Texte

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1.

Im dritten Monat meiner Einkerkerung fasste ich den Entschluss, etwas zu verändern in meinem Leben, da ich deutlich zu verspüren meinte, dass ich sonst zugrunde gehen würde im zähen Zeitschleim meines Seins. Das hört sich überaus dramatisch an, liest sich auch so, und es war auch überaus quälend.

Ich war ja nicht verurteilt, nicht zu irgendeiner Sühne, nicht zur Generalprävention weggeschlossen worden. Wahrscheinlich war ich nur vergessen worden, genauer gesagt war meine Funktion vergessen worden, war meine Stellung nie als eine von einem Menschen, einem lebendigen, fühlenden Wesen besetzte Stelle wahrgenommen worden. Zu dieser Zeit war ich Verkäufer, einziger Angestellter in einem Matratzengeschäft am Ende eines ehemals florierenden Gewerbeparks, der jetzt »nachgenutzt« wurde. Die eingeschossigen, billig hingestellten Gebäude standen zur Hälfte leer. In der anderen Hälfte waren überwiegend Filialen von Warenhausketten untergebracht worden: ein Drogeriemarkt, ein Geschäft für billigen Tand und Sammelsurium, ein billiges Modegeschäft, herausstechend ein Geschäft für Fischereibedarf. Die Fassaden zum Parkplatz hin hatte man behübscht.

Ganz am Ende, fast unsichtbar, lag mein Matratzengeschäft. Das hatte man zwar auch herauszuputzen versucht, aber das war nicht wirklich gelungen. Ich war ja mittlerweile der Meinung, dass man es unsichtbar gemacht hatte mit seiner Fassade, die - gleich welche Jahreszeit - mit dem Hintergrund verschmolz. Vor den anderen Geschäften hatte man den Parkplatz neu asphaltiert und mit allerlei Linien zur Parkplatzeinteilung und für Sperrflächen bepinselt. Auch das kann den Eindruck von Professionalität hervorrufen. Um das Matratzengeschäft, das am Ende der Gebäudezeile lag und Parkplätze an zwei Seiten - der Verlängerung der asphaltierten Abstellfläche und an der Breitseite des Gebäudes - hatte, waren die Parkplätze nicht saniert worden, bestanden als alten, abgewitterten Betonflächen, die zum Teil zwar minimal, aber optisch unschön, gekippt waren. Durch die Fugen zwischen den Platten wuchsen Grasbüschel, auch höheres Unkraut, die ersten dünnen Hölzer. Ich weiß nicht, ob irgendetwas überhaupt Unkraut sein kann. Den Begriff hat man wahrscheinlich nur erfunden, weil da zwischen den gärtnerisch gewollten Pflanzen etwas Ungewolltes austrieb und den schönen Tomatenstauden und Gurkenpflanzen Konkurrenz machte, vielleicht auch nur die Show stahl.

Auf diesem Parkplatz stand Woche für Woche nur ein Auto: meines. In Matratzengeschäft war Tag für Tag nur ich. Und ich war allein. Manche mögen eine solche ruhige Einsamkeit vielleicht, um fernzusehen, Kreuzworträtsel zu lösen, Bücher zu lesen. Ich kann das nicht. Ich stecke da in einem seltsamen Spannungszustand. Ich konnte aber auch nicht aus dem Geschäft hinausgehen, nicht einmal auf dem Parkplatz einen Rundgang machen. Es gab im Geschäft nur ein Festnetztelefon, und ab und an wurde ich von der Firmenzentrale angerufen. Es war unmöglich, rechtzeitig zum Telefon zu kommen. Ich hatte es mehrfach versucht, dann immer rückgerufen, mit fadenscheinigen Erklärungen, dass ich im Lager gewesen wäre, auf der Toilette ...

