, damit man sich nicht irgendwo hineinredet. Untereinander reden wir schon: über Ängste, über Mut, über den Preis eines Lebens. Beim Mut gibt es mehrer Arten, würd´ ich sagen. Das hängt mit der Angst zusammen, die man jedenfalls auch hat, und mit der man umgehen lernen muss. Wenn Du die Angst einfach verdrängst und in die wildesten Situationen einfach hineingehst, dann ist das nicht mutig, sondern allenfalls tollkühn, so haben zumindest wir dazu gesagt. Und für klug gehalten haben wir das nicht.
Wenn Du Angst hast, und Du wägst Deine Risiken und Chancen gegeneinander ab und machst dann etwas, obwohl noch ordentliche Risiken vorhanden sind, dann ist das mutig. Bei so einer Abwägung kann ja auch herauskommen, dass die Risiken größer sind als die Chancen, und Du machst es trotzdem. Dann ist das vielleicht, weil man dich dafür bezahlt. Das ist in unserem Job so: Hochriskanter Personenschutz wird gut bezahlt. Es kann aber auch andere Gründe geben, viel oder sogar alles zu riskieren: Wenn es um Deinen Ruf geht, darum, mit Deiner Scham zu leben. Wenn es um deine Familie geht, zum Beispiel. Das heißt dann verrückt, todesmutig oder aufopfernd, was dir gerade besser gefällt.
Wir haben ja alle unsere fixen Schutzziele gehabt, unsere Bosse zum Beispiel. Und wenn du schon dein Leben aufs Spiel setzen sollst für deinen Boss, dann fragst du dich natürlich über kurz oder lang, was denn der aufs Spiel setzt, ob der eigentlich mutig ist. Mir persönlich ist es viel lieber, wenn mein Chef selbst auch mutig ist. Irgendwie fühl ich mich da auch verstanden. Aber welche Art von Mut ist das? Wer sagt ihm, was sein Schutzziel ist? Was hat er davon?

Welchen Mut braucht beispielsweise ein König?

Ich habe einmal für eine Art »König« gearbeitet, der hatte einen Sohn, für den er große Pläne hatte. Weil ich die Geschichte gut mitbekommen habe, möchte ich sie Euch erzählen. Mich hat sie ja arg berührt. Vielleicht habt ihr sie ja auch etwas gehört oder gelesen über die Ereignisse, von denen ich Euch jetzt erzählen möchte: Manchmal kam ja was in den Nachrichten. Also: Es geschah vor nicht unbedingt langer, langer Zeit, und der König nicht wirklich ein König und wäre als solcher sicher nicht von der Sorte gewesen, die im Märchen immer gut und weise sind.
Eigentlich war der König Wirtschaftskapitän, Firmenchef, der erste einer Familiendynastie, der mit einer gewissen Härte und Gerissenheit - nur in verklärender Erinnerung nennt man das euphemistisch »Vehemenz« - Lücken, Chancen und Schwächen seiner »Mitbewerber« (auch das ist wahrscheinlich ein Euphemismus) ausgenutzt hatte, um das Meiste zu ergattern. Wovon das meiste? Das war wahrscheinlich gar nicht so wichtig. Wichtig war ihm, dass er gewonnen hatte, gewinnen konnte. Natürlich läuft das alles über Geldvermögen, das nach Fjodor Michailowitsch Dostojewski ja »geprägte Freiheit« sein soll. Das ist möglich, aber nur in bestimmten Situationen, nur für bestimmte Charaktere, die sich diese Freiheit auch nehmen. Ich wäre mit einem kleinen Reichtum schon zufrieden. Dann müsste ich nicht mehr diese Arbeit machen, die mir so zuwider geworden ist, für einen Boss, der mir zunehmend fremder und unheimlicher geworden ist.
Er musste immer der Erste sein, der Größte. Der musste alles haben, auch wenn er es gar nicht brauchte, und der musste alle anderen auch immer klein machen. Dabei war er auch ziemlich unberechenbar. Natürlich war er - neben anderen wilden Eigenschaften - auch ziemlich autoritär. Er polterte rechthaberisch und brutal vor sich hin, um - wie ich jetzt denke - zu übertönen, dass er ja nichts hatte außer seiner Arbeit und seinem Geld und dem Fake-Leben, dass er sich ersträumte, sich kaufen wollte und konnte, um sein Geld. Er musste ja früher einmal mutig gewesen sein, mutig in meinem Sinn, um all das zu erreichen, was er da hatte. Aber dann, am Ziel, da war er nicht mehr mutig. Da kaufte er sich Freunde, und er kaufte sich Leibwächter wie mich, die den Kopf hinhalten sollten für sein Leben.
Es war keine gute Arbeit, wir fühlten uns alle nicht wohl, aber gar nicht so sehr, weil er uns schlecht behandelte. Aber wir spürten alle: Jetzt war die Welt um ihn herum zerbrochen, richtiger ist eigentlich, dass sie laufend am Zerbrechen war. Seine wirklichen Freunde aus seiner Jugend waren zu Feinden geworden, und seine bestochenen Kumpane waren lediglich Speichellecker, jederzeit bereit, ihn auszurauben, falls er Schwächen zeigen würde. Er beschimpfte sie auch regelmäßig, als Trittbrettfahrer, Arschkriecher, je nachdem, wie groß sein Zorn und seine Ohnmacht an diesem Tag geworden waren. Seine Ehen hatten alle nicht gehalten, zunehmend wässrig und böse geworden. Seine Geliebten waren mondän, Egomaninnen, verlogen wie die falschen »Freunde«.
Der Chef war grausam, ein Sadist, und genoss es, andere Menschen zu verletzen, bloßzustellen, zu entwürdigen und zu zerstören. Rachsüchtig war er selbstverständlich auch. Seinen Zorn durfte man sich nicht zuziehen, weil man dann nur mehr auswandern hätte können, aus seinem Wahrnehmungskreis verschwinden, um weiterleben zu können. Sonst wurde man zermalmt, wirtschaftlich, die Reputation, die Familie. Da war er gnadenlos und unersättlich.
Einzig und allein ein Sohn war ihm geblieben, den er so gut kannte, der ihn so gut kannte, dass zwischen ihnen - aus seiner Sicht - keine Lüge war. Herzliche Liebe war allerdings auch nicht zu erkennen, aber eine gewisse Wahrhaftigkeit, die einzig aus der Unmittelbarkeit des Jungen herrührte. Für den Knaben stellte sich die Situation anders dar: Einerseits wusste er, dass sein Vater ihm nichts Physisches antun würde, andererseits litt er sehr unter den Volten seines Vaters: In einem Augenblick wurde ihm unbedingte Liebe zugesagt, wurden gemeinsame Abenteuer, Wochenenden, in Aussicht gestellt. Aber dann lösten sich die Vorhaben in einem Augenblick in Luft auf. Der Vater hatte sein Augenmerk woanders hin gelenkt, die Wünsche des Jungen, seine Versprechen, augenblicklich und vollständig vergessen. Regelmäßig kam es auch dazu, dass der Firmenchef in einem wilden Wutanlauf auf seinen Sohn, losstürmte, erst im letzten Augenblick stoppte, weinerlich wurde und Junior um Verzeihung bat und herzte.
Ein Kind versucht nicht, Ursachen zu verstehen. Junior nahm seinen Vater als das, was er ihm war, und hielt eine vorsorgliche Distanz, was ihm unter dem Drängen seines Vaters nicht leicht viel. Er verglich seinen Vater auch: Mit anderen Männern, mit anderen Menschen. Das, was der Vater zu erreicht haben meinte, konnte ihn nicht beeindrucken, weil es ja selbstverständlich erschien. Aber in scheinbar unerreichbarer, zauberhafter Ferne wuchsen Sehnsüchte, die natürlich ebenso überhöht und verrückt waren wie das Verhalten seines Vaters: »Frieden«, was immer das sein mochte. »Gelassenheit«, »Wahrheit«, »Freiheit«, »Erlösung.« Von vielem träumte Junior, über vieles versuchte er nachzudenken, wenige Freunde hatte er, mit denen er seine Gedanken teilen konnte, schon gar keine Spielgefährten, mit denen er ein Kinderleben hätte erleben können.

Bei seinem Lebenswandel war das nicht verwunderlich: Schon bald spürte der »König«, dass er älter und schwächer wurde. Er wurde zornig, als er bilanzierend feststellen musste, dass er nicht so lange, so viel und so gut gelebt hatte, wie er es eigentlich vorgehabt hätte Deshalb beschloss er, Maßnahmen zu ergreifen, das alles nachzuholen, warum eigentlich nicht, um ewig zu leben. Den Tod - er stellte sich dabei immer eine Art Duell vor - fürchtete er ja weniger als die unvorstellbare Starre, Fadesse, Schwäche und Leere, die ihn im Altern durchdringen würden. Dann würden sie ihn zerfleischen, ausrauben, in die Gosse treten, seine Feinde, seine Mitbewerber, seine »Freunde«. Als Lösung - da er ja ahnte, wissen wollte er es gar nicht, dass er eines Tages sterben würde -, fasste er ins Auge, dass sein Werk, seine Ideen, in den Taten seines Sohnes weiter bestehen sollten. Er sah das durchaus ein wenig so, als dass sein Ich im Augenblick seines Todes auf irgendeine Weise in Junior hineinschlüpfen könnte.
Er begann, einen Plan zu machen, vermeinte, sich zu erinnern, dass ihn Skrupel oft gehindert hatten, schnell zum Erfolg zu kommen. Er rechnete nach, dass alle Deals und Bindungen, die nicht zum Zweck des Erfolgs eingegangen worden waren, nur Geld gekostet hatten. Vermögen hatte er seinen Ex-Gattinen überlassen müssen, und dennoch fürchtete er sie wie versteckte scharfgestellte Fallen. Erinnerungsfetzen an ausgelassene Augenblicke im Sonnenschein hatte er wohl: Wenn man diese Bilder seiner Historie zugeordnet hätte, so wäre zu bemerken gewesen, dass diese Glücksmomente immer in Phasen wirtschaftlicher Stagnation gewesen waren, in Zeiten, in denen er nicht auf dem Schlachtfeld der Wirtschaft gebalzt, gekämpft, reüssiert hatte, in Phasen, in denen er nicht schaffen musste, sich fallen hatte lassen. Aber diese Glücksmomente, so muss er wohl beschlossen haben, die waren ihm nichts wert.
Deshalb traf er - im Zug der Umsetzung seines Plans - die Entscheidung, seinem Sohn, der damals gerade eingeschult werden sollte, eine Ausbildung, ein Weltbild und Werte, mitzugeben, durch die dieser sicher wäre vor solchen Verführungen, Abschweifungen und Schwächen. Er teilte der Schulbehörde mit, dass er seinen Sohn in eine Privatschule geben würde, er beschloss, dass er Prüfungen nach seinem Sinn und Geschmack arrangieren würde, um den solitären Werdegang seines Sohnes keinesfalls zu stören. In seinen Gedanken wuchsen Bilder, die - ein bisschen schamhaft, aber selbst diese Scham wischte er harsch beiseite - bis zur Weltherrschaft - er nannte das natürlich »Führerschaft« und meinte, es wäre ein Geschenk an die Menschheit - reichten.

Als Lehrer engagierte er lauter für ihren Extremismus bekannte Choleriker, Zyniker, Psychopathen. Die hielt er für die wahrhaftigen, lebenserfahrenen und realistischen Zeitgenossen, mit denen er auch klare Deals abwickeln würde können. Zur weiteren »Objektivierung« der Ausbildung seines Abkömmlings wurde ein Gutteil des Wissenserwerbs über Computer und Datenbanken abgewickelt. Damit meinte er, die meisten menschlichen Dusseligkeiten vermeiden zu können, wie wenn die Datensätze in diesen Files nicht durch menschliches Denken un
Handeln entstanden wären. Wegen seiner tiefen Angst vor Gefühlen und scheinbar Unlogischem gab es auch keine Frauen in diesem Ausbildungsprogramm, bis auf eine, die aber ausdrücklich dazu vorgesehen war, alle Angst und allen Schrecken zu verbreiten, den sadistische Übermütter nur verbreiten können. Das alles, um seinen Sohn abzuhärten gegen die Verlockungen des Weiblichen, die Bequemlichkeiten des Weichen, Unscharfen. Was den König gerade zu dieser Rollenbesetzung gebracht hat, können wir nur vermuten, aber dieses Arrangement war nicht wirklich ausschließlich kaltblütig durchdacht. Der König war selbst seinen Gefühlen in die Falle gegangen. Aber das war ja auch nichts Neues.

In den nächsten Jahren wurde Sohnemann also in einem abgeschiedenen und unzugänglichen Internat in den Bergen, das nur ihn selber und die Lehrerschaft beherbergte, eingeschult. Das Essen und alle anderen notwendigen Dinge wurden mittels Seilbahn herangeschafft, ohne dass sich Lieferanten und Internatsbewohner je zu Gesicht bekamen.
Aber hinter den sieben Bergen war ein Dorf, da lebten alle möglichen Menschen. Ich meine, Menschen aller möglichen Arten und Temperamente. Solche und andere.

Wenn man gefallen will oder anerkannt werden, dann ist das ein wenig wie eine Sucht. Es kann auch zur ganz großen Besessenheit werden, ohne dass man es als solche erkennt, und derart Bedürftige haben unterschiedlichste Strategien, ihre Abhängigkeit - für jeweils nur Augenblicke, satt werden sie nicht - zufriedenzustellen:
- Man kann sich verbiegen, um den vermuteten Erwartungen des Gegenübers zu entsprechen.
- Man kann Bestechungsversuche anstellen, zu locken versuchen.
- Man kann Gewalt ausüben, unmittelbar, durch drohende Sanktionen, versteckter, durch Schuldzuweisungen.
- Verbreitet sind auch die verschämten Andeutungen schweren Leidens oder Verweise darauf, dass man nur Bote und Vollzieher einer höheren Macht sei, von Gott beispielsweise, vom Chef oder von seiner Ehegattin.
Wahrscheinlich gibt es da noch einige Spielarten, natürlich kann man sie mischen.
Und das alles machte unser König, der ja nun ohne die Gesellschaft seines Filius leben musste, ohne jeden freundlich gesonnenen Menschen, der ja aber auch nur geliebt werden wollte, und zwar besonders von seinem Sohn. Aber der liebte ihn nicht, den König, dachte der König nach seinen Besuchen im Internat, weil er die Liebe nicht sehen oder fangen konnte. Die Liebe des Jungen war zugegebenermaßen auch keine besonders überwallende und leicht sichtbare. »Warum akzeptierst Du mich nicht, mein Sohn?«, fragte der König immer wieder, weil das seiner Ansicht nach die würdig formulierte Form der Bitte: »Liebe mich doch!«, war.

Auf die aber »königlich« formulierte Frage konnte ihm sein Sohn keine Antwort geben, weil er sie nicht verstand: Er akzeptierte seinen Vater ja, wie er da vor ihm stand, schob ihn nicht weg, hackte ihn nicht um, war nur selten böse auf ihn, was verwunderlich war, weil seine Ungeliebtheit seinen Vater, den König, manchmal in einen furchteinflößenden Zorn trieb, in bedrohliche Wütereien. Seinem Sohn tat er dabei nichts Körperliches an, weil es ja sein einziger Stammhalter war, aber andere Menschen in seinem Umfeld wurden geschlagen und gemetzelt. Er musste seiner Enttäuschung Raum geben, sich abreagieren, der König. Er hatte ja nichts, er war der ärmste und einsamste Mensch auf der ganzen Welt. Aber er konnte ja auch nichts anders machen, weil er sonst sein Königtum verloren hätte, so vermeinte er. Die Wut war sein Werkzeug. Er holte sie im Bedarfsfall herauf, aus der vergessensten Vergangenheit seiner Zornbinkel-Kindheit, und fütterte, koste, nährte sie, bis er explodierte und - aus seiner Sicht - siegte. Zumindest war er verbal laut, lauter, der Lauteste. Die Wut war immer so stark, dass er selber dann zitterte, nach einem Wutanfall. Natürlich war es »gerechter Zorn« gewesen. Natürlich litt er, natürlich versuchte er, sich Rat und Hilfe zu holen, zu kaufen. Aber das änderte nichts.
Man kann ein Pferd wohl zur Tränke führen, aber saufen muss es selber.

Sohnemann - seltsamerweise - überstand die Torturen, denen er ausgesetzt wurde, ganz gut, wenn auch nicht wirkungslos. Vielleicht half es ihm, dass er das, was mit ihm da geschah, nicht als Angriffe auffasste, sondern - mit abstrahierendem Interesse wie ein Naturforscher - als einzig mögliche Lebensart der Menschen, die da um ihn herum waren und auf ihn einzuhämmern versuchten. Er entzog sich der unmittelbaren Zugänglichkeit und Gegenwart, zog sich hinter einen Schutzschild der Zähigkeit und Trägheit zurück, in dem vieles von dem steckenblieb, das ihn verletzen hätte können. Natürlich entwickelte er auch Ticks und Neurosen, sichtbar ein zuckendes Einziehen des Halses, einen unsteten Blick. Er vermied es, seinen Quälgeistern in die Augen zu sehen. Aber letztendlich weiß ich nicht, wie er selber das alles empfand. Er war - für mich unverkennbar - bereit, sein Leben umzustellen, wenn er ein lohnendes Ziel hierfür erkennen würde. Er fragte über Sinn und Grund, sobald er glaubte, Antworten bekommen zu können.
Was sind wohl Neurosen, außer einer letzten Trutzburg gegen den Verlust seiner Persönlichkeitsrechte?

So verlebte der Sohn des Königs seine Jugend und wurde nicht nur körperlich erwachsen, sondern wuchs auch in der Seele, wenngleich um viele Ecken und Kanten herum und langsam. Einige Ausleger der jugendlichen Seelenlandschaft waren überfüllt, dazwischen gab es tiefe Schluchten, Höhlen, Vulkane und Treibsand. Sein Weg in die Gesellschaft würde absehbar schwer werden.

Wenn man an Psychosomatik glaubt und an Gerechtigkeit, dann könnte man verwundert sein, warum der König nicht erkrankte und früh starb. Er tat es nicht, nicht im physischen Sinn.
Wenn man allerdings die Fülle und das Glück eines Lebens als Maßstab heranzieht, dann hatte er ein wenig, ein kaum erfülltes Dasein, ein sinnloses Existieren, in dem nur die Funktion des Mehrwerts von Bedeutung war.
Sofern man an Psychosomatik glaubt, fürchtet man um des Königs Sohn. Für den Fall, dass man an eine höhere Gerechtigkeit glaubt, bittet man diese um seine Freiheit.

Wenn ich hier erzähle, was ich damals gesehen habe, am Hof des Königs, dann vermeine ich, alles in mir selber auch spüren: Den König, seinen Sohn, über dessen Leben wir noch hören werden, selbst diejenigen, die sich abgewandt haben vom König, und auch seine Lakaien und Speichellecker. Wahrscheinlich steckt ein klein wenig von all denen auch in mir.
Seid froh, wenn Euch diese dunklen Seiten keinen Schrecken einjagen!


Der Sohn des Königs hatte an den König die gleiche Frage wie dieser an ihn, wenngleich sie auch niemals so direkt formuliert wurde: »Warum hast Du mich nicht einfach lieb?«, fragte er. Dass er irgendwie geliebt wurde, bezweifelte er ja gar nicht, aber warum es nicht »einfach«, nicht direkt, nicht unmittelbar vom Herzen zum Herzen geschah, das verstand der junge Königssohn, das Managerkind, nicht, und es nutzte nichts, wenn er »zum Ausgleich« die teuersten Geschenke bekommen hatte. Was sind Sachen gegen ein Lachen in Liebe? Eine Antwort bekam er nimmer, weil sein Vater hatte sich mit einem neuartigen Corona-Virus infiziert, der an sich zwar nur bei wenigen Menschen groben Schaden anrichtet; der König gehörte aber zu denjenigen, die den Virus gar nicht vertrugen. Wenn man will, kann man ja an Karma glauben, aber wissenschaftliche Evidenzen werden sich für diesen Mechanismus wohl kaum finden lassen. Psychologische Funktionen mit Karma-Charakter sind vorstellbar, können aber nur wirken, wenn es so etwas wie Gewissen und Moral gibt. Nachdem der König nicht besonders reichlich damit ausgestattet war, wird es bei ihm keine »abschließende Gerechtigkeit« gewesen sein, die ihn hinweggerafft hat, sondern lediglich ein winzigkleiner Virus, wahrscheinlich doch einige Millionen davon. Tatsache ist: Bevor er sich noch vorbereitet hatte, bevor es zu einem Gespräch gekommen war, bevor er in seiner Beziehung zu seinem Sohn erlöst worden war, starb er rasch, wobei ihm sein ganzes Geld und seine ganzen geschäftlichen Verbindungen letztendlich von nur geringem Nutzen gewesen waren. Natürlich hatte man sich mehr bemüht, teuerste und neueste Medikamente eingesetzt. Aber tot ist tot, da ist man dann (zumindest) nicht mehr handlungsfähig in dieser Welt.

Weil der König ein herrischer Mensch gewesen war, der an seine Stärke glaubte, an seine Unsterblichkeit, und auch daran, seine Schätze auf Biegen und Brechen zusammenhalten zu müssen, hatte er in seinem Leben alle Entscheidungen an sich gezogen und auch nicht verfügt, wie es nach seinem Tod weitergehen solle. Er würde ja in seinem Sohn weiterleben, dieser wäre klarerweise sowieso Erbe, würde alles in die Hand nehmen. Aber im augenscheinlichen Machtvakuum, in der Führerlosigkeit nach seinem plötzlichen Exitus, stürzten sich augenblicklich alle, die sich Chancen ausrechneten, wie Hyänen auf sein Vermögen, das er so »differenziert« in verschiedenen Finanzkonstruktionen untergebracht hatte, dass nicht klar war, wie man damit umgehen könnte nach seinem Ende auf dieser Welt.

Um den Sohn hätten wir uns auch zu diesem Zeitpunkt keine materiellen Sorgen machen müssen. Für den war mehr verblieben, als ein glücklicher Mensch in seinem Leben brauchen kann. Aber daran dachte der Sohn gar nicht. Viel wesentlicher war, dass nach Entfall des väterlichen Regimes sein Lehrpersonal zunehmend ausblieb, abbröckelte, weggespült wurde in die muffigen Gossen und ungesunden Habitate, in denen ihresgleichen normalerweise dahinkümmert. Und so war er einsam geworden und Junior herum: Weil ja auch schlechte Gesellschaft zumindest Gesellschaft gewesen war. Neuerdings sagte ihm niemand, niemand schrieb ihm vor, was er zu tun hätte, dem ehemals gequälten und gleichzeitig verhätschelten Kind. Niemand schränkte ihn ein, aber es half ihm auch niemand, und das hatte harte Folgen. Die einfachsten Sachen musste er mühsam erlernen:
»Wie bekomme ich Essen?« »Wie kann ich zur nächsten Stadt kommen?« »Wie kann ich Sachen bekommen?« »Was ist Geld wert?«
Weil er so gar nichts aus dem Leben der »normalen« Leute wusste und konnte, hatte er es schwer: Erkannte man ihn, so wurde er angebettelt, bedroht, verprügelt, und erkannte man ihn nicht, so wurde er gehänselt, ausgelacht und verprügelt. Wenn er nicht so klug gewesen wäre, der Managersohn, dann wäre dieses Lernen noch viel dauer- und schmerzhafter ausgefallen als es dann tatsächlich ablief.

Krankenzimmer-Abendstimmung



Der Leibwächter-Motorradfahrer unterbrach erschöpft seine Erzählung, er hatte laut sprechen müssen wegen der Abstände und Schutzvorhänge zwischen den Betten. Ach die Zuhörer waren erschöpft von den Mühen, der Erzählung zu folgen. Bodyguard und Erwin meinten außerdem, Hunger zu haben.

Karl ließ seine Gedanken treiben und fand die angenehme Muse, unaufgeregt mit ihnen zu spielen. Er hatte die Erzählung genossen. Nicht, dass sie besonders pointiert gewesen wäre, schon gar nicht in der Erzählart des Bodyguards. Auch die Sprachmelodie war keine harmonische, tragende gewesen. Manche Sätze des Erzählers waren wie Bellen, wie Raketenabschüsse. Es gefiel ihm einfach, zuzuhören, und dann war da der Gedanke, dass sich jeder Geschichtenerzähler mit seiner Geschichte wohl ein bisschen hingibt, sich selbst offenbart, hofft, angenommen zu werden. So gesehen waren Geschichten immer etwas Wahrhaftiges, etwas Greifbares. Nicht der Inhalt, sondern der Vorgang des Erzählens als zwischenmenschlicher Akt. So hatte jede erzählte Geschichte auch eine Bedeutung hinter der Bedeutung, war vielleicht eine Liebeserklärung, ein Geschenk, eine Bitte um Verständnis. Jedenfalls war sie so etwas, und man musste es nur erkennen, spüren, annehmen.