Ich hab mich schon oft gefragt, warum mein Geschäft überhaupt betrieben wird. Als steuerlicher Absetzposten? Ich kenne ja einige andere Matratzengeschäfte dieser Kette, vom Vorbeigehen. Die sind alle kein Knaller. Die Matratzen sind zwar sauteuer, aber wie viel Umsatz werden die wohl machen. Ich setze zu einer wilden Überschlagsrechnung an: Einwohner, wie viele pro Durchschnittsmatratze, Matratzenwechselintervall. Ich weiß nicht, wie viele Anbieter sich den Matratzenmarkt teilen. Jetzt fällt mir auf, dass es in näherer Umgebung meines Matratzengeschäftes einige Möbelgeschäfte gibt. Das würde den schlechten Geschäftsgang erklären, aber warum wird die Filiale nicht geschlossen? Steckt da was anderes dahinter. Sind wir in Wirklichkeit ein Geheimdienststützpunkt, Basis einer intergalaktischen Invasion? Lebe ich in der Simulation einer kafkaesken Welt, und die Simulationsmachine hat sich aufgehängt und durchläuft wieder und wieder dieselbe Schleife? Werde ich von höheren Mächten gestraft? Sofort durchsuche ich mein Karma? Oder hat man uns einfach nur vergessen, meinen Laden und mich?

2.

Ekelhaft war das Erwachen heute, voller Ekel vor dem Tag, vor dem Verlassen des Bettes, vor der durchgeschwitzten Steppdecke, dem nasskalten Polster, vor mir selber. Ich war verkatert, ich war auch verkatert. Ich hatte getrunken gestern, eine Flasche Rotwein, ganz, nicht wegen des Geschmacks. Ich habe getrunken, um einschlafen zu können, um mich in das kalte Bett im kalten, finsteren Schlafzimmer zu wagen, um es zu wagen, mich meinen Gedanken, Gespenstern, Albträumen auszuliefern, um es zu wagen, dahinzuvegetieren. Es war ein eigenartiger Kater, nicht mit der gekannten Übelkeit und Unlust, eher so, als säße mir etwas schwefelscharfflaches auf der Brust, drücke mich zusammen, erschwere meinen Atem, meinen Herzschlag, erdrücke jedes Lachen, jedes Anspannen des Körpers, jedes leiseste Aufatmen oder gar Jauchzen. Alle Gelenke sperrten und schmerzten.

Ich war ein Gefangener, nicht nur Gefangener in meinem Verkaufsgeschäft, auch Gefangener meiner selbst, von irgendetwas tief in mir, etwas Unerkanntem, einem Dämonen? Es musste ein Teil von mir sein, etwas, das mein waches Selbst betäubte, lähmte, das fühlte ich nur allzu deutlich.

Ich muss etwas ändern! Was muss ich ändern? Wie muss ich es ändern? Werde ich die Kraft haben, dieses Etwas zu ändern?

Unendlich langsam formieren sich meine Gedanken. Ich erinnere mich: Kleinigkeiten könnten schon eine Trendumkehr nach sich ziehen. Also werde ich mit einer Kleinigkeit beginnen. Ich schleppe mich in die Küche, will mir einen Kaffee machen mit meiner Kapselkaffeemaschine. Ich finde Kapseln. Der Wasserbehälter ist leer, ich sehe mehrere starke Kalkränder. Ich werde zuerst einmal nur Wasser durch die Maschine schicken. Ich nehme den Behälter, gehe zur Wasserleitung. Der erste Schwall ist rostrot, und so leere ich das Gefäß wieder, lasse das Wasser vielleicht 30 Sekunden laufen, fülle den Wassertank neuerlich auf und setze ihn in die Maschine ein. Einschalten, Taste für großen Kaffee drücken. Ein wildes Gurgeln und Spucken, bis sich die Maschine endlich auf ihr beruhigendes Brummen einstellt. Ich freue mich auf den Kaffee, setze die Kapsel ein, drücke nochmals die Taste mit dem Bild der großen Tasse. Brumm, alles funktioniert.