Karl dachte an Bodyguard, dass er von diesem schon das Gefühl hatte, dass er sein Herz ausschütten gemocht hatte, dass er gehofft hatte, angenommen zu werden, auch in dieser Welt, in der Welt außerhalb des Bodyguard-Universums.
Da war ein Wort gewesen: Hoffen, die Hoffnung. »Glaube - Liebe - Hoffnung«:
Die Liebe war ja akzeptabel, und würde man sie nur mit Leben, Überleben assoziieren.
Aber Glaube? Man kann auch zu verstehen versuchen.
Hoffnung? Man kann auch die Realität zu sehen versuchen.
Beides nicht seines! Er wollte sich ein wenig ärgern, wie die Kirche da einfach Begriffe zusammengewürfelt hatte, vermutlich um sie sakrosankt zu verknüpfen. Er dachte an düstere Vorzeiten, das Mittelalter, Kriege, alle Nöte, in denen diese Begriffsdreifaltigkeit den Menschen geholfen haben mochte. Er schalt sich einer unangebracht gnadenlosen Strenge. Er musste still lächeln und wurde ernst, als er seine Hoffnung fand, gesund zu werden.
»Berechtigte Hoffnungen«: Sollte das irgendwas mit Stochastik, das ist die Lehre vom Zufall und von Wahrscheinlichkeiten, zu tun haben. Da gibt es ja viele Irrtümer und auch viele ungeklärte Fragen: Kann man die Welt berechnen oder gibt es Zufall und damit Freiheit? Wegen irrtümlicher Annahmen der Berechenbarkeit stürzen sich Spieler ins Unglück. Die Menschen umgehen Corona-Kontakt-Regeln und glauben dabei, sie stünden mit ihren getroffenen Freundinnen und Freunden außerhalb der jeglicher Risikogruppe. Gefürchtet wird dabei nicht das persönliche Risiko, auch wenn es noch so niedrig ist, sondern offenbar ausschließlich die strenge Hand der Polizei.

Karl war im Krankenhaus. Ihn hatte es erwischt. Nun hoffte er, gesund zu werden. Plötzlich viel ihm ein, dass die Hoffnung, neben der Liebe, eine gute Grundlage für Betrügereien ist, vom Wahrsager über die Handleserin bis zur neuen germanischen Medizin. Einem Ortsbewohner, so hatte er erst vor Kurzem erfahren, hatte ein Herr Ryke Geerd Hamer, Protagonist der Germanischen Neuen Medizin und 2017 selbst verstorben, dass dieser Mensch einem Krebskranken, austherapiert, eine erkleckliche fünfstellige Euro-Summe abgeknöpft hatte, bevor dieser natürlich, hoffentlich aber nicht mit Selbstzweifelnd, verstarb. Hoffnung kann also wertmäßig beziffert werden, und Karl stellte sich vor, nicht zu hoffen. Um nicht enttäuscht zu werden.

»Wie eigenartig«, erzählte Karls Geist, nachdem dieser Gedanke auskristallisiert war, seinem Herzen: »Wie eigenartig: Hier, in diesem Krankenhaus, hingeworfen von einem winzigkleinen Virus, der noch nicht einmal ordentlich lebt, verkehren sich die Werte der Welt. Hoffnungen, die doch nahe an der Realität zu liegen scheinen, werden zu Betrug und Selbstbetrug. Aber es tut gut, zu hoffen. Und Geschichten, von denen man gern meint, sie wären nur für Kinder, erlangen Inhalt und Gewicht in mehrfacher Weise. Wie seltsam, wie erfreulich! Ich werde Bodyguard danken und ihn bitten, weiter zu erzählen. Ich werde achtsam zuhören, was ich denn alles noch lernen kann.«

Karl fühlte sich ganz bei sich selbst. Rückblickend erschien es ihm, als hätte er lange Phasen in seinem Leben verschlafen und vermurkst. Er schlief froh ein, in diese beginnende Nacht hinein.

Der Mut eines Königs - Teil 2


Der Prinz lernt die Liebe

Ein Morgen ist sehr geschäftig im Spital: Visite, Medikation, Festlegung des Behandlungstages, eventuell Behandlung im Zimmer, Umbetten, Frühstück. Die Reihenfolge kann variieren, manchmal überlagern sich die Frühstück und Visite, was hungrige Patienten schon verärgern kann. Wenn man Glück hat, verlangt ein Bettnachbar nach einer Leibschüssel. Dem Karl war das alles fast egal, weil er hatte ja auch keinen Hunger. Gut geschlafen hat er, aber er war noch ein bisschen tiefer in sich hinein versunken, sah kaum noch aus den Augen, und der Herzschlag stockte zunehmend. Er wollte nur die Geschichte weiter anhören, heute, und als Ruhe eingekehrt war im Krankenzimmer, fragte der Riese von sich aus, glücklicherweise, fast, als wäre es ein Geschenk an Karl,, ob er denn weitererzählen solle. Sie wollten das alle. Und so holte der Bodyguard bedeutsam Atem und sprach (natürlich wieder als Destillat, als Essenz an Sie weitergegeben):

»Der Managersohn wurde natürlich laufend betrogen, und nur dem Umstand, dass er vorsichtig zu sein versuchte, hatte er es zu verdanken, dass er dabei nicht allzu viel verlor, vor allem sein Leben behielt. Er wusste nicht, wie Freundschaft funktioniert, obwohl er spürte, dass es sie geben müsse, und wurde schlecht beraten, betrogen, vorgeführt, verspottet.
Er hatte sich zeitlebens nach Elternliebe gesehnt, nach der Liebe seines Vaters, die er nicht in einer Form erhalten hatte, dass er daraus lernen, daran wachsen hätte können. Nichts wusste er von dieser selbstverständlichen Liebe, in die Lebewesen für gewöhnlich hineingeboren werden. Und noch viel weniger wusste er, wie die Liebe zwischen Partnern funktioniert. Diese Liebe mit Begehren, mit Hingabe, mit Verschmelzen, mit Selbstvergessenheit, die so aufwühlend glücklich machen kann. Jedes Mal, wenn er ein hübsches Mädchen sah, wenn sie ihm in die Augen blickte, zurückblickte, seinen Blick fangen konnte, dann drückte sein Herz und schien gleichzeitig zu explodieren, der Boden wurde weich und er schien zu schweben.
Weil er viel gelernt hatte, weil er in den letzten Tagen gelernt hatte, vorsichtig, sehr zurückhaltend zu sein, war er vorsichtig und zurückhaltend und versuchte, das Leben und die Liebe zu lernen. Dass es mehr geben müsse an Zwischenmenschlichem, an Welt, als er zu diesem Zeitpunkt kannte, das war ihm selbstverständlich. Und da er keine Freunde hatte, die ihn einführen hätten können in diese weitere Welt, mit denen er quasi üben hätte können, nahm er sich das Fernsehen, Zeitschriften, Bücher heran. Eines fiel ihm rasch auf: Es waren Geschichten, allesamt, die jeweils damit endeten, dass der geläuterte Abenteurer sein Glück finden konnte, dass sich die Liebenden nach allerlei Klamauk und/oder Herzschmerz dann fanden. Wie das wohl weitergehen mochte, das Leben des Glückspilzes oder der Liebenden?
Frauen wurden ein wenig dümmlich dargestellt nach seinem Dafürhalten. Mit Schmuck könnte man sie gewinnen, mit Parfum und Schokoladen, gelackten Wörtern. Aber die Männer kamen auch nicht viel besser weg: Ein Held der Pomade am Tropf eines Baumarkts, der im Projekt des Autoputzens seine Erfüllung findet, wollte er auch nicht werden. Überhaupt hatte er den Eindruck, dass überall nur Köder ausgelegt würden. Mit Ködern versucht man, etwas zu fangen. Liebe kann man nicht fangen, nicht erzwingen.

In der Nacht träumte er von einem Riesen, einem Riesen wie aus behauenem Sandstein, ohne genaue Züge, einem Golem, einem Osterinselriesen, der starb. Der Riese lag sandsteinbraun auf hellem Sand, in dem hie und da Pflanzen sprießten, die sich um den gefallenen Körper zu schlingen begannen, und atmete schwer und traurig. Dieser Gigant stand wohl, für seinen Vater, der Traum bezog sich wohl auf das Sterben des Papas.
Er, der Sohn fragte im Traum: »Kann ich Dir irgendwie helfen? Brauchst Du etwas? Kann ich etwas für Dich tun?«, und er war ein bisschen traurig, aber auch erstaunt, dass er nicht in Aufregung verfiel.
Der Titan streckte ihm nur die Hand hin und atmete schwer. »Danke!«, hauchte der Riese. Dann wurde der Traum unscharf, während des Erlöschens. Und dann, nachdem sein Geist, seine Seele, hinweggegangen waren, begann der Riese zu zerbröckeln, in lauter kleine braune erdnusslockige Krumen, in Summe viel weniger Volumen, als sein Körper lebendig eingenommen haben mochte. Auch die Hand des Riesen, die er gehalten hatte und noch immer hielt, diese Hand wurde starr und kühl und zerfiel, und die Krumen waren trocken und weich und unerwartet warm in der Hand des Sohnes. Der ließ die Krümel, die er nicht halten hätte können, zu Boden rieseln. Er gab sie frei. Er konnte nichts festhalten, er hielt nichts fest und wusste gleichzeitig, dass er sein eigenes Leben würde leben müssen. Ohne Zuflucht, ohne Hilfe, ohne Vorbild.
Aus der Mitte des Krumenhaufens, aus den Überbleibseln des Riesen, wuchs rasch eine Blume mit einer einzigen Blüte. Wie eine weiße Tulpe mit gelben Blütenblattspitzen, mit dunkelgrünem Stiel, mit dunkelgrünen Blättern, wie gemalt. Ein seltsamer Traum, in dem er wusste, dass er träumte. Im entfernten Traumhintergrund wurden Umarmungen beworben (»free hugs!«), um den Umsatz eines Versandhändlers anzukurbeln. So wollte sich das Unternehmen präsentieren. Ob man die Vorstände wohl umarmen wollen würde?

Der »Prinz« erwachte ausgeruht und voller Kraft und Zuversicht und konnte sich an die Tulpe, an den Tod des Riesen genau erinnern. Er spielte mit Traumdeutungen und sinnierte, der Riese, sein Vater, müsse doch wenigstens Irgendetwas Gutes hervorgebracht, zumindest verursacht, haben, und so sei es wohl nun seine Sache, dieses Gute zu finden und zu hegen und zu pflegen und wachsen zu lassen, zur Ehre - und/oder Rehabilitation - seines Vaters, als verantwortlicher Erbe seines Vaters. Von außen besehen wurde in dieser Zeit sein Auftreten bestimmter, eloquent. Er hatte ein Ziel, klare Sicht. Er fühlte sich gut.

Unmenschlich war sie zwar gewesen, seine Kindheit, seine Ausbildung, aber die Regeln der raubtierhaften Weltsicht, aus der sie entsprang, hatte sie ihm gut vermittelt. Und so gelang es dem Königssohn, allen Hyänen in seinem Umfeld zum Trotz, doch große Teile des Vermögens seines verstorbenen Vaters »zurückzuerobern«, wenn wir seine Finten so nennen wollen. Damit wurde sein Sportsgeist befriedigt, am Geld an sich lag ihm nichts. Er fragte sich vielmehr, jetzt, da er selber entsprechende Methoden praktizierte, welche Verbrechen hinter dem Vermögen seines Vaters stecken mochten. Irgendwann würde er mit den zusammengerafften Besitztümern etwas Sinnvolles, Gutes machen, vermerkte er in seiner vagen Vorhabensliste. In der Gegenwart lebte er durch die Selbsterfahrung seines Könnens und Wertes auf, doch verhielt er sich weiterhin ruhig und bedeckt. Man hätte sagen können: Er war unberührbar.
Es gab Menschen, das hatte er aber in den letzten Monaten gelernt, die waren irgendwie anders als diejenigen, die er in seiner Kindheit, Reifezeit, kennengelernt hatte: Irgendwie geradlinig, irgendwie sauber und vertrauenswürdig, und sei es nur im Zug eines Geschäfts, einer bezahlten Hilfestellung. Es gab auch Menschen, Angestellte seines ererbten Imperiums, die halfen ihm, weil sie - so vermutete er - nichts gehabt hätten im Leben, wenn er nicht gewesen wäre, keinen Antrieb, kein Ziel und keine Sicherheit. »Der König ist tot, es lebe der König!«, kramte er aus seinem Wissenskanon hervor, füllte er mit einer, seiner Geschichte. Und so lebte er Tag für Tag, wobei der Wille, Gutes zu tun, stetig anwuchs.

Man könnte da versuchen, eine Chronologie seines Lebens in dieser Zeit zu rekonstruieren, man könnte auch einfach einiges Anekdotisches aus seinem Tageslauf zum Besten geben. Aber sie werden sich auch so vorstellen können, wie sein Leben verlaufen sein mag in jenen Zeiten. Vielleicht liegt sogar ein besonderer Reiz darin, sich das vorstellen zu müssen, ein wenig dabei in die Haut unseres Protagonisten zu schlüpfen. Hier soll nur das Wesentliche erzählt werden. Damit ist diese Historie irgendwie genau andersherum angelegt wie ein Actionfilm, ein neuerer Actionfilm: Im Film gibt es einleitend eine Personen- und Problemvorstellung, anschließend zehn Minuten lang eine opulente Actionsequenz mit tollen visuellen Effekten, dann wieder zwei Minuten Kausalität und Motivenbericht, dann wieder 15 Minuten Action, und so geht es fort bis zum Actionfinale. Am Schluss kommt noch eine Minute Triumph plus ein wenig Wehmut. Der Protagonist/seltener noch immer die Protagonistin, mit dem/der man Fortsetzungen drehen möchte, verliert seinen im Film gewonnenen neuen Lebenspartner, um für neue Abenteuer und die Projektionen seiner Fans offen zu bleiben.
In meiner Erzählung liegt das Schwergewicht auf den Beweggründen, Gefühlen, Folgen, persönlichen Veränderungen. Den Rest können Sie sich gerne nach eigenen Vorlieben zurechtlegen. Kleine Wunden - das wissen wir ja - heilen wieder und haben kaum längerfristige oder bedeutsame Folgen. Obwohl ein blaues Auge oder eine gebrochene Nase oder Filzläuse schon Folgen nach sich ziehen können, allerdings kaum als Sachverhalte an sich.

Wenn man - wie unser kleiner Prinz - mit wachen Sinnen und offenem Herzen durch die Welt geht, dann ist es unausbleiblich, dass man Gutes erlebt und Gutes tut. So geschah es auch dem Königssohn: Eines Tages fand er eine kleine Katze in seinem Garten. Er kannte Katzen. Er spielte ein wenig mit dem kleinen Stubentiger, warf ein Stöckchen, was die Katze nur kurzzeitig interessierte, warf einen Stein, der gar nicht interessierte, wackelte mit der Ähre eines langen Ziergrases, was schon eher interessierte. Und so spielte er mit der Miezekatze, ohne Zeit in einer ewigen Gegenwart, voller Vertrauen zum Kätzchen. Ein wenig Bedauern spürte er, dass dieser schöne Nachmittag zeitlich begrenzt sein würde, und als es Abend wurde und er ins Haus ging, schaute er noch mehrfach nach, ob das Tier noch da wäre.
Das Kätzchen blieb weiter im Garten, und als er die Terrassentür einen Spalt weit aufschob, kam es in Haus. Er fütterte mit etwas Wurst und verdünnter Milch und überlegte, dass er den oder die Besitzer(in) suchen würde, morgen, und das machte ihn ein klein wenig traurig, insbesondere, da die Katze ihn anschnurrte, tief in die Augen sah und um seine Füße, später - vom Schoß aus - um sein Kinn strich.
Er überlegte, ob es da so etwas wie Zuneigung geben könnte, ob es vielleicht nur ein angelerntes Verhalten war, um menschliches Wohlwollen, menschliches Futter zu erhalten. Letztendlich befand er, dies sowieso nie endgültig wissen zu können, sich daran erfreuen und sich selbst im Augenblick vergessen zu wollen, und dieser Befund fühlte sich an wie ein leichter Gleitflug. Obwohl er genau so folgenreich war wie eine in vollem Ernst und voller Gewicht getroffene Entscheidung. Eine weiche Landung in eine milde Nacht hinein.

Die Katze gehörte niemandem, niemand Auffindbaren, und so beschloss er, sie zu adoptieren. Die Katze war auch einverstanden, und so lebten sie zusammen, spielten jeden Tag ein bisschen (die Katze war da ziemlich anspruchsvoll). Er fütterte das Tier (die Katze war da ziemlich anspruchsvoll), und sie kuschelten und schmusten, wobei er, der aus dem Schatten seines Vaters tretende Erbe, die Welt um sich herum vergessen konnte und einfach glücklich war. Sie waren gleichberechtigt, die Katze und er, aber das war auch einfach, weil er mischte sich nicht in ureigenste Katzenangelegenheiten, und die Katze interessierte sich für das, was in seiner Welt wichtig schien, schon ganz und gar nicht. Sie hieß selbstverständlich »Muzzi-Katze«, sie war eine Schönheit, weiß mit braunen Flecken oder braun mit weißen Flecken, und jeden Tag freute er sich darauf, sie zu treffen.

Muzzi-Katze war eine erste Liebe, und die Welt war schön, der Himmel blauer, die Luft lauer, das Graus grüner.... Sie wissen schon. Und der »Königssohn« wurde weicher und liebenswürdiger und fühlte sich gut dabei.

Wie alle Katzen begann Muzzi-Katze mit zunehmenden Alter - wir reden hier von einigen Wochen, die Kindheit von Katzen scheint kurz zu sein - im Freien herumzustreunen. Doch jeden Abend lockte er sie ins Haus, fütterte sie, spielte und schmuste. Manchmal kam die Katze auch nicht, doch als es dann Winter zu werden begann, kälter wurde, erwarte Muzzi ihn meist vor der Terrassentür, indem sie Runden zog, sich am Türrahmen rieb, streckte, schnurrte, manchmal kurz und leise miaute.

Es wurde kälter und kälter, und eines frostigen Abends kam Muzzi nicht. Er rief nach ihr. Sie kam nicht. Er beschloss, später nach ihr zu rufen. Er rief einen Augenblick später nach ihr, sie kam nicht. Er suchte, ging runden, lockte. Er ging, sich aufzuwärmen, ins Haus. Er rieb seine kalten Hände, er trank einen heißen Tee. Noch einmal wollte er nach Muzzi rufen, später, doch er schlief ein, ermattet, vor dem Fernseher, beim Lesen, wir wissen es nicht.
Als die Katze auch am nächsten Morgen nicht vor der Terrassentür wartete, begann er sie systematisch zu suchen. Er meldete sich in seinem Sekretariat. Er wäre heute nicht verfügbar. Er werde alles baldigst nachholen. Er suchte, er zog größere und größere Kreise, voller Sorge, versuchte, sich in Muzzi hinein zu versetzen, ihr Handeln zu erraten. Er suchte geordnet. Er suchte nach seinen Intuitionen. Nichts! Wieder war ihm kalt geworden, und er ging ins Haus. Er aß ein paar Bissen, versuchte, sich aufzuwärmen, und verlor sich einige Zeit in der Ordnung seiner täglichen Angelegenheiten: E-Mails, Neuigkeiten, doch einige Telefonate. Am früh einsetzenden Abend begann er wieder zu suchen. Er hatte eine starke Taschenlampe mit.
Er fand Muzzi in einem trockenen Schilfgestrüpp an einem nahen Bach. Sie war stocksteif gefroren, erfroren. Die Augen waren offen, doch es war kein Leben in ihnen. Der Nachthimmel war blauschwarz und so klar, dass das Licht der Sterne allein genügte, die Landschaft auszuleuchten, den Raureif, letzte Schneeflecken aus den Vortagen, das Schilf, die tote Katze. Der Nachthimmel war so klar und tief und kalt und übermächtig, dass das Grauen, das dort und jetzt im Augenblick steckte, ihm gnadenloser erschien als alles andere auf der Welt. Er schluchzte wild, als er den toten Körper aufhob, zum Haus trug und in eine Schachtel legte. Eingraben wollte er Muzzi am nächsten Tag. Seine Geschäftigkeit in der Planung drückte die Trauer nieder. Und in dieser traurigen Geschäftigkeit konnte er überraschend einschlafen.

Am nächsten Tag erwachte er mit der Frage nach seiner Schuld. Er fand nichts Greifbares. Dostojewski fiel im ein, »Schuld und Sühne«, und nach der Bestattung Muzzis suchte er das Buch heraus, um nachzuschlagen. »Sühne« könnte die Unschuld der Seele wiederherstellen, hatte er vermutet, gefragt. In dieser Richtung spann er seine Gedanken nicht zu Ende. Wie ein unvollendetes Strickbündel ließ er sie einfach liegen, diese Schuld-und-Sühne-Gedanken. Es war kein vergessendes Liegenlassen, es war eher ein angewidertes Beiseitelegen, nur so tun, als hätte man vergessen.
Er las im Buch, und die Geschichte erfüllte ihn. Das war im Augenblick genug und beruhigte ihn. Sein Willen jedoch, etwas Gutes zu tun, jetzt auch irgendwie als »Sühne«, wurde in der Folge der Ereignisse stärker, viel stärker.

Über die kommenden Wochen überfielen ihn zu ganz unerwarteten Anlässen, aus dem Nichts heraus, Trauer, ein Stockschluchzen, Schütteltränen, und das Gefühl tiefer Liebe und Dankbarkeit.
Er hatte ja nicht gewusst, was sie ist, die Liebe, wie sie ist, die Liebe, obwohl es ein Thema gewesen war mit seinem Vater.
Muzzi-Katze hatte ihm die Liebe gelehrt. Und den Kummer.

Weihnacht

Das Jahr neigte sich dem Ende zu, das Wetter war wechselhaft, aber immer zu warm, immer nebelig, und die Weihnachtsfeiertage standen vor der Tür. Der Königssohn war unbestimmt ein wenig traurig. Muzzi-Kastze war nicht mehr. Das war seine standfeste Startposition für einen ordentlichen Weihnachts-Herzschmerz. Wenn er an vergangene Weihnachten zurückdachte, dann waren diese Festtage nie besonders erhebend gewesen. Ja, Geschenke hatte er massenweise bekommen, aber was sind schon Geschenke, wenn sie nur Masse und Geldwert heben.

Covid 19, die durch das Coronavirus hervorgerufene Erkrankung, plagte die Gesellschaft um diese kommenden Weihnachten des Jahres 2020 herum sehr, eigentlich plagten in erster Linie das Nicht-Wissen, die widersprüchlichen Informationen und die Unsicherheit über den Fortgang der Dinge und die Gegenmaßnahmen selbst. Und gerade jetzt, vor den Festtagen, für die die Regierung konzentriertes Unlustigsein vorgesehen hatte (es wusste ja keiner mehr, was jetzt schon verordnet, was nur angedacht war oder in Diskussion stand), gerade jetzt, vor den Feiertagen wurde von einer neuen Mutation des Virus berichtet, die noch viel ansteckender sein sollte als der gute alte Coronavirus. Das passte zu anderen Verrücktheiten dieser Tage wie die Faust aufs Auge, und er wunderte sich in keiner Weise, dass viele Menschen zunehmend an einen großen Verschwörungsplan glaubten. Evident wirksame Medikamente oder Immunisierungen gab es zu dieser Zeit noch nicht, dafür Todesangst nur vor dem Virus, nicht vor der Impfung. Und eben ein wenig vor den Folgen einer Weltverschwörung.

Einen für eine solche Intrige notwendigen, großen, umfassenden Plan hielt Junior für unwahrscheinlich: Zu viele Mitwisser, zu viele notwendige, voneinander abhängige Lügen, um eine solche Gaunerei im Verborgenen zu halten. Und wem sollte ein solchen Plan nützen?

Es gab keine vereinheitlichte Spur des Geldes, des großen Geldes. Geschäfte mit Tests, Impfstoff, klar, aber ebenso auch Geschäfte mit Verschwörungstheorien, später auch noch mit gefälschten Impfzertifikaten Demonstrationstourismus. Dazu gab es, wie immer in Umbruchszeiten, viele kleine Betrugsmanöver, persönliche Schweinereien, die Entrüstung der Scheinheiligen, die willkommene große Erzählung, um kleinere Lügereien und Betrügereien dahinter zu verstecken.

Aber in dieser verrückten Zeit, die mehr eine Zeit der Verrückten war, wäre es auch leicht möglich, dass sich in den Wirrnissen und Machtverwerfungen der auseinanderfallenden Einzelinteressen ein großes Böses ergeben könne, glaubte auch er, und es machte ihn traurig. Er hatte gelernt, man hatte ihn gelehrt, solche Situationen zur Vergrößerung eigener Macht einzusetzen, grinste er bitter und zynisch. Angst machte ihm selber nichts, wovor sollte er, mit den ganzen Möglichkeiten, die ihm in den Schoß gefallen waren, Angst haben? Aber traurig war er, wurde er immer mehr angesichts der bevorstehenden Feiertage, der Tage, an denen man froh feiern sollte: Tieftraurig!