Am Küchentisch lehnend warte ich auf das Ende des Brühvorganges, nehme die Tasse, setze mich an den Tisch. Ich sehe durchs Fenster in die konturlose Helligkeit: Es ist neblig draußen. Ich beschließe, trotzdem das Fenster zu öffnen und frische Luft hereinzulassen. Ich will ja mein Leben ändern. Und so öffne ich das Fenster. Die Luft, die hereinströmt, ist unangenehm kalt, kälter als erfrischend. Und sie trägt einen Hauch von Gestank, nach Kohle, nach Autoabgasen, ich weiß nicht. Kartoffelfeuer sollte es ja nimmer geben. Ich nehme einen Schluck bitteren Kaffee. Er ist nicht zu heiß. Mit leichtem Widerwillen trinke ich die Tasse in einem Zug leer.

Ein seltsamer Neuanfang. Ich bin gespannt.

3.

Die Fahrt zum Geschäft war in Ordnung, durch den Morgennebel, im warmen Auto. Ich blieb vor dem Drogeriemarkt kurz stehen, schnappte mir zwei verschiedene Gratiszeitungen aus den dort aufgestellten Ständern, fuhr weiter, die paar Meter, ohne mich anzugurten, obwohl mich das Auto heftig piepsend ermahnte, parkte. Heute parkte ich provokativ mitten auf dem Parkplatz, wie immer, und das würde den ganzen Tag über so bleiben, das einzige Auto. Schon begann der Ekel meine Kehle empor zu kriechen. Na klar ist das wie eine selbst erfüllende Prophezeiung, Erwartungshaltung. Ich erwarte einen grauenhaften Tag, es wird ein grauenhafter Tag werden. Aber nicht mit mir. Heute nicht, dazu hab ich ja extra die beiden Zeitungen mitgenommen.

Im Geschäftslokal ist es stickig warm, die Luft riecht modrig. Ich gehe ins Büro, einen kleinen Raum mit Schiebetürschränken, in denen einige Ordner verstaubt herumstehen. Ein Schreibtisch, ein Drehrollenstuhl. Den würde ich mir hinaus mitnehmen ins Geschäft, wo ich normalerweise hinter dem Kassenpult saß, damit eventuelle Kunden mich sehen konnten, wissen konnten, dass das Geschäft aufgesperrt war. Der neue Stuhl: Ein Fortschritt gegenüber dem unbequemen Sessel, den ich bislang benutzt hatte. Fortschritte über Fortschritte, was will ich denn!

Am frühen Nachmittag war ich dann doch weichgekocht von der öden Leere und Ereignislosigkeit. Ich ging wieder einmal eine Runde durchs Geschäft, durch das Lager, hielt Nachschau, ob alles in Ordnung wäre, ob man vielleicht den Staub wegwischen müsste von den Ausstellungsstücken. Für meinen Geschmack war alles sauber genug. Für meinen Geschmack! Vielleicht traf das Geschäft einfach nicht den Geschmack der Menschen? Vielleicht war es sogar so, dass Ich es war, der die Leute fernhielt, meine Ausstrahlung? Nein, das konnte nicht sein, da hätte mich die Firmenleitung schon gerüffelt, ausgetauscht. Die wussten genau, wie es hier lief.

Ich blätterte nochmals meine Zeitungen durch: Dies und das vom Tag, diese und jene Meinung, ein paar Absurditäten und Lustigkeiten, ein Sportteil, der mich gar nicht interessierte, Kleinanzeigen, die ich mir nicht ansah, ein Horoskop. Normalerweise lese ich auch Zeitungshoroskope nicht, nur Barnum-Aussagen. Phineas Taylor Barnum war zu Beginn des vorigen Jahrhunderts ein amerikanischer Zirkus- oder Museumsdirektor, der seine Aussagen offenbar so unbestimmt gehalten hatte, dass man sie beliebig interpretieren konnte. So hat er es zu dauerhafter Berühmtheit - zumindest in der Psychologie - gebracht.