Werkstoff, Werkzeug, Training und Geduld

»Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen!«
Aus einem (wohlgesonnen gedeuteten) Gesamtzusammenhang gerissen wird Wittgensteins Anmerkung in imperativer Lesart zur wichtigtuerischen »Wortwuchtel«. Sie ist mir eingefallen in meinen Überlegungen, wie ich denn weiter berichten könnte über die Entwicklung des »Königssohns«. Es begannen ihn nämlich existenzielle Zweifel zu quälen, man kann auch sagen, sein Selbstwertgefühl begann »zum Thema zu werden« und rasant abzurutschen. Und davon kann ich schlecht sprechen, weil ich - bei mir - das so übel nicht kenne oder zumindest nicht so spüre. Ich kann traurig sein, freudig erregt, zornig, ängstlich, borniert, gespannt. Ich kenne diese Gemütslagen alle, und ich weiß, dass sie immer vorübergehend sind. Ich verzeihe mir deswegen auch meine Stimmungen, die man auch Launen nennen kann, die ich nicht für so toll halte. Sie werden vergehen. Ich werde wieder Frohsinn und Freude sprühen, manchmal zumindest, denk ich zumindest.
Eigentlich könnte man über alles, was einem - in unseren begünstigten Lebenssphären der sogenannten »Ersten Welt« - widerfährt, froh sein. Bis zum tatsächlichen und endgültigen Lebensende ist in unserer jetzigen Ära nichts Alltägliches potenziell lebensgefährlich.
Und Stimmungen? Na und! Kann man denn Freude genießen, ohne Trauer zu kennen, Frieden ohne Wut, Mut ohne Angst? Diese Emotionen bewegen das Leben, und unsere Erdenzeit ist ein einmaliges Geschenk. Wir haben nur diese eine »Ich-Inkarnation«, als die wir uns fühlen, wir sterben sowieso, und deswegen lohnt es sich, so wirklich, ordentlich, exzessiv, achtsam, aufmerksam, wild und gefühlvoll zu leben. In sich selbst und aus sich selbst und mit anderen Menschen und der ganzen Welt. Stimmungen sollte man nicht ernst nehmen, üble Laune nie zur Triebfeder seines Handelns werden lassen.

Wie es unserem Protagonisten genau erging, das weiß ich nicht. Ich werde jetzt also nur berichten, nur akribisch zu beschreiben versuchen, dass (und wie) der »Königssohn« in eine Gefühlslage geraten war, in der er sich der Begegnung mit der Außenwelt nicht mehr gewachsen fühlte, als zu schwach, zu unwert. Er schien auf dem Weg zum Erlöschen, auf mehreren Lebensspuren gleichzeitig, doch ich weiß auch hierzu nichts im Detail. Ich weiß beispielsweise, dass er an sich zweifelte, und diese Zweifel Basis und Auslöser für weitere Zweifel waren. Es ging ihm offenbar richtiggehend schlecht. Ich kann mich nicht hineinfühlen, in diese ewigzähe stumme Tortur, allenfalls um Anteilnahme bemüht, doch nicht als Mitwissender, nicht als quasi »fachkundiger« Beobachter, nicht als auch nur irgendwie authentischer Kommentator. Und trotzdem will ich berichten:
Das abbröckelnde Selbstbewusstsein des Jungen hatte seine Wurzeln in dem Umstand, dass ihn sein Vater weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten hatte, sodass er sich nicht in Beziehung zu anderen Menschen sehen und ausprobieren konnte. Als Gegenüber verblieb ihm über seine Jugend nur seine ausgesucht böse Lehrerschaft. Neben diesem verderbenden Einfluss bezog er sein Weltbild lediglich aus den Vexierbildern der Medien und des Internets, die die Mauern der Zensur, die sein Vater um ihn herum errichtet hatte, passieren hatten können, und den Fantasien, die er sich aus eigenem Drang, gemischt mit allen Schablonen, die man ihm eben vorsetzte, zusammengebastelt hatte. Natürlich wusste er um die Einschränkung und Manipulation der Informationen, die ihm zugänglich gemacht worden waren. Seit dem Tod seines Vaters, seiner »Befreiung«, versuchte er deswegen, all das Wissen, all das Erleben nachzuholen, von dem er glaubte, dass es ihm vorenthalten worden wäre.

Zum Lernen und Lehren fällt mir der Dualismus »Werkzeug« und »Werkstoff« ein. Das »Werkzeug« ist die Kraft des Geistes, mit der die »Werkstücke«, eben alles, wie wir die Welt erleben, wie wir dem Leben begegnen, aus dem »Werkstoff«, den Möglichkeiten, gestalten. In einer guten Ausbildung muss man wohl alles zu beherrschen lehren. Zu viele »Werkstücke« in kurzer Zeit kennenzulernen, vermüllt vielleicht den Geist, der dadurch möglicherweise unzureichend als »Werkzeug« herangebildet wird. Doch Wissen braucht man auch über den Stoff und das Stück, den Inhalt und die Form?

Des Königssohns Geist war wohl geschult worden, logisch, scharfsinnig, ohne jedes Weltvertrauen, zum zynischen Umgang mit Allem. Ja, wirklich: Mit Allen und Allem! Und die Werkstücke, dieses »Alles« waren alle mit Mängeln und Schmutz belegt worden von seinem Vater, von seinen Lehrern. Die Werkstoffe waren Plunder, unwerter Schrott, der Wert konnte nur von Ihnen, den Gestaltern, den Herrschern, von ihm, dem Erbfolger, kommen. Wahrlich keine schöne Welt, die so nicht stimmen konnte, wusste Junior, aber er hatte auch kein Maß, wie sie anders sein könnte. Er hatte immer versucht, über seine Gefängnismauern hinauszuschauen, und seit er frei war, arbeitete er vehement, doch ohne Führung, an seiner Welterkenntnis. Er war allein dabei, ohne Gefährten, ohne bekannte Dimensionen und Einheiten, ängstlich, sich zu blamieren, vorsichtig, nicht betrogen zu werden, leider aber mit verfälschtem Werkzeug in einem Meer von Werkstücken und Werkstoff, ohne jede Vorselektion, ohne gesellschaftliche Resonanz.

Es ist möglicherweise ein interessanter experimenteller Ansatz, im Wertesystem eines Menschen die Beweggründe von Goethes Werther unmittelbar neben diejenigen eines Rocco Siffredi zu stellen. Im Alltag müht man sich mit einem solchen Moralkanon einigermaßen ab mit einerseits den Spießern und andererseits den Verrückten, die man damit anzieht.

Bei aller Vorsicht, die der Nachfahre des »großen Manager-Mannes« zu pflegen meinte, sprang er so von Fettnapf zu Fettnapf, ohne dass man ihn allerdings für verrückt gehalten hätte, für bipolar gestört vielleicht oder von einem Asperger-Syndrom gezeichnet. Man entschuldigte ihn nicht, man hatte kein Verständnis für ihn und kein Mitleid mit ihm, und so kam es, dass er gleichzeitig einem heftigen Liebeskummer und der Steuerfahndung verfiel.

Die Geschichte mit dem Liebeskummer ist schnell erzählt:
Er traf ein Mädel, wunderschön, und wahrhaft herrlich anzuseh´n.
Er dachte: Schönes ist auch gut, wie allgemein man denken tut (auch wenn man nicht »Tun« sagen tut).
Doch das Mädchen war so nicht. Sie war vielmehr ein Bösewicht
und nahm sein Herz und Dies und Das, und machte sich den eig´nen Spaß.
Mit ihm, das war ihr Freude wenig,
auch herrschte er nicht wie ein König.
Drum nahm das Mädel einen Andern
und Juniors Geld und Herz.
Dem blieb nur Schmerz.

So einfach, plausibel und vorhersehbar, wie sich das für Außenstehende anhört, war es für unseren kleinen Prinzen natürlich nicht: Im Verlieben litt er schon am Druck auf sein Herz durch das Viele, was er sagen wollte, wie er lieben wollte, wie er es sich nicht getraute, wie er es auch nicht in die ihm passenden Worte hätte fassen können.
d litt er daran, dass er die ersichtlich ambivalenten Entscheidungen und Handlungen seiner Angebeteten nicht verstand und sich nicht aus sich herauszugehen getraute, seine Wünsche zu artikulieren.
Später litt daran, zurückgestellt, abgestellt und ins Abseits gestellt zu werden. Er litt daran, sich dabei selber zu verlieren, jegliche Achtung vor sich selber, jegliche Hoffnung und alles Vertrauen.

Wir kennen alle solche Geschichten und haben schon unzählige Bücher darüber gelesen und Filme darüber gesehen. Möglicherweise hatte Junior das auch, aber er hatte bislang keine eigenen, ihm glaubhaften Erfahrungen gemacht. Er kannte den Herzschmerz von Muzzi-Katzes Tod, doch der war ein anderer, die Katze hatte ihn geliebt, eine höhere Macht hatte sie auseinandergerissen.
Das hier jetzt? Kein Verlust, eine Zerstörung, eine Entwertung seiner Person und seiner Welt.
Er war noch nie im Liebeskummer von Freunden aufgefangen und getröstet worden, weil er keine Freunde hatte, ja nicht einmal wusste, was Freunde sind. Richtige Freunde, meine ich, nicht Kriecher, auch nicht noch so ehrbare Geschäftspartner.
Ich denke, Sie wissen, welcher Gemütszustand des Jungen hier beschrieben wird.

Die Geschichte mit dem Finanzamt war auch steretotypisch: Er war nicht in eine Falle gelockt worden. Man hatte ihn nicht irgendwie geködert und in keinem großen Coup über den Tisch gezogen. Vielmehr hatte jemand aus seinem Vertrautenkreis, kein wirklicher Freund, bei Auslandsgeschäften Betrug mittels falscher Reverse-Charge-Buchungen ins Werk gesetzt und sich selber bei Ankündigung einer Steuerprüfung abgesetzt.
Übrig blieb Junior, dem man in sein schon gebrochenes Herz in gefühlvollem Behördendeutsch ergänzend die Androhung einer immensen Steuernachzahlung und Steuerstrafe inkl. Gefängnisaufenthalt hineinhämmerte, sodass sein Mut ganz klein wurde und das gebrochene Herz fast zu schlagen aufhörte.
Mit seinen Gefühlen hatte er schlecht umzugehen gelernt, sein ganzes Leben lang, nur mit seinen Gedanken, und das auch nur vorgeblich. Er suchte und dachte und dachte und suchte und ging davon aus, dass sein Denken, das Werkzeug seines Denkens, doch auch die Werkstücke seiner Empfindungen schmieden können müsste. Sooft er sich aber in seine Gegenwart zu rufen versuchte, dass er die aktuelle Krise wahrscheinlich meistern würde können, sooft überfielen ihn Zweifel und Sorgen.

Wenn man Geist, Seele und Körper als jeweils eigene Objekte sehen möchte, dann ist wohl das Denken ein Werkzeug der Gefühle. Wir brauchen uns ja nur daran zu erinnern, was alles wir alle daran setzen, glücklich zu werden. Die moderne Neuropsychologie weiß aber mittlerweile, wie sehr die drei Bestandteile Geist-Gefühl-Körper miteinander verschaltet sind. Es sind ganz und gar wir selber, es ist unser vereinheitlichtes Ich, dass da durch Raum und Zeit fizzelt. Sorgen machen den Körper krank, den Geist schwach.

Wenn wir uns jetzt wieder den Sohn des verstorbenen Manager-Königs vor Augen rufen, so war dieser im Augenblick - auch pragmatisch von außen besehen - ziemlich zerfleddert. Sein Mut war klein, und er meinte, keine Freunde zu haben, er zog nicht einmal in Erwägung, dass man Freunde haben könnte, weil er das bislang noch nicht gelernt hatte: Freundschaft, Liebe, Vertrauen, sein Herz zu öffnen.

Es dauert eine Zeit, bis man seine Werkzeuge wirklich gut beherrscht.
Es dauert eine Zeit, bis man erkennt, welche Möglichkeiten (Werkstücke) in einem Werkstoff stecken.
Das Warten ist schwer zu ertragen.




Vom »hohen Mut«

Der Begriff, die Worthülse »Mut« erlaubt vielerlei Interpretationen, die aber immer unscharf sind, viel offen lassen. Ich mag das Gefühl, mutig zu sein, weil ich dabei spüre, wie ich groß und stark und integer bin. Doch auch diese Adjektive sind nur Worthülsen, nicht wohldefiniert, von beliebiger Bedeutung, wie sie eben beliebt. Deshalb hab ich nach Definitionen gesucht, ich habe aber nur Versuche gefunden. Auch diese waren immer unscharf, eher demonstrativ, glitten ab in Beispiele. Ich habe alle Empathieregister gezogen, mich in andere Menschen hineinzuversetzen versucht, quer durch Kataloge von Situationen und Konstellationen. Ich habe zu spüren versucht, warum und wann der Entschluss gefasst werden muss, mutig zu sein, wann und weshalb man sich denn denn mutig fühlen könnte, worin und woraus denn dieser Mut bestehen könnte. Ich bin mir nicht sicher.
»Mut« war offenbar seit Anbeginn des menschlichen Zusammenlebens Gegenstand von Disputen:
»Standhaftigkeit in der Schlacht« als bestimmendes Element für Mut wurde zum Beispiel bereits von den griechischen Philosophen verworfen, weil die könnte taktisch oder strategisch auch dumm sein, wenn eine andere Taktik erfolgversprechender wäre, es beispielsweise sinnvoller wäre, die Spitze des Feindes vordringen zu lassen und ihn dann von den Flanken aus zu bekämpfen.
»Festigkeit der persönlichen Überzeugung« könnte man auch für Mut halten, aber das kann auch Starrsinn sein, wenn man neue, andere Erkenntnisse nicht gelten lassen will.

Und wenn man beim Suchen den »Mut« schon nicht dingfest machen kann, vielleicht kann man ihn über sein Gegenteil erkennen? Mir fällt als dabei schnell einmal die »Feigheit« ein, die man auch anders bezeichnen kann, »Angst«. »Kleinmut«, je nachdem, wie gnädig oder gewogen man dem apostrophierten Menschen gegenüber ist.
»Kleinmut« ist ein schönes Wort für das, was viele Menschen jetzt, in dieser endlos erscheinenden Corona-Pandemie bewegt: Eine große Angst davor, sich anzustecken und sterben zu müssen. Eine andere Angst vor »der Impfung«. Ängste vor elitären Verschwörungen.
Dieser ängstliche Kleinmut behindert Denken, Erkenntnis, vernünftige Entscheidungen und Handlungen. Und in diesem See aus Kleinmut betreiben Tollkühne jeglicher politischer Ausrichtung ihre Klüngelpolitik. Die Ängstlichen erstarren und hoffen auf Erlösung, und es fanden und finden sich ja diese »Erlöser«, eigentlich »Rächer«, die meinen, rigide für eine strenge Ordnung eintreten zu müssen, für die Zwangsimpfung die einen, gegen die Impfpflicht und die degenerierten Staatsmaschinerien die anderen. Auf beiden Seiten wähnen sie sich im Besitz der Wahrheit, im Recht, und meinen, sie wären »mutige Helden.«
Ein weiteres Gegenteil von »Mut« ist also der »Übermut«, die »Tollkühnheit«. Der Mutige begibt sich in eine gefährliche, unsichere Situation, um dort etwas zu ändern, sei es durch Handlungen, sei es durch Beharrungsvermögen. Der Übermütige - wenn wir die Wortbedeutung »Ausgelassenheit« jetzt einmal ausklammern, der überschätzt sich selbst und geht ein Risiko ein, bei dem die Gefahr des Scheiterns groß ist.

»Mut« ist also möglicherweise ein Zustand der Mitte. »Mut« ist auch ein Zustand des Wissens, denn wenn mir die Augen verbunden sind, fürchte ich mich nicht vor dem unbekannten Abgrund.

Aktuell - zum Jahreswechsel auf 2022 - ist leider davon auszugehen, dass die Kleinmütigen und die Tollkühnen in Corona-Zeiten sich so unangemessen verhalten, weil sie zu wenig wissen. Zu wenig über Viren, über Statistik, über Gentechnik, über Mathematik, darüber, wie Menschen, wie sie selber funktionieren. Dieses Nichtwissen, die Ausnutzung des Nichtwissens zur Steuerung der Menschen, sind aber leider über alle Zeiten ein essenzieller Bestandteil der Menschenwelt. Ich denke, wir müssen davon ausgehen, dass die meisten Entscheidungen irrational, nicht zuletzt auf Basis mangelhafter Informationen, getroffen werden. Ich denke, diejenigen Wunderheiler, Schlangenölverkäufer, Politiker, Blogbetreiber, die solche Machinationen für ihre Ziele ausnutzen, laden Schuld auf ihre Schultern, weil sie lügen und betrügen, durch Tun und Unterlassen.

Und damit ich es nicht vergesse: Wer einen Streit verliert, verliert. Wer einen Streit gewinnt, verliert auch. Wer einen Streit vermeidet, hat allein dadurch schon für beide gewonnen.
Ich kann mir vorstellen, dass es auch einigen Mut braucht, Friedensverhandlungen einzufordern und zu führen.


Den Königssohn kümmerte Corona wenig in dieser Zeit, es spielte noch keine Rolle. Er war viel mehr bekümmert über seine aktuellen Lebensumstände: Er war kleinmütig geworden, geschunden und gerupft wie er war. Seine Gedanken kreisten um die sinnlose »Warum«-Frage, die doch nichts an der Gegenwart ändert. Er fand in sich kein tragfähiges Fundament, keine Kraft, mit der er sich aus seiner misslichen Situation hätte herausarbeiten können. Man denkt ja meist nicht daran, und wenn man daran denkt, dann weiß man es nicht, was da antreibt, warum und wohin. Noch viel weniger weiß man, was hemmt, bremst, tabuisiert. So kam er gar nicht auf den Gedanken, dass seine Entscheidungsfreiheit eingeschränkt sein könnte, von ihm selber, durch etwas, was man »Blockaden« nennen könnte.

»Word-dropping«, insbesondere mit Fachbegriffen, ist ein lieber Brauch, sich wichtig zu machen. »Energie«, »Schwingung«, »Frequenz«, »Natur«, »Bio«, »Schulmeinung«, »Quanten-Irgendwas« haben deswegen beinahe schon einen Geruch, der nur deswegen keine Schäden hervorruft, weil mit den Bezeichnungen so fern jeglicher Wirklichkeit umhergeschmissen wird. Nicht nur in der Esoterik und selbstgebastelten Weltbildern und Glaubensrichtungen, sondern auch - vielleicht sogar vor allem - in der Geschäftswelt. Passen sie auf sich auf!

»Blockade«
ist vielleicht so ein »Drop-word«, wenngleich ein sehr zurückhaltendes. Irgendetwas war bei Junior aus dem Lot geraten, so sehr, dass sein Leben massiv eingeschränkt war, so massiv, dass er es nicht als Beeinträchtigung erkannte, sondern sich allein selber die Verantwortung zuwies. Er trug eine Vorstellung einer »Blockade« vor sich her wie ein Banner, und infolge dessen so hatte er nicht nur den Schaden, sondern auch Schuldgefühle. Ihm blieben nur die Klage, so meinte er, und das Herumkrämen in ausgelutschten labbrigen vermieften Lebenskrumen. Nichts konnte ihn aufwecken, kein Lächeln, keine schnurrende Katze und kein Sonnenaufgang. Er war »gedeckelt«, blockiert, so schien es, und weil er selbst es glaubte, war es auch so. Dabei lebte er ja nicht im Frieden einer Ruine, einer gescheiterten Existenz. Er haderte mit seinem Schicksal. Er malte sich immer wieder aus, dass die Welt gerecht wäre, dass ihm sein gebührender Platz auch wieder zuerkannt werden müsste. Er fürcjhtete, dass seine Hoffnungen überzogen wären, ahnte, dass es keinen Grund für auch nur die kleinste Zuversicht auf höhere Gerechtigkeit gab. Er sah sich im endgültigen Scheitern und Untergang.

Zu dieser Zeit trank er das erste Mal in seinem Leben alkoholhaltige Getränke, zu diesem Zeitpunkt versuchte er das erste Mal, eine Zigartette zu rauchen. Beides schmeckte ihm nicht, beides schmeckte grob, und er wunderte sich, dass es »Feinschmecker« geben sollte, die hier Nuancen auseinanderhalten und genießen konnten. Die aufputschende Wirkung des Nikotins nahm er nicht bewusst war, den Alkohol empfand er als dämpfend, als wahrnehmungseinschränkend, als beruhigend, und das mochte er auch nicht sehr. Er beließ es bei Verkostungen.

Wir Menschen haben alle eine Meinung über andere, wir haben auch eine Meinung über uns selber. Glauben Sie mir, sie würden nicht glauben, wie sie von anderen gesehen werden, wenn sie noch nie ein dementsprechendes Experiment gemacht haben: Bewerten Sie sich! Lassen Sie sich von anderen bewerten. Machen sie das aber anonym, mit mehreren, damit sich ihr Freundeskreis auch getraut, die Meinung niederzuschreiben. Machen sie es wechselweise - über alle Beteiligten, das entspannt nochmals den Zugang zur Ehrlichkeit. Und dann machen Sie - wie alle anderen auch - Ihre Auswertungen. Sie werden überrascht sein, wie sehr man Sie als »abenteuerlustig« - »ängstlich«, »humorvoll« - »humorlos«, »einfühlsam« - »grob«, »aufmerksam« - »selbstbezogen«, »tatkräftig« - »lethargisch«, »ausgeglichen« - »temperamentvoll«, »kommunikativ« - »verschlossen«, »herzlich« - »kühl«, »kreativ« - »konventionell«, »ordentlich« - »chaotisch«, beurteilt, je nachdem, welche Kategorien hier eben abgefragt worden sind. Sie werden sich wundern, welche Differenzen zu ihrem Selbstbild bestehen. Sie werden sich wundern, dass man Sie offenbar mag, obwohl Sie doch in den Umfragen heftig kritisiert worden sind. Man schätzt Sie, weil man Sie schon immer so wahrgenommen hat und kennt, wie Sie es erst jetzt erfahren haben. Man mag Sie, weil man Sie einfach mag. Von Außen besehen haben Sie schon immer so ausgesehen, wie es Ihnen nun mitgeteilt wurde.
Man kann das Ergebnis eines solchen Experiments jetzt durchaus heranziehen, um für seine Mitmenschen verträglicher zu werden. Wenn sie zusätzlich attraktiver werden wollen, dann wird man ihnen schnell anmerken, wo Sie sich gegen ihre ursprünglichen Antriebe verbiegen. Vielleicht vertrauen Ihnen dann viele Menschen nimmer. Da man aber weiß, dass etwa 15 % der Bevölkerung ziemlich außerstande sind, Gefühle zu erkennen und zu interpretieren, könnten Sie sich augenscheinlich zu diesen 15 % hin verbiegen. Und wenn sie dann doch mit Gefühlen umgehen können, mit ihren eigenen und mit den Gefühlswünschen dieser 15 %, dann sind sie wie ein Wolf in der Schafsherde, dann können Sie reüssieren.

Junior sollte mit solchen Wölfen zu tun bekommen, später, mehrfach. Er spürte das dann immer, fühlte sich in ihrer Gegenwart unwohl, aber erst spät fand er den Mut, seine Positionen auch einzuhalten, seine Pläne auch beizubehalten. Nach seinem Absturz, jetzt, brauchte er lange Zeit, sich zu erholen. Zuerst begann er, seine Seele zu pflegen, mit Liebe und Sorgfalt, mit Mitgefühl, doch ohne Mitleid. Er wunderte sich, welcher Teil seines Selbst da wohl der Pfleger sei, woher dieser seine Kraft und Autorität nahm. Hier kahm ihm das erste Mal der Begriff »Mut« in den Sinn kam, etwas zu tun in einer Existenz ohne Freude oder Hoffnung. Shakespeares Hamlet war ihm auch bekannt aus seiner Ausbildung, obwohl ihn das Stück nie berührt hatte, aber musste er doch schmunzeln beim Gedanken, dass es besser sein könnte, in einer Nussschale König zu sein als Bettler in einer anderen Welt, von der er vor langer Zeit einmal angenommen hatte, dass sie die seine wäre.
Mit Ahnungen von Spott und Freude, in seiner mühsam zusammengekratzten Nussschale und mit seinem neuen Mut ließ er sein altes Leben, seines Vaters Gespenst, ins Nirwana entfleuchen. Er konnte wieder mit beiden Beinen auf der Erde stehen. Ein schenkelklopfender Scherzbold war er ja nie gewesen, der Junior, aber jetzt konnte er wieder lächeln, anders lächeln als je zuvor, tiefer und umfassender, von den Augen an über das ganze Gesicht über das Herz bis in den Bauch und zum nächsten Sonnenaufgang. Er konnte die Welt sehen, die wirkliche Welt, die haltbare, mit den Händen fest angreifbare, wie sie für seine Existenz bestimmend war, er hatte seine Angst verloren, er wusste, dass er in dieser Welt bestehen konnte.
Und sein Umfeld - er hatte Freunde, die leisen, die ungefragt und unbemerkt in seinem Kummer da gewesen waren - sah ihn wachsen und erstarken und freute sich für ihn und mit ihm.

»Hoher Mut« als Rittertugend ist das Vertrauen in sich selbst und in die Welt, dass das, was kommen mag, richtig ist.
Die Geschichte heißt aber: »Der Mut eines Königs«. Ich bin gespannt, wie es weitergehen wird.

Mut ist, wenn Du mit der Angst tanzt.


Wie man sich in der Hölle fühlen könnte, wenn es eine gibt

Über dem Wasserspiegel der Donau hatte sich dichter Nebel gebildet. Die Luft hatte Temperaturen um den Gefrierpunkt, das Wasser des Stroms war wahrscheinlich wärmer und dampfte. Die stickige Nebeldecke über dem Wasser konnte sich auch nicht verziehen, weil beiderseits des Flusses, unmittelbar an den Ufern Hügel etwa 200 m aufragten. Wenn man von den Begleitstraßen entlang des Flusslaufes abbiegt, dann kommt man Richtung Süden über verschlungene Wege im dunkelhohen Nadelwald zu einer Hochebene, von der aus man tief in die Voralpen, bis zu den höheren Bergen, hineinsehen kann, im Westen nach Oberösterreich, im Osten bis hinter Melk, im Norden bis zur tschechischen Grenze. Fährt man vom Fluss weg Richtung Norden, so muss man ebenfalls durch enge Täler, märchenhafte Klammen bis auf die Hochebene des Waldviertels, und die Straßen und Wege sind von riesigen Granittropfen, Findlingen, mit Moos überwachsen, ganz oben von Krüppelfichten bestanden, gesäumt. Das sind Reste der »Böhmischen Masse«, einem vor mehreren Hundert Millionen Jahren bis zu 7000 m hohen Gebirge, das schon weitgehend verwittert ist. Eine alte, geheimnisvolle Landschaft, in der, so sagt man, viele Geister wohnen. Die Donau hat sich ihren Weg gegraben genau an der Grenzlinie dieser alten Berge mit den jungen Kalkgebirgen, die vom andriftenden Afrika über Mitteleuropa hochgeschoben wurden.
Es ging ruhige Wasserstrom, das Bild wirkte ein bisschen kitschig, unecht, absurd, aber jedenfalls majestätisch. Möglicherweise würde der Donaunebel ja später, ohne den Abendsonnenglanz, in einen kalten, klaren Nachthimmel steigen, aber jetzt, am Abend, war er eine dichte, leuchtende Decke, die sich nicht einmal hob, als sich ein Verband aus einem Schubschiff mit zwei vorgehaltenen, nebeneinander laufenden Frachtkähnen zäh gegenwärts vorschraubte. Nur die Antennen, Masten, ein Kran, der Ruderstand des Schubschiffes lugten wie Periskope aus der Nebeldecke, ohne diese Schicht aufreißen oder auch nur verwirbeln zu können. Daran änderte auch das Brummen der Motoren - und jetzt gerade - das Schallen eines lauten Schiffshornes nichts. Das Nebelhorn schien einen Menschen ausgestoßen zu haben, erschaffen, schwarz gekleidet mit Kappe und einer großen Tasche, der durch den Nebel vom Führerhaus zur Spitze des Schubschiffs stapfte und watete wie durch einen Sumpf.
Der Mann - ein Matrose - brachte Essen und Trinken zum Bugraum und stellte es vor der Zugangstür zu Boden, drehte sich um, ging wieder zurück zur Kabine. Es würde bald Nacht werden. Die Nacht würde rasch beißende Kälte bringen. Im Bugraum waren zwei Ankerketten auch nicht der leiseste Wind, der die Schwaden herausgetrieben hätte aus dem Flusstal. Es floss nur das Wasser, und in diesen Momenten floss mit der Donau ein dünner orangenfarbener Lichtsaum der untergehenden Wintersonne, genau in Strömungsrichtung, und legte sich auf die Oberseite des Nebels, der hierdurch in etwa vier Metern Höhe über dem ruhigen Flussspiegel eine scharfe Grenze bekam. Die Lichtglasur floss noch unbewegter, noch ruhiger, noch glatter als der schon, die nach oben durch zwei Löcher zu den Ankerwinden führten. Das Schiff ankerte allerdings kaum, legte meist irgendwo an, wo es vertäut wurde, und deswegen waren die Ketten stark verrostet. In der Bugspitze standen noch einige Dosen mit Fett, Farbkanister und verschlissene Liegestühle, auf denen sich die Schiffsmannschaft im Sommer an Bord entspannte. Vielleicht fischten sie auch dabei.
In einer Ecke war eine Art Matratzenlager eingerichtet, auf dem unter schmutzigen Decken der »Königssohn« fieberte. Er hatte, so meinte er, so meinte die Schiffsbesatzung auch, Covid 19. Deswegen war er hierher verbannt worden, möglichst weit weg von den Aufenthaltsräumen des Schiffes.
Geheizt war der Bugraum schon ein wenig, eigentlich war er nur »frostsicher«, damit gegebenenfalls die Ankerketten nicht aneinanderfrieren konnten. Er spürte es nicht, das Fieber heizte ihn wild. Körperlich war er zusammengebrochen, aber in seinem Geist glühte die Wildheit des Fiebers und drehte und drehte und drehte seine Gedanken. Der Matrose hatte noch gegen die Zugangsluke getreten, und er wusste, dass man ihm Essen hingestellt hatte, und Trinken. Ohne Durst und Hunger wusste er auch, dass er etwas trinken müsste, vielleicht auch ein paar Bissen nehmen, um bei Kraft zu bleiben, und so kroch er auf Ellbogen und Knien zur Luke, öffnete sie erschöpft und wild schnaufend, schauderte vor dem eisigen Nebel, der im Schatten grau und unendlich war, die ganze Welt ausfüllte, zog die Tasche mit den Nahrungsmitteln zu sich hinein und zu seinem Bett.

Die Frau: Er hatte sie bei einem Stadtstreifzug kennengelernt, war schön und stark. Ohne ein Wort waren sie lange in die gleiche Richtung gegangen, mit dem gleichen Tempo. Er hatte ihre Schritte kaum gehört, doch gehört, die Sicherheit, Festigkeit, Bestimmtheit des Auftretens. Zwei Wölfe gingen ihm als Bild durch den Geist, Einzelgänger, die sich bei der Jagd getroffen hatten, beide Profis. Sie würden gemeinsam jagen, sie würden sich respektieren, sie würden ohne Aufhebens wieder auseinander gehen.
Irgendwann musste dieser wortlose, ziellose, beengend gemeinsame Streifzug, dieses lauernd wortlose Streunen zu Ende gehen, hatte er für sich befunden. Er war stehen geblieben, er hatte den Kopf zu ihr hinübergedreht. Sie sah ihn an. Sie sah ihm genau in die Augen, und sie lächelte. Dass es spöttisch gewesen sein musste, das hatte er erst später hinzugefügt.
Sie hatte ihn angesehen, er hatte hingesehen, und da war diese Anziehungskraft, Beschleunigung. Alles war klar. Ein Wort von ihr: »Hallo!«. Absolut ausreichend. Sie gingen weiter, Seite an Seite, alles war klar. Jetzt, im Nachhinein, fragte er sich, ob da vielleicht ein riesiger Irrtum gewesen war, ihrerseits, seinerseits, als ob sie zwei riesige Schiffe gewesen wären, auf denen alles nach den gleichen Prinzipien funktionierte und ablief, die aber unterschiedliche Kurse fuhren.
In der der damals folgenden Zeit ging es bergauf mit ihnen. Beide waren sie absolute Koryphäen, es musste kein Wort gewechselt, kein Bedenken besprochen und kein Erfolg gefeiert werden. Es war einfach so, obwohl er schon große Bewunderung für Sie, für sie beide als Team hegte. Allerdings konnte er ihr nie grenzenlos nahe kommen. Es gab einen Bereich, der ihm versagt blieb, einen größeren Kreis, in dem es Begegnung gab, dann ihr öffentliches Leben. Wahrscheinlich gab es hierüber eine Vereinbarung, eine stillschweigende, von der er den Inhalt er nicht klar wusste, weil er nie besprochen worden war. Im Lauf der Zeit schien ihm allerdings der Begegnungssektor, was er als Liebe bezeichnet hätte, ein zunehmend kleineres Stück vom Kuchen zu werden, und er fragte sich, was sie wohl sonst tun mochte in ihren Heimlichkeiten. »China Blue bei Tag und Nacht« und »La Belle de Jour« fielen ihm als Filmtitel ein, er wusste nicht, wollte nicht denken, nicht suchen, auch nicht die Filminhalte in Erinnerung rufen, denn die Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.
Was sie genau unternahm, das wusste er nicht: Eine Art Gesellschaftsdame, Organisatorin von Zusammenkünften, von geschäftlichen Agreements war sie, und es gab dementsprechend ein reges Ein und Aus in ihrer bald angeschafften Villa, ein opulentes Gesellschaftsleben, das wahrscheinlich ein Geschäftsleben war. Unzählige Empfänge, Cercles, Einladungen in die neuesten und luxuriösesten Lokale, ein wildes, rastloses Leben, an dem er aus Liebe zu ihr teilnahm, obwohl seine Geschäfte eher am Tag stattfanden, auf anderen Gebieten: Er wickelte Im- und Exporte von Waren aller Art ab. Und auch das lief großartig, warf gewaltige Gewinne ab, weil die Waren, mit denen er »arbeitete«, nicht von jedermann gehandelt worden wären. Nein, kein Rauschgift, nein, keine Waffen, aber doch abstruse Technikartikel, nicht genau identifizierbare Waren, so genau wollte er es eigentlich gar nicht wissen. Aber weil er es immer wieder verstand, die Dinge, wie man so sagt, am Laufen zu halten, machte er gute Geschäfte. In seinem Fall aber war es kaum Praxis, mit seinen Klienten in den Tratschspalten der Zeitungen und Adabei-Sendungen des Rundfunks aufscheinen zu wollen. So trat er auf den Festen seiner Lebensgefährtin als eine Art »unbeschriebenes Blatt« auf, und er verhielt sich still und bedeckt.
Eines lernte er aber bei diesen Festivitäten: Den Gebrauch von Kokain und Alkohol, sozusagen als »Upper« und »Downer«. Den genauen Initiationsritus brauch ich, so glaube ich, nicht darzulegen: Er ist vorstellbar. Der Gebrauch wurde ein regelmäßiger, und in dieser Anfangszeit der Konsumation spürte er auch kaum körperliche Nebenwirkungen oder Suchtsymptome. Später allerdings, viele Jahre später würde er diese Zeit aber als eine der maßlosen Korruptheit in Erinnerung haben. Korrumpiert war er einerseits durch seine »besonderen« Geschäfte, durch das Geld, das er für seine Umtriebigkeiten in legalen Grenzbereichen inkassierte. Korrumpiert worden war aber auch - das schmerzte ihn bedeutend mehr - seine Persönlichkeit, die sich durch die ständigen Räusche und Duseleien, durch die Anstrengungen, die er zum Erlangen seiner Suchtsubstanzen unternehmen musste, durch seine sich überschlagende Lebensweise insgesamt, immer weiter von dem fortbewegt hatte von dem, was er dann, in einer ruhigen Zukunft, für seinen menschlichen Kern hielt. Damals aber, seinerzeit, konnte er das nicht sehen. Im Rausch seines Erfolges überholte und überschlug er sich fortlaufend, und es ritt ihn die wilde Lust darüber, dass er sein Unbehagen so mutig negieren konnte. Er erkannte ihn damals nicht, aber er ahnte den Ekel, der ihm die Kehle leise drückte.

»Schatz!«, fragte seine Frau ihn eines Morgens, und es kam ihm komisch vor, dass diese gefühlsversiegelten Kosenamen, dass der »Schatz« auch bei ihnen Eingang gehalten hatten. Heute fiel es ihm unangenehm auf. »Schatz! Ich hätte nie gedacht, jemals ein solch komfortables und dennoch sinnerfülltes, gutes Leben zu führen.« Er brummte zustimmend. »Ich will gar nicht mehr, ich brauche materiell nicht mehr, um glücklich zu sein,« fuhr sie fort, »aber irgendwie stagniert mein Leben: Keine meiner Ambitionen hat sich erfüllt. Hier in diesem Land ist auch alles so reglementiert, so eingeschränkt, es gibt hier eine solche Neidgesellschaft, nur Deppenleitern, da kann ich mich nicht entfalten!«
Er pflichtete ihr bei, sie er stellte ihm ein Projekt vor, offenbar schon näher durchgeplant. Eine Art Business-Angels sollten sie sein in der südlichen Ukraine, in Odessa. Die Menschen dort, gute Menschen dort, hatten nichts, kein Geld, keine Ressourcen, keinen Rückhalt, keine Entfaltungsmöglichkeiten. Sie kam aus der Ukraine. Sie hatte sich schon klug gemacht, Vorabsprachen getroffen. Er kam sich überfahren vor. Es dämmerte ihm, dass vielleicht mehr stecken könnte hinter diesem Wunsch, etwas ganz anderes. Sie stritten miteinander, eine Woche, und er vermeinte, deutlich zu spüren, dass sie ihn liebte, wie sie eben lieben konnte. Er bemühte sich, zu glauben, sie bedingungslos zu lieben, sich wegen ihr aus einer insgesamt wahrscheinlich negativen Bequemlichkeit lösen zu sollen, zu wollen. Es würde ihm auch guttun. Sie brachen auf in ein neues Leben.

Es lief auch gut. Anfangs. Ihr bisschen Geld machte sie dort zu reichen Menschen. Sein Namen, der Namen seines Vaters, war bekannt und öffnete ihnen viele Türen, darunter eine Tür zu einem der ukrainischen Oligarchen, dessen Namen mir aber sinnvollerweise nicht mehr einfallen will.
Das Leben war ein einziger Rausch, ein wilder Tanz am Tag vor dem Weltuntergang, so würde er es später klassifizieren. Das Land war zerrissen, ganz arm, ganz reich, ganz schamlos und ohne planbare Zukunft. In diesem Rausch wurden auch Juniors Räusche exzessiver. In einem seiner Katerleiden erschien ihm der Gedanken, dass er die Welt einfacher halten müsse. Für sich, für seine Geliebte Integer musste er sein, verlässlich, vorhersehbar, um ein guter Mensch, ein menschlicher Mensch, ein liebenswerter Mensch sein zu können. Aber in seinem Taumeleien beging er einen Verrat nach dem anderen: Nicht gehaltene Zusagen, Versprechen. Er strebte zu verführerischen Geliebten, die doch nichts waren als Vexierbilder. Treulosigkeiten der ganzen Welt und sich selber gegenüber, die ihm im Grund seines Herzens nicht gefielen, gegen die er nicht antreten konnte, damals, die er zur Kenntniss nehmen musste, was er sich selber als Realismus zu erklären versuchte.

Es ging wild her in diesem Leben. Junior taumelte, laufend fallend, haltlos stolpernd. Sein endgültiger Sturz war jeden Augenblick abzusehen. Der Abstand zu seiner Lebensgefährtin war unendlich geworden, es einte sie nur noch der gemeinsame Wohnsitz. So kam es, wie es in solchen Situationen zu erwarten ist. Ich kürze ab: Sie (beide) - zumindest für Junior ist dies evident - wurden belogen, betrogen und ausgenommen. Nicht etwa elegant, wie er es am ehesten erwartet hätte. Nicht etwa abstrakt-brutal, über den Weg der nackten Geldmacht, sondern ganz grundlagenmafiös: Eines Abends fuhren sie von einer Besprechung nach Hause. In einer Limousine mit Chauffeur, ganz klassisch wie in allen Mafiafilmen. Der Fahrer war illoyal, brachte sie in eine dunkle Gasse, wo schon einige vermummte Männer (Anzug, Mantel, Hut, Gesichtsmaske, aber die war wegen einer mittlerweile ausgerufenen Pandämie, Corona, sowieso verpflichtend bei Treffen mehrerer Personen) warteten und sie unter Vorhalt von Maschinenpistolen zum Aussteigen baten. Mit Junior sprachen sie nicht wirklich viel. Irgendwer schlug ihm irgendetwas von hinten auf den Kopf, woraufhin er sein Bewusstsein verlor und zu Boden ging.
Als er wieder erwachte, war er von seiner Stellung her wieder dort, von wo aus er vor nicht allzulanger Zeit wiederauferstanden war: In der Gosse. Diesmal war der Weg dorthin wesentlich kürzer und schmerzhafter gewesen als in seiner Heimat. Mit unendlichem Kopfweh, einer dumpfen Nase, Blut in den Augen, schmerzenden Rippen und Gleichgewichtsstörungen fand er es aber beim Erwachen, beim Wiedererlangen des Bewusstseins positiv, dass ihm hier wenigstens kein Finanzamt auf den Fersen sein würde. Er musste Husten, und seine geknackten Rippen stachen ihm schmerzhaft ins Zwerchfell. Er fasste sich an die taube Nase, die er frei hin- und herwackeln konnte, wobei er durch die Taubheit einen dumpfen Schmerz fühlte. Er sah sich in einen Spiegel einer Geschäftsscheibe: Er hatte ein Brillenhämatom. Das sieht ziemlich verblödet aus, wie ein weinerlicher Waschbär. Man kann nichts dagegen tun, wie auch nicht gegen einen Nasenbeinbruch, wenn also der Knorpel vom Knochen gelöst wird. Auch gegen angeknackste Rippen kann man nichts Therapeutisches unternehmen. Man kann nur ruhig halten und abwarten, Husten, Niesen und Schnupfen vermeiden.
Ein Wolf war er wohl nicht, wohl nie gewesen. Warum er gerade jetzt daran dachte, das wusste er nicht, aber es machte ihm keinen Kummer.

Menschen reagieren unterschiedlich auf Belastungen, wie sie Junior mittlerweile niederdrückten: Mansch suchen die Schuld nur bei anderen, andere suchen die Schuld nur bei sich. Das hängt wahrscheinlich mit den Erfahrungen in der Kindheit zusammen, wie die Eltern, Bezugspersonen dem Kind begegnet sind. Es gibt auch welche, die die Schuld nicht nur bei sich suchen, sondern sich selbst bestrafen auf unterschiedlichste Art und Weise, welche, die sich selbst töten, wobei dies kein expliziter Suizid sein muss. Man kann sich ja beispielsweise auch hemmungslos zu Tode saufen.

Unser Königssohn dachte nicht in solchen Bahnen: Oh ja, er kannte schon diese Schuldzuweisungen: »Was tust Du mir an!« Trotzig hatte er sich verweigert. Begriffen hatte er den Mechanismus nicht, verinnerlicht hatte er ihn wohl. Und so war er willens, alles wieder gut zu machen, diesmal besser zu machen. Und deswegen wollte er einen ordentlichen Weg gehen, diesmal. Er ging nach Hause, er suchte sich einen Anwalt, er ging dann zur Polizei.
Aber er hatte zu viel erhofft. Weder fand er seine Freundin noch Gehör bei Polizei. Ja mehr noch: Irgendwie - nachvollziehbar war es nicht wirklich - war er aus seiner Position gehoben, aller Würde und aus allem Eigentums enthoben worden. Er konnte nicht im Mindesten beweisen, dass es ihn jemals gegeben hatte, fand kein Gehör bei Behörden und Gerichtsbarkeit. Obwohl er haderte, musste er sich wohl damit abfinden, in der Gosse, beim Alkohol.

Ein von ihm ehemals geförderter Molekularbiologe, den er bei einem Start-Up zur Serienproduktion eines Trägers für RNA-Medikamente gegen Autoimmunerkrankungen geholfen hatte, fand ihn und nahm ihn zu sich. Er war verwundert, wie ärmlich der junge Forscher, sein ganzes Team lebte, besonders wenn er ins Kalkül zog, welchen Wert die Entwicklungen der Jungfirma bekommen könnten, jetzt schon hatten.
Die jungen Forscher waren sachbezogen und ideologiefrei, sodass sie in ihrem Pragmatismus den Wahnsinn erkannten, mit dem das Land tanzte. Alle hätten es begrüßt, wenn sich ein stabiler, lebenswerter Staat etabliert hätte, und an den Abenden, die sie oft in der Firmenkantine verbrachten, diskutierten sie oft darüber, mit einer gewissen Schwermut, wie Junior meinte.
Er durfte auch dabei sein. Eigentlich lebte er in der Kantine, indem er dort Hilfsdienste leistete. Dafür bekam er Essen, einen Schlafplatz. Und zu Trinken. Das Trinken konnte er nicht lassen. Er war zwar kaum mehr exzessiv betrunken, aber er war auch nicht er, wenn er nicht regelmäßig Alkohol zu sich nehmen konnte.
Wir haben vorher schon darüber gehört, dass Junior sehr gern die Schuld bei sich suchte. Als er nur den politischen Diskussionen seiner Gastgeber zuhörte, reifte in ihm der Plan, alle seine Missetaten zu sühnen, indem er nicht nur die Fehler in seiner unmittelbaren Umgebung wieder gut machte, er wollte auch für eine bessere Ukraine eintreten. Er sagte es ihnen, sie hielten es für eine gute Idee. Und gemeinsam begannen sie, Utopien zu schmieden.

Eines Abends sah er im lokalen Fernsehen, dass er seine Freundin nicht mehr zu suchen brauchte, keine Angst um sie haben musste, zumindest kurzfristig nicht: Man berichtete über einen Ball, über den Empfang, live am roten Teppich von der Straße zum Eingang des Ballhauses. Und da sah er sie. Sie schaute nicht mehr aus, wie er sie gekannt hatte, sondern wie eine Prinzessin, wie ein Traum in einem weißen Ballkleid mit Schleppe, Schleier, Kristallkrönchen. An der Seite des, ja dieses unaussprechlichen Oligarchen, dem der Sprecher huldigte: Der wahre Wohltäter der Ukraine mit seiner geheimnisvollen Bekanntschaft, einer Königin aus fernen Landen, so irgendwie. Und. Sie lächelte.
Junior lächelte nicht und ordnete seinen Status neu. Es ist schon bemerkenswert, dass er nicht übermäßig mit seinem Schicksal haderte, nicht zürnte, sondern ziemlich nüchtern Bilanz zu ziehen imstande war. Es ist besonders, dass er diesen Stunden hauptsächlich an seine Gegenwart, an einen Weg in eine bessere Zukunft dachte und nicht versuchte, die Schuld an seiner Misere irgendjemanden sinn- und wirkungslos zuzuordnen. Es zeichnet ihn aus, dass er nicht zuletzt an die Sicherheit und an das Fortkommen seines Quartiergebers, an dessen Utopien dachte.

Über die kommenden Tage untersuchte er, begriff er, dass es da keine Mitte gab, in Odessa, wahrscheinlich in der ganzen Ukraine nicht. Oben die Oligarchen und überall sonst ihre Kettenhunde: Rabauken, mit kleinen Geldgeschenken und nationalistischem Narzissmus gebändigt gegen das Groß der Einwohnerschaft, das an der. Armutsgrenze lebte. Hin und wieder raffte man sich zur offenen Opposition auf, doch die. Anführer wurden ermordet, gekauft, vertrieben, die Protestbewegungen wurden brutal zerschlagen und von den nationalistischen Horden zertrampelt.
In vielen Sitzungen in der Kantine kamen die neuen Freunde überein, dass die Verhältnisse in der Ukraine zu einem guten Teil auch durch internationale Interessen bestimmt würden, dass man, um dies zu verbessern, einen Botschafter in der Welt bräuchte. Im Landesinneren würden sich die Verhältnisse dann drehen, wenn die europäischen Nachbarn klar Kante zeigten; Russland war keine Option, für niemanden.
Juniors Namen hätte - zumindest in der breiten Bevölkerung der Ukraine - noch immer Klang, und so bedrängten sie ihn, quasi außerinstitutioneller Botschafter des Landes zu werden. Für dieses Mandat gab es sogar so etwas wie eine Volksabstimmung in den sozialen Medien, was zu Unmut in den offiziellen Regierungsgremien führte, was gleichermaßen dem Junior allerdings einiges Gewicht verlieh, sogar auf der ganzen Welt, wo die Vorgänge nicht unbemerkt geblieben waren.
Wehmütig erinnerte sich der Managersohn an die ruhigen Abschnitte seines Lebens. Er fühlte sich gehetzt, und die Gründe, aus denen man ihn, aus denen er sich selber hetzte, das waren nicht seine ureigensten Anliegen. Teils hatte er sich aus Dankbarkeit engagiert, auch aus Stolz, irgendwie hatte er aber schon auch das Gefühl, gedrängt worden zu sein. Und er hatte auch das Gefühl, zu betrügen: Er spürte seine Suchterkrankung, er spürte seine Ohnmacht dagegen, er fürchtete seine Unverläßlichkeit und Korrumpierbarkeit.

Der Plan war sehr vage: Zuerst wollte, musste er zurück nach Österreich. An eine Reise mit Auto, Bahn oder Flugzeug war nicht zu denken. Zwar gab es keine offizielle Fahndung, aber sie wussten alle, aus Erfahrung, dass er aufgrund seines Engagements verhaftet werden würde, falls er angehalten würde. Und die Corona-Schutz-Maßnahmen halfen den Behörden. Strenge Grenzkontrollen, Transportmittelkontrollen. So kamen sie auf die Idee, ihn als Matrosen zu verdingen und mit einer Fracht Vogelhirse nach Westen zu schicken. Allerdings war nicht einmal das einfach: Der Kapitän war zwar befreundet, aber jedes Mannschaftsmitglied musste einzeln bestochen werden. Schließlich, nach einem für Junior nervenaufreibenden zweiwöchigen U-Boot-Dasein im Hafenbereich legte er mit dem Schubschiffverband ab. Zu diesem Zeitpunkt war es gar nicht mehr so klar, wer aus der Besatzung uneingeschränkt vertrauenswürdiger Freund, wer Opportunist, wer Judas war oder sein könnte. Er war wirklich froh, als sie ablegten, und hoffte auf drei eher entspannende Wochen, als er am darauffolgenden Morgen bemerkte, dass ihm der Geruchssinn abhandengekommen war, dass die Zunge brannte und die Augen entzündet waren. Er hustete. Mit hoher Wahrscheinlichkeit musste dies eine Corona-Infektion sein, obwohl er kurz doch auch die Möglichkeit eines Giftanschlages in Betracht zog. Er wollte einen Schluck Schnaps, doch er hatte keinen.
Er wollte mit dem Kapitän sprechen. Kaum standen sie sich gegenüber, teilte er nur mehr mit, dass es ihm leidtäte, dass er vermutete, mit Corona-infiziert zu sein, dass er sich in Quarantäne begäbe. Der Kapitän wies ihm den Bugraum zu, im dem er vor sich hin fieberte. Es gab keine Schalldämpfung, und das gleichmäßige Dröhnen der Schiffsdiesel, untermalt vom Zischen der Bugwelle, ließ ihn die Zeit vergessen. Da lag er hingestreckt und am Erlöschen, ungewöhnlich lange, was er sich im Nachhinein damit erklärte, dass er diverse Sekundär- und Folgeerkrankungen durchlitten haben musste. Eine Grippe beispielsweise, irgendwelche Kreislaufstörungen. Jedenfalls hatte er bis zu dem Tag, an dem er den Bugraum wieder aufrecht stehend verlassen konnte, ein Drittel seines Körpergewichts verloren. In seiner Krankheit hatte sich der Körper unbemerkt vom Alkohol-Abusus erholt. Jetzt strahlten Augen. Sein Geist war leer und jung geworden.