Ich las mein Tageshoroskop für heute: »Sag es mit einem Lächeln! Heißt Ihr Tagesmotto. Sie suchen das Gespräch, sind mitteilsam und kompromissbereit. Ihre freundliche, friedfertige Stimmung bringt Sie mit vielen Menschen in Kontakt und kann zwischen unterschiedlichen Meinungen vermitteln und eine gemeinsame Basis schaffen.«

Ein plötzliches Grinsen, das ich teuflisch sein lassen wollte, stieg mir ins Gesicht, und ich schnappte mir die andere Zeitung:

»Liebe: Venus garantiert: Was Sie heute geben, bekommen Sie doppelt zurück. Gesundheit: Durchwachte Nächte nagen an Ihrer Verfassung. Astro-Tipp: früh zu Bett - und die Liebe genießen. Beruf: Ein Versprechen nur geben, wenn Sie es sicher halten können. Geld: Ein Krebs/Stier wartet darauf, dass Ihren Worten Taten folgen.«

Wie zu erwarten war: Keine Korrelationen, keine konkreten Aussagen. Warum sollte die Stellung von Himmelskörpern auch konkrete Auswirkungen auf ein Menschenschicksal haben. Wenn es denn da irgendwelche Kräfte oder Wechselwirkungen gab, warum sollten die nicht schon auf das noch ungeborene Baby wirken? Die Bauchdecke der Mutter? Dann könnte man das Neugeborene ja möglicherweise mit Schnitzelfleisch abschirmen, bis die Sterne günstig stehen. Welche Kräfte überhaupt? Ein an der Geburtsstätte vorbeifahrender Lastkraftwagen würde in allen uns bekannten Wechselwirkungskategorien stärkere Auswirkungen verursachen als irgendein Nachbarplanet. Diese Logikbrüche und Argumentationsschwächen gelten sowohl für tägliche Zeitschriftenhoroskope wie auch für »professionelle Analysen«.

Was ich durchaus akzeptiere, ist das Spielerische, die mögliche Gesprächskomponente, auch die thematischen Anregungen zur Selbstreflexioin, die man sich hier holen kann. Auf zur Kontemplation!

Ja, lächeln sollte ich wohl öfter, das war klar. Vermerk in meiner Agenda. Gesprächsbereit war ich auch, jedenfalls, aber hier im Geschäft war niemand. Vielleicht sollte ich abends Gesellschaft suchen. Ja, das wäre eine Möglichkeit. Aber ich kannte hier nichts und niemanden. Wenn ich darüber nachdenke, muss ich wohl einräumen, dass ich selber mich so zurückgezogen habe, niemanden sprechen will. Ein leichter Stich, das Wissen um Verzweiflung. Und im zweiten Horoskop gleich die Liebe. Stopp!

Ich springe auf, ziehe Runden durch den Laden wie ein gefangener Tiger, will nicht daran denken, aber dann sinniere ich doch immer wieder zurück, über die Liebe. Genauer will ich die Erinnerung gar nicht werden lassen. Runden drehen - Uhr schauen - Runde - Uhr. Um 18 Uhr kann ich das Geschäft absperren, kann ich zu meinem Auto gehen, nach Hause flüchten, mich vergraben. Auf dem Weg halte ich noch an einem Supermarkt und kaufe unter anderem eine Flasche Wodka und Orangensaft. Zu Hause trinke ich einen guten Teil und gleite schon bald in eine stocksteife, unbequeme Ohnmacht.

4.