Das Schiff legte in Linz an, wo die Ladung gelöscht wurde. Für die Besatzung galt Quarantäne auf dem Schiff. Junior stahl sich eines Abends davon, weil er ja - auch wenn er keine Papiere mehr hatte - registrierter Österreicher war und hier wieder leichter starten würde können. Er kam ein Land, in dem - quer durch alle Schichten - »Corona« gespielt wurde, so nach dem Motto: »Das arme Ich« - »der böse Andere!«
Es fehlte jedoch die Auflösung, die ernsthafte Erörterung der Frage: »Was muss ich von nun an tun?«

Rache, Hass und Semmelknödel

In der Ukraine war es leicht gewesen, von einem Ort zum anderen zu gelangen: Man brauchte quasi nur den Daumen hochzuhalten am Straßenrand, und unter der Begleitbedingung, dass man unterwegs nicht ausgeraubt, ermordet oder vergewaltigt wurde, konnte man rasch und kostensparend reisen. Nicht dass Junior das gebraucht hätte; in Odessa war er reich und hofiert gewesen.
In Österreich allerdings ist es ohne eigenes Fahrzeug, ohne Geld und ohne Freunde sehr schwierig, zu reisen, besonders im Winter. Im Sommer können Sie ja noch zu Fuß gehen und hier und dort etwas zum Essen ergattern in der Natur. Im Winter wächst kaum Genießbares. Und ganzjährig rund um die Uhr fürchten hierzulande die Lenker:innen, ausgeraubt, ermordet und vergewaltigt zu werden, neuerdings auch, sich mit SARS Covid 19 anzustecken. Darüber hinaus ist Reisen per Anhalter verboten, zumindest auf Autobahnen und Schnellstraßen. Auf anderen Straßen gelten Bundesländerregeln, zum Teil auch aus dem Jugendschutz.

Ein Jugendlicher war Junior nicht mehr, aber insgesamt war es schon außerordentlich herausfordernd und auch zeitaufwendig, in die Hauptstadt, nach Wien, wo er seine Agenda aufnehmen wollte, zu kommen. Es war ja fast widersinnig: Vor wenigen Tagen erst hatten sie die Hauptstadt mit dem Schiff gequert. Aber das Schiff hatte nicht angehalten, nicht anhalten können, so hatten sie ihm in Linz gesagt, wegen des Zolls, wegen Corona.
Die Rückreise auf den Straßen war so schwierig, so frustrierend, dass er am dritten Tag seiner Versuche, die eher nur magere Früchte trug, nach dem Abgesetztwerden bei der Autobahnraststätte St. Valentin aufgab. Nach einigen Stunden erfolgloser Rückfragen nach Mitfahrgelegenheiten an der Tankstelle resignierte er und trottete per pedes in die dem heiligen Valentin gewidmete Ortschaft. Dort suchte und fand er Zuflucht in einer Schlafstelle für Obdachlose. Er bemerkte er rasch, dass sein Name noch immer Bedeutung hatte, gerade hier im alten Österreich, allerdings eine etwas differenzierende:

Das Andenken an seinen Vater war in den letzten Monaten, in denen er abwesend gewesen war, arg zerzaust worden. Ein in der Öffentlichkeit bis in jüngere Vergangenheit als solcher nicht bekannter Wüstling und Päderast sollte er gewesen sein, eine Heerschar willfähriger Gehilfen hätte seine abartigen Gelüste genährt und verborgen. Naja, in Zeiten, in denen die Unterstellung von Pädophilie durchaus zum politischen Kampfmittel geworden war, sollte man dies vielleicht näher untersuchen.
Doch der Familiennamen war nicht mehr nur der Namen seines Vaters. Auch Junior selber war ob seiner Umtriebe in Odessa bekannt geworden. Und von Teilen der Bevölkerung wurde ihm deswegen große Hochachtung entgegengebracht. Seine steuerlichen Macheloikes tauchten im zugehörigen Narrativ nicht (mehr) auf. Seine unglücklichen Liebschaften schrieb man einer gewissen Ungeschicklichkeit in Herzenssachen zu, die man ihm wiederum als eine Art »Geradlinigkeit« zu gute hielt. Und irgendwie wäre es ja möglich, dass sein Wüstlingsvater sich auch an ihm vergangen hatte, was vieles erklären und schönfärben würde. Man liebte solche Spekulationen samt der Spekulationsobjekte, und so wurde er rasch weitergereicht, aus der Notschlafstelle zur Lokalpolitik, in Zeitungsredaktionen, zu (wohl?-)gesonnenen Förderern, die seine Reise nach Wien und die nächsten Tage seines Fortkommens finanzierten.

Die Zugfahrt in die Hauptstadt war, obwohl kurz, ein erster Augenblick des Innehaltens und der Selbstreflexion, ohne Ängste, ohne Stress, ohne Drangsaliererei und ohne die Fieberfantasien der Schiffsreise. Ein Augenblick der Ruhe, in dem er seine Gedanken neu ordnen konnte. Nach einem Schritt des geistigen Abstandnehmens, aus seinem unmittelbaren Leben heraus in die Position eines fiktiven Zuschauers, eines gelassenen Zuschauers, fiel ihm zuallererst seine ehemalige Lebensgefährtin, nunmehr oligarchischer Gespielin, hoffentlich noch am Leben und körperlich und seelisch bei guter Gesundheit, ein. Und Sie können schon an den zuvor verwendeten Attributen erkennen: Er hegte keinen Groll gegen sie. Offenbar hatte er sie doch weniger gekannt, als er vermeint hatte. Vielleicht hatte er ihr weniger geben können, als sie erwartet hatte? Vielleicht stellte er sich ihre Erwartungen ganz anders vor, als sie wirklich gewesen waren? Warum waren sie sich nicht mehr begegnet, in der letzten Zeit? Warum hatte sie ihn so eiskalt abservieren können? Warum hatte er sich selber so verloren? Wenn er sie wirklich erkannt hätte, damals, dann wäre es ihm, das ging ihm durch Kopf und Herz, nicht um ein In-Sicherheit-Bringen, nicht um irgendwelche Gegenmaßnahmen (gegen was wohl?) gegangen, sondern um eine wahrhaftige, innige Kommunikation, war ihm ein Gefühl, und gleichzeitig war er ihr gar nicht böse, wie man auch einem Fisch nicht böse ist, dass er schwimmt. Er trauerte auch nicht um verlorene Zeit.
Wir sind das, wohin wir in unserer Vergangenheit gelangt sind, und nachdem wir selbst maßgeblich beteiligt waren, wird es wohl in Ordnung sein (sagte der Raucherkrebs zum Palleativpatienten). Traurig war er aber schon: Weil er sie verloren hatte, weil sie ihm so viel bedeutet hatte, noch immer bedeutete.

Derzeit zieht sich die Geschichte wie ein Strudelteig: Keine Gags, keine Pointen, keine Lebensweisheiten. Aber da müssen wir wohl durch, Junior ja auch. Wir wollen jetzt einmal seine Situation von weiter außen, von einem Metastandpunkt her, betrachten:

Persönlich hatte er kein bezifferbares materielles Vermögen und auch keine kalkulierbaren Einkünfte. Erstaunlicherweise machte ihm dieser Lebensumstand keinerlei Sorgen. Er fühlte sich durchaus in der Lage, das jeweils Notwendige zu besorgen und deswegen stark und frei.
Er hatte aber Versprechen abgegeben, in der Ukraine, sich um die dortigen Entwicklungen und die Lebens- und Fortkommensmöglichkeiten seiner »Freunde« zu kümmern. Dies erschien ihm im Augenblick, obwohl es mit Anlass für seine Reise gewesen war, sehr fern. Er erledigte quasi die Angelegenheiten anderer. Aber gleichzeitig war sein Engagement der Grund dafür, dass er in Österreich überhaupt wieder so rasch Fuß hatte fassen können, Grund für seine »Kraft«, die er beim Aufbruch zu spüren geglaubt hatte. Dieses Thema, sein Eintreten für andere, schob er auf seine terminlich nicht festgelegte Erledigungsliste.
Er hatte aktuell keinerlei persönliche Bindung, die ein besonderer Quell der Freude hätte sein können. Seine »neuen Freunde«? Naja: Zweckbündnisse. Seine alten Freunde? Hatte er je welche gehabt?
Positiv war, dass er Corona überstanden hatte. Er rechnete mit einer hohen Immunität gegen Wiederinfektionen.
Positiv war, dass er »trocken« geworden war, dass er nicht mehr trank, dass er keine Drogen mehr konsumierte.
Genaueres Nachdenken über diese Sachverhalte verschob er auf später. Dabei verspürte er aber schon Schmerz und Trauer, dass es keine dauerhafte, belastbare, sichere, tröstliche, aufmunternde, begeisternde Liebe gegeben hatte in seinem Leben. Gab es für ihn überhaupt so etwas, eine begehrende und gleichzeitig respektvolle, partnerschaftliche Liebe? Trotzig nahm er sich vor, Einsiedler zu werden, ein grimmiger Hagestolz, um einen solch tiefen, pochenden, entwertenden Schmerz in Zukunft zu vermeiden. Die Logik einer solchen Begründung erschließt sich nicht ganz, aber er nahm es sich eben so vor.

Verwunderlicherweise - glücklicherweise - hasste Junior niemanden und nichts.
Im Bezug auf seine ehemalige Partnerin erstaunt das ein wenig, denn mir gefällt die Formulierung, dass Hass die Rückseite der Liebe wäre, nicht das Gegenteil.
Das Gegenteil ist wahrscheinlich Gleichgültigkeit.
Mit dem Hass ist es doch möglicherweise etwas komplexer, man sagt, er wäre in vielen Fällen die Folge einer nicht wunschgemäßen Interaktion. Der Mensch sucht nun einmal Respekt, und wenn dieser nicht gewährt wird, steht zu befürchten, dass der Respektlose keine Grenzen, keine Werte, berücksichtigt. Ein Feind also?
Man sucht zuallererst also den Respekt. Explizites Lob ist kein Respekt, ist nur eine Maske, ein Abklatsch von Wertschätzung, und außerdem erfolgt es immer von oben herab.
Wenn Du keinen Respekt bekommst, provozierst Du, um gesehen zu werden, damit Du in der Folge Respekt erhalten kannst.
Funktioniert auch das nicht, dann suchst Du den Konflikt. Den bekommst Du jedenfalls, und wenn Du ihn gewinnst, bekommst Du Respekt.
Wenn Du ihn aber verlierst, dann bist Du ein Verlieren, du Looser du, wer sollte dich da respektieren. Und Du beginnst zu hassen: Mit kleinen Sticheleien, mit Bösartigkeiten, setzt Du dem Sieger zu, und seinen Freunden. Vielleicht bekommst Du ja einen neuen Kampf ...
Oder Du gibst auf und erklärst dich für unfähig, nicht satisfaktionsfähig, man solle nicht mehr mit Dir rechnen. Damit verlässt Du das Schlachtfeld. Am bekanntesten ist dieser Effekt bei scheiternden Schülern.
Ich weiß nicht, ob Junior eine solche Abfolge durchgelebt hat, und wenn ja, dann sehr rasch. Wenn, dann hatte er umgehend erkannt, dass er wahrscheinlich mit seiner Liebe in einer falschen Welt gewesen war, hatte sofort nach diesem Erkennen alle Wünsche und Hoffnungen fahren gelassen und dieses ihm nicht passende Spielfeld verlassen.

Wenn jegliche Geborgenheit entschwunden ist, am Ende des plausiblen Weges der Untergang auftaucht, dann helfen und trösten oft Kleinigkeiten, wie zum Beispiel dampfende, saftige, wohlschmeckende

Semmelknödel:
Diese Speise schmeckt besser als Hass, leichter als Liebe, und ist auf vielerlei Art zuzubereiten und schmackhaft. Ich kenne niemanden, der sich vor Semmelknödeln fürchten würde, und auch niemanden, der nach einer Konsumation die weitere Kredenz ausschlagen würde. Außerdem beruhigt die Herstellung von Semmelknödeln die Nerven, und man wäscht sich mehrfach die Hände. Deswegen darf ich hier kurz das Rezept und den Geschmack lobpreisen:
Nicht alle Semmelwürfel (»Semmelbröckerl« heißen sie wirklich) sind gleich schmackhaft. Ich nehme an, es handelt sich bei dieser Handelsware nicht einmal mehr um aufbereitete, durch »Nichtgebrauch« eingetrocknete Semmeln, sondern um eigens erzeugte Produkte, die bei der Verwendung eben etwas unterschiedliche Knödel ergeben können. Experimentieren Sie, entscheiden Sie nach Ihrem Geschmack. Sie können die Semmelbröckerl auch selbst aus alten Semmeln schneiden. Nehmen sie gute Semmeln.

Ich mische die trockenen Semmelwürfel bereits ganz am Anfang des Zubereitungsvorganges mit Mehl ab. So viel Mehl, dass die Würfel gleichmäßig weiß geworden sind, ohne dass am Boden des Weidlings noch Mehlreste herumschwappen. Dann werden geröstete Zwiebel untergemischte. In Butterschmalz braun geröstet. Nicht zu wenig, auf ein Kilogramm Semmelwürfel doch zwei größere Knollen, feinwürfelig geschnitten, samt dem Butterschmalz der Röstung. Ordentlich geriebene Muskatnuss dazu, Salz, eine. Prise Pfeffer, viel Petersilie gehackt und eine winzige Messerspitze Nelkenpulver. Das alles mische ich trocken. Drei Eier, etwa ein Liter Milch, werden versprudelt, über die Semmelmasse gegossen. Rasten lassen. Dann mit kaltwassernassen Händen Knödel formen und ins siedende Wasser rutschen lassen. Simmern, bis dass die Knödel aufschwimmen und drehen. Guten Appetit!

Semmelknödel lehren uns, dass man seine Arbeit ordentlich machen muss, seine Vorhaben mit ganzer Kraft und Aufmerksamkeit umsetzen muss, egal, was in der Außenwelt passiert, wenn man sich am Ergebnis erfreuen möchte. Dass man aus Resten (ursprünglich) etwas Neues, anderes, Großartiges fabrizieren kann, und dass Semmelknödel nichts für. Veganer sind. Dass sie Beilage sein können oder Hauptspeise, gepimpt als Knödel mit Ei und grünem Salat (schon gar nix für Veganer).
Und. Sie lehren uns - doch das vergisst man meist -, dass wir nicht nur unseren Hunger stillen wollen, sondern dass wir es mögen, wenn uns das Essen schmeckt. Wir sollten doch ein bisserl dankbar sein, dass wir unsere Wünsche erfüllt bekommen, zumindest meistens.
Das sind meines Erachtens die wesentlichen Gründe, warum die Semmelknödel hier überhaupt vorkommen. Das und der Umstand, dass ich jetzt gerade, beim Schreiben, Appetit auf Knödel mit Ei und grünem Salat bekommen habe. Gesundheit! Glück! Mahlzeit!

Junior war nicht abgeholt worden vom Bahnhof in Wien. Er hatte kein Smartphone, keine Nummer, nur den Namen seines Unterkunftgebers und seine Adresse. Zu der ging er zu Fuß, etwa 40 Minuten lang, da er ja nur leichtes Gepäck hatte, nichts tragen musste außer seiner Bekleidung, Alltagsbekleidung, die man ihm in Linz und Sankt Pölten gegeben hatte. Er ging und bestaunte die Stadt und die Menschen, die Lichten, den Verkehr, wie elegant Wien war im Vergleich zu Odessa.
Er wurde bereits erwartet, er wurde begrüßt, man wies ihm eine Zimmerflucht in einem Altbau zu, der sehr mondän und zum Teil sehr modern ausgebaut worden war, mit Salon im Dachgeschoss, von wo aus der Blick über eine großzügigste Dachterrasse über die Donau zur Hochhausgruppe um die Reichsbrücke schweifen konnte. Es war Abend. Die Lichter, ihre Spiegelungen im Strom, blinzelten wunderbar und ließen vergessen, dass der Tag nasskalt gewesen war. Kurz nur wurde er vom Hausherrn begrüßt, morgen sollte es eine Art Empfang geben für ihn, und er war sehr froh, sich in seine Räume zurückziehen zu können. Er fragte auch gar nicht nach Verpflegung, weil er in seiner Unterkunft eine kleine, sogar ausgestattete Küche entdeckt hatte. Nachdem eine Nachschau im Kühlschrank ergeben hatte, dass keine Lebensmittel vorhanden waren, schlüpfte er nochmals in Schuhe und Mantel und ging zum nächsten Supermarkt. Es gab offenbar keine Lebensmittelgeschäfte in Privathand mehr in Wien. Es war erst knapp vor 18 Uhr.

Er hatte schon während der Reise Appetit auf geröstete Knödel mit Ei und grünem Salat bekommen. Er kaufte Fertigknödel, sechs Bio-Freilandeier, eine kleine Flasche Rapsöl, etwas Balsamico-Essig, ein Tableau Salatmischung, zur Sicherheit Salz und Pfeffer und dann noch einen Liter Milch und Lebkuchen, im Abverkauf der Weihnachtsware. Ein Bier? Er ließ es stehen, wie auch den Wein, den Wodka, den Grappa und den Enzianschnaps.
Zu Hause machte er die vorbereiteten Semmelknödel nach dem in der Packung beiliegenden Rezept. Nach seinen Kochkenntnissen und seinen technisch-physikalisch-chemischen Vorstellungen sollte es eher leicht sein, Instant-Semmelknödel herzustellen. Aber entweder hatte er irgendeine Schwierigkeit nicht in Betracht gezogen, oder der Hersteller hatte Banausen beschäftigt, oder man wollte die Leute einfach nur frustrieren: Die Fertigknödel waren grässlich, eine breiige, pastöse Masse, die dann beim Versuch, sie zumindest knusprig-fest zu braten, an der Pfanne anklebte, obwohl er reichlich Öl verwendete. Er schlug sogar noch zwei Eier darüber, aber nach einigem lustlosen Herumstochern und Kosten aß er doch nicht und entsorgte die Reste in die Toilette. Müllbeutel gab es nämlich auch keine. Der Salat alleine schmeckte eher »mager«, und so versuchte er dann, sich mit den Lebkuchen und der Milch zu sättigen. Schmeckte auch alles industriell.
Er beschloss, noch fernzusehen, legte sich ins Bett, fühlte sich weniger zu Hause als in der Bugkabine des Schubschiffes und schlief anschließend schlecht ein und unruhig durch die Nacht.
Er fühlte sich nicht wohl hier.



Das Ich im Ich

Irgendwie, irgendwo und irgendwann habe ich schon einmal darauf verwiesen, dass, wenn ich eine künstliche Aktionsentität erschaffen müsste, ich mir eine Art Persönlichkeitsalgorithmus mit Narzissmustrigger überlegen würde, der - als Agent - für den Selbstschutz dieses Dings sorgen müsste. Repräsentiert wird ein solcher Algorithmus durch Selbstreferenzen, die man als »Ich-Empfinden« bezeichnen könnte.
Im Erleben des Alltäglichen ist es eigenartig, wie vielschichtig ein solches »Ich« sein kann, welche Selbstwert- und Eigenvorsorgemechanismen hier eine Rolle spielen können, was das alles nach sich zieht. An - beziehungsweise in - mir keinen ich da noch dazu so ein »Zwiebelschalenfeeling«: Kaum begreift man Mechanismen, die da unhinterfragt abgelaufen sind, muss man auch schon zur Kenntnis nehmen, dass diese neue Erkenntnisebene, von der aus man eben so tolle Erleuchtungsaugenblicke genießen konnte, ebenfalls wieder diversesten Einflüssen und Funktionen unterworfen ist. Zusätzlich interagiert diese Funktionsentität auch noch mit der Außenwelt. Wenn wir den vorgenannten Apparat konstruierten, würden wir uns immer auf eine Sensorik, die die notwendigen Außenweltdaten zeitnah erhebt, verlassen müssen.
Aber alles in allem würde ein solches »Ich« nahezu ausschließlich im Bewusstsein seiner selbst, seiner Bedürfnisse und seiner Wünsche, also vollkommen eigennützig, entscheiden und leben. Dies würde Konflikte mit anderen »Ich«-Bewusstseinen nach sich ziehen, Streitigkeiten, Konflikte, Krieg. Das wissen wir aus Erfahrung. Wie wir auch wissen, dass wir uns - unter bestimmten Verhältnissen, in bestimmten Gruppen, für bestimmte Zeit, in bestimmten Ausmaß - auch miteinander arrangieren können. Wir können einander sogar helfen, wir können einander begehren, wir können einander sogar so sehr lieben, dass wir uns für das geliebte andere opfern.
Was schafft solche Verbindungen? Evolutionäre Sinnhaftigkeiten scheinen klar: Der Arterhalt geht über den Erhalt des Individuums. Nicht bei Allen, aber doch bei Genügenden, dass es uns bislang noch gibt. Doch wir denken im täglichen Leben nicht an solche Grundlagen, wir denken gar nicht so sehr viel, wir fühlen, wir gehen nach unseren Gefühlen.

Als Menschen reagieren wir nicht einmal nur auf unmittelbare Fakten und Gefühle, wir reagieren auch auf die Geschichten, die wir mit diesen Fakten verknüpft haben. Wir verfallen in Ehrfurcht, wenn unsere Vorbilder zu uns sprechen, auch im Fernsehen, aber auch, wenn man uns davon erzählt oder wir darüber lesen. Wir sind gerührt von Filmen und Romanen. Uns gefallen Bilder und Fotos von Personen, aber auch von ihren Kunstwerken, und seien es architektonische oder welche in Gedankenwelten, die von bewunderten Personen geschaffen werden. Galeristen und Museumsdirektorinnen erzählen uns über Bilder und Statuen, die uns damit immer schöner werden. Und dennoch scheinen unterschiedliche Menschen Unterschiedliches zu lieben.
,»Geschmäcker sind eben verschieden«, sagt man, und meint damit unterschiedliche Vorlieben, die sich auf unterschiedlichen Erfahrungen gründen. Die Toleranten postulieren: »Über Geschmack kann man nicht streiten!«, und meinen damit: »Jedem das seine!« (Auch wenn die Nazis das in Buchenwald missbraucht haben). »Suum cuique«, aber ich meine damit nicht Verteilungsgerechitgkeit, sondern Entscheidungsfreiheit. Wir leben in dieser Welt so komfortabel, dass wir diese Entscheidungsfreiheit erleben können.