Es ist wirklich verwunderlich, wie das menschliche Gedächtnis funktioniert. Lang hatte sie Bilder im Kopf aus ihrer frühesten Kindheit: Dass ihre Großmutter sie auf dem Arm in die Speisekammer getragen hätte, ihr einen Kasperlkopf gezeigt hätte aus einer in halber Höhe geteilten Eistüte. Die dicke Hälfte war Sockel gewesen, auf dem ein Kopf, ein lachendes Gesicht ruhte, und obenauf war der Rest der Tüte als Kasperlmütze gesetzt worden. An dieses Bild erinnerte sie sich, meinte, es vor sich sehen zu können, auch dass auf einem Regal ein großes Glas gestanden wäre, in dem Eier eingelegt waren, auch dass Würste aufgehängt waren an der Vorderkante eines Regals. »Mein Mädchen« hatte ihr Vater sie genannt, aber das konnte auch später gewesen sein. Es hatte sie stolz gemacht, es war nur für sie gewesen. Sie hatte sich geliebt gefühlt.

Eine kleine blonde Prinzessin war sie gewesen, in einer Zauberwelt voller Feen, Einhörner, Prinzen und Ritter, zumindest sah ihre Kindheit in ihrer Jugend so aus. Sie hatte in einem wunderschönen Haus auf einer wunderschönen Wiese neben einem wunderschönen Wald gelebt, mit ihren Eltern, mit ihrer kleinen Schwester. Ihre kleine Susanne. Es war ihr unvorstellbar, es war unwirklich, dass Susi nicht mehr war. Die Trauer kroch über ihre Kehle in ihre Gesichtszüge. Die Trauer weitete sich aus: auch über ihr Schicksal, das Schicksal ihrer kleinen Tochter. Begonnen hatte diese Reihe von Schicksalsschlägen kurz vor ihrer Einschulung. Sie hatten ausziehen müssen aus dem schönen Haus auf der schönen Wiese neben dem Wald, umziehen in den herabgewirtschafteten, stinkenden Hoftrakt eines ehemaligen Bauernhofes kurz nach Ottenschlag. Ihre Mutter hatte viel geweint, Susi hatte geweint, sie selber hatte wahrscheinlich auch geweint. Vater, ihr Vater, dessen Mädchen sie ja doch war, der hatte sie auch verlassen. Nein, das stimmte so nicht. Er kam schon vorbei, über die Wochenenden, doch rauh war er geworden, unnahbar, und er stank aus dem Mund. In den Nächten hörten sie, wie er mit Mutter stritt, und manchmal ging er auch weg, mitten in die Nacht hinein.

Wieder ein Erinnerungsbild: Sie mit ihren Freundinnen und Freunden am Waldrand, um ein Lagerfeuer. Mehr als Romantik. Es musste etwa ein Jahrzehnt später gewesen sein, 1982, 1983. Nena sang über 99 Luftballons, die Eurhythmics beschworen süße Träume. Sie erzählten einander Geschichten, irgendwie kamen sie auch darauf, dass sie alle ja doch im oder um den »summer of love«, in der Blütezeit der Hippiebewegung, geboren waren. Melanie war besonders stolz, im Februar zur Welt gekommen zu sein, im Sternzeichen des Wassermanns, im Zeitalter des Wassermanns. Sie war auch stolz darauf, dass Sie so hieß wie Melanie Safka, eine Woodstock-Sängerin

Ein Junge hatte ihr besonders gefallen, ein großer, dünner, schüchterner, ernsthafter junger Mann, der zwar auch bei ihnen war, den die unbeholfenen bis groben Flirtereien, die zotigen Witzchen, die hier gemacht wurden, aber nicht zu erreichen schienen. Sie kannte seinen Vater: Eine Außenseiterfamilie, wie ihre auch. Aber das waren andere Außenseiter, nicht verarmt wie ihre Familie, sondern eher wie von einem anderen Stern. Sie hatte nicht den Eindruck, dass der junge Mann hochnäsig wäre, sich für etwas Besseres hielte. Er war einfach ... ein wenig anders.

Sie konnte sich noch gut erinnern, wie sie dann neben ihm gesessen hatte, mit mehr Glut in den Wangen, als das Lagerfeuer hatte. Was sie genau gesprochen hatten, das wusste sie nimmer, aber sie konnte sich schon noch erinnern, dass sie dann, auf dem Nachhauseweg, auch jetzt noch, glaubte, dass sie es gründlich verbockt hatte.