In all diesem Luxus gibt es Menschen, die wollen den Rest der Welt, die ganze Welt, an ihre Geschichten anpassen, in diese Geschichten zwingen. Also ob nicht sie es wären, die von der Welt reich beschenkt sind, doch nicht mit allem, sondern als ob sie die Herren der Welt wären, denen alles gebührt, sodass nur Böses ihnen die Erfüllung jeglichen Wunsches vorenthalten könnte. Man kann diese Zugänge und ihre Folgen nicht einmal objektiv messen, man kann es nicht objektiv feststellen, weil die Maßstäbe der Menschen hier unterschiedlich sind.
Doch die Zeit hat uns besseres Wissen gebracht, das Wissen hat die Welt geschrumpft und begrenzt. Wir kennen immer mehr Fakten, doch die gefallen uns nicht, weil sie passen nicht gut in unsere gern mitreißende Geschichten. Weil heutige »Wahrheiten« angesichts einer differenzierten Wirklichkeit differenziert sein müssen. Kein »Ja« ohne »Aber«, kein »Nein« ohne »Doch«, kein »Sein« ohne »Vergänglichkeit«, kein »Jetzt« ohne »Ende«. Keine einfachen Schlagwörter mehr, auch wenn man sich noch so sehr danach sehnt. Kein »Name-dropping«, das als Lösung angepriesen oder als Kriegsbanner geschwenkt werden kann:

»Gen« zum Beispiel, das kann viel sein und ist in unserem Leben präsenter, als die meisten wahrhaben wollen. In jeder Zelle tragen wir Genome: Das Zellgenom, vererbt von Mutter und Vater, und das Genom der Mitochondrien, dieser kleinen Zuckerkraftwerke in unseren Zellen, vererbbar nur in Mutterlinie. Wahrscheinlich meinen die unbedarften Kritiker »Gentechnik«, wenn sie »Gen« sagen. Und sogar da muss man noch einschränken: Gentechnik war und ist auch das Heranzüchten von Hunderassen oder hornlosen Kühen. Das meiste Saatgut für Lebensmittel ist gentechnisch so gezüchtet, dass die Anbieter damit ihr gutes Geschäft machen können (was ich gar nicht gutheiße). Früher machte man das mit Pflanzenkreuzung, heute mit verschiedenen Labormethoden. In jedem Steak steckt - über Züchtung, über das Futter, über Tiermedikamente - schon eine Menge Gentechnik, und wahrscheinlich auch in Ihnen selber. Oder glauben sie wirklich noch, dass zum Beispiel Insulin aus den Föten von Kälbern gewonnen wird. Wie viele Medikamente werden gentechnisch erzeugt? Fünf Prozent? Oder doch schon über 80 Prozent? Laktoseintoleranz

ist die Folge eines Enzymmangels zur Verdauung der Laktose. Sie ist keine »Strafe«, sondern eine »Veranlagung« oder Gegebenheit, man kann dieses Enzym auch verlieren. Und so wie manche Autos mit Dieselkraftstoff laufen, andere mit Benzin, sollte man im Fall der Intoleranz eben den falschen Kraftstoff, die Laktose, meiden. Aber theoretisch - vielleicht sogar praktisch - kann man gentechnisch was dagegen unternehmen. Es muss ja nicht das menschlichen Genom betreffen, es kann sich ja auch an die Darmbakterien richten. Wie zum Beispiel »probiotische Yoghurts.« Wo sind die Grenzen? Wo ist die Moral?
Es gibt Menschen, die trinken gern Milch. Die Laktoseverträglichkeit kann sich auch mit dem Alter andern, sodass man nach einigen Gläsern Milch rasch das »weiße Pferd« am einsamsten Ort des Hauses bereiten muss. Möglicherweise liegt das aber auch daran, dass man dann generell nicht mehr so viel Milch trinkt, von der ungewohnten Dosis dann überrascht wird. Oder vielleicht liegt es daran, dass man Milch eben nicht »länger frisch genießen« kann, auch wenn es auf den Packerln draufsteht. Aber trotz allem kann man gern Milch trinken, zu Schokolade, Kuchen oder Keksen oder allem. Manche mögen´s, manche halten´s aus, manche müssen auf´s Klo.
Man kann, man sollte, man muss dagegenhalten. Nicht gegen das Wc, sondern gegen den leichtfertigen, vorwiegend gewinnorientierten Zugang zu unserer Welt.. Über Jahrzehntausende haben wir uns in Wechselwirkung mit der Natur entwickelt, jetzt überschlagen sichndie Änderungen, denen wir ausgesetzt sind, und das kann nicht gut tun.
Derzeit schaut es aber so aus: Mitgefangen - mitgehangen! Wie kann man entkommen, gegenhalten? Wo kann man Wahrheit erfahren? Sie wissen, die ist nicht so einfach gestrickt, die heutige Wahrheit. Man muss sich anstrengen, Ihr auf die Spur zu kommen. Man muss damit leben können, dass es kaum eindeutige Antworten gibt, auf dem Grund der Wahrheit.
Aber selbst die komplizierten wahren Geschichten werden gekürzt und geordnet durch Geschichtenerzähler (das sind auch Politiker, Reporter, Sachbuchautoren, Schwurbler, Schamanen, etc.). Wir folgen dem Erzähler, seiner Fassung der Geschichte und seiner Moral, nicht unserer. Und natürlich lasst sich mit Geschichten auch Geld verdienen. Denken sie an die Ultrakurzgeschichten namens »Werbung«. Die langen heißen »Nachrichten« oder »Fake-News«, und die ganz langen »Literatur«, »Film«, oder »Musik«, »Performance«, »Bilder« und »Statuen«, wenn sie ganze halbe Leben brauchen, um verstanden zu werden.
Glauben Sie, Alternativmediziner verdienen kein Geld? Wie viel wohl in Relation zur bösen Pharmaindustrie? Beinhalten die Schachteln im Schauraum einer Apotheke Medikamente? Sinmd das alles nur Nahrungsergänzungsmittel und harmlose Einreibungen?
Es ist einfach unmöglich, in dieser Welt zu sein, ohne von dieser Welt beeinflusst zu werden, manipuliert. Man kann dies einfach auch als Wechselwirkung, Interaktion sehen, die aber nur so lange gleichberechtigt ist, solange Dein Geist frei bleibt, trotz aller Geschichten, die man Dir vorsetzt.
Du kannst erkennen, welche Geschichtenerzähler es gut mit Dir meinen (die, die nichts von Dir nehmen wollen), aber das lernst Du auch nur aus den vorangegangenen Geschichten Deiner. Eltern, Deiner Freunde, der Schulen, die Du besucht hast.

Junior war nicht frei. Gerade hier, in Österreich, in Wien, im freien Westen war er nicht frei. Die Freiheit ist hier wohl eine Definitions- und Ansichtssache, juristisch gesehen die Abwägung der Freiheit des Einzelnen gegen die Sicherheit der Gesamtbevölkerung. Aber nach seinem Geschmack gab es noch andere Sachverhalte, die seine Freiheit einschränkten, und die lagen in den von ihm erwarteten Umgangsformen. Sein ganzes bisheriges Leben lang hatte er sich bedeckt gehalten, bedeckt halten müssen, flüchten müssen, vor Gangstern, Wölfen, vor der Mafia, vor gierigen Matrosen, vor der Kälte und dem Tod. Und jetzt war er wieder hier, in Österreich, wo seine erste Flucht begonnen hatte, in eine Hoffnung auf ein neues Leben. Nationalstolz verspürte er keinen. Den Leuten ging es halbwegs gut in Österreich, manchen ungebührlich gut. Das war in der Ukraine anders gewesen, und der Begriff »Nationalmitleid« schoss ihm durch den Kopf, identitätsstiftender als der Stolz.
Insgesamt erlebte er »Österreich« als Bühne, als Schaukasten für Personen, die sich wichtig machten mit dem Bezug auf dieses »Österreich.«
Bei seiner »Empfangsparty« erwartete man pointierte Unterhaltung von ihm, ihn vorführen zu können, wie artig er war und wie artig man doch selbst sein musste, so einen artigen Affen so passend vorführen zu können. Ihm graute. Viele Arten von Eitelkeit sollte er bei weiteren Veranstaltungen noch kennenlernen: Die vorgeblich Schöne, die sich Anbetung erzwang, auch für ihren Witz, den angeblich messerscharfen Analytiker, der sich deswegen für so großartig hielt, weil er außerstande war, sich vorzustellen, dass es außer seinen Gedankengängen noch etwas geben könne auf dieser Welt. Er lernte angebliche Zyniker kennen, derer flapsige Möchtegernpointen es schon jahrelang aus Mad-Magazinen und maghrebinischen Geschichtsbüchern kannte, und oft wunderte er sich, wie unpassend sie ihre Witzchen platzierten. Manche »Damen« erwarteten von ihm Avancen, eine Eroberung, das Apportieren eines Taschentuchs oder einer Wortmeldung.
Er verhielt sich bescheiden, er stellte sich dumm, doch selbst das ist nicht unproblematisch, wenn ein Eitler ein Wettrennen vermutet.

Es gab aber noch eine Komponente: Er hatte unterschätzt, wie bestimmend sich Corona in die Köpfe und Herzen der Menschen in Österreich eingebrannt hatte, wie polarisiert, wie fantasielos, wie angsterfüllt und rotzig-trotzig und ohne jeden Willen zur Wahrheit, die eben Differenzierungsfähigkeit verlangt hätte. Er hatte nicht vermutet, wie sehr die Exponenten der verschiedenen Ansichten zum Themenkreis ihn vereinnahmen wollen würden. Wie sehr sie ihn umwerben würden, später verunglimpfen würden.

Ich habe jetzt stillschweigend Tage oder sogar Wochen übersprungen, in denen man Junior herumgeschleppt hatte, vorgeführt hatte, relativiert hatte, angegriffen hatte. Es ist grauenhaft, eine Person öffentlichen Interesses zu sein, die sich erlaubt (in Wahrheit: Genötigt wird), öffentlich aufzutreten, keine Stellung zu beziehen (das war Junior himself), und wenn, dann eher laut nachzudenken, manchmal auch eine Meinung nachzujustieren.

Eines Nachts hatte er einen Traum. Der Traum stellte sich mit einer typisch fernöstlichen Ästhetik vor und erzählte von der japanischen Prinzessin Vollkommene Kirschblüte (das ist der übersetzte Namen).

Wir wissen alle, dass die Umgangsformen im klassischen Japan sehr streng und eng reglementiert waren, sodass die eignen Wünsche nur in Nuancen, in das Nachklingen eines ordentlichen Tones hinein gelegt werden können. Die Prinzessin war ein Wunschkind ihrer Mutter gewesen, ihr Vater, ein großer, grimmiger Fürst, hätte lieber einen Stammhalter als Erben und Heerführer gehabt, doch wurde das zwischen den Eheleuten nie ausgesprochen. Vielmehr wurde die Prinzessin, von ihrer Mutter heiß geliebt und verhätschelt, von ihrem Vater so großgezogen, dass sie die Machtmechanismen eines Reiches zu begreifen und beherrschen lernte. Schwertführerin würde sie keine werden, so dachte er, aber er wusste auch, dass eine Frau den stärksten Samurai mit einem Blick bezwingen konnte. Und so wollte er seine Tochter - aus seiner Sicht - angemessen verheiraten, dass sie sein Erbe mit dem Schwert ihres Gatten fortführe.
Vollkommene Kirschblüte wurde mit zunehmendem Alter immer schweigsamer und trauriger, da sie die Wünsche ihrer Eltern spürte, im Gegensatz zu ihren Wünschen nach »Leben - Lieben - Lachen«, so würden wir wohl dazu sagen, so geht das in Japan aber nicht. Im Laufe der Jahre reifte in der Prinzessin der Gedanke, einfach wegzulaufen, sich zu entziehen. Und tatsächlich lief sie weg, in die Berge, zu den Wilden, zu den Eremiten, den Räubern, den Mönchen, wo sie sich als Einsiedlerin versteckte. Ihr Leben wurde bescheidener und bescheidener, achtsamer und achtsamer, und im Lauf der Zeit sprach sie mit jedem und allem, dem sie begegnete: Mit dem Beerenstrauch, von dem sie pflückte, mit Kuh und Kalb, wenn sie sich Milch erbat. Und wenn man sie gelassen hätte, dann wäre sie wohl verdampft und entrückt worden.
Aber da flüchteten Bauern in die Berge, in den Wald, weil es Krieg gab in den fruchtbaren Tälern. Kirschblüte sah Hunger, sah Wunden, sah Tod, und sie wollte gar nicht glauben, dass es eine solche Welt wirklich geben könne. Voller Mitgefühl half sie, wollte helfen, musste hinnehmen, dass viele lieb gewordene Angewohnheiten keinen Platz mehr hatten neben der dringenden Arbeit zur Minderung des Leides. Sie entschuldigte sich beim Strauch und beim Kalb, das jämmerlich muhte. Die Mutterkuh hatten die Warlords geschlachtet, was die Prinzessin nicht wusste. Trotzdem nahm sie das verwaiste Kalb mit sich, und sie beschützte es, selbst vor dem Hunger der Geflüchteten.
Der Krieg endete. Die Flüchtlinge kehrten ins Tal zurück. Die Eindringlinge waren, so sagte man ihr, hinausgeworfen worden. Viele Gräber waren aufgehäuft um ihr Lager herum.
»Leben - Lieben - Lachen« waren nicht mehr, eine weinerliche Ernüchterung trocknete sie aus. Und sie dachte nach, über ihre jetzige Welt, über die Welt, aus der sie geflüchtet war: Ihr Vater hatte gesiegt, hatte sein Volk verteidigt. Was war wirklich passiert? Hatte ihr Vater nicht auch erst das Tal erobert, vor vielen Jahren zwar schon, aber erobert? Wie viele Kriege würde es noch geben? Wie lange würde ihr Vater noch kämpfen können? Was würde geschehen?
Sie verfiel in Traurigkeit, in Weinen. Und nachdem sie viele Tage getrauert und geweint hatte, erhob sie sich. Sie nahm ihr Kälbchen, mittlerweile einen jungen Stier. Auf diesem Stier ritt sie ins Tal, und die Bauern schauten mit großen Augen und meinten, sich an eine Legende erinnern zu können. Sie erzählten die Legende weiter, und die Geschichte erreichte wundersamerweise den fürstlichen Hof, bevor sie ankam.
Ihre Mutter weinte Freudentränen, was im alten Japan ganz und gar außergewöhnlich war. Ihr Vater blickte grimmig, weil das so sein muss, aber er freute sich auch sehr, nicht nur tief im Herzen. Und so ließen sie der Vollkommenen Kirschblüte ihren freien Willen (was Hochzeit anbelangt, und Regierungsgeschäfte, und so). Und die Prinzessin ließ ihnen und dem Fürstentum ihr Leben und ihre Kraft. Ein bisschen traurig dachte sie schon manchmal an »Leben - Lieben - Lachen«, aber man erzählt über sie, dass sie ihre Sache gut gemacht hat. Nicht nur für ihre Lebenszeit, sie hat das Haus auch wohlgeordnet hinterlassen, kurz nach ihrem geliebten Gatten, im Beisein ihrer vier Kinder und unzähligen Enkel und Urenkel und Ururenkel.

Manchmal gibt es Ereignisse, die ein Leben augenblicklich ändern: Einen Glücksfall, einen Unfall, wer weiß?
Manchmal gib es Ereignisse, die erkennen lassen, dass sich das Leben weit geändert hat, still und im Hintergrund. Und in einem Moment stellen Sie sich die Frage, und ja: Ihr Leben hat sich vollkommen geändert.

Juniors Meinung hatte sich im Lauf der Zeit gefestigt: Dialog statt Rechthaberei. Respekt, das verkündete er. Aber er sagte nicht: »Wir sollten ...«, oder: »Wir müssen ...«, sondern er verschaffte sich zuerst umfassend Informationen zum jeweiligen Thema, und dann sprach er sie alle an. Er sprach sie an auf ihre Sorgen, ihre Ängste, ihren Hass. Er sprach sie an auf Semmelknödelrezepte, die Schulnoten ihrer Kinder, die Ergebnisse der Lieblingsfußballmannschaften, auf die Reparaturkosten des Autos, auf die vielen kleinen Problemchen und Alltäglichkeiten.
Er zeigte Mitgefühl (kein Mitleid), er versprach seine Integrität, steckte die Felder seiner Loyalität ab, sagte, was er für am wichtigsten, am richtigsten hielt. Er sagte, was er machen würde, was er von den anderen erwarte. »Bitte« war ein Vokabel, das er verwendete. Und :«Danke!« Und er lächelte, er sah Dir in die Augen.
Er bemerkte, dass seine Lebensumstände seinen Lebenszielen ein wenig entgegenstanden, und so nahm er eines Tages seinen ganzen Mut zusammen und ersuchte um einen Gesprächstermin mit seinem Gastgeber.

Jetzt werden sie fragen, warum ein Mann wie Junior überhaupt seinen Mut zusammennehmen muss, bei allem, was er bereits erlebt hatte, bei allem, was er machte? Vor der Außenwelt, das stimmt schon, da hatte er weniger Angst. Aber er hatte ein wildes Leben geführt; Verzogen statt erzogen, in vielerlei Lebens- und Drogenräuschen. Er war bang, sich selber nicht trauen zu können, er erinnerte sich seiner Stürze. Vor denen hatte er Angst, vor sich selber, Wegen seiner Fehler, ob seiner Kraft, seines Mutes, seiner Gelassenheit und Weisheit.

Er gab sich also einen Ruck, eines Tages, und hielt fast eine Rede:

»Ich danke Ihnen!
Sie haben mich aufgenommen und verköstigt, Sie beherbergen mich immer noch, und ich bin in keiner Weise in der Lage, Ihnen ihren Aufwand zumindest zu entgelten oder Ihnen sonst irgendwie von Nutzen zu sein. Es tut mir leid, dass mir dies erst jetzt so richtig bewusst geworden ist, und ich möchte mich für die Unannehmlichkeiten, die ich Ihnen verursacht habe, entschuldigen.
Ich will mein Leben jetzt endlich wieder in eigene Hände nehmen, mir eine eigene Wohnung suchen, selbst mein Geld verdienen, mir endlich - das wird wohl Voraussetzung dafür sein - wieder Papiere besorgen. Wahrscheinlich ist es nur den Umständen, dass ich hierzulande wohl bekannt bin, und dass Franz Kafka bereits 1924 verstorben ist, zu verdanken, dass ich deswegen noch keine Schwierigkeiten hatte.
Auch für Ihre bisherige Unterstützung möchte ich mich bedanken, dafür, dass Sie mich in die Gesellschaft eingeführt haben.
Aber ich muss Sie zu meinem Vorhaben um etwas ersuchen: Sie wissen, dass ich nichts besitze. Und so will ich Sie bitten, mir jemanden zu nennen, an den ich mich wenden kann, dass er mich beim Start unterstütze, mich vielleicht selbst zu unterstützen. Ich werde Ihnen alles mit Zinsen zurückzahlen!«

Er brauchte nicht lang bang zu warten:
Die geringen Summen, die er sich vorgestellt hatte, waren für seinen Gastgeber offensichtlich nicht abschreckend. Er bedankte sich nochmals, zog aus in ein billiges Quartier am Stadtrand, zur Hauptkläranlage hin, und er fand auch Arbeit: Keine Anstellung, einen Job: Freiberuflich sollte er für eine Zeitung eine Kolumne verfassen: über die Ukraine, über Österreich, über die Welt, über die Welt im »Ich«. Er wollte das machen, dies alles beschreiben, aber nicht analytisch, an Realpolitik oder Wirtschaft orientiert, sondern aus seiner subjektiven Innensicht heraus. So, wie er die Welt sah. Und er wollte berücksichtigen, dass andere anders denken. Er wollte zu jeder Situation einen vertretbaren und lebbaren Konsens finden.

Die Menschen sind kaum je böse. Sie haben Angst, sind bequem.
Man muss sie fangen, auffangen, bevor sie aus Bequemlichkeit zum Unguten hinsinken.
Zeit, die Welt zu verbessern!


Leben mit dem Bösen und dem Guten

»Es gibt ein Sprichwort vom Esel, der aufs Eis tanzen geht, wenn es ihm zu gut geht. Ich weiß nicht, ob wir in einer Esel-Eisrevue-Zeit leben, jetzt, aber für mich gäbe es einige Zeichen, sich zu mäßigen«, meinte Junior in einem seiner Kommentare. »Gerade das Gegenteil geschieht aber jetzt: Geschenke werden zu einem selbstverständlichen Anrecht umgedeutet. Woraus dieses Anrecht entstanden sein könnte, dieses Phantomrecht, für das es keine Begründung gibt als die Historie, interessiert niemanden. Jeder will seine Besitztümer wahren, seine Rechte. Und weil sich das nimmer ausgeht in einer begrenzten Welt, könnte es sein, wird es sein, dass die, nein, unsere Welt untergeht, von uns zerstört wird. Wir werden ungläubig zusehen, zuerst irgendwelche Schuldigen suchen, dann kleinmütig »´Tschuldigung« hauchen: »Wir haben das nicht gewollt. Wir haben das nicht gewusst, wir wollten nichts Böses, aber es hat uns ja niemand ordentlich erklärt.«

Angesichts der Eskapaden und Exzesse, die aktuell überall in der ganzen Welt stattfinden, angesichts der Wut, des Zorns, der Ignoranz und der Verzweiflung, die ich in diesen Tagen miterlebe, wollte ich vom Bösen schreiben. Doch dieses widersetzte sich mir, subversiv und widerspenstig. »Bin ich das Böse«, fragte es, »wenn ich unwissend einen Regenwurm zertrete? Und für wen könnte ich das Böse sein? Bin ich der Böse, wenn ich Schlachter bin oder der Bauer, der das Stierkalb an den Schlachter liefert oder verkauft?

Es ist wohl schwer, ohne Erkenntnis, Mitgefühl, Einblick in die Folgen einer Entscheidung, ohne Wissen um Alternativen, ohne Bewusstsein über Schaden und Schuld, ein schlechtes Gewissen zu haben. Und wenn man nichts weiß, wird man sich kaum als böse fühlen oder als böse bezeichnet werden können. Ist man böse, wenn man nichts Näheres wissen will, nicht alle Konsequenzen denken will? Wir alle kennen das, wir essen weiter Fleisch, wir kaufen weiter bei Amazon, wir dulden weiter, dass irgendwer gemobbt wird, wir stecken weiter, wie Arik Brauer es besungen hat, unser Köpferl im Sand. Das Böse ist auch das Gute, das man nicht tut.

Es gibt dann noch diejenige Kategorie des Bösen, die dadurch entsteht, dass wir nicht ins Hintertreffen geraten wollen. Alle anderen machen ja auch das Böse, und wenn die Mehrheit das macht, dann kann es wohl nicht böse sein. Die Mehrheit ist aber keine moralische Instanz, und wenn man die »Mehrheitswahrheit« als alleinigen Maßstab anlegte, dann würden wir uns ganz, ganz schnell ausrotten, bei Wettfahrten auf dem Highway to hell.

Schmerzlich ist der Gedanke an den Zyniker, der aufgegeben hat mit seinen hohen Erwartungen an die Welt, der vergeblich gewartet hat, dass ihm das Richtige widerfahre, und der in seinem Zynismus dann zuerst den Bösen spielt und dann wirklich menschen- und vielleicht sogar weltverachtend böse wird. Oder vielleicht verachtet er nur die Menschen und liebt dafür die Tiere, weil die ihm ja nichts antun können und ihn jedenfalls lieben.

Doch keiner will böse sein, so richtig aus den Tiefen seiner Seele heraus böse sein. Und doch finden wir so vieles Böses auf der Welt. Doch böse sind immer die anderen. Alles klar? Man will ja nur Respekt, und wenn man den nicht bekommt: Reizen, Kämpfen, Hassen. Das hatten wir schon einmal, mehrfach, nicht in unserem Erdenleben, aber in unserer Gegend. Die Bösen waren immer die anderen. Auch jetzt sind die Bösen immer die Anderen!«

»Man kann das Böse nicht bekämpfen,« schrieb er, »denn Kampf ist nichts Gutes. Man kann das Böse auch nie endgültig überwinden, weil dann gäbe es ja nur mehr das Gute. Das ist irgendwie wie Seilziehen auf nur eine Seite. Wenn man das Böse zu ergründen versucht, muss man auf jeden Fall auch über das Gute nachdenken.
Was ist es denn, dieses Gute?
Als Allererstes ist mir hierzu eingefallen, dass es sehr einfach ist, Entscheidungen zum Guten hin zu treffen, wenn - wie man so schön sagt - »die Not am größten ist«. Da findet man als Bösewicht ja auch nicht mehr viele nibelungentreue Verbündete, denen es egal ist, wenn es noch schlimmer wird. Und wenn man voller Liebe ist, voller wirklicher Liebe, nicht etwa voll von Besitzansprüchen, dann kann man auch leicht gute Entscheidungen treffen.
Doch leider scheint es in unserer Natur zu liegen, dass es schwer ist, eine lange Reihe von guten Tagen zu ertragen. Wenn es dem Esel zu gut geht, dann geht er aufs Eis Tanzen.
Und in eine gutgeh-überdrüssige Fadesse hinein kann man leicht allerlei Pseudoaufregungen pflanzen, die dann aber eigentlich immer nur böse sein können, weil die Tage zuvor, die unaufgeregten, die waren ja die guten. Sagt der Geist, der stets verneint, und das mit Recht. Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht ...«

Solches schrieb er - sinngemäß und zum Teil auch anekdotisch - für seine Leserschaft, seine jeweilige, in mittlerweile verschiedenen Magazinen und Druckwerken.

Juniors Kolumnen waren umstritten. Oft befasste er sich augenscheinlich nicht mit dem aktuellen Geschehen, doch waren es doch immer passende Kommentare. Manchmal wurde er konkret wie ein Kommentator im Fernsehen. Zum Beispiel im Hinblick auf die Entwicklungen in der Ukraine, über die er (ein Versprechen band ihn, noch mehr seine Erinnerungen an seine dortigen Freunde) immer wieder schrieb. Verständnis wollte er erzeugen, Verständnis für die wirtschaftlichen Verflechtungen, die das Oligarchentum, das Ungleichgewicht in der Ukraine so sehr beförderten. Dort hatte sich mittlerweile eine neue, angstmachende Situation entwickelt, die natürlich auch aus der Historie heraus zu sehen ist: Vor 30 Jahren war die damalige Sowjetunion zerfallen, in der Folge waren etliche europäische und asiatische Nationalstaaten entstanden. Die Kleinstaaten des Baltikums hatten sich in der Folge der EU angeschlossen, andere Staaten wiederum sind uns durch laufende Medienberichte geläufig, wenn auch nicht geheuer: Kasachstan, Belarus, die Ukraine.
Diese Ukraine hatte schon 1997 eine Charta mit der NATO unterzeichnet, die Annäherung an den Nordatlantikpakt erfolgte unstet, aber doch so, dass Russland sich in den 2020-er-Jahren zunehmend bedroht fühlte. Sie können sich das so ähnlich vorstellen wie die Sorgen der USA in der Kubakrise 1962, als die UdSSR Mittelstrecken-Raketen vor der Hoftür Amerikas, auf Kuba eben, stationierte.
Chauvinismus, Eitelkeiten, innenpolitische Momente, all das spielte natürlich auch eine Rolle im Balzverhalten der gegnerischen Parteien, doch würde das niemand je zugeben, niemand aus den Kreisen der Streithanseln und ihrer Anhängerschaften. Weil es ja unser Selbstverständnis, die Rechtmäßigkeit unseres Gefühlslebens beträfe, weil wir ja Argumentationslinien aufgeben müssten, wenn wir unsere persönlichen Motive offenlegten. So weit kann das jeder halbwegs neutrale Kommentator jedem halbwegs aufmerksamen Zuhörer plausibel machen. Doch Junior ging in seinen Erörterungen noch weiter: Er versetzte sich in die Rollen der Beteiligten, empathisch, versuchte zu verstehen. Und er versuchte, seine Leserschaft auf diese Reisen mitzunehmen, zur Erkenntnis hin, dass es hier keine Wahrheiten der Standpunkte gäbe, nur Wahrheiten über Kausalitäten und Mechanismen.

Er war übrigens kein Königssohn mehr: Schon vor langer Zeit war er aus allen Thronfolger-Ansprüchen, wenn man das so nennen möchte, herausgefallen. Das kümmerte ihn nicht, allenfalls erleichterte es ihn. Und er war auch kein Junior mehr, er näherte sich seiner Lebensmitte, er war kein Irgendwer hinter Irgendwem, und ein »jr.« hatte er seinem Namen nie angehängt gehabt. Ich will aber jetzt keinen Namen aufs Tapet bringen, in diese Geschichte einführen, da wir Junior schon - ein bisschen distanziert - als eben Junior kennen. Ein neuer Namen, ein neuer Klang, könnte Stimmungen und Fragen erzeugen, die nichts zur Sache beitragen, könnte Sympathien, Abneigungen erwecken.

Abneigung erweckte die Stellung Juniors zur Ukraine-Krise aber jedenfalls, weil die Europäer als NATO-Mitglieder fühlten sich als die Guten, obwohl Putin ihnen seine Einschätzung der Situation klar übermittelte: »Wenn, dann wolle er mit Amerika verhandeln!«
Polarisiert hatten seine Stellungnahmen bis dahin wenig. Wie gesagt: Er schrieb ja scheinbar selten zu Tagesaktuellem, oft über angebliche Nebensächlichkeiten, über altmodische und abstrakte Begriffe wie eben »Gut«, »Böse«, »Liebe.« Und er schien nichts von seinen Lesern zu verlangen. Aus Juniors Sicht stimmte das natürlich nicht. Was stimmte, war, dass er nicht auf seine Leserschaft eindrang: »Ihr müsst ...«, auch nicht »Wir müssen ...«
Wenn man sich aber an seine Schreibweise gewöhnt hatte, dann konnte man es klar und deutlich verstehen: »Ich habe versucht, die Angelegenheit, über die ich Euch heute erzählen möchte, zu verstehen, aus allen Blickwinkeln, im Hinblick auf alle möglichen Folgen von Entscheidungen oder Entwicklungen ... Für mich halte ich es für klug, folgendermaßen vorzugehen ... Aus meiner Sicht wäre es für Euch klug, folgendermaßen ....« , und da gab es auch viele »Wenn«und »Oder.«

Man muss dazu wissen, dass Junior schon so oft und viel verloren hatte in seinem Leben, dass er vor Verlusten und Niederlagen keine Angst mehr hatte. Aber er konnte verstehen, dass Menschen Angst haben konnten, das Ihre zu verlieren. Auch das hatte er ihnen geschrieben, seinen Lesern. Und dabei hatte er aber auch unmissverständlich darauf hingewiesen, dass man für ein gutes Leben nicht unendlich viel Vermögen ansammeln muss, das man doch nur der Welt raubt. Räuber sind Banditen, eindeutig, und er fürchtete sich nicht, gegen Banditen anzutreten, gleich, woher sie kamen, gleich, wie sie hießen, gleich, was sie erzählten. Mit solchen Aussagen schuf er sich nicht nur Freunde. Man intervenierte, und er war verwundert, wer aller mit welchen Mitteln auf ihn einzuwirken versuchte. Aber Junior hatte - wie bereits gesagt - schon so viel verloren, er hatte aber auch so viel wieder gewonnen, dass er sich nicht fürchtete. Nicht über die Maßen fürchtete. Er war ein vernünftiger Mutiger, der Risikobetrachtungen anstellt, bevor er entscheidet und handelt.
Auch das erzählte er seinen Leser:Innen. Und er erzählte ihnen auch, dass er bei seiner Art, die Welt zu sehen und zu untersuchen, nichts verlöre an so etwas wie den wissenschaftlichen Pragmatismus: Keine Farbe, keine Lust, keine Magie, keine Freude, nichts verlöre man. Hinter jeder Tür, die er auf seiner Suche nach Wissen, nach Erkenntnis durchschritte, in jedem Buch, das er aus diesen Gründen lese, fände er tausend neue blühende Welten, eine zunehmen als großartig erkennbare Welt, nicht nur Sonne, Regen, Matsch, Sandstrand, schnelle Autos, Spieleuniversen, Virtual Reality oder Räusche in eingebildeten Welten. Es war so für ihn, er hatte eine unendlich reichhaltige Welt, er war glücklich.
Eines Tages wollte ihm beispielsweise partout kein Kolumnenthema einfallen: »Tut mir leid, Leute!«, schrieb er: »Mir fällt nichts ein heute, nichts, wo der Schuh drücken könnte. Lassen wir´s dabei. Freuen wir uns einfach! Freuen wir uns grundlos!« Und auch das war damit zu einem Thema geworden.

Wie erging es Junior aber privat, höchstpersönlich?
Im Lauf der Zeit löste er als Kolumnist einiges Echo aus, wurde zu einer landbekannten Autorität, wenngleich mit dem Nimbus eines Unberührbaren.
Privat lebte er sehr zurückgezogen, wollte unerkannt bleiben, wollte unbelästigt bleiben. Er meinte, zufrieden zu sein mit seinen Lebensumständen, doch im tiefsten Inneren hinderte ihn eine Angst vor Enttäuschung, nicht vor Gegnerschaft, nicht vor Angriffen im Rahmen seines Kolumnistenlebens, sondern vor Enttäuschung des kleinen Ichs im Ich, sein Wesen und Wollen zu öffnen, sogar sich selber gegenüber. Doch das ahnte er nur, und er ahnte es nur in seltenen Augenblicken.
Wenn es in seinem Leben ein Auf und Ab gab, dann ausschließlich wegen seiner Essays, die mittlerweile wild diskutiert wurden. Gesund war er, sein Auskommen hatte er. In wild wogende Dispute wurde er oft einbezogen, grob, vorgeblich als Schiedsrichter, doch wollte man ihn immer als Parteigänger. Es war hauptsächlich seiner fast peinlichen Korrektheit zu verdanken, dass er alles unbeschadet überstand und weiterhin unumgänglich blieb. Von allen Seiten versuchte man ihn, politisch zu vereinnahmen. Er ließ es nicht zu. Man zitierte ihn. Er musste jedes Mal die umfassenden Zusammenhänge klarstellen, aus denen die Zitate herausgerissen worden waren. Damit erwarb er sich - trotz institutioneller und parteipolitischer Anfeindungen - den Glauben der Menschen, ein Wahrhaftiger zu sein. Man konnte ihm einfach keine persönlichen Interessen unterstellen. Ich will Sie jetzt nicht mit Anekdoten aus dieser Zeit beschäftigen, die sich alle darauf gründen, dass er mit seinem trockenen Humor manch öffentlicher Auseinandersetzung Glanz verlieh. Man erwartete quasi schon Witz und Erfolg von seinen Auftritten.

Ich will Ihnen aber an dieser Stelle eher über das Leben und die Veränderungen, die das Leben von Junior betrafen, aus einer Art »Innensicht« erzählen:
Er machte keine Fehler, keine groben Fehler, die irgendjemand außer ihm selber erkennen hätte können. Er konnte gar keinen Fehler machen, keinen Fehler aus seiner Sicht, seiner ungebundenen, freien Sicht, seiner Sicht der Liebe zur ganzen Welt. Er konnte keine Fehler machen, denn er konnte, wollte und durfte wahrhaftig sein, er musste keine außenstehenden Interessen berücksichtigen. Und doch machte er einen Fehler, einen quasi internalisierten: Er trug ausschließlich die Standarte der Anderen, gegen die jeweils anderen Anderen, gegebenenfalls auch für sie. Sein Verhalten war - von außen besehen - mit dem Mut eines guten Anführers vergleichbar.
Er äußerte sich aber nicht nur in Auseinandersetzungen. In seinen Kolumnen ging auch um gutes Leben, und wie man denn ein solches führen könne. Nahezu unbemerkt - als Erster befürchtete er es selber - begann er dadurch, auf die Moral der Menschen einzuwirken. Das machen zwar alle möglichen anderen Menschen und Institutionen auch, angefangen bei der Philosophie bis in die Kloake der »Geiz-ist-geil!«-Sprüche. Aber aufgrund seiner Popularität, seiner Differenziertheit, Zurückhaltung, seiner Kompetenz und des Vertrauens, das man ihm mittlerweile schenkte, versah man ihn zunehmende mit Vorbild- und Leadereigenschaften, wie beispielsweise einen König.
Bemerkenswert hierzu ist vielleicht noch, dass er seine Erkenntnisse, sein Wissen, seine Meinungen, seine Ansprüche nicht etwa in vielfältigen und offenen Diskursen entwickelte. Er schien alles nur mit sich selber auszumachen, natürlich Informationen berücksichtigend, die ihm zugänglich waren. Unmittelbaren Dialog und zielsuchende Dialektik er-lebte er augenscheinlich aber nur mit und in sich selber. Diese Selbstisolation hatte ihn schon seine Kindheit gelehrt, in diese Selbstisolation war er in Folge seiner Schicksalsschläge immer wieder zurückgefallen. Es ist verwunderlich, welch umfassendes und kongruentes Weltbild er aus überwiegend sich allein entwickeln hatte können, erfand.

In diesen Wintertagen, sozusagen am Höhepunkt seiner Kolumnistenkarriere, seines öffentlichen Daseins, stellt sich ihm die Frage: Welche Eigenschaften braucht ein König, welchen Mut?
Dass er Mut brauchen würde, Mut für eine Zukunft, das spürte Junior mit bangem Herzen. Sein Weg, falls er ihn weiterginge, würde zu einer Entwicklung auch seiner Wertvorstellungen, seiner Erwartungen an die Menschen führen, das fürchtete er.
Jeder Frage eine Antwort, jedem Problem eine Lösung, jeder Zeit den richtigen König ... Wenn man auf eine Zukunft hoffen will, an eine Entwicklung glauben, dann kann man solche Parolen posaunen. In seinem Nachdenken bemerkte er, dass er es bislang nicht bemerkt hatte, wie sehr er - bei allem Bemühen und Wahrhaftigkeit, um die richtige Position in der Welt zu wahren - doch seine höchstpersönlichen Überzeugungen und Wertvorstellungen propagiert hatte. Er registrierte es ohne großes Erschrecken, weil er in seinen Überlegungen durchaus auch zu der Schlussfolgerung kam, dass die Menschen ihm bislang ja nur deswegen gern gefolgt waren, weil er sie irgendwie aus einer Not erlöst hatte. Nicht aus einer Hungersnot, nicht vor Tod und Leid in einem Krieg, sondern aus der Not, sich selbst verloren zu haben in einer scheinbar sich auflösenden Welt. Jetzt, mit gestärktem Mut und Vertrauen, jetzt, bald, genesen, erholt, würden sie neue Ziele suchen, neue Moden, wenn man es fein sagen will, oder grob: Eine neue Sau durchs Dorf treiben. Oder eben aufs Eis tanzen gehen.
»König muss man auch sein wollen«, fiel ihm ein, natürlich nicht im Wortlaut, aber sinngemäß. Und dass es nicht nur Sachpolitik gäbe, die eine bessere Welt bauen könnte, möglicherweise, sondern dass es dazu auch Machtpolitik brauchte, um überhaupt regieren und umsetzen zu können. Man müsste in manchen Situationen auch Gewalt ausüben, um sich durchzusetzen, um sich Macht zu erhalten. Dass er solche Gedanken wälzte, sich dabei in Protagonistenposition sah, dies erschreckte ihn wesentlich mehr. Ein Zitat von Charlie Chaplin, Schauspieler, Komiker, fiel ihm ein: »Macht brauchst Du nur, wenn Du etwas Böses vorhast. Für alles andere reicht Liebe, um es zu erledigen.«, eine Rede aus einem seiner Filme, dem »grossen Diktator«: »Es tut mir leid, aber ich möchte nun einmal kein Herrscher der Welt sein, denn das liegt mir nicht ...«
Er schämte sich.
Und seine Leser wunderten sich in dieser Zeit, dass seine Kolumnen immer schöngeistiger, transzendenter wurden, ohne konkrete Aussagen zu aktuellen Sachverhalten, ohne Wertungen, ohne Gut und Böse.. Die Kolumnen waren ab dieser Erkenntnis, Scham, Katharsis, wohl eher als Weisheiten anzusehen, die für den Vielbeschäftigten ja oft wie Dummheiten aussehen. Transzendenz ist aber tatsächlich ein Geschenk, weil der Mensch kann ja wohl nur deshalb Kultur produzieren, weil es ihm seine Natur erlaubt. Er kann sich über seine natürliche Herkunft erheben, indem er sein kleines Ich hingibt. Deswegen scheiden sich wohl auch noch immer die Geister am Wesen des Menschen, insbesondere die Geister der Natur- und der Geisteswissenschaften.

Er begann - wieder einmal -, nach einem neuen Leben zu suchen. Eigentlich suchte er in einem schon neu gewordenen Leben
Eines Tages rief ihn eine seiner Redaktionen an. Er dachte im ersten Augenblick, man wolle ihm kündigen, aber es war etwas anderes: Jemand wolle mit ihm Kontakt aufnehmen. Er rief zurück. Er erreichte einen Mitarbeiter einer politischen Gruppierung, einen Menschen, von dem er - nach dem Stand seines Wissens - viel hielt. Seine Wertschätzung galt dabei ausdrücklich der Person. Zu einer dem entsprechenden Stellungnahme hätte er sich in seiner Korrektheit aber nie hinreißen lassen. Es kam zu einem Treffen. Coronabedingt war es ein Spaziergang in Freien, an einem Nachmittag im Spätwinter, in den Donauauen beim Friedhof der Namenlosen. Eine solche Vorgangsweise lag auch im Interesse seines Gastes, der ein informelles,, vertrauliches Gespräch suchte. Und vielleicht gefiel die Landschaft und Stimmung ja ihnen beiden.
Nein, er wolle nichts Konkretes, er glaube nur, einen Gesinnungsgenossen gefunden zu haben. Er schätze seine Ausgewogenheit sehr, seine Äquidistanz in alle Richtungen. Aber wäre es in Zeiten, in denen Standpunkte immer mehr eskalierten, in denen die Gefahr deutlich spürbar war, dass etwas Böses geboren werden könnte, etwas unumkehrbar Leidbringendes, wäre es in solchen Zeiten nicht sinnvoll, wenn er Stellung bezöge, seine Reputation all diesen Manipulations-Fake-News entgegensetzte?
Junior gab keine Zusage; er sah die Lage deutlich weniger schwarz, er sah die Menschen, wie sie eben sind und sein werden.. Er versprach, nachzudenken. Er versprach, sich zu melden. Er ging nach Hause, nachdem sie sich getrennt hatten, zu Fuß, und spürte die sinkende Sonne. Nur mehr vereinzelt zwitscherte eine Meise.
Nur ... mehr ... vereinzelt ... zwitscherte ... eine ... Meise ...
Die Meise zwitscherte in seine Seele, und er lächelte und landete. Sein Gesprächspartner hatte ihn beeindruckt als wahrhaftige, geradlinige Person. Er fühlte sich freundschaftlich verbunden und spielte kraftvoll und frei mit den Gedanken an eine gemeinsame Zukunft. Er würde sich das durch den Kopf gehen lassen. Und so kraftvoll und frei schlief er ein, mit Wohlgefühl, mit Liebe zum Bett, mit Freude auf den nächsten Tag. Er wachte auf und hatte sein Leben geändert, sein Leben hatte sich geändert, seine Einstellung zum Leben. Augenscheinlich hatte sich nichts geändert, und doch war alles anders. Er brauchte nichts zu entfernen, nichts dazu zu geben, nichts umzustellen, aber es war auch nichts arg wichtig.
Ein paar Tage darauf sagte er seinem Spaziergänger zu. Für Junior änderte sich ja kaum etwas, so dachte er, außer dass er sich in seinen Aufsätzen deklarieren müsse, außer dass er seine Essays jetzt wieder explizit formulieren werden müsse, wieder mit einer persönlichen Meinung auftrat, wie schon vorher aber ausgewogen, mit dem Versuch, einen Blick durch die Augen aller Menschen zu werfen. So sehen, wie die Menschen, so fühlen wie sie. So waren sie, die Menschen, so wollten sie eben leben, so wollten sie sein. Und so sollten sie sein, ihr Leben gestalten, leben können. Er wollte hier dabei sein, ein Mensch wie die anderen, ein Mensch mit Hoffnungen, Wünschen, Werten. Er wollte mitbauen an dieser Welt, die auch die seine sein sollte ...
Und er lebte, wie er dachte, wie er fühlte, wie er schrieb. Viele Menschen mochten ihn, manche weniger, manche hassten ihn.

Es ist schon klar, dass sich aus dem Faktum, dass er Partei ergriffen hatte, nicht nur angenehme Situationen ergaben. Es war aber nicht mehr so sehr eine Frage seines persönlichen Mutes, damit Leben zu können, weil er ja jetzt Freunde hatte. Eines Winterabends, nach einer ausgelassenen, erfüllenden Diskussionsrunde mit seinen Freunden fragte er sich, im ausklingenden Lachen, als er dann in die Kälte, auf den Weg nach Hause, ging, ob denn auch ein König Freunde haben könnte. Er wusste es nicht. Er konnte die Frage nicht denken. Der König allein schon erschien ihm skurill, aus der Zeit. Nach dem höchsten Mut, den Mut eines Königs, hatte er gesucht. Jetzt sollte er lernen, was Mut ist, wie viel Mut es bedarf, auf die Menschen zuzugehen, auch auf welche mit anderen Meinungen, ihnen notfalls entgegenzutreten, und doch immer den Respekt zu wahren, das Gespräch. Es erforderte Mut und Hingabe. Hingabe an das Unbekannte, Vertrauen in die Welt.

Nach einigen Wochen, an einem frühen Frühlingsmorgen ging Junior in der frischen Frühe von seiner Wohnung in die Stadt. Er ging gern, in der letzten Zeit. Nach einem zähen Graustaubnebelwinter erwachten das Leben und die Hoffnung, die Sonne schien, die Vögel zwitscherten. Er ging gern, weil er sich durch die Bewegung an der frischen Luft einfach besser und klarer fühlte. Er stapfte rhythmisch entlang des Donaukanals und ließ seine Gedanken mit den Kräuselwellen des Wassers fließen und tanzen, als er beinahe auf eine Frau auflief, die unvermittelt stehen geblieben war. Aufmerksam war auch er nicht gewesen, und deswegen wollte er sich rasch entschuldigen. Als sie sich umdrehte und in ansah, lächelte sie breit. Es war eine sympathische Frau, etwa in seinem Alter. Sie war nicht der Typus, von dem er annahm, dass seine Frauen so aussehen müssten. Sie hatte nicht etwa telefoniert. Sie war einfach stehen geblieben. Sie hatte sich nur ruhig umgedreht. Sie lächelte und meinte: »Ein schöner Tag, nicht?« Es war nicht so, wie er es zu hören gewohnt war, er wusste nicht, aus welcher Welt das kam. Er dachte kurz nach, ob es tatsächlich eine Frage gewesen sein könnte, doch es schien ihm wie eine Einladung, und sie gingen gemeinsam Richtung Innenstadt. Luft und Wellen spielten eine leise Musik. Die Schritte knirschten einen synchronen Takt im eisigen Schneebelag des Weges. Es war wie Tanzen. Es war einfach so.


Epilog

Wir wissen nicht wirklich, wie die Welt, das Universum, »das Ganze« funktioniert. Effekte wie die Quantenverschränkung, modellnotwendige Annahmen einer »dunklen Materie« und »dunklen Energie« legen nahe, dass die Sphäre, in der wir leben und uns sehen, nur eine Teilmenge, etwas wie eine Projektion der vollständigen Welt auf unsere »Lebensleinwand« ist. Wir haben uns in unsere Form und Funktion entwickelt, um Nahrung finden und vor Säbelzahntigern davonlaufen zu können, und sind aktuell dabei, in unbekannte Gebiete vorzudringen. Ich finde es großartig, dass wir als Menschen das können und auch machen. Ich finde es großartig, wenn es mit Respekt, mit ethischen Abwägungen und unter den Prämissen einer »Suche nach einer gemeinsamen Zukunft mit Allem« getan wird.
Ich tippe auf der Tastatur eines Computers, der mir jeden Tag - wenn er nicht durch Programmfenster verdeckt wird - einen neuen Bildschirmhintergrund zeigt. Heute am Morgen zeigte er ein Bild des Periodensystems der Elemente, dem eine zusätzliche Information beigefügt war: Welche Elemente unserer Welt vermutlich bei dem geschaffen wurden, was wir unter »Urknall« verstehen (Am Anfang war der Wasserstoff, Hoimar von Ditfurth, auch eine Buchempfehlung), welche Elemente von explodierenden großen Sternen, durch Fusion in kosmischen Strahlungen, aus weißen Zwergen, aus der Verschmelzung von Neutronensternen, etc., stammen. Ich habe hierzu nur oberflächliches Wissen, aber ich war beeindruckt. Nicht von der Komplexität dieses Modells, nicht von den hinter solchen Aussagen stehenden Forschungs- und Denkaufwänden, sondern einfach durch die Tatsache, dass unsere Welt so vielfältig ist, so umfassend und so zusammenhängend.
Es gäbe uns ohne alledem nicht, aber auch wir haben unsere notwendige Rolle in dieser ganzen großen Welt, und sei es nur, dass wir als Beobachter auf den Kinosesseln unserer Weltsicht das für uns wahrnehmbare Bild sehen, bevölkern und beleben. Gleichwert, wenn auch keinesfalls gleich, wie es eben auch im Kleineren, zwischen Menschen gelten sollte. In dieser Freude und Ehrfurcht vor einer »ganzen Welt« kann ich es nicht glauben, dass »Leben«, so hochgehaltenes »menschliches Leben«, nur durch ein »Ich«-Empfinden im menschlichen Sinn gegeben sein soll. Tiere hätten keine »Seele« (verstehen Sie die »Seele« jetzt bitte als Assoziation)? Und Frauen hatten eine solche in früheren Zeiten (selbst in Europa) auch nicht? Und warum Bäume nicht, die Erde, das Sonnensystem, die Galaxis, unser Raumcluster, die Welt? Vielleicht sind wir alle etwas Besonderes, vielleicht aber sind wir alle nur die Folgen von Naturgesetzen. Auf jeden Fall gehören wir alle untrennbar zueinander.

Im Überblick über den Stand der Welterkenntnis und der Grenzen des menschlich Machbaren finde ich es lächerlich, wenn einige Schwurbler, die von nix noch dazu keine Ahnung haben, Schlagwörter stibitzen und kreieren, z.B. »Quantenheilung« oder Frequenzen, in denen ein (ganzer!) Mensch schwingen soll, und damit ihren vertrauensvollen / verzweifelten / orientierungssuchenden Mitmenschen das schnöde Geld aus der Tasche ziehen. Es ist nicht nur lächerlich, es ist - wenn man darüber nachdenkt - inquisitorisch, und es ist beinharter Betrug. Die Welt selbst betrügt uns nicht. Die Dinge sind einfach so, wie sie sind, auch wenn wir sie noch nicht kennen, auch wenn wir das Unbekannte dazu nutzten und nutzen, Götter, Geister und schwurbelige Geheimwirkungen anzusiedeln. Die Menschen betrügen einander, und sie betrügen sich selber, weil wir doch alle ein bisschen das Glück suchen.
Da kommt dann jemand, sei es ein Jesus, sei es ein Buddha, und verkündet (angeblich) weise, bestenfalls menschenfreundliche, altruistische, glücklichmachende Verhaltensmaßregeln, die dann gern »Wahrheiten« genannt werden. Schwupps, setzt sich eine autoritäre Kirchenorganisation drauf, gleich wie diese heißen mag, und dreht und interpretiert an diesen »Wahrheiten« so herum, dass sie als Basis für eigene Geschäftsideen, also zur Machtausübung, herangezogen werden können.
Man kann da schon mittun, sofern man eine ausgeprägte Veranlagung zur Selbstverleugnung hat. Und dieses Mitmachen fällt leichter, wenn man sich einen Guru sucht, der nicht nur in »Religionen« (oder Sekten, ich weiß ja nicht, wo da der Unterschied liegt), sondern auch in selbstgestrickten Weltmodellen Führung und Rang anbietet. Aber zum eigenen Ich und eigenem Glück kommt man wohl nur, wenn man Eigenverantwortung übernimmt.