5.

Am nächsten Morgen erwachte ich mühsam, nur dank des Weckers. Ich war stocksteif, alle Gelenke schmerzten. Der Blutdruck war wahrscheinlich total tief, weil allein beim Aufsetzen in Bett überfiel mich ein heftiger Schwindel. Dafür spürte ich eine drückende Übelkeit im Hals, wahrscheinlich auch im Bauch, im Kopf, im ganzen Körper. Selber schuld mit meinem Besäufnis. Warum hatte ich getrunken, ach ja, wegen Melanie.

Ich weiß gar nicht, warum mich die Erinnerung an sie so berührt. Es war nur eine kurze Episode in meinem Leben, zwei Jahre, gut, fünf Jahre, die ich sie kannte. Und dann war sie tot. Einfach sanft weggestorben, »entschlafen« stimmt da, in einem Kaffeehaus. Die Zigarette ist ihr aus der Hand gefallen und hat die Sitzbank versengt. Das Herz ist einfach stehen geblieben. Kein Wunder bei ihrem Alkohol- und Tablettenkonsum. Ich habe vieles erst nachher erfahren, als ich versucht habe, ihre Tochter zu finden, mich vielleicht um das Mädchen zu kümmern. Was für ein Horror-Sumpf, in den ich da geraten bin, damals.

Kennengelernt hab ich Melanie im Jahr 2004, ich glaube, es war 2004, an einem Herbsttag. Ich saß in einem Runnig-Sushi-Laden beim Bahnhof »Praterstern« in Wien. Am »Praterstern« ist alles bestenfalls zweite Wahl. Sie hat mich gefragt, ob an meinem Tisch noch ein Platz frei wäre. Es waren noch an vielen Tischen Plätze frei, ganze Tische. Ich war auserwählt worden.

Sie war blond, mit Dauerwelle, ein herzförmiges, junges, ebenmäßiges Gesicht. Sie war sexy, nicht auf knallige Art, fast ein wenig altmodisch, mit Schmollmund, doch beileibe kein Duckface. Alles an ihr passte, auch die Kleidung. Und doch war etwas besonders, und ich kann mich erinnern, dass ich sehr lang brauchte, zu begreifen, was da anders war. Ich war schon wieder auf dem Nachhauseweg - allein - als es mir plötzlich einfiel: Sie schielte, sie musste schielen. Leicht zwar nur, und ich kann auch jetzt noch nicht sagen, auf welche Art und Weise, aber irgendwie war ihr drehender Blick wie ein Schraubenschlüssel, der alle Schranken und Versteinerungen löst, das Herz aufschraubt. Ich weiß nicht, wie ich das besser sagen könnte.

Ich weiß nicht, ob ich von ihr geträumt habe. Ich weiß überhaupt nichts sicher an diesem schrecklichen Morgen. Ich hoffe, dass niemand ins Geschäft kommen wird heute. Ich hoffe, dass die Zentrale nicht anruft heute.

Ich dusche lange: Heiß-kalt - heiß - kalt. Und dann fahre ich mit dem Auto, doch, zu meinem Arbeitsplatz, setze mich in meinen neuen Sessel, etwas aus der Sicht eventueller Passanten, und versuche, zu dösen. Ich kann nicht, eine elende Anspannung hält mich wach. Ich rapple mich auf, will ein Glas Wasser trinken. Ein kleiner Schluck reicht schon. Ich mache Kniebeugen und Liegestütz und komme schnell ins Schwitzen. Ich muss fürchterlich stinken. Aber auch diese Anstrengungen wecken mich nicht auf, erleichtern nichts.

So gehe ich Runden, wie ein Rekonvaleszenz-Patient. Ich bin, nein, ich hoffe, ich bin in einer Genesungsphase, auferstehend aus einer Zeit in der Hölle.