Statt es im Augenblick zu sehen, suchen wir unser Glück gerne in einer Zukunft, in der es Veränderung »zum Guten« hin, ein »Paradies« geben sollte. Und unter einer solchen Veränderung (irdisch, das Paradies kann und will ich mir nicht vorstellen. Wie viele Harfen? Wie viele Jungfrauen?) wird überwiegend Wachstum verstanden: Wirtschaftswachstum, persönliches Wachstum, Vermögenswachstum, Wachstum der Gesundheit und der Lebensdauer. Unsere Welt ist jedoch möglicherweise ein geschlossenes System, die Erde, Terra, ist jedenfalls ein geschlossenes System, und Wachstum auf der einen Seite geht nur, wenn die andere Seite - ein Mensch, ein Feind, die Natur - abgibt und schrumpft. Wahrscheinlich gelten ähnliche Gesichtspunkte auch für das »unendliche Weltall«, wie wir es uns vorstellen können, wie wir es zu messen versuchen. Wir wissen das nicht.
Mein negatives Bild von Wachstum ist eine Krebszelle. Die hat beschlossen, nicht zu sterben und einfach nur immer weiter zu wachsen. Und irgendwann entzieht sie dem betroffenen Lebewesen so viele Ressourcen, drückt - samt ihren Metastasen - so auf benachbarte Regionen von Organen oder zerstört deren Funktion, bis der Wirtsorganismus seine insgesamten Lebensfunktionen nicht mehr aufrechterhalten kann und organisch abstirbt. Da hiermit die Versorgung der Krebszelle mit Nährstoffen unterbleibt, stirbt diese auch ab. Das gilt sinngemäß für jedes dauerhafte andere Wachstum, das gilt in allen Gebieten. Wahrscheinlich gilt es auch für uns selber, unser Denken und Sein. Allein schon Bilder und Wörter wirken. Wachstum. Krebs. Zerstörung - Eigensinn, Angst, Wut, und alles ist herbeigedacht. Auf der anderen Seite hilft es ja auch, unbenannte Ängste zu benennen und definieren. Doch bedenke: der Namen, den Du benennen kannst, ist nicht der endgültige Namen, und das Wort, dass Du aussprechen kannst, ist nicht das endgültige Wort.

Du musst Dein Leben selber in die Hand nehmen, weil niemand kann das momentan so gut wie Du! Es gab eine Zeit, da liebten Dich deine Eltern bedingungslos, doch diese Zeit ist vorbei. Jetzt musst Du für dich selbst sorgen.
Es ist sinnlos, auf Dein Schicksal zu warten, auf die große Liebe zum Beispiel. Nichts erledigt sich von allein. Du musst die Verantwortung für Dich übernehmen. Es ist, wie wenn Du am Rand eines Ballsaals stündest: Frag, wen Du willst, wer dir gefällt, und tanze mit ihr oder ihm den schönsten Tanz deines Lebens. Tanze Dein Leben. Liebe und werde geliebt und werdet glücklich.

Man tanzt im Kreis, die Musik wechselt, man macht Tanzpausen, manchmal tagelang, wochenlang, jahrelang. Doch man kann und sollte tanzen. Man ist glücklich dabei, und nichts muss wachsen. Lebe Dein Erdenleben, Deinen Alltag wie einen Tanz.
Den Mut eines Königs brauchst Du nicht, aber den Mut, im Alltag glücklich sein zu können, den Alltag besonders finden zu können, ganz Du und ganz im Augenblick zu sein, Dein Leben zu tanzen und nicht wachsen zu müssen, von hier nach da zu tanzen und wieder zurück. Mut brauchst Du, anderen zu vertrauen, sie zu respektieren und ihnen nichts zu versprechen, was auf Dauer nicht einzuhalten ist. Zeig Ihnen Deinen Lebenstanz! Zeig ihnen Dein Glück!
Das Leben ist so einfach. Aber es bedarf des Mutes, es einfach zu halten. In jedem Moment.

Ach, was ich noch mitteilen wollte: Ob Junior am Donaukanal eine neue Beziehung begonnen hat, verrate ich jetzt nicht. Da können Sie sich eigene Geschichten dazu ausdenken. Aber er hat gelächelt und sein Herz geöffnet an diesem Morgen.
Es geht immer wieder in Richtung Glück, wenn man es nur zulässt. Ich nehme an, es ist sogar bei einem guten Lebensende so.

An einem der übernächsten Tage, genauer gesagt: einem goldorangen Frühlingsabend mit Pflanzenduftwarmwind, lief ihm bei einem Spaziergang (allein, zu zweit? Haha! Wird nicht verraten) eine silbergraue Katze aus einem Gebüsch in der Nähe des Alberner Hafens vor die Füße und nach. Das Kätzchen - etwa ein halbes Jahr alt - war offenbar hungrig. Nachdem er keinen Eigentümer fand, behielt er Mizzi-Katze bei sich. Sie beschützt und berät ihn gut.«

Damit beschloss der Security-Kraftprotz seine Erzählung.

This is the end! Is this the end?


Alles in allem war Karls Abgang nicht fulminant, wie dies gern als Phrase bemüht wird, wie er selber es manchmal erwartet hatte. Eigentlich war es nicht einmal ein Abgang, sondern - bildlich gesprochen - ein Stolpern, tatsächlich eine »Verbringung«:

Da dämmerte er so dahin, der Karl: angstfrei, ohne jede Hoffnung, doch irgendwie auch wohlig-glücklich. Die Geschichte vom Mut eines Königs hatte er genossen. Das Zuhören war wie ein Spaziergang gewesen, trotz aller Dramatik, wie an einem lauen Frühlingsabend unter Freunden. Da war nichts,berichtet worden, was ihn abgeschreckt hätte, nicht einmal verwundert, nicht aufgeregt. Begleitet, gestreichelt hatte ihn die Erzählung im Versinken zwischen den Polstern.

So ungefähr wie in der Schilderung des Bodyguards hatte er sich den Mut definiert, der Karl: Mut im Tun, Mut im Nichtstun, Mut im Hinnehmen. Das »Hinnehmen« allerdings, das hatte aber in seinen Fantasien immer ein wenig anders funktioniert, als er es jetzt erlebte: quasi aktiver, durch Entschluss, aus einer handlungsfähigen Position heraus: »Ich, könnte (alles) aber ich lassen geschehen, was da geschieht ...«.

So war sein aktuelles »Hinnehmen« nicht. Er konnte nur noch passiv hinnehmen, gar nichts anderes mehr als hinnehmen.

So sanft war es gegangen, so sanft hatte Karl es erlebt, so gebannt war er der Erzählung gefolgt, dass er gar nicht gemerkt hatte, wie er zunehmend schwer zu atmen begonnen hatte. Er hatte nicht bemerkt, dass sein Puls ballernd und flach geworden war. Er selbst hatte sein Röcheln nicht gehört, nicht gespürt, nicht erlitten. Seine Zimmergenossen hatten seinen Zustand aber letztendlich, als es still geworden war, doch registriert, den Schwesternruf betätigt, und der vermummte Krankenpfleger, der gekommen war, hatte Karl nur kurz angesehen, war aus dem Zimmer geeilt und kurz darauf mit zwei ebenfalls vermummten Personen wiedergekommen. Die Ärztin, nachdem sie Karl kurz in Augenschein genommen hatte, erklärte ihm: »So, Herr Spangel: Wir werden Sie jetzt unterstützend beatmen. Kein Grund, sich Sorgen zu machen. Aber wir bringen Sie jetzt in eine dafür eingerichtete Station.„

Karl vernahm, bedachte und wusste, dass er nun in eine Intensivstation verlegt werden würde. Kurz ging ihm durch den Kopf, dass angeblich jeder zweite Corona-Intensivpatient verstarb, aber das machte ihm im Augenblick nur mäßig Sorgen. Er hatte keine Angst mehr vor dem Tod. Er war ja schon zur Probe gestorben. Nein, das stimmt so nicht. Er hatte sich nur mit dem Gedanken an einen möglichen baldigen Tod, mit der Angst davor, auseinandersetzen müssen. Diese Angst war die eine Seite, aber er hatte daneben unerwartete Auswirkungen zu spüren bekommen, Verwerfungen in seinem Leben, das Brechen seiner Ehe.

Jetzt, im Nachhinein, schien dieser »alte gewordene Tod« klein, unwichtig, als ein Detail unter vielen im Almanach seiner unliebsamen Lebenserfahrungen. Er tat ihm fast leid, dieser »alte Tod«, und auch der »neue Tod« würde ja bald ein alter werden. Der Tod war ihm, Karl Spangel, so weit es geht eigenverantwortliches und selbstbestimmtes Menschenwesen, kein Mörder mehr, der Angst und Grauen verbreiten kann.

Das Grauen, unbestimmt, allgegenwärtig und scheinbar weltzerfetzend, macht nur bange, wenn man es hegt und pflegt, wenn man die Gefahr unbestimmt belässt, nicht erkennbar hält. Man mag, wie H.P. Lovecraft als »Meister des Grauens«, dies getan hat, blasphemische, entsetzliche, haarsträubender Adjektive als sichtbehindernde Schleier vor einer bedrohlichen Zukunft wehen lassen. Doch wenn man diese Gespinste entfernt, zur Seite schiebt, dann ergibt sich der Blick auf die zu erwartende Endgültigkeit. Das Wissen um die Unabänderlichkeit dies Schicksals nimmt dann die Angst. Im Fall eines absehbaren Todes bleibt allenfalls die Beleidigung, Wehmut, das Spiel nicht weiter mitspielen zu dürfen.
Karl musste sich aber selber zugeben, das Spiel lange und intensiv gespielt zu haben. Zumindest das mathematische Produkt aus Zeitdauer und Inhalt war beachtlich. Dieses Dafürhalten erfüllte ihn mit Stolz und Dankbarkeit. Nun war er satt, »lebenssatt« sozusagen, was aber nicht gleichbedeutend ist mit »lebensüberdrüssig« oder »lebensmüde«. Er hatte einfach keine großen Wünsche mehr für sich selber. Das trifft wahrscheinlich für viele ältere und alle angemessen selbstbewussten Menschen zu und erschien ihm eine Ausnahmeerscheinung in der jetzigen Zeit, in der Utopien allerorts durch Dystopien ersetzt worden waren, in der die Grenzen unseres Habitats deutlich erkennbar geworden waren, in der im selben Maß die Persönlichkeitsprothesen immer unglaublichere Ausmaße angenommen hatten. Er war in diesem Augenblick auch dankbar für seine zunehmende Bedürfnislosigkeit, auch wenn diese ebenfalls nicht dem Sachverhalt »Hinnahme« entsprach.
Er war auch dankbar für den Versuch der Ärztin, ihn zu beruhigen, und dachte kurz daran, dass ihn dies doch sehr mit der Welt versöhne.
Sie würden ihn holen, entweder mit diesem Bett oder mit einer virusdichten Transportkarre durchs Haus führen. Er würde nur die beigen oder grünen Wände sehen, die Oberkanten der Türen, hin und wieder einen Oberkörper einer entgegenkommenden Person. Die Deckenleuchten würde er sehen. Rhythmisch, so wie er das Rollen der Räder hören und spüren würde, aufgrund ihrer Unebenheiten - eben rhythmisch, einen Takt wiederholend.
Er war ja sein Leben lang gern gefahren, mit allem, was Räder hat: Die Geschwindigkeit, die Beschleunigung, die Kurven, das alles hatte ihn begeistert. Besonders auf dem Motorrad liebte er die Kurven. Und er liebte den Fahrtwind, den Blick auf die vorbeieilende Gegend, das dumpfe Dröhnen des Motors. Das alles würde er auf seiner Intensivstations-Überstellungsfahrt nicht haben. Nur die Deckenlampen, nur das Räderklappern, ein passendes Quietschen und Ächzen der Bettkonstruktion, würden ihn begleiten. Es würde in Ordnung sein.
Und da waren sie schon, die Bettentransporteure. Tatsächlich mit einer Art fahrbarem Zelt, mit Desinfektionsmittel wahrscheinlich, und selbstverständlich mit Schutzanzügen und Masken. Geübt und beherzt betteten sie ihn um. Und bevor sie das Transportzelt schließen konnten, wollte sich Karl, schwach wie er war, noch von seinen Zimmergenossen verabschieden. Er suchte nach Worten. Er, der ewige Außenseiter, er, der ewig Widerspenstige, er, der - wahrscheinlich - ewige Querulant, er, jetzt auch nur noch Mensch, verwandt mit der ganzen Welt, dieser ganzen Welt verpflichtet. Mit nichts war er wirklich fertig geworden, alles war so schnell gegangen. Nichts würde bleiben, dachte er noch, nichts als eine kurze Erinnerung.
Und weil er sich doch outen wollte, seine letztendliche Erkenntnis, dass er ein Mensch sei wie alle anderen, dass er dazugehören wolle, dass er aus Österreich wäre, dass er auch witzig sein konnte, selbst jetzt, in diesem finalen Augenblick, jetzt nahm er seine ganze Kraft zusammen und wollte es sagen. Er konnte es aber doch nur mehr krächzen und hauchen:

„Es war sehr schön! Es hat mich sehr gefreut!„


Die Menschenwelt hatte sich geändert in den letzten Jahren, Jahrzehnten. Bei uns, in Mitteleuropa war eine neue Biedermeierepoche angebrochen, im besten Gange, wenn man solche Vergleiche pflegen will. Die Besitzenden und Mächtigen hatte keine neuen Ideen, zumindest keine altruistischen, und versuchten, die Zeit einzufrieren, um ihren Besitz und ihre Macht zu bewahren. Das in Gebrauch stehende Wertesystem heißt »Konservativismus«, modern auch »Neoliberalismus«.
Die ganze Welt machte mit. Offenbar hielten sich alle für reich und mächtig. Die Moral war »bipolar« (würde man so gegebenenfalls bei einem Menschen diagnostizieren), man kann aber auch »bigott« dazu sagen. Alle schienen nur darauf zu warten, empört sein zu können, über vermutete Beleidigungen, die man mühsam suchte. Und neben dieser moralischen Entrüstung (die laut Helmut Qualtinger der Heiligenschein der Scheinheiligen ist), gediehen Ungeheuerlichkeiten, nachdem die Menschenwürde scham- und respektlos zunehmend kapitalisiert worden war und wurde.
Große Anteile der Bevölkerung bemerkten ihren sozialen Abstieg. Und weil sie ja nicht selber »schuld« sein konnten, gediehen Verschwörungsvermutungen. Viele sagen auch »Verschwörungstheorien« dazu, aber so durchgängige, stimmige Theorien waren es dann doch meist nicht. Und auch auf diesem Spielfeld tummelten sich eifrig Betrüger, Glücksritter, Selbstmordattentäter ....
Insgesamt war das Ganze eine schon brodelnde Mischung, ein überhitzter Dampfkessel, zumindest in Mitteleuropa, und irgendwie musste dieser Druck abgebaut werden, geordnet, oder es würde eine Explosion geben. Aktuell wurde aber die »Corona-Krise« dazu benutzt, den Blick auf eine von außen kommende Bedrohung zu richten. Außenfeinde sind immer gut für Innenpolitik: Migranten, Viren, Kometen, Defraudanten, Spekulanten ...
Die Menschen - hier heißen sie »Bürger« - spielten mit, die bedauernswerten Jungen kannten es nicht anders.
Es war wie eben im Biedermeier: Jeder war froh, seinen kleinen Anteil sichern zu können, und war er noch so winzig. Es war anti-humanistisch. Die Ideale der Aufklärung waren in der öffentlichen Diskussion nichts mehr wert, der Kapitalismus schien daran zu sein, sich selber, zumindest aber eine lebendige Welt, aufzufressen. Öffentlich, vor einem Weltbewohnerpublikum, das zwischen News, Fake-News, Wissenschaft, Schwurbelei, ehrlichem Geschäft und Betrug, Liebe und Abzockertum kaum mehr unterscheiden konnte. Widerspruch wurde fäkalisiert. Der soziale Zusammenhalt zerbröselte. Divide et impera! Teile und herrsche!
Das für Regierungen nahe liegende Werkzeug hieß »Angst«. Unwissenden Menschen kann man leichter Angst machen. Angst vor dem schwarzen Mann, Angst vor einem Virus, Angst vor den Sanktionen, die einen erwarten, wenn man sich nicht an die Vorschriften hält, die aus einer angeblichen Angst vor den Folgen einer Virus-Pandämie erlassen worden sind. Und Angst davor, sich falsch zu verhalten, weil man sich im Vorschriftendickicht nicht mehr auskennt, auch wegen der vielen News und Fake-News zu diesem Themenkreis.


Im späten Frühling hatten es die Zahlen der Pandämie hergegeben, sagten die maßgeblichen Regierungsstellen (weil -mitglieder will man nicht sagen, aber nicht in erster Linie wegen der Gender-Neutralität), dass man die Maßnahmen etwas lockere. Alle Expert*Innen seinen der Meinung gewesen, dass dies vertretbar sei. (Wenn es als nicht funktioniere, die Infiziertenzahlen hinaufgingen, dann wären ja wohl alle (welche denn eigentlich) Expert*Innen schuld. (Ich bin dieser Wortklauberei schon so satt. Es sind ja nur Wörter, jedes für sich anmaßend scheinbar gewichtig, und keine Worte, die die Welt eröffnen, die hier in die Öffentlichkeit gequetscht werden....)
In Folge dieser Erleichterung trafen sich eines Nachmittags im fortgeschrittenen Frühling Heinrich Hlawaty und Johann Sebastian Höllmüller vor dem Einkaufszentrum. Die Bäckerei, in der Johann Sebastians Ex-Gattin Ursula arbeitete, hatte Tische und Stühle im Freien aufgestellt, noch unter einem Flugdach der Geschäftszeile, begrenzt und verziert durch Pflanzentröge aus nachgemachtem dunkelbraunen Rattangewebe, bepflanzt mit hohen und rankenden Grünpflanzen. Es sah sehr gefällig aus, die vorhergehend beklagten gesellschaftlichen Umstände waren nicht bemerkbar.
Die beiden nahmen an einem Tisch Platz. Weil die Möbelstücke quasi im Freien aufgestellt waren, mussten sie auch keine Masken tragen. Bei Ursula bestellten sie Kaffee und Kuchen, wurden bewirtet, und waren bereits in ein Gespräch vertieft, in das sie ihre Kellnerin Ursula beim Servieren mit einbezogen. Sie machten sich alle Sorgen um den Zustand von Karl Spangel. Dass er beatmet wurde, im Koma läge, hatten sie gehört, aber Näheres wussten sie nicht, war auch nicht zu erfahren. Und weil sie mit dem Karl hauptsächlich das Geschichtenerzählen verband, fragte Heinz, scheinbar asserhalb jedweden Zusammenhangs, aus einer plötzlichen Eingebung heraus:
»Ist es möglich, dass eines Tages alle Geschichten erzählt worden sind?«
Diese Frage war in einer solchen Naivität gestellt, so gutmütig, dass schon klar war, warum die Frauen den Heinz so gern an sich heranließen. Gleichzeitig waren die Antworten auf die Frage einerseits so vielfältig und doch so klar, war die Antwort selber eine Verneinung der Spekulation in dieser Anfrage, dass Johann Sebastian nach einer Sekunde Sammlung dem Freund nur lang tief in die Augen blickte. Der Blick hieß wohl:
»Denk einmal nach!
Geschichten kann man immer und zu allem erzählen. Die Geschichten sind der Fortgang der Welt. Es sind unzählige Geschichten in einer unendlichen Welt. Aber gleichzeitig sind alle Geschichten sich gleich, sind nur eine einzige Geschichte ....«
Ursula, die die Vorgeschichte für diesen bedeutungsvollen Blick nicht kannte, wusste also auch nicht, was hier stattfand, warum die Reaktion ihres Ex-Gatten so war, wie sie war. Sie lächelte höflich, räumte den ungebrauchten Aschenbecher vom Tisch, und ging zurück in das Bäckereigeschäft. Sie trippelte und tänzelte dabei ein wenig beschwingt, erstaunt, angenehm überrascht, dass Johann Sebastian nicht mehr so aufbrausend war, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Lächelnd schlüpfte sie hinter das Verkaufspult. Ihr Ex-Gatte gefiel ihr doch sehr gut. Sie mochte seine Nähe.

Herta - sie erinnern sich: Die »ordnungsliebende« ältere Frau, die das Manuskript beim Supermarkt gefunden und abgegeben hatte - saß auf einer verwitterten Parkbank am Rand eines Waldes neben der Ortschaft. Ein schöner Wald mit Moos und Sonne zwischen den Fichten. Am Rand standen Büsche und Föhren, und im Moos wuchsen reichlich Pilze, hauptsächlich Parasole. »Galgenhügel« hieß ihr leicht erhöhter Rastplatz. Hinter der Bank stand ein Kreuz mit einem Marienbild in einem versenkten Rahmen, in diesem Rahmen ein kleines Glas mit vergilbten Plastikblumen. Wer mochte die wohl hier hingestellt haben? Warum?
Der Ort passte zu Herta, zur stereotypisch griesgrämigen, bösartigen Herta.
Es war einmal ein orientalischer Prinz gewesen, wunderschön anzusehen, mit einem milden, liebevollen Gemüt. Sein steinreicher Vater und der Wesir sorgten dafür, dass der Prinz die beste Ausbildung bekam: in dieser Welt und der Welt der Magier und Feen. Der Prinz wuchs heran und gedieh prächtig, und es war jedermann - und jeder Frau, und jedem Menschen, man sagt, sogar den klugen und verständigen Tieren - eine Freude, dem Prinzen zuzusehen. Eines Tages ritt der kühne Prinz in die Welt hinaus und begegnete der jungen Herta. Leider aber nur in ihrer Fantasie und in ihren Wünschen.
Das hinderte sie aber nicht daran, ihre Erwartungen an das Leben entsprechend hochzuschrauben. Das wiederum führte dazu, dass sie immer enttäuscht wurde, und in weiterer Folge führte es dazu, dass Herta annahm, die ganze Welt könne gar nicht anders, als sie zu enttäuschen, das Leben sei nur dürr, verkümmert und frustrierend. Gleichzeitig war aber ihre Welt durchaus voller Leben, gerade jetzt, in Zeiten der Verschwörungsvermutungen: voller Gespenster, die sich in ihren Polstern und Decken versteckten, voller Mörder hinter den nächsten Straßenecken, voller Lügner und Betrüger, die ihr jeden Tag, allerorts, unverschämt mitten ins Gesicht lachten und ihr ihr Weniges auch noch nehmen wollte.
Und wie sie das saß, die Herta, kamen Siehl und Markus vorbei: händchenhaltend, mit beschwingten Herzen, durch die die Welt nur gut und schön aussehen kann. Und sie grüßten die Herta artig.
Wenn Sie jetzt erwarten, dass sich dadurch auch für Herta viel zum Guten wendet, dann sind sie ein Optimist und zu beglückwünschen. Was genau in Herta jetzt vorging, kann ich ihnen nicht beschreiben, weil ich nicht in ihrer Gedankensprache und -welt denke, selbst bei großer Empathie nicht so denken könnte. Aber irgendwie erinnerte sie sich offenbar an das Manuskript, dass sie es abgegeben hatte bei diesem Mädchen. Nein: Nicht abgegeben, gesagt hatte sie dem Mädchen, dass sie die Blätter gefunden hatte, das Manuskript selber auf ein Packbord gelegt. Aber irgendwie kam Herta zu der Meinung, dass sie durch diese Handlung das Mädchen mit dem Apothekersohn zusammengebracht hatte. Und sie konnte Glück erkennen. Und sie freute sich einen Augenblick über das Glück der jungen Leute, weil diese ja jetzt zu ihrem »inneren Kreis« gehörten. Sie selber hatte die beiden ja glücklich gemacht.
Das machte auch sie einen Augenblick lang glücklich, was im übrigen auch viel besser zum frühlingsgrünen Wald passte, auch wenn hier einmal ein Galgen gestanden hatte. Sie wusste schon, wie Glück sich anfühlen sollte. Eine solche Welle hatte sie - sie erinnerte sich - einmal erlebt, als sie auf Vermittlung einer Tante einige Jahre in Wien als Klofrau gearbeitet hatte.

Über Markus und Siehl will ich nicht mehr viel berichten. Wenn nicht etwas unerwartet Arges passieren würde, war der Weg in ihre nächsten glücklichen Jahre sichtbar und spürbar vorgezeichnet.
Ich wünsche ihnen, dass sie nie vergessen, was sie aneinander haben, dass sie nie den Respekt voreinander verlieren, gleich was passiert, dass sie einander immer lieben wollen, gleich was passiert, und dass sie aneinander wachsen, gleich was passiert.
So ähnlich sah das auch der alte Apotheker. Es zauberte ihm ein Lächeln ins Gesicht, und er war voller Glück, wie er da so an seine Familie dachte. Ein schöner Abend würde es werden. Voller Vorfreude plünderte er den Lagerbestand seiner Apotheke und steckte sich eine blaue Pille ein.

Ob Karl Spangel überlebt hat oder überleben wird, konnte man damals noch nicht sagen. Ich hab´ da auch nicht nachgeforscht.
Irgendwann ist er aber sicher gestorben oder wird sicher sterben. Wie alle anderen auch. Das gehört einfach zum Leben.
»Leben« ist ja etwas ganz Eigenartiges.
Während die Welt, zumindest die von uns wahrgenommene Welt - so rätselt die Physik herum -, durch die Kraft der Entropie einen unumkehrbaren Zeitfluss unterworfen ist, stellt sich Leben gegen diese egalisierende Kraft (ich meine einmal, dass es wohl eine »Kraft« sein muss, diese Entropie, und sei es auch nur in unserer Wahrnehmung. Dann ist aber auch »Leben« eine Kraft).
Es ist eben so, in der von uns wahrgenommenen Welt.
Aber vielleicht gibt es hierzu in unserer Zukunft auch weitergehende Geschichten. Das »Ich-Erleben« mag enden, sich ändern, was es ja irgendwie immer schon tut.
Die Geschichte des Lebens wird weitergehen, solange es Geschichten gibt.


Ich wünsche Ihnen einen schönen Sommer, eine glückliche Zukunft!

Friedrich Frollo, im Juli 2